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Mehr als nur eine Nacht

1. KAPITEL

Gedankenverloren blickte Valentina Dunbar durch die regennasse Fensterscheibe auf den schmalen, langgezogenen Parkplatz der Firma Cartel Wines. Ihr Büro lag im ersten Stock, und vom Schreibtisch aus konnte sie hinter der Kaimauer die grauen Fluten der Themse sehen.

Die Abenddämmerung senkte sich über die Stadt. Vereinzelt flammten Lichter auf, spiegelten sich im dunklen Wasser des Flusses und hoben sich leuchtend vom düsteren grauvioletten Himmel ab.

Freitagabends versuchten die meisten Angestellten, früh nach Hause zu kommen. Ein steter Strom von Autos schlängelte sich vom Parkplatz, um sich in den abendlichen Londoner Berufsverkehr einzureihen.

Valentina, von allen nur Tina genannt, trug die Verantwortung für die Marketingkampagnen des Weingroßhandels Cartel Wines. Gerade legte sie letzte Hand an die Pläne für die bevorstehende Weihnachtsaktion, war aber ganz entgegen ihrer Gewohnheit nicht recht bei der Sache.

Denn dieser Freitag der Dreizehnte entwickelte sich als wahrer Unglückstag für sie.

Morgens unter der Dusche war sie ausgerutscht und hatte sich den Knöchel verstaucht. Mühsam auf einem Bein balancierend, hatte sie sich abgetrocknet, angezogen und ihr Haar geföhnt. Nachdem sie die seidig glänzende naturblonde Mähne zu einem lässigen Knoten geschlungen hatte, humpelte sie ins Wohnzimmer hinüber, wo bereits Kaffee und Toast standen.

Ihre Freundin Ruth, bei der sie vorübergehend wohnte, saß im Morgenmantel am Frühstückstisch. „Tina, du hinkst ja“, meinte sie überrascht.

Während Tina von ihrem Missgeschick berichtete, klingelte das Telefon.

„Ich hoffe, das ist Jules!“ Erwartungsvoll nahm Ruth den Hörer ab.

Es war tatsächlich Ruths Verlobter, den sie schmerzlich vermisste, seit seine Firma ihn für ein halbes Jahr nach Paris entsandt hatte.

„Er kommt übers Wochenende nach London!“, verkündete Tinas Freundin nach dem Gespräch, wobei ihr zartes Gesicht vor Freude glühte. Dann fügte sie vorsichtig hinzu: „Er würde natürlich gern hier schlafen …“

Ruth bewohnte ein winziges Apartment, gerade groß genug für zwei Personen. Tina war sofort klar, dass sie sich für das Wochenende eine andere Unterkunft suchen musste. Sie selbst wohnte in einem heruntergekommenen viktorianischen Mietshaus, das gerade komplett saniert wurde und auf Wochen unbewohnbar war.

„Vielleicht kannst du bei Lexi oder Jo unterkommen“, schlug Ruth vor.

„Ja, mal sehen“, erwiderte Tina unschlüssig, fühlte sich aber angesichts Ruths besorgter Miene verpflichtet, ihrer Freundin fröhlich zu versichern: „Keine Sorge, ich finde schon etwas. Genieß du nur dein Wochenende.“

„Das werde ich.“ Ihre Freundin verschwand im Badezimmer.

Tina aber dachte gar nicht daran, Lexi oder Jo zu belästigen, die beide mit ihren Freunden zusammenlebten. Lieber würde sie sich ein Hotelzimmer nehmen. Nachdem sie einige Sachen in ihren kleinen Wochenendkoffer gepackt hatte, zog sie ihren Regenmantel an, hängte sich die Tasche über die Schulter und verließ mit dem Koffer in der Hand die Wohnung.

„Viel Spaß und bis Montag!“, rief sie beim Hinausgehen.

Vorsichtig hinkte sie die Treppe hinunter in den Hausflur und sah nach der Post. In Ruths Briefkasten lag ein einzelner, an sie adressierter Brief, der ihr nachgeschickt worden war. Ohne ihn zu öffnen, schob Tina ihn in die Tasche und eilte hinaus.

Bisher hatte sich der Herbst von seiner schönsten Seite gezeigt, mit warmen sonnigen Tagen und lauen Nächten. Heute jedoch war der Himmel grau und wolkenverhangen. Ein scharfer Wind trieb Nieselregen vor sich her. Tina schlug den Mantelkragen hoch und lief, so schnell es ihr schmerzender Knöchel zuließ, zu ihrem Auto.

Hier erwartete sie die nächste Überraschung: Der linke Vorderreifen war platt. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der herbeigerufene Automechaniker den Schaden behoben hatte, und natürlich kam sie viel zu spät zur Arbeit.

Der Vormittag verging wie im Flug. Gegen zwölf stellte sie fest, dass sie in der morgendlichen Hektik ihr Lunchpaket vergessen hatte. Zum Glück gab es um die Ecke einen Laden, der belegte Brötchen anbot. Wenn es ihr gelang, vor dem allgemeinen Ansturm dort hinzugehen …

Als sie in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie suchte, fiel ihr der ungeöffnete Brief wieder in die Hände. Er trug einen Firmenstempel, der ihr nichts sagte, also legte sie ihn vorerst beiseite, um ihn später zu lesen. Dann zog sie ihren Mantel über und verließ die Firma durch den Hinterausgang.

Wenig später befand sie sich bereits wieder auf dem Rückweg. Mit einer Papiertüte unter dem Arm, in der ein Schinkenbrötchen und ein Becher Joghurt steckten, lief sie im strömenden Regen über den menschenleeren Parkplatz auf das Gebäude zu. Dabei hielt sie den Kopf gesenkt, doch als sie kurz aufsah, bemerkte sie plötzlich, dass jemand sie beobachtete.

Ein großer dunkelhaariger Mann stand reglos unter dem Vordach der Lagerhalle und sah unverwandt in ihre Richtung.

Seit Kevins Fehltritt war sie so enttäuscht und desillusioniert, dass sie lieber einen großen Bogen um Männer machte – vor allem um die gut aussehenden.

Wobei der Fremde durchaus nicht das glatte gefällige Äußere eines im landläufigen Sinne schönen Mannes besaß. Doch er war auf eine raue maskuline Art äußerst attraktiv, und Tina merkte, wie ihr Puls plötzlich schneller ging. Sie fragte sich verwundert, wer der Mann war.

Beim Näherkommen trafen sich ihre Blicke.

Dieser eine Blick genügte, um sie mitten in der Bewegung innehalten zu lassen. Wie gebannt sah sie in die unergründlich dunklen Augen des Unbekannten, der sie ebenso fasziniert musterte.

Sie stand immer noch wie angewurzelt da, als der vom Regen durchweichte Boden ihrer Imbisstüte nachgab und der Inhalt auf dem Asphalt landete.

Das Brötchen war matschig, der Joghurtbecher geplatzt. Mit Hilfe einer Papierserviette klaubte Tina notdürftig die kläglichen Reste ihres Lunchs vom Boden auf und beförderte sie in den nächsten Abfalleimer.

Während sie sich die Finger abwischte, wanderte ihr Blick wieder zu der Stelle, wo gerade noch der dunkelhaarige Fremde gestanden hatte. Als sie sah, dass er verschwunden war, machte sich leise Enttäuschung in ihr breit.

Da er nicht an ihr vorbeigekommen war, konnte er nur in das Gebäude hineingegangen sein. Wer mochte dieser Mann sein?

Sie kannte alle Büro- und Verwaltungsangestellten der Firma, zumindest flüchtig. Aber ihn hatte sie hier noch nie gesehen. Und zu einem Lagerarbeiter passten weder sein eleganter Anzug noch sein merkwürdiges, leicht arrogantes Verhalten.

Was wollte der beeindruckende Fremde hier bei Cartel Wines? Besucher benutzten normalerweise den vorderen Parkplatz und betraten die Firma durch den Haupteingang, nicht durch das Lager.

Sie fröstelte, und plötzlich bemerkte sie, dass sie immer noch wie eine Verrückte hier draußen im Regen herumstand. Schnell lief sie ins Trockene.

Auf ihrem Weg durch die Lagerhalle sah sie sich unauffällig unter den Arbeitern um, konnte den großen dunkelhaarigen Mann aber nirgends entdecken. Wäre er hier gewesen, hätte sie ihn mit Sicherheit nicht übersehen!

Zurück im ersten Stock, fiel ihr auf, dass ihre Bürotür einen Spalt offen stand. Bei ihrem überstürzten Aufbruch musste sie sie nicht richtig zugezogen haben.

Während sie sich mit einem Handtuch aus dem Waschraum Gesicht und Haare abtrocknete, wanderten ihre Gedanken immer wieder zurück zu ihrer Begegnung mit dem mysteriösen Unbekannten. Noch jetzt sah sie ihn deutlich vor sich – die große muskulöse Statur, die breiten Schultern und markanten Gesichtszüge.

Die Erinnerung an ihn hatte Tina für den Rest des Nachmittags verfolgt. So intensiv, dass sie darüber sogar ihren Hunger vergaß.

Auch jetzt, als sie den Blick über den Parkplatz schweifen ließ, mit einem verträumten Ausdruck in den blauen Augen, dachte sie an ihn.

Wer war er? Was hatte er hier gewollt? Würde sie ihn je wiedersehen?

Energisch beschloss sie, ihre Zeit nicht länger mit sinnlosen Grübeleien zu verschwenden. Es gab Wichtigeres zu erledigen! Immerhin war es später Freitagnachmittag, es regnete Bindfäden, und sie hatte noch kein Zimmer für die Nacht.

Viel kosten durfte es nicht, so viel stand fest.

Da sie sich bereit erklärt hatte, Didi die Ausbildung an einer renommierten Schauspielschule zu finanzieren, musste sie den Gürtel eine ganze Weile enger schnallen. Doch das war es ihr wert, wenn Didi nur endlich ihr Leben in den Griff bekam!

Didi, die eigentlich Valerie hieß, von der Familie aber Didi und von allen anderen grundsätzlich nur Val genannt wurde, war Tinas Stiefschwester. Und wirklich ein Fall für sich …

Ein Anruf auf der internen Leitung riss Tina aus ihren Gedanken. Sie schob die Veranstaltungslisten und Notizen, die auf ihrem Schreibtisch verstreut lagen, zur Seite und griff zum Telefon.

„Ms. Dunbar“, erklang die leicht näselnde Stimme von Sandra Langton, „Mr. De Vere wünscht Sie zu sprechen.“

„Ich komme.“ Neugierig, welches Anliegen ihr Chef um diese Zeit noch haben mochte, verließ Tina ihr Büro.

Der breite Korridor im Erdgeschoss endete linker Hand an der breiten Schwingtür zum Lager, wo die importierten Weine für die englische Kundschaft lagerten und verpackt und versandfertig gemacht wurden. Im gegenüberliegenden Flügel befanden sich die Räume der Geschäftsleitung.

Sandra Langton, die Chefsekretärin, sah Tina Unheil verkündend an, als sie das Vorzimmer betrat. „Gehen Sie nur durch.“

Stirnrunzelnd klopfte Tina an die Tür und wartete, bis sie Maurice De Veres schroffes „Herein!“ hörte.

Den sprichwörtlichen französischen Charme suchte man bei dem kleinen grauhaarigen Mann mit dem hageren Gesicht vergeblich. Er neigte zum Jähzorn, verweigerte starrsinnig die Einführung moderner Technologien, selbst im Bürobereich, und regierte die Firma mit eiserner Hand. Zum Glück würde er bald in den Ruhestand gehen. Wer immer nach ihm kam, konnte es nur besser machen.

Maurice De Vere kauerte hinter seinem mächtigen Schreibtisch, wies bei ihrem Eintreten mit knochiger Hand auf einen Stuhl und erklärte ohne Umschweife: „Ich habe Ihnen etwas Unerfreuliches mitzuteilen, Ms. Dunbar“.

Er legte eine Pause ein, musterte Tina düster über den Rand seiner Brille hinweg und fuhr fort: „Als ich beschloss, mich zur Ruhe zu setzen und das Unternehmen an den Montana-Konzern zu verkaufen, sicherte man mir zu, keine wesentlichen innerbetrieblichen Veränderungen vorzunehmen. Soeben erfuhr ich jedoch, dass der neue Geschäftsführer eigene Vorstellungen hat, was verkaufsfördernde Maßnahmen angeht.“

„Kein Problem“, sagte Tina ruhig. „Ich kann mein Konzept jederzeit seinen Wünschen anpassen, wenn …“ Ihre Stimme erstarb, als sie sah, wie De Vere den Kopf schüttelte.

„Nein, er bringt sein eigenes Team mit. Sie werden nicht mehr gebraucht.“

Da Tina ihn fassungslos ansah, beeilte er sich zu versichern: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich war mit Ihrer Arbeit immer sehr zufrieden.“

Für einen Mann, von dem es hieß, dass nie ein Lob über seine Lippen kam, war das ein erstaunliches Kompliment. Doch was nützte es ihr jetzt, da sie ihre Stelle verlor?

„Ich sorge dafür, dass Sie erstklassige Referenzen erhalten“, versprach er.

„Wann …?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

Es fiel ihm sichtlich schwer, ihr zu antworten. „Ihr Büro wird ab nächster Woche gebraucht, also war heute Ihr letzter Arbeitstag. Ich habe veranlasst, dass Ihnen eine Abfindung in Höhe von sechs Monatsgehältern überwiesen wird.“

Was äußerst großzügig war und weit über die vertraglich vereinbarte Summe hinausging.

Er erhob sich und reichte ihr die Hand. „Alles Gute, Ms. Dunbar.“

Draußen im Vorzimmer zog Sandra Langton gerade ihren Mantel an, als Tina aus De Veres Büro kam.

„Sie Ärmste“, sagte die Sekretärin mitfühlend und fügte mit gesenkter Stimme hinzu: „Den alten Miesepeter hat Ihre Entlassung erstaunlich hart getroffen. Viel Glück!“

„Danke.“ Immer noch wie betäubt stieg Tina die Treppe hinauf. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Gummi. Sie arbeitete seit ihrem Collegeabschluss vor zwei Jahren bei Cartel Wines, liebte ihren Job und war gut darin, was selbst der alte Miesepeter De Vere hatte zugeben müssen. Und nun war sie arbeitslos.

Bei dem Gedanken überkam sie Panik. Sechs Monatsgehälter stellten eine gewisse Absicherung dar, doch nach Abschluss der Renovierungsarbeiten würde ihre Miete erheblich steigen, und dazu kamen die Kosten für Didis Ausbildung. Die Kündigung hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt erfolgen können.

In den letzten Jahren hatte es ohnehin mehr Tiefschläge als Höhepunkte in ihrem Leben gegeben, und diese neuerliche Katastrophe riss ihr den Boden unter den Füßen weg. Ihr einziger Trost war, dass es von jetzt an nur noch bergauf gehen konnte.

Entschlossen, nicht in Selbstmitleid zu versinken, begann sie ihren Schreibtisch aufzuräumen. Da erst fiel ihr der Brief wieder ein. Über die Begegnung mit dem attraktiven dunkelhaarigen Mann hatte sie ihn glatt vergessen … Doch wo war er?

Flüchtig durchsuchte sie die Unterlagen auf dem Tisch, ohne Erfolg. Nun, er wird schon wieder auftauchen, sagte sie sich. Im Schrank fand sie einen leeren Karton, in den sie ihre persönlichen Sachen packte. Viel war es nicht. Die Zimmerpflanzen, mit denen sie das spartanisch eingerichtete Büro etwas verschönert hatte, ließ sie zurück.

Im Regenmantel, die Tasche über der Schulter und den Karton unter dem Arm, zog Tina zum letzten Mal die Bürotür hinter sich zu und ließ den Schlüssel stecken.

Im Flur brannte nur die Nachtbeleuchtung, was bedeutete, dass sich außer ihr vermutlich niemand mehr im Gebäude aufhielt. Der Haupteingang war um diese Zeit bereits abgeschlossen, aber durch den Hinterausgang kam sie ohnehin schneller zu ihrem Auto.

Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg sie die notdürftig beleuchtete Treppe hinab. Eine Bewegung unten im Korridor, die sie nur aus dem Augenwinkel wahrnahm, sagte ihr, dass sie sich geirrt hatte. Es schien doch noch jemand da zu sein.

Die breiten Flügeltüren zum Lager schwangen leicht hin und her, so als sei gerade jemand hindurchgegangen. Vermutlich jemand, der genau wie sie den rückwärtigen Parkplatz ansteuerte und ihr nur ein kleines Stück voraus war.

Doch als sie das Lager betrat, lag die langgezogene Halle wie ausgestorben vor ihr. Verwirrt runzelte sie die Stirn und ging den Mittelgang entlang. Ihr Weg führte vorbei an meterhohen Regalen und Paletten, auf denen – verpackt in Kisten und Kartons – importierte Weine für den Verkauf lagen. In der verlassenen Halle hallten ihre Schritte gespenstisch laut.

Es hatte ihr nie etwas ausgemacht, abends allein durch das Lager zu gehen, wenn sie länger gearbeitet hatte. Heute aber fühlte sie sich dabei unbehaglich.

Da die Notbeleuchtung weit oben an der Decke brannte, lagen weite Bereiche der Halle in tiefem Schatten. Die finsteren Seitengänge wirkten bedrohlich, wenn man bedachte, wie leicht sich dort jemand verstecken konnte.

Tina tat ihr Bestes, um diese beängstigende Vorstellung zu verdrängen, doch ein sechster Sinn sagte ihr, dass sie nicht allein in der riesigen Halle war. Jemand schien sie aus einer der dunklen Ecken heraus zu beobachten.

Sie spürte eine Gänsehaut im Nacken, blieb stehen und sah sich um. Keine Menschenseele weit und breit …

Mit zusammengebissenen Zähnen wollte sie ihren Weg fortsetzen, als sie in der Stille ein Geräusch vernahm, ein leises Tappen wie von gedämpften Schritten. Es war unmöglich zu sagen, woher der Laut kam.

Starr vor Schreck stand sie mitten im Gang, bis ihr aufging, dass es George Tomlinson sein musste, der Mann vom Werkschutz, der hier seine Runden drehte. Plötzlich kam sie sich albern vor. Sie atmete tief durch und rief in die Weite der Halle hinein: „George, sind Sie das?“

Die einzige Antwort war das Echo ihrer eigenen Stimme. Sie versuchte es noch einmal, diesmal lauter.

Wieder erklang nur das höhnische Echo.

Wenn es nicht George war, der hier umherwanderte, wer dann? Vielleicht ein Dieb, der es auf die Lohngelder der Lagerarbeiter abgesehen hatte? Aber jeder wusste doch, dass freitagabends – am Zahltag – nur ein leerer Safe zu erwarten war.

Ihr nächster Gedanke galt den Katzen, die auf dem Firmengelände herumstreunten. Doch Katzen bewegten sich lautlos und brachten keine Stahltüren zum Schwingen.

Wieder lief ihr ein eisiger Schauer über den Rücken.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich und versuchte, alles ganz nüchtern zu sehen. Vielleicht war niemand in die Lagerhalle hineingegangen, sondern George kurz davor herausgekommen. Eine völlig logische Erklärung, nur leider glaubte sie nicht daran. Wie auch immer, sie konnte nicht ewig hier stehen bleiben.

Wenn George seinen Kontrollgang wirklich schon beendet hatte – das Licht in ihrem Büro zu später Stunde hätte ihn nicht weiter gestört, daran war er gewöhnt –, dann saß er jetzt gemütlich bei einer Tasse Tee in seiner Kabine im Seitenflügel.

Nichts wie weg hier, dachte Tina angespannt. Ihr Knöchel tat ziemlich weh, und der Karton unter ihrem Arm wurde immer schwerer.

Sie sah sich verstohlen um, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Obwohl sie immer noch das Gefühl hatte, jemand lauere ihr auf.

Mühsam unterdrückte sie den Drang, in wilder Panik loszustürmen, und zwang sich, ruhig weiterzugehen. Da sie bereits über die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, wäre es sinnlos, jetzt noch umzukehren. Also steuerte sie zielstrebig auf die gewaltigen Schiebetüren am Ende der Halle zu.

Ihre Beine waren merkwürdig steif, ihr Atem ging schnell und gepresst, jeder Muskel schmerzte vor Anspannung. Alle paar Sekunden drehte sie sich unwillkürlich um und warf einen Blick über die Schulter.

Als sie endlich den schmalen Personaleingang neben dem riesigen Rolltor erreichte, atmete sie erleichtert auf. Die Tür war ordnungsgemäß verschlossen, und ohne Schlüssel kam hier niemand von draußen herein. So viel zu ihrer Theorie von dem Dieb, der in der Dunkelheit lauerte!

Bei meiner Fantasie sollte ich Gruselromane schreiben, dachte sie spöttisch, öffnete die Tür mit dem Drehgriff und trat auf den nassen, dunklen Parkplatz hinaus.

Etwa ein Dutzend Autos standen noch dort, dazu einige Firmenlastwagen, die noch beladen werden sollten, doch weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nur im Seitenflügel des Firmengebäudes, wo die Nachtschicht arbeitete, brannte noch Licht. Nicht zuletzt weil Tinas erfolgreiche Herbstkampagne dem Unternehmen zahlreiche Sonderbestellungen aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe eingebracht hatte.

Bis auf den schwachen Lichtschein, der aus den Fenstern des Seitentrakts fiel, und die Neonröhre über dem Lagereingang lag der Rest des Parkplatzes in völliger Dunkelheit. Wegen ihrer Verspätung am Morgen hatte Tina mit einer der alten, von Mauern eingefassten Parkbuchten am Flussufer vorliebnehmen müssen. Niemand parkte hier freiwillig, nicht nur wegen des abschüssigen Geländes und des damit verbundenen komplizierten Einparkens, sondern auch der einsamen Lage wegen.

Während sie sich leicht hinkend auf den Weg machte, beschlich sie erneut das bange Gefühl, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Sie schauderte, widerstand aber der Versuchung, zum Seitenflügel hinüberzugehen, wo hinter den erleuchteten Fenstern Menschen arbeiteten.

Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie Angst hatte, im Dunkeln allein über den Parkplatz zu gehen? Die Männer hätten sie ausgelacht.

Nicht ganz zu unrecht, wie sie zugeben musste. Es war ein anstrengendes Jahr gewesen, und vermutlich führte der Stress allmählich zu Verfolgungswahn. Was erst recht ein Grund war, sich zusammenzureißen.

Es dauerte eine Weile, bis sie ihren kleinen dunkelblauen Wagen in der Dunkelheit wiederfand. Erleichtert stellte sie den Karton zu ihrem Köfferchen auf den Rücksitz und setzte sich hinter das Lenkrad.

Geschafft! Sie war in Sicherheit. Wie albern von ihr, sich so zu ängstigen!

Erst als sie den Motor startete, um zurückzusetzen, wurde ihr klar, dass sie gar nicht wusste, wo sie hinfahren sollte. Eine schwache Leistung für eine Frau, die für ihre perfekten organisatorischen Fähigkeiten bezahlt wurde. Bezahlt worden war, wie sie frustriert feststellte. Wäre sie nicht den ganzen Nachmittag über so zerstreut gewesen, hätte sie längst ein Hotelzimmer buchen können.

Als sie die Kupplung trat, machte sich ihr Knöchel wieder bemerkbar, was es ratsam erscheinen ließ, sich eine Unterkunft in der Nähe zu besorgen. Während sie aus der Parkbucht ausscherte, fiel ihr ein kleines Hotel einige Straßen weiter ein, das sie vom Vorbeifahren kannte. Ob sie dort …?

Gleißend helles Scheinwerferlicht tauchte plötzlich wie aus dem Nichts hinter ihr auf, ein heftiger Stoß erschütterte Tinas kleines Auto und beförderte es mit einem hässlichen metallischen Knirschen und dem Geräusch von zersplitterndem Glas an die Ziegelmauer.

Wie gelähmt vor Schreck saß Tina da, als die Fahrertür aufgerissen wurde. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte eine tiefe Männerstimme.

„Ja … ja, es geht schon.“ Ihre eigene Stimme klang unendlich weit weg.

Der Mann griff kurzerhand an ihr vorbei nach dem Zündschlüssel und stellte den Motor ab. „Ich schlage vor, Sie bleiben hier sitzen, während ich den Schaden begutachte“, entschied er und schlug die Tür wieder zu.

Er hatte eine angenehme tiefe Stimme, wie Tina benommen feststellte. Allerdings keine, die sie kannte.

Was hatte er gerade gesagt? Den Schaden begutachten? Ihr sank das Herz. Soweit sie sehen konnte, fuhr er ein großes teures Auto, und obwohl er ihres gerammt hatte, lag die Schuld eindeutig bei ihr. Warum hatte sie nur nicht besser aufgepasst?

Als sie sich abschnallte, um auszusteigen, erschien der Mann wieder an der Fahrertür. „An meinem Wagen ist kaum etwas zu sehen …“ Wofür sie wohl dankbar sein musste. „Doch ich fürchte, Ihrer ist nicht mehr fahrtüchtig. Der rechte Kotflügel ist komplett eingedrückt.“

Nach allem, was sie heute erlebt hatte, gab es für Tina nur noch eine Rettung – in schallendes Gelächter auszubrechen.

Es war zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen, doch der Fremde klang ernsthaft besorgt, als er fragte: „Sind Sie sicher, dass Ihnen nichts fehlt?“

„Ja, ganz sicher.“ Entschuldigend fügte sie hinzu: „Ich habe einen scheußlichen Tag hinter mir und bin an einem Punkt angelangt, wo ich nur noch lachen oder weinen kann.“

„Dann haben Sie die richtige Entscheidung getroffen.“

Der Wind blies einen Schwall Tropfen durch die offene Fahrertür ins Wageninnere, und Tina wurde peinlich bewusst, dass der arme Mann nur ihretwegen dort draußen im Regen stand. Ohne den dummen Unfall wäre er vermutlich längst zu Hause bei seiner Frau.

Sie stieg aus, setzte vorsichtig den schmerzenden Fuß auf und spürte im selben Moment eine starke Hand an ihrem Arm.

„Das alles tut mir furchtbar leid“, sagte sie nervös.

„Wenn sich hier jemand entschuldigen muss, dann ich“, erklärte er. „Schließlich bin ich Ihnen aufgefahren.“

„Nein, es war meine Schuld“, widersprach sie. „Ich war abgelenkt und habe beim Ausparken nicht aufgepasst.“

„Anstatt hier im Regen zu stehen und mit mir zu diskutieren, sollten Sie lieber Ja sagen und den Rest mir überlassen“, meinte er trocken, ging zu seinem Wagen – einem Porsche neuester Bauart – und hielt ihr die Beifahrertür auf. „Steigen Sie ein, bevor Sie völlig durchnässt werden. Ich bringe Sie nach Hause.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber …“ Tina verstummte, als sie im Scheinwerferlicht des Porsches das markante Gesicht des dunkelhaarigen Fremden erkannte, der ihr mittags vor der Lagerhalle begegnet war. Sie hatte nicht erwartet, ihn je wiederzusehen. Schon gar nicht so bald.

Als sie ihn nur fassungslos ansah, ohne sich von der Stelle zu rühren, fragte er irritiert: „Was ist? Halten Sie mich nicht für vertrauenswürdig?“

„Nein … ich meine, das ist nicht das Problem.“

„Was dann?“

Sie sagte das Erstbeste, das ihr in den Sinn kam.

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