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Mein Bruder, die Bestie

PROLOG

Verdammte Warterei, dachte Xander und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er versuchte sich abzulenken, indem er die Fliegen und das andere Ungeziefer zählte, das überall in der Bar herumkroch.

„Darf ich dir noch etwas bringen?“, fragte die Bedienung. Ihr Name wollte ihm nicht mehr einfallen. Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn nachdenklich. Das interessierte Lächeln, das sie dabei zur Schau trug, war nicht gespielt.

„Bring mir noch mal dasselbe“, sagte er abwesend und kratzte sich dabei das unrasierte Kinn. „Am besten gleich die ganze Flasche“, rief er ihr nach und blickte zum wahrscheinlich zwanzigsten Mal, seit er hier in diesem stickigen Loch festsaß, auf seine Armbanduhr. Gedankenverloren kratzte er über den fleckigen Tisch und fluchte dabei leise vor sich hin. Sein Kontakt ließ ihn warten. Wieder einmal.

Xander lebte seit über einem Jahrzehnt in Brasilien, zählte sich selbst zu den modernen Glücksrittern und sicherte sich sein Einkommen durch den Schmuggel seltener Tiere. Eine quer über seine Wange verlaufende, erst wenige Tage alte Narbe bewies, dass der Job nicht ganz ungefährlich war. Einige Tiere ließen sich eben nicht so leicht fangen wie andere.

In der großen Kiste unter dem Tisch regte sich etwas. Xander rückte den Stuhl zurück und bedachte die Kiste mit einem hasserfüllten Blick. „Halt bloß die Schnauze“, zischte er und zuckte, als die Bedienung ihm die Flasche Brandy auf den Tisch stellte, leicht zusammen.

„Alles okay?“, fragte die schwarzhaarige Schönheit und rückte dabei ihr Dekolleté zurecht.

Die brasilianischen Frauen, dachte Xander, waren wirklich das Einzige, was ihn noch in diesem Land hielt. Er starrte sie an und merkte, dass sie seinen Blick erwiderte. Aber gerade, als er sie einladen wollte, etwas mit ihm zu trinken, wurde die Tür der Bar aufgestoßen, und eine Stimme, so herb wie trockener Wein, ließ ihn zusammenzucken.

„Xander, mein Freund“, rief José so laut, dass Xander froh war, der einzige Gast zu sein. Die Bedienung machte, dass sie wegkam, und runzelte dabei pikiert die Stirn.

„José“, begrüßte Xander den übergewichtigen Mann. Er ignorierte die ihm angebotene Hand und wies auf einen freien Stuhl. „Du kommst spät.“

José grinste breit. „Du weißt doch, wie das ist. Man muss immer auf der Hut sein und mit allem rechnen.“ Er fing an zu lachen und wollte sich die Brandyflasche schnappen, aber Xander war schneller. „Hab’s grad nötiger, glaub mir“, erklärte er verärgert, während er sein Gegenüber nicht aus den Augen ließ, und genehmigte sich einen kräftigen Schluck.

José nahm die Vorstellung mit Humor. „Du siehst geschafft aus. Der letzte Job scheint wohl nicht ganz so einfach wie eure letzten gelaufen zu sein.“ Er sah sich um. „Wo ist dein Partner abgeblieben? Der Deutsche.“

„Verhindert.“

„Verhindert?“

„Ja.“

Die Augen des Brasilianers nahmen einen seltsamen Glanz an. „Er ist ein lustiger Kerl, nicht wahr?“

Xander wich dem Blick aus und genehmigte sich einen weiteren Schluck aus der Flasche.

Die beiden Männer schwiegen sich an, bis José wieder das Wort ergriff. „Wir mussten die Preise etwas anheben, nur ein klein wenig. Die Zollbeamten werden immer gieriger.“

„Solange die Kiste ihr Ziel erreicht, ist mir das gleich. Gebt den Männern, was sie verlangen, nur sorg dafür, dass diese Kiste …“, er hielt kurz inne, seine Hand zitterte, „… verschlossen bleibt.“

„Darf man fragen, was drin ist?“

„Nein, und ich würde dir raten, deine Neugierde dieses Mal zu zügeln.“

„Seit wann …“

„Tu es einfach.“ Geistesabwesend betrachtete Xander den Inhalt der Flasche. „Glaub mir, wenn ich dir sage, dass du es bereuen würdest, meinen Rat nicht zu befolgen.“

José senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Was ist euch da draußen passiert?“

Xander lachte leise. „Ich wurde auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.“ Er ließ den Blick zu der Bedienung schweifen. „Vielleicht ist es an der Zeit, sesshaft zu werden. Du weißt schon, eine Familie gründen, ein Haus bauen.“

„Du bist verrückt …“ José verstummte sofort, als sich in der Kiste unter dem Tisch etwas regte.

„Ich wünschte, du hättest recht“, sagte Xander und leerte die Flasche in einem Zug. „Ich wünschte … ich wäre komplett wahnsinnig. Einfach nur durchgeknallt. Irre.“ Mit einem lauten Knall stellte er die Flasche auf den Tisch und lächelte schwach. „Doch leider bekommen wir nur selten, was wir uns wünschen, nicht wahr?“

1. KAPITEL

Ich hockte zusammen mit meiner besten Freundin Kate an unserem Stammtisch bei Roger’s und schlürfte teilnahmslos an dem riesigen Erdbeer-Milchshake für zwei Personen. Es war der letzte Ferientag hier in Kalifornien, und genauso fühlten wir uns auch.

Kate stieß einen tiefen Seufzer aus und kaute auf ihrem Strohhalm rum. „Kannst du mir mal bitte sagen, warum wir überhaupt noch zur Schule sollen? Ich meine, wir wissen doch eh schon alles. Und das, was die uns vielleicht noch beibringen könnten, ist sicherlich auch im Internet zu finden.“

„Die wollen uns quälen“, warf ich lakonisch ein. Ich nahm einen besonders kräftigen Schluck und blickte gelangweilt aus dem Fenster. Was für ein Elend. Ich zählte ein paar Autos, besah mir die Passanten und verstrickte mich in verzweifelten Überlegungen, wie ich den morgigen Schultag am besten über die Runden bringen konnte, als Kate plötzlich fragte: „Ist das nicht dein Bruder?“

Ich blinzelte verwirrt und ließ mir von Kate die exakte Richtung zeigen. Eine Gruppe von Jugendlichen, vier Typen und zwei Mädchen, stiefelten wie die Miniaturausgaben der Reservoir Dogs die andere Straßenseite entlang. „Das ist er tatsächlich“, entfuhr es mir sichtlich geschockt.

„Aber das ist doch die Clique von Cage“, bemerkte Kate finster. „Warum, in aller Welt, hängt dein kleiner Bruder mit diesen Typen rum?“

Ich war zu sehr damit beschäftigt, zu glotzen, als dass ich auf Kates besorgte Äußerung hätte eingehen können. „Er benimmt sich schon seit einiger Zeit ein wenig seltsam, aber dass es daran liegt, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.“

Die Clique war mittlerweile aus unserem Blickfeld verschwunden, was Kate aber nicht davon abhielt, zahlreiche Vermutungen zu äußern.

„Vielleicht haben sie ihn ja entführt?“, dachte sie laut nach und schob das halb volle Milchshakeglas von links nach rechts. Ich beäugte meine rothaarige Freundin und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

„Das ist echt nicht witzig“, sagte ich und nahm Kate den Milchshake weg. „Du weißt ganz genau, wie Cage drauf ist, und der Rest der Clique ist auch nicht viel besser.“

„Diebe, Schläger, Erpresser“, zählte Kate die zahlreichen Delikte auf, für die sich die Bande verantwortlich zeigte. Die Strafen waren bisher alles andere als hart ausgefallen, was zu großen Teilen darauf zurückzuführen war, das Cages Daddy ein hohes Tier bei der örtlichen Polizei war. Außerdem besaß Cage Charaktereigenschaften, die ähnlich wandelbar waren wie die Farbe eines Chamäleons. Gerade eben war er noch der schmierige Kleinkriminelle von nebenan, nur um sich innerhalb eines Augenzwinkerns in einen blondierten Engel zu verwandeln, der den Omis, welchen er vorher die Handtasche gestohlen hatte, ganz gentlemanlike über die Straße half.

„Wenn ich daran denke, wie er mich vor den Ferien angegraben hat, wird mir ganz schlecht.“

„Du meinst die Sache in der Schulcafeteria?“

Ich lächelte gequält. „Genau die“, sagte ich leise und dachte an die Woche vor den Ferien zurück. Ich hatte zusammen mit Kate und einigen anderen in einer Ecke der Cafeteria gesessen, als es plötzlich ganz still geworden war. Mein Blick wurde auf den Eingang der Cafeteria gelenkt, wo Cage und seine Truppe standen. Was insofern komisch war, als dass die Bande normalerweise einen Bogen um diese Örtlichkeit machte. Jeder von ihnen, auch die beiden Mädchen, trug eine schwarze Lederjacke. Cage ließ den Blick schweifen, entdeckte uns und marschierte wie der König von England samt Hofstaat auf uns zu. Einer der Jungen am Tisch, ich glaube, es war Andy Jenkins, sprang wie von der Tarantel gestochen auf und suchte sein Heil in einer überstürzten Flucht. Später erklärte Kate, dass Cage ihm in regelmäßigen Abständen das Taschengeld klaute.

„Hallo, Ladies“, begrüßte Cage sowohl mich als auch Kate, aber er sah nur mir direkt ins Gesicht und beugte sich grinsend zu mir runter. Ich spiegelte mich in den getönten Gläsern seiner Sonnenbrille und sah zu diesem Zeitpunkt alles andere als erfreut aus. Ganz im Gegenteil. „Dürfte ich wissen, wie du heißt, Puppe?“, fragte er in einem Tonfall, der mich an eine Figur aus irgendeinem Disneyfilm erinnerte. Keine von den guten natürlich.

Beim Geruch seines Aftershaves verzog ich trotzig die Nase und presste die Lippen zusammen.

„Sie ist anscheinend schüchtern“, erklärte Cage einem seiner Handlanger. Die Clique verfiel in hyänengleiches Gelächter, und Cages schmieriges Grinsen wurde noch breiter.

„‚Angewidert‘ wäre wohl die passendere Umschreibung“, gab ich so gelassen wie möglich zurück und freute mich über die kurze Verwirrtheit des obercoolen Machos. Zwei Tische weiter fingen einige Mädchen an zu kichern und auch die Jungen konnten sich ein leicht hämisches Lachen nicht verkneifen. Cage sah sich nach den Spöttern um und starrte sie so finster an, dass jeder Einzelne von ihnen schlagartig verstummte.

„Kommst dir wohl besonders schlau vor, was?“, stieß er hervor und schob in einer höchstwahrscheinlich einstudierten Geste die Brille über die Stirn. „Solche Girlies wie dich verspeise ich jeden Morgen zum Frühstück.“

„Glaub ich dir aufs Wort“, konterte ich und fügte süffisant hinzu: „Pass aber auf, dass du dich nicht irgendwann verschluckst.“

Cage lief rot an, mehr noch … Er knirschte mit den Zähnen und fuhr sich immer wieder durch das sorgfältig gegelte Haar, bis es ganz zerzaust war und zu allen Seiten hin abstand. „Da du so gerne Witze reißt, würde ich an deiner Stelle aufpassen, wem du in Zukunft den Rücken …“

„Gibt’s Schwierigkeiten?“, schnitt Erik Meyers, das Footballass unserer Schule, ihm das Wort ab. Er war in etwa so groß wie Cage, hatte dunkelblondes Haar und sah verdammt gut aus. „Ich fragte, ob es Schwierigkeiten gibt“, wiederholte er.

„Verzieh dich“, stieß Cage wütend hervor. Ich sah, wie seine Hände vor Wut zitterten. „Das geht nur mich und die Süße hier was an.“

Bei dem Ausdruck „Süße“ verzog ich zornig das Gesicht und wollte etwas erwidern, überlegte es mir in letzter Sekunde aber anders. Wenn ich jetzt durchdrehte, war wirklich niemandem geholfen. Zum Glück erwies sich Erik als echter Kavalier. Da überlegt man jahrelang, wie man den süßen Typen dazu bringen kann, dass er einen wahrnimmt, und dann passiert so was. Nichtsdestotrotz gab es mit Sicherheit bessere Alternativen, um jemanden kennenzulernen. Während die beiden jungen Männer sich demonstrativ aufplusterten, wünschte ich mir in diesem Moment nichts sehnlicher als einen Mantel, der mich unsichtbar machen würde. Jedes Augenpaar in der Cafeteria war auf unseren Tisch gerichtet, und ein jeder hoffte, dass jemand, am besten Erik, diesem Mistkerl von Cage mal gründlich die Meinung geigte.

„Ich denke nicht, dass sie gerne mit ‚Süße‘ angesprochen wird“, presste Erik leicht angesäuert hervor.

„Ach, kennst du sie so gut? Deine kleine Freundin, was?“

„Wenn es so wäre, würde es dich einen feuchten Dreck angehen.“

Na, das war doch mal eine freudige Aussage, dachte ich und stellte mir allen Ernstes vor, wie Erik und ich Arm in Arm eine weiße Strandpromenade entlangspazierten. Sobald er Cage endlich verprügelt hatte, würde er mich sicherlich fragen, ob ich mit ihm …

Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, schoss Cages geschlossene Faust auf Eriks Gesicht zu. Was dann folgte, war ein entsetzter Aufschrei aus Richtung des Cheerleadertisches, durchsetzt vom empörten Grölen der anderen Footballspieler, die es gar nicht gern sahen, wenn einem ihrer Kameraden einfach so die Nase gebrochen wurde.

Nun ja, die Nase war nicht komplett gebrochen, eher so ein bisschen angeknackst, was natürlich ausreichte, um Eriks untere Gesichtshälfte rot zu färben. Die anschließende Schlägerei, die zwischen Cages Clique und einem Teil des Footballteams ausgetragen wurde, verlief zum Glück ohne weiteres Blutvergießen.

Obwohl diese Ereignisse schon Wochen zurücklagen, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken, wenn ich daran dachte, dass es in gewisser Weise auf mich zurückzuführen war, dass der Schwarm aller Cheerleader die Sommerferien wie dieser Typ aus dem Film Chinatown rumlaufen musste.

„Werd mal wieder wach“, riss Kate mich aus meinen Überlegungen. „Hast du nach der Aktion noch mal mit ihm geredet?“

„Mit Erik?“

„Nein, mit Kermit dem Frosch“, stöhnte sie ungeduldig. „Natürlich mit Erik.“

Ich hob abwehrend beide Arme. „Er wurde meinetwegen verunstaltet und gleichzeitig vor fast der gesamten Schule gedemütigt. Wenn es jemanden gibt, den er bestimmt nie wiedersehen möchte, dann sicherlich mich.“ Ich biss mir traurig auf die Unterlippe und dachte über das soeben Gesagte nach. Es musste mir irgendwie gelingen, ihm in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Das wäre sicher das Beste für alle Beteiligten.

„Soll ich dir was verraten?“, zwitscherte Kate mir leise zu und stemmte dabei ihre zu Fäusten geballten Hände in die Hüften, „du bist ein feiges Huhn.“ Dabei gackerte sie lautstark los und lenkte den Blick einiger anderer Gäste auf unseren Tisch.

„Bist du noch normal?“, fuhr ich sie verdattert an und wäre aufgrund ihrer Darbietung vom feigen Hühnchen am liebsten im Erdboden versunken. Der Mantel – ich brauchte unbedingt so einen Mantel! Als ich Kate endlich dazu gebracht hatte, mit dem Unsinn aufzuhören, sah sie mich an wie ein Professor das Ei einer ausgestorbenen Vogelart und meinte: „Aufgeben hat noch nie zu dir gepasst. Also bitte tu mir den Gefallen und fang erst gar nicht mit so was an. Erik hätte sich bestimmt nicht für dich eingesetzt, wenn du ihm egal wärst.“

„Er ist halt der Typ Mensch, der anderen hilft und nicht einfach wegsieht. Aus dem gleichen Holz schnitzt man Polizisten und Feuerwehrmänner.“

„Na, dann wird es ja mal Zeit, dass er endlich dein Feuer löscht“, meinte sie schnippisch und winkte die Bedienung an unseren Tisch.

„Manchmal bist du echt schlimm“, sagte ich lachend.

„Nicht nur manchmal.“

Während wir unser Kleingeld zusammensuchten, dachte ich über Kates Worte nach. Vielleicht lag sie gar nicht mal falsch mit ihrer Behauptung und für Erik und mich gab es noch immer eine Chance. Wir bezahlten unseren Milchshake und machten uns auf den Nachhauseweg.

Meine Mom bereitete gerade das Essen zu, als ich durch die Tür trat. Sie begrüßte mich mit dem üblichen „Hallo, Engel“ und fegte von einer Ecke der Küche zur nächsten. Es duftete köstlich, und mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, als mein Blick auf das Kleid fiel, das sie unter der Küchenschürze trug. Das rote mit dem tiefen Rückenausschnitt – sehr verdächtig.

„Du gehst heute Abend aus?“, fragte ich so uninteressiert wie nur irgend möglich und linste dabei neugierig in einen der Töpfe, wo eine leckere Soße vor sich hin brodelte.

Sie hielt schlagartig inne und bedachte mich mit einem leicht, wie soll ich es am besten ausdrücken, nun ja, mit einem finsteren Blick. Dabei hob sie die linke Augenbraue und verzog die Lippen zu einer geraden Linie. „Ich hatte dir schon vor einer Woche gesagt, dass Simon heute vorbeikommen wird. Engel, wo hast du deinen Kopf?“

„Simon?“ Ich wusste in diesem Moment wirklich nicht, von wem sie da sprach. „Äh, meinst du deinen Arbeitskollegen?“

„Ich rede von dem Wissenschaftler, mit dem ich mich seit über einem Monat treffe.“

„Ach, dieser Simon“, entfuhr es mir. „Wenn ich mich nicht irre, hat er das leer stehende Labor in der Avery Street gekauft. Muss ihn eine Stange Geld gekostet haben.“ Mom hatte mir mal ein Bild von ihm gezeigt, mit dem ich in etwa so viel anfangen konnte wie George Bush mit einer Friedenspfeife. Der Typ wirkte irgendwie blass. Ob das jetzt allein an der Aufnahme lag, konnte ich beim besten Willen nicht sagen, aber der gelangweilte Ausdruck, mit dem er sich hatte ablichten lassen, ließ auf keinen sehr aufregenden Mann schließen. Seit mein Dad vor drei Jahren bei einem Autounfall gestorben war, suchte Mom verzweifelt nach einem Ersatzdaddy. Leider Gottes war sie in solchen Dingen nicht sehr gut.

„Und um wie viel Uhr wird dieser Simon hier aufkreuzen?“, wollte ich wissen.

Mom hing mittlerweile wieder über dem Herd. Manche ihrer Bewegungen gingen so schnell, dass es mir schwerfiel, ihnen zu folgen. „In einer halben Stunde, Engel. Es wäre nett, wenn du und dein Bruder euch schon mal fertig machen könntet.“

Ein gemeinsames Abendessen mit meiner Mom und ihrem neuen Lover – konnte es etwas Schlimmeres geben? „Bist du sicher, dass du uns dabeihaben möchtest?“

„Ja, warum denn nicht?“

„Na ja, ich dachte eigentlich, dass ihr viel lieber ungestört sein wollt.“

Meine Mom schüttelte verneinend den Kopf. „Dass du immer so einen Unsinn reden musst“, nörgelte sie und hielt mir einen Löffel mit der unheimlich gut duftenden Soße hin. „Probier mal“, forderte sie mich auf.

Nachdem ich ihre Kochkünste als spitze befunden hatte, sollte ich mich umziehen gehen. Mein Zimmer lag im ersten Stock, direkt gegenüber dem meines ein Jahr jüngeren Bruders Alex. Seit einiger Zeit hörte er die Musik einer irischen Hardrockband, die, wenn man das so sagen darf, alles andere als ein Genuss für die Ohren war. Selbst wenn ich, statt normal zu klopfen, einen Hammer benutzt hätte, wäre es ihm unmöglich gewesen, mich bei der lauten Musik zu hören. Also tat ich das einzig Logische in so einer Situation und öffnete einfach die Tür.

Alex lag, Arme und Beine von sich gestreckt, auf dem Bett und starrte, die Texte seiner neuen Lieblingsband mitsingend, an die Decke. Er hatte mich noch nicht bemerkt, und da ich wusste, wie schreckhaft er sein konnte, lag es natürlich nahe, mich heimtückisch an ihn heranzuschleichen, um ihm im richtigen Moment einen ordentlichen Schrecken einzujagen.

Während ich mich anschlich, fing er plötzlich an, laut den Refrain zu brüllen. Ich hielt kurz inne, um einen aufsteigenden Lachanfall zu unterdrücken, und knuffte ihn dann leicht in die Seite. Er bekam tatsächlich einen riesigen Schrecken und wäre beinahe aus dem Bett gefallen, hätte ich ihn nicht in letzter Sekunde festgehalten.

„Du blöde Kuh!“, las ich von seinen Lippen. Er sprang auf die Beine und drosselte seine Anlage auf normale Zimmerlautstärke.

„Ich wollte dir Bescheid geben, dass Moms neuer Freund heute zum Essen kommt. Wäre nett, wenn du dich mal wie ein Mensch verhalten könntest.“

„Du kannst Mom ausrichten, dass ich keinen Hunger habe.“

Oha, das waren ja mal ganz neue Töne. Normalerweise war es ein Ding der Unmöglichkeit, Alex satt zu kriegen. „Machst du jetzt einen auf James Dean? Oder hast du mit deinen neuen Freunden ein wehrloses Lamm gerissen?“, zog ich ihn auf.

„Neue Freunde?“ Er war ein schlechter Lügner. „Keine Ahnung, was du da faselst.“

„Kate und ich haben dich zusammen mit Cages Clique gesehen.“ Als ich meine beste Freundin erwähnte, bekam Alex große Augen. Es war offensichtlich, dass er in Kate verschossen war, und das sogar ziemlich heftig. Eine Tatsache, die mir schon seit geraumer Zeit Sorgen bereitete. Kate bevorzugte einen ganz anderen Schlag von Männern. Alex war einfach viel zu unreif, als dass er bei ihr hätte landen können. „Wir dachten schon, die Typen hätten dich entführt, und haben schon alle möglichen Leute um Geld angepumpt, um das Lösegeld zusammenzukriegen“, plapperte ich weiter.

„Cage ist in Ordnung“, räumte er schnell ein. „Wenn man ihn erst mal kennengelernt hat, dann ist er ein prima Kerl.“

Ich erinnerte mich erneut an die Szene in der Schulcafeteria, wo Cage es darauf angelegt hatte, auch mich besser kennenzulernen. „Hör mal, Alex, ich finde es zwar gut, dass du dich endlich mal nach ein paar Freunden umschaust, aber ausgerechnet die schlimmste Clique Kaliforniens?“ Klar, es waren nicht die Hells Angels, aber der beste Umgang waren sie mit Sicherheit nicht gerade.

„Mit wem ich rumhänge, geht dich nichts an, kapiert?“, erwiderte er wütend. „Und jetzt mach endlich, dass du aus meinem Zimmer verschwindest!“

Ich sah ihn schräg von der Seite an. „Mit dem falschen Fuß aufgestanden?“

„Nein, aber du gehst mir so was von auf die Nerven, dass ich kotzen könnte. Also, raus hier!“ Mit diesen Worten schob er mich nach draußen und schlug so heftig die Tür zu, dass der dabei entstehende Luftzug mich blinzeln ließ. Keine Sekunde später ging die grauenvolle Musik erneut los.

„Du siehst furchtbar aus“, begrüßte Kate mich am nächsten Morgen. Sie trug einen zu ihrer roten Haarpracht passenden Rock und eine trendige Weste.

Ich biss die Zähne zusammen und schenkte ihr ein gequältes Lächeln. „Erinnerst du dich an den langweiligsten Abend deines Lebens?“

„Wurde aus dem Gedächtnis gestrichen.“

„Wärst du dann bitte so freundlich, mir zu erklären, wie so was geht?“ Wir trotteten los, und ich begann, ihr mein Leid kundzutun. „Mein Bruder befindet sich zurzeit auf einem höllischen Selbstfindungstrip, und meine Mom geht mit einem Typen, der locker in jedem Frankensteinfilm mitspielen könnte.“

„So schlimm also?“

„Glaub mir, einen arroganteren Typen als diesen Simon Baxter hast du noch nicht erlebt. Es ist mir absolut unbegreiflich, was meine Mom an diesem Affen findet.“

Kate verdrehte die Augen. „Die Liebe geht manchmal halt merkwürdige Wege.“

„Dann sollte die Liebe sich vielleicht mal ein paar Kontaktlinsen zulegen. Bei dem Gedanken, dass der Typ in unsere Familie einheiraten könnte, wird mir ganz mulmig.“

„Findest du nicht, dass du ein klein wenig übertreibst?“

Ich lachte. „Kennst du einen, der sein Feuerzeug um den Hals trägt?“

„Äh … nein.“

„Ich schon, und Baxter ist nicht mal Raucher.“

„Was macht er eigentlich beruflich?“

Ich runzelte die Stirn und versuchte mich an die genaue Bezeichnung zu erinnern. „Irgendwas total Kompliziertes – eine Mischung aus Biologe und Chemiker“, sagte ich schließlich und Kate zuckte nach dieser Information zufrieden mit den Schultern. „Was mit Tieren ist doch ein sicheres Zeichen dafür, dass er gar nicht so schlimm sein kann“, erwiderte sie fröhlich und hielt mir die Tür zum Hauptgebäude auf.

„Wie zuvorkommend“, scherzte ich und rannte prompt in eine Gruppe von Typen. Ich brachte ein knappes „Sorry“ hervor und wollte ja keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, als jemand meinen Namen rief.

„Sarah?“

Diese markante Stimme hätte ich unter tausend anderen wiedererkannt. Ich drehte mich auf dem Absatz um und starrte in das – Herr dem Himmel sei Dank – narbenfreie Gesicht von Erik Meyers.

„Wie geht’s dir?“, fragte er locker, und einer seiner Footballkumpel, wahrscheinlich der, mit dem ich eben zusammengeprallt war, hob grüßend die Hand.

„Ganz gut“, sagte ich schnell und hielt nach Kate Ausschau. Als ich sie entdeckte, fiel mir beinahe die Kinnlade runter. Anstatt mir hilfreich zur Seite zu stehen, schmökerte sie seelenruhig in der neuesten Ausgabe der Schülerzeitung.

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