Logo weiterlesen.de
Mein Ex, seine Familie, die Wildnis und ich

Shannon Stacey

Mein Ex, seine Familie,
die Wildnis und ich

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Alexandra Hinrichsen

Image

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

WIDMUNG

Für Stuart und unsere Jungs, denn es gibt nichts Schöneres, als nach einem langen Ausflug mit den Quads abends mit euch ums Lagerfeuer zu sitzen. Ich liebe euch über alles, selbst wenn ihr mit Schlamm vollgespritzt seid und nach Mückenspray riecht. Für Steve und Carla, durch die wir Spaß am Quadfahren bekommen und viele neue Freunde kennengelernt haben. Ein herzliches Dankeschön an meine Redakteurin Angela James, die sich dieses Buches, das mir so sehr am Herzen liegt, angenommen und es so viel besser gemacht hat.

1. KAPITEL

Du hast es mit Joseph Kowalski auf dem Rücksitz eines 78er Ford Granada getan und vergisst, mir das zu erzählen? Der Mann ist Bestsellerautor, und nur J. D. Salinger hat die Öffentlichkeit mehr gescheut als er!“

Keri Daniels schlürfte die letzten Tropfen ihres zu fruchtig geratenen Smoothies durch den Strohhalm. „Würdest du das nicht auch lieber für dich behalten?“

„Dass ich Sex mit Joseph Kowalski hatte?“, fragte ihre Chefin Tina.

„Nein, dass du Sex auf dem Rücksitz eines 78er Granada hattest.“ Keri hatte keine Ahnung, wie Tina Deschanel von ihren Highschoolsünden erfahren hatte. Aber ihr war klar, dass sie jetzt in Schwierigkeiten steckte.

Eine gut bezahlte Reporterin bei einem Hochglanz-Klatschmagazin durfte derart sensible Informationen nicht für sich behalten. Schon gar nicht, wenn es um einen Promi ging, der auf der Most-Wanted-Liste der Chefredakteurin stand. Und dass sie dieses pikante Detail aus ihrem Leben bisher geheim gehalten hatte, würde Keri sicher nicht unbedingt dabei helfen, Redakteurin zu werden.

Tina zog ein Foto aus ihrer Handtasche und schob es über den Tisch. Keri schaute jedoch gar nicht hin. Im Geiste stellte sie eine kurze Liste der Leute zusammen, die wussten, was sie im hässlichsten Auto in der Geschichte der fossilen Brennstoffe gemacht hatte. Ihre Freunde. Der Polizist, der in einem wirklich ungünstigen Moment mit einer Taschenlampe an die beschlagene Scheibe geklopft hatte. Ihre Eltern, weil der Polizist in dieser Nacht schlechte Laune gehabt hatte. Die schätzungsweise sechshundert Jugendlichen, die in diesem Jahr mit ihr auf die Highschool gegangen waren – und jeder, dem diese sechshundert Jugendlichen von dem Vorfall erzählt hatten. Vielleicht war kurze Liste nicht der richtige Ausdruck.

„Das ist zwei Jahrzehnte her“, sagte Keri, da ihre Chefin eindeutig eine Erklärung erwartete. „Nicht gerade brandheiße News. Und du hast mich mit dieser Einkaufstour regelrecht überfallen.“

Ihr Tisch im Außenbereich des Cafés war von einer solchen Unmenge an Tüten umringt, dass die schiere Masse einen mit Steroiden vollgepumpten Packesel in die Knie gezwungen hätte. Keri wurde klar, dass Tina diese Einkaufstour bloß eingefädelt hatte, um sie zunächst in Sicherheit zu wiegen. Eigentlich keine große Überraschung. Tina Deschanel war eine hinterlistige Schlange und jede freundliche Geste von ihr bloß das Vorspiel für einen schmerzhaften Biss in den Hintern.

„Überfallen?“, wiederholte Tina so laut, dass sie zwei Hollywoodsternchen beim Knutschen aufscheuchte. Auf diese platte Art und Weise hatten die beiden wohl versucht, die Aufmerksamkeit der Paparazzi auf sich zu ziehen. Eine fanatische Horde von Bluthunden, diese Paparazzi. Und Keri würde sehr bald dazugehören, wenn sie nicht höllisch aufpasste.

„Was meinst du, wie ich mich gefühlt habe?“, fuhr Tina fort. „Da wende ich mich völlig ahnungslos an diese Frau, die in ihrem Blog erwähnt, dass sie mit Joseph Kowalski zur Highschool gegangen ist. Natürlich wittert sie sofort Geld, und ich fordere dafür handfeste Beweise von ihr. Und dann schickt sie mir tatsächlich ein paar Fotos. Sie war sogar so freundlich, Bildunterschriften hinzuzufügen.“

Nach diesem Wink mit dem Zaunpfahl ahnte Keri bereits, was auf sie zukam. Mit einem ihrer perfekt manikürten Fingernägel angelte sie sich das vergrößerte Foto und zog es zu sich heran.

Ein Mädchen lächelte ihr daraus entgegen. Die junge Frau trug einen pinkfarbenen flauschigen Pullover, ausgeblichene, verwaschene Jeans und rosa Pumps. Der übermäßig aufgetragene Eyeliner erinnerte an einen Waschbären und ließ ihre dunklen Augen noch dunkler wirken. Dazu trug sie hellen Lippenstift, und ihr hochgeföhntes Haar hatte in etwa die Ausmaße des Bundesstaats Wisconsin.

Keri erwiderte das Lächeln, während sie an ihre Lockenstab- und Haarsprayzeit zurückdachte. Wenn das Umweltministerium damals das Cheerleading verboten hätte, wäre die globale Erwärmung heute kaum der Rede wert.

Dann sah sie den Jungen an. Er lehnte an dem hässlichen Auto und hatte die Arme um die Taille der jungen Keri geschlungen. Joes blaue Augen waren genauso dunkel wie der Schulpullover, den er anhatte. Sein Grinsen wirkte gleichzeitig unschuldig und unartig. Und diese verdammten Grübchen – denen war sie komplett verfallen gewesen. Ein Baseballcap der Red Sox verbarg sein honigbraunes Haar, aber sie musste es gar nicht sehen. Sie wusste noch ganz genau, wie es sich zwischen ihren Fingern angefühlt hatte.

Es erstaunte sie immer wieder, wie sehr sie ihn manchmal vermisste.

Aber wen hatten sie da gerade angelächelt? Keri konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wer hinter der Kamera gestanden hatte. Schließlich riss sie sich von dem glücklichen Paar los und las den Text, der auf den unteren Teil des Fotos getippt war:

Joe Kowalski und seine Freundin Keri Daniels ein paar Stunden bevor ein Polizist sie beim Rummachen in einer dunklen Gasse erwischte und daraufhin ihre Eltern informierte. Gerüchten zufolge jagte Mr Daniels Joe mit einem Golfschläger bis ganz nach Hause.

Keri prustete los. „Dad hat ihn nur bis zur nächsten Straßenecke gejagt. Sogar ein 78er Granada ist schneller als ein übergewichtiger Mann mittleren Alters mit einem Fünfereisen.“

„Ich fürchte, ich finde das alles gar nicht komisch.“

„Du hast meinen alten Herrn auch nicht gesehen, wie er in seinem Bademantel das Auto verfolgt hat. Damals war es allerdings nicht so lustig.“

„Bleib bei der Sache, Keri“, forderte Tina sie ärgerlich auf. „Du gehst jeden Tag in der Redaktion am Schwarzen Brett vorbei, oder?“

„Ja.“

„Dann hast du doch sicherlich auch jeden Tag den Zettel mit der Überschrift ‚Most Wanted: Spotlight Magazines begehrteste Promis‘ gesehen?“

„Ja, hab ich.“

„Und ist dir dabei nicht aufgefallen, dass Joseph Kowalski seit mehreren Jahren auf Platz drei dieser Liste steht?“, fragte Tina. Als Keri nickte, beugte ihre Chefin sich über den Tisch und fügte hinzu: „Du wirst mir ein exklusives Interview mit diesem Mann besorgen.“

„Oder …?“

Tina lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte drohend die Arme vor der Brust. „Lass es gar nicht so weit kommen, Keri. Die Verfilmung vom elften Bestseller dieses Mannes wird der Sommerblockbuster des Jahrhunderts werden. Die Promis haben Schlange gestanden, um für den Film vorzusprechen. Die Schlange war länger als die am roten Teppich vor der Oscarverleihung. Und der Mann ist ein einziges Mysterium.“

„Ich verstehe einfach nicht, warum du so hinter ihm her bist. Er ist doch bloß ein Schriftsteller.“

„Joseph Kowalski ist nicht bloß ein Schriftsteller. Er hat die Medien wie ein Profi um den Finger gewickelt und wurde über Nacht zum Promi. Er hat sensationelle Partys in New York geschmissen, zu denen er immer mit diesem bildschönen Rotschopf an der Seite erschienen ist – Lauren Huckins hieß sie. Dann pfefferte Lauren ihm eine millionenschwere Klage wegen Zufügung seelischer Grausamkeit um die Ohren, er erkaufte sich ihr Schweigen und ist seitdem plötzlich von der Erdoberfläche verschwunden? Da steckt doch eine große Story dahinter, und ich will sie. Unsere Leser werden sich die Finger danach lecken. Und Spotlight wird ihnen Joseph Kowalski auf dem Silbertablett servieren, denn du kennst ihn wie sonst keiner.“

„Kannte. Ich kannte ihn.“ Keri seufzte und schob das Foto zurück über den Tisch. Dabei hätte sie es lieber behalten, um später von der Vergangenheit zu träumen. „Vor achtzehn Jahren.“

„Du warst seine Jugendliebe. Nostalgie, Schätzchen! Und es geht das Gerücht um, dass er immer noch Single ist.“

Tatsächlich wusste Keri genau, dass er immer noch Single war: Die Daniels und die Kowalskis lebten nämlich nach wie vor im selben kleinen Städtchen in New Hampshire. Obwohl Mr und Mrs Kowalski inzwischen in einem viel schöneren Haus wohnten. Sehr viel schöner, wenn man Keris Mutter glauben durfte.

„Du bist so schnell in dieser Branche aufgestiegen“, fügte Tina hinzu, „weil du gute Instinkte und ein Händchen für Menschen hast. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich dir vertraut habe. Aber das hier …“ Tina brach ab.

Keri war jedoch klar, worauf ihre Chefin hinauswollte: Entweder machte sie dieses exklusive Interview, oder ihre Karriere bei Spotlight war vorbei. Bei einem anderen Magazin würde sie ganz von vorne anfangen und sich mühsam hocharbeiten müssen. Und da ihre Karriere praktisch ihr ganzes Leben ausmachte, durfte sie diese Warnung nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Aber Joe wiedersehen? Dieser Gedanke weckte ihre Neugier und jagte ihr zugleich unvorstellbare Angst ein. „Er wird nicht fröhlich mit mir über sein wahnsinnig privates Privatleben plaudern, nur weil wir in der Highschool mal was miteinander hatten, Tina. Es war zwar eine tolle Zeit, aber so toll nun auch wieder nicht.“

Das war schamlos gelogen. Joe Kowalski hatte die Messlatte für Keris Sexleben sehr hoch gelegt. Ein hässliches Auto, eine Whitesnake-Kassette, billiger Apfelwein – und trotzdem führte er noch immer ihre persönliche Top Ten der unglaublichsten Höhepunkte an.

Nun fuhr Tina sich mit der Zunge über die Schneidezähne. Keri kannte sie lange genug, um zu wissen, dass ihre Chefin zum tödlichen Biss ansetzte.

„Ich habe deine anderen Storys schon an die Kollegen verteilt“, erklärte Tina. So mit jemandem in der Redaktion umzuspringen – noch dazu mit jemandem von Keris Status – war eine Frechheit.

„Das ist vollkommen inakzeptabel, Tina. Du überschreitest deine …“

„Ich kann keine Grenzen überschreiten, die ich nicht habe, Daniels. Es ist mein Magazin. Deine Beförderung zur Redakteurin hängt davon ab, ob du ein Interview mit Kowalski kriegst. Ganz einfach.“ Damit griff Tina in ihre Handtasche und reichte Keri ein weiteres Blatt Papier. „Hier sind deine Flugdaten.“

Der besagte Megabestsellerautor versuchte gerade, sich zwischen einer normalen BiFi und einer mit Peperoni zu entscheiden. In genau diesem Moment hörte er, dass Keri Daniels wieder in der Stadt war.

Joe Kowalski nickte der Kassiererin zu, die eine Kundin an der Kasse stehen gelassen hatte, um die Neuigkeiten als Erste weiterzuplappern. Es war nicht das erste Mal, dass Keri hierher zurückkehrte. Wenn sie in den vergangenen achtzehn Jahren nicht ein einziges Mal nach Hause gekommen wäre, hätte Janie Daniels persönlich einen Flug nach Los Angeles gebucht und ihre Tochter an den Haaren hergeschleift.

Es war seines Wissens allerdings das erste Mal, dass Keri nach ihm suchte.

„Sie hat nach deiner Telefonnummer gefragt“, fügte die Kassiererin hinzu, während sie ihn wie ein halb verhungerter Piranha anstarrte. „Natürlich wird ihr niemand die Nummer geben. Wir alle wissen ja, wie wichtig dir dein Privatleben ist.“

Und außerdem hatte auch niemand seine Nummer, aber das musste er nicht betonen. Er war überrascht, dass Keri so lange gebraucht hatte – besonders wenn man bedachte, wie viele Jahre Tina Deschanel seinem Agenten schon in den Ohren lag.

„Vielleicht organisiert sie das Klassentreffen mit“, sagte Joe zu der Kassiererin und bemerkte sofort ihre offensichtliche Enttäuschung. Klassentreffen versprachen keine großartigen Klatschgeschichten.

Die Medien waren seit Jahren hinter seinem Agenten her, aber nur Keri Daniels’ Chefin Tina zeigte sich als die Hartnäckigkeit in Person. Joe hatte Keris Karriere von Anfang an verfolgt und eigentlich darauf gewartet, dass sie ihre gemeinsame Geschichte veröffentlichen würde. Doch das war nie passiert. Bis jetzt?

Obwohl er nicht so ein eingefleischter Einsiedler wie Salinger war, liebte Joe die Zurückgezogenheit. Die Einwohner New Englands mochten es nicht, wenn sich Außenstehende in ihr Leben einmischten. Dazu kam, dass Joe der Stadt gegenüber immer wieder seine Großzügigkeit bewies: in Gestalt von einem Baseballstadion, Spielplätzen, Spenden an die Bücherei oder etwas anderem, das eben gerade gebraucht wurde. Das alles hielt die Einheimischen davon ab, Joes Privatleben an die Öffentlichkeit zu tragen. Und zum Zeitpunkt seines Durchbruchs konnten sich die fortgezogenen Klassenkameraden gar nicht mehr an Dinge erinnern, die für die Medien interessant gewesen wären.

Niemand kannte die Details der gerichtlichen Einigung außer den Anwälten, seiner Familie und Lauren – die finanziell ruiniert wäre, wenn sie ihr Schweigen brach. Und so unwahrscheinlich das auch war: Seine und Keris Geschichte war niemals in den Medienberichten aufgetaucht, die sein PR-Manager kontrollierte. Trotz der aktuellen Aufregung um die Buchverfilmung schaffte Joe es, sein Privatleben für sich zu behalten.

„Du bist nicht alt genug für ein Ehemaligentreffen“, meinte Tiffany, während sie ihn mit ihren viel zu jungen Wimpern anklimperte.

Kurzerhand entschied Joe sich für ein halbes Dutzend von beiden und warf die Tüten mit den BiFis in seinen Einkaufswagen. Auf seiner Liste stand allerdings noch viel mehr, als in seinen Wagen passen würde. Er ärgerte sich schwarz, dass er Terry nicht mitgenommen hatte. Sie hätte einen zweiten Wagen schieben und ihm die neugierige Kassiererin vom Hals halten können. Das konnte sie gut. Jahrelange Erfahrung.

Die knisternde Lautsprecherdurchsage kam wie gerufen. „Ähm … Tiffany, kannst du bitte zurück an die Kasse kommen? Ich muss meine Kinder in zehn Minuten abholen.“

Das Mädchen rollte mit den Augen. Bevor Tiffany zurück in den vorderen Teil des winzigen Supermarktes ging, rief sie ihm noch über ihre Schulter zu: „Sie wohnt bei ihren Eltern. Ich vermute, du weißt noch, wo das ist.“

Ja, das wusste er. Die Frage war nur, was er jetzt tun sollte. Er und seine Familie bereiteten sich gerade darauf vor, für zwei Wochen die Stadt zu verlassen. Andererseits wäre es jammerschade, wenn er das Spiel verpassen würde, das Keri da spielte.

Vorausgesetzt, das stimmte überhaupt. Nicht, dass sie in der Stadt war, sondern dass sie ihn erreichen wollte. Seiner Erfahrung nach erfanden die Leute auch bereitwillig Dinge, wenn die Gerüchteküche der Kleinstadt nicht genug hergab.

Joe starrte auf eine Reihe von Peperonigläsern. Wenn Keri Daniels tatsächlich nach seiner Telefonnummer forschte, musste jemand aus dem Nähkästchen geplaudert haben. Vermutlich hatte Keris Chefin irgendwie erfahren, dass ihre Starreporterin einst das Mädchen gewesen war, von dem Joe Tag und Nacht geträumt hatte – und hatte sich gleich wie ein tollwütiger Pitbull auf die Geschichte gestürzt. Wenn das stimmte, sah er Keri bald wieder. Und diesmal würde sie ihn anbetteln. So wie er sie damals angebettelt hatte, bevor sie nach Kalifornien gegangen war.

Zwei Stunden später hatte er zu Hause seine Einkäufe verstaut und saß seiner Zwillingsschwester am Küchentisch ihrer Mutter gegenüber. Theresa Kowalski Porter sah ganz und gar nicht glücklich aus.

„Du bist doch ein dämlicher Scheißkerl.“

Während er gern mit Worten spielte – ja, sie auskostete –, spuckte Terry die Worte genauso aus, wie sie ihr in den Kopf kamen.

„Ich hab dich ja damals schon für einen Idioten gehalten. Du hast dir wirklich jeden Mist von ihr gefallen lassen“, sagte sie. „Aber jetzt willst du dir noch einen Nachschlag holen?“

„Ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass ihre Chefin sie hergeschickt hat. Sie soll unsere gemeinsame Vergangenheit dafür einsetzen, mich zu manipulieren und dem Magazin ein Interview zu besorgen.“

„Keri Daniels hat nie Hilfe gebraucht, um Leute zu manipulieren. Und über das Restliche eine Prozent will ich mit leerem Magen gar nicht nachdenken.“

Früher war die gesamte Familie Kowalski alles andere als gut auf Keri zu sprechen gewesen, doch Terry hatte ihre Abneigung gegen sie nie überwunden. Und das lag nicht nur daran, dass seine Schwester es eben ausgezeichnet verstand, einen Groll gegen jemanden zu hegen – das konnte sie wirklich gut. Vielmehr war der Grund dafür, dass Keri sie tief verletzt hatte, noch bevor sie dann Joe verletzt hatte.

Terry und Keri waren seit dem Kindergarten beste Freundinnen gewesen, obwohl die beiden Namen zusammen ziemlich blöd klangen. Die Schwierigkeiten zwischen ihnen fingen im ersten Jahr an der Highschool an, als Mr Daniels befördert wurde. Daddys Geld brachte Luxus mit sich. Außerdem entwickelte sich Keris Körper, und sie fand neue Freunde. Am Anfang des zweiten Jahres hatte Keri Terry hinter sich gelassen, und das hatte Terry ihr nie verziehen. Joes Beziehung mit Keri war das Einzige, das die Zwillinge jemals auseinandergebracht hatte.

Und genau deshalb sprach er nun als Erstes mit Terry. Er fragte sie: „Bist du nicht wenigstens ein Winziges bisschen neugierig, was aus ihr geworden ist?“

„Nein.“ Sie holte sich eine Dose Limo aus dem Kühlschrank und öffnete sie, ohne ihm eine anzubieten. Ein schlechtes Zeichen. „Sie hat dir damals das Herz gebrochen. Und nach fast zwanzig Jahren will sie jetzt aus der Geschichte Kapital schlagen und ihre Karriere dadurch vorantreiben. Das ist alles, was ich über die Keri von heute wissen muss, herzlichen Dank.“

Joe zog sich einen Stuhl heran und setzte sich an den Küchentisch. „Es ist doch nur ein Abendessen, Terry. Mit jemandem, der uns beiden mal viel bedeutet hat.“

„Warum sprechen wir überhaupt darüber, Joe? Keri Daniels ist mir scheißegal. Wenn du mit ihr essen gehen willst, tu das. Du bist erwachsen.“

„Ich brauche ein Alibi für die Familie.“

Terry lachte und nahm dann eine Liste vom Kühlschrank, um die Armee von Plastiktüten zu ihren Füßen zu überprüfen. „Okay, anscheinend nicht ganz erwachsen.“

„Du weißt doch, wie Ma ist. Sie liegt mir ständig in den Ohren und will sicher sein, dass ich bis zur Abreise übermorgen auch ja fertig bin. Dabei bin ich jedes Jahr der Erste, der seine Sachen gepackt hat. Aber wenn ich auch nur für ein paar Stunden aus ihrem Blickfeld verschwinde, flippt sie aus.“

„Du bist echt ein Volltrottel. Ma weiß, dass Keri in der Stadt ist. Sag ihr einfach, dass du mit dem Miststück essen gehst, das dir das Herz rausgerissen und drauf rumgetrampelt hat. Meinst du, dass drei Gläser Erdnussbutter reichen?“

„Wir sind bloß zwei Wochen weg. Und ich will nicht, dass die ganze verdammte Stadt erfährt, dass ich mich mit ihr treffe.“

„Acht Erwachsene, fünf Kinder … Ich denke, drei reichen.“

„Terry.“ Er wartete, bis sie ihn ansah. „Sieben Erwachsene.“

„Was? Oh. Ja.“ Sie lachte über sich selbst, doch der Schmerz war ihr deutlich anzusehen. „Wer ist hier der Trottel, hm?“

„Er“, sagte Joe nicht zum ersten Mal. „Hast du diesen Scheidungsanwalt schon angerufen, den mein Agent empfohlen hat?“

„Das habe ich bis nach dem Urlaub verschoben.“ Sie hob die Hand und blockte damit seine ärgerliche Erwiderung ab, mit der sie offenbar rechnete. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde: Ich würde lieber über Keri Daniels sprechen.“

„Okay. Wenn sie mit mir essen gehen will, erzähle ich jedem, dass ich morgen Abend ein Meeting in Boston habe. Spielst du mit?“

„Warum hast du mir das nicht auch einfach erzählt?“ Terry war eindeutig genervt.

„Ich hab drüber nachgedacht. Aber ich hab damals ein Geheimnis draus gemacht, als ich mich mit Keri getroffen habe. Und du warst verletzt, als du’s rausgefunden hast, Schwesterherz. Ich wollte nicht, dass sich das wiederholt.“

Sie seufzte, und Joe roch den Duft des Sieges. Schließlich sagte sie: „Okay, ich spiele mit. Trotzdem denke ich, dass du ein Idiot bist. Wie viele Gläser Gurken haben wir letztes Jahr gegessen?“

„Du willst, dass ich was tue?“

Joe streckte sich auf dem ramponierten Ledersofa in seinem Büro und versuchte, nicht über den schockierten Ton seines Agenten zu lachen. „Verabredung zum Abendessen. Reporterin vom Spotlight Magazine. Du hast schon richtig gehört.“

„Hat dieses Deschanel-Miststück eins von den Kindern entführt? Deine Mutter bedroht? Ich kenne da Leute, Joe. Ich kann das für dich regeln.“

„Die Reporterin ist Keri. Keri Daniels.“

Eine bedeutungsschwangere Pause. „Na, das ist ja großartig. Das würde ich nur allzu gerne für dich erledigen, Joe. Mit einer großen Filmpremiere und einer Deadline in Sichtweite wünsche ich mir nämlich nichts sehnlicher, als dass dich deine große Jugendliebe komplett aus der Bahn wirft. Und dass du vor jemandem einen Seelenstriptease hinlegst, vor dem du dich früher ausgezogen hast. Klasse Idee.“

„Dan. Luft holen.“

„Oh, ich hole so viel Luft, dass ich hyperventiliere. Ich muss mir eine scheiß Tüte vors Gesicht halten. Oder besser: Ich stülpe dir die Tüte über den Kopf, weil sich dein Hirn anscheinend verflüssigt hat und ausläuft.“

„Tina Deschanel muss rausgefunden haben, dass Keri und ich in der Highschool zusammen gewesen sind, da bin ich mir ziemlich sicher. Und ich zweifle nicht daran, dass Keri das Interview genauso wenig machen will wie ich.“

„Dann mach’s nicht. Bitte. Um meiner fünfzehn Prozent willen: Mach’s nicht.“

„Ich werde bloß mit ihr essen gehen. Danach kann sie zurück nach Kalifornien fliegen und ihrer Chefin sagen, dass sie’s versucht hat.“

„Warum rufst du sie dann nicht an?“

Gute Frage. Die erbärmliche Antwort wollte er Dan nicht beichten.

Nach all diesen Jahren wollte er Keri nicht einfach anrufen. Er wollte sie sehen, ihr gegenüberstehen. Okay, wenn er ehrlich war, wollte er wissen, ob er noch die Keri von früher in ihr erkennen würde. Die Keri, die er geliebt hatte.

Im schlimmsten Fall würde sich das, was sie mit ihm zu besprechen hatte, am Telefon klären lassen. Dann würde er sie gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Aber er war eben neugierig. Um der alten Zeiten willen wollte er sie wiedersehen.

„Ich bin berühmt“, erwiderte Joe schließlich. „Ich bezahle andere Leute dafür, dass sie meine Telefonate für mich erledigen.“

„Schwachsinn. Und da wir gerade vom Bezahlen reden: Warum lädst du mir das auf? Jackie ist für Presse und Publicity zuständig.“

„Ihr würde vermutlich der Kopf platzen.“

Die Stille am anderen Ende der Leitung dauerte so lange, dass Joe fast glaubte, sein Agent hätte aufgelegt. Aber dann meinte Dan: „Joe, wir arbeiten jetzt schon ewig zusammen. Seit fast fünfzehn Jahren halte ich dir den Rücken frei. Und ich denke, dass bei der ganzen Sache für dich nichts Gutes herauskommt – in persönlicher Hinsicht noch weniger als in beruflicher.“

„Ich weiß, aber ich werde es trotzdem machen.“

Keri trank noch einen Schluck Leitungswasser und widerstand der Versuchung, schon wieder auf die Uhr zu sehen. Sie war wohl durch ihr dickes Spesenkonto zu verwöhnt, aber ein Treffen in einem billigen Restaurant, nur um Joes Privatleben zu schützen? Das war ihrer Meinung nach übertrieben.

Und warum hatte Joes Agent sie angerufen? Konnte Joe sich nicht selber mit ihr zum Essen verabreden? Vielleicht konnte er das mit seinem übergroßen Ego nicht vereinbaren und musste sie wie eine Fremde behandeln. Dabei kannte sie ihn gut genug. Zum Beispiel wusste sie, dass er ein Muttermal auf seiner rechten Pobacke hatte, das aussah wie eine Amöbe.

Leider spielten ihre Ansichten anscheinend keine Rolle. Tina hatte ihr sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie tun musste, was immer Joseph Kowalski von ihr verlangte. Und wenn sie durch einen brennenden Reifen springen musste, um den Herrn Schriftsteller glücklich zu machen.

Die Situation ging ihr total auf die Nerven. Sie kriegte schon Kopfschmerzen, wenn sie bloß an ihre Chefin dachte. Und wenn sie einfach abhauen würde? Die Versuchung war groß. Einen neuen Job zu bekommen wäre kein Problem. Allerdings würde sich ihr Weg an die Spitze um einige Jahre verlängern.

Okay, schön. Es war ja schließlich nur ein Interview.

Das letzte Foto, das von ihm veröffentlich worden war, stammte aus der Zeit, als sein sechster Roman herausgekommen war. Er hatte darauf ausgesehen wie der Joe von früher, nur ohne das breite Lächeln und die Grübchen. Es war eines von diesen typischen Autorenfotos, und sie hatte es gehasst. Inzwischen war er vermutlich ein fetter, kahlköpfiger Kerl mit einem krummen Rücken, weil er den ganzen Tag am Schreibtisch saß.

Sie dagegen war gut gealtert. Vielleicht war sie nicht mehr ganz so knackig wie in der Highschool. Doch das kleine Schwarze, das sie anhatte, stand ihr hervorragend. Ihr Haar fiel ganz glatt bis auf die Schultern und war trotz einiger dezenter Strähnchen immer noch naturblond.

„Hey Baby“, ertönte eine Stimme neben ihr.

Mit einem Mal fühlte sie sich wieder wie mit achtzehn: Sie hatte große Pläne, toupiertes Haar und war scharf auf Joe Kowalski.

Keri konnte den billigen Cidre förmlich schmecken, als sie sich umdrehte. Innerlich machte sie sich auf einen alten, fetten Joe gefasst, aber sie erblickte … einfach nur Joe.

Er war sogar noch besser gealtert als sie, der Mistkerl. Sein Gesicht war gereift, und seine Falten verliehen ihm Charakter. Trotz allem wirkte er noch immer wie eine ungezogene Version des netten Jungen von nebenan. Er war natürlich nicht ganz so schlank wie früher, aber das fiel höchstens jemandem wie ihr auf. Immerhin hatte sie ein ganzes Schuljahr damit verbracht, diesen Körper zu berühren.

Unterm Strich hatte er auch heute noch mehr Ähnlichkeit mit dem Jungen, der ihr die Unschuld geraubt hatte, als mit dem langweiligen Schriftsteller, dem sie auf charmante Art und Weise ein Interview entlocken wollte.

„Hi Joe.“ Sie hatte sich unzählige Begrüßungen zurechtgelegt – niedliche, lustige und ernsthafte. In diesem Moment schien ihr Kopf jedoch vollkommen leer zu sein. „Danke, dass du gekommen bist.“

Er setzte sich ihr gegenüber. „Du siehst verdammt gut aus, wenn ich das mal so sagen darf.“

Das erlaubte sie ihm allzu gern. „Du auch“, gab sie zurück. „Interessantes Restaurant, das du da ausgesucht hast. Eine exzentrische Wahl des reichen und zurückgezogen lebenden Schriftstellers?“

Joe lächelte sie an, und seine Grübchen ließen sie fast schwach werden. Warum konnte er nicht einfach fett und unattraktiv sein?

„Ich mag die Salatbar hier“, erwiderte er. „Also, wo versteckt sich Tina? Unter dem Tisch? Auf dem Herrenklo?“

Keri lachte – zum Teil auch, weil er das Thema so offen ansprach. „Nein, sie weigert sich, die Stadt zu verlassen. Ihre Lungen vertragen angeblich keine saubere Luft.“

Obwohl seine Grübchen noch zu sehen waren, nahmen seine blaugrauen Augen einen ernsten Ausdruck an. „Seit ich das erste Mal auf den Bestsellerlisten gestanden habe, wartet Terry darauf, dass du unsere Geschichte verkaufst.“

Der Name seiner Schwester ließ sie zusammenzucken. Dass Terry immer noch so eine schlechte Meinung von ihr hatte, machte Keri traurig. Es gab nur zwei Dinge, die sie in ihrem Leben bereute. Und beide hatten mit den Kowalskis zu tun.

„Ich werde beruflich erpresst“, gab sie zu. „Wenn ich kein exklusives Interview mit dir kriege, werde ich bei Spotlight rausgeschmissen.“

„Das hab ich mir schon gedacht. Wer hat gepetzt?“

Keri holte eine Kopie von dem Foto heraus, das Tina ihr vorgelegt hatte. Nur mit Mühe hatte sie diesen Abzug ergattern können. Sie reichte ihm das Bild und antwortete: „Keine Ahnung. Weißt du noch, wer das gemacht hat?“

„Das war Alex. Als wir … Na ja, die Bildunterschrift trifft es ganz gut.“

Sie erinnerte sich. Alex war ein Freund von Joe gewesen. „Aber Tina hat die Fotos direkt von der Person, die in ihrem Blog behauptet hat, mit dir zur Schule gegangen zu sein. Und sie sagte mir, dass es eine Frau gewesen ist.“

„Er heißt jetzt Alexis. Du willst gar nicht wissen, was er für seine Brüste bezahlt hat.“

Keri lachte, während Joe weiterhin das Foto betrachtete. Mit einem Lächeln auf den Lippen legte er den Kopf schief. Nostalgie – offenbar hatte Tina recht gehabt.

Die Kellnerin kam mit gezücktem Block an ihren Tisch.

Noch immer schaute Joe auf das Foto. „Erinnerst du dich an den Abend, an dem du deine Cocktails ohne den Orangensaft getrunken und dann auf Alex’ Billardtisch gestrippt hast?“

„Ich wette, da werden heute noch Witze drüber gemacht“, mischte sich die Kellnerin ein, die Joe erst jetzt ansah.

„Da kannst du Gift drauf nehmen“, sagte er und wurde rot.

„Und ich wette, heute werden die Witze über Alex’ Brüste gemacht“, meinte Keri, und Joe lachte.

Die Kellnerin wurde ungeduldig. „Wisst ihr denn schon, was ihr möchtet?“

Und dann tat Joe, was er immer getan hatte, wenn ihm jemand diese Frage gestellt hatte. Er schaute Keri tief in die Augen und sagte: „Ja, Ma’am, das tue ich.“

Ein Schauder durchfuhr Keri von Kopf bis Fuß. Still und vergnügt beobachtete sie ihn, während er das Essen bestellte. Und er bestellte für sie beide genau das, was Keri zu Highschoolzeiten am liebsten gegessen hatte: Cheeseburger mit medium gebratenem Bacon, extra Gurke und Pommes. Von der Salatbar war plötzlich keine Rede mehr.

Als die Kellnerin gegangen war, schaute Keri ihn strafend an. „Das sind mehr Kalorien, als ich in den letzten zwei Jahren zu mir genommen habe, Joe.“

Er winkte ab. „Lass uns zur Sache kommen.“

Aber Keri wollte nicht. Sie genoss das reizvolle Prickeln viel zu sehr, das sie jedes Mal verspürte, wenn Joe sie ansah. Seine blauen Augen hatten dieselbe Wirkung auf sie wie damals.

Joe lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Vermutlich sollte die Geste einschüchternd wirken. Doch Keri bemerkte dabei nur, wie gut seine Oberarme trainiert waren und wie das weiße T-Shirt seine sonnengebräunte Haut betonte. Das konnte nicht nur vom Schreiben kommen.

„Fassen wir mal zusammen“, fuhr er fort. „Ich gebe niemals Interviews. Du willst eins. Nein, du brauchst eins, weil deine rabiate Chefin dir damit droht, dich rauszuschmeißen. Richtig?“

Das Prickeln wurde blitzartig schwächer. „Das trifft es ganz gut.“

„Ganz gut? Volltreffer würde ich sagen, Baby. Denn wenn ich dir das Interview nicht gebe, hockst du bald irgendwo im Gebüsch und wartest darauf, dass einer betrunkenen Paris Hilton der Busen aus dem Dekolleté hüpft.“

Und damit war das Prickeln weg. „Jajaja, Rache ist süß. Ich weiß, Joe.“

„Nicht wahr?“ Auftritt der Grübchen.

Keri zuckte mit den Schultern. Sie würde ihm weder einen Deal anbieten noch irgendwelche Versprechungen machen. Nach all den Jahren im Promi-Geschäft wusste sie, wie man mit Berühmtheiten umgehen musste. Allerdings hatte sie es hier mit Joe Kowalski zu tun. Mit Joe, der sie nackt gesehen und dem sie das Herz gebrochen hatte. Das änderte alles.

„Ich fahre morgen für zwei Wochen weg“, meinte er.

Da war das Prickeln wieder. Diesmal war es jedoch eher ein panisches Kribbeln. „Wozu gibt es Telefon, Fax und E-Mails?“

„Da, wo ich hinfahre, gibt’s das alles nicht.“

Sie lachte. „Antarktis oder Amazonas?“

„Ich verlasse noch nicht mal den Bundesstaat.“

In der Highschool war Joe ein lausiger Spieler gewesen: Er konnte einfach kein Pokerface aufsetzen. Aber jetzt hatte sie nicht die geringste Ahnung, was in ihm vorging. Ihre Instinkte mochten sie an die Spitze des Spotlight katapultiert haben; in diesem Moment ließen sie Keri im Stich. Und dennoch hatte sie das dumpfe Gefühl, dass er etwas plante.

Während die Kellnerin servierte, hatte Keri Zeit zum Nachdenken. Joe war nie ein hinterhältiger Typ gewesen. Wenn er sich also zum Essen mit ihr traf, dann standen die Chancen für ein Interview gut. Er würde niemals jemanden zum Spaß erniedrigen.

Es stimmte zwar, dass Geld einen Menschen verändern konnte – und Joe verfügte inzwischen über ein ungeheures Vermögen. Doch so wie ihre Mutter über ihn sprach und wie sie selbst ihn gerade erlebte, schien Joe noch ganz der Alte zu sein. Bloß seine Spielzeuge waren mittlerweile wahrscheinlich teurer.

Was aber noch lange nicht hieß, dass sie nicht trotzdem das tun musste, was er wollte. Ganz und gar nicht.

Sie biss in den Cheeseburger mit Bacon, und der lange vergessene Geschmack explodierte förmlich auf ihrer Zunge. Seufzend schloss sie die Augen und kaute langsam, um den Moment voll auszukosten.

„Wann hast du zum letzten Mal so einen gegessen?“

Keri schluckte und freute sich schon auf den nächsten Bissen. „Das ist viel zu lange her.“

Er lachte.

Während des Essens unterhielten sie sich angeregt über alles Mögliche. Als sie über den Film sprachen, fiel Keri jedoch auf, dass Joe sich sehr bedeckt hielt. Offenbar wollte er nichts preisgeben, das sie möglicherweise für einen Artikel verwenden konnte.

Es würde ihr nicht gelingen, Joe auszutricksen. Sie würde ihm keine Informationen entlocken können, mit denen Tina auch nur ansatzweise zufrieden war.

„Weißt du“, sagte sie, den halben Cheeseburger noch in der Hand, „ich würde das Essen mit dir wirklich gern einfach genießen. Aber das geht nicht, bevor wir nicht über das Interview gesprochen haben. Also, was muss ich tun?“

„Darüber hab ich vorher schon ein bisschen nachgedacht. Ich finde, du solltest mitkommen.“

„Wohin?“

„Dorthin, wo ich hinfahre.“

Keri legte den Cheeseburger auf den Teller. „Zwei Wochen lang?“

Die Zeit war kein Problem, da sie ohne das Interview sowieso nicht nach Kalifornien zurückkommen konnte. Aber sie wollte einfach gerne wissen, worauf sie sich da einlassen sollte.

„Ob du die ganzen zwei Wochen dableibst oder nicht, ist deine Sache. Für jeden ganzen Tag, den du mit uns Kowalskis durchhältst, darfst du mir eine Frage stellen.“

Im Gegensatz zu Joe konnte Keri ein Pokerface aufsetzen, und genau das tat sie jetzt. „Wen meinst du mit ‚uns Kowalskis‘?“

„Die ganze Familie.“ So tiefe Grübchen hatte sie noch nie an ihm gesehen. „Eben alle.“

Ihr erster Gedanke: Ach du Scheiße! Ihr Zweiter: Ob das „People Magazine“ wohl Leute braucht?

Joe zog einen Zettel aus der Hosentasche. „Hier, ich hab dir eine Liste mit all den Dingen gemacht, die du brauchst. Hab ich auf dem Parkplatz geschrieben.“

Keri faltete den Zettel auseinander. Sie las sich die Liste zweimal durch und versuchte daraus abzuleiten, was ihr bevorstand.

MITBRINGEN: Mückenspray, T-Shirts, Sweatshirts (mindestens eins davon mit Kapuze), ein Flanellhemd (dringend notwendig), Pyjama (optional), Unterwäsche (auch optional), Badeanzug (möglichst knapp), noch mehr Mückenspray, Turnschuhe, wasserfeste Schuhe, dicke Socken, Sonnenmilch, zwei Rollen Kleingeld.

ZU HAUSE LASSEN: Handy, BlackBerry, Laptop, Fotoapparat, Kamera, Wecker, Diktiergerät, sonstiger Elektrokram.

Sie hatte keinen blassen Schimmer, was das zu bedeuten hatte. Wollte Joe sie halb nackt verschleppen und sicherstellen, dass sie nicht mal per SMS Hilfe rufen konnte?

2. KAPITEL

Der erste Tag des alljährlichen Familienurlaubs war für Terry Kowalski Porter immer die Hölle. Die zwölf Tage voller Spaß und Entspannung waren umrahmt von zwei Tagen, an denen sie sich am liebsten vor einen fahrenden Zug geworfen hätte.

Auf der Autobahn ging es im Familienkonvoi noch gesittet zu. Doch sobald sie den Campingplatz erreicht hatten, waren ihre Verwandten plötzlich in alle Winde verstreut. Terry rannte sich die Füße wund, um überall zu helfen.

Zuerst musste sie zu ihren Eltern. Mit ihrem riesigen Luxuscampingwagen brachten sie das gesamte Lager zum Stillstand, solange sie nicht vernünftig geparkt hatten. Leo Kowalski weigerte sich standhaft, jemand anderen ans Steuer des Gefährts zu lassen, das sein Sohn ihm gekauft hatte. Terrys Aufgabe war es also, ihren ungeduldigen Bruder in Schach zu halten, bis ihr Dad das Schlachtschiff präzise eingeparkt hatte.

Dann ging es darum, Bodenunebenheiten auszugleichen, Vorzelte aufzubauen, Abwasserrohre, elektrische Leitungen und Wasserleitungen zu legen und anzuschließen. Das alles war Routine, aber bei Leo und Mary Kowalski ging immer irgendetwas schief.

„Nennst du das etwa gerade, Mary?“ Ihre Eltern waren immer laut.

„Ich bin drinnen, Leo. Wie soll ich wissen, was gerade ist?“

„Haben wir nach links Schlagseite?“

Dann kam ihr mittlerer Bruder Mike mit seiner Familie an die Reihe. Sie brauchten drei nebeneinanderliegende Zeltplätze für ihre kleine Campingsiedlung. Auf dem ersten Platz stand das Wohnmobil – sehr viel kleiner als der ihrer Eltern –, in dem Mike, Lisa und die beiden Jüngsten schliefen. Außerdem gab es dort einen Multifunktionsgrill und eine so riesige Campingküche, dass alle drei Brüder und Mikes Ältester anpacken mussten, um sie aus dem Anhänger zu wuchten.

Auf dem zweiten Zeltplatz stellten sie den Campinganhänger ab, den sie hinter dem Wohnmobil hergezogen hatten und in dem die beiden älteren Jungs übernachteten. Hier spannte Lisa auch ein wahres Spinnennetz von Wäscheleinen, an dem ganze Wäscheberge zum Trocknen aufgehängt werden konnten.

Auf dem dritten Zeltplatz errichteten sie einen großen Zeltpavillon mit Abdeckplanen, damit Lisa mit ihren vier wilden Gören nicht im Wohnmobil bleiben musste, wenn es regnete.

Terrys kleiner Bruder Kevin, das jüngste Kind von Leo und Mary, war am schnellsten versorgt. Seit seiner Scheidung benötigte er nur ein kleines Zelt, einen tragbaren Holzkohlegrill und die größte Kühlbox, die man für Geld kaufen konnte. Er selbst behauptete, ein Campingpurist zu sein, doch Terry wusste es besser. Kevin sah es einfach nicht ein, das ganze Zeug mitzuschleppen, wenn seine Eltern vier Zeltplätze weiter ein mobiles Zuhause im Wert von einer halben Million dabeihatten.

Joe mietete sich immer eine der Hütten auf dem Campingplatz. So konnte er seinen Laptop mitbringen und relativ komfortabel und in Ruhe arbeiten. Meist half Terry ihm dabei, seinen Geländewagen auszuräumen. Aber da sie gerade nicht mit ihrem Zwillingsbruder sprach, schickte sie stattdessen ihre Neffen zu ihm.

Das Chaos, das die vier Jungs um die Hütte herum verursachen würden, war nur der Anfang ihrer Rache an Joe Kowalski.

Am Telefon hatte ihr Bruder ihr mitgeteilt, dass sie nun doch ein Glas Erdnussbutter mehr brauchen würden. In dem Moment war Terry klar gewesen, dass der Dummkopf Mist gebaut hatte.

Der Kowalski’sche Familienurlaub war Joe anscheinend noch nicht stressig genug: Jetzt musste er auch noch Keri Daniels anschleppen. Und das Schlimmste war, dass der Rest der Familie sich auf Joes Seite geschlagen hatte. Ihre Eltern waren begeistert. Mike und Lisa war die Sache egal, und Kevin? Terry kannte ihren jüngsten Bruder. Sie wusste, dass er versuchen würde, Keri ins Bett zu kriegen. Und wenn er das nicht schaffen sollte, würde er seinen großen Bruder mit ihr aufziehen, wo es nur ging.

Natürlich hatte keiner von den anderen eine zwölfjährige Tochter, die Camping hasste. Die es hasste, länger als eine Stunde kein Internet zu haben. Und die es am allermeisten hasste, dass ihre Eltern sich getrennt hatten. Natürlich konnte sie auch nicht verstehen, warum die Exfreundin ihres Onkels Joe mitkam, ihr Vater aber nicht – denn streng genommen war er noch gar kein Ex.

Ebendiese zwölfjährige Tochter lümmelte gerade in einem Liegestuhl vor dem noch verschlossenen Wohnmobil und schlürfte Cola. Terrys Brüder hatten ihr geholfen, den Wagen einzuparken, ihn gerade aufzustellen und Wasser- und Abwasserleitungen anzuschließen. Danach hatte Terry sie weggescheucht. Nachdem jetzt kein Mann mehr im Haus war, mussten sie und Steph sich daran gewöhnen, die Dinge alleine anzupacken.

Leider war es eine wahre Herausforderung, ihre Tochter dazu zu bringen, auch nur den kleinen Finger zu rühren. „Stephanie, ich hab dich doch gebeten, wenigstens die Fenster zu öffnen und das Vorzelt aufzubauen.“

„Das macht Dad sonst immer.“

„Dad ist aber nicht hier. Und du hast ihm früher immer dabei geholfen. Also weißt du, wie das geht.“

Augenrollen. „Warum konnte ich nicht einfach bei ihm bleiben?“

Terry atmete tief durch. Zum x-ten Mal erinnerte sie sich daran, dass es Steph nur darum ging, wer ihr in den nächsten zwei Wochen einen Internetzugang bieten konnte. Ihre Frage hatte nichts damit zu tun, welchen ihrer Elternteile Stephanie am meisten liebte. Terry antwortete: „Weil seine Wohnung nicht groß genug ist und du zu alt bist, um mit ihm auf diesem verdammten Futonbett zu schlafen.“

„Wann kommt Onkel Joes Freundin?“

„Ich weiß es nicht, Steph. Lass uns doch einfach den Wagen fertig machen, dann können wir …“

„Ich glaub, das ist sie.“

Terry drehte sich um und murmelte ein Wort, dass sie sonst nie benutzte, wenn ihre Tochter sie hören konnte.

Natürlich war sie es. Warum konnte Keri Daniels nicht auch nur ein Kilo zunehmen – oder zehn? Oder wenigstens schlecht gefärbte Haare haben, verdammt? Aber nein, sie war immer noch schlank und sah immer noch großartig aus. Und keins ihrer Körperteile schien der Schwerkraft erlegen zu sein, wie es bei Terry der Fall war.

Mit schockiertem Gesicht starrte Keri gerade zu den Anhängern, die auf dem Vorplatz verstreut herumstanden und darauf warteten, dass ihre Besitzer sie abluden. Auf den Ladeflächen standen zwölf Quads in verschiedenen Größen und Farben, eins von den vierrädrigen Motorrädern war nigelnagelneu.

Keri wandte sich um und sah Terry zum ersten Mal seit Jahrzehnten in die Augen. „Was zum Teufel ist das denn?“

„Das sind Quads“, erwiderte Terry. „Mein Dad hat uns mal mitgenommen, als wir zehn waren. Oder hast du das auch vergessen?“

Keri verzog angewidert ihre karmesinroten Lippen. „Um Himmels willen, Joe muss Geld haben wie Heu. Hättet ihr nicht eine Kreuzfahrt buchen können oder so?“

„Wir mögen Quads. Außerdem bringt die Familie nichts enger zusammen als so ein Zeckencheck nach einer Fahrt.“

„Zeckencheck?“, fragte Keri. Terry hatte das Vergnügen, ihre ehemalige Freundin und aktuelle Erzfeindin unter ihrem professionell aufgetragenen Rouge erbleichen zu sehen. „Zeckencheck? Ich kann das nicht.“

„Steph, sag deinem Onkel Joe Bescheid, dass Keri Daniels da ist.“

„Onkel Joe, deine Freundin ist da!“, brüllte das Mädchen in Richtung der Hütten.

„Wenn ich gewollt hätte, dass es über den Zeltplatz geschrien wird, hätte ich’s selber gemacht.“

Aber in Wirklichkeit war Terry nicht nach Schreien zumute. Ihr war vielmehr danach, sich vor Lachen im Gras zu wälzen.

Miss Perfect zog ein Gesicht, als wäre sie soeben in hohem Bogen in einem stinkenden Misthaufen gelandet. Vielleicht würden die nächsten zwei Wochen doch ganz lustig werden. Rache war tatsächlich süß.

Keri sah, wie Joe auf sie zukam. Er hatte die Hände in den Taschen, und seine sexy Grübchen waren sogar von Weitem sichtbar. Zuerst war sie sprachlos.

Dann sagte sie nur: „Du wirst mich nicht nach Zecken absuchen, Joseph Kowalski.“

„Verdammt, Baby, mach mir meine Hoffnungen nicht gleich am ersten Tag kaputt“, gab er breit lächelnd zurück, und Keri kam sich wie eine Idiotin vor. „Ich sehe, du hast Terry entdeckt.“

„Ich werde nicht mit einem dieser Dinger fahren.“ Sie zeigte auf die Anhänger mit den vierrädrigen Geländefahrzeugen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mein Ex, seine Familie, die Wildnis und ich" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen