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Mein Baby!

PROLOG

„Wer zweimal Brautjungfer war, wird selbst nie eine Braut“, sagte Adam leise an Andies Ohr. Ihr Parfüm ist einfach betörend, dachte er.

Sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. In ihren grünen Augen leuchtete es liebevoll auf, als sie ihn zur Begrüßung auf die Wange küsste.

Andrea Summer sah so perfekt aus wie immer. In dem pfirsichfarbenen Seidenkleid und mit dem langen blonden Haar, das ihr in weichen Locken über den Rücken fiel und in das sie winzige pfirsichfarbene Teerosen gesteckt hatte, erinnerte sie ihn an eine Märchenprinzessin.

Sie lachte auf, und es hörte sich irgendwie heiser und erotisch an. Adam überlief es heiß. „Wer dreimal Brautjungfer war, Adam, nicht zweimal“, korrigierte sie ihn sanft.

„Ach ja?“, fragte er betont überrascht. „Aber du musst zugeben, es wird langsam Zeit für dich, Andie. Du wirst bald sechsundzwanzig“, neckte er sie. „Deine beiden älteren Schwestern sind verheiratet, jetzt bist du an der Reihe.“

Andie zuckte die Schultern und betrachtete ihre Schwestern und deren Ehemänner. Harrie hatte vor einigen Wochen Quinn McBride geheiratet, und heute feierten sie Danies Hochzeit mit Jonas Noble.

„Sie haben offenbar den richtigen Mann gefunden“, erwiderte Andie leise.

Sekundenlang verging Adam das Lächeln. Doch er hatte sich rasch wieder unter Kontrolle. „Und was ist mit dir? Bist du dem Richtigen noch nicht begegnet, Andie?“

Sie lachte. „Gerade du solltest doch wissen, dass es den richtigen Partner oder die richtige Partnerin gar nicht gibt. Man muss mit dem Vorlieb nehmen, was kommt“, behauptete sie. Dass sie sich damit selbst widersprach, war ihr egal.

Gerade ich? überlegte er. Ja, er hatte immer den Eindruck erweckt, ein eingefleischter Junggeselle zu sein. Er hatte sogar bei jeder Gelegenheit betont, wie sehr ihm diese Art zu leben gefiel. Aber diese schöne junge Frau, die immer so elegant gekleidet war und so viel Humor hatte, hätte das alles ändern können. Das jedoch ahnte sie nicht.

Wie lange fühlte er sich schon zu ihr hingezogen? Seit er sie kannte, so kam es ihm jedenfalls vor. Es hatte natürlich andere Frauen in seinem Leben gegeben, schöne und verführerische, blonde, brünette und rothaarige. Doch keine Einzige war mit Andie zu vergleichen.

„Hoffentlich sagst du so etwas nicht zu Harrie und Danie.“ Adam lächelte.

„Ach, die beiden sind sowieso die Ausnahme.“ Andies Miene wurde ernst. „Ich bin mir ganz sicher, dass Quinn und Jonas die richtigen Männer für meine Schwestern sind.“

Das Thema Harrie und Danie fing an, ihn zu langweilen. Er interessierte sich nur für Andie, und das schon lange. „Ich bin wirklich froh, dass du heute gekommen bist“, erklärte er.

Andie runzelte die Stirn. „Ich würde doch nicht der Hochzeit meiner Schwester fernbleiben!“

„Na ja, bei zwei anderen Gelegenheiten hast du gefehlt“, wandte er ein. „Auf dem Sommerfest beispielsweise“, fügte er hinzu, als sie ihn fragend ansah. Das Sommerfest wurde jedes Jahr im Juni auf Jerome Summers Landsitz gefeiert. „Und eine Woche später auf dem Familienfest. Dein Vater hat dich damit entschuldigt, du hättest die Grippe gehabt.“

Sie zuckte die Schultern und lächelte. „Wenn Dad das gesagt hat, stimmt es auch. Es steckt nichts Geheimnisvolles dahinter.“

Adam nahm zwei Gläser Champagner von dem Tablett, das ein Kellner umhertrug. Der Hochzeitsempfang fand in einem der besten Londoner Hotels statt. Er reichte Andie ein Glas. Doch zu seiner Überraschung schüttelte sie den Kopf und entschied sich für Orangensaft. „Trinkst du etwa keinen Champagner mehr?“ Adam wusste, dass sie außer Champagner keinen Alkohol trank.

„Ach, ich probiere momentan nur eine neue Diät aus“, antwortete sie ausweichend.

„Wie bitte?“ Er betrachtete ihre überaus schlanke Gestalt. „Das kannst du dir eigentlich gar nicht erlauben, deine Figur ist doch perfekt.“

„Du hörst dich so an wie mein Vater.“ Andies Stimme klang spöttisch, und sie sah ihn mit ihren grünen Augen an, die von dichten, langen Wimpern umrahmt wurden.

Verdammt, mit ihrem Vater will ich ganz und gar nicht verglichen werden, dachte er irritiert. Seine Gefühle für sie waren bestimmt keine väterlichen. Aber da er vierzehn Jahre älter war als sie, war er für sie vielleicht wirklich so etwas wie eine Vaterfigur.

„Nächsten Monat wird diese Diät in der Gloss vorgestellt“, fuhr Andie unbekümmert fort. Sie war Chefredakteurin dieser Monatszeitschrift. „Ich wollte sie zuvor ausprobieren, um herauszufinden, ob sie wirklich gut ist.“

Er blickte sie mit finsterer Miene an. „Du brauchst genauso wenig eine Diät wie …“

„Wie du noch mehr Geld?“, beendete sie den Satz für ihn betont sanft. „Man kann nie reich genug oder schlank genug sein, so sagt man doch, stimmt’s?“

Ihm entging die leichte Schärfe in ihrer Stimme nicht. In den letzten Monaten hatten sie sich nur zweimal getroffen, aber nie Gelegenheit gehabt, sich zu unterhalten. Bisher hatte Adam nicht bezweifelt, dass sie wirklich krank gewesen war. Auf die Idee, dass Andie ihn absichtlich gemieden hatte, war er nicht gekommen. Jetzt wurde er jedoch nachdenklich.

„Natürlich kenne ich diese Redewendung“, antwortete er. „Aber daran glaubst du doch selbst nicht.“

„Bist du sicher?“ Ihre Miene wirkte plötzlich verschlossen. „Obwohl wir uns schon lange kennen, hast du nicht das Recht, mir zu sagen, was ich glaube.“

Er packte sie am Arm. „Andie …“

„Du musst mich entschuldigen“, unterbrach sie ihn energisch. Braut und Bräutigam setzten sich in dem Moment an den großen Tisch, und in wenigen Minuten würde man das Essen servieren. „Man braucht mich.“

Ja, ich beispielsweise, dachte er. Vor bald acht Jahren, an ihrem achtzehnten Geburtstag, war ihm klar geworden, dass sie kein Kind mehr war, sondern eine schöne, begehrenswerte junge Frau.

„Andie, lass uns nächste Wochen zum Abendessen ausgehen“, schlug er vor. Diese Frau brachte ihn beinah um den Verstand, wenn er in ihrer Nähe war.

Sie blickte ihn kühl an. „Das ist keine gute Idee, finde ich. Aber ich habe wirklich etwas anderes zu tun“, erklärte sie bestimmt. Dann löste sie sich sanft, allerdings entschlossen aus seinem Griff, ehe sie das Glas Orangensaft hinstellte. „Ich wünsche dir noch einen schönen Tag“, fügte sie steif hinzu.

Adam hatte sich vor vielen Jahren entschieden, nie zu heiraten. Doch während er Andie beobachtete, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen zu dem Tisch des Brautpaars ging, gestand er sich ein, dass er alles daransetzen würde, Andie zu seiner Frau zu machen.

1. KAPITEL

„Es tut mir leid, dass ich Sie störe, Miss Summer. Da ist jemand, der sie unbedingt sprechen will.“

Andie sah auf. Sie war mit dem Layout der Modeseiten beschäftigt, und hatte April, ihre Sekretärin, gebeten, sie die nächsten Stunden nicht zu stören. Bis zum Redaktionsschluss am Nachmittag musste sie fertig sein.

„Wer ist es denn, April?“, fragte sie leicht spöttisch, als sie die geröteten Wangen ihrer Mitarbeiterin bemerkte.

„Ich bin’s.“ Adam Munroe kam lächelnd herein. Er war so elegant gekleidet wie immer. Der anthrazitfarbene Anzug saß perfekt und betonte seine breiten Schultern. Das hellblaue Hemd war aus Seide, und wenn er nicht eine leuchtend blaue Krawatte mit gelbem Muster getragen hätte, hätte er ausgesprochen konservativ gewirkt.

Dass April bei Adam Munroes Auftauchen nervös geworden war, konnte Andie gut verstehen. Langsam legte sie den Marker aus der Hand.

Adam war ein berühmter und bekannter Filmproduzent und ein Freund ihres Vaters, Jerome Summer. Mit dem silberblonden Haar, seiner Größe und dem guten Aussehen hätte er ein Filmstar sein können.

„Danke, April.“ Lächelnd beobachtete Andie, wie interessiert ihre Sekretärin Adam betrachtete, ehe sie langsam aus dem Raum ging.

Solange sie denken konnte, hatte Adam mit seinem Charme und seiner Ausstrahlung die Herzen der Frauen erobert. Er machte jedoch jeder Frau von Anfang klar, dass aus der Freundschaft niemals eine feste Beziehung werden könnte. Es war nicht romantisch, aber das schreckte die Frauen nicht ab. Sie ließen sich trotzdem oder gerade deshalb mit ihm ein.

Andie stand auf. „Nachdem du meine Sekretärin völlig verwirrt hast, bezweifle ich, dass sie heute noch arbeiten kann. Was verschafft mir die Ehre, Adam?“, neckte sie ihn. Dann ging sie auf ihn zu und küsste ihn flüchtig auf die Wange.

Er lächelte, und in seinen grauen Augen leuchtete es liebevoll auf. „Im Vorbeifahren hatte ich die Idee, dich zum Lunch einzuladen. Hast du Lust dazu?“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Es ist erst halb zwölf. Ist das nicht etwas früh?“

Adam zuckte die Schultern und setzte sich auf die Schreibtischkante. „Für mich nicht, ich habe heute nicht gefrühstückt“, antwortete er.

Leicht belustigt schüttelte sie den Kopf. „Hast du wieder eine anstrengende Nacht hinter dir, Adam?“, fragte sie spöttisch. Dann ließ sie sich in ihren Ledersessel sinken und sah Adam an.

„Nein. Momentan kann ich nicht gut schlafen.“

„Du …“

„Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich schlafe allein“, unterbrach er sie.

„Vielleicht ist genau das dein Problem, Adam, denn daran bist du nicht gewöhnt.“

„Sehr komisch!“ Seine Miene verfinsterte sich. „Das Problem mit dir und deinen beiden Schwestern ist, ihr habt keinen Respekt vor älteren Männern.“

Es fiel ihr schwer, sich das Lachen zu verbeißen. „Sind etwa Harrie und Danie derselben Meinung wie ich, was dein Liebesleben angeht?“

Adam verzog das Gesicht. „Wann macht ihr drei euch mal nicht über mich lustig?“

Er hat recht, gestand sie sich insgeheim ein. Doch sie und ihre beiden älteren Schwestern kannten Adam schon seit zwanzig Jahren. Als Teenager hatten sie sich darüber lustig gemacht, wie sehr die Frauen ihn anhimmelten.

„Ach Adam, es gefällt dir doch. Gib es zu.“

„Am meisten würde mir jetzt gefallen, etwas zu essen zu bekommen.“ Er stand auf. „Kommst du mit?“ Er blickte sie fragend an.

„Ich habe viel zu tun, Adam.“ Müde wies sie auf das Layout auf ihrem Schreibtisch.

„Trotzdem musst du etwas essen.“

„Aber nicht schon um halb zwölf“, entgegnete sie.

Adam seufzte ungeduldig. „Weshalb ist es so schwierig, dich zu überreden, mich zu begleiten?“

Andie lachte. „Es ist gut für die Seele, auch einmal auf etwas verzichten zu können.“

„Ich weiß selbst am besten, was gut für mich ist. Und dass ich dich geradezu anflehen muss, mir Gesellschaft zu leisten, tut meiner Seele bestimmt nicht gut“, erklärte er.

Obwohl er ein selbstbewusster Mann von bald vierzig Jahren war, sah er sekundenlang aus wie ein kleiner Junge, der seinen Willen nicht durchsetzen konnte.

Sie schüttelte den Kopf. „Du hast mich nicht angefleht, Adam. Das würde ich auch gar nicht zulassen“, fügte sie ernst hinzu. „Ich mache es dir nicht absichtlich schwer, sondern habe wirklich viel zu tun.“

„Dein Vater ist überzeugt, dass du zu viel arbeitest. Wenn du sogar auf die Mittagspause verzichtest, muss ich ihm zustimmen.“ Adam kniff die Augen zusammen und betrachtete ihre schlanke Gestalt in dem pflaumenfarbenen Hosenanzug aus Seide und der hellen Bluse aus demselben Material.

Andie gestand sich ein, dass sie in den letzten Monaten sehr viel Gewicht verloren hatte. Doch bald würde sie wieder zunehmen, dessen war sie sich sicher.

Der Gedanke ernüchterte sie irgendwie. Sie sah Adam an. „Wann hast du dich eigentlich mit meinem Vater über mich unterhalten?“, fragte sie.

„Am Samstag auf Danies Hochzeit“, antwortete er und zog die Worte herausfordernd in die Länge. „Ich habe nur erwähnt, dass du etwas blass wärst, und daraufhin hat dein Vater erklärt, du würdest zu viel arbeiten. Das war alles, mehr haben wir über dich nicht geredet.“

„Ah ja, dann hast du mich wohl aus lauter Mitleid zum Mittagessen eingeladen.“ In ihren Augen blitzte es zornig auf. „Das ist sehr freundlich von dir, Adam …“

„Komm mir jetzt nicht so, meine Liebe“, unterbrach er sie. „Diese steife Höflichkeit passt nicht zu dir. Außerdem habe ich dich nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit eingeladen.“

„Du isst eben nicht gern allein, das ist es“, vermutete sie.

Adam lächelte und schüttelte den Kopf, während er betont verzweifelt an die Decke blickte. „Entweder bist du heute besonders schwierig, oder ich werde alt.“

Aber es war weder das eine noch das andere. Andie hatte nur zu viel zu tun – und außerdem mochte sie nicht mit Adam zum Essen gehen. Ihr Leben war momentan auch so schon kompliziert genug, sie wollte es nicht noch komplizierter machen.

„Es war eine schöne Hochzeit am Samstag, findest du nicht auch?“, wechselte sie das Thema. Sie wusste genau, dass er Hochzeiten nicht leiden konnte.

„Ja, wirklich großartig“, stimmte er ihr ironisch zu. „Zuerst hat Harrie sich in die Ehe gestürzt und kurz darauf Danie auch noch. Du bist die Nächste“, fügte er verächtlich hinzu.

Andie betrachtete wehmütig ihre linke Hand. Nie würde sie einen Verlobungs- oder Trauring tragen, denn den Mann, den sie liebte, konnte sie nicht haben.

„Das ist sehr unwahrscheinlich“, erwiderte sie und hatte Mühe, die Tränen wegzublinzeln, die ihr plötzlich in die Augen traten. In der letzten Zeit war sie viel zu emotional. „Ich befürchte, ich werde eine alte Jungfer“, fügte sie leicht spöttisch hinzu.

„Es war doch nur ein Scherz.“ Er eilte um den Schreibtisch herum und legte ihr den Arm um die Schultern. „Du bist doch erst fünfundzwanzig, Andie, und hast noch viel Zeit, dich zu verlieben und zu heiraten.“

„In zwei Monaten werde ich sechsundzwanzig“, wandte sie ein. Adam konnte natürlich nicht wissen, warum sie mit den Tränen kämpfte. Es ging ihr nicht darum, sich zu verlieben und zu heiraten. Wenn sie den Mann, den sie liebte, nicht haben konnte, würde sie nie heiraten.

„So alt schon?“, sagte Adam sanft. Er legte ihr die Finger unters Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.

Andie schüttelte den Kopf und löste sich von Adam. „Ich bin aus einem ganz anderen Grund so … emotional. Wahrscheinlich fällt es mir schwer, mich damit abzufinden, dass Harrie und Danie nicht mehr nur meine Schwestern sind, sondern zugleich auch Quinns und Jonas’ Frauen“, erklärte sie bestimmt.

Daran musste sie sich wirklich erst gewöhnen. Noch vor drei Monaten hatten sie sich so nahe gestanden, dass sie keine anderen Freundinnen gebraucht hatten. Ihre Schwestern hatten noch gar nicht ans Heiraten gedacht. Und dann hatte sich schlagartig alles geändert, und innerhalb von nur zwei Monaten hatten die beiden vor dem Traualtar gestanden.

Adam blickte sie mitfühlend an. „Harrie ist die Frau eines Bankers, und die temperamentvolle Danie hat einen Arzt geheiratet. Es ist erstaunlich.“

Ja, das ist es wirklich, stimmte Andie ihm insgeheim zu. Aber auch in ihrem Leben würde es bald Veränderungen geben …

„Andie, komm mit zum Essen“, bat Adam sie. „Und wenn du es nur deshalb tust, damit ich meinem Ruf gerecht und mit einer sehr schönen jungen Frau gesehen werde.“

Sie sah ihn skeptisch an. „Du mit deinen vielen Freundinnen! Wozu brauchst du mich da noch?“

Er seufzte und ging ungeduldig um den Schreibtisch herum. „Dein Vater hätte dir den Hintern versohlen sollen, als du noch lernfähig warst.“

„Das hätte meine Mutter nie zugelassen“, erklärte Andie überzeugt. Ihre Mutter war eine sehr sanfte, warmherzige Frau gewesen.

Adams Miene wurde ernst. „Ja, da hast du recht“, stimmte er ihr seltsam unsicher zu.

Andie wusste genau, warum er so unsicher war: Adam war in ihre Mutter verliebt gewesen.

Als sie und ihre Schwestern noch Kinder gewesen waren, hatte Adam die meisten Wochenenden bei ihnen auf dem Landgut verbracht, obwohl ihm das Leben auf dem Land nicht gefiel. Erst später war Andie klar geworden, warum er ihre Eltern trotzdem so oft besucht hatte. Und nachdem ihre Mutter vor zehn Jahren gestorben war, hatte Adam mit ihnen getrauert und war genauso untröstlich gewesen wie die ganze Familie.

Ja, er musste Barbara geliebt haben.

Zunächst war Andie bestürzt gewesen über die Erkenntnis. Mit ihren Schwestern sprach sie nicht darüber, denn das Thema war ihrer Meinung nach zu heikel. Sie hatte sich jedoch gefragt, wie ihr Vater reagieren würde, falls er es erfuhr. Adam versuchte nie, seine Gefühle zu verbergen. Alle wussten, wie nahe ihm Barbaras Tod gegangen war.

Seltsamerweise schien es Rome, wie ihr Vater genannt wurde, zu trösten, dass Adam Barbara auch gemocht hatte. Die beiden Männer verband schon lange eine herzliche Freundschaft.

Andie warf Adam einen fragenden Blick zu. „Heißt das, du ziehst deine Einladung zurück?“

„Nein, natürlich nicht“, fuhr er sie ärgerlich an. „Ich bitte dich auch gar nicht mehr, mich zu begleiten, sondern fordere dich dazu auf! Was auch immer du zu tun hast“, er machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung ihres Schreibtisches, „es kann warten. Außerdem kannst du nach einer Pause und einem leichten Essen besser und konzentrierter arbeiten.“

Insgeheim gestand Andie sich ein, dass er recht hatte. Es gefiel ihr jedoch nicht, herumkommandiert zu werden. Sie schüttelte den Kopf. „Trotzdem komme ich nicht mit, Adam. Es tut mir leid.“

„Es tut dir überhaupt nicht leid“, antwortete er hart. „Verdammt, Andie, wir waren doch mal Freunde …“

„Das sind wir immer noch“, versicherte sie ihm kühl. „Aber ich habe keine Zeit, wie ich dir schon gesagt habe.“

„Okay“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „vielleicht hat ja April Lust mitzukommen.“

Andie lächelte. „Das würde sie bestimmt gern tun. Doch ihr Verlobter hätte wahrscheinlich etwas dagegen.“

Adam runzelte die Stirn. „Du bist neuerdings sehr schwierig, das warst du früher nicht, Andie“, stellte er fest.

Sie richtete sich in dem Ledersessel auf. Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hinter ihr hereindrangen, ließen ihr langes Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte, golden schimmern.

„Manchmal ändert man sich, Adam“, erwiderte sie angespannt und hoffte, dass er nicht merkte, wie unglücklich sie war. Er sollte nicht neugierig werden. Es war für sie schon problematisch genug gewesen, sich mit ihrem überaus fürsorglichen Vater auseinandersetzen zu müssen. Adam brauchte sich nicht auch noch um sie zu kümmern.

Er sah sich anerkennend in ihrem luxuriös ausgestatteten Büro um. „Offenbar gefällt es dir, die Nummer eins bei der Gloss zu sein.“

„Ja, genauso wie es dir gefällt, dein eigenes Unternehmen zu leiten und Filme zu produzieren.“ Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum er seinen Besuch in die Länge zog.

„Bist du wirklich nur an deiner Karriere interessiert, Andie?“, fragte er und betrachtete sie nachdenklich.

Nein, das kann man wohl kaum behaupten, überlegte sie. Sie arbeitete nur noch diese eine Woche für die Zeitschrift, ehe sie für mehrere Monate pausierte. Nicht zuletzt deshalb war sie so fest entschlossen, ihre Arbeit perfekt zu erledigen. Es war für einige Zeit die letzte Ausgabe der Zeitschrift, an der sie mitarbeitete.

Darüber wollte sie jedoch mit Adam nicht reden, obwohl er ein Freund der Familie war. Bis jetzt war noch nicht allgemein bekannt, dass sie neun Monate wegbleiben würde. Und so sollte es vorerst auch bleiben.

„Was für eine seltsame Idee“, entgegnete sie betont unbekümmert. „Fährst du am Wochenende zu Rome?“, fragte sie gleichgültig.

Er war auf der Hut. „Warum willst du es wissen?“

„Einfach so, ohne besonderen Grund. Vielleicht sollte ich dich warnen, Rome hat momentan nicht die beste Laune.“

Das war sehr untertrieben. Ihre Schwester Danie hatte ihr vor einigen Wochen versprochen, dafür zu sorgen, dass ihr Vater ihr nicht im Nacken saß. Es hatte sich jedoch herausgestellt, dass Danie ihn gar nicht abzulenken brauchte. Das tat Audrey, Romes Assistentin und Sekretärin, schon.

„Stimmt, er hat am Samstag nicht gerade glücklich ausgesehen. Aber ich habe gedacht, er sei traurig darüber, auch Danie zu verlieren“, sagte Adam.

Andie lachte in sich hinein. „Dad versucht schon jahrelang, uns zu verheiraten.“

„So hätte ich es jetzt nicht ausgedrückt.“ Adam lächelte. „Er will oder wollte euch nicht unter allen Umständen unter die Haube bringen. Ihr sollt nicht mit irgendwem verheiratet sein.“

„Das beruhigt mich“, erwiderte Andie spöttisch. Sie wusste jedoch, dass Adam recht hatte. Harrie und Danie hatten Glück gehabt, ihr Vater war mit den Männern ihrer Wahl einverstanden gewesen, sonst hätte es Kämpfe oder Auseinandersetzungen gegeben.

„Rome wünscht sich einen Enkel, der sein Firmenimperium einmal weiterführen wird“, erklärte Adam.

„Und wenn wir alle nur Töchter bekommen?“, fragte Andie und blickte zu den Fotos auf ihrem Schreibtisch, ohne sie wirklich zu sehen.

Adam lachte. Er schien nicht zu merken, wie nachdenklich sie plötzlich war. „Dann müsst ihr es so lange versuchen, bis eine von euch einen Sohn hat.“

„Ich bin sicher, Harrie und Danie wären begeistert von der Idee!“ Andies Lachen klang unnatürlich.

„Ach Andie, es ist ja noch nicht dein Problem“, sagte Adam langsam.

Wie ahnungslos er doch war!

Adam wusste, dass Rome sich Sorgen machte um Andie, und seit er sie am Samstag auf der Hochzeit gesehen hatte, konnte er ihren Vater verstehen. Sie war ungemein attraktiv, das würde sie auch immer bleiben, aber momentan wirkte sie seltsam bekümmert. Und ihr Blick kam ihm irgendwie traurig oder freudlos vor.

„Kann ich dich wirklich nicht überreden, mit mir essen zu gehen?“, fragte er, während sie ihn spöttisch ansah.

Sie seufzte. „Ich habe dir doch schon erklärt …“, begann sie ungeduldig.

„Ja, ich weiß“, unterbrach er sie. „Bist du denn dieses Wochenende bei deinem Vater?“

„Warum, Adam?“

Zwischen ihnen hatte sich einiges verändert. Er war mit den drei Schwestern eng befreundet gewesen, und mit Andie, der jüngsten, hatte er sich besonders gut verstanden. Doch die Zeit war offenbar vorbei. Adam war nicht glücklich über die Entwicklung.

„Ich wollte es nur wissen“, antwortete er. „Rome hat mich eingeladen, aber wenn seine Laune so schlecht ist, wie du behauptest, wäre es schön, wenn du auch da wärst und mir Gesellschaft leisten könntest.“

Andie musste lachen. „Du bist immer so herrlich direkt, Adam.“

Er verzog das Gesicht. „Wenn ich charmant und höflich wäre, würdest du mich nicht mehr erkennen.“

„Stimmt“, gab sie zu. „Trotzdem fände ich es ganz interessant, dich auch mal höflich zu erleben“, fügte sie sanft hinzu.

Bildete er es sich nur ein, oder klang ihre Stimme wirklich etwas sehnsüchtig? Vergiss es, hier ist der Wunsch der Vater des Gedanken, mahnte er sich sogleich.

Andie war am Samstag allein auf der Hochzeit gewesen. Demnach hatte sie momentan keinen Freund. Adam wusste jedoch, dass es in der Vergangenheit mehrere Männer in ihrem Leben gegeben hatte. Es wäre die größte Dummheit, wenn er sich einbildete, sie hätte sich all die Jahre insgeheim in Liebe zu ihm verzehrt.

„Was ist denn los mit Rome?“, wechselte er unvermittelt das Thema.

Andie runzelte sekundenlang die Stirn. „Audrey hat gekündigt“, erwiderte sie dann.

„Wie bitte? Audrey hat gekündigt?“, wiederholte er verblüfft.

Er konnte es kaum glauben. Audrey Archer war seit zwölf Jahren Romes persönliche Assistentin, und sie gehörte praktisch zur Familie. Es war einfach unmöglich, sich die Summers ohne diese Frau vorzustellen.

„Wir sind alle genauso überrascht wie du“, gab Andie mit unglücklicher Miene zu. „Rome ist natürlich …“

„Ich bin eigentlich nicht überrascht. Nein, so würde ich es nicht ausdrücken“, unterbrach Adam sie.

„Wie denn?“ Andie sah ihn erstaunt an.

Sind die Summers blind? fragte Adam sich ungeduldig. Ihm war schon seit Jahren klar, dass die schöne Audrey in ihren Arbeitgeber verliebt war. Außerdem ging Rome seit mindestens zehn Jahren so mit ihr um, als wäre sie seine Frau. Sie begleitete ihn auf allen Reisen und lebte seit zwölf Jahren nur für ihn und seine Familie. Für Harrie, Danie und Andie war sie seit dem Tod ihrer Mutter so eine Art Mutterersatz. Weshalb hatte sie sich jetzt entschlossen, die Summers zu verlassen?

Plötzlich begriff Adam die Zusammenhänge. Audrey hatte die Hoffnung aufgegeben, Rome würde eines Tages einsehen, dass er sie liebte. Adam wusste genau, wie schmerzlich und quälend es war, jemand so hoffnungslos zu lieben und zusehen zu müssen, wie dieser Mensch vielleicht auch noch mit einem anderen Partner zusammenlebte.

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