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Meeresrauschen und Sternefunkeln

1. KAPITEL

Sekundenlang war Nikki starr vor Entsetzen, und ihr schauderte. Vor ihrer Tür heulte ein Wolf. Doch dann kam sie wieder zur Besinnung. Wölfe gab es in Banksia Bay an der Küste von New South Wales nicht. Wahrscheinlich war es ein Hund oder ein Dingo. Das Heulen klang völlig verzweifelt, und sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen so durchdringenden Klagelaut gehört zu haben.

Sie stand auf, stellte sich an das Fenster ihres Wohnzimmers und blickte hinaus in die Dunkelheit. Zu ihrer Erleichterung waren die Fenster der Wohnung ihres Vermieters erleuchtet, er war also zu Hause. Von der großen alten Villa auf den Klippen der Landzunge am Ortsausgang hatte man drei Räume, Küche und Bad abgetrennt, und sie hatte das schöne Apartment gemietet.

Einen wortkargeren Mann als Gabe Carver konnte sie sich kaum vorstellen. „Unterschreiben Sie hier. Die Miete bitte an jedem ersten Dienstag im Monat. Bei Problemen wenden Sie sich an Joe unten am Hafen. Er ist Mädchen für alles. Willkommen in Banksia Bay“, hatte er sie knapp begrüßt.

Die Veranda teilten sie sich, und sie wohnten praktisch Wand an Wand. Es war ein beruhigender Gedanke, dass Gabe da war. Der hochgewachsene muskulöse Mann strahlte Kraft und Stärke aus. Sie brauchte sich also keine Sorgen zu machen. Außerdem hatte sie die Tür abgeschlossen, es konnte also weder ein Wolf noch sonst jemand eindringen.

Doch plötzlich durchdrang wieder das herzzerreißende Heulen die Stille der Nacht. Sie schaute noch einmal hinaus, ehe sie die Vorhänge zuzog. Irgendwie empfand sie die Situation als beängstigend. Wahrscheinlich war das Leben inmitten der ländlichen Umgebung außerhalb der abgelegenen Kleinstadt voller Überraschungen für eine junge Frau, die bisher in der Großstadt gelebt hatte. Noch war alles ziemlich neu für sie, denn sie war erst vor drei Wochen nach Banksia Bay gezogen, nachdem ihr hinterhältiger Chef ihr das Herz gebrochen hatte.

Ob nun ein Wolf oder ein Hund so verzweifelt heulte, ihr Vermieter würde es hören, sich darum kümmern oder Joe beauftragen, nachzusehen, was los war.

Sie konnte völlig beruhigt ins Bett gehen.

Das verzweifelte Heulen schien sich wie ein Echo um das große alte Haus herum fortzusetzen. Offenbar brauchte ein Hund Hilfe, doch Gabe war der Meinung, dass es nicht sein Problem war. Dennoch machte es ihn irgendwie unglücklich. Wenn Jem noch lebte, hätte er sie hinausgelassen, damit sie herausfinden konnte, was mit dem Tier los war.

Er vermisste sie schrecklich und hatte das Gefühl, mit ihr einen Teil von sich selbst verloren zu haben. Alles schien so zu sein wie immer, er saß in dem Sessel am Kamin, doch der Platz zu seinen Füßen war leer.

Vor sechzehn Jahren hatte er die junge verwahrloste und völlig abgemagerte Colliehündin gefunden, als sie am Strand einen toten Fisch fraß.

Er hatte sie auf den Arm genommen und damit gerechnet, dass sie knurren oder nach seiner Hand schnappen würde. Stattdessen hatte sie sich zu ihm umgedreht und ihm die Wange geleckt. Und daraus war eine Freundschaft fürs Leben entstanden.

Vor drei Monaten war sie im Schlaf gestorben. Gabe streckte auch jetzt noch zuweilen die Hand nach ihr aus, um sie zu streicheln, so als wäre sie noch da.

Dann lenkte ihn wieder das Heulen von den traurigen Gedanken ab, und er fluchte leise vor sich hin. Es war einfach nicht mehr zu ertragen. Wenn der Hund am Strand in eine Falle geraten war, würde er bei der einsetzenden Flut ertrinken.

Er seufzte und legte das Buch aus der Hand, ehe er aufstand und den Südwester, den wasserdichten Seemannshut, aufsetzte, den er als professioneller Fischer nie vergaß. Dann zog er die Stiefel an und ging zur Tür.

Als seine Frau ihn verlassen hatte, hatte er sich geschworen, nie wieder mit jemandem zusammenzuleben. Sich gefühlsmäßig zu binden endete doch nur in einer Katastrophe. Es bedeutete jedoch nicht, dass er das Singledasein liebte. Mit Jem war es erträglich gewesen, nicht mehr und nicht weniger.

Nikkis seidener Pyjama lag auf dem hübschen pinkfarbenen Quilt, den sie auf dem Bett ausgebreitet hatte. Sie brauchte nur noch hineinzuschlüpfen und sich hinzulegen. Aber das Heulen ließ sie zögern.

Auch wenn sie eher eine Großstädterin war, begriff sie, dass irgendwo in der Nähe ein Tier Hilfe brauchte. Warum kümmerte sich eigentlich ihr Vermieter nicht darum?

Am Tag ihrer Ankunft war sie über die Geräusche in den Rohren in dem riesigen altmodischen Badezimmer mit der riesigen Wanne und den sanitären Einrichtungen, die aus einer mittelalterlichen Burg hätten stammen können, beunruhigt gewesen.

Gabe hatte draußen hinter dem Haus Holz gehackt, und sie hatte gezögert, ihn darauf anzusprechen. Seine abweisende Haltung fand sie genauso einschüchternd wie seine hochgewachsene Gestalt und die Kraft und Stärke, die er ausstrahlte.

Dass sie seine muskulöse Brust unter dem geöffneten Hemd hatte erkennen können, hatte sie zusätzlich irritiert. Doch hatte sie sich zusammengenommen und war zu ihm gegangen.

„Könnten Sie vielleicht einmal nach den Rohren sehen?“

„Das kann Joe machen“, hatte er undeutlich geantwortet und war verschwunden.

Danach war sie ihm tagelang aus dem Weg gegangen, sie hatte versucht, die Geräusche in den Rohren zu ignorieren, und geduscht, doch schließlich hatte sie mit Joe geredet.

Der ältere Mann lebte auf einem uralten Schoner, der so aussah, als wäre er schon viele Jahre nicht mehr zum Segeln benutzt worden. Während sie Joe das Problem schilderte, sah sie ihren Vermieter am Steuer eines großen weißen Fischkutters zurückkommen.

Es war einfach unglaublich, dass allein der Anblick dieses muskulösen Mannes genügte, um ihre Hormone verrückt spielen zu lassen.

„Er hat die heimische Fischindustrie gerettet“, sagte Joe, als er ihrem Blick folgte. „Viele Fischer hatten den Fehler gemacht, ausschließlich Tintenfische oder Thunfische oder dergleichen zu fangen. Wenn dann weniger gefangen wird oder die Nachfrage stagniert, geraten die Leute in Schwierigkeiten. Ich war mein Leben lang Fischer und habe viele Kollegen bankrottgehen gesehen. Gabe kauft ihnen die Kutter ab und arbeitet damit weiter. Er war eine Zeit lang weg, ist aber zurückgekommen, als es hier bergab ging. Sechs der Fischkutter hier im Hafen gehören ihm.“

Gabe mit seinem gebräunten Gesicht und der grimmigen Miene wirkte am Ruder seines Kutters sehr beeindruckend. Er trug einen weiten wasserdichten Overall, Gummistiefel und ein kariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, und sein volles dunkles Haar war zerzaust.

Während er den Kutter wenige Meter an dem Schoner vorbeisteuerte, nickte er Joe kurz zu, ohne zu lächeln. Er schien überhaupt nie zu lächeln.

„Wahrscheinlich ist er nicht sehr beliebt“, mutmaßte sie. Sie nahm an, dass er seinen Vorteil aus der Notlage der Kollegen zog, sonst würde er sicher deren Kutter nicht kaufen.

Joe blickte sie geradezu vorwurfsvoll an. „Soll das ein Scherz sein? Ohne Gabe gäbe es hier keine Fischindustrie mehr. Er kauft den Kollegen die Kutter zu einem fairen Preis ab und beschäftigt die Leute dann weiter. Mittlerweile hat er dreißig männliche und weibliche Angestellte, und alle leben besser als zuvor. Sie würden alles für ihn tun, aber er bittet nie jemanden um einen Gefallen und lässt keinen an sich heran. Wenn jemand in Schwierigkeiten steckt, hilft er, ohne zu zögern, doch er erwartet keinen Dank. Er lebt sehr zurückgezogen, und abgesehen von der Zeit seiner katastrophalen Ehe ist und war er immer allein. Alle respektieren ihn, es wäre auch dumm, es nicht zu tun.“

Er machte eine Pause und schaute Gabe zu, wie er den Kutter in den Liegeplatz manövrierte, der viel zu eng zu sein schien. Aber er machte es so geschickt, als hätte er mehr als genug Platz. „Leider ist sein Hund gestorben“, fuhr Joe schließlich fort. „Man hat ihn nie ohne ihn gesehen. Ich frage mich, wie er damit zurechtkommt.“ Er schüttelte den Kopf. „Okay, kümmern wir uns um Ihr Problem mit den Rohren.“

Das war jetzt zwei Wochen her.

Wieder ertönte das schreckliche Heulen und hörte gar nicht mehr auf. Egal, ob es ihr Problem war oder nicht, sie konnte es nicht mehr ertragen und beschloss zu handeln. Nikki steckte das Handy ein und eilte mit der Taschenlampe in der Hand aus dem Haus.

Gabe fand den schmalen Pfad, der mitten durch die Büsche und das Gestrüpp zum Strand hinunterführte, sogar in der Dunkelheit auf Anhieb. Fast sein ganzes Leben hatte er hier verbracht und kannte praktisch jeden einzelnen Strauch und Stein. Deshalb brauchte er keine Taschenlampe, die bei Vollmond sowieso überflüssig war.

Er folgte dem Geheul, und schon bald sah er den großen abgemagerten Hund, der im flachen Wasser stand und sein ganzes Elend hinauszuheulen schien.

Langsam ging Gabe in seine Richtung und tat so, als hätte er ihn nicht bemerkt, um ihn nicht zu erschrecken. Aber der Hund entdeckte ihn sogleich, er verstummte und wich ängstlich zurück in das tiefere Wasser.

„Alles in Ordnung, alter Freund“, versuchte Gabe den offenbar nicht ganz reinrassigen schwarzen Wolfshund beim Näherkommen zu beruhigen. „Willst du mir nicht verraten, was los ist?“

Das außergewöhnlich große und völlig durchnässte Tier blieb reglos stehen, und Gabe erinnerte sich wieder an seine Hündin Jem, die er sehr geliebt und die ihm das Herz gebrochen hatte, als sie starb.

Eine zweite Jem würde es jedoch nie geben, das hatte er sich fest vorgenommen. Wenn der Hund sich anlocken und mit in das Haus nehmen ließ, würde er ihn zu Henrietta ins Tierheim bringen. Mehr würde er für das Tier nicht tun, um sich erneuten Kummer und Schmerz zu ersparen.

„Ich tue dir nichts“, versprach er dem Hund und wünschte, er hätte ein Stück Fleisch mitgenommen. „Komm mit, es lohnt sich bestimmt für dich.“

Aber der Hund wich immer weiter zurück. Offenbar misstraute er den Menschen und hatte fürchterliche Angst. Es war aussichtslos, ihn ohne eine Leckerei einzufangen.

„Bleib hier, ich hole dir rasch etwas zu fressen“, forderte er ihn auf. Der Hund stand jetzt bis zu den Hüften im Wasser. Mit dem Steak, das er morgen Abend hatte essen wollen, ließ er sich bestimmt aus dem Wasser locken.

„In zwei Minuten bin ich wieder da“, versprach Gabe ihm. „Warte einfach auf mich.“

Kaum hatte Nikki das Haus auf den Klippen verlassen, wurde ihr klar, dass sich das Tier, das offenbar in großer Not war, ganz unten am Strand aufhielt.

Sie überlegte, ob sie bei ihrem Vermieter klopfen sollte. Aber wenn er wirklich zu Hause war und das Heulen gehört hatte, ohne zu handeln, würde sie ihn auch nicht dazu überreden können, nachzuschauen, was los war. Also suchte sie den Pfad, der zum Wasser führte, doch trotz Mondlichts und der Taschenlampe fand sie ihn nicht. Was nun? Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als sich den Weg durch das Gebüsch zu bahnen. Aber es war ja nicht weit bis zum Strand.

Das Tier, das so schrecklich heulte, war vielleicht in eine Falle geraten, und wenn sie es gefunden hatte, konnte sie Hilfe herbeiholen. Sie sprach sich immer wieder Mut zu, wünschte jedoch auf einmal, sie hätte Sydney nicht verlassen und das schöne und relativ leichte Leben dort nicht aufgegeben.

Darüber kann ich auch morgen noch nachdenken, jetzt habe ich etwas Wichtigeres zu tun, mahnte sie sich. Seltsamerweise hatte das Heulen aufgehört, und in der Stille um sie her verlor sie schon bald die Orientierung. Sie malte sich alles Mögliche aus, was passieren konnte.

Vielleicht gab es hier Bunyips, diese australischen Fabelwesen, die angeblich in Wasserstellen hausten und unvorsichtige Menschen und Tiere in die Tiefe zogen und verspeisten. Zwar wusste niemand so genau, wie Bunyips aussahen, doch ihr furchterregendes Gebrüll ließen sie nur nachts ertönen.

Ich glaube, ich verliere noch den Verstand, sagte sie sich und beschloss umzukehren. Unter keinen Umständen würde sie auch nur einen einzigen Schritt weiter in Richtung Meer gehen.

Aber weshalb hatte das Heulen aufgehört? Während sie versuchte, um den nächsten Busch mit dem dichten Blattwerk herumzugehen, stolperte sie und wäre hingefallen, wenn nicht jemand sie an den Schultern gepackt und festgehalten hätte.

Sie schrie auf und wich zurück. Dann hob sie die Hand und schlug in panischem Entsetzen mit der Taschenlampe um sich.

2. KAPITEL

Erst im Schein der Taschenlampe erkannte Nikki, was sie angerichtet hatte: Sie hatte ihren Vermieter niedergeschlagen. Er sackte in sich zusammen und fiel seitlich auf den mit Laub bedeckten Pfad. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen. Stattdessen kniete sie sich vor Gabe und sah, dass ihm das Blut aus der offenen Wunde über dem Auge über die Wange lief. Hilflos überlegte sie, was sie machen sollte.

In dem Moment fasste er sich stöhnend an die Stirn. Glücklicherweise war er wieder bei Bewusstsein, und sie atmete erleichtert auf, während er versuchte, sich zu orientieren.

„Sind Sie … okay?“, stammelte sie.

„Nein“, brachte er mühsam hervor, „ganz und gar nicht.“

„Ich rufe den Notarzt. Und den Krankenwagen“, schlug sie vor.

Sekundenlang öffnete er die Augen. „Nein.“

„Sie brauchen Hilfe“, entgegnete sie und zog ihr Handy hervor.

Er umklammerte jedoch ihr Handgelenk. „Womit haben Sie mich zusammengeschlagen?“, fragte er undeutlich.

„Mit … der Taschenlampe“, flüsterte sie.

„Ah ja, natürlich“, stellte er mit seiner tiefen Stimme fest. „Und nun?“

„Ich verstehe nicht …“

„Haben Sie vielleicht auch noch eine Pistole? Oder sind Sie nur mit der Taschenlampe bewaffnet?“

Wenn er schon wieder dumme Sprüche klopfen konnte, hatte sie ihn vermutlich nicht allzu schwer verletzt. „Das ist überhaupt nicht lustig. Sie haben mich zu Tode erschreckt.“

„Und Sie hätten mich beinah totgeschlagen.“

„Sie haben sich von hinten angeschlichen und mich an den Schultern gepackt“, hielt sie ihm vor.

„Angeschlichen“, wiederholte er geradezu entgeistert. „Soweit ich mich erinnere, bin ich auf meinem Grundstück zurück zu meinem Haus gelaufen, als Sie plötzlich wie aus dem Nichts auftauchten.“

In gewisser Weise hatte er recht. Wahrscheinlich hatte er das einzig Richtige getan und sie festgehalten, sonst wäre sie hingefallen und er vielleicht über sie gestolpert. Außerdem war er ihr Vermieter. Es war schon schlimm genug, überhaupt jemanden bewusstlos zu schlagen, doch dass es ausgerechnet Gabe Carver sein musste, machte alles noch schlimmer.

Sie war froh gewesen, dass sie in Banksia Bay ein Apartment gefunden hatte, das ihr gefiel. „Seien Sie nett und freundlich zu Ihrem Vermieter, und respektieren Sie seine Privatsphäre“, hatte ihr die Maklerin geraten. „Er ist ein Einzelgänger. Wenn man ihn in Ruhe lässt, kommt man gut mit ihm aus.“

Den Rat hatte sie befolgt. Doch nachdem sie ihn zusammengeschlagen hatte, konnte sie wahrscheinlich ihre Koffer packen.

„Ich brauche ein Steak“, unterbrach er ihre Gedanken.

Verständnislos blinzelte sie. „Damit die Schwellung zurückgeht?“, versuchte sie, etwas Intelligentes zu sagen. „Leider habe ich keins, aber ich kann Ihnen Eisstücke auf die Stirn legen.“

„Für den Hund, Sie Dummkopf.“ Er wollte den Kopf heben, gab den Versuch jedoch sogleich wieder auf. „Der Hund muss gerettet werden. Holen Sie das Steak aus meinem Kühlschrank.“

„Das ist unmöglich.“

„Tun Sie, was ich Ihnen sage“, fuhr er sie an. „Wenn Sie mich mitten in der Nacht mit einer Taschenlampe angreifen, müssen Sie die Konsequenzen tragen. Also, holen Sie das Steak.“

„Ich kann Sie nicht allein lassen“, wandte sie leicht verzweifelt ein.

Er öffnete wieder die Augen und sah sie an. „Halten Sie die Taschenlampe andersherum“, forderte er sie auf. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie ihn blendete.

„Entschuldigung.“ Sie richtete den Lichtstrahl in das Gestrüpp.

„Nein, Sie sollen sie auf sich selbst richten.“ Er nahm sie ihr aus der Hand, beleuchtete ihr Gesicht und betrachtete sie nachdenklich. „Sie brauchen keine Angst zu haben“, versicherte er ihr.

„Habe ich auch gar nicht“, behauptete sie, zuckte jedoch zusammen, als der Hund schon wieder heulte.

„Das können Sie sich momentan gar nicht erlauben“, fuhr er fort. Offenbar hatte er starke Schmerzen, denn seine Stimme klang angespannt. „Dem Hund muss unbedingt geholfen werden. Ich weiß nicht, was er hat, er steht im Wasser und heult. Während Sie mit der Taschenlampe bewaffnet umherwanderten, wollte ich ihm das Steak holen. Wahrscheinlich dauert es noch einige Minuten, bis ich keine Sterne mehr sehe. Deshalb müssen Sie es jetzt holen.“

„Sehen Sie wirklich Sterne?“

„Ja.“ Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „So mitten in der Nacht unter dem Sternenhimmel ist das ja auch kein Wunder. Aber mir ist schwindlig. Also, die Tür ist nicht verschlossen, die Küche finden Sie am Ende des Flurs. Das Steak liegt eingepackt im Kühlschrank. Schneiden Sie es in kleine Stücke, und kommen Sie damit zurück. Ich zähle unterdessen die Sterne, die richtigen, meine ich.“

„Aber ich kann Sie nicht allein lassen und rufe Hilfe herbei“, beharrte sie.

„Es geht mir schon wieder besser“, entgegnete er betont geduldig. „Ich habe bereits Schlimmeres überlebt. Seien Sie ein braves Mädchen, und tun Sie, was ich von Ihnen verlange.“

„Sie waren bewusstlos. Ich …“

„Höchstens einige Sekunden. Ich brauche niemand, der meine Hand hält.“ Langsam wurde er ärgerlich. „Verschwenden Sie keine Zeit mehr, und gehen Sie endlich.“

Also ging sie. Mit der Taschenlampe suchte sie sich den Weg zurück zum Haus und bereute, dass sie die falschen Schuhe anhatte. Die Gucci-Slipper eigneten sich nur für einen Sonntagsspaziergang durch den Botanischen Garten in Sydney, hier in dem Gestrüpp und Geröll waren sie eher hinderlich.

Wie sehr sehnte sie sich in dem Moment zurück in das luxuriöse Apartment in Sydney mit Blick auf den Hafen. Sie vermisste ihr geregeltes Leben, den guten Job, ihre Freunde und Freundinnen, die Partys, die Cafés.

Ihr modern ausgestattetes Büro hatte an Jons gegrenzt, und nicht zuletzt dank seiner Hilfe hatte sie sich eine glänzende Karriere aufgebaut. Sie hatte geglaubt, sie hätten eine perfekte Beziehung, doch das hatte sich als Illusion herausgestellt.

Nachdem ihre Welt zusammengebrochen war, hatte sie die Flucht ergriffen und war in Banksia Bay gelandet.

Aber darüber durfte sie jetzt nicht nachdenken, wie sie sich immer wieder sagte, während sie so schnell, wie es in den eleganten Schuhen möglich war, zum Haus zurücklief. Sie hatte sich lange genug selbst bemitleidet und musste sich auf ihr neues Leben konzentrieren, mit dem vielleicht morgen schon wieder Schluss war, wenn Gabe ihr die Wohnung kündigte.

Nach Sydney würde sie jedoch nicht zurückkehren, sondern sich lieber in einer anderen Stadt niederlassen. An der Küste zu leben stellte sie sich romantisch vor, so hatte sie ihren Freunden und Freundinnen ihre Flucht einigermaßen plausibel erklärt, ohne die Wahrheit zugeben zu müssen.

„Ich kann dieses Gehetze nicht mehr ertragen. Mit den Bauherren kann ich über das Internet kommunizieren und, wenn unbedingt nötig, auch zu einem persönlichen Gespräch fahren oder fliegen. Ich werde in einem wunderschönen Haus mit Blick auf das Meer wohnen und viel Zeit zum Nachdenken haben.“

Alle hatten sie für verrückt gehalten. Aber sie hatten ja auch nicht die Wahrheit über Jon gekannt.

Sie hatte ihn verlassen, weil er ein Mistkerl war. Und jetzt hatte sie ausgerechnet ihren Vermieter bewusstlos geschlagen. Vielleicht wäre es das Beste, sie würde in ein Nonnenkloster gehen, in das sich niemals ein Mann verirrte.

Schließlich betrat sie Gabes Seite des Hauses. Mit den alten Möbeln und dem offenen Kamin, vor dem ein Ohrensessel stand, wirkte das Wohnzimmer ausgesprochen gemütlich. Auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel bemerkte sie ein halb volles Glas Bier, und überall lagen und standen Bücher herum.

Sie eilte weiter in die Küche und dachte, dass die ganze Wohnung die Handschrift des Besitzers trug. Prompt spielten ihre Hormone wieder verrückt. Zu dumm auch, dass ihr Vermieter so hinreißend attraktiv war.

Rasch nahm sie sich zusammen und öffnete den Kühlschrank, der viel besser gefüllt war als ihrer. Offenbar kochte er gern, wenn er zu Hause war. Sie warf einen Blick auf den riesigen altmodischen Herd, der mitten im Raum stand, und beschloss, auch kochen zu lernen. Jetzt war jedoch der völlig falsche Zeitpunkt für solche Überlegungen.

Sie nahm das Steak heraus, von dem bestimmt ein ganzes Rudel Hunde satt werden würde, und schnitt es in schmale Scheiben. Als Erste-Hilfe-Maßnahme für ihren Vermieter steckte sie auch noch ein Paket tiefgefrorene Erbsen in die Tragetasche, die auf dem Tisch lag, und verließ seine Wohnung.

Ich habe sie erschreckt, sagte sich Gabe, während er in den Himmel blickte. Natürlich hatte sie kräftig zugeschlagen, aber sein Ärger war in dem Moment verflogen, als er ihre Miene bemerkte. Sie litt offenbar noch mehr als er.

Weshalb hatte er die Wohnung ausgerechnet an eine Großstädterin vermietet? Sie war seine zweite Mieterin, vor ihr hatte Mavis darin gewohnt. Die nicht mehr ganz junge Frau mit zwei Hunden hatte vom ersten Augenblick an geglaubt, ihn bemuttern zu müssen. Nach sechs Monaten war sie allerdings nach Sydney zurückgekehrt, um ihre Mutter zu pflegen. Vor lauter Erleichterung hatte er sogar auf die letzte Miete verzichtet.

Die Immobilienmaklerin Dorothy hatte ihm die neue Mieterin als erfolgreiche Karriere- und Geschäftsfrau beschrieben.

„Nikkita Morrissy ist dreißig Jahre alt und befasst sich als Industrieingenieurin vor allem mit dem Entwerfen und Planen von Klimaanlagen für Großprojekte. Normalerweise arbeitet sie drei Wochen im Monat von zu Hause aus, eine Woche ist sie unterwegs zu Besprechungen und dergleichen, oft fliegt sie auch nach Übersee. Sie wünscht sich eine ruhige Wohnung inmitten der Natur mit Blick auf das Meer.“

Das hatte sich für Gabe nach einer selbstbewussten, intelligenten und unabhängigen jungen Frau angehört.

Mit acht Jahren hatte er seine Mutter verloren, und deshalb hing sein Herz an dem Haus, in dem ihn alles an sie erinnerte. Den Garten hatte sie sehr geliebt, und die niedrige Natursteinmauer hatte sie selbst gebaut, nur leider war sie nicht ganz fertig geworden.

„Ich bin immer für dich da“, hatte sie ihm versprochen.

Schon sehr früh hatte er erfahren müssen, dass man sich auf niemanden verlassen konnte. Das Haus, der schöne Garten und der herrliche Blick auf die Bucht und das Meer waren alles, was ihm geblieben war von dem Versprechen, an das er sich fast verzweifelt geklammert hatte.

Er durfte jedoch nicht emotional werden. Er lebte gern in seinem Elternhaus und fühlte sich darin wohl. Zwar konnte er es sich erlauben, das Apartment leer stehen zu lassen, doch wenn er vernünftige Mieter fand, war wenigstens jemand da, der sich um alles kümmerte, wenn er tagelang auf See war.

Deshalb hatte er Dorothy grünes Licht gegeben. Nikkita hatte er erst am Tag ihres Einzugs kennengelernt. Auf ihn wirkte sie nicht wie eine Industrieingenieurin, sondern eher wie eine der perfekt gestylten jungen Frauen, die man in den Hochglanzmagazinen, die Hattie immer auf dem Kutter zurückließ, bewundern konnte. Sie war mindestens eins siebzig groß, schlank, hatte eine feine helle Haut, große Augen und benutzte ein dezentes Make-up. Ihr glänzendes schwarzes Haar war zu einem stylischen Longbob geschnitten, jedenfalls glaubte er sich zu erinnern, dass man diese Frisur so nannte.

Bei ihrer Ankunft hatte sie einen schwarzen engen und ziemlich kurzen Rock mit einer roten Seidenbluse getragen, dazu silberne ...

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