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Mein Herz tanzt Tango

1. KAPITEL

„Wir kommen zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung“, verkündete Alice Craigmoore mit lauter Stimme. „Und zwar ist das die Wahl zur Miss Hot Pepper. Ich erteile Mona, der Vorsitzenden des Organisationskomitees, das Wort und bitte um ihren Bericht.“

Dalton Montgomery nahm diesen Moment zum Anlass, sich geistig auszuklinken. Als Präsident des Wirtschaftsverbandes von Hot Pepper hatte er keinerlei Schwierigkeiten damit, sich auf die geschäftlichen Tagesordnungspunkte zu konzentrieren. Doch wenn es um die verschiedenen Festlichkeiten ging, die der Wirtschaftsverband während des Jahres in der Stadt veranstaltete, fühlte er sich nicht zuständig.

Von ihm, dem einzigen Sohn des Direktors der First National Bank von Hot Pepper, wurde schon seit seiner Geburt erwartet, in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters zu treten. Sein einziger Versuch, von dem vorgezeichneten Weg abzuweichen, hatte sich – auf privater ebenso wie auf beruflicher Ebene – als totaler Fehlschlag erwiesen. Dalton hatte daraus geschlossen, dass das Schicksal anscheinend schlauer war als er selbst und besser wusste, was gut für ihn war.

Heute, fünfzehn Jahre später, hatte er sich mit seiner Arbeit im Büro abgefunden und erwartete nichts anderes vom Leben. Schließlich konnte er sich wirklich nicht beklagen: Er hatte viele Freunde, ein großes Haus und einen schnellen Wagen.

Aber warum hatte er dann heute Morgen, als er sich beim Rasieren im Spiegel betrachtete, das Gefühl gehabt, dass ihm ein Zombie entgegenstarrte?

„Dalton?“, drang Monas Stimme wie durch einen dichten Nebelschleier zu ihm durch. „Hast du irgendetwas von dem gehört, was ich gerade gesagt habe?“

Er schreckte hoch: „Wie?“

Alle zehn anwesenden Mitglieder des Wirtschaftsverbandes starrten ihn an.

„Die scheidende Miss Hot Pepper. Es ist Tradition, dass der Präsident des Wirtschaftsverbandes – also du – mit ihr einen Tango tanzt, während die Jury die neue Miss Hot Pepper ermittelt.“

Niemals. Unter keinen Umständen würde er sich vor der ganzen Stadt derartig zum Narren machen. „Warum muss das unbedingt ich machen? Ich bin sicher, dass es Männer gibt, die für einen Tanz mit der scheidenden Miss Hot Pepper Schlange stehen würden. Abgesehen davon: Hat die Dame keinen Mann oder Freund? Kann der das nicht übernehmen?“

„Komm schon, so schlimm ist es gar nicht“, versuchte Frank Loveaux ihn aufzumuntern. „Ich war vor drei Jahren dran, und es war ein Riesenspaß. Damals war Mindy Sue Jacobs Miss Hot Pepper.“ Er pfiff anerkennend durch die Zähne, bevor er grinsend weitersprach: „Die Kleine war eine Granate. An den Kuss, den sie mir am Ende unseres Tangos gab, denke ich noch heute.“

„Das ist alles gut und schön“, sagte Dalton ungeduldig, „aber jeder weiß, dass ich nicht tanzen kann. Ihr könnt ja das Mädchen fragen, mit dem ich auf dem Abschlussball war. Ihr tun heute – zehn Jahre später – noch die Zehen weh.“

„An den Zehen meiner Tochter gibt es nichts auszusetzen, soweit ich weiß“, mischte sich Catherine Bennet, die Mutter seiner Abschlussball-Partnerin Josie, ein. „Warum sträubst du dich nur so, Dalton? Was ist so schlimm an ein paar Minuten Tango mit einer attraktiven jungen Frau?“

Daran, dass seine Beziehung zu Josie den Abschlussball nicht lange überlebt hatte, war nicht zuletzt ihre aufdringliche Mutter schuld, die mit unverblümten Kommentaren nie gespart hatte. Davon abgesehen war Josie hübsch und nett gewesen, aber für Schmetterlinge in seinem Bauch hatte sie nie gesorgt.

Das war in den 35 Jahren seines Lebens keiner Frau außer Carly gelungen. Nur mit ihr zusammen hatte er sich so richtig lebendig gefühlt. Und dann hatte sie ihm das Herz gebrochen. Seither zog er ein Leben als Single vor. Na gut, vielleicht war er ja manchmal einsam, aber das war immer noch besser als am Boden zerstört.

Alice als Vorsitzende schlug mit dem Hammer auf das Rednerpult. „Ich stelle den Antrag, dass Dalton bei der Misswahl den Tango tanzt, wie es Tradition ist. Ich bitte um die Ja-Stimmen.“

Neun Hände schossen in die Höhe.

„Nein-Stimmen?“, erkundigte sich Alice überflüssigerweise, um die Form zu wahren.

Dalton hob als einziger die Hand.

Mit einem weiteren Hammerschlag auf das Rednerpult war sein Schicksal besiegelt. „Der Antrag ist angenommen“, verkündete Alice triumphierend. „Wir gehen weiter zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung.“

Dalton musste zweimal hinsehen, als er im blassrosa gestrichenen Empfangsbereich der Tanzschule von Hot Pepper vor einer attraktiven jungen Frau stand. Vor Erstaunen fiel ihm nichts Besseres ein als: „Sie sind aber nicht Miss Gertrude.“

Die zarte Schönheit schenkte ihm ein professionelles Lächeln und erwiderte: „Miss Gertrude ist in den Ruhestand getreten. Ich bin die neue Eigentümerin der Tanzschule. Mein Name ist Rose Vasquez. Sind Sie Dalton Montgomery? Wenn ja, dann haben Sie sich bei mir für eine Tangostunde angemeldet.“

„Richtig.“ Zum ersten Mal, seit er bei der Wirtschaftsverbandssitzung zum Tangotanzen verdonnert worden war, sah er etwas Positives darin. Vielleicht würden die Tanzstunden ja ganz unterhaltsam werden!

„Herzlich willkommen!“ Rose Vasquez streckte ihm ihre schlanke Hand entgegen.

Als sich ihre Handflächen berührten, spürte Dalton ein merkwürdiges Ziehen in seinem Bauch. Der Handschlag der Tanzlehrerin war fest. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass die junge Dame so leicht war, dass sie schon der kleinste Windstoß fortblasen könnte.

Außer einem plätschernden Zimmerbrunnen und einer summenden Getränkemaschine war es – vom lauten Schlagen seines Herzens einmal abgesehen – still in der Tanzschule. Nicht, dass ihn das störte. Nur hatte er unbewusst in einer Kleinstadt-Tanzschule Horden von kleinen Mädchen in rosa Tutus erwartet.

„Die Dame, die Sie angemeldet hat …“, begann Rose Vasquez.

„Meine Sekretärin, Joan“, unterbrach Dalton sie hastig.

„Also, Joan meinte, Sie würden nur einen Crashkurs im Tangotanzen benötigen.“ „Genau. Das ist mehr als ausreichend. Ich brauche nur die Grundlagen, um einen einzigen Tanz zu überstehen.“

Aus dem freundlichen Gesichtsausdruck der Tanzlehrerin wurde schlagartig Ernüchterung. „Damit beleidigen Sie nicht nur mich, sondern auch eine über hundertjährige Tradition. Der Tango ist nicht einfach ein Tanz. Ich hoffe, dass es mir im Laufe des Unterrichts gelingt, Ihnen das begreiflich zu machen. Und ich erwarte, dass Sie dem Tango die Würde und den Respekt entgegenbringen, den dieser wundervolle Tanz verdient.“

Würde? Respekt? Wovon sprach diese Frau? Dalton gelang es gerade noch rechtzeitig, ein abfälliges Schnauben zu unterdrücken. Hier ging es um einige einfache Tanzschritte. Auch wenn diese Rose Vasquez äußerst attraktiv war – sie hatte noch einiges zu lernen, was die Dinge im Leben eines Mannes betraf, die Würde und Respekt verdienten.

„Warum sagen Sie nichts?“, fragte Rose, während sie unruhig mit einem lila Kugelschreiber auf den gelben Empfangstisch klopfte. Angesichts der schrillen Farben bekam Dalton plötzlich Sodbrennen. Oder revoltierte sein Magen, weil es diese völlig fremde Frau wagte, ihn zu belehren?

Mechanisch griff er in die Brusttasche seines Anzugsakkos, um seinen Magen mit einem säureneutralisierenden Kaugummi zu beruhigen, doch der kleine Behälter, den er immer bei sich trug, war leer.

Als er feststellte, dass ihn die Frau verwundert ansah, nahm er die Hand wieder aus der Tasche. „Gehe ich recht in der Annahme, dass ich bei dieser Tanzerei entweder nach Ihren Regeln spielen oder es sein lassen muss?“, erkundigte sich Dalton.

Sie lächelte. Das Strahlen, das dabei von ihr ausging, überwältigte ihn fast. Diese Rose Vasquez war nicht nur gut aussehend, sondern schön. Tatsächlich gab sie dem Begriff Schönheit eine völlig neue Bedeutung. Ihre glatte Haut mit einem Stich ins Olivfarbene bildete einen umwerfenden Kontrast zu ihren ausdrucksvollen braunen Augen und dem seidig glänzenden rabenschwarzen Haar, das er nur zu gern berührt hätte.

Komm zurück auf den Teppich!, hörte Dalton seine Vernunft schreien.

Bei all ihrer Attraktivität schien diese Frau alles andere als einfach zu sein. Davon hatte er sich in den vergangenen Minuten ausgiebig überzeugen können.

Wieder lächelte Rose, doch dieses Mal beschränkte sich das Lächeln auf ihren Mund und schaffte es nicht bis hinauf zu ihren Augen. „Da haben Sie vollkommen recht. Allerdings muss ich Ihnen ein Kompliment machen: Noch nie hat jemand meine Vorstellungen so knapp und treffend formuliert. Wenn ich mich wirklich darauf einlasse, Ihnen einen Crashkurs im Tangotanzen zu geben, erwarte ich auch hundertprozentiges Engagement von Ihrer Seite.“

Dalton öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Rose brachte ihn mit ihrem Zeigefinger auf seinen Lippen zum Schweigen.

„Sagen Sie nichts“, flüsterte sie. „Ich weiß, was Sie denken. Sie fragen sich, wie Sie all Ihre Energie in diesen Tanz investieren sollen, wenn Sie doch für Ihre Arbeit leben, richtig?“

Er nickte.

„Bald werden Sie merken, dass ich gar nicht viel verlange. Nur Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.“

Vorher hatte es sich eher angehört, als müsse er ihr seine Seele verkaufen.

„Abgemacht, Mr. Montgomery?“

„Abgemacht“, bekräftigte er und streckte ihr die Hand hin. Dabei versuchte er sich einzureden, dass er jedes Mal, wenn er einer Frau die Hand schüttelte, dasselbe elektrisierende Gefühl verspürte wie bei der zauberhaften Rose Vasquez. „Legen wir los.“

„Sie meinen sofort?“

„Meine Sekretärin hat mich doch angemeldet.“

Rose schüttelte den Kopf. „Das muss ein Missverständnis gewesen sein. Ich habe heute schon etwas anderes vor. Morgen Abend um sieben Uhr habe ich Zeit für Sie.“

Nachdem Mr. Montgomery das Tanzstudio verlassen hatte, zitterten Roses Hände so sehr, dass sie kaum die Tür hinter ihm zusperren konnte.

Bei der Erinnerung an das plötzlich aufblitzende Interesse in Dalton Montgomerys tiefblauen Augen krampfte sich ihr Magen zusammen. Wie sehr hatte sie gegen den Impuls gekämpft, sein widerspenstiges dunkles Haar mit ihrer Hand zu glätten. Seine Größe und sein scharf geschnittenes Gesicht mit der römischen Nase gaben diesem Mann einen ungeheuren Sexappeal.

Weshalb hatte sie nur so mit ihm gesprochen? Warum hatte sie auf das gute Geld verzichtet, das ihr die heutige Stunde eingebracht hätte? Eigentlich konnte sie es sich überhaupt nicht leisten, auf diese Verdienstmöglichkeit zu verzichten.

Es war nicht so, dass sie nach Anna sehen musste. Das hatte sie sich nur vorzumachen versucht. Der wahre Grund war, dass sie zum ersten Mal seit Johns Tod vor über einem Jahr einen anderen Mann attraktiv fand – ein Gefühl, das sie völlig aus der Bahn warf.

Der Gedanke daran, eine Stunde lang in Dalton Montgomerys Armen Tango zu tanzen – diesen Tanz, den ihr Mann und sie so geliebt hatten – war zu viel für sie gewesen.

Deshalb hatte sie sich diesen Aufschub erkauft. Sie brauchte Zeit, um sich daran zu gewöhnen, dass sie einen anderen Mann attraktiv fand. Und dass sie jedes Recht dazu hatte.

Trotzdem war es merkwürdig, wie warm ihr plötzlich geworden war, als er sie ansah. Hoffentlich bekam sie ihre Gefühle auf die Reihe, bevor sie sich morgen Abend wiedersahen!

Irgendwie war es ihr seit Johns tödlichem Motorradunfall jeden Tag gelungen, sich aufzuraffen und zu tun, was getan werden musste. Rose zwang sich dazu, tief durchzuatmen. Bestimmt würde sie auch diese Krise erfolgreich meistern.

In der kurzen Zeit, die John und sie verheiratet gewesen waren, war ihre körperliche Beziehung immer von Leidenschaft erfüllt gewesen. Kein Wunder, dass sie als junge, gesunde Frau bestimmte Bedürfnisse verspürte. Mehr war es nicht, was sie Dalton Montgomery gegenüber empfand.

Aber warum raste ihr Puls dann schon beim Gedanken an das Wiedersehen mit ihm?

Rose hatte keine Antwort auf diese Frage. Zumindest keine, die sie selber akzeptieren konnte. Mit einer energischen Handbewegung löschte sie das Licht im Tanzstudio und ging hinauf in die Loftwohnung im Dachgeschoss, in der sie mit ihrer Tochter Anna lebte.

Anna hatte ihr die Kraft gegeben, Johns Tod zu überwinden. Wenn ihr das gelungen war, würde sie auch mit ihren Gefühlen für diesen unbekannten Mann fertig werden.

Am frühen Donnerstagabend, eine Stunde vor ihrer Verabredung mit Mr. Montgomery, schleppte sich Rose die Stufen zu ihrer Wohnung hoch. Seit sie heute Morgen aus dem Bett gestiegen war, hatte sie in ihrem Innersten eine schleichende Angst verspürt. Jetzt, wo sie die hohen Räume betrat, die sie als ihre persönliche Zufluchtsstätte betrachtete, hatte sich diese Angst in Panik verwandelt. Zum Glück brauchte Rose sie nicht zu verstecken, denn Anna übernachtete heute bei einer Freundin.

Sie war zwar nicht hungrig, aber da sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, kochte sie sich eine Tomatensuppe.

Während sie darauf wartete, dass die Flüssigkeit zu sieden begann, sah sie sich in ihrem Heim um. Durch die breite Fensterfront im Westen strömte frühsommerliches Sonnenlicht herein. Rose liebte Pflanzen und die Helligkeit der Wohnung. Die fehlenden Innenwände und die hohen Decken erlaubten es ihr, hier Bäume aufzustellen: Palmen, einen kleinen Orangenbaum und sogar einen jungen Rotahorn.

Während Rose gedankenverloren in ihrer Suppe rührte, ließ sie die vergangenen drei Monate Revue passieren. Vor genau 90 Tagen hatte sie ihr Tanzstudio eröffnet. Ihre Familie hatte nicht geglaubt, dass sie es schaffen würde. Zwar war die Tanzschule nicht gerade eine Goldgrube, aber was sie damit verdiente, reichte immerhin zum Leben für sie und Anna.

Plötzlich stieg ihr ein süßlich-verbrannter Geruch in die Nase. Mist! Direkt vor ihren Augen war ihr die Suppe übergekocht! Wie hatte ihr das nur passieren können? Das kam davon, wenn man am hellichten Tag vor sich hin träumte! Sie drehte die Kochplatte ab und wischte die Überschwemmung am Herd auf. So viel zu ihrem Abendessen. Aber egal, sie hatte ohnehin keinen Hunger.

Sie holte eine Packung Salzcracker aus der Speisekammer und ließ sich in den riesigen Polstersessel fallen, der mitten im Raum stand. Er war früher Johns Lieblingsplatz gewesen, und wenn sie darin saß, war es, als nähme er sie in den Arm. Manchmal hätte sie schwören können, dass das dunkelbraune Leder noch immer nach John roch.

Sie schaltete den Fernseher ein, doch als das Programm von den Nachrichten zum Sport wechselte, wurden ihre Augenlider immer schwerer.

„Ähm … Miss Vasquez?“

Rose schreckte hoch. Höchstens drei Meter von ihr entfernt stand Dalton Montgomery!

„Entschuldigen Sie“, sagte Dalton leise. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Hastig richtete sich Rose auf und versuchte sich so rasch wie möglich zu sammeln. Bestimmt sah ihr Haar fürchterlich aus. Sie tat ihr Bestes, um es mit der Haarspange zu bändigen.

„Nicht!“, rief ihr ungeladener Gast, der sie die ganze Zeit in seiner irritierenden Art angestarrt hatte.

„Wie bitte?“

„Binden Sie Ihr Haar nicht zusammen. Es sieht … gut aus, wenn es so …“ Dalton schluckte. „Wenn es offen ist.“ Eigentlich hatte er etwas anderes sagen wollen.

Sie musste das gespürt haben, denn sie gehorchte nicht. Demonstrativ kämmte sie ihre Haare mit den Fingern nach hinten und schloss die Haarspange mit einer Bewegung, die keinen Widerspruch duldete.

Möglichst unauffällig sah sie an sich auf und ab, um sicherzustellen, dass ihre Kleidung trotz des Nickerchens noch dort saß, wo sie hingehörte. Aber sie musste sich keine Sorgen machen: Das körperbetonte schwarze Kleid, das sich so gut zum Tangotanzen eignete, hatte sie nicht im Stich gelassen.

Warum fühlte sie sich in der Gegenwart dieses Mannes nur so unbeschreiblich unsicher? Was hatte er an sich, das sie so aus dem Konzept brachte?

„Was haben Sie überhaupt hier zu suchen?“, fragte Rose schroffer, als sie eigentlich beabsichtigt hatte.

„Ich sollte um sieben Uhr eine Tangostunde haben. Erinnern Sie sich noch?“ Er deutete auf seine Armbanduhr. „Jetzt ist es schon Viertel nach sieben. Unten waren alle Türen offen und weit und breit niemand zu sehen. Außerdem roch es angebrannt.“

„Und deshalb platzen Sie einfach in meine Wohnung?“

„Es tut mir leid, aber ich wollte Ihnen wirklich nur helfen. Ich hatte schon Angst, dass das Haus brennt. Deshalb bin ich heraufgekommen, um mich davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung ist. Das ist alles. Also tanzen wir jetzt endlich?“

Eine berechtigte Frage.

Rose riss sich zusammen und stand auf. „Bitte entschuldigen Sie. Das Ganze ist meine Schuld. Nachdem bald überall die Abschlussbälle stattfinden, habe ich mehr Privatstunden gegeben als sonst und bin deshalb übermüdet.“

„Schon in Ordnung“, lenkte Dalton sofort ein. „Wenn ich unter Druck stehe, bin ich auch ziemlich unleidlich.“

„Wirklich?“, fragte Rose überrascht.

Er antwortete mit einem traurigen Lächeln seiner vollen und doch weichen Lippen. Lippen, mit denen dieser Mann ohne Zweifel jede Frau besinnungslos küssen konnte. Nicht, dass sie das wollte!

„Oh ja, wirklich, Miss Vasquez. Ich verstehe eine ganze Menge davon, wie sich Überarbeitung auf einen Menschen auswirken kann.“

„Wie meinen Sie das?“, erkundigte sich Rose überrascht.

„Wollen Sie das wirklich hören?“, fragte Dalton zweifelnd. Als sie nickte, deutete er auf das blumengemusterte Sofa: „Darf ich mich setzen?“

„Selbstverständlich! Bitte.“ Rose machte eine einladende Handbewegung.

Zum ersten Mal heute fand sie die Zeit, ihn anzusehen. In seinen locker sitzenden, ausgebleichten Jeans und dem engen schwarz-orangen Princeton-T-Shirt wirkte er ganz anders als am Vorabend im Anzug.

„Heute ist ein Unternehmen, das meine Holding übernehmen wollte, an der Börse komplett eingebrochen. Erst ging es zwei Punkte hoch, dann plötzlich zehn hinunter. Ich vermute, dass das mit der Immobilienkrise zusammenhängt, aber es könnte sich auch um falsch bewertete Aktienoptionen handeln. Es ist einfach frustrierend, wissen Sie, wenn man nichts tun kann, um ein Problem zu lösen.“

Rose lächelte schüchtern. Die Hilflosigkeit in seiner Stimme kannte sie selbst nur zu gut, doch von Finanzen hatte sie keine Ahnung. Ihr Leben war das Tanzen. Er hätte genauso gut Chinesisch mit ihr sprechen können, und sie hätte gleich viel verstanden.

„Sie haben kein Wort von dem kapiert, was ich eben gesagt habe, richtig?“

„Stimmt genau“, antwortete sie mit einem entwaffnenden Lächeln, das ihr überhaupt keine Schwierigkeiten bereitete.

„Egal. Das geht fast allen so. Keiner versteht, was ich tue. Manchmal nicht einmal ich selber.“ Daltons Blick fiel auf den schmutzigen Suppentopf. „Eigentlich sollten wir ja tanzen, aber was würden Sie davon halten, wenn wir erst mal etwas essen gehen?“

Bei Rose schrillten alle Alarmglocken.

Natürlich musste sie sich diesem Mann gegenüber höflich-professionell verhalten. Aber essen gehen klang verdächtig nach einer Verabredung.

Obwohl es das eigentlich nicht war.

Bei Licht betrachtet erschien es ihr sogar weniger gefährlich, mit diesem Mann in einem der meist überfüllten Restaurants von Hot Pepper zu sitzen, als in seinen Armen Tango zu tanzen.

So gesehen musste sie das Tanzen so lange wie möglich hinausschieben.

„Okay, gehen wir essen.“ Rose sprang eilig hoch und sah sich nach ihrer Handtasche um.

„Warum haben Sie es denn plötzlich so eilig?“

„Ich bin kurz vor dem Verhungern“, log sie, ohne rot zu werden.

„Na, dann.“ Er machte eine einladende Handbewegung, mit der er sie aufforderte, vor ihm durch die noch immer offene Wohnungstür zu gehen.

„Einen Moment“, sagte sie nach einem Blick auf ihr Kleid. „Ich sollte mich umziehen. Und Schuhe wären vielleicht auch keine schlechte Idee.“

„Ich finde Ihr Kleid absolut in Ordnung, aber Schuhe könnten wirklich nicht schaden“, musste Dalton zugeben.

Sie lief hinüber in den offenen Raum, der ihr als Schlafzimmer diente, und suchte im Schrank nach Shorts und einem T-Shirt. Sie hätte schwören können, dass er sie dabei beobachtete, doch als sie unauffällig in seine Richtung blickte, fand sie ihn in einen Bildband über Argentinien vertieft.

Gut.

Es war ja nur verständlich, dass sie körperliche Bedürfnisse verspürte, beruhigte sie sich selber. John hatte immer gesagt, sie solle nicht den Rest ihres Lebens allein verbringen, falls ihm etwas passierte. Aber es war einfach noch zu früh, um an solche Dinge zu denken.

Sie nahm ihre Sachen und ging damit ins Bad, das, genau wie Annas Zimmer, ein richtiger Raum mit einer Tür war, die sie hinter sich schließen konnte.

Es dauerte nur einen Augenblick, in die abgeschnittenen Jeans und das enge rosafarbene T-Shirt zu schlüpfen. Beide Teile hatte sie schon hundertmal getragen, wenn sie mit Anna unterwegs war oder einkaufen ging. Trotzdem fühlten sie sich heute zu knapp und offenherzig an.

Wie lächerlich!

Als sie in den Wohnraum zurückkehrte, blätterte Dalton noch immer interessiert in dem Argentinien-Buch. Sie schlüpfte in ihre Sandalen und rief: „Fertig!“

Er stand auf und kam zur Tür, ohne sie dabei auch nur eines Blickes zu würdigen. Na also, da hatte sie es: Sie brauchte sich überhaupt keine Sorgen zu machen!

Draußen versuchte Dalton, unauffällig durchzuatmen. Er dankte der Natur im Stillen dafür, dass es so kühl geworden war. Ihm war auch so bereits heiß genug.

Rose hatte schon in ihrem Tanzkleid wundervoll ausgesehen, aber dieses neue Outfit war einfach umwerfend.

Auch wenn er vorgegeben hatte, fasziniert von dem Buch zu sein, das er vor sich aufgeschlagen hatte, war ihm diese Rose Vasquez doch keinen Augenblick aus dem Kopf gegangen. Jede einzelne ihrer Bewegungen war voller Energie, die sich unwillkürlich auf ihn übertrug, wenn er nicht für einige Meter Abstand zwischen ihr und ihm sorgte.

„Was halten Sie von Big Daddy’s Deli?“, fragte er. „Ich hätte jetzt Lust auf ein Truthahn-Sandwich mit Schwarzbrot.“

„Keine Einwände“, antwortete Rose. „Nur, dass mir mehr nach einem Roastbeef-Sandwich mit Käse ist.“

„Dann sind wir uns ja einig. Sie zuerst.“

Dalton ließ sie auf dem schmalen Gehsteig vorausgehen. Dabei hatte er allerdings nicht bedacht, dass er so ständig ihren wohlgeformten Po im Blickfeld hatte, dessen schwungvolle Bewegung bei jedem Schritt in den kurzen Shorts nur zu gut sichtbar war. Ein Glück nur, dass ihm auf diese Art wenigstens der Blick in ihr Dekolleté erspart blieb. Ihr Oberteil war nämlich auch nicht gerade hochgeschlossen und darüber hinaus sehr figurbetont.

Nein! Er musste diese Gedanken unter Kontrolle bekommen, ermahnte Dalton sich selbst. Diese Frau war einzig und allein dazu da, ihm das Tangotanzen beizubringen, damit er bei dieser schrecklichen Misswahl seinen Verpflichtungen nachkommen konnte. Ansonsten verband ihn rein gar nichts mit dieser Dame.

Seit seinen Erfahrungen mit Carly war ihm die Lust auf Künstlerinnen gründlich vergangen.

Zum Glück waren sie bei Big Daddy’s Deli angelangt, bevor er diesen Gedanken weiterverfolgen konnte.

Rose hielt ihm die Tür auf und ließ ihn vorgehen. Großartig, der appetitliche Geruch der verschiedenen Sandwich-Beläge würde ihm dabei helfen, sich abzulenken.

Seine Begleiterin deutete auf einen Tisch in einer Nische. „Sollen wir uns da drüben hinsetzen?“

Der im Dunkeln gelegene, versteckte Zweiertisch wäre für ein Date ideal gewesen. Aber nachdem dies keines war, wollte er nichts riskieren und stammelte: „Äh, ich habe ein wenig Platzangst. Wie wäre es mit diesem dort?“ Er zeigte auf einen Tisch, der für acht Personen gedacht war und zwischen einer Familie mit drei lauten Kindern und der Kasse lag.

Nachdem sie einander gegenüber Platz genommen hatten, bestellten sie Eistee und vertieften sich in die Speisekarte, obwohl sie eigentlich bereits wussten, was sie essen wollten.

Rose sagte: „Ich weiß nie, ob ich einfach das Roastbeef-Sandwich nehmen oder einmal ein anderes probieren soll.

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