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Medienlinguistik

utb 2503

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Daniel Perrin

Medienlinguistik

3., aktualisierte Auflage

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz

mit UVK / Lucius · München

Inhalt

Die schnelle Tour – Zum Schmökern vor dem Lesen

Fall RÄTSELTITEL: Auf den ersten Blick

Aufsatz EKSTRÖM: Interviewantworten rekontextualisieren

Originale!

Die fünf Teile des Buchs

A

Einleitung: Entdecken, arbeiten und lernen mit diesem Buch

B

Medienlinguistik als linguistische Teildisziplin

C

Systematik medienlinguistischen Wissens

D

Medienlinguistische Projektpraxis in Forschung und Transfer

E

Intermezzo: Daten zum Buch und Daten im Netz

A

Einleitung: Entdecken, arbeiten und lernen mit diesem Buch

1

Zum Beispiel der Fall RISIKEN

2

Zum Beispiel der Begriff Rekontextualisieren

Fall RISIKEN: Hinter die Oberfläche

Fall WAHLKAMPF: Bruchstück einkopiert

Fall FLUGHAFEN: Vorweg werten

Fall RÄTSELTITEL: Auf den ersten Blick

3

Noch mehr Aufgaben – Das didaktische Konzept

4

Und die Lösungen? – Das Lehrmittel im Medienverbund

5

Die Ausrichtung im Diskurs

B

Medienlinguistik als linguistische Teildisziplin

Streiflicht WISSENSCHAFTSTHEORIE: Wie man Wissen schafft

1

Medienlinguistik im Wissenschaftsbetrieb

1.1

Disziplinen ausprägen

Nicht-Linguistik, Linguistik, Angewandte Linguistik, Medienlinguistik

1.2

Disziplingrenzen überwinden

Multidisziplinäre, interdisziplinäre und transdisziplinäre Aspekte

2

Das Erkenntnisinteresse der Medienlinguistik

Aufsatz CHOI: Zwei Perspektiven

2.1

Der Gegenstand

Aufsatz STÖCKL: Ein A ist ein A ist ein A
Sprache, Sprachgebrauch
Kommunikation und Medium, Publizistisches Medium
Streiflicht MEDIENKONVERGENZ, Fall RISIKEN: Nachbessern

2.2

Die Fragestellungen

Synchron und diachron, Rezeption und Produktion

3

Forschungsmethoden in der Medienlinguistik

Streiflicht METHODOLOGIE: Wo stehen Sie?

3.1

Sprachprodukte untersuchen mit der Versionenanalyse

Die Leistung der Versionenanalyse: Fokus auf intertextuelle Ketten

3.2

Kognitive Praktiken untersuchen mit der Progressionsanalyse

Die Leistung der Progressionsanalyse: Fokus auf Schreibprozesse

3.3

Soziale Praktiken untersuchen mit der Variationsanalyse

Streiflicht SELBSTANSPRUCH: Was Redaktionen wollen
Die Leistung der Variationsanalyse: Fokus auf Audience Design

3.4

Kognitiv-soziale Praktiken untersuchen mit der Metadiskursanalyse

Fall RÄTSELTITEL: Ätsch
Die Leistung der Metadiskursanalyse: Fokus auf Language Awareness

3.5

Die Methoden ergänzen sich

Streiflicht KORPORA, Streiflicht TRANSKRIPTION

4

Fazit zur Medienlinguistik als linguistischer Teildisziplin

Transdisziplinär nützlich, Interdisziplinär anschlussfähig, Disziplinär eigenständig, Aufsatz Perrin: Zwei Perspektiven, Streiflicht PRODUKTIONSMODELL: Neun Messpunkte

C

Systematik medienlinguistischen Wissens

1

Die Umweltperspektive der Medienlinguistik

1.1

Begegnungen: Interviewte herausfordern vs. Publika informieren

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

1.2

Herstellung: Produkt vollenden vs. Prozess optimieren

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

1.3

Diskurszusammenhang: Diskurs vermitteln vs. Storys zuspitzen

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

1.4

Zeichenvielfalt: Texten vs. vertonen, bebildern und verlinken

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, sechs Aufgaben dazu

2

Die Funktionsperspektive der Medienlinguistik

2.1

Benennen: Bekanntes weiterziehen vs. Neues erklären

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

2.2

Denken: Gemeintes sagen vs. Ergänzbares auslassen

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

2.3

Handeln: Öffentlichkeit informieren vs. Medien verkaufen

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

2.4

Verbinden: Zielpublika ansprechen vs. der Sache gerecht werden

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, sechs Aufgaben dazu

3

Die Strukturperspektive der Medienlinguistik

3.1

Lautebene: Spontan wirken vs. Nutzer führen

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

3.2

Wortebene: Wortschatz beschränken vs. Schlagwörter setzen

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

3.3

Satzebene: Äußerungen portionieren vs. Information verdichten

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu

3.4

Textebene: Routinen nutzen vs. Muster aufbrechen

Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, sechs Aufgaben dazu

4

Fazit zur Systematik medienlinguistischen Wissens

Weiter üben im WWW

D

Medienlinguistische Projektpraxis in Forschung und Transfer

1

Forschungsprojekt: IDÉE SUISSE

1.1

Forschungsziel

Problem, Fragestellung
Erwartbare Ergebnisse, Wissenschaftliche Bedeutung
Wissenstransformation

1.2

Forschungsstand

Theoriebildung und Methodik
Politischer Bezugsrahmen, Ökonomischer Bezugsrahmen
Organisationsperspektive, Gesellschaftsperspektive

1.3

Forschungsplan

Modul A: Externe Anforderungen
Modul B: Interne Leitvorstellung
Modul C: Redaktionelle Textproduktion
Modul D: Redaktioneller Metadiskurs

1.4

Fazit zum Forschungsprojekt IDÉE SUISSE

2

Transferprojekt: TEXTBERATUNG TA

2.1

Textberatung als kunterbunter Markt

Domänenspezifische Unterschiede

2.2

Professionelle Textberatung

Von der Zuständigkeit der Angewandten Linguistik

2.3

Textberatung am Beispiel Redaktionscoaching

Den Konfliktraum abstecken
Im Leitbild Qualität festlegen, Zum Beispiel Inland und Kultur
Im Schreibcoaching die Repertoires erweitern
Die Textprogression aufzeichnen
Repertoires erschließen
Mit Interventionen arbeiten
Mit der Sprachkritik die Produkte und den Maßstab überprüfen

2.4

Fazit zum Transferprojekt TEXTBERATUNG TA

3

Forschungsrahmen für medienlinguistische Projekte

Streiflichter CDA und ETHNOGRAFIE
Streiflichter GROUNDED THEORY, TD, RST und DST, Fall LEBANON

3.1

Fazit zu den Forschungsrahmen

E

Intermezzo: Daten zum Buch und Daten im Netz

Originale!

1

Datenkorpora

Korpus 1: Quellen und Versionen einer Online-Nachricht
Korpus 2: Textproduktionsprozesse zu Radiobeiträgen
Korpus 3: Sprachproben aus Fernsehnachrichten
Korpus 4: Leitbild und Sprachkritik einer Zeitungsredaktion
Korpus 5: Sprachpolitik, -norm und -praxis im öffentlichen Rundfunk

2

Transkriptionssystem GAT

Die Partiturdarstellung: Spuren und Zeilen
Zeichen für Rollen und Quellen
Zeichen für die Sequenzierung
Zeichen für prosod is che Merkmale
Zeichen für Merkmale jenseits gesprochener Sprache

3

Verzeichnis der Aufgaben

4

Verzeichnis der Fachbegriffe

5

Verzeichnis der Namen und Quellen

Dank

Die Idee mit dem Schmökerverzeichnis vor dem Inhaltsverzeichnis stammt von Aleksandra Gnach, die kräftig mitgeholfen hat, dieses Buch zu Papier zu bringen. Inhaltliche Anregungen verdanke ich auch Kirsten Adamzik, Jannis Androutsopoulos, Harald Burger, Marcel Burger, Christa Dürscheid, Jürg Häusermann, Werner Holly, Petra Jörg, Michael Klemm, Martin Luginbühl, Patrick Tschirky, Iwar Werlen und Toni Zwyssig. Beim Gestalten, Überprüfen und Vernetzen des Lehrmittels mitgearbeitet haben Christine Albrecht Perrin (Coaching), Heike Burkard (Korrektorat), Barbara Buri (Transkription), Maureen Ehrensberger-Dow (Proofreading), Willy Federer (htm), Mathias Fürer (Abstracts), Thomas Gantenbein und Karin Grob (Verzeichnisse), Daniel Hanimann (Kontakt zu EUROPE BY SATELLITE), Christian Irgl (Webauthoring), Sarah King (Lösungsdatenbank), Liliane Krauthammer (Typografie), Luzius Meyer Kurmann (Projektfinanzierung SWISS VIRTUAL CAMPUS), Sibylla Laemmel (Lektorat Spanisch), Hannah Müller (Verlagslektorat), Alexandra Novkovic (Abstracts Korpus 3), Heimo Paffhausen (Quicktime), Anna-Katharina Pantli (Terminologie), Maria-Noemi Rossetto-Giallella (Korrektorat Website), Michael Ruppen (Datenbanken), Michael Schanne (Projekt IDÉE SUISSE), Marcel Sennhauser (Prozessdaten Korpus 1), Rüdiger Steiner (Geduld), Harry Straehl (Videostreams), Simon Vögtli (Scans Korpus 4), Marlies Whitehouse (Korrektorat), Vinzenz Wyss (Schnittstelle zur Kommunikationswissenschaft), Peter Zschunke (Quellenrecherche Korpus 1). Das Lehrmittelprojekt wurde im Rahmen des Bundesprogramms SWISS VIRTUAL CAMPUS maßgeblich gefördert. Das Arbeiten mit empirischen Daten ermöglichten und ermöglichen die Praxispartner AGENCE FRANCE PRESSE, ASSOCIATED PRESS, DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR, REUTERS, SCHWEIZERISCHE DEPESCHENAGENTUR, TAMEDIA und SRG SSR IDÉE SUISSE. Zum Feinschliff dieser dritten Auflage beigetragen haben die vielen Nutzerinnen und Nutzer des Buchs, die mir von ihren Erfahrungen berichtet haben. Ihnen allen großen Dank!

A

Einleitung: Entdecken, arbeiten und lernen mit diesem Buch

Wofür sich Medienlinguistik interessiert, wie sie vorgeht, zu welchen Ergebnissen sie gelangt und was dies der Wissenschaft und der Praxis bringt – damit befasst sich dieses Buch. Das Lehrmittel verortet die Medienlinguistik als eine Teildisziplin der Linguistik, erfasst systematisch das Besondere des Sprachgebrauchs im Umfeld publizistischer Medien und schlägt die Brücke zum medienlinguistischen Wissenschaftsbetrieb. In seinen fünf Teilen führt das Buch ein in das Vorgehen, den Gegenstand und den Fachdiskurs der Medienlinguistik:

  • Der Teil A umreißt das Thema und erklärt die Logik des Buchs. Wer diesen kurzen Teil ganz durcharbeitet, kann später zum Beispiel die Querbezüge zwischen Theorie und Praxisfällen besser nutzen.

  • Der Teil B beschreibt Medienlinguistik als wissenschaftliche Teildisziplin mit eigenem Gegenstand, eigenen Erkenntnisinteressen und typischer Methodik.

  • Der Teil C erklärt den Sprachgebrauch in medienvermittelter öffentlicher Kommunikation systematisch aus drei Blickwinkeln: Sprachumwelt, Sprachfunktion, Sprachstruktur.

  • Der Teil D schlägt die Brücke vom gedruckten Einführungsbuch zu exemplarischen Projekten und zum laufenden Fachdiskurs, greifbar im Internet >> www.medienlinguistik.net und darüber hinaus.

  • Der Serviceteil E zeigt, wie die Sprachdaten dieses Buchs transkribiert wurden, beschreibt die Datenkorpora und verzeichnet die Fachbegriffe und Quellen.

Der Bogen spannt sich also vom Profil über den Gegenstand bis zum Nutzen der Medienlinguistik, zur Anwendung medienlinguistischen Wissens in den forschenden Disziplinen und der beforschten Berufspraxis. Während das Buch so das Hauptthema Medienlinguistik möglichst weit fasst, stellt es beim Teilthema Mediensprache scharf auf journalistische Textproduktion. Diese Produktionsperspektive wird in den anderen Einführungen kaum bezogen. Bislang wenig diskutiert wurden auch das wissenschaftliche Profil der Medienlinguistik und ihre Bedeutung für die Kommunikationspraxis und den Forschungsbetrieb.

Die MEDIENLINGUISTIK richtet sich an Studierende der Linguistik und der Kommunikations- und Medienwissenschaft, die sich interessieren für Theorie und Praxis des sprachgebrauchs in medialer öffentlicher Kommunikation – weil sie zum Beispiel eine reflektierte Tätigkeit in Kommunikationsberufen anstreben.

Das Buch eignet sich zur Vor- und Nachbereitung von Lehre an der Hochschule, aber auch zum Selbststudium. Die Lehr-/Lernziele umfassen • Wissen, • Methoden und • Haltungen – also auch die Fähigkeiten, medienlinguistisches Wissen anzuwenden und einzuschätzen:

  • Wissen: Sie verstehen den Sprachgebrauch im Zusammenhang mit publizistischen Medien als Schnittstelle kognitiver und sozialer Praktiken.

  • Methoden: Sie können Werkzeuge der Medienlinguistik anwenden, um Kommunikation zu analysieren, zu reflektieren und zu optimieren.

  • Haltungen: Sie entwickeln eigene, begründete Einstellungen zum wissenschaftlichen und praktischen Nutzen medienlinguistischer Reflexion.

Was das bedeutet? – Dazu als Kostprobe ein erster praktischer Fall (Kapitel A|1) und ein theoretisches Werkzeug (A|2) samt Aufgaben (A|2|?a – ?d), dann der Blick auf das didaktische Konzept (A|3), auf das ganze Lehrmittel (A|4) und darüber hinaus (A|5).

Zur Kennzeichnung der Kapitel in den Überschriften und Querverweisen: Die fünf Teile des Buchs sind mit Großbuchstaben gekennzeichnet, die Kapitel und Unterkapitel mit Ziffern, die Aufgaben mit Fragezeichen und Kleinbuchstaben. A|2|?c ist also die Aufgabe c in Kapitel 2 des Teils A.

A|1

Zum Beispiel der Fall RISIKEN

„The situation is serious and we do have to take some risks.“ – Diese Worte gehen als Zitat des EU-Ratsvorsitzenden Josep Piqué um die Welt. Piqué hat so etwas Ähnliches gesagt, während einer Medienkonferenz, in einer langen Antwort auf eine lange Frage eines Journalisten. Übersetzer, Nachrichtenagenturen und Medienredaktionen haben dann aber die Äußerung in immer neue Zusammenhänge eingebettet.

Dabei hat sich der Sinn der Äußerung verändert: In einer Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press zum Beispiel scheint sich Piqué mit den „Risiken“ auf schnelles Handeln zu beziehen (_1), bei der DEUTSCHEN Presse-Agentur darauf, hilflos zu wirken (_2), und bei REUTERS darauf, einen bestimmten Machthaber vielleicht nicht treffen zu können (_3):

Derweil betonten die EU-Außenminister ihre Entschlossenheit zu schnellem Handeln: „Die Situation ist ernst, wir müssen Risiken eingehen, und dazu sind wir bereit“, sagte der spanische Außenminister […] Joseph Piqué.

_1

Piqués Äußerung, wiedergegeben von ASSOCIATED PRESS. Quelle: ap_020404_0703

So will die EU zunächst vor allem zur Beruhigung beitragen – mit allen reden, die dabei helfen können, wie Solana sagt. Ohne Vorbedingungen, auch wenn das hilflos wirkt. „Wir müssen Risiken eingehen“, meint der Ratsvorsitzende Piqué.

_2

Piqués Äußerung in einer Meldung der DEUTSCHEN PRESSE-AGENTUR. Quelle: dpa_020404_1157

Piqué räumte ein, noch sei unklar, ob Israel es der Delegation ermöglichen werde, mit Arafat zu sprechen. „Wir müssen Risiken eingehen.“ Davon hänge ab, wie hochrangig die EU-Delegation sein werde.

_3

Nochmals Piqués Äußerung, in einer Meldung von REUTERS. Quelle: rtr_020404_0126

Zur Herkunft der Sprachdaten in den Fallstudien: Die Textkette zur EU-Meldung (_1 bis _3) wurde untersucht für SWISS VIRTUAL CAMPUS (Perrin, Dörig, & Vervoort, 2005). Auch alle anderen Analysebeispiele in diesem Buch greifen zurück auf Sprachdaten aus Forschungsund Transferprojekten: Die Radio-Beispiele stammen aus dem Forschungsprojekt STRATEGIEN DER NACHRICHTENPRODUKTION für das Schweizer Bundesamt für Kommunikation BAKOM (Perrin, 2001b). Die Fernseh-Beispiele gehen zurück auf ein Beratungsprojekt, ausgewertet in der Vorstudie des NATIONALFONDS-Projekts IDÉE SUISSE (Teil D|1 in diesem Band). Die Print- Beispiele entstammen einem ethnografischen Projekt zum redaktionellen Qualitätsmanagement (D|2). Alle Sprachdaten wurden von den Beforschten zur Publikation in diesem Lehrmittel freigegeben. Die Datenkorpora sind beschrieben im Anhang (E|1) und abrufbar im Internetangebot zum Buch: >> www.medienlinguistik.net

A|2

Zum Beispiel der Begriff Rekontextualisieren

Die Redaktionen haben die ursprüngliche Äußerung des Außenministers Josep Piqué so verarbeitet, dass der Wortlaut bleibt, der Sinn aber sich ändert. Sie haben die Äußerung rekontextualisiert (_1). Das bedeutet: Sie haben einen Text (_3) in einen neuen Kontext (_2) gestellt.

Rekontextualiseren: sprachliche Tätigkeit, bei der ein Textteil aus einem früheren Textumfeld und Kommunikationszusammenhang herausgelöst und neu eingebettet wird, was den Kontext beim Verstehen ändert.

_1

R. wird in der Medienlinguistik ausführlich diskutiert. Ekström, 2001 beispielsweise stellt fest, dass viele Äußerungen von Politikern in Fernsehnachrichten so rekontextualisiert sind, dass die Kommunikationsabsicht der Quelle kaum mehr auszumachen ist.

Dieses Buch arbeitet durchgehend mit solchen Arbeitsdefinitionen (schwarz hinterlegt) und Diskursverweisen (klein gedruckt darunter). Die Definitionen erfassen medienlinguistisch zentrale Fachbegriffe möglichst einheitlich, dicht und anschlussfähig. Die Fachbegriffe sind zusammengestellt im Glossar am Ende des Buchs (E|4). Die Diskursverweise sind knapp gehalten, weitere sind im Internet-Glossar aktuell abrufbar.

Kontext: dynamische Umwelt, auf die sich Äußerungen beziehen, wenn sie verarbeitet werden.

_2

Der K. ist dynamisch: Er entsteht und verändert sich beim Herstellen und Verstehen sprachlicher Äußerungen. Je mehr man von einem Text oder Gespräch bereits verarbeitet hat, desto mehr Wissen daraus kann mit einfließen in die Wahrnehmung der weiteren sprachlichen Äußerungen und der Kommunikationssituation. Diese Dynamik des K. betonen etwa Drew & Heritage, 1992, Fritz & Hundsnurscher, 1994, Roberts, 2003, Feilke, 2003, 219, González Rodríguez, 2006 oder Kecskes, 2008. Catford, 1965 oder D. Franck, 1996 unterscheiden den K. und den (statischen) Kotext – den Text vor und nach einer bestimmten Textstelle. Tracy, 2012 beschreibt die „newsphere“ als K. journalistischer Nachrichten.

Text: fixierter sprachlicher Zeichenkomplex, der gemeint und verstehbar ist als sinntragende Einheit.

_3

Ein T. ist gemeint und verstehbar als Einheit mit kommunikativem Sinn und eigenem Thema. Er hängt in sich stark zusammen und ist nach außen abgegrenzt. Je nach Theorie besteht er aus Zeichen aller Art, aus fixierten Zeichen, sprachlichen Zeichen, fixierten sprachlichen Zeichen oder schriftsprachlichen Zeichen. Hier gilt: Ein T. besteht aus fixierten und primär sprachlichen Zeichen. Piqués gesprochene Äußerung, eine Antwort auf die Frage eines Journalisten in einer Medienkonferenz, ist also nach dieser Definition kein T.; eine Aufzeichnung oder Niederschrift der ganzen Antwort dagegen ist ein T., und die Agenturmeldungen dazu sind ebenfalls Texte. Mehr dazu im Kapitel zur Textebene (C|3.4).

Die nächsten Seiten bringen vier Aufgaben zur Rekontextualisierung: zuerst eine Aufgabe zum Fall RISIKEN mit der Äußerung von Piqué, dann drei Aufgaben zu Fällen, die das Buch später vertieft.

A|2|?a

Fall RISIKEN: Hinter die Oberfläche

Die Äußerung von Josep Piqué in der Agenturnachricht ist nicht die Äußerung von Piqué in der Medienkonferenz. Jede Wiedergabe rekontextualisiert die ursprüngliche Äußerung. Hier sehen Sie zwei Rekontextualisierungen der Äußerung von Piqué: eine Niederschrift der Interviewantwort und eine Wiedergabe in einer Agenturnachricht (_1).

Worin unterscheiden sie sich? Finden Sie die Unterschiede, zuerst hier und dann mit der deutschen Übersetzung. >> www.medienlinguistik.net

Was der spanische Außenminister nach der EU-Sonderkonferenz vom 2. April 2002 sagte:

Was der spanische Außenminister nach der EU-Sonderkonferenz vom 2. April 2002 sagte:

Vamos a ver. Yo creo que todo el mundo puede entender que la visita del presidente Aznar tiene que … pues tener unas … unas condiciones determinadas. Pero creo que todo el mundo puede estar de acuerdo también en que hay muchos interlocutores, mucha gente con la cual hablar, mucha gente con … a la cual transmitirle los mensajes de la Unión Europea, y creo que no debemos desperdiciar esta oportunidad. En este sentido tiene razón y es que la posibilidad de ver al presidente Arafat pues va ser una posibilidad en el tiempo lejana. Debemos por tanto evitar cualquier tipo de contacto con los diferentes interlocutores de la zona. Esto es el planteamiento que nos estamos haciendo, planteamiento si se quiere pragmático, práctico, pero que nos parece que puede ser útil, conscientes de los riesgos que todos corremos; pero es cierto también, que la situación es suficientemente grave como para que asumamos determinados riesgos.

Wir müssen Risiken eingehen.

_1

Äußerung (links) und Wiedergabe (rechts). Quelle: ebs_020403_2300 und dpa_020404_1157

Zu allen Fällen sind elektronisch gespeicherte Daten abrufbar: Transkripte, Produktionsdaten, Scans, Audio- und/oder Videodateien. >> www.medienlinguistik.net

A|2|?b

Fall WAHLKAMPF: Bruchstück einkopiert

Eine zweite Aufgabe zur Rekontextualisierung, ein weiterer Denkanstoß zum Einstieg in die Medienlinguistik: Ein Rundfunkjournalist löst zwei Ausschnitte aus der Wahlkampf-Rede eines Österreicher Lokalpolitikers und baut sie in den Anfang eines eigenen Beitrags ein (_1). Der erste dieser Ausschnitte (Akteur A1, Zeile 13) lautet „sehr geehrter Herr Landeshauptmann-Stellvertreter“, daraufhin ordnet der redaktionelle Sprecher die Äußerung ein (Redaktioneller Sprecher R, Zeilen 14–18).

Wie empfinden Sie die Äußerung des Politikers im Licht dieser redaktionellen Einordnung? Auf welche sprachlichen Mittel führen Sie Ihren Eindruck zurück?

13

A1:

sehr geEHRter herr LANdeshauptmann stell Vertreter

14

R:

der SP-BÜrgermeister der geMEINde

15

be↓ grüsst die honora tiONen

16

es gehe_um MENschen·!NICHT! um AKtien

17

meint_er weltgewandt

18

und DAher solle man SP wählen•(•)

_1

Fall WAHLKAMPF, Quote und Einordnung. Quelle: sr_echo_980319_1800_wahlkampf_1. Den Fall Wahlkampf greift das Buch wieder auf im Kapitel zur Progressionsanalyse (B|3.2).

Notiert sind die meisten Transkriptionen nach den Regeln des Gesprächsanalytischen Transkriptionssystems GAT (Selting, et al., 1998; Selting, et al., 2009). Die verwendeten Zeichen sind im Anhang zusammengestellt (E|2).

A|2|?c

Fall FLUGHAFEN: Vorweg werten

Nächste Aufgabe, zum Durchspielen oder Überspringen: Ein Flughafen, der wegen Fluglärms, hoher Kosten und fraglicher Marktperspektive öffentlich kritisiert wird, eröffnet ein neues Terminal. Zur Eröffnungsfeier sind die Medien geladen. Der Einladung folgt unter anderem das Team des Schweizer TV-Nachrichtenmagazins 10 VOR 10. Dieses Magazin will sich durch Infotainment, unterhaltsames Informieren, abheben von der TAGESSCHAU, dem klassischen Nachrichtengefäß des gleichen Senders.

Das Kamerateam gibt dem sichtlich stolzen Bauprojektleiter Gelegenheit, sein Werk im Detail vor laufender Kamera zu erklären. Diese Szene ist im fertigen Nachrichtenbeitrag fast 50 Sekunden lang zu sehen. Man erfährt zum Beispiel, dass die Sitzgruppen in den Warteräumen geschützt sind gegen Schläge von Putzmaschinen und eigens neu entwickelt worden sind.

Welchen Eindruck können solche Darstellungen hinterlassen, je nachdem, ob dem Auftritt des Bauleiters die Einleitung (_1) oder die Einleitung (_2) vorausgeht? – Nennen Sie den Unterschied und begründen Sie ihn mit der Wahl der sprachlichen Mittel in den beiden Einleitungen.

02

JÜRG ROSenber.(--) °h der LEIter des BAUprojektes?

03

zeigt uns die EIenschaften des ebäudes.

_1

Fall FLUGHAFEN, Variante 1 (Bearbeitung: DP). Quelle: sf_zvz_030121_2150_flughafen_rahmen

02

JÜRG ROSenberg. (--) °hder LEIter des BAUprojektes?

03

zeigt uns die SCHÖnen a↑ber ↑TEUren Eigenschaften des gebäudes.

_2

Fall FLUGHAFEN, Variante 2 (Originalbeitrag). Quelle: sf_zvz_030121_2150_flughafen_rahmen. Den Fall FLUGHAFEN greift das Buch wieder auf im Kapitel zur Variationsanalyse (B|3.3).

A|2|?d

Fall RÄTSELTITEL: Auf den ersten Blick

Die vierte Aufgabe, nochmals zum Thema Rekontextualisieren: Die Tagespresse berichtet über Rinderwahnsinn. Ein Journalist des Schweizer TAGES-ANZEIGERS interviewt den Schweizer Landwirtschaftsminister. Die Zeitung druckt das Interview ab. Über dem Beitrag steht als Titel eine Äußerung in Anführungszeichen: „Kein Rindfleisch vor der Kamera“. Ein Bild zeigt groß Gesicht und Hand des gestikulierenden Ministers (_1).

Welche Geschichte erwarten Sie im Text? Was denken Sie über den abgebildeten Minister? Auf welche schrift- und bildsprachlichen Mittel führen Sie Ihre Erwartung und Ihre Einschätzung zurück?

_1

Fall RÄTSELTITEL, Quote und Geste. Quelle: ta_print_010215_07_rindfleisch. Diesen Fall greift das Buch wieder auf im Kapitel zur Metadiskursanalyse (B|3.4).

A|3

Noch mehr Aufgaben – Das didaktische Konzept

Worum ging es bei diesen vier Aufgaben? – Viermal hatten Sie Problemlösungen aus der journalistischen Praxis einzuschätzen: Sie haben beschrieben, wie ein Text in einer bestimmten Situation auf Sie wirkt, haben diese Einschätzung auf sprachliche Mittel zurückgeführt und sich dabei auf Ihr bisheriges Wissen gestützt, zum Beispiel auf Ihr Alltagswissen als Mediennutzerin oder auf Linguistik-Grundwissen.

Dahinter liegt ein Grundmuster handlungsorientierter Didaktik: Zu einem bestimmten Problem gibt es unterschiedliche Lösungen. Deshalb sind Kriterien zu entwickeln, um die Lösungsvarianten einzuschätzen. Erst danach ist die passendste Lösung zu bestimmen und umzusetzen (_1):

Schritt

Denkprozess

Beispiel aus Aufgabe A|2|?C

1 Problem

Zu einem bestimmten Problem

Mit Nachrichten unterhalten

2 Lösungen

gibt es unterschiedliche Lösungen.

Textakteur (nicht) wertend einleiten

3 Kriterien

Sie sind nach bestimmten Kriterien

Fairness? Unterhaltungswert? …

4 Bewertung

einzuschätzen. Dies führt zur

Lösung × ist fair, Lösung y unfair, …

5 Entscheidung

Wahl der passendsten Lösung.

Lösung × passt

Einzubringen sind Wissen, Methoden, Haltungen

Alltagswissen über TV-Magazine, …

_1

Das Grundmuster der Aufgaben im Buch: Problemlösen, nach Dörig, 2003, 503 ff.

Nach diesem Grundmuster funktionieren alle Aufgaben im Buch. Im Lauf des Buchs werden sie aber anspruchsvoller und vielfältiger:

  • Zum Wissen aus Alltagserfahrung kommt spezifisch medienlinguistisches Wissen. So werden Sie etwa praktische Probleme und Lösungen auch aus dem Blickwinkel bestimmter theoretischer Ansätze erörtern – oder theoretische Überlegungen im Licht anderer Ansätze diskutieren.

  • Erörtern und diskutieren bedeutet zum Beispiel: Probleme erkennen und beschreiben; zu bestimmten Problemen eigene Lösungen finden und beschreiben; die Lösungen aufgrund bestimmter Kriterien bewerten; selbst Kriterien für die Wahl einer passenden Lösung formulieren.

  • Zu solchen Aufgaben sind, je nach Kriterien, oft mehrere passende Lösungen denkbar. Lösungsvarianten, eingereicht auch von Nutzerinnen und Nutzern dieses Lehrmittels, und weitere Aufgaben sind in der Datenbank im Internet abrufbar (nächste Seite, A|4).

A|4

Und die Lösungen? – Das Lehrmittel im Medienverbund

Das Lehrmittel MEDIENLINGUISTIK besteht aus • diesem Buch und • dem Internetangebot. Die Inhalte und Funktionen sind so verteilt, dass sich die zwei Angebote in ihren medialen Stärken ergänzen (_1):

  • Das Buch erleichtert fortlaufendes Arbeiten überall und jederzeit. Es bietet einen linearen Lernweg mit dosiert eingebauten Erklärstücken, empirischen Daten, Ausschnitten aus dem Fachdiskurs und Aufgaben.

  • Das Internetangebot >> www.medienlinguistik.net lässt zugreifen auf die multimodalen Sprachdaten der fünf Übungskorpora. Zudem funktioniert es als offenes System, als ausbaubare Datenbank für Lösungen – und weitere Aufgaben, zum Beispiel zum aktuellen Fachdiskurs.

_1

Buch und Internetangebot im Verbund. Hervorgehoben sind die Schwerpunkte der Angebote, markiert sind die didaktisch aufbereiteten Auszüge () aus der offenen Datenbank (+).

A|5

Die Ausrichtung im Diskurs

Mit ihren Fragestellungen, Fallstudien und Arbeitsaufgaben zur journalistischen Textproduktion zeigt die vorliegende Einführung in die Medienlinguistik eine eigenständige Ausrichtung im medienlinguistischen Diskurs. Theoretisch abgestützt ist die Einführung dagegen breit. Sie knüpft zum Beispiel an folgende Diskursbeiträge an:

Aktuelle Einführungen: H. Burger & Luginbühl, 2014 bieten eine germanistisch und textlinguistisch verankerte „Einführung in Sprache und Kommunikationsformen der Massenmedien“. Durant & Lambrou, 2009 führen ein ins systematische Studium von Mediensprache. Cotter, 2010 verbindet linguistisches und berufspraktisch-journalistisches Wissen in ihrer Einführung in „news talk“, den Sprachgebrauch im Journalismus. O’Keeffe, 2006 hebt in ihrer Einführung die Bedeutung der Analysemethoden hervor. Schmitz, 2004 und Schmitz, 2015 führen ein in die „Sprache in modernen Medien“ bzw. in eine sehr breit verstandene Medienlinguistik. Mit Prozessen journalistischer Textproduktion und der wissenschaftspraktischen Bedeutung von Medienlinguistik befassen sich die sechs Einführungen nur am Rand.

Monografien zu Teilbereichen (Auswahl): Hauser & Martin, 2015 analysieren Medien kontrastiv. Machin & Van Leeuwen, 2007 führen ein in die kritische Analyse von „global media discourse“;Montgomery, 2007 in die linguistische Analyse der Sprache von Rundfunkmedien; Conboy, 2010 in die Analyse der Sprache der Zeitung. Hickethier, 2003 gibt eine medienlinguistisch aufgeschlossene „Einführung in die Medienwissenschaft“. Straßner, 2000 beschreibt „journalistische Texte“. Fairclough, 1995 diskutiert die Leistungen journalistischer Massenmedien aus dem Blickwinkel kritischer Diskursanalyse. Fowler, 1991 fokussiert auf Sprache journalistischer Nachrichten. Bell, 1991 untersucht journalistische Textproduktion als gesellschaftlich eingebetteten Prozess. Van Dijk, 1988b erfasst „news as discourse“.

Sammelbände (Auswahl): Bird, 2010b bündelt neue ethnografische Analysen journalistischer Textproduktion. M. Burger, 2008 stellt scharf auf die Schnittstelle von Sprach- und Medienwissenschaft bei der Untersuchung von Mediensprache. Aitchison & Lewis, 2003 stellen Beiträge zu „new media language“ zusammen; Breuer & Korhonen, 2001 zur medienlinguistischen Forschung u.a. in Skandinavien; Möhn, Roß, & Tjarks-Sobhani, 2001 zu einzelnen Ansätzen unterschiedlicher Disziplinen, Sprache in Medien zu untersuchen; Biere & Henne, 1993 zur „Sprache in den Medien nach 1945“; Bucher & Straßner, 1991 zu „Mediensprache, Medienkommunikation, Medienkritik“; Van Dijk, 1985b zu Ansätzen, die über linguistische Diskursanalyse hinausgreifen.

Zeitschriften- und Buchbeiträge (Auswahl): Perrin, 2014, O’Keeffe, 2011, White & Thomson, 2008, Thornborrow, 2006, Cotter, 2001, Bucher, 1999a, und Bucher, 1999b, erklären linguistische Analysen von Medienbeiträgen. Catenaccio, et al., 2011 fordern programmatisch eine „linguistics of news production“. Richardson, 2008 lotet die „research agenda“ im Schnittfeld von Journalismus und Sprache aus. Bell, 2006 fasst Schlüsselwerke medienlinguistischer Forschung knapp zusammen. Muckenhaupt, 1999 umreißt die „Grundlagen der kommunikationsanalytischen Medienwissenschaft“; Von Polenz, 1999 die Geschichte der „Sprache in Massenmedien“; Schrøder, 1994 „media language and communication“; Straßner, 1980 „Sprache in Massenmedien“.

„Das Verhältnis der massendemokratischen Öffentlichkeit’ zu Sprachfragen ist fatalerweise kein Gegenstand der Linguistik. Das liegt daran, dass die Linguistik keine Kommunikationswissenschaft ist und schon gar keine Massenkommunikationswissenschaft. Eigentlich müsste sie das sein – nicht in erster Linie, sondern gleichsam ‚nebenberuflich‘.“

Knobloch, 2003, 103

B

Medienlinguistik als linguistische Teildisziplin

Wissenschaft fragt nach dem, was hinter dem Offensichtlichen liegt – zum Beispiel nach der Entstehungsgeschichte hinter einem fertigen Text. So scheint hinter der straffen Forderung „Wir müssen Risiken eingehen“ eine tastende ursprüngliche Formulierung auf (A|1|_1). Was wurde mit der Äußerung von Josep Piqué getan? Wer hat sie bearbeitet? Mit welchem Ziel und welcher möglichen Wirkung? Was davon geschieht immer wieder? Und wie lässt sich dies alles zuverlässig und gültig feststellen und überprüfen? – Wissenschaft fragt kritisch und systematisch (_1).

Wissenschaft: gesellschaftliche Institution, die nach theoretisch begründeten Regeln theoretisches Wissen erzeugt, bereitstellt, überliefert und teils nach außen vermittelt.

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Seiffert, 2003 zeigt in seiner Einführung in die Wissenschaftstheorie, wie präzise Sprache und präzises Denken beim Aufbau von Wissen zusammenhängen.

Wissenschaft stellt also Wissen her. Sie gewinnt es, indem sie bestehendes Wissen neu verknüpft oder ihren Gegenstand empirisch, in der Praxis erforscht. Ein solcher Gegenstand ist zum Beispiel der Umgang publizistischer Medien mit Quellenäußerungen. Wissen kann sich auf einen einzigen Fall beziehen oder auf mehrere oder alle denkbaren Fälle. Ziel der wissenschaftlichen Wissensproduktion ist es, Theorien zu entwickeln und zu überprüfen: weitreichend gültige, widerspruchsfreie Beschreibungen, Erklärungen und Begründungen eines klar abgegrenzten Gegenstandes (_2).

Theorie: explizites und intersubjektiv nachvollziehbares, widerspruchsfreies und systematisches Geflecht von Aussagen zu Regelhaftigkeiten eines rekonstruierten Weltausschnitts.

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So gibt es etwa T. zur Wechselwirkung von Sprache und Gesellschaft. Neuere solche T. (z.B. Larsen-Freeman & Cameron, 2008 oder Sealey & Carter, 2004) besagen, dass Menschen beim Sprachhandeln von sozialen Strukturen bestimmt werden, dass sie aber durch ihr Sprachhandeln selbst wieder gesellschaftliche Strukturen verstärken oder verändern und damit die Handlungsbedingungen weiter ausprägen – etwa die journalistischen Normen zum Umgang mit Quellenäußerungen.

Dazu organisiert sich Wissenschaft in Disziplinen (B|1), mit je eigenen Erkenntnisinteressen (B|2) und passenden Methoden (B|3). Der Platz einer Medienlinguistik in diesem Gefüge ist zu bestimmen (B|4). Zuerst aber eine Aufgabe zum Nachdenken über Wissenschaftstheorie …

B|?a

Streiflicht WISSENSCHAFTSTHEORIE: Wie man Wissen schafft

Wissenschaft wirkt auf einer Objektebene und einer Metaebene. Auf der Objektebene bestimmt sie ihren Gegenstand, schärft Begriffe mit ausdrücklichen Definitionen, verknüpft diese zu Hypothesen, zu empirisch überprüfbaren Aussagen über den Gegenstand, und ordnet vorläufig gesichertes Wissen zu Theorien, die ihren Gegenstand erklären und Prognosen ermöglichen. Bleibt ein Bündel von Theorien lange Zeit stabil und wichtig, bildet es wissenschaftsgeschichtlich ein Paradigma.

Auf der Metaebene hinterfragt sich Wissenschaft selbst theoretisch, verankert sich politisch, managt ihren Betrieb und verfeinert die Methoden, mit denen sie Wissen erzeugt und weitergibt (_1). Beschreiben Sie diese Zusammenhänge in eigenen Worten und vergleichen Sie Ihre Version mit Versionen in der Lösungsdatenbank. >> www.medienlinguistik.net

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Wissenschaft mit Objekt- und Metawissen und der Beziehung von Praxis und Theorie

B|1

Medienlinguistik im Wissenschaftsbetrieb

Wissenschaft organisiert sich in Disziplinen. Eine Disziplin ist bestimmt über ihren Gegenstand, ihre Fragestellungen und ihre Methoden (_1). Die Linguistik forscht zum Beispiel gesprächsanalytisch (Methode) nach Regelhaftigkeiten (Fragestellung) des Sprachgebrauchs (Gegenstand); dazu zählen etwa Rekontextualisierungen im öffentlichen Diskurs.

Wissenschaftliche Disziplin: gesellschaftliche Institution, die Wissenschaft betreibt zu einem eigenen Gegenstand, mit eigenen Fragestellungen und eigenen Methoden.

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Roe, 2003 zeigt disziplinäre Reibungsflächen und Bezüge am Beispiel Kommunikationsund Medienwissenschaft. Rampton, 2008 beschreibt Angewandte Linguistik als „disciplinary mixing“.

Die Bedeutung der Disziplin als Organisationsform der Wissenschaft wird deutlich im • Studienangebot, im • Forschungsbetrieb sowie in • Tagungen und • Publikationen als den Brennpunkten fachlicher Diskurse:

  • Studienangebot: Ein Fach wie Linguistik bieten Hochschulen weltweit als Studienfach an, was dazu beiträgt, die Fachgemeinschaft zu erneuern und zu erweitern und so die Disziplin zu erhalten und auszubauen.

  • Forschungsbetrieb: Institutionen wie der SCHWEIZERISCHE NATIONALFONDS unterstützen Institutionen wie Hochschulen oder Projektgruppen systematisch in einzelnen Forschungsvorhaben oder ganzen Programmen.

  • Tagungen: Anlässe wie die Jahrestagung der deutschen GESELLSCHAFT FÜR ANGEWANDTE LINGUISTIK führen regelmäßig Fachleute zusammen und fördern Diskurse im Fach selbst, mit Nachbarfächern und mit der Praxis.

  • Publikationen: In Zeitschriften wie dem JOURNAL OF PRAGMATICS diskutieren Forschende unterschiedlicher fachlicher Herkunft neue Ansätze zum Sprachgebrauch in Anwendungsfeldern wie öffentlicher Kommunikation.

Dabei deuten Begriffe wie Angewandte Linguistik und Pragmatics auf Probleme und Grenzen der Disziplin als der klassischen Organisationsform der Wissenschaft: Weil sich Erkenntnisinteressen und Wissen mit der Zeit verändern, sind etablierte Disziplinen für den Wissenschaftsbetrieb oft zu weit (B|1.1) oder zu eng (B|1.2) gefasst.

B|1.1

Disziplinen ausprägen

Mehrere Disziplinen können sich mit dem gleichen Gegenstand befassen. Dazu kurz zurück zum Fall Risiken (A|1): Die Äußerung von Piqué durchlief fünf Stationen einer Produktionskette, bis sie in einer Online-Nachricht des Zürcher TAGES-ANZEIGERS erschien: Piqué sprach Spanisch, ein EU- Dolmetscher simultan dazu Englisch, ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) griff die Äußerung mit den „Risiken“ auf, AP aktualisierte damit die weltweite Berichterstattung, AP Frankfurt die deutschsprachige, und AP Schweiz übermittelte die Meldung an Schweizer Kunden, etwa den TAGES-ANZEIGER online (_1).

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Die intertextuelle Kette von der Äußerung eines Politikers bis zur Wiedergabe in TA ONLINE

Unter ökonomischem Blickwinkel wird in einer solchen Produktionskette Wert geschöpft, unter linguistischem werden sprachliche Äußerungen rekontextualisiert. So befassen sich beide Disziplinen damit, und zwar in der Medienökonomie und der Medienlinguistik – also in Teildisziplinen:

Wissenschaftliche Teildisziplin: Bereich einer wissenschaftlichen Disziplin, der sich in Gegenstand, Fragestellung oder Methoden prägnant und stabil von der Disziplin abhebt.

Aus linguistischer Sicht stellen nichtlinguistische (Teil-)Disziplinen wie die Medienökonomie scharf auf die Umwelt von Sprachgebrauch (B|1.1.1), die Linguistik dagegen auf den Sprachgebrauch selbst (B|1.1.2). Dabei klärt und beantwortet die Angewandte Linguistik auch Fragestellungen und Wissen der beforschten Praxis (B|1.1.3), und die Medienlinguistik konzentriert sich auf den Sprachgebrauch in medialer Umwelt (B|1.1.4).

B|1.1.1

Nicht-Linguistik

Kommunikation (B|2.1.3|_1) und Medien (B|2.1.3|_2) als ein Thema unter vielen behandeln etwa Soziologie, Politologie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft, Psychologie oder Pädagogik. Viele davon tun dies in eigenen Teildisziplinen, als Mediensoziologie, -ökonomie, -recht, -psychologie oder -pädagogik. Aus linguistischer Sicht thematisieren solche Disziplinen, mit je eigenen Fragestellungen und Methoden, Ausschnitte der vielschichtigen Umwelten des Sprachgebrauchs. So untersucht eben zum Beispiel die Medienökonomie die publizistischen Medien aus wirtschaftlichem Blickwinkel.

Einige Disziplinen konzentrieren sich ganz auf öffentliche oder massenmediale oder journalistische Kommunikation: Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Publizistik, Journalistik. Wie sich diese Disziplinen gegeneinander abgrenzen, darüber wird immer wieder gestritten. Aus linguistischer Sicht jedenfalls beschreiben auch sie gesellschaftliche, organisationale, wirtschaftliche, technologische und andere Aspekte der Umwelten, in denen Medienschaffende ihre Kommunikationsangebote herstellen, ihre Texte produzieren.

Vom Sprachgebrauch her nähern sich all jene Disziplinen den (publizistischen) Medien, die sich mit Sprache und Sprachen, mit Zeichen und Texten überhaupt beschäftigen: Die Semiotik etwa untersucht Wechselwirkungen von Zeichensystemen. Sprach- und Kulturraum-gerichtete Disziplinen wie die Germanistik oder die Romanistik untersuchen die jeweilige Sprache in den Medien. Die Literaturwissenschaft stellt Medientexte als Gebrauchstexte neben die Belletristik. Die Sprachdidaktik erkennt Mediensprache als Sozialisationsfaktor. Sprachkritik, Stilistik oder Rhetorik diskutieren Gestalt und Wirkung von Mediensprache, oft ausdrücklich wertend.

Sprache und Sprachgebrauch als Hauptgegenstand umfassend beobachten, beschreiben und erklären aber – das leistet allein die Linguistik.

B|1.1.2

Linguistik

Zentral mit der Sprache befasst sich die (allgemeine) Linguistik: Sie untersucht im Gegensatz zur Semiotik nur Sprache, und zwar gesprochene, geschriebene oder gebärdete natürliche Sprache. Anders als etwa Germanistik oder Romanistik tut sie dies über die Grenzen der Einzelsprachen hinweg. Sie arbeitet beschreibend, nicht wertend wie die Sprachkritik, und interessiert sich, anders als die Literaturwissenschaft, für Sprache in allen Gebrauchszusammenhängen (_1).

Linguistik: wissenschaftliche Disziplin, die sich befasst mit der Sprache als einer menschlichen Fähigkeit, mit den natürlichen Einzelsprachen und mit dem Sprachgebrauch.

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Die Bezeichnung Linguistik für Sprachwissenschaft kam auf mit den Arbeiten von De Saussure, 1916. Das Verhältnis von Linguistik und Semiotik diskutiert etwa Peters, 1999.

In drei Forschungsparadigmen hat die Linguistik seit dem frühen 20. Jahrhundert die Sprache erschlossen: zuerst strukturalistisch, als System aus Lauten, Wörtern und Sätzen; dann generativ, als Produkt kognitivindividueller Tätigkeit; dann pragmatisch, als Auslöserin, Begleiterin und Spur menschlicher Tätigkeit in konkreten Umwelten. So haben sich linguistische Teildisziplinen herausgebildet. Sie erfassen heute alle den gleichen Gegenstand, nämlich die Sprache und den Sprachgebrauch. Aber sie nehmen dazu einen je eigenen Blickwinkel ein:

  • Teildisziplinen wie Phonologie, Phonetik, Morphologie, Syntax oder Textlinguistik gehen aus von Struktureinheiten der Sprache, etwa von Lauten, Wörtern, Sätzen oder Texten.

  • Teildisziplinen wie Semantik, Pragmatik, Psycho- oder Soziolinguistik gehen aus von Funktionen der Sprache, etwa Benennen, Denken, Handeln oder Identitäts- und Gemeinschaftsbildung.

  • Teildisziplinen wie Gesprächs-, Schreib-, Diskurs- und Hypermediaforschung gehen aus von Umwelten des Sprachgebrauchs wie Gesprächssituationen oder Hypermedia-Umgebungen.

In allen Teildisziplinen geht es darum, die Regelhaftigkeiten theoretisch zu beschreiben, die für eine bestimmte Sprachgemeinschaft gelten oder sogar universal, für alle Sprachbenutzer.

B|1.1.3

Angewandte Linguistik

Wie andere wissenschaftliche Fächer auch hat die Linguistik eine angewandte Fachrichtung ausgeprägt: die Angewandte Linguistik. Während die klassischen wissenschaftlichen Fächer ihre Fragen aus theoretischen Überlegungen ableiten, greifen die angewandten Fächer auch Probleme der Praxis auf und tragen zu deren Klärung und Lösung bei.

Angewandte Linguistik befasst sich zum Beispiel mit der Optimierung des Sprachgebrauchs für bestimmte kommunikative Aufgaben. Sie fragt dann etwa nach den Repertoires an Strategien, mit denen individuelle Sprachbenutzer oder Sprachgemeinschaften Gespräche führen oder Äußerungen anderer rekontextualisieren – und nach Verfahren, um diese Repertoires in Lehr- und Lernprozessen zu erweitern (_1).

Angewandte Linguistik: disziplinäre Variante der Linguistik, die sprachbezogene Theorien, Methoden und Erkenntnisse erzeugt und anwendet, um Probleme des Sprachgebrauchs in Anwendungsfeldern zu bearbeiten.

_1

Widdowson, 2000 setzt „applied linguistics“ gegen „linguistics applied“. Die Erste forscht grundsätzlich von den Problemen der Praxis her, die Zweite wendet theoretische Fragestellungen auf die Praxis an. Sealey & Carter, 2004, 18 sehen A.L. systemtheoretisch, also interessiert an Umwelt, Funktion und Struktur von Sprache im Gebrauch. Perry, 2005 führt in die Forschungspraxis von A.L. ein. Knapp, et al., 2011 zeigen die Arbeitsfelder der A.L., auch als mögliche künftige Berufsfelder für Studierende.

So entwickelt die Angewandte Linguistik Teildisziplinen zu Tätigkeitsfeldern, deren Sprachgebrauch gesellschaftlich bedeutsam ist und sich vom Sprachgebrauch in anderen Tätigkeitsfeldern wesentlich unterscheidet. Beispiele solcher Teildisziplinen:

  • Die Rechtslinguistik befasst sich mit Sprachgebrauch in der Rechtspraxis, wo Sprache rechtliche Verbindlichkeit herstellt.

  • Die Forensische Linguistik befasst sich mit Sprachgebrauch in der Ermittlungs- und Gerichtspraxis, wo Sprache Alibi und Indiz abgeben kann.

  • Die Klinische Linguistik befasst sich mit Sprachgebrauch in der Therapie sprachlicher, kommunikativer und damit verwandter Störungen.

  • Die Wirtschaftslinguistik befasst sich mit Sprachgebrauch im Betriebsalltag, wo Sprache organisationale Abläufe zur Wertschöpfung steuert.

B|1.1.4

Medienlinguistik

Auch die medienvermittelte öffentliche Kommunikation stellt ein Tätigkeitsfeld dar, das gesellschaftlich bedeutsam ist und dessen Sprachgebrauch sich vom Sprachgebrauch in anderen Feldern unterscheiden kann (B|1.1.3). Mit diesem Sprachgebrauch im Umfeld von Medien – oder im engeren Sinn von publizistischen Medien (B|2.1.4) – befasst sich die Medienlinguistik (_1).

Medienlinguistik: Teildisziplin der Linguistik, die sich befasst mit dem Zusammenhang von Sprache und Medien.

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Möhn, et al., 2001 publizieren das erste Buch, das den Begriff Medienlinguistik im Titel trägt. Androutsopoulos, 2003 und Perrin, 2004 beschreiben M. programmatisch. Perrin, 2006a legt den ersten Lexikoneintrag zum Stichwort M. vor. Held & Stöckl, 2010 rufen zur ersten mehrtägigen deutschsprachigen Fachtagung mit Titel Medienlinguistik.

Als Wissenschaft arbeitet Medienlinguistik immer theoriebasiert, als angewandte Wissenschaft geht sie theorie- und praxisgeleitet vor: Theoriegeleitet sucht sie in Daten zum Sprachgebrauch im Umfeld von Medien Antworten auf linguistische oder linguistisch-interdisziplinäre Fragestellungen, praxisgeleitet klärt sie mit linguistischen Werkzeugen Probleme der Medienpraxis – und überprüft damit zugleich die Reichweite der Theorie. Die Wissenschaftsdisziplin und das berufspraktische Fach sind also aufeinander bezogen (_2):

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Medienlinguistik als Teildisziplin der Linguistik

So kann Medienlinguistik am Fall von Josep Piqué theoriegeleitet untersuchen, wie Sprachbenutzer mit Äußerungen anderer umgehen, oder sie kann praxisgeleitet forschen nach handhabbaren und kommunikativ zufrieden stellenden Techniken der Redewiedergabe.

B|1.2

Disziplingrenzen überwinden

Für konkrete Forschung können wissenschaftliche Disziplinen aber nicht nur zu weit sein (B|1.1), sondern auch zu eng. Fragen nach einer angemessenen Methodik oder nach dem Sprachgebrauch im Umfeld publizistischer Medien zum Beispiel greifen über die Medienlinguistik hinaus. Sie rufen nach Disziplinen-übergreifenden Ansätzen, nach multi-, inter- und transdisziplinärer Forschung (_1).

Multidisziplinär: Forschung, bei der wissenschaftliche Disziplinen zusammenarbeiten, indem sie ihre je eigenen Theorien und Methoden ergänzend einbringen, um gemeinsame Fragestellungen zu verfolgen.

Interdisziplinär: Forschung, bei der wissenschaftliche Disziplinen zusammenarbeiten, indem sie gemeinsame Fragestellungen verfolgen und zusätzlich gemeinsam Methoden oder Theorien entwickeln.

Transdisziplinär: Forschung, bei der wissenschaftliche Disziplinen mit außerwissenschaftlichen Fächern gemeinsam Wissen erzeugen, um gesellschaftlich relevante Probleme zu lösen.

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Hoffmann-Riem, et al., 2008 behandeln im „Handbook of transdisciplinary research“ Fragen zur Kooperation wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Fächer theoretisch und bezogen auf viele Anwendungsfelder. Sie beschreiben t. Forschung als Zusammenarbeit von Fachleuten aus wissenschaftlichen und berufspraktischen Disziplinen, bei der disziplinäre Denkmuster überwunden und praktische Probleme auf eine gesellschaftlich fruchtbare Art gelöst werden. So erscheint t. Forschung als Forschung über die Praxis, mit der Praxis und für die Praxis. Menz & Gruber, 2001 diskutieren „Interdisziplinarität in der Angewandten Sprachwissenschaft“. Charaudeau, 2008 erklärt die Stärken interdisziplinärer, linguistischkommunikationswissenschaftlicher Medienanalysen.

Hinterfragt Medienlinguistik zum Beispiel ihren Wissenschaftsbetrieb kritisch, nützt ihr multidisziplinäre Zusammenarbeit, etwa mit der Wissenschaftssoziologie oder der Didaktik (B|1.2.1). In interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Kommunikations- und Medienwissenschaft kann sie beispielsweise Mehrmethodenansätze entwickeln, um den gemeinsamen Gegenstand plastischer zu erfassen (B|1.2.2). In transdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Medienpraxis erschließen sich ihr etwa deren Berufswissen und Fragen, was zu gemeinsamer, lösungsorientierter Theoriebildung führen kann (B|1.2.3).

B|1.2.1

Der multidisziplinäre Aspekt

Wie jede wissenschaftliche Fachdisziplin steht die Medienlinguistik in der Pflicht, nicht nur auf der Objektebene zu wirken und ihren Gegenstand zu erforschen, sondern, auf der disziplinären Metaebene, auch über sich selbst nachzudenken – nachzudenken über ihre • Forschungsmethoden, ihre • Wissenschaftsdidaktik, ihr • Wissenschaftsmanagement und ihre

  • Wissenschaftspolitik. Dies legt multidisziplinäre Zusammenarbeit nahe:

  • Forschungsmethoden: Eine Medienlinguistik, die ihren Gegenstand empirisch erfassen will, braucht geeignete Forschungsmethoden. Wie zum Beispiel kommt sie zu aussagekräftigen Daten zur Textproduktion, ohne die Arbeitsabläufe in der Praxis zu stören und damit die Befunde zu verzerren? – An solchen Fragen arbeiten Disziplinen, die menschliche Tätigkeiten in natürlichen Umwelten erforschen, etwa Anthropologie oder Arbeitssoziologie und -psychologie.

  • Wissenschaftsdidaktik: Eine Medienlinguistik, die dazu beitragen will, Probleme der Sprachpraxis zu lösen, braucht auch geeignete Methoden der Wissenstransformation. Wie kann es zum Beispiel gelingen, im komplexen Umfeld einer Redaktion Haltungen, Wissen und Arbeitsmethoden aufzubauen, um die Textproduktionskompetenz zu optimieren? – An solchen Fragen arbeiten Didaktik, Pädagogik, Angewandte Psychologie.

  • Wissenschaftsmanagement: Eine Medienlinguistik, die sich auch am praktischen Markt behaupten will, muss diesen Markt verstehen. Wie aber funktioniert zum Beispiel ein Medienmarkt, der auf öffentliche und zugleich auf medienwirtschaftliche Interessen ausgerichtet ist und dessen Berufsfeld sich spät professionalisiert? – An solchen Fragen arbeiten etwa Arbeitssoziologie, Berufsfeldforschung, Medienökonomie.

  • Wissenschaftspolitik: Eine Medienlinguistik schließlich, die sich wissenschaftlich behaupten und entfalten will, braucht einen solid verankerten ...

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