Logo weiterlesen.de
Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12

Über das Buch

Am Anfang war die Neugier. Mit gerade mal neun Jahren wollte Naomi Schenck die Biographie ihres Großvaters schreiben – es sollte die Geschichte eines brillanten Chemikers werden, der die Delphine im Duisburger Zoo rettet und stets orangefarbene Schuhe im Kofferraum hat. Und doch war da noch etwas anderes: das Gefühl, dass nicht alles gut gelaufen war in seinem Leben. Nach seinem Tod macht sie sich auf die Suche nach ihm, und sie findet Geschichten, die tief hineinführen in die Vergangenheit einer bildungsbürgerlichen Familie in Deutschland. Geschichten von filmreifen Charakteren, Nobelpreisträgern, Nachbarn, Geschichten von ganz normalen Menschen und Helden, die auch Schurken waren. Ihr Buch ist Zeitgeschichte als Wunderwerk von Szenen und Momenten. In den Räumen, die sie uns öffnet, schwebt noch der Staub im Licht lange zurückliegender Tage.

NAOMI SCHENCK

Mein Großvater
stand vorm Fenster und
trank Tee Nr. 12

Hanser Berlin

Inhalt

1 Die Erbschaft

2 Bismarckstraße

3 Die Chemiker

4 Die frühe Zeit

5 Acht Freunde

6 Fragen an die Väter

7 Auf der anderen Seite

8 Die letzten fünfhundert Jahre

9 Die Chemie des Lichts

Danksagung

guenther_und_naomi_sw.jpg

1
Die Erbschaft

Als mein Großvater starb, vermachte er mir keine Reichtümer, dafür aber die Rechte an seiner Biographie, in der für ihn charakteristischen Mischung aus Selbstironie und aufrichtigem Bewusstsein der eigenen Bedeutsamkeit. Oder wusste er noch, dass ich als Kind schon mal ein Buch über ihn schreiben wollte? Ich war damals häufig bei meinen Großeltern gewesen, und mein Großvater – Günther, denn in unserer Familie sprechen auch die Kinder die Erwachsenen mit Vornamen an – war mir so vertraut wie Christel, meine Großmutter, doch er war doppelt so geheimnisvoll. Ich wusste natürlich, dass er Chemiker war, dass er mal ein Max-Planck-Institut geleitet hatte und nun, weißhaarig, Anzug und Fliege tragend, in seinem riesigen Arbeitszimmer immer noch jeden Tag an wichtigen Erfindungen arbeitete. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass irgendwas in seinem Leben nicht so gelaufen war, wie es hätte laufen sollen. Was genau das war, wusste ich nicht, darüber wurde auch nicht gesprochen. Als er viele Jahre später starb, im Herbst 2003, war mir klar, dass ich die Sache mit der Erbschaft ernst nehmen würde. Ich wollte herausfinden, was für ein Leben mein Großvater geführt hatte. Und wie es mit meinem Leben verbunden war.

Am Abend nach Günthers Tod begleitete ich Geo, meinen Vater, in die Bismarckstraße, in das Haus in Mülheim an der Ruhr, in dem meine Großeltern fast ein halbes Jahrhundert lang gelebt hatten. Wir hielten uns in Günthers Arbeitszimmer auf, in dem von allen Räumen der großen Erdgeschosswohnung seine Präsenz am deutlichsten zu spüren war. Papierstapel, Akten und Bücher lagen auf dem Konferenztisch, auf Sesseln, auf der Couch. Ich setzte mich in Günthers schwarzen Drehsessel, hinter dessen Lehne ich mich als Kind gut verstecken konnte und in dem ich mich gern gedreht hatte. Jetzt war das schwarze Leder völlig abgewetzt, was mir fast übertrieben symbolisch vorkam. Als wäre hier ein Filmausstatter am Werk gewesen.

Ich packte Bleistift und Skizzenbuch aus, denn ich wollte eine Zeichnung für die Traueranzeige machen. Zum Glück war mir die Idee mit der Zeichnung gekommen, auf diese Weise konnte ich mich mit ihm beschäftigen, mit seinem Umfeld, seinen Dingen, dem massiven eisernen Locher, dem vergoldeten Brieföffner – und doch nicht zu intensiv. Was immer an Gefühlen aufkäme, könnte ich ableiten, in Striche, Linien und Schraffuren.

Geo hielt sich in der Nähe auf, er war ruhig wie immer, schaute Papiere durch, trank einen Schnaps. Er hatte seinen Vater verloren, ich meinen Großvater, einen Helden meiner Kindheit. An der Wand hing das Aquarell, das Günther als Zwölfjährigen zeigt. Ein aufmerksamer Junge mit blauen Augen, der einen kleinen Gegenstand in der Hand hält. »Ich vermute, eine Art elektrischer Spule«, sagte Geo, als er das Bild betrachtete. Unten stand das Jahr: 1925. Es war mir schon früher aufgefallen, dass Günther offenbar ausgerechnet dieses Kinderbildnis an seinem Arbeitsplatz haben wollte, wo zwischen Bücherregalen und mit grünem Wollstoff verhängten Aktenschränken sonst nur ein nachgedunkeltes Ölporträt seines Vaters, eine gerahmte Fotografie seines Mentors und Doktorvaters Karl Ziegler und ein abstraktes, düsteres Gemälde aus Japan hingen.

Zu dem Gemälde gab es eine Geschichte: Günther hatte mit ein paar Leuten im Schloss Hugenpoet in Kettwig zu Abend gegessen. Am Nebentisch ereignete sich ein kleiner Aufruhr; offensichtlich ging es einem der Gäste, einem Japaner, nicht gut. Wissend, dass Günther einen Professorentitel hatte, bat der Oberkellner ihn um Hilfe. Günther war natürlich kein Arzt, aber das war auch nicht nötig, denn der Mann war, wie er mit ein paar Fragen herausfand, einfach erschöpft vom langen Flug und vom Jetlag. Günther ordnete an, dass ihm sofort ein Hotelzimmer und eine Flasche Champagner zur Verfügung gestellt werde, und so geschah es. Drei Monate später kam ein großes Paket aus Japan an. Ein großes, gerahmtes Ölbild und eine Grußkarte: »Mit herzlichem Dank für erste Hilfe, Champagner und Mädchen.« Das mit dem Mädchen habe ich nie ganz aufklären können. Christel, meine Großmutter, meinte, damit sei das Zimmermädchen gemeint gewesen, das den Champagner brachte.

Jetzt stand ich vor dem Bild und überlegte, ob es mir etwas sagte, seine Düsterkeit, die pastosen grauen Flächen, der sonderbar dicke Turm, der oben eine Art Antenne hatte.

Bilder, Möbel, Bücher – es ging jetzt darum, zu entscheiden, was mit den Dingen geschehen sollte, doch dafür waren vor allem mein Vater und seine Geschwister zuständig. Es war noch nicht geklärt, ob sie das Erbe überhaupt annehmen würden, sie wollten sich zunächst einen Überblick über Günthers Schulden verschaffen. Bis zuletzt von der Wichtigkeit seiner Arbeit überzeugt, hatte er sein Gehalt als emeritierter Professor und noch mehr in sein Sekretariat und in Patentgebühren gesteckt. Das Haus gehörte der Max-Planck-Gesellschaft und kostete Miete.

Seinen Tod hatte mein Großvater bereits Mitte der sechziger Jahre sorgsam vorbereitet, als er aufgrund einer spät diagnostizierten Autoimmunkrankheit mit seinem Ableben rechnete, wie er es ausdrückte. Die Details für seine Beerdigung waren also seit langem geklärt: Zur Aufbahrung sollte er in einen Smoking gekleidet werden, und alle Institutsmitarbeiter sollten nach der Beerdigung so lange auf seine Rechnung essen und trinken können, wie sie wollten.

In letzter Zeit hatte er sich weitere Gedanken gemacht. Er hatte mich gefragt, ob mir das rote Teeservice mit dem Margeritenmuster gefiel. Als ich bejahte, sagte er, dann sollst du das haben. Und bei einer anderen Gelegenheit hatte er mir beiläufig, aber auch ein wenig feierlich mitgeteilt, er wolle mir die Rechte an seiner Biographie vermachen.

Im Safe fand sich dann tatsächlich ein entsprechender Vermerk. Als älteste Enkelin stand ich ganz oben auf der Liste: Naomi, Biographie G. O. Schenck.

Als Achtjährige hatte ich schon einmal damit begonnen, sein Leben aufzuschreiben. »Mein Opa Günther« sollte das Buch heißen und von einem Wissenschaftler handeln, der Klarinette und Cello spielte, stets orangefarbene Schuhe im Kofferraum hatte und die Delphine im Duisburger Zoo rettete. Lugte sein Taschentuch aus der Brusttasche weiter heraus als normal, dachte er gerade über etwas Wichtiges nach und durfte auf keinen Fall angesprochen werden. Außerdem war es nicht ratsam, ihm von hinten die Augen zuzuhalten, denn er war Träger des schwarzen Gürtels und hatte mal jemanden, der hinter ihm aufgetaucht war, mit beiden Armen gegriffen und über den Tisch geschleudert. Wenn Gäste zum Abendessen da waren, kam es vor, dass er verschwand und meine Großmutter ihn schließlich in der Badewanne vorfand.

Es gab viele solcher Anekdoten, außerdem war da die schiere Spanne seines Lebens, die vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis nach dem Anschlag auf das World Trade Center reichte. Mir fiel ein, dass ich irgendwann schon mal mit vagen Absichten eine Schenck-Kiste angelegt hatte, in der sich seine Weihnachtsbriefe befanden, Fotos, besprochene Cassetten und fotokopierte Publikationen mit jeder Menge Formeln, die mir nichts sagten. Obwohl mein Vater ebenfalls Chemiker war, hatte ich in Chemie immer zwischen fünf und sechs gestanden und das Fach abgewählt, sobald es ging. Später hatte ich Kunst studiert und war schließlich Szenenbildnerin geworden. Außerdem schrieb ich Kurzgeschichten und Hörspiele. Damit hatte es wohl zu tun, dass Günther mir die Aufgabe seiner Biographie übertragen hatte – obwohl er wusste, dass ich kaum etwas von seiner wissenschaftlichen Hinterlassenschaft verstand.

Auch meine Geschwister hatten ihrer Ausbildung entsprechende Aufgaben erhalten. Jost, der Jurist, wurde zum Zuständigen für die rechtlichen Belange der Firmen erklärt, die sich aus Günthers Patenten ergeben würden; Toby, der eine eigene Softwarefirma hat, sollte im Aufsichtsrat die Familieninteressen vertreten. Beide hatten dafür eher eine Art müdes Lächeln übrig.

»Und was hat Günther dir vererbt?«, fragte ich meine Schwester Hanna, die Philosophie studierte.

»Ich soll mich um die Weiterentwicklung seiner wissenschaftstheoretischen Ansätze kümmern.«

Sie klang etwas genervt. »Er hat da mal so eine Liste gemacht, zur Vermeidung von Denkfehlern in der Wissenschaft«, sagte sie. »Wahrscheinlich finde ich die auch noch irgendwo. Wobei ich die jetzt nicht so wahnsinnig originell fand.«

»Was stand denn da so?«

»Vor allem hat er immer vor geistigen Epidemien gewarnt.«

»So was wie Nationalsozialismus?«

»Genau, aber auch andere Sachen, die wie bei einer Hysterie um sich greifen und die Leute dann irgendwie völlig vereinnahmen. Er wollte, dass man die Dinge anhand einer Fragenliste überprüft, bevor man sie behauptet.«

»Ging’s da auch ums Waldsterben?«

Ich dachte an seine Schimpftiraden über Politiker, die wissenschaftlich unfundiertes Zeug redeten. Seinen Ärger über die Grünen, die über das Waldsterben debattierten, aber keine Ahnung hatten. Und ausgerechnet die hörten ihm dann zu, als er Mitte der achtziger Jahre seine unorthodoxen Ideen zu dem Thema in der europäischen Fachpresse veröffentlichte.

»Ja, genau! Das war eines seiner Beispiele.«

Das mit den Denkfehlern notierte ich mir. Warum nicht gleich anfangen und schauen, wohin mich das führte? Außerdem wollte ich bei der Beerdigung in Heidelberg ein paar Worte sagen. Ich war zu dieser Zeit gerade dabei, meine Scheu vor öffentlichem Sprechen abzulegen, und wollte die Gelegenheit zum Üben nutzen.

Eine freie Rede wurde es nicht; ich las den kurzen Text vom Blatt ab. Ich sprach davon, wie Günther zwei Tage vor seinem Tod im Krankenhaus gesagt hatte: »Ich sterbe, aber ich will nicht sterben.« Und ich erzählte, dass er bis kurz vor dem Ende die Spülmaschine eigenhändig ausgeräumt hatte, mit geschlossenen Augen, um im Training zu bleiben, wie er sagte. Die Leute waren berührt. Ich selber auch, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht zu weinen. Irgendjemand schluchzte furchtbar laut, was mich irritierte.

Günther hatte sich für eine Feuerbestattung entschieden, das stand schon lange fest. Ich fand das okay. Wenn es so weit wäre, darüber nachzudenken, würde ich mich vielleicht auch lieber verbrennen lassen. Ein paar Wochen zuvor erst hatte ich für einen Tatort einen Friedhof mit Krematorium gesucht, in dem zwei Szenen gedreht werden sollten. In Krefeld wurde ich fündig, bei den pompösen Marmorgräbern der Sinti und Roma. Der Friedhofsangestellte erklärte mir das Krematorium. Den Ofen konnte er nicht für mich anwerfen, aber er zeigte mir eine Art Kehrblech und ein Sieb, mit dem man nach der Verbrennung des Körpers noch mal die Asche filtert. Falls doch irgendwelche Metallstücke zurückgeblieben waren.

Am Morgen nach der Beerdigung stieg ich in den ersten ICE von Mannheim nach Berlin. Sanft glitten die Waggons durch die Dunkelheit, die anderen Fahrgäste schliefen oder arbeiteten lautlos an ihren Laptops. Ich schaute aus dem Fenster, in dem sich das Abteil spiegelte und sich wie eine Folie über den Hafen legte, die vorbeiziehenden Lichter der Industrieanlagen auf der anderen Rheinseite, über noch dunkel daliegende Mietshäuser, dann kleine Wälder, Felder und Höfe. Ich dachte über mein Projekt nach. Wie könnte ein Buch über Günther beginnen? Mit einem Blick aus einem Zug, über Landschaften? Aber mit dem Zug ist er so gut wie nie gereist. Dafür saß er umso öfter am Steuer seines weißen Mercedes-Kombi, der später schon recht verrostet war und hinten ganz eingebeult vom Einparken. Als Kind hatte ich den Eindruck, er würde wahnsinnig rasen. Einmal kamen wir aus irgendeinem Kurort, an den ich meine Großeltern übers Wochenende begleitet hatte, und ich fing auf dem Rücksitz an zu weinen, weil ich sicher war, unsere letzte Stunde habe geschlagen. Die zitternde Nadel des Tachometers zeigte hundertdreißig Stundenkilometer an.

Als es heller wurde und jemand einen Kaffeewagen vorbeischob, packte ich meinen Computer aus und legte ein Dokument mit dem Namen »Günther« an. Ich schrieb ein paar Erinnerungen auf, doch dann wanderten meine Gedanken zu den bevorstehenden Wochen. Nach zwei Monaten ohne Engagement hatte ich endlich wieder einen Job an Land gezogen. Obwohl es für die Filmbranche normal war, dass das neue Jahr nach den Wintermonaten erst allmählich begann, hatte die Zeit als Bohemien wider Willen nicht nur an meinem Konto, sondern auch ein wenig an meinem Selbstbild genagt. Ich schloss die Günther-Datei und öffnete die Drehbuchfassung, die mir die Filmproduktion am Vortag geschickt hatte. Ich erstellte die Motivliste: Haus Tellmann. Villa Binz. Schrebergartensiedlung. Rasthaus am See.

Das war mein Job: die Drehorte finden und einrichten. Dem Film ein Gesicht geben. Villa Binz sollte eine Art Märchenhaus im Wald sein, sympathisch und etwas heruntergekommen. Es würde in einem später als Versicherungsbetrug entlarvten Feuer abbrennen. Ermittelnder Polizist war der kernige, verschlossene Horst Tellmann. Seinen Charakter spiegelnd, sollte Haus Tellmann irgendwie von der Straße aus uneinsehbar sein, deutsch, solide gebaut, geduckt hinter Bäumen oder Hecken. Keine direkten Nachbarn, hinter dem Garten ein Wald, in den man flüchten konnte. Die Vorschläge des Location Scouts befanden sich in der Henry-Ford-Siedlung in Berlin, die die Amerikaner in den Fünfzigern für ihre Offiziere angelegt hatten. Mehr oder weniger identische Bungalows, von außen für unsere Geschichte passend, aber innen sehr schick, wie ich beim Durchblättern der Fotos sah. Bücherregale, Eames Lounge Chairs, Kunst an den Wänden. Teure Kinderfahrräder und Schieferbadezimmer mit eckigen Badewannen.

Woher haben die Leute eigentlich alle so viel Geld? Ich erlaubte mir diesen Gedanken und fragte mich, ob dahinter Neid steckte. Ich kannte ja die Antwort: Manche Leute verdienten besser als eine Szenenbildnerin. Manche Paare waren Doppelverdiener. Manche Menschen erbten. Ich überlegte, wie es sich anfühlen würde, wenn Günthers Testament eine fünf- oder gar sechsstellige Summe auf einem Bankkonto für mich vorgesehen hätte. Die Vorstellung fiel mir schwer.

Kurz vor Berlin lackierte ich mir schnell die Fingernägel über. Dabei dachte ich an Christel, meine Großmutter, mit ihren gepflegten Fingernägeln, die sie regelmäßig lackierte, am großen Tisch in der Diele in der Bismarckstraße. Sie benutzte ein warmes, gebrochenes Rot von Dior. Dior sprach sie mit übertrieben hörbarem »r« am Ende aus, auf korrekte französische Aussprache legte sie Wert. In den vergangenen Tagen hatte ich immer wieder an Christel gedacht. Als wäre auch sie gerade gestorben und nicht schon vor vier Jahren. Kleine Flashs aus der Bismarckstraße: wie ich auf ihrem Stammplatz sitze und auf irgendetwas konzentriert bin. Wie sie sich von der Seite nähert, kurz bei mir stehen bleibt, mir über den Kopf streicht und sagt, bist lieb, und dann weitergeht.

Christels Leben endete mit einem langen Schweigen. Sie konnte noch sprechen, das wussten wir, aber sie hatte keine Lust mehr. Alle drei Tage kam mal ein Satz, sonst kaum ein Zeichen. Die Leute unterhielten sich in ihrem Beisein, Günther spielte alte Schlager auf dem Akkordeon. »Ich hab’ dich lieb, braune Madonna«. »Dein ist mein ganzes Herz«. »Ausgerechnet Bananen«. Manchmal hielt ich ihre Hand. Unfassbar zarte Haut über kleinen Knöchelchen. Sie atmete, aber sonst schien sie gar nicht im Zimmer zu sein. Einmal schaltete sie sich plötzlich ein, ganz unerwartet. Die Krankenschwester sagte irgendwas, und Günther, der an Christels Bett saß, antwortete seufzend: »Es hofft der Mensch, solang’ er lebt.« Daraufhin Christel mit vollkommen normaler Stimme: »… solang’ er strebt!« Das war ihr wichtig, dass Goethe nicht falsch zitiert wurde. Und sie versank wieder in sich selbst.

Als ich das nächste Mal kam, hatte sie seit Tagen weder ein Wort gesagt noch die Augen geöffnet. Natürlich bildete ich mir ein, sie verstünde auf irgendeiner Ebene, was ich sagte, und es würde ihr etwas bedeuten, dass ich ihr aus meinem Leben erzählte, von dem Problem mit den zwei Männern, zwischen denen ich gerade stand, lauter Zeug, das ich ihr sonst eher nicht erzählt hätte, weil diese Geschichten ihr Verständnis für die Enkelin vielleicht zu sehr strapaziert hätten. Bei meinem Selbstgespräch kam ich mir kitschig vor, als würde ich in einer Krankenhausserie spielen, doch irgendwie musste ich es zu Ende bringen, und dann rollten mir sogar Tränen die Wangen hinunter.

Ich hatte Christel einen Strauß Tulpen mitgebracht und ihn in einer Vase auf den Besuchertisch gestellt. Daran erinnere ich mich so genau, weil ich eine Zeichnung davon gemacht habe: Besuchertisch, Tulpenvase, Krankenbett, Christel. Ihr braunes Gesicht war durch tagelanges Auf-dem-Rücken-Liegen total aus den Fugen geraten. Nie war ihre Nase so groß gewesen. Auf meiner Zeichnung sah sie aus wie ein alter Indianer.

Am Abend meiner Rückkehr von Günthers Beerdigung kam Claus vorbei und lud mich zum Italiener ein. Er wollte mit mir meinen ersten Arbeitstag am neuen Film feiern. Ich teilte ihm mit, dass ich beschlossen hatte, ein Buch über meinen Großvater zu schreiben. Wider Erwarten war er nicht begeistert, sondern schaute mich fast mitleidig an. »So weit ist es jetzt schon?«, sagte er zweifelnd. Er hatte Günther nie kennengelernt, war aber überzeugt, dass ich ihn idealisierte, wie meine ganze Familie. »Da zucken doch alle zusammen, wenn man etwas gegen ihn sagt!«

»Quatsch. Ich sehe ihn auch kritisch. Glaub mir, das wird interessant!«

Ich zählte ihm auf, was mir an Highlights so einfiel: die »Operation Paperclip«, in deren Rahmen die Amerikaner ihn und andere Wissenschaftler bei Kriegsende aus den russischen Gebieten evakuierten; seine Zeit als Jazzmusiker; sein Chemielabor im Garten, wo er in den Nachkriegsjahren ein dringend benötigtes Medikament gegen Würmer herstellte. Dass er irgendwann in den sechziger Jahren die drei Kinder fragte: Wollen wir uns ein Haus kaufen, oder wollen wir für ein Jahr nach Amerika gehen? Und die Familie dann natürlich nach Amerika ging. Ich ließ Namen von Leuten wie Otto Hahn, Otto Bayer oder Otto Warburg fallen, über die in der Bismarckstraße Geschichten aus der Zeit kursierten, als Günther mit ihnen zu tun hatte; natürlich allen voran Karl Ziegler, der Mann, der mit seinem Niederdruck-Polyethylen das Zeitalter des Plastik eingeläutet hatte.

Günthers Beziehung zu Ziegler war prägend für ihn gewesen, hatte aber irgendwie nicht gut geendet, ohne dass ich genau wusste, warum eigentlich. An Claus’ Rückfragen merkte ich, wie viel ich würde recherchieren müssen. Aber es hatte ja keine Eile. Jetzt kam erst mal der Film.

Und der wurde anstrengend. Zwei Monate Motivsuche und Vorbereitung nahmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Gelegentlich rief Dagmar an, meine Mutter, um zu fragen, ob ich etwas Bestimmtes aus der Bismarckstraße haben wollte oder nicht. Bevor sie es auf den Müll gaben. Die schönen Sachen, die Musikinstrumente, die Bilder, das Silber, waren ohnehin längst auf die große Familie verteilt. Ich hatte unter anderem zwei hübsche Metalldosen aus seiner Sammlung nummerierter Tees an Land gezogen, Tee Nummer 5 (erdig duftende graubraune Kügelchen) und Nummer 17, dessen Jasminduft mich an gemütlich verregnete Nachmittage in der Bismarckstraße erinnerte. Und Christels dänisches Teakholz-Bänkchen, das mit hellroten Kissen vor den Fortschritt-Bücherregalen gestanden hatte, stand jetzt bei mir in Berlin unter dem Balkonfenster. Ich hatte es als meinen neuen Lieblingsplatz eingerichtet, um mit Claus zu skypen, der während dieser Zeit häufig in seinem Atelier in Mitte blieb. Eine Ausstellung kam auf ihn zu, er malte. An unserem vierten Jahrestag gingen wir zu einem Konzert der Einstürzenden Neubauten. Am Wochenende spielten wir Pingpong, um den Kopf freizukriegen, über verfehlte Bälle zu fluchen und das Verlieren zu lernen.

Einmal flocht sich die Bismarckstraße intensiv in meinen Filmalltag. Das war die Sache mit den Büchern, die verbrannt werden sollten.

Das letzte große Motiv des Films war die Villa Binz, in der die Bibliothek eines Historikers brennen sollte. Wir fanden ein denkmalgeschütztes Haus im Wald mit Türmchen und Bleiglasfenstern, deren Besitzer cool genug waren, unseren Spezialeffektlern zu erlauben, Feuer zu legen.

Das größte Problem waren zum Schluss die Bücher. Einundachtzig laufende Meter Bücher waren nach unseren Berechnungen nötig, um die Regale zu füllen. Aber selbst bei Emmaus kostete eine Kiste (weniger als ein laufender Meter) zwanzig Euro. Das war ein echtes Problem für unser Budget.

Ich dachte an Günthers Bücher. Die Kunstbände waren natürlich längst weg, die wissenschaftlichen Werke waren im Institut, ein paar Erstausgaben im Antiquariat. Übrig war nun der ganze Rest, und der lagerte in Umzugskartons und Bananenkisten unter dem Carport meiner Eltern. Sogar die Diakonie hatte es aus Platzgründen abgelehnt, sie anzunehmen. Meine Mutter rief immer mal wieder an, um die tollen Bücher anzupreisen, wahre Schätze, von denen wir uns doch unbedingt noch einige aussuchen sollten. Zum Altpapier wollten sie sie nicht geben. Es waren doch Bücher …

Die Idee lag nahe. Ich bewegte sie eine Weile in meinem Kopf. Ich wollte sicher sein, nicht pietätlos zu handeln. Aber es passte einfach.

Ich pitchte meinem Vater die Sache.

»Stell dir vor, die Bücher werden nicht weggeworfen, sondern verbrannt. Und das Ganze wird sogar auf Zelluloid gebannt und wird im Film zu sehen sein.« Einige Sekunden Stille. So lange brauchte Geo, um sich selber die Pietätsfrage zu beantworten. Dann lachte er und meinte, das passte zu Günther, zu seinem Faible für dramatische Abgänge. Er sprach mit seinen Geschwistern, mit Gudrun in Heidelberg und Billi in München. Alle gaben grünes Licht.

Der Requisitenfahrer fuhr mit dem leeren Sprinter nach Mülheim und kam mit der Ladung Bücher aus der Bismarckstraße zurück. Das Motiv war bereits halb eingerichtet. Die Spezialeffektler hatten das vordere Zimmer komplett feuerfest verschalt, ohne ein einziges Bohrloch zu verursachen. Die Platten waren nur eingekeilt und doch bombenfest, wie mir der Bauleiter anhand eines Klimmzugs vorführte. Ein nur wenige Zentimeter kleinerer Raum im Raum war entstanden; er erinnerte an die Kunstinstallation Haus ur von Gregor Schneider. Dann begannen wir mit der zu verbrennenden Einrichtung. Alte Teppiche, kaputte Lampenschirme und ein ausgesessener Ohrensessel, die vor der Kamera, so hoffte ich, edel genug wirken würden. Alles wurde mit Brennpaste eingeschmiert. Auch die Regale aus leicht brennbarem Holz, die vor Ort noch braun angemalt wurden.

Gemeinsam mit zwei Kollegen räumte ich die Bücher meiner Großeltern in die Regale. Immer fünf oder sechs Bücher konnte ich greifen, auf die Titel achtete ich nicht. Manchmal war was Französisches dabei. Falls ein Handorakel von Baltasar Gracián darunter wäre, würde es mir aber sicher auffallen, dachte ich, es würde aus all den bräunlichen Büchern herausleuchten. Die Kunst der Weltklugheit, wie das Werk im Untertitel heißt, war Günthers Lieblingsbuch gewesen, er hatte es oft verschenkt, in der Bismarckstraße entdeckte ich immer wieder andere Ausgaben und wunderte mich darüber, wie viele davon im Umlauf waren: Hardcover und Taschenbücher und Editionen aus verschiedenen Jahrzehnten, in einigen steckten gelbe Klebezettel, in andere hatte er seine Anmerkungen mit Kugelschreiber oder Bleistift notiert.

Jemand reichte mir ein paar beschriebene Karteikarten, die als Lesezeichen in Büchern steckten. Meist chemische Formeln. Eine Sprache, die ich nicht verstand. Aber Günthers Handschrift war mir beinahe so vertraut wie meine eigene.

Die Requisiteurin schaute mich vielsagend an, vorwurfsvoll. Obwohl ich es ihr erklärt hatte, verstand sie nicht, wie ich so etwas machen konnte. Die Bücher meines Großvaters für einen Film verheizen. Ich selber war mir plötzlich nicht mehr sicher.

Während wir im Garten auf die Dunkelheit warteten, wurden im Haus die letzten Leitungen gelegt, Equipment gesichert, Kerosin im Set versprüht. Der Spezialeffektler warf alle aus dem Set und brüllte mehr als nötig, der Aufnahmeleiter wiederholte die Ansagen seinerseits schreiend. Das Team verzog sich wie eine bummelnde Schafherde in den Garten, zu den Kollegen hinter die Monitore.

Einige wenige Auserwählte wie der Tonmeister, der mit seinem Tonwagen einen Sonderplatz in der Küche hatte, durften bleiben. Von meinem Platz unter einem Baum sah ich, wie er sich noch mal in den Bücherraum stahl, kurz bevor es losging. Mit schräg geneigtem Kopf stand er vorm Regal, betrachtete die Bücher, zog eines heraus. Später zeigte er es mir: John Muir, Die Berge Kaliforniens.

Dann brannte das Feuer, kontrolliert und kräftig. Sein Licht überstrahlte die Bücher. Erst später, in den nahen Einstellungen, erkannte ich am Monitor einzelne angesengte Buchseiten, die der Innenrequisiteur mit Aschefetzen ins Bild pustete.

Dem Film folgten weitere Filme, und es vergingen mehrere Jahre, in denen mich immer etwas davon abhielt, das Günther-Projekt in Angriff zu nehmen. Manchmal fiel es mir ein, zum Beispiel, wenn ich in Mülheim bei meinen Eltern war oder bei meinen Geschwistern, die Familien gründeten und Kinder bekamen, die ihre Urgroßeltern nie kennenlernen würden. Doch Günthers Leben blieb ungeschrieben. Es ist wichtig, aber es ist nicht so dringend, sagte ich mir und vertraute darauf, dass die richtige Zeit dafür kommen würde. Und so geschah es dann auch, aber anders, als ich es mir vorgestellt hatte – nicht in Form einer Inspiration, sondern als eine verstörende Überraschung.

Ich hatte Toby angerufen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, und meine Nichte Henriette war ans Telefon gegangen. Sie kam gerade vom Karate und musste gleich weiter zu ihrer Robotik-Gruppe, wo sie Roboter baute und programmierte, die in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antraten. Wir plauderten kurz, und sie erzählte mir, dass sie neulich etwas im Internet recherchieren musste und aus Langeweile zwischendurch googelte, was es eigentlich über ihre Familie zu finden gab. Und dabei stieß sie auf einen Wikipedia-Eintrag über ihren Urgroßvater Günther Otto Schenck. »Aber da stand nicht viel«, sagte Henriette. »Nur, wo er geboren wurde und wann er gestorben ist. Und welche Auszeichnungen er hatte.«

Seltsam, dass ich selbst nie auf die Idee gekommen war, Günther einfach mal zu googeln. Nach dem Telefonat setzte ich mich an den Computer und fand den Eintrag.

»Günther Otto Schenck war ein deutscher Chemiker«, stand da. »Er trat im November 1933 der SA bei und war seit 1. Mai 1937 Mitglied der NSDAP. Er war Professor für Chemie in Göttingen und Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Strahlenchemie in Mülheim an der Ruhr.«

Das mit der NSDAP wusste ich. Günther hatte mir erzählt, dass ein Freund ihn einfach dort eingetragen hatte. Um ihn zu schützen. Und wenn man einmal drin war, trat man besser nicht aus.

Von der SA wusste ich nichts.

2
Bismarckstraße

»Your grandfather was a chemist in Germany?«, hatte die jüdische Psychotherapeutin gesagt. »What did he do during the war?«

Das war vor Jahren gewesen, in Kalifornien. »Oh, da sind Sie auf dem falschen Dampfer«, hatte ich geantwortet. »Das sagen zwar viele, aber in meinem Fall war es tatsächlich so: Meine Familie war eine Ausnahme.« Meine Großmutter sei so streng katholisch erzogen gewesen, dass sie beim Hochrecken des rechten Arms immer schnell das Vaterunser aufsagte, erzählte ich, und wahrscheinlich auch die Geschichte, wie Günther beim Gesundheitsamt darum gebeten hatte, man möge ihm den Ariernachweis doch als Stempel auf den Hintern geben, dann müsse er bei Bedarf nur die Hose herunterlassen. Die Therapeutin schaute mich lange an. Sie sagte nichts, sie ließ mich reden. Das ist wohl eine bestimmte Therapieform. Ich kam mir vor wie jemand, der etwas vertuscht.

Vertuschen ist etwas, das nicht zu unserer Familie passt. Es wird viel gesprochen. Man hat das Gefühl, man kann über alles reden. Geo hat mir erzählt, das sei ihm als Kind auch schon so gegangen, und das war in den fünfziger Jahren sicher noch ungewöhnlicher als heute.

Aber dass man das Gefühl hat, heißt ja nicht, dass es tatsächlich so war, denke ich. Oder heute so ist. Vermutlich kann man die Fülle der Geschichten aufteilen in jene, die erzählt wurden, und jene, die nicht erzählt wurden.

Seltsam, wie schnell man sich an Neuigkeiten gewöhnt. Vor kurzem hätte ich es noch für ausgeschlossen gehalten, dass Günther mehr als nur das Allernötigste mit dem damaligen System zu tun hatte. Jetzt kommt mir seine SA-Mitgliedschaft manchmal schon ganz normal vor, dabei ist seit dem Gespräch mit Henriette noch nicht viel Zeit vergangen. Dann wieder finde ich es absurd und verstörend.

Ich stehe im Archiv der Universität Heidelberg und halte eine vergilbte Karteikarte in der Hand. Im Neonlicht des Lesesaals erkenne ich die Schrift meines Großvaters, die offensichtlich bereits 1933 so klein und krakelig war wie im Alter. Er selbst hat das Eintrittsdatum eingetragen: »5.11.’33« und »Mann.« für Mannschaft. Immerhin, vom Rang her ganz unten. Die Einsichtnahme hat zehn Minuten gedauert – zehn Minuten und eine Bahnfahrt von Berlin nach Heidelberg.

Hinterher laufe ich durch die von Touristen bevölkerte Altstadt, weiche japanischen Reisegruppen aus, französische und spanische Gesprächsfetzen dringen an meine Ohren. Ich biege in die nächste Gasse, die fast menschenleer vor mir liegt. Vorbei am Studentenkarzer, von dem bereits Mark Twain geschrieben hat, und niedrigen Häusern mit Fensterläden und farbigen Türumrandungen. Eine Brezel im Wappen als Schlussstein über einer alten Tür. Die Häuser und das Pflaster sind aus der Barockzeit. All das muss vor achtzig, neunzig Jahren praktisch genauso ausgesehen haben, als Günther hier entlanglief. So groß ist die Altstadt nicht, er wird diese Gassen gekannt haben. Nur die Kleider der Menschen hatten gedecktere Farben, die Chemie hatte noch nicht so viele Farbstoffe entwickelt.

Und es waren mehr Leute in Uniformen unterwegs. Mitte der zwanziger Jahre, als die SA aufkam, gab es noch keine einheitlichen Uniformen, das weiß ich inzwischen; jeder trug, was er für angemessen militärisch hielt. In den Jahren danach bemühte sich die Führung der SA darum, die Uniformierung einheitlicher zu gestalten, und führte das Braunhemd ein, die kurze braune Hose, Halstuch und Mütze, Reitstiefel, alles braun. In den unversehrt gebliebenen Gassen lassen sich die Geister ohne große Anstrengung heraufbeschwören: Die Vorstellung, dass hier ein Pulk pöbelnder junger Braunhemden um die Ecke biegt, fällt mir leicht.

Schwieriger ist es, mir Günther inmitten dieser Gruppe vorzustellen. Ich rufe ein, zwei Jugendfotos ab, die ich von ihm kenne, sein rundes, milchweißes Gesicht, die Brille und das verschmitzte Lächeln, als läge ihm gerade ein guter Witz auf der Zunge. Das Bild von ihm mit braunem Halstuch und brauner Mütze, marschierend in der Gruppe, gelingt mir kaum.

Warum nicht? Denke ich, dass er es moralisch abgelehnt hätte? Ist es mein Impuls, ihn in Schutz zu nehmen? Ich komme zu dem Schluss: Es liegt daran, dass es einfach nicht passt. Nicht zu seinem elitären Bewusstsein, nicht zu seinem Selbstverständnis als origineller Freidenker. Er hat mir mal erzählt, er habe die Nazis schon in den zwanziger Jahren »furchtbar doof« gefunden und sich überhaupt nicht vorstellen können, dass solche Idioten jemals an die Regierung kommen würden. Mir erschien das glaubhaft. Auch, dass er in einer Pflichtvorlesung zur »Deutschen Physik« unangenehm auffiel, weil er fragte, ob denn wirklich jemand glaube, dass Moleküle sich anders verhielten, wenn sie die Grenze von Deutschland nach Belgien überquerten. Und es hatte diesen Gesprächskreis seines politisch engagierten Vaters gegeben, an dem Günther seit seinem siebzehnten Lebensjahr regelmäßig teilnahm; die meisten Mitglieder gehörten wie mein Urgroßvater zur DDP, zwei oder drei von ihnen standen anderen demokratischen Parteien nahe.

Wie passte das zur SA, dieser primitiven Schlägertruppe?

Dann denke ich an Günthers Ehrgeiz und daran, dass die Wissenschaft ihm wichtiger war als alles andere. Die Wissenschaft und die Familie. Woher wollte ich wissen, dass er nicht Seiten hatte, die ich nicht kannte – zumal als Zwanzigjähriger? Wollte er sich die Hörner abstoßen? Sich von seinem liberalen Vater abgrenzen?

Ich rufe Geo an. Er schweigt lange. Sein Schweigen hat etwas Brütendes, mein Schweigen ist eher ungeduldig, während ich durch die sonnenbeschienene Ingrimgasse laufe und mit einem Auge ein politisches Plakat wahrnehme: Ein Volk, das solche Fußballspieler hat, braucht keine Universitäten.

Ich erwarte eine Antwort, so als wäre mein Vater für seinen Vater verantwortlich. Irgendetwas Angemessenes. Vielleicht auch nur eine Bestätigung, dass das ja wohl eine unglaubliche Neuigkeit sei, das mit der SA. Ich meine zu spüren, wie sich bei ihm ein Gegendruck aufbaut, trotz der ruhigen Stimme, mit der er schließlich sagt, das mit der SA habe er nicht gewusst. Diese Information könne jedoch das Bild, das er von seinem Vater habe, nicht ändern.

»Wieso eigentlich nicht?«, frage ich gereizt.

Das Telefon dicht ans Ohr gepresst, erwarte ich gespannt Geos Antwort, obwohl ich vermute, dass es etwas Deeskalierendes sein wird, irgendein Dämpfer, der mich mit meiner Entdeckung womöglich als sensationslüstern dastehen lässt. Ist doch klar, er will seinen Vater schützen. Genauso wie ich ihn, meinen Vater, würde schützen wollen.

»Es beruht auf einem Gefühl«, sagt er schließlich. »Ich habe mich eine Zeitlang sehr mit der Vergangenheit meines Vaters auseinandergesetzt, und ich bin irgendwann zu dem Schluss gekommen: Der Mann war unschuldig. Bestimmte Details können an dieser Überzeugung nichts ändern.«

Ich antworte irgendwas, vermutlich wiederhole ich mich, erlaube mir, unsachlich zu sein; ich meine dieses Recht auf Emotionalität zu haben. Er lässt mich ausreden. Dann sagt er:

»Was war denn noch im Jahr 1933?«

Ich verdrehe die Augen.

Aber er meint etwas Bestimmtes. Günthers Vater, mein Urgroßvater Otto Schenck, verlor in dem Jahr seine Stelle, einen Monat nach der Machtübernahme der Nazis. Er war Vize-Rektor an einem Heidelberger Gymnasium gewesen und Ortsvorsitzender der DDP, der Deutschen Demokratischen Partei.

»Da sollten keine Gesinnungszweifel auftauchen«, vermute ich nach einer Pause.

»Ich sage es nur«, murmelt Geo.

SA? »Da hat ihm bestimmt jemand einen Jagdschein verschafft«, sagt Jürgen, tief im beigen Ledersofa versunken. Er ist Günthers Schwiegersohn, der Mann meiner Patentante Gudrun. »Das Datum zurückdatiert, so dass er als alter Kämpfer galt und in Ruhe gelassen wurde. Das haben sie mit meinem Vater auch so gemacht.«

Ich sitze mit meiner Tante, meinem Onkel, meiner Cousine und ihrem Baby im Wohnzimmer in Heidelberg-Handschuhsheim. Eine Rose steht auf dem Couchtisch, Gläser mit Champagner, Gudrun und Jürgen feiern ihren Hochzeitstag.

Jetzt sind alle betroffen. Ich frage mich, ob das an Günthers SA-Mitgliedschaft liegt oder daran, dass ich in der Vergangenheit wühle. Plötzlich habe ich das Gefühl, mein Interesse rechtfertigen zu müssen. Ich möchte ihn ja auch schützen, will ich sagen, aber dafür möchte ich erst mal wissen, was los gewesen ist.

Das Gespräch entfernt sich von Günther, wird allgemeiner: die dreißiger Jahre, die Stimmung in der Bevölkerung, die Angst. »Wenn meine Tochter in Gefahr wäre, würde ich überall eintreten«, sagt meine Cousine. Wir sind uns einig. Wir wechseln das Thema. Dann gehen alle schlafen.

Eine Szene aus meiner Kindheit. Günther hat die Delphine im Duisburger Zoo gerettet. Sie waren krank geworden, zwei waren schon gestorben, und niemand konnte ihnen helfen, bis er kam und das Wasser reinigte. Er benutzte UV-Licht und verbot dem Zoo, weiterhin Chlor ins Wasser zu schütten. Die Delphine wurden wieder gesund, und Günther kam ins Fernsehen. Wir wohnten damals in einem Reihenhaus, von dem ich kaum mehr in Erinnerung habe als das kleinkarierte Muster des Resopaltisches, an dem mein roter Hochstuhl stand. Wir machten uns zu den Nachbarn auf, meine Mutter, mein Vater und ich, denn die hatten einen Fernseher, und wir wollten doch Günther in den Nachrichten sehen. Ich saß im Schneidersitz auf dem Teppich, und als Günther kam, sah er aus, wie ich ihn aus der Bismarckstraße kannte, mit großer Brille, hoher Stirn und seiner gestreiften Fliege unterm Kinn. Er sprach ruhig und besonnen. Ich wollte nichts verpassen. Die Nachbarin scharwenzelte ständig um mich herum: »Guck mal, da ist der Opa! Guck mal, der Opa ist im Fernsehen!« Eine Weile ignorierte ich sie, dann drehte ich mich kurz zu ihr um und sagte schroff: »Günther!«

Die schon erwähnte Eigenart, dass sich in unserer Familie alle mit Vornamen ansprechen, fanden Außenstehende oft seltsam. Meinen Vater nannte ich schon immer Geo, meine Mutter Dagmar. »Hast du deine Eltern denn gar nicht lieb?«, fragte mich eine Freundin im Kindergarten, als sie mitbekam, dass ich nicht Mama und Papa sagte. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Dann versuchte ich mal, Mama zu sagen, und meine Mutter schaute mich verwundert an.

Mein anderer Großvater hieß übrigens auch Günther, meine andere Großmutter Emmi. Um die beiden Günthers zu unterscheiden, sprachen wir vom Christelgünther und vom Emmigünther. Wenn sich die beiden Großelternpaare auf Familienfesten trafen, plauderten sie freundlich miteinander. Ansonsten hatten sie nicht viel miteinander zu tun. Ich hatte den Eindruck, dass beide Seiten nachsichtig und wohlwollend gegenüber der jeweils anderen Seite waren.

Der Emmigünther duschte kalt im Garten, war preußisch pünktlich und ging zweimal täglich mit Dixie, dem schwarzen Langhaardackel, Gassi. Er war Hausarzt, hatte eine Praxis im Anbau des Hauses und brachte dem Christelgünther manchmal ein Rezept in der Bismarckstraße vorbei. Emmi rauchte Zigarillos, sammelte Schachteln und hatte Angst vorm Zahnarzt, weswegen sie nur noch wenige Zähne im Mund hatte – was sie nicht vom Lachen abhielt. Wenn sie für Dixie Hühnermägen in der Pfanne briet, zog der Geruch durchs ganze Haus.

Emmi und Günther wohnten am Stallmannshof, in einer Sackgasse auf dem Saarnberg. Dort hatten sie ein Panoramafenster, durch das man über ganz Mülheim gucken konnte: die wenigen Hochhäuser, dahinter die Flussauen, bis hin zur anderen Ruhrseite, zum Kahlenberg. Der Kahlenberg war nicht kahl, sondern mit Wald überzogen, aus dem auf der linken Seite der Bismarckturm ragte, mit seinen Zinnen, die ich Schießscharten nannte.

Christel und Günther wohnten gleich oberhalb vom Bismarckturm in einem stattlichen Backsteinhaus aus den zwanziger Jahren, das auf der einen Seite durch einen einstöckigen Anbau noch größer gemacht worden war. Eine breite Rampe führte direkt darunter in die Garage, wo Platz für zwei Autos und jede Menge Kisten, Ersatzreifen und Gartengeräte war. Auf beiden Seiten des Hauses führten rote Kieswege in den Garten. Eigentlich ist es gar kein Kies, hörte ich mal jemanden sagen, es sind fein zerkleinerte rote Backsteine. Das sah schön und vertraut aus, wie alles in der Bismarckstraße, aber es pikste, wenn man barfuß darüberlief. Ganz hinten hing die Schaukel, an einem Ast der riesigen Kastanie. Dieser Baum stand wie ein Gebäude aus Blättern dem Haus meiner Großeltern gegenüber. Dazwischen lag die Wiese mit der Hollywoodschaukel. Von hier sah man auch die Fenster der oberen Etage, wo früher einmal die Krauchs gewohnt haben – gute Freunde meiner Eltern, die auch vier Kinder hatten, allerdings etwas älter als ich. In meiner Kindheit wohnten die Behrens dort, die auch etwas mit dem Institut zu tun hatten, aber man sah sie kaum – außer manchmal nebenan, im Schwimmbad von Henny Remmen, zu dem wir durch ein Törchen im Gartenzaun Zugang hatten und wo Frau Behrens mit hoch erhobenem Kopf schwamm, damit ihre turmartige blonde Hochsteckfrisur nicht nass wurde.

Meistens machte ich eine Kerze beim Sprung ins Wasser. Mit einem Kopfsprung elegant hineinzugleiten, lernte ich nie, weil es mir zu gefährlich schien. Christel hatte mich eingehend davor gewarnt: Wenn man falsch aufkam, würde die Wasseroberfläche hart wie ein Brett. Ich weiß nicht mehr, ob sie es so ausdrückte oder ob es meine Phantasie war, dass dieses brettharte Wasser meinen Bauch aufplatzen lassen würde; jedenfalls sah ich vor mir, wie sich das Wasser, von meinem Bauch ausgehend, rot einfärbte. Diese Gruselgeschichten – wie auch jene, dass man an heißen Tagen bloß nichts Eisgekühltes trinken dürfe, da sonst ein Hitzschlag drohe – gehörten irgendwie mit dazu und taten dem Gefühl des Behütetseins keinen Abbruch. Die Bismarckstraße war im Winter gut geheizt, im Sommer wurden die Räume von dicken Wänden kühl gehalten. Es duftete zart nach Zigarettenrauch, nach Schokolade und Parfum. Erdbeeren wurden großzügig gezuckert, weil Günther meinte, dann käme das Aroma besser zur Geltung. Das fand ich auch. In der Bismarckstraße wurde ich verstanden, verwöhnt und in Ruhe gelassen. Und der Bismarckturm stand für die Welt, wie sie sein sollte.

Als ich irgendwann mitbekam, dass es noch andere Bismarcktürme gab, in anderen Städten, irritierte mich das; für mich gab es nur den einen. Später hörte ich jemanden von der »Scheußlichkeit sämtlicher Bismarcktürme« sprechen. Ich glaube, es war mein Bruder Jost, und erschüttert musste ich feststellen, dass dieses plumpe neogotische Monument aus rustikalen Natursteinen tatsächlich nicht meinem Geschmack entsprach. In der Zwischenzeit war der Turm gesäubert worden, seine Struktur aus hellen und dunklen Steinen war deutlicher zu erkennen, wie auch der Reichsadler auf der Vorderseite, den ich als Kind nie wahrgenommen hatte. Damals war der Bismarckturm, wie die meisten alten Gebäude im Ruhrpott, einfach schwarz gewesen.

Es hatte für mich schon immer etwas Beruhigendes, wenn Menschen in meiner Nähe geistig oder körperlich arbeiteten oder auf friedliche Weise mit irgendetwas beschäftigt waren. Und das waren Günther und Christel. Günther in seinem riesigen Arbeitstrakt, der aus drei Räumen bestand: einem großen Raum mit Zugang zur Terrasse, einem Sekretariat und einem etwas erhöhten Erkerzimmer. Letzteres musste einmal ein zauberhafter Raum gewesen sein, ein Wintergarten, zu dem zwei Stufen hinaufführten, mit Blick auf die Obstbäume. Jetzt war das Zimmer vollgestellt mit Aktenwagen, Kartons und verstaubtem Büromobiliar. Ich ging nur hierher, wenn ich zwei Stufen erhöht stehen wollte, um einen Überblick über die Bücherregale und den endlos langen Konferenztisch zu haben, der mit unterschiedlich hohen Papierstapeln bedeckt war. Dazwischen lagen Aktenordner und aufgeschlagene Bücher. Die Wand hinter dem Tisch war verhüllt von einem dunkelgrünen Vorhang, der von der Decke bis zum Boden ging. Eine raumlange Strecke perfekter Falten, makellos und geheimnisvoll. Als ginge es dahinter weiter in die Tiefe.

Das Sekretariat war separat von der Wohnung aus zu erreichen, über einen kurzen Flur, wo im offenen Regal Cognacgläser, Stoffservietten und Trinkhalme untergebracht waren. Wenn ich nicht sicher war, ob ich Günther stören durfte, nahm ich diesen Weg ins Arbeitszimmer und gelangte erst mal zur Sekretärin Fräu’n Heuer, die in ihren Faltenröcken und hochgeschlossenen Rüschenblusen stoisch am Schreibtisch ihrer Arbeit nachging. Wie überhaupt der ganze Raum mit seinem Summen und Surren ständig zu arbeiten schien. Denn außer Stahlschränken und Aktenregalen befand sich hier vor allem seine Computeranlage, die Fräu’n Heuer »Textverarbeitung« nannte. Kastenartige bernsteinfarbene Monitore mit markisenartigen Blendschutzen, so hoch gebaut, dass sie die Fenster halb verdeckten. Meterlange, an den Seiten gelochte Papierbahnen verließen unaufhörlich die Nadeldrucker und standen später als Malpapier zur Verfügung. Andere Blätter wurden dem elektronischen Aktenschredder zugeführt, der einen Wust feiner Streifen produzierte, für die es eigene Auffangbehälter gab. Alles im Sekretariat war schwer und massiv. Der Tesa-Abroller hatte eine Unterseite aus Filz und war nur mit beiden Händen hochzuheben. Auf Fräu’n Heuers Schreibtisch lag manchmal eine angebrochene Packung Bahlsen-Kekse, die meinen Blick magisch anzog, ohne dass ich mich getraut hätte, meinem Verlangen nachzugeben. Ich wollte nicht verfressen wirken.

Die Tür zwischen Sekretariat und Günthers Arbeitszimmer hing voller Karteikärtchen und stand meistens offen. Betrat man den Raum von hier, sah man meinen weißhaarigen, stets in einen silbergrauen Anzug gekleideten Großvater über Manuskripte gebeugt am Kopfende des langen Konferenztisches sitzen. Oft war Günther so sehr in seine Lektüre versunken, dass man ihn zweimal oder dreimal ansprechen musste, bis er einen bemerkte. Wenn man aber den Tisch entlangging und sich für das ein oder andere dort interessierte, vielleicht sogar Anstalten machte, etwas zu berühren, schoss er augenblicklich in die Höhe und brauste auf: »Nicht anfassen!«

Ein langer Blick voller Unverständnis, wie man auch nur auf den Gedanken kommen konnte. Erst dann das erlösende Grinsen von Ohr zu Ohr.

Günther hatte eine leise Stimme, und er baute gern lange Schachtelsätze, die mit einem Witz oder einer Provokation endeten. Nachdenken und Sprechen passierten bei ihm in Echtzeit, er verfertigte seine Sätze während des Sprechens und zog somit alles in die Länge – eine Angewohnheit, die mein Vater und meine Brüder übernommen haben, jeder auf seine Weise. Das Fenster hinter seinem Platz war von orangefarbenen Vorhängen umrahmt, die in der Abendsonne so intensiv leuchteten, dass ich den Blick kaum davon losreißen konnte.

Christels Ort war die Diele. Als Kind dachte ich, Diele sei ein anderes Wort für Wohnzimmer. Ich hatte noch nicht verstanden, dass Günther sich die repräsentativen Räume als Arbeitsbereich unter den Nagel gerissen hatte, weshalb das Wohnzimmer in der Bismarckstraße in einem dafür gar nicht vorgesehenen Raum eingerichtet worden war, der sich im Anbau befand und durch den man hindurchmusste, um zu den hinteren Schlafzimmern zu gelangen. Groß genug war die Diele auf jeden Fall. Es gab jede Menge Sessel und Teppiche und warm leuchtende Lampenschirme, hier lief der Fernseher, hier machte ich meine Hausaufgaben, hier stand der Esstisch, an dem Christel ihren Stammplatz hatte. Wenn Besuch da war, zum Beispiel jemand vom Wildwest, einer Gruppe alter Freunde aus Heidelberg, die sich einst als zwölf-, dreizehnjährige Jungs zu einem Fahrradclub zusammengetan hatten, saßen diese Leute auf der lindgrünen Sitzgruppe vor dem Glasbausteinfenster.

Das große Fenster der Diele ging zur Bismarckstraße raus, die relativ steil abschüssig war und auf der ab und zu eine Straßenbahn vorbeifuhr. Genau gegenüber lag, umgeben von hohen Bäumen und einem schmiedeeisernen Zaun, das Stinneshaus. Es war das größte und unheimlichste Haus, das ich kannte, und wie der Bismarckturm war es schwarz. Niemand schien darin zu wohnen; manchmal sah man jemanden hineingehen, aber diese Leute wirkten eher wie technische Bedienstete oder Hausmeister. Die Vorderansicht des Stinneshauses mit seinem riesigen halbrunden Fenster über dem von vier mächtigen Säulen getragenen Eingangsportal war so sehr mit der Bismarckstraße verbunden, dass ich es als Teil meines Zuhauses begriff. Christel hatte meistens die Gardinen geschlossen.

Der Flur hinter Christels Diele war so schmal, dass man hintereinander gehen musste; auf der einen Seite waren lauter Schränke, auf der anderen Regale mit Krimis. Inmitten der Krimis befand sich die Tür ins Kinderzimmer.

Das Kinderzimmer hieß so, weil ich dort manchmal übernachtete. Ansonsten hatte es nichts Kindliches. Christels schwarzer Flügel stand dort und eine Kiste mit alten Noten. Die Bücherregale mit Reiseführern und Kunstbänden über Pompeji und peruanische Masken wirkten ungenutzt; die kleinen Gegenstände vor den Büchern, bemalte Tonvögel oder verzierte Aschenbecher, waren alle an irgendeiner Ecke angeschlagen. Das Kinderzimmer war immer funzelig, selbst wenn man das Licht anschaltete. Auf dem Flügel stand ein Globus, der warm und bläulich leuchtete, Christel hatte ihn auf meine Bitte dorthin gestellt. Vorher hatte er auf dem Fensterbrett gestanden und war von den schweren Vorhängen verdeckt gewesen, die immer zugezogen waren.

Das Kinderzimmer hatte eine braun gestrichene Decke und zwei braun-weiß geblümte Schlafsessel, die man ausziehen konnte. Zum Einschlafen hörte ich Cassetten. Bei Hänsel und Gretel wurde mir so unheimlich, dass ich mich lange vor Ende der Geschichte tief unter der Bettdecke vergrub. Ich fürchtete mich vor dem Moment, da die vertraute Stimme des Erzählers die letzten Sätze sprechen und das anschließende heisere Rauschen schließlich von dem mechanischen Zurückklacken der Playtaste beendet und mich in absoluter Totenstille zurücklassen würde.

Tagsüber war ich selten im Kinderzimmer. Eigentlich nur, um heimlich Schokolade zu essen, oder wenn Christel am Flügel saß und Chopin spielte. Die Schmetterlingsbrille, die sie dann aufsetzte, stammte aus einem anderen Zeitalter, sie wirkte fremd und altmodisch damit, außerdem schnaufte sie hörbar beim Spielen. Ich betrachtete sie von der Seite, wie ihre Augen hinter den Brillengläsern konzentriert den Noten folgten, während ihre Hände zugleich suchend und sicher in die Tasten griffen und manchmal sogar über Kreuz über sie hinwegflogen. Diese ineinanderfließenden Melodien waren mitreißend und belebend, doch nie übertönten sie das heisere Rasseln, das beim Spielen aus Christels Brustkorb kam. Vielleicht stand ich zu nah, gleich hinter ihr.

Einmal blieb Günther im Flur stehen, um Christels Spiel zuzuhören; er kam näher, schaute ihr über die Schulter und strich dann mit der Hand einmal über ihren großen Busen. Er blieb noch einen Moment, dann ging er wieder. Es war eine natürliche, liebevolle Geste, ein wenig intimer als das, was ich sonst sah; nicht für meine Augen bestimmt, aber auch nicht nicht-für-meine-Augen-bestimmt. Christel schien genau dasselbe zu denken, und obwohl sie die ganze Zeit weiterspielte und den Blick nicht von den Noten ließ, spürte ich eine erhöhte Aufmerksamkeit im Raum.

Von Heidelberg bin ich nach Mülheim gekommen. Ich will noch einmal in die Bismarckstraße, auch wenn das Haus meiner Großeltern nach Günthers Tod umgebaut wurde und niemand mehr dort wohnt, den wir kennen. Meine Eltern holen mich gemeinsam am Bahnhof ab. Natürlich geht es erst mal an den Bühl – in jene hufeisenförmige Einbahnstraße am Saarnberg, in der ich aufgewachsen bin und wo meine Eltern immer noch wohnen. Rau verputzte Doppelhäuser aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, aber konzipiert in der Kaiserzeit, reihen sich aneinander. Jedes hat – in zwei Varianten – exakt dieselben Abmessungen, einen geometrischen Schmuckfries, der die nicht vorhandene Taille des Hauses betont, und individuelle Anstriche, mit denen die gutbürgerlichen Bewohner ihre Hälfte geschmacklich von der des Nachbarn abgrenzen. Meine Eltern hatten sich damals mit Schmidts, den Nachbarn, auf ein kaltes Grau geeinigt, um dem Haus einen einheitlichen Anstrich zu gönnen. Die Geschmäcker haben sich trotzdem durchgesetzt. Unsere Haushälfte, links, ist mit Efeu bewachsen, das von einem verwilderten Vorgarten hinaufrankt, während sich Schmidts Seite in äußerst gepflegtem Zustand befindet. Beim Blick von der Straße auf die baugleichen quadratischen Fenster sieht man rechts die jahreszeitliche Deko mit Kürbis, Ostereiern oder Schneemann von Schmidts, auf unserer Seite sind da immer noch dieselben weißen Leinenvorhänge, die meine Mutter vor ewigen Zeiten aus antiken Betttüchern genäht hatte. Statt einer Garage, die sie spießig fanden, haben sich meine Eltern in den siebziger Jahren für einen offenen Carport aus Holz entschieden. Braungestrichene Nut-und-Feder-Bretter verdecken auch die Sicht in den Garten, dessen üppiges Buschwerk über die Ränder und durch einige Ritzen ragt. Ein von meiner Mutter angebrachtes Emaille-Schild trägt den Schriftzug: »All Gamblers and Fancy Women must sign up with Captain before Boat leaves New Orleans.«

An diesem Schild muss vorbei, wer, wie ich, lieber von hinten das Haus betritt als von vorne. Eine breite Kopfsteinpflastertreppe führt hinunter auf die Terrasse und in den großen, abschüssigen Garten, wo je nach Jahreszeit violette und weiße Krokusse die Wiese bedecken oder die Forsythien blühen, der Goldregen und die Magnolie. Es gibt Rhododendronbüsche, geschwungene Kieswege und eine Rosenlaube; ein üppiges Beet mannshoher Nachtkerzen, deren mohnartig zarte Blüten erst in der Dunkelheit aufgehen und dann bis zum nächsten Mittag gelb leuchten.

Ich nehme all diese Schönheit, den Stolz meiner Mutter, im Vorübergehen wahr, während ich schaue, ob Dagmars »Lernstudio« im Souterrain offen ist oder die Schiebetür zum verglasten Anbau des Wohnzimmers. Der ist seit einiger Zeit zu ihrem Atelier umfunktioniert und steht voller Leinwände, Pinsel und Farben.

Ein Merkmal vom Bühl war schon immer die Verwandlung. Räume änderten ihre Bestimmung, Möbel bekamen andere Farben oder Stoffe, Bilder wurden umgehängt, manche Wand wurde eingerissen und eine andere eingezogen. Das Gästebad wurde zur Waschküche und umgekehrt, die Sauna zum begehbaren Kleiderschrank. Mein ehemaliges Kinderzimmer, dessen kleiner Balkon von den Zweigen der Kastanie überdacht war, so dass es sich darin anfühlte wie in einem Baumhaus, wurde seit meinem Auszug mehrfach umfunktioniert. Zurzeit beherbergt es einen Schreibtisch von Ikea und jede Menge Regale mit Günthers Leitz-Ordnern. Das ist allerdings nur ein Teil. Ein Großteil ist im Max-Planck-Archiv in Berlin-Dahlem, und für den ganzen Rest wurde eine Garage in Speldorf angemietet, bis mein Vater die Zeit findet, das alles einmal zu sichten und zu entscheiden, was wegkann und was nicht. Wozu es ja jetzt bald kommen wird, meint Dagmar hoffnungsfroh – wo ich doch begonnen habe, Geo mit Fragen zu Günthers Leben zu löchern. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Mein Vater hat einen weißen Stoppelbart, die zu langen Haare sind ebenfalls weiß. Er unternimmt Spaziergänge mit seinen Enkelinnen, schreibt meterlange Weihnachtsbriefe und führt manchmal in seiner Freizeit als Mediator verfeindete mittelständische Unternehmen wieder zusammen. Er zitiert Wordsworth, ernährt sich von den erfindungsreichen Reisgerichten meiner Mutter, schreibt politische Haikus und melancholische Sonette. Von Zeit zu Zeit übersetzt er als Nebenjob die Vorträge von Freunden ins Englische (und bekommt dafür so viel Lob, dass er die Bezahlung meistens ablehnt). In der Sprachschule meiner Mutter, die auf Business-Englisch ausgerichtet ist und die Firma Thyssen als Hauptkunden hat, übernimmt er das Training von leitenden Angestellten, die sich auf Auslandsauftritte vorbereiten wollen; donnerstagvormittags werden Aussiedler und Flüchtlinge gratis in Deutsch unterrichtet. Irgendwann meldete sich das Duisburger Arbeitsamt, sie hätten gehört, dass mit Dagmars Methoden der Akzent so gut weggeht. Seitdem wurden immer wieder Akademiker aus Osteuropa, die aufgrund ihrer starken Akzente schwer vermittelbar waren, an den Bühl geschickt. Im Sommer findet der Unterricht im Garten statt.

Vieles am Bühl finde ich toll. Unter anderem die Aufgeschlossenheit für andere Menschen, die hier herrscht. Nachbarn, Freunden, Rat- und Hilfesuchenden stehen immer die Türen offen, und meistens köchelt etwas Leckeres auf dem Herd. Diese Offenheit ist allerdings manchmal auch ein Problem für mich: Mein Blick und meine Aufmerksamkeit zerstreuen sich, ich sehe zu viele Dinge, vor allem das, was Dagmar selbst nicht zu Unrecht als Chaos bezeichnet. Das Haus ist voll mit Objekten, Bildern, Büchern, Arbeitsmaterial, Spielzeug, Andenken, Blumen. Überall hängt, steht oder liegt etwas Interessantes oder Nützliches. Fotos, Zeitungsartikel, Cartoons aus dem New Yorker. Dinge, Sachen, Zeug. Wenn ich am Bühl bin, komme ich mir neurotisch vor, so oft springe ich auf, um die Küchentür zu schließen – die selbstverständlich eine Minute später wieder offen steht.

Jetzt ist Dagmar enttäuscht, dass ich nicht am Bühl schlafen will, sie hatte mir im Dachgeschoss schon ein Bett bereitet. Aber ich muss in Mülheim immer achtgeben, dass es nicht zum Overkill kommt. Zu viele Erinnerungen, zu viele Fragen, ein zu feines Sensorium für ausgesprochene oder eingebildete Forderungen. Zu wenig Raum für jemanden, der schon als Kind ständig auf der Suche nach Ruhe war. Deshalb hatte ich mich diesmal ganz bewusst entschieden, bei meinem Bruder Jost und seiner Familie in der Altstadt zu übernachten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen