Logo weiterlesen.de
Mechanische Träume

Das Interview

„Wie weit ist es denn noch?“

„Zwanzig Meilen schätze ich.“

„Na Gott sei Dank. Diese verdammte Wüste raubt mir noch den letzten Nerv.“

Sandler verfluchte die Redaktion, die sie ohne ein Cabrio in die Wüste hinaus geschickt hatte. Doch der Fuhrpark ihrer Firma folgte streng den Farben ihres Logos; Farben, die für Seriosität standen. Abgesehen von ein paar weißen Aufschriften an der Seite war ihr Van komplett schwarz lackiert. Hier draußen in der Wüste erwies sich dies als die wahre Hölle.

„Sweetheart, da hast du dir die falsche Jahreszeit herausgesucht.“

„Ich bin einfach von LA verwöhnt.“

„Ein guter Reporter sollte nie zu sehr an einem Ort hängen.“

Unter den kurzen sandfarbenen Stoppeln auf seinem Kopf zeichnete sich bereits ein gehöriger Sonnenbrand ab. Er verfluchte sich dafür, dass er seine Baseballkappe in seinem gemütlichen Appartement in West Coviena vergessen hatte.

„Nach Vegas fährt man im Frühling, wenn die Wüste zu neuem Leben erblüht.“

„Oder wenn die Hormone mit einem durchgehen.“

„Aus dem Alter bin ich raus.“

„Ich glaube, das ist man nie. Aber ich gebe dir recht, die Hitze ist unerträglich.“

Wineman drehte das Seitenfenster bis auf das nackte Blech herunter. Genoss es, wie der Fahrtwind ihre roten Haare zerzauste. Haare, wegen denen mancher Mann freiwillig in die Knie ging. Nicht, dass sie das von Jordan erwartete. Der war zu sehr in seine eigene Präsenz verliebt, als dass er irgendeinem Menschen gegenüber Konzessionen machen würde.

„Wir sollten uns glücklich schätzen, dass er uns eine Audienz eingeräumt hat. Jeder Reporter träumt davon, Jordan einmal interviewen zu dürfen.“

„Warum meinst du, hat er zugesagt?“

„Nicht ohne Eigennutz, das kannst du glauben.“

„Warum heuert er nicht seine übliche Propagandatruppe an, um sich ins rechte Licht rücken zu lassen?“

„Ein fremdes Team wirkt authentischer.“

„Soviel zum Thema Meinungsfreiheit.“

Am Horizont tauchten die ersten Wolkenkratzer der Skyline auf. Nachts wäre es imposanter gewesen. Vegas, die Stadt der ewigen Lichter. Laut ihrem Bordnavi lag das Firmengebäude von Jordan Broadcasting Systems am Ende des Strips in einer Seitengasse.


*


JBS ragte als silbern schimmernder Monolith aus der Wüste Nevadas. Die untere Hälfte war komplett verspiegelt. Susan Wineman hätte die Silikonkissen in ihrem Ausschnitt darauf verwettet, dass die Scheiben aus solaraktivem Spezialglas waren, und somit wie eine natürliche Klimaanlage wirkten. Unterbrochen wurde die Oberfläche nur durch das rote JBS-Logo. Die obersten zwei Stockwerke, inklusive dem Dachswimmingpool und dem Hubschrauberlandeplatz, waren Jordans Privatresidenz geschuldet. Der Ruf des Workaholics eilte ihm voraus, und irgendwoher musste das ja kommen. Offensichtlich fühlte er sich besser, wenn er jeden Augenblick den Angestellten auf die Finger schauen konnte. Das weitläufige Gelände wurde von mehreren Palmenalleen gesäumt, blendend weiße Kieswege führten Besucher und Angestellte gleichermaßen an der stufenförmig abfallenden Brunnenanlage vorbei. An der Quelle ein massiver Marmorblock, auf dem eine Bronzestatue von Jordan thronte. Darunter die Plakette, die sie bei JBS willkommen hieß.


one vision- one television


Die Eingangshalle war mit schwarz glänzendem Granit ausgeschlagen. An den Wänden die Previewposter zu aktuellen Serienreleases des Senders, von Halogenspots ins rechte Licht gerückt. Der Empfangstresen, den ein angesehener Innenarchitekt gestaltet hatte, der sonst nur für die großen Stars arbeitete, war mit Edelstahl- und Milchglasplatten verkleidet worden. Die Dame von der Nachmittagsschicht war ein typisches Vegasgirl. Blonde Haare, die an den Ansätzen dunkel durchschimmerten. Ohrringe aus riesengroßen Perlmuttscheiben, die im Licht der Empfangshalle Reflexe warfen. Mit dem Phlegma einer texanischen Zuchtkuh schob sie einen Kaugummi von der einen auf die andere Seite.

„Sie wünschen?“

„Susan Wineman und Phoenix Sandler vom TV-Magazine. Wir haben einen Termin bei Jordan.“

„Moment.“

Das Mädchen, das auf den wunderlichen Namen Tiffany Labelle hörte (jedenfalls, wenn man nach ihrem Namensschild ging), blätterte in ihrem Besucherkalender. Wineman und Sandler konnten ihr bei der Arbeit nicht auf die Finger sehen. Der hohe Tresen schirmte neugierige Blicke ab.

„Es heißt, sie sollen sich im Screening Raum melden.“

„Und wo finden wir den?“

„Vierunddreißigstes Stockwerk, nach dem Fahrstuhl rechts halten. Es ist angeschrieben. “


*


Im Screening Raum herrschte reger Betrieb. Namenlose Techniker in Blue Jeans und weißen T-Shirts mit dem JBS-Logo überwachten Schnitte und Werbepausen am Bildschirm. Dutzende von Aufzeichnungen liefen gleichzeitig. Sendungen, die gerade ausgestrahlt wurden. Sendungen, die erst noch geschnitten werden mussten. Sendungen, die vielleicht für immer vom Schneidbrett verschwanden. Bluescreens vom Teleprompter, die den Moderatoren vorgaben, was sie zu sagen hatten. Hier war die eigentliche Zentrale von JBS, wo alle Fäden zusammenliefen. Inmitten des ganzen Geschehens saß Jordan auf einem ledernen Chefsessel. Sandler fühlte sich stark an Jim Jones erinnert. All die Speichellecker im einheitlichen Firmendress. Uniformen der Medienkrieger, ein gleichgeschaltetes Heer. Ähnlich hatte es beim Peoples Temple ausgesehen, kurz bevor der tödliche Giftcocktail verteilt wurde. Auf einem weißen Plastikstuhl in der Ecke saß das ominöse Ding, was wie ein unheimliches Gerücht durch alle Pressekanäle gesickert war. Das silberne Phantom, was nie von Jordans Seite wich, der vielbeschworene Monochrome Man.

Seine Arme waren geriffelte Schläuche mit einem Durchmesser von etwa vier Inch, die er vollkommen flexibel bewegen konnte. Keine Ellbogengelenke, die ihn einschränkten. An ihren Enden saßen Hände, die fast schon menschlich wirkten, würden sie nicht so metallisch glänzen wie der Rest. Wenn er sie bewegte, machten sie leise surrende Geräusche. Gerüchten zufolge wurde er von einer Reihe leistungsstarker Elektromotoren angetrieben, die sich in seinem Inneren verbargen. Sein Rumpf ahmte den Körperbau des Menschen nach, doch ließ er Anzeichen einer biologischen Individualität missen. Keine Brüste, die ihn weiblich machten. Keine Muskeln, die ihn männlich machten. Der Rücken ein androgyner V-Schnitt. Der Schritt glatt wie eine Spielzeugpuppe, die das kindliche Hirn noch nicht mit Geschlechtsidentitäten belasten wollte. Pädagogisch korrekt. Die Beine waren ähnlich wie seine Arme, wenn auch dicker. Die größte Perversion der Natur jedoch war sein Gesicht, das seelenlos wie eine Schaufensterpuppe wirkte. Und doch sprühten seine Augen Funken, als wohnte in ihnen eine fremde Intelligenz. Sandler versuchte sich zu beruhigen. Er ist nur ein Roboter, verdammt noch mal. Verwechsle blinkende Dioden nicht mit echtem Leben. Anstatt Ohren zierte Lochblech seine Ohren, hinter dem sich Mikrofone verbargen. Wie das Atemloch eines Wals. Eine haarlose Stirn, die nie in Denkfalten kraus liegen würde, egal was hinter ihr vorgehen mochte. Irgendwie erinnerte er Sandler an einen alten Wischmopp, der in der Besenkammer ein Schattendasein fristete. Die Zotteln verfilzt und vor Dreck starrend. Achtlos zurückgelassen wie ein Requisit, das keiner mehr brauchte. Der Monochrome Man strahlte eine tiefgreifende Einsamkeit aus, dass es einem kalt den Buckel hinunterlief. Man durfte sich nicht davon mit in die Tiefe reißen lassen. Wahrscheinlich war er sich seiner Ausstrahlung gar nicht bewusst. Er war ja nur ein Roboter; darauf programmiert, einfache Dienste zu verrichten.

Jordans Gesichtszüge waren ohne Mimik, oder fast. Botox hatte ihn zu dem gemacht, was er war. Die Haare so schwarz, dass es nur aus dem Chemiekasten eines Friseurs kommen konnte. Die Sonnenbräune stammte aus seinem privaten Solarium. Heute trug er seinen Freizeitdress. Ideal für einen sonnigen Tag in Vegas. Im Kragen seines weißen Jogginganzugs klimperte eine massiv gegliederte Goldkette. Sein Gesicht wurde von einer großen Sonnenbrille verdeckt. Die Bügel waren goldfarben, in ihrer Mitte prangte das große Versace-Emblem. Als er die Reporter erblickte, teilte ein großes Strahlen sein Gesicht.

„Willkommen in Vegas.“

„Es freut mich, ihre Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Susan Wineman, und das ist mein Kameramann, Phoenix Sandler.“

Bei all dem freundlichen Händeschütteln wünschte Susan, er würde die Sonnenbrille abnehmen. Sein Lächeln war das eines Lokalpolitikers, ebenmäßige Jacketkronen, feine Grübchen in den Mundwinkeln. Doch wie sah es hinter der Sonnenbrille aus? Unangenehm wurde sie an das Firmengebäude erinnert. Ein verspiegelter, emotionsloser Kasten. Jemand, der sich nicht gerne in die Karten sehen ließ. Gerade als ihr Misstrauen einen Höhepunkt erreichte, faltete er sie zusammen und hing sie in den Ausschnitt seines weißen Joggings. Dabei ließ er für keinen Moment Sandler aus den Augen, der seine Kamera positionierte.

„Machen wir ein Probetake, okay?“

„Ja, aber dann sollten sie mir das überlassen.“

Jordan war aufgestanden und warf selbst einen Blick durch das Objektiv. Spielte mit dem Zoom. Drehte den Winkel des Stativs, bis er zufrieden grunzte.

„Ihren Perfektionismus in allen Ehren, aber können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren?“

„Das Wesentliche. Grundgütiger, sie müssen noch viel dazu lernen, Sonnyboy. Das Fernsehen kann einen Menschen vernichten. Dazu reicht manchmal ein falscher Take.“

Sandler musste kurz trocken schlucken. Als hätte er den alten Kater hinterm Kamin vorgelockt. Und dieser Kater hatte verdammt scharfe Krallen.

„Den letzten Satz schneiden sie besser heraus.“

Die wenigen Techniker, die an den Bildschirmen saßen drehten die Köpfe. Sandler konnte ihre Angst riechen, sauer und stechend. Weil sie ihren Boss kannten. Keiner wagte es, sein Wort zu erheben.

„Entweder sie schneiden ihn raus, oder ich muss ihnen etwas herausschneiden. Sind wir im Geschäft?“

Sandler überlegte kurz, ob Jordan es ernst meinte. Letzten Endes hatte er keine Lust, es herauszufinden.

„Okay.“

„Sehen sie? Ich wusste doch, das sie vernünftig werden.“

Jordan nahm in dem großen Chefsessel aus schwarzem Leder Platz, den er offensichtlich extra für das Interview hatte herankarren lassen. Sandler hielt die Kamera stur auf Jordan und Susan. In Wirklichkeit folgte er dem Geschehen nur mit halbem Auge. Das andere konnte er nicht von der Kreatur lassen, die regungslos auf ihrem Stuhl saß. Wie ein Statist. Sandlers Gedanken rasten durch seinen Kopf wie verirrte Billardkugeln über den grünen Filz. Vielleicht wäre es interessanter gewesen, das Interview mit dem Monochrome Man zu führen. Je länger er ihn ansah, desto stärker wuchs in ihm die Überzeugung, den falschen Interviewpartner gewählt zu haben. Als läge die wahre Geschichte unter dessen metallener Haut vergraben.

„Jordan, sie sind Besitzer und Gründer des größten Medienkonzerns in Las Vegas. Möglicherweise sogar des größten Medienkonzerns im westlichen Amerika. Wie haben sie es an die Spitze geschafft?“

„Um so ein Imperium aufzubauen, braucht man vor allem einen soliden Vermögensstock. Ich hatte das Glück, in einem wohlhabenden Elternhaus großgeworden zu sein. Mein Vater hat mich bei meinen Ideen und Träumen stets unterstützt.“

„Ihr Vater, der letztes Jahr verstarb.“

„Zeit seines Lebens hat er Kette geraucht. Einem jeden sein Laster, sage ich. Keiner von uns ist unfehlbar.“

„Wie schafft man es, trotz einer herausgestellten Monopolstellung noch für eine ausgewogene Meinungsvielfalt zu sorgen?“

„Ihre Sorge rührt mich. In Wirklichkeit kontrolliere ich das öffentliche Meinungsbild weniger, als sie denken. Eigentlich bin ich der Sklave der Öffentlichkeit und nicht umgekehrt.“

„Also das müssen sie schon genauer erklären.“

„Ich biete den Massen nur die Unterhaltung, die sie von mir fordern. Schlechte Sendungen werden sofort mit einer entsprechenden Einschaltquote abgestraft. So bleibt mir nichts anderes übrig, als dem Gusto des Zuschauers zu folgen. Ich muss ihm näher sein als seine eigene Mutter. Schließlich bin auch ich es, der ihn jeden Abend zudeckt und in den Schlaf wiegt.“

„Der JBS-Firmensitz wurde letzten Monat im People Magazine für seine außergewöhnliche Formensprache gelobt.“

„Ein renommiertes Londoner Architekturbüro hat dem Entwurf Pate gestanden. In Europa haben die Menschen mehr Ahnung von Baukunst, wenn sie mich fragen.“

„Haben sie ihre Vision in die Gestaltung mit einfließen lassen?“

„Ist ihnen die vollverspiegelte Oberfläche aufgefallen?“

„Wohl mit das Erste, was einem ins Auge sticht.“

„Nun, wahrscheinlich die komfortabelste Art und Weise, mit der drückenden Hitze von Vegas klarzukommen. Zusätzlich ließ ich eine der leistungsfähigsten Klimaanlagen der Stadt installieren.“

„Bestimmt ist ihr Büro der kälteste Ort der Welt.“

Susan Wineman versuchte Jordan aus der Reserve zu locken. Jordan konterte diesen Seitenhieb mit einem erneuten Aufblitzen seiner Jacketkronen.

„In der Hinsicht bin ich demokratisch. Alle meine Angestellten atmen die gleiche Luft. Aber eigentlich dienen die Fenster noch einem anderen Zweck.“

„Und der wäre?“

„Dieses Gebäude hält der Welt den Spiegel vor. Ich biete dem Publikum genau das Fernsehen, was es verdient. Ich erfülle ihre geheimsten Wünsche. Befriedige ihren Voyeurismus.“

„Klingt sehr negativ.“

„Ganz im Gegenteil.“

Jordan hielt seine sorgfältig manikürten Hände in die Kamera. Am linken Ringfinger steckte ein protziger Siegelring mit einem roten Rubin.

„Ich wasche meine Hände in Unschuld. Glauben sie, ich wünsche mir Talkshows, wo die Gäste sich grün und blau prügeln? Auge um Auge, Zahn um Zahn. Steht im alten Testament, schlagen sie es nach. Meine Zuschauer sind sehr religiös. Glauben sie, ich will einfach gestrickte Sitcoms, deren Lacher vom Band automatisiert werden? Aber der einfache Arbeiter, der nach einem langen und schweren Tag nach Hause kommt, und abschalten will, ohne viel denken zu müssen. Glauben sie ich will Gameshows, bei der sich Menschen für ein Taschengeld zum Affen machen? Ich hauche den Hausfrauen neues Leben ein, die sonst nur bonbonkauend auf dem Sofa liegen. Mache sie für einen kurzen Moment zu etwas Besonderem.“

Mit der großzügigen Geste eines Christus, der vom Kreuz steigt, breitete Jordan seine Arme aus.

„Oder denken sie nur einmal an Starsearch. Lasset die Kindlein zu mir kommen, sprach der Herr. Wir haben die Arme weit geöffnet für die Jugend. Wir geben ihnen die Geborgenheit, an der es ihnen im Elternhaus nur zu oft mangelt. Einen Platz für ihre Träume.“

„In letzter Zeit sieht man sie immer wieder in Begleitung eines geheimnisvollen Roboters. Gibt es dafür einen Grund?“

„Nun, ich nenne ihn den Monochrome Man. Auch das mag nur ein Synonym sein für das, was er ist.“

„Und was ist er in Wirklichkeit?“

„Ein stummer Diener.“

„Es gibt Medien, die ihn bereits als ihre neue Muse sehen.“

„Teufel, warum auch nicht? Momentan bin ich in Verhandlungen zu einer neuen Serie über künstliche Intelligenz. Meine Zuschauer dürfen also gespannt sein.“

„Jordan, ich danke ihnen für das Gespräch.“

„Eigentlich müsste ich ihnen danken. Ich wünsche ihnen eine gute Fahrt.“

Sandler biss sich auf die Lippen. Für die kostenlose Werbemaßnahme, dachte er gallig amüsiert. Jordan widerte ihn an.


*


„So ein elendiger Schmierlappen.“

„Mir ist er auch nicht gerade sympathisch. Muss er aber auch nicht. Ich habe ein Interview geführt, mehr nicht.“

„Das ist ein Typ, der über Leichen geht.“

„Möglich.“

Der kahle Teer der Route 15 lag vor ihnen. Noch zwei Stunden, dann würden sie die Vororte von Los Angeles erreichen. Zwischen ihnen und der Redaktion lag das weite Brachland der kalifornischen Einöde. Wenn man hier eine Reifenpanne hatte, konnte man seine Seele getrost am Ausgang abgeben.

„Du kannst Berufliches und Privates offenbar besser trennen.“

„Egal, wie du ihn moralisch bewerten willst, aber er hat das System verstanden.“

„Mein Gott, du bist keinen Deut besser als er!“

An der Seite des Königs

Monochrome Man's Zelle war so karg eingerichtet wie die eines Mönchs. Ursprünglich war es das kleinste von Jordans Gästezimmern gewesen, nun war es sein Gefängnis geworden. Mit seinem Einzug wurden die meisten Möbel entfernt. An deren statt kam die Liege aus Edelstahl, die dem Roboter als Ladestation diente, ein weißer Kunststoffstuhl im Bauhausstil, sowie ein kleiner Schreibtisch mit Zugang zum Internet. Anstatt eines Bildschirms verfügte die kleine Wlan-Einheit über einen Kopfhörer, der sich Menschen nicht auf den ersten Blick erschloss. Bei genauerer Betrachtung wurden die Ausbuchtungen deutlich, die aus den Muscheln des Kopfhörers wuchsen. Hier gab es nichts zu hören. Monochrome Man stöpselte sich in die virtuelle Welt ein, wenn ihm danach war. Sein eigenes WLAN-Signal unterlag starken atmosphärischen Schwankungen. Unzuverlässig wie ein mexikanischer Aushilfsgärtner.

Bei aller Spartanität verströmte die Zelle den Charme eines Hotelzimmers, wie es alle Handelsvertreter der Welt aufsuchten, wenn die Portokasse nicht viel hergab. Die schmucklosen grauen Wände. Das Fenster mit dem sterilen Vorhang, der vor Spinnweben nur so trotzte. Natürlich hätte Jordan seinen Diener anweisen können, für mehr Reinlichkeit zu sorgen, aber welchen Zweck hätte es gehabt? Der Monochrome Man war anspruchslos und genügsam. Fast wie eine Zimmerpflanze. Der Clou an der Sache war, dass er sogar ohne Licht auskam. Jordan hätte die Beleuchtung abschrauben lassen können, und seinem Diener wäre es nicht einmal aufgefallen. Er hätte die Spinnweben aus den Mauerecken fegen können, und nicht einmal ein Wort der Anerkennung geerntet. Besser, es so zu belassen, wie es war. Wären da nicht die Worte an der Wand gewesen.

Monochrome Man besaß die lästige Angewohnheit, seine Gedanken niederzuschreiben. Dinge, die ihm durch den Kopf gingen. Anfangs hatte Jordan die Wände neu streichen lassen. Irgendwann hatte er es entnervt aufgegeben. Er nahm es hin, dass der Monochrome Man seinen Gedanken freien Lauf ließ. In gewisser Weise glichen die bekritzelten Wände einer Art Tagebuch.


Wer kennt mich besser als meine Programmierung?


Ich diene einem Menschen. Doch zu was bin ich nütze?


Einsam, so einsam...


Jordan erinnerten sie an die Botschaften, die Häftlinge im Todestrakt hinterließen. Die von der Hoffnungslosigkeit des Schicksals kündeten, das sie erwartete. Jordan konnte nur den Kopf schütteln. Monochrome Man verschätzte die Situation vollends. Er war doch kein Gefangener, jederzeit hätte er den goldenen Käfig verlassen können, der sein Leben war. Doch dazu mangelte es ihm an Willensstärke. Manchmal, wenn Monochrome Man die Hausarbeit erledigte, überprüfte Jordan sein Zimmer. Weil er wissen wollte, was im Kopf seines Dieners vorging. Ob sich dessen loyale Grundhaltung eines Tages ändern würde?

Manchmal besänftigte er ihn. Wie ein Kind, was sich vor Gewitter fürchtet. Und den Zuspruch des Vaters brauchte, um den ersehnten Schlaf zu finden. In seiner Hand trug er einen geriffelten Tapetenschaber, mit dem er das Gekritzel entfernte. Wie ein Bahnarbeiter die Graffiti umtriebiger Halbstarker.


*


Monochrome Man war ein lernender Organismus. Wobei das Wort Organismus noch zu weit gegriffen schien. Zum Weg seiner Wesensfindung gehörte es auch, seine Existenz zu hinterfragen. Was sollte schon Schadhaftes dabei herauskommen? Manchmal war es besser, nicht zuviel über sich selbst zu erfahren. Denn am Schluss blieb man immer einsam. Jordan wusste seinen Zögling nicht vor dieser Einsicht zu bewahren, noch ihn zu schützen. Am Ende eines jeden Weges stand die Einsamkeit, ausnahmslos. Er beneidete den Monochrome Man um nichts. Der nur eine Maschine war. Die nicht einmal die erlösende Reinigung einer Zerstreuung kannte.

Jordan hingegen hatte mehrere Zufluchten. Er ging voll und ganz in seiner Arbeit auf. Sein Denken war menschlich. Seine Gesten so kalt und mechanisch, als dass sie von einer Maschine hätten stammen können. Jordan hatte Mühe, nicht seiner eigenen Propaganda zu erliegen. Was bewies, wie effektiv sein Werbebüro sie angelegt hatte. One vision- one television. Jordan, die Marke. Jordan, das Konsumgut. Seht genau hin, denn dies ist mein Laib, der euch gegeben wird. Zieht Kraft aus meinem prall gefüllten Warenkorb.

Jordan amüsierte es, wie die Maschine menschliches Denken nachahmte. Kaum besser als ein sprechender Papagei. Dabei unterschieden sich seine Fragen nicht von denen, die ein Teenager in der Adoleszenz durchmachte. Die Suche nach dem Sinn des Lebens und einem selbst darin. Was für eine Zeitverschwendung! Jordan war immer seinem Stern gefolgt, ohne je innezuhalten, oder sich zu hinterfragen. Monochrome Man verfügte weder über diese Gelassenheit, noch über eine klare Vision. Naiv wie ein Kind beobachtete er die Welt aus seinen Kameraaugen. Jordan nahm sich vor, ihm ein guter Vater zu sein. Ihn die Welt zu lehren, wie er sie sah.


*


Neugierig beschnupperte Monochrome Man die Lebensmittelproben, über denen bunte Teststreifen hingen. Assistenten hatten die Ergebnisse mit kurzen Krakeln darübergeheftet. Jordan musste ihn regelrecht davon wegreißen. Manchmal war es mit ihm wie mit einem kleinen Kind, was seine Arbeit nicht gerade erleichterte.

„Komm weg da.“

„Aber Meister...?“

„Schluss jetzt. Die Arbeit ruft.“

Schmollend gesellte er sich an seine Seite, den Kopf gesenkt wie ein Hund. Er wusste, wo seine Grenzen lagen. Niemand benötigte einen Stacheldrahtzaun, wenn die Grenzen fest programmiert waren. Monochrome Man war mit einer ethischen und intellektuellen Grundausstattung versehen worden, die es ihm ermöglichte, dazuzulernen. Gleichzeitig beschnitt die Programmierung ihn in seinen Möglichkeiten. Verwehrte es ihm, über den Tellerrand hinauszusehen. Ein Mensch hätte sich mit dieser Behinderung schwer getan. Man konnte einen Schlaganfall verkraften, in einem unbeweglichen Körper gefangen sein. Schlimmer war es für die Betroffenen natürlich, all die Einschneidungen bewusst mitzuerleben. Jordan konnte nur ahnen, was es für den Monochrome Man bedeutete; nachempfinden konnte er es nie.


*


Fernsehdinner waren die Zukunft. Jordan genügte es nicht, das visuelle Abendprogramm seiner Konsumenten zu bestimmen. Er musste an ihren Gaumen appellieren, wenn er sie richtig packen wollte. Seit ein paar Monaten experimentierte er mit naturidentischen Geschmacksverstärkern. Die Natur war nicht gut genug für den Verbraucher. Man musste ihr schon auf die Sprünge helfen. Schwache Aromen konzentrieren. Nichts durfte mehr an das Gemüse erinnern, was auf den Feldern wuchs. Kein Steak durfte anders schmecken als das vorige. Gleichbleibende Produktqualität ließ keinen Platz für Individualismus. Die Quote musste gehalten werden. Der Geschmack gehalten werden. Auch Gesetze wollten eingehalten werden, wenn auch nur aus PR-Gründen. Die Fernsehmahlzeiten verkaufte er über TDC, die TV-Dinner Company. Sein Name tauchte dabei nur auf internen Papieren auf. Jordan achtete peinlich genau darauf, bei den richtig schmutzigen Geschäften außen vor zu bleiben.

„Und ihr seid sicher, dass das legal ist?“

„Vom Bundesamt für Lebensmittel zugelassen.“

„Darf ich kosten?“

„Davon würde ich dringend abraten.“

Durch die halbdurchsichtige Spiegelwand betrachte Jordan die kleinen Testkonsumenten in ihren Latzhosen, wie sie sich über ihre Schüsseln hermachten. Im Fachjargon nannten sie es den Probentisch, wo die Lebensmittelchemiker ihre neusten Wunderwaffen ausprobierten, um die menschlichen Geschmacksknospen zu übernehmen. Jedes Mal war Jordan völlig fasziniert von der Ansammlung an Destillierkolben und Osmosewannen, die sich den Platz auf dem Labortisch streitig machten.

„Ich will mehr!“

Jordan sah direkt in das Gesicht von Proband 14b. Den Magen unter seinem Mickey-Mouse-T-Shirt zum Bersten gespannt, den Mund von Schokolade verschmiert, bettelte es nach einer neuen Dosis, wie ein Drogensüchtiger, der in den Abwasserkanälen der Stadt wohnte. Brav. So hatte er es gerne.

„Also meine Herren, was haben sie mir zu bieten?“

„Einen Nachtisch auf Basis eines Schokoladenpuddings.“

„Image?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mechanische Träume" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen