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Mein Herz erinnert sich

Inhalt

Kindheit

Raagu

Unsere Wohngemeinschaft

Die Indienreise

Flucht aus dem Gefängnis

Schwangerschaft

Besuch von Onkel Tom

In Neuseeland erwacht

Kindheit

„Oh, wie grauenvoll ist es hier draußen! Die Menschen sind voller Eile, das grelle künstliche Licht ist ein ganz anderes Licht als wir von unserer Heimat kennen und das allerschlimmste ist, dass die Menschen Erwartungen haben und uns ihre Wünsche aufdrängen wollen…“

Es ist die erste Information über die uns bis dahin unbekannte Außenwelt, durchgegeben von unserem erstgeborenen Drillingsbruder. Kurz danach erblickt mein zweiter Drillingsbruder das Licht der Welt und auch er berichtet nichts Harmonisches:

„Hier trennen die Menschen Gut und Böse, schön und hässlich. Es herrscht ein großer Konkurrenzkampf zwischen den Menschen, sie haben den Kontakt zu unserer Heimat verloren.“

Während mir der Weg nach außen noch bevorsteht, packt mich ein Gefühl der Verzweiflung…

Ich will nicht hinaus in diese kalte Welt. Ja, ich habe mich für dieses Leben auf Erden entschieden und bin auch neugierig auf das, was mich erwartet.

Ich vermisse aber jetzt schon meine himmlische Heimat. Ich ahne, wenn ich da draußen bin, werde ich wohl bald vergessen, wo ich herkomme. Sanft werde ich hinausgeschoben und eine Stimme beruhigt mich:

Du wirst dich erinnern…“

Meine Brüder Leo, Jakob und ich wurden als Drillinge geboren. Wir waren keine Wunschkinder. Meine Mutter war erst achtzehn, als sie uns auf die Welt brachte und eigentlich hatte sie noch so viel anderes vor. Sie kam aus einem Dorf in Bayern und wuchs auf einem Bauernhof inmitten von Tieren und der Natur auf. Sie hatte liebevolle, warmherzige Eltern und war als Einzelkind wohlbehütet, in dem Wissen aufgewachsen, geliebt zu werden. Bis ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen.

Sie verlor auf einmal alles, was sie so geliebt hatte.

Dabei war sie erst zehn.

Wir waren acht, als meine Mutter zum ersten Mal ihre Geschichte erzählte. Ich konnte ihre Trauer deutlich spüren. Mein Herz zog sich zusammen. Jakob umarmte meine Mutter wortlos und legte zärtlich seinen Kopf an ihre Schulter.

Leo sagte:

„Mama, du musst nicht mehr traurig sein, dass du alles verloren hast, du hast uns jetzt gewonnen.“

Wir saßen in der Wohnküche am Eckbanktisch und hörten meiner Mutter gespannt zu.

„Ich wurde ein paar Monate später zu der Familie meiner Tante gebracht,“ sagte sie.

Ihre Tante war die Schwester ihrer Mutter. Die beiden Schwestern waren schon seit Langem zerstritten. Es bestand kein Kontakt zwischen den Familien und meine Mutter kam in einen fremden Haushalt mit zwei pubertierenden Knaben sowie einem chronisch übelgelaunten Familienvater. Ihr wurde wenig Eingewöhnungszeit in der neuen Familie gegönnt und es wurde über den Tod ihrer Eltern nie gesprochen.

Sie sollte sich stattdessen ablenken, sagte ihre Tante. Um auf andere Gedanken zu kommen, wurde sie dazu angehalten, im Haushalt mitzuhelfen.

Neben ihrem Beruf als Verkäuferin erledigte ihre Tante bis dahin allein den Haushalt. Sie war der Meinung, dass das männliche Geschlecht nicht für die Hausarbeit geschaffen wurde. Die Männer im Haus wurden bedient und verhielten sich dementsprechend als Paschas. Mein Bruder Leo machte sich einen Scherz daraus und sagte, um mich zu ärgern:

„Mama, das wäre doch perfekt für uns. Sarah könnte uns beide bedienen.“

Er zeigte mit seinem Finger auf sich und Jakob.

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu.

Unsere Mutter musste morgens das Frühstück für die Familie vorbereiten und die Küche aufräumen, bevor sie zur Schule ging. Nachmittags, wenn sie heimkam, gab es wieder einiges zu erledigen, bevor sie sich zurückziehen konnte, um ihre Schulaufgaben zu machen.

Sie fürchtete die strafenden Blicke der Tante. Wenn sie zum Beispiel die Wäsche nicht korrekt einsortierte, zerrte ihre Tante alles aus dem Schrank und meine Mutter konnte die ganze Wäsche wieder glätten und einsortieren. Manchmal bekam sie Ohrfeigen, wurde beschimpft oder grob zur Seite geschubst.

Ihr wurden immer mehr Aufgaben im Haushalt zugeteilt, sie versuchte alles so gut wie möglich zu erledigen. Doch egal was sie machte, ihre Tante ließ dennoch ihren ganzen Frust an ihr aus.

Meine Mutter fühlte sich fremd in der neuen Familie. Sie hatte auch Angst vor dem brummigen Vater, der ihre Cousins anbrüllte oder ihnen eine Ohrfeige verpasste. Er schaute meine Mutter auf eine komische Art an, als wolle er sie mit seinen Blicken durchdringen, um in ihrem Innersten lesen zu können.

Ihre Cousins waren gemein zu ihr und sie war froh, wenn sie nach dem Abendessen endlich verschwinden konnte, um sich in ihrer kleinen Höhle zu verkriechen. Dann vertiefte sie sich in die Fantasiewelt ihrer Bücher, die sie aus der Schulbibliothek geliehen hatte oder machte ihre Hausaufgaben. Wenn Gedanken an ihre verstorbenen Eltern kamen, kämpfte sie dagegen. Sie unterdrückte ihre Trauer und die Wut, dass ihre Eltern sie verlassen haben. Sie spürte instinktiv, dass diese Emotionen sie überwältigen könnten, wenn sie sie zulassen würde.

In der Schule bekam sie gute Noten und sie hatte auch Freundinnen, die sie außerhalb der Schulzeit nicht treffen durfte. Ihre Tante meinte, dass es für junge Mädchen da draußen gefährlich sei und erzählte Horrorgeschichten, die passiert waren oder noch geschehen könnten.

„Zu Hause bist du am allersichersten“, sagte sie.

Meine Mutter wurde von ihren Cousins zur Schule begleitet und nach dem Schulunterricht musste sie für den Nachhauseweg oft lange auf sie warten, bis auch sie Schulschluss hatten. Manchmal waren sie gemein zu ihr und wollten ihr Angst anjagen, indem sie davonrannten und sagten, dass jemand sie bestimmt überfallen würde. Als sie merkten, dass sie keine Angst hatte, dachten sie sich andere Spielchen aus. Sie liefen zum Beispiel von der Bushaltestelle schnell nach Hause und sagten, dass meine Mutter sich weigerte mitzukommen. Zuhause angekommen wurde sie von der Tante beschimpft oder bekam sogar Ohrfeigen. Meine Mutter fühlte sich wie im Gefängnis und sehnte sich nach dem Tag, an dem sie diese Familie verlassen könnte, um ein eigenes, unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Wenn sie abends in ihrem winzigen Zimmer im Bett lag, ließ sie sich von den Vorstellungen dieses freien Lebens sanft in den Schlaf wiegen.

„Mama, bist du jetzt frei?“ wollte ich wissen.

Meine Mutter dachte einen Augenblick nach.

„Noch nicht ganz“, sagte sie. „Ihr seid viel zu früh gekommen, ich wollte Abitur machen und Agrarwissenschaften studieren. Ich träumte davon bei meinem Onkel in Neuseeland zu wohnen und auf seiner Farm mitzuarbeiten.“

Sie hielt einen Moment inne und fügte hinzu:

„Jetzt seid ihr wichtig und ich möchte für euch da sein.“

Sie umarmte uns, während sie sagte:

„Später, wenn ihr groß, erwachsen und eigenständig seid, werde ich meinen Traum wahr machen und nach Neuseeland auswandern.“

Einmal zeigte meine Mutter uns Bilder aus ihrer Kindheit. Sie sieht meiner Großmutter ähnlich. Nur die dunklen Augen und Haare hat sie von ihrem Vater, ein hochgewachsener, sympathischer Mann mit lebhaften Augen, der lachend in die Kamera schaut. Schade, dass wir unsere Großeltern nicht kennenlernen durften. Es gibt Bilder mit fröhlichen Gesichtern. Unsere Mutter zwischen ihren Eltern. Am Strand. Im Garten. Unsere Mutter mit Pferd und Hund. Mit Katze auf dem Sofa. Mit Freundinnen am Geburtstagstisch. Es gibt auch ein Bild mit der Ursprungsfamilie. Unsere Ur-Großeltern auf dem Sofa. Links daneben unsere Mutter als kleines Mädchen auf dem Schoss ihrer Mutter. Auf der anderen Seite ihre Tante mit den zwei Buben. Hinter dem Sofa standen ihr Vater und der Mann ihrer Tante.

Meine Mutter nahm das Bild aus dem Fotoalbum, schnitt den Teil mit ihrer Pflegefamilie aus und verstaute ihn in einem Umschlag mit anderen Fotos.

Leo schaute sie mit großen Augen an und fragte:

„Mama, warum machst du das?“

„Weil diese schreckliche Familie nicht in dieses Album gehört, ich habe sie aus meinem Leben gestrichen. Diese Leute sind für mich gestorben. Die Zeit in dieser Familie war die Hölle.“

Wir wollten genauer wissen warum.

„Das erzähle ich euch später, wenn ihr älter seid und es besser verstehen könnt“ antwortete sie.

Sie blätterte weiter und wir sahen Bilder von ihrer Einschulung, Klassenbilder, Theaterbilder.

Auf einer der letzten Bilder steht sie mit ihrem neuen Fahrrad vor dem Gymnasium, wo sie kurz vor dem Unfall ihrer Eltern eingeschult wurde.

Ein anderes Foto zeigt sie lachend und winkend auf dem Fahrrad. Hinter ihr ihre Eltern.

„Meine Eltern sind mit mir ein paar Mal den Schulweg gefahren, bis sie sicher waren, dass ich den 15-minutigen Schulweg auch allein schaffen würde.“

Sie hielt einen Augenblick inne, wurde nachdenklich und sagte:

„Es ist eine grausame Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet meine Eltern bei einem Autounfall sterben mussten.“

Als meine Mutter klein war, kaufte ihr Vater, zusammen mit seinem Bruder, Onkel Tom, einen florierenden Biobauernhof. Sie kannten den Betrieb sehr gut, da sie als Jugendliche und auch später zu Stoßzeiten auf dem Hof mitarbeiteten. Der alte Landwirt selbst hatte keine Nachkommen und war froh, dass sie den Hof weiterführen wollten.

Onkel Tom ist Biologe und Landwirt. Ihr Vater war begeisterter Koch und richtete später ein Hofbistro neben dem Hofladen ein. Für meine Mutter war es als Kind eine aufregende, bunte und friedliche Welt, die sie umgab und die sie für nichts und niemanden austauschen würde.

Am liebsten war sie bei ihrem Onkel draußen auf dem Feld. Sie lernte viel über die Haltung und das Verhalten von Ziegen und Hühnern, die einzigen Nutztiere, die sie hatten. Sie war bei der Verarbeitung des Gemüsefeldes dabei und half mit bei der Ernte. Sie durfte die Ziegen melken und schaute ihrer Mutter bei der Käse-Herstellung zu. Meine Mutter fühlte sich wie im Paradies und hatte keine Ahnung von der anderen Welt, die sie nach dem Tod ihrer Eltern erleben sollte.

Einige Monate, nachdem ihre Eltern starben, verkaufte ihr Onkel das gesamte Anwesen und wanderte nach Neuseeland aus. Er hätte sie gerne mitgenommen, aber das Gericht entschied, dass es für ein junges Mädchen besser sei, in einer intakten Familie zu leben, als bei einem alleinstehenden Mann, der auf Abenteuer aus ist. Erst Jahre später sollte sie ihren geliebten Onkel Tom wiedersehen.

Raagu

Raagu ist in Delhi geboren. Seine Mutter war Inderin und sein Vater ist Deutscher. Sein richtiger Name ist Raoul, aber als wir klein waren, konnten wir seinen Namen nicht richtig aussprechen und nannten ihn Raagu. Er hörte es gern, wenn wir ihn so nannten, und so blieb er für uns Raagu.

Als er elf Jahre alt war, starb seine Mutter an einer unerkannten Lungenentzündung. Er konnte – im Unterschied zu meiner Mutter – Abschied von seiner Mutter nehmen. Das war für ihn natürlich kein Trost, machte aber deutlich, wie sehr meine Mutter gelitten haben muss.

Nach dem Tod seiner Mutter blieb Raagu einige Zeit bei seinen Großeltern in Indien, bis sein Vater ihn eines Tages mit nach Deutschland nahm. Sein Vater ist Textilingenieur, hat eine Textilfirma in Deutschland mit Geschäftspartnern in Indien.

Raagu erinnerte sich gut, wie tief traurig seine Oma war. Für sie war es, als ob sie innerhalb kurzer Zeit zwei geliebte Menschen verlor – ihre Tochter und ihren Enkel.

Raagu`s Vater versuchte den Abschied etwas leichter zu machen, indem er versprach, dass Raagu die Schulferien bei ihnen in Indien verbringen durfte.

Raagu fügte hinzu:

„Für mich war es leicht, Abschied zu nehmen. Statt traurig zu sein, war ich aufgeregt. Mein Vater hatte viel über Deutschland erzählt. Ich war noch nie dort. Ich war voller Neugierde und hatte sehr große Erwartungen.“

Wir Kinder lauschten gerne den Geschichten der Erwachsenen und fanden es immer spannend, wenn Raagu oder meine Mutter von früher erzählten. Wir wollten alles über sie wissen.

Raagu und meine Mutter kennen sich aus der Schulzeit. Er war eine Klasse über ihr und erzählte:

„Das erste Mal, als wir uns trafen, war an dem Tag, als mein Fahrrad gestohlen wurde und ich auf meinen Vater warten musste, um abgeholt zu werden.“

Er sah meine Mutter auf der Bank vor dem Schulgebäude sitzen, setzte sich daneben und fragte, ob sie auch auf jemanden wartete. Sie antwortete, dass sie auf ihren Cousin warten muss, denn sie durfte nicht allein nach Hause.

Raagu staunte und fragte:

„Wie alt bist du denn?“

„Vierzehn“, sagte sie.

„Ich wohne in einem Gefängnis und meine Cousins sind meine Gefängniswärter.“

Raagu war verwirrt und wurde neugierig.

Meine Mutter war ihm schon oft auf dem Schulhof aufgefallen, lebhaft und immer in Begleitung von anderen Mädchen. Auf der Bank machte sie dagegen einen einsamen und traurigen Eindruck.

Meine Mutter sagte, dass sie ihren Freundinnen nichts von daheim erzählte. Diese wussten nicht, dass sie sich zu Hause wie eingesperrt fühlte.

Diese Familie mit ihren Verboten war ihr peinlich, sie wollte anerkannt und keine Außenseiterin sein. Sie lernte schnell zwei Rollen zu spielen. Zu Hause war sie das brave, gehorsame, tüchtige Mädchen und kaum in der Schule, war es, als ob sie in sich einen Schalter betätigte. Sie wurde wie die anderen Mädchen – laut und lebhaft. Dieses Doppelleben wurde für sie immer unerträglicher und sie war froh endlich ihr Herz zu öffnen.

Sie erzählte Raagu alles über ihr bisheriges Leben.

Von diesem Tag an trafen sie sich regelmäßig während ihrer Wartezeit, auf der Bank vor der Schule. Sie entwickelten eine echte Freundschaft. Es waren die einzigen Gelegenheiten außerhalb der Schulzeit, in denen sie sich begegnen konnten. Für meine Mutter waren diese Momente wie wirkliche Lichtblicke in ihrem dunklen Alltag. Sie fühlte sich bei Raagu sicher und hatte das Gefühl verstanden zu werden.

Raagu ergänzte:

„Es war sicher kein Zufall, dass wir uns begegneten; sie verlor ihre Eltern, als sie zehn war und ich verlor im gleichen Alter meine Mutter. Wir hatten ähnliche Schicksale und ich spürte damals schon intuitiv, dass wir uns aus irgendeinem Grund treffen mussten.“

Raagu sagt, dass jede scheinbar noch so zufällige Begegnung oder Erfahrung wichtig für uns ist und einen Sinn hat. Wir haben sie mit unserem Herzen angezogen.

Bis zur Einschulung glaubten wir, dass Raagu unser Vater ist. Wir dachten nie darüber nach, warum wir meine Mutter Mama nannten und ihn Raagu. Erst als wir erfuhren, dass wir unterschiedliche Familiennamen haben, fragten wir nach.

Meine Mutter erklärte, dass unser leiblicher Vater starb, während wir noch in ihrem Bauch waren.

„Raagu ist euer Stiefvater“ sagte sie.

Ich war geschockt! Für mich klang das Wort Stiefvater wie etwas Falsches, etwas das man wegwerfen sollte. Ich war enttäuscht, traurig und gleichzeitig wütend. Ich schlug wild um mich und schrie:

„Ich will nicht, dass Raagu mein Stiefvater ist, er soll mein Vater sein!“

Raagu versuchte mich zu beruhigen, nahm mich auf seinen Schoß und sagte sanft:

„Hey, ich bin nicht dein Stiefvater, ich bin Raagu, dein großer Freund, der dich unendlich lieb hat.“

Er drückte mich fest an sich.

Ich war sofort ruhig!

Was diese Worte in Raagu´s schützenden Armen doch auslösen konnten!

Mit Tränen in den Augen schauten wir uns an.

Im Nu verschwanden Wut und Trauer.

Ich fühlte mich geborgen und verstanden.

Leo sagte:

„Wir können doch das Stief weglassen und trotzdem sagen, dass Raagu unser Vater ist. Unser verstorbener Vater hat sicher nichts dagegen, oder Mama?“

„Natürlich nicht“, sagte meine Mutter und Jakob ergänzte: „Dann bleibt alles so wie es war.“

Als Raagu mit seinem Vater nach Deutschland kam, war zuerst alles fremd für ihn. Er sprach zwar Deutsch, aber nicht so fließend wie die anderen Kinder. Dafür konnte er perfekt Englisch und genügend Hindi. Seine Mutter war Englischlehrerin und hatte in London studiert, wo sich seine Eltern kennenlernten, als sein Vater dort ein Auslandsstudienjahr machte.

In Indien besuchte Raagu eine Privatschule, in der alle Fächer auf Englisch unterrichtet wurden. In seiner indischen Familie wurde Englisch und Hindi nebeneinander gesprochen. Seine Großeltern sprachen Hindi mit ihm. Er konnte alles verstehen, aber beherrschte die Sprache nicht, so dass seinerseits die Kommunikation mit den Großeltern ein Kauderwelsch aus Englisch und Hindi war.

Als sie nach Deutschland kamen, wohnte Raagu mit seinem Vater im Nachbardorf meiner Mutter und besuchte – wie auch meine Mutter – das einzige Gymnasium in der Umgebung.

Die meisten Schüler kamen aus den umliegenden Dörfern und hatten einen weiten Schulweg. Raagu brauchte mit seinem schnellen Rennrad etwa 20 Minuten. Meine Mutter fuhr 15 Minuten mit dem Bus, wobei sie von der Haltestelle noch 10 Minuten nach Hause laufen musste – die Schikanen und Gemeinheiten ihrer Cousins mit inbegriffen.

Obwohl sie mehrmals darum gebeten hatte, allein mit dem Schulbus fahren zu dürfen, wurde es ihr nicht gestattet.

„Im Nachhinein“, sagte sie „bin ich froh, denn sonst wäre ich Raagu nie begegnet.“

Sie nennt Raagu ihren Schutzengel. Sie fühlte sich mit ihren Sorgen und Nöten bei Raagu gut aufgehoben und verfügte bald über eine innere Gewissheit, auftretende Schwierigkeiten und Belastungen meistern zu können.

Raagu erklärte:

„So wie der Nord- und der Südpol beide zur Erde gehören, gehört im Leben des Menschseins auch alles aus zwei Polen. Manchmal freuen wir uns und manchmal sind wir traurig. Freude und Trauer gehören beide zum Leben und wir machen zwischen diesen beiden Polen unterschiedliche Erfahrungen. Es ist wie mit dem Lernen und Spielen. Die ganze Zeit nur lernen überfordert das Gehirn. Man muss sich auch entspannen. Spielen erzeugt zwar Entspannung, bringt Glücksgefühle und Zufriedenheit mit sich, aber keine Weiterbildung. Ein Gleichgewicht zwischen Lernen und Spielen lässt uns in beide Richtungen Erfahrungen machen und gleichsam wachsen.“

Meine Mutter fügte hinzu:

„Wenn ich nicht die Erfahrung gemacht hätte, dass das Leben schön und wertvoll sein kann – wie damals als meine Eltern noch lebten – dann hätte ich es mir nicht vorstellen können, dass ich irgendwann mein Leben wieder genießen kann. Raagu gab mir den Mut in schwierigen Zeiten wieder Vertrauen ins Leben zu haben. Er hat mir beigebracht, dass alles, so wie es im Moment ist, gut ist.

Aus jeder Erfahrung, die wir im Leben machen, können wir etwas lernen. Alles ist gut! Ich schaffte es, nicht mehr regungslos in meiner Situation zu verharren, sondern nach vorne zu schauen.“

Nach dem Abitur zog Raagu mit seinem Vater nach München, um Architektur zu studieren. Meine Mutter wäre am liebsten mitgegangen. Sie tröstete sich damit, dass sie nur noch ein Jahr ihre Misere ertragen muss, dann wäre sie volljährig und frei.

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