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Mehr als eine heiße Nacht?

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1. KAPITEL

Als Sam Gordon den Blick über die Menge schweifen ließ, die sich zum Barbecue auf Beau Hackets Anwesen versammelt hatte, fiel ihm plötzlich eine Frau mit kräftig rotbraunem Haar auf. Das konnte nur Lila Hacket sein, denn niemand sonst in dem texanischen Städtchen Royal hatte derart auffällige Haare.

Sie war also wieder in der Stadt? Sein Herz klopfte schneller. War sie extra wegen des Barbecues gekommen, das ihr Vater jedes Jahr veranstaltete? Sofort waren die Erinnerungen an Lila und ihren heißen nackten Körper wieder da.

Kein Wunder, dass er dem Gespräch der Pferdenarren um ihn herum nicht mehr folgen konnte. Deshalb lachte er nur pflichtschuldig mit, als der Gastgeber etwas sagte, das die Umstehenden komisch fanden. Stolz wies Beau Hacket auf einen dreijährigen Fuchs, der anmutig über die Koppel trabte.

Immer wieder sah Sam zu Lila hinüber. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und unterhielt sich lebhaft mit den anderen Gästen. In dem türkisfarbenen Sommerkleidchen und den hochhackigen Sandaletten sah sie sogar von hinten überaus entzückend aus. Nun gut, er würde später noch Gelegenheit haben, mit ihr zu sprechen. Und so wandte sich Sam wieder den Ranchern zu.

Dave Firestone und Paul Windsor bombardierten gerade Sams Zwillingsbruder Josh mit Fragen. Josh liebte Pferde – eine der vielen Eigenschaften, die die Brüder nicht teilten. Chance McDaniel kam ihm zu Hilfe, indem er sich direkt an Beau wandte: „Sag mal, hast du den Dreijährigen hier in der Gegend gekauft?“

„Nein, in Wyoming. Glaub mir, der ist nichts für deine Hobby­reiter.“

„Aber ich brauche auch Arbeitspferde für meine Ferienranch.“ Interessiert betrachtete Chance den Fuchs.

„Was du brauchst, Chance“, warf Gil Addison ein, „ist so was wie die sanfte Stute, die ich neulich für meine kleine Cade gekauft habe.“

Sam interessierte sich nicht besonders für Pferde, anders als die Männer um ihn herum, unter ihnen auch Ryan Grant, ein ehemaliger Rodeostar. Da sie alle zu dem ehrwürdigen Texas Cattleman’s Club, dem TCC, gehörten, traf Sam sowieso häufig mit ihnen zusammen, sodass er kein schlechtes Gewissen hatte, sich vorübergehend zu verabschieden. „Entschuldigt mich mal eben. Bis später.“

Langsam schlenderte er über die weite Rasenfläche, aber seine Gelassenheit war nur vorgetäuscht. Denn innerlich war er erregt wie schon lange nicht mehr. Als Lila nach ihrer gemeinsamen Nacht nicht auf seine zwei Anrufe reagiert hatte, hatte er es nicht weiter versucht. Schließlich gab es noch andere Frauen auf der Welt. Dennoch hatte er in den letzten drei Monaten viel zu oft an sie denken müssen. Warum sie wohl gekommen war? Als sie sich lachend und winkend von ihrer Gruppe löste, ging er schneller.

„Hallo, Lila“, sagte er leise, als er hinter ihr stand.

Überrascht wandte sie sich um, und kurz leuchteten ihre grünen Augen auf. „Sam …“, das klang kühl, „ich hoffe, du amüsierst dich gut.“

Sam war verblüfft. So begrüßte man normalerweise einen Fremden, nicht aber jemanden, mit dem man heißen Sex gehabt hatte. Eine solche Reaktion war er von Frauen nicht gewohnt. „Ja, danke, gelungene Party. Besonders weil du da bist. Bist du wegen des Barbecues gekommen?“

„Nein, das hat sich zufällig so ergeben. Ich bin wegen eines Films hier, der Ende des Monats auf verschiedenen Ranches abgedreht werden soll.“ Sie wandte sich ihrer Freundin Shannon Fentress zu, die gerade auf sie zukam, warf Sam aber noch einen kurzen Blick zu. „War nett, dich zu sehen. Weiterhin viel Vergnügen.“

Doch so schnell ließ Sam sich nicht abschütteln. „Hallo, Shannon. Freust du dich auch, dass Lila uns mal wieder besucht?“

„Ja, klar. Besonders weil sie gerade zu Beaus Barbecue herkommen konnte! Aber wer will darauf schon verzichten. Ich glaube, ganz Royal ist hier. Hm …“ Shannon schloss kurz die Augen und sog tief die Luft ein. „Das riecht einfach himmlisch! Zu schade, dass man den Duft nicht in Flaschen abfüllen und als Parfum verkaufen kann.“

Lila lachte. „Wir haben einen neuen Koch. Natürlich führt Dad die Oberaufsicht. Das lässt er sich nicht nehmen. Komm, ich stelle dich dem Koch vor.“ Sie warf Sam ein gekünsteltes Lächeln zu. „Du entschuldigst uns doch, Sam?“

Sam nickte irritiert und sah den beiden Frauen hinterher. Warum behandelte Lila ihn plötzlich so kühl? Wie sexy sie von hinten aussah. Dieser Gang … Er musste sie wiedersehen. Aber vielleicht sollte er sich erst einmal ein kaltes Bier holen.

Kopfschüttelnd ging er in Richtung der improvisierten Bar. Lila war ganz anders als ihr Vater. Aber sie hatte auch nicht viel von ihrer Mutter, die zu jedem freundlich war und offenbar nichts dagegen hatte, ganz im Schatten ihres Mannes zu stehen. Mit ihrer ruhigen Art schien sie Beau sehr glücklich zu machen. Sie engagierte sich in vielen Wohltätigkeitsprojekten, war eine sehr gute Gastgeberin und schien mit ihrem Leben in diesem kleinen texanischen Städtchen vollkommen zufrieden zu sein. Ganz anders als ihre Tochter, die Royal so schnell wie möglich verlassen hatte und jetzt in der Filmindustrie arbeitete.

Lilas Bruder Hack wiederum war vollkommen anders als seine Schwester. Er kam mehr nach den Eltern und fühlte sich in Royal wohl. Wie auf Kommando kam Hack auf Sam zu. „Tolle Party, Hack“, begrüßte Sam den jungen Mann.

„Ja, Dad liebt Barbecues. War das meine hochnäsige Schwester, mit der du eben gesprochen hast?“

„Ja. Sie war ein bisschen schnippisch, das stimmt. Aber das meint sie nicht so.“ Sam warf noch einen Blick auf Lila, die gerade mit Shannon im Haus verschwand.

„Dann liebst du wohl die Herausforderung, was?“ Hack grinste und steckte die Daumen in seinen breiten Gürtel. „Finde auch, dass die Girls es uns manchmal zu einfach machen. Macht mehr Spaß, wenn man sich ein bisschen bemühen muss, was?“

Doch da Sam mit seinen Gedanken bei Lila war und ihm kaum zuhörte, fuhr Hack fort: „Meine Superschwester glaubt wohl, dass sie etwas ganz Besonderes ist, nur weil sie in Los Angeles wohnt und diesen Job da in Hollywood hat. Aber sie lebt allein, das behauptet sie wenigstens. Wahrscheinlich hat keiner Interesse an einer so arroganten Ziege.“ Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Na ja, von mir aus kann sie gern in Kalifornien leben. Da bleibt mehr für mich übrig. Denn Dad ist nicht besonders gut auf sie zu sprechen. Ich fühle mich in Royal wohl. Auch hier gibt es sexy Girls. Findest du nicht auch, Sam?“

„Äh … ja.“ Sam hatte kaum zugehört. „Gibt nette Leute hier.“

„Wo wir gerade von sexy Girls sprechen, dahinten ist Anna June Wilson. Bis später, Sam.“ Hack stürzte davon.

Endlich! Sam atmete tief durch. Dieser siebzehnjährige Bengel wurde grenzenlos von seinem Vater verwöhnt. Er ging dem Vater derart um den Bart, dass es kaum mit anzusehen war. Aber Beau fiel immer wieder darauf herein und hatte den Sohn bisher aus allen Schwierigkeiten herausgehauen. Seine Sache …

Sam strich sich das Haar zurück. Wollte er sich nicht ein Bier holen? Während er seinen Weg in Richtung Bar fortsetzte, die auf der großen Terrasse aufgebaut war, musste er wieder an Lila denken. Nach ihrem One-Night-Stand war sie nach Los Angeles zurückgekehrt. Er hatte sie dort angerufen, sie aber nicht erreicht. Und da sie trotz seiner Nachricht nicht zurückgerufen hatte, hatte er sich auch nicht mehr gemeldet. War sie deshalb etwa sauer? Hatte sie gehofft, dass er sich mehr ­bemühen würde? Ihr Pech … Aber warum konnte er sie dann nicht vergessen?

„Hallo, Sam, was machst du hier denn so ganz allein?“

„Hab dich gesucht, Darling.“ Lächelnd wandte sich Sam zu Sally Dee Caine um. So jemanden wie Sally konnte er jetzt gebrauchen. Jeder Mann in Maverick County kannte sie und hatte seinen Spaß mit ihr. Hin und wieder auch Sam. In ihrer knappen pinkfarbenen Bluse und den engen ausgeblichenen Jeans sah sie sehr aufreizend aus. „Bei deinem Anblick kann man Beau Hackets Barbecue fast vergessen“, sagte er grinsend, legte ihr den Arm um die Schultern und küsste sie auf die Nasenspitze.

Kichernd schmiegte sie sich an ihn. „Dann komm, Sam. Ich weiß, du liebst Partys nicht besonders, aber heute musst du eine Ausnahme machen. In der Scheune wird getanzt!“

„Na, dann los!“ Er zog sie fest an sich, und beide schlenderten auf die Scheune zu.

„Tut mir leid, dass ich in dein Gespräch mit Sam geplatzt bin. Wahrscheinlich hattet ihr euch viel zu erzählen.“ Shannon warf der Freundin einen schuldbewussten Blick zu.

Lachend hakte sich Lila bei ihr unter. „Um Himmels willen! Ich war froh, als du gekommen bist! Und sei ehrlich, du bist gar nicht neugierig auf den neuen Koch.“

Shannon schüttelte lächelnd den Kopf.

„Dann lass uns reingehen. Agnes hat sicher wieder ihren tollen Dip aus Artischocken gemacht.“

„Deine Eltern haben wirklich Glück mit ihrer Haushälterin.“

„Finde ich auch.“

Shannon drückte den Arm der Freundin. „Ich bin so froh, dass du hier bist. Diese Party ist wieder super. Irre ich mich, oder sind in diesem Jahr noch mehr Leute da als im vorigen?“

„Nein, du hast recht. Auch die Mitglieder des TCC sind fast vollständig hier. Allerdings scheinen alle beunruhigt zu sein, weil Alex Santiago spurlos verschwunden ist. Die ganze Sache ist sehr merkwürdig.“

„Ja, seltsam …“ Nachdenklich sah Shannon zu Boden. „Auch dass der TCC daraus so ein Geheimnis macht. Aber vielleicht wissen sie wirklich nicht mehr. Das Ganze ist irgendwie unheimlich. Eine Stadt wie Royal ist ziemlich übersichtlich. Da verschwindet man nicht so einfach. Obendrein als Mitglied des TCC.“

„Und doch ist Alex Santiago wie vom Erdboden verschluckt.“

„Hoffentlich finden sie ihn bald. Hat er sein Geld nicht an der Wall Street gemacht? Wer weiß, in was er verwickelt ist … Aber nun zu dir. Du bleibst drei Wochen? Urlaub?“

„Nicht so ganz.“ Lila schüttelte lachend den Kopf. „Die Filmcrew kommt in zwei Wochen zu Außenaufnahmen her. Und ich muss mich in der nächsten Zeit nach geeigneten Locations umsehen. Aber natürlich will ich auch Urlaub machen.“

„Du hast ja wohl den absoluten Traumjob.“

„Ja, manchmal schon. Oft ist es sehr hektisch, aber eigentlich immer interessant. Und mir macht es Spaß.“

„Ich hab eine Idee!“ Shannon strahlte die Freundin an. „Willst du uns nicht ein bisschen bei dem neuen Kinderbetreuungszentrum des TCC helfen? Wir könnten deinen fachmännischen Rat als Designerin gut gebrauchen. Die Baufirma hat schon gesagt, dass sie Tipps für die Innenausstattung braucht. Besonders von einem weiblichen Standpunkt aus.“

„Um Himmels willen!“ Gespielt entsetzt hob Lila die Hände. „Dad würde in die Luft gehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen – oder wahrscheinlich doch –, wie wütend er über diese Entscheidung ist. Für ihn ist das fast so schlimm, wie Frauen in den TCC aufzunehmen.“

„Ich weiß“, sagte Shannon lachend. „Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass ich nun auch zu diesem ehrwürdigen Club gehöre, zu dieser exklusiven hundertjährigen männlichen Bastion.“

Verstohlen sah sie sich nach allen Seiten um und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort: „Ich sollte lieber vorsichtig sein. Fast alle TCC-Mitglieder sind heute hier. Dein Vater ist obersauer, das stimmt. Aber leider geben ihm nicht nur die älteren Mitglieder recht. Auch ein paar jüngere sind seiner Meinung. Die Gordon-Zwillinge zum Beispiel. Und selbst dein Bruder hat ein paar hässliche Bemerkungen gemacht.“

„Hack kannst du nicht für voll nehmen. Dad verwöhnt ihn viel zu sehr. Mein Bruder wird sicher mal genauso engstirnig wie unser Dad. Wahrscheinlich würde er sich noch ganz anders äußern, wenn du nicht eine meiner besten Freundinnen wärst. Er kann ausgesprochen ordinär sein.“

Shannon zuckte nur mit den Schultern. „Und wenn schon. Das Zentrum wird gebaut, daran kann auch er nichts ändern. Die Baufirma hat schon angefangen.“

„Super!“ Lila war begeistert.

„Aber wir brauchen jemanden wie dich, Lila. Du bist ideal für den Job. Als Setdesignerin in der Filmindustrie hast du doch ständig mit Ausstattungen zu tun. Bitte, sag Ja!“

„Hm …“ Nachdenklich sah Lila die Freundin mit den leuchtend blauen Augen und dem kurzen blonden Haar an. Was sie ihr vorschlug, war durchaus reizvoll, und dennoch … Sie war eigentlich hergekommen, um sich auszuruhen und Zeit mit ihrer Mutter zu haben, nicht aber, um einen neuen Job zu übernehmen. Andererseits würde sie so von ihren Problemen abgelenkt und könnte mit Shannon zusammenarbeiten, was sicher viel Spaß machte.

„Okay, einverstanden. Manchmal habe ich große Lust, Dad mal so richtig vor den Kopf zu stoßen. Und mit dir zusammen … Aber eins muss ich dir gleich sagen: Wenn es zu viel wird, steige ich aus.“

„Klar, das verstehe ich. So viel wirst du nicht zu tun haben. Aber es ist fantastisch, dass du uns beraten willst.“ Shannon umarmte die Freundin begeistert.

„Gut, abgemacht.“

„Ich bin sicher, es macht dir Spaß. Hättest du Montagvormittag Zeit? Wir könnten uns im Club treffen.“

Lila nickte. „Ja, kein Problem, sofern es nicht zu früh ist.“

„Ganz sicher nicht, denn ich kann auch nicht so früh weg. Muss erst erledigen, was morgens auf der Ranch anfällt.“

Die beiden Freundinnen stiegen die Stufen zum Eingang empor, durchquerten die Halle und traten in das Esszimmer. Auf dem großen Esstisch waren die Vorspeisen und große Schalen mit aufgeschnittenem Obst aufgebaut.

„Hallo, Amanda, hallo, Nathan!“, begrüßte Lila das Paar, das in einer Ecke stand und nur Augen füreinander hatte. Beide drehten sich um und grüßten zurück, und Lila gab es einen kleinen Stich, als sie sah, wie die beiden sich bei den Händen hielten. Offenbar waren sie sehr verliebt. Doch sie lächelte sie an. „Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke“, sagten Amanda und Nathan wie aus einem Mund, sahen sich dann an und lachten.

„Wir haben uns nur kurz zurückgezogen“, meinte Amanda leicht verschämt. „Die Party ist wirklich toll, Lila. Ihr Hackets wisst, wie man Feste feiert.“

Dabei strahlte sie, und sosehr Lila ihr auch ihr Glück gönnte, musste sie doch unwillkürlich daran denken, wie sie sich wohl in Amandas Situation fühlen würde. Zu lieben und geliebt zu werden … das musste unvorstellbar schön sein.

„So, und nun wollen wir uns mal was zu essen holen. Komm, Amanda.“ Nathan legte seiner Frau den Arm um die Schultern und wandte sich zur Tür.

„Unseretwegen könnt ihr ruhig bleiben“, sagte Lila schnell. „Wir wollen nur den Artischockendip probieren und verschwinden dann wieder.“

„Nicht nötig. Wir wollten sowieso gehen. Bis später!“

Lila sah ihnen hinterher. „Die beiden sind so verliebt, dass sie bestimmt nichts von unserer Unterhaltung mitgekriegt haben. Sie haben ja kaum bemerkt, dass sie nicht mehr allein waren. Also, wovon sprachen wir? Ach so, ja, wir wollen uns am Montagvormittag im Club treffen.“

„Ja. Je später, desto besser für mich. Wie wäre es zum Lunch? Während des Essens kann ich dir erzählen, was inzwischen gelaufen ist. Und danach sehen wir uns die zukünftige Baustelle an. Der alte Billardraum wird Teil des Zentrums.“

„Das passt mir sehr gut.“ Lila nahm sich einen Teller vom Stapel und trat an den Esstisch.

„Nachmittags um drei ist dann das übliche Clubtreffen, an dem ich eigentlich teilnehmen möchte.“ Shannon trat neben die Freundin. „Aber bis dahin sollten wir längst fertig sein.“

„Bestimmt.“ Lila lachte leise vor sich hin. „Dad leidet sicher Qualen bei dem Gedanken, dass der ehrwürdige Billardraum Teil eines Kinderbetreuungszentrums werden soll.“

„Kann sein. Aber es wird Zeit, dass wir den Club mal ein bisschen aufmischen. Außerdem kriegen sie einen neuen Billardraum.“

„Haben die Gordons eigentlich den Auftrag bekommen, Shannon?“ In diesem Fall, das wurde Lila erst jetzt klar, würde sie wohl häufiger mit Sam zusammentreffen.

„Nein.“

„Warum denn nicht?“ Verblüfft sah Lila die Freundin an. „Ich dachte, das sei selbstverständlich.“

„Ich auch. Als Begründung hat man was von einem Interessenkonflikt gemurmelt. Aber das glaube ich nicht. Wahrscheinlich haben die Gordons abgelehnt, weil sie mit dem Umbau nicht einverstanden sind.“

„Gut möglich. Die beiden Brüder sind genauso altmodisch wie mein Vater.“

Shannon nickte. „Allerdings. Das kann natürlich was damit zu tun haben, dass sie ihre Mutter so früh verloren haben. Die Einstellung ihres Vaters Frauen gegenüber ist bekannt und hat vielleicht auf die Söhne abgefärbt.“

„Wahrscheinlich“, gab Lila der Freundin recht. „Der Einfluss des Vaters auf die Söhne ist oft sehr stark. Auch bei uns zu Hause. Obwohl ich noch eine Mutter habe.“

Nachdem sich beide von den Vorspeisen genommen hatten, verließen sie das Esszimmer, und Lila wies auf die Eingangstür. „Komm, wir setzen uns auf die vordere Terrasse, da ist jetzt keiner. Und wir können in Ruhe reden.“

Sie setzten sich in die gemütlichen Schaukelstühle und betrachteten die tief stehende Sonne. Hier vorn war von der Musik und den Stimmen kaum etwas zu hören. Lila tauchte einen Chip in den Dip. „Hm … köstlich wie immer.“ Lächelnd sah sie die Freundin an. „Du siehst fantastisch aus, Shannon. Die Ehe scheint dir gut zu bekommen.“

„Du musst Rory unbedingt kennenlernen. Momentan ist er mal wieder in Austin. Und da unser Vormann krank ist, konnte ich nicht mitfahren.“

„Ihr seid frisch verheiratet und offensichtlich sehr glücklich. Und sonst? Was ist sonst noch so los in deinem Leben?“

Shannon zuckte mit den Schultern. „Nicht viel Neues. Ich muss mich um die Ranch kümmern. So wie früher.“

„Das ist wirklich bewundernswert. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du es schaffst, die Ranch allein zu bewirtschaften.“

„Mir bleibt nichts anderes übrig“, bemerkte Shannon trocken. „Aber ich bin ja nicht mehr allein. Normalerweise ist Rory da.“

„Ja, schade, dass du nicht mit ihm mitfahren konntest.“ Die arme Shannon. Frisch verheiratet und schon getrennt.

„Sowie unser Vorarbeiter wieder gesund ist, kann ich Rory in Austin treffen. Bis dahin habe ich viel um die Ohren. Deshalb bin ich froh, wenn ich das Ganze mal hinter mir lassen kann. Wie jetzt.“ Shannon lehnte sich zurück und wandte sich der Freundin zu. „Doch jetzt zu dir. Wir sind alte Freundinnen, und deshalb traue ich mich auch, dich zu fragen. Was ist los, Lila?“

Lila stockte kurz der Atem. „Wieso? Was soll denn los sein?“

„Okay, wenn du nicht darüber reden willst, muss ich das akzeptieren. Ich dachte nur, du möchtest dich vielleicht aussprechen.“

Wieso hat sie so schnell gemerkt, dass mich etwas bedrückt? fragte sich Lila und sah die Freundin prüfend an. Sollte sie sich ihr anvertrauen? Bisher hatte sie nur mit ihrer Mutter gesprochen. Sie holte tief Luft. „Ja, das stimmt auch. Aber es muss unbedingt unter uns bleiben. Ich bin mit Absicht früher gekommen, weil ich in Ruhe mit Mom sprechen wollte. Nicht mit meinem Vater, und auf keinen Fall darf Hack etwas erfahren. Ich bin schwanger, Shannon.“

Shannon riss die Augen auf. „Ach du Schreck! Jemand aus der Filmbranche? Ein Schauspieler? Ein Regisseur? Ein verheirateter Produzent?“

Lila lachte. „Nein, um Himmels willen! Mit verheirateten Männern würde ich sowieso nie etwas anfangen. Aber ich hätte auch mit dem nichts anfangen sollen, mit dem es dann passiert ist.“ Schlagartig wurde sie wieder ernst. „Nein, Shannon, er ist aus Royal … und heute sogar hier.“

„Tatsächlich? Aber du brauchst mir nicht zu sagen, wer es ist. Wirst du es ihm erzählen?“

„Erst mal muss ich wissen, was ich selbst will. Denn er ist so altmodisch, dass er mich bestimmt heiraten will, wenn er es erfährt.“

„Auch das noch! Wenn es schon jemand aus Royal sein muss, warum hast du dir nicht jemanden ausgesucht, der modern denkt? Und nicht davon überzeugt ist, dass die Frau in die Küche und ins Schlafzimmer gehört.“

Lila lächelte sarkastisch. „Hinterher ist man immer schlauer.“

„Tut mir leid, das war eine blöde Bemerkung. Ich kann verstehen, dass ein Kind für dich kein Grund ist, zu heiraten. Aber wenn der Vater des Babys wirklich von vorgestern ist, dann wird er darauf bestehen. Garantiert!“

„Ich denke nicht daran, jemanden aus diesem Kaff zu heiraten und wieder hierherzuziehen. Meine Karriere und meine Selbstständigkeit sind mir wichtiger.“

„Hm …“ Shannon sah die Freundin nachdenklich an. „Wann willst du es ihm denn sagen?“

„Am liebsten erst, wenn ich wieder zurück in Kalifornien bin und der halbe Kontinent zwischen uns liegt. Aber wahrscheinlich rede ich kurz vor meiner Rückreise mit ihm. Es ist … aber das muss wirklich zwischen uns bleiben …“

„Nein!“ Shannon presste sich die Hände auf die Ohren. „Sag’s nicht. Ich will gar nicht wissen, wer es ist.“

„Aber Shannon!“ Lila lachte. „Wahrscheinlich hast du sowieso schon einen Verdacht.“

„Trotzdem. Ich will es gar nicht wissen. Dann laufe ich auch nicht Gefahr, es auszuplaudern, falls mich jemand löchert. Schließlich kannst du die Schwangerschaft ja nicht bis in alle Ewigkeit verheimlichen.“ Kurz musterte sie die Freundin. „Hast du absichtlich ein Kleid angezogen, das locker in der Taille sitzt?“

Lila nickte. „Ja, auch wenn man noch kaum was sieht.“

„Wie lange bleibst du hier in der Gegend? Ich meine, wegen der Außenaufnahmen?“

„Wahrscheinlich bis Ende des Monats. Manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger. Nach meinen zwei Wochen Urlaub werde ich beruflich ziemlich eingespannt sein. Da habe ich wenig Gelegenheit, dem Vater des Kindes zu begegnen.“

„Und deine Mutter? Wie hat sie reagiert? Dein Dad hat bestimmt kein Verständnis.“

„Er weiß auch noch nichts. Mom ist mir eine starke Stütze.“ Lila schüttelte irritiert den Kopf. „Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht, was damals in mich gefahren ist.“

„Aber ich. Ich fürchte, das sind die Hormone“, meinte ­Shannon nüchtern. „Wahrscheinlich sieht er super aus. Wir haben ja einige sehr gut aussehende, aufregende Männer hier in Royal.“

„Stimmt.“ Sam zum Beispiel. „Aber um auf Mom zurückzukommen, wir verstehen uns sehr gut. Weißt du, sie hat zwei Seiten. Dad und die meisten Leute hier in der Stadt kennen nur die eine Seite. Die liebe, sanfte, gastfreundliche Barbara. Aber Mom weiß genau, was sie tut und wie sie das durchsetzen kann, was sie will. Ohne dass Dad es merkt. Sie wird mir helfen.“

„Das ist gut. Trotzdem tut es mir leid, dass dein Leben jetzt so kompliziert ist.“

„Und das ist noch untertrieben. Ich bin nur froh, dass ich in ein paar Wochen wieder nach Kalifornien zurückkann.“

In diesem Augenblick betraten zwei Männer die Terrasse. Lila kannte beide. Es waren Rancher aus der Nachbarschaft. „Hallo, Ladies“, sagte Jeff Wainwright. „Was macht ihr zwei hier so allein? In der Scheune wird getanzt! Momentan sind sie beim Line Dance. Keine Lust?“

„Doch, gern!“ Spontan stand Lila auf. Der Tanz würde sie ablenken. Außerdem tat es sicher gut, sich zu bewegen und nicht ständig an die Schwangerschaft zu denken.

Wenn sie das nur könnte! Als sie Sam wiedergesehen hatte, hatte es ihr buchstäblich den Atem verschlagen. Sie hatte geglaubt, immun gegen ihn zu sein. Was für ein Irrtum! Er musste gemerkt haben, was in ihr vorging. Denn sie war knallrot geworden, als er plötzlich vor ihr stand – mit diesem verführerischen Lächeln und den funkelnden blauen Augen. Lila hatte schnell den Blick gesenkt, aber das hatte das Ganze noch verschlimmert. Denn dann war ihr Blick auf seine kräftigen braunen Arme und die schmalen Hüften in der engen ausgeblichenen Jeans gefallen … Was für ein Mann! Sexy und so voller Vitalität. Kein Wunder, dass sie so auf ihn reagierte.

Wie gut, dass sie mit Shannon hatte sprechen können, die jetzt wusste, was die Freundin durchmachte.

Minuten später tanzte Shannon mit Buck McDougal und Lila mit Jeff. Auch Sam war auf der Tanzfläche, zusammen mit Amandas Freundin Piper Kindred. Die wiederum wurde von dem ehemaligen Rodeostar Ryan Grant sehr aufmerksam beobachtet, während Lila sich bemühte, Sams Blicken auszuweichen. Sosehr sie sich auch zu ihm hingezogen fühlte, sie durfte sich nichts anmerken lassen. Denn seine Wertvorstellungen waren total anders als ihre. Er lebte noch im vorigen Jahrhundert und würde nie Verständnis für das haben, was sie vom Leben erwartete.

Hätte sie sich nur damals nicht auf ihn eingelassen. Aber irgendwie hatte es sich automatisch ergeben. Ihr Vater hatte Sam überredet, mit ihnen zu Abend zu essen. Und als Sam nach dem Dinner versprach, Lila nach Hause zu bringen, war ihr Vater schon vorgefahren. Sam und sie hatten wild geflirtet, und als er sie noch auf einen Kaffee in sein Haus einlud, war sie mitgegangen.

Sie hätte wissen müssen, was dann unweigerlich folgen würde. Sehr bald lag sie in seinen Armen und verlebte eine wilde, leidenschaftliche Nacht mit ihm, die sie nie vergessen würde. Als sie dann nach ein paar Wochen die Schwangerschaft feststellte, war es mehr als klar, dass sie die Nacht tatsächlich nie vergessen würde!

„Square Dance!“

Lila schrak aus ihren Gedanken hoch. Shannon war gegangen. Und ehe Lila wusste, wie ihr geschah, flog sie von einem Arm zum anderen. Nach „Promenade links, Promenade rechts“ fand sie sich plötzlich Sam gegenüber, der sie schweigend ansah. Sofort klopfte ihr Herz wie verrückt, und sie fühlte, gleich würde er sie an sich ziehen und wie wahnsinnig küssen …

Doch dann stand sie vor einem anderen Tänzer, und der magische Moment war vorbei, auch wenn ihr Herzschlag sich erst langsam beruhigte.

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