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Mea Suna - Seelenfeuer

Mea Suna

 

Seelenfeuer

Band 2

von Any Cherubim

So lange ich stehen kann, kämpfe ich für dich,

solange ich atme, verteidige ich dich,

solange ich lebe, liebe ich dich.

 

Autor unbekannt

Farbskala

Grün: gemischte Gefühle, durcheinander

Gelb: emotional, besorgt, unausgelassen

Orange: nervös, aufgeregt, beunruhigt

Rosa: verliebt, Freude, fröhlich, guter Dinge

Gold: romantische Stimmung, leidenschaftlich

Rot: wütend, aggressiv, verärgert,wütend, beunruhigt

Lila: absolut glücklich

Schwarz: ängstlich, verzweifelt, traurig,

Grau: gelangweilt, frustriert, beleidigt

Blau: entspannt, gelassen, ruhig, ausgeglichen

Weiß: geheimnisvoll, verschwiegen

Irgendwo in New York:

 

»Schalt den Fernseher ein, sie bringen bestimmt etwas darüber«, sagte er und setzte sich in den Sessel. Natürlich würden die Medien darüber berichten. Es war das Ereignis in Bayville.

Eine Nachrichtensprecherin berichtete über die Tragödie, die der Familie Lewis zugestoßen war. Von dem luxuriösen Anwesen war nicht viel übrig geblieben, eigentlich nur Schutt und Asche. Überall waren Rettungskräfte im Einsatz und Rauchschwaden stiegen in die Luft. Schaulustige standen schon seit Stunden hinter einer Absperrung, um dabei zu sein, wenn die Ära Finley Lewis unterging.

»Wir berichten live von dem Anwesen Lewis in Bayville. Mein Kollege Jonathan Falls ist an der Unglücksstelle«, richtete die hübsche Nachrichtensprecherin ihre Worte in die Kamera.

»Jonathan, weiß man schon mehr? Wie kam es zu dem Unglück und gibt es Überlebende?«

»Nein, wie genau es zu den Detonationen kam, ist noch völlig unklar. Augenzeugen berichteten von mehreren Explosionen und einem riesigen Feuer, das die Menschen hier in Bayville letzte Nacht in Atem hielt. Das Gelände rund um die Villa wurde weiträumig abgesperrt. Leider sind noch keine Einzelheiten bekannt. Ob jemand aus der Familie Lewis die Explosion überlebt hat, ist völlig unbekannt.

Die Einsatzkräfte sind seit Stunden vor Ort, der Brand ist in der Zwischenzeit unter Kontrolle.

Die Polizei hält sich in diesem Fall noch sehr bedeckt. Im Laufe des Tages sollen erste Informationen von dem Pressesprecher bekannt gegeben werden. Die Ermittlungen von CIA und FBI laufen in alle Richtungen. Dabei steht die Vergangenheit von Ex-Senator Finley im Mittelpunkt. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob der frühere Senator Finley Lewis wirklich etwas mit den kriminellen Machenschaften zu tun hatte, die man ihm seit Jahren nachsagt. Unklar ist leider auch der Verbleib seiner beiden Nichten Jade und Amy Lewis. Ob sie sich zum Zeitpunkt der Detonation im Haus aufgehalten hatten, ist unbekannt.«

»Gibt es weitere Überlebende?«

»Das lässt sich nicht sagen. Bisher wurden nur Tote geborgen. Mehrere Leichenwagen fuhren vor ein paar Minuten vom Gelände. Man sucht unter den Trümmern nach weiteren Überlebenden. Allerdings wird mit jeder Stunde die Hoffnung geringer. Nähere Details erwarten wir in Kürze. Jonathan Falls aus Bayville«.

»Danke Jonathan. Sobald es neue Einzelheiten zu diesem Fall gibt, schalten wir noch einmal live zu dir.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

Wirre Stimmen nahm ich wahr. Vor mir lag Onkel Finley. Meine Hand lag auf seinem sterbenden Körper. Mit geschlossenen Augen versuchte ich all meine Konzentration aufzubringen - suchte den heilenden Nebel. In seinem Blick lag so viel Enttäuschung.

»Ich kann es nicht, Onkel«, hörte ich von Weitem meine eigene Stimme und senkte beschämt den Kopf.

»Hol Amy«, forderte er mit letzter Kraft.

»Sie ist nicht hier«, erwiderte ich leise.

Verwirrung und Panik glühten in seinen Augen auf. Jetzt sah ich die Verachtung und Kälte, die mir entgegen kam.

»Deine einzige Aufgabe bestand darin, auf deine Schwester aufzupassen und nicht mal das schaffst du?«

Wieder und wieder hallten seine Worte nach, die sich tief in meinem Herzen eingruben. Sie wurden lauter, fast unerträglich, bis die Hitze in mir entflammte. Sie breitete sich in meinem Körper aus, wandelte meine Enttäuschung und meine seelischen Verletzungen in Wut und Zorn. Neue, unbekannte Flammenzungen loderten auf und ließen meine Aura rot-gold leuchten. Glut brodelte in meinem ganzen Körper und Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, bis ich die angestaute Wut nicht länger zurückhalten konnte. Der Zwang, die Worte auszusprechen, die mir Erleichterung verschaffen würden, war so viel stärker, als dass ich sie zurückhalten konnte.

»Sie ist tot.«

Kaum hatte ich diese Lüge ausgesprochen, wichen die Feuerzungen zurück, wurden kleiner und erloschen schließlich. Nichts war mehr da von der Glut, die wie ein Seelenfeuer meinen Körper, meine Gedanken und meine Sprache eingenommen hatte. Erschrocken über mich selbst, sah ich zu, wie Tränen aus Onkel Finleys Augen traten und nur Sekunden später wurde sein Blick starr und sein Herzschlag, den ich durch meine Hände gespürt hatte, schwächer. Schließlich verstummte das Pochen in seiner Brust für immer.

Erleichterung und eine gewisse Befriedigung hallte in mir nach, bis ich die wirren Stimmen wieder hörte:

»Du hast ihn umgebracht. Du hast deinen Onkel getötet.«

Ich sah mich um - niemand war bei mir. Dennoch hörte ich diese Stimmen laut und deutlich. Sie wiederholten sich und wurden drängender, warfen mir etwas Grausames vor. Mein Herz raste, es zersprang fast in meiner Brust. Der Schweiß rann meinen Rücken hinunter und plötzlich starrte Onkel Finley mich mit seinen toten Augen an.

Ich kniff meine Augen zusammen, legte meine Hände auf meine Ohren – nichts sehen, nichts hören. Wollte meine Schuld nicht eingestehen, obwohl selbst meine Seele ganz laut die gleichen Worte schrie. Nein! Ich wollte das nicht tun, das war ich nicht – nicht wirklich!

»Jade! Jade, wach auf!« Jemand rüttelte mich. Erschrocken riss ich meine Augen auf. Lucas warmer Blick ruhte auf mir.

»Du hast geträumt, Mea Suna. Du bist in Sicherheit«, sagte er und strich mir eine Haarsträhne aus meinem verschwitzten Gesicht.

Ja, ich hatte geträumt. Die schrecklichen Bilder, die ich eben noch vor mir hatte, verschwammen, doch das Gefühl versagt und etwas Schreckliches getan zu haben, blieb.

Eindeutig fehlte mir Schlaf, aber genau da lag das Problem, die Angst vor dem Einschlafen hielt mich schon zu lange wach. Wo genau wir uns befanden, wusste ich schon lange nicht mehr. Ich stellte keine Fragen, sondern wartete geduldig ab, bis wir endlich ans Ziel gelangen würden. Ich ließ die Meilen einfach an mir vorüberziehen. Bevor wir das Flugzeug verließen, gab man mir eine dunkle Sonnenbrille und ein Tuch, welches ich um meinen Kopf binden sollte, schließlich musste ich unerkannt bleiben. Brav gehorchte ich und tat, was man von mir verlangte. Mr. Chang öffnete die Luke und ließ die kleine Treppe des Flugzeugs hinab. Unsicher blieb ich am Treppenabsatz stehen und sah mich um. Der Flugplatz war groß. Der Pilot hatte unseren Flieger etwas abseits der anderen großen Maschinen gelandet, sodass wir allein auf dem Rollfeld waren.

Luca nahm meine Hand und sofort fühlte ich mich sicherer. Die Luft roch salzig und ein milder Wind blies. Es war sehr warm und keine Wolken zierten den Himmel. Die Häuser strahlten weiß in der Sonne und Palmen bewegten sich im Wind hin und her. Ein dunkler Wagen mit getönten Scheiben wartete schon auf uns, unmittelbar in der Nähe des Flugzeuges. Gepäck hatte ich keines, dafür blieb bei der Flucht keine Zeit.

»Die Fahrt wird nicht lange dauern. Ruh dich einfach aus, Mea Suna«, sagte Luca lächelnd und hielt mir die Wagentür auf. Ich stieg ein. Mr. Chang nahm auf dem Beifahrersitz Platz und Luca setzte sich neben mich. Den Fahrer kannte ich nicht, jedoch schüttelte Mr. Chang ihm freundschaftlich die Hand. Während der Fahrt sprachen wir kaum und ich versuchte, nicht an die schrecklichen letzten Stunden zu denken und konzentrierte mich auf die an mir vorbeiziehenden Strandabschnitte. Das gleichbleibende Motorengeräusch und das leichte Schunkeln des Wagens ließen mich ermüden.

Luca zog mich in seine Arme. Sofort entspannte ich mich, schlafen konnte ich jedoch nicht.

Als der Motor verstummte, löste ich mich aus seinen Armen und sah mich um. Wir parkten an einer kleinen Bootsanlegestelle. Eine wunderschöne Bucht erstreckte sich vor uns. Türkisblaues Wasser und weißer Sandstrand. Wo war ich nur?

Der Fahrer stieg aus und öffnete mir die Tür.

»Wir haben es bald geschafft. In einer halben Stunde sind wir da. Zieh bitte die Sonnenbrille und das Tuch wieder an«, forderte mich Luca auf und reichte mir beides. Wer würde mich hier schon erkennen? Onkel Finley hatte früher immer sehr darauf geachtet, dass unsere Gesichter nie abgelichtet wurden. Trotzdem tat ich es. Es tat gut, sich die Beine zu vertreten. Mr. Chang folgend, liefen wir die Stufen zum Pier hinunter. Am Ende des Holzstegs wartete ein kleines Motorboot auf uns. Luca reichte mir seine Hand, half mir beim Einsteigen. Mr. Chang telefonierte, bevor er selbst das Boot aus der menschenleeren Bucht steuerte. Wir fuhren aufs offene Meer hinaus. Ich war froh, dass ich dieses Kopftuch trug, der Fahrtwind hätte mein langes Haar zerzaust.

Es dauerte nicht lange, als ich von Weitem eine kleine Insel entdecken konnte. Wir steuerten direkt auf das Land zu, das mit seinem weißen Sandstrand, den Palmen und großen Bäumen wie das Paradies aussah. Er verringerte das Tempo, der Motor wurde leiser und erstarb schließlich. Luca machte das Motorboot mit einem Seil fest. Erst jetzt bemerkte ich einen kleineren, rundlichen Mann. Er trug einen Sonnenhut, ein schmutziges Hemd und eine ebenso verschmutzte Hose. Seine Haut war von der Sonne dunkel gebräunt. Herzlich begrüßte er Mr. Chang, sie umarmten sich, während Luca mir aus dem Boot half.

»Jade, darf ich dir meinen alten Freund Quinn vorstellen? Quinn, das ist Jade Lewis«, sagte Mr. Chang. Er nahm seinen Hut vom Kopf, wischte seine verschwitzte Hand an seiner Hose ab und reichte mir diese.

»Willkommen auf Grace Island. … Du hast mir gar nicht gesagt, dass sie so hübsch ist«, beschwerte er sich und boxte Mr. Chang leicht in die Rippen. »Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen. Meine Frau, Johanna, kann es kaum erwarten«, säuselte er. Fasziniert sah er mich an. Ich sollte wohl auch etwas sagen, doch ich brachte keinen Ton heraus. Gerade so schaffte ich es, ein Lächeln über meine Lippen huschen zu lassen.

»Sie ist müde, Quinn«, rettete mich Mr. Chang.

»Natürlich! Folgt mir!«, lenkte er ein und setzte seinen Hut wieder auf. Schweigend liefen wir den Steg entlang, der aus der Bucht führte.

»Wo sind wir eigentlich?«, wollte ich endlich wissen, als wir am Ende der Anlegestelle eine Steintreppe hinauf stiegen.

»Wir sind auf einer der Bermudainseln, auf Grace Island«, antwortete Mr. Chang. »Hier bist du in Sicherheit.«

Zwischen einer größeren Palmengruppe tauchte vor uns eine weiße, luxuriöse Villa auf, die große Glasfenster hatte. Ein Pool glitzerte im Licht der Sonne und Blumen und Büsche waren gekonnt angelegt. Das Grundstück war wunderschön umsäumt von einer saftigen, grünen Wiese. Die Insel verlieh das Gefühl von Urlaub - ein kleines Paradies.

Ein Schotterweg führte durch die Parkanlage, die den Blick über die Insel freigab. Es erinnerte mich ein wenig an Zuhause. Ich zwang mich, an etwas anderes zu denken.

Quinn und Mr. Chang liefen voraus, an der schönen Villa vorbei. Wir folgten ihnen, bis wir schließlich durch dichte Bäume ein kleineres Haus sehen konnten, welches sich fast auf der anderen Seite der Insel befand. Nach einem kleinen Fußmarsch erreichten wir den Vorhof. Überall lag Spielzeug, das bunt in der Sonne leuchtete. Die Eingangstür wurde knarrend aufgestoßen und drei Kinder traten neugierig auf die Veranda. Sechs aufgeweckte Augen sahen uns an.

»Naoki, Naoki!«, rief ein Junge und sprang sogleich Mr. Chang entgegen. Dieser fing ihn auf und begrüßte ihn herzlich. Die anderen Kinder blieben schüchtern zurück und beobachteten ihren Bruder.

»Das sind meine Kinder«, sagte Quinn eifrig und rief sie von der Veranda zu sich, um sie uns vorzustellen. »Das sind Samuel, Sebi und Erin. Unsere Jüngste, Rose, hält bestimmt ein Schläfchen«, verkündete er stolz.

»Das sind Jade und Luca. Sagt brav guten Tag, Kinder.«

Fast wie im Chor gehorchten sie und grüßten uns. »So, jetzt geht spielen«, rief er und wir sahen ihnen nach, wie sie hinter dem Haus verschwanden. Ein weiteres Mal knarrte die Verandatür und eine Frau mit langen schwarzen Haaren erschien. Freundlich lächelte sie uns entgegen. Als sie Mr. Chang erblickte, lief sie die Stufen zu uns hinunter. »Ihr habt Glück, das Essen ist gleich fertig«, sagte sie und begrüßte uns fröhlich. »Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Johanna. Ihr seid bestimmt müde von der Reise.« Nickend stimmte ich ihr zu.

»Quinn, willst du unsere Gäste nicht ins Haus führen?«, tadelte sie ihn.

»Oh, natürlich!«, sagte er schnell und wies uns an, sein Haus zu betreten. Ich staunte, als wir den großen Wohnbereich betraten. Das Haus wirkte von innen größer als von außen. Das Wohnzimmer und die Küche waren ein riesiger Raum. Zwei gemütliche Sofas umsäumten den großen Kamin. Liebevoll waren sie mit vielen bunten Kissen drapiert. Es roch nach Braten und hätte ich Hunger, wäre mir das Wasser im Mund zusammengelaufen.

»Setzt euch, Johanna wird euch gleich etwas zu trinken bringen«, sagte Quinn und bat uns am großen Küchentisch Platz zu nehmen. Luca schob mir den Stuhl zurecht, während Mr. Chang mir zuzwinkerte. Er hatte meine Schüchternheit bemerkt und wollte mich damit ein wenig auflockern. Neugierig sah ich mich um. Bilder ihrer Kinder und anderer Familienmitglieder zierten die Wände. Die Möbel waren alt, jedoch gut gepflegt. Alles war einfach und zweckmäßig eingerichtet. Man konnte es nicht mit unserem Haus vergleichen. Dafür hatte Onkel Finley zu sehr Design und teure Gegenstände geliebt. Ich empfand es als gemütlich und konnte mir vorstellen, hier ein paar Tage zu verbringen. Jedoch fiel mir auf, dass es in dem Wohnzimmer keinen Fernseher gab. Auch ein Telefon konnte ich nicht entdecken. Wie gern hätte ich ein paar Informationen aus meiner Heimat erfahren, oder die Stimme von Agnes gehört.

Johanna brachte uns Getränke. Sie war die Herrin hier im Haus, das spürte man sofort. Ich schätzte sie auf Ende dreißig. Ihre schwarzen, langen Haare trug sie zusammengebunden. Ihre Haut war schön, auch wenn sich die eine oder andere Falte um ihre Augen gebildet hatte. Sie trug keinen Schmuck, was ihre Schönheit nicht schmälerte. Braune, glänzende Augen und ihre schlanke Figur ließen sie attraktiv erscheinen. Sie schenkte uns frischen Eistee ein, während eine bedrückende Stille eintrat.

»Wie lange wollt ihr bleiben, Naoki?«, fragte Quinn und trank einen großen Schluck aus seinem Glas.

»Tja, ich denke, wir sollten eine weitere Reise nicht überstürzen. Ich habe dir ja schon mitgeteilt, wie brisant die Situation ist.«

Quinn nickte wissend und sah Luca an. Eine Mischung aus Neugier und Misstrauen konnte ich darin lesen.

Auch Mr. Chang verstand den Blick. »Keine Sorge, ich übernehme für ihn die Verantwortung. Er steht unter meinem persönlichen Schutz, genau wie Jade«, sagte er.

»In Ordnung. Wenn Naoki dir traut, will ich es auch tun.« Er schien bereit zu sein, Luca als Ex-Taluri hier auf der Insel akzeptieren zu können. »Es ist sehr wichtig, dass ihr ein paar Dinge über Grace Island wisst«, meinte er und sein Blick wanderte zu mir. »Ich darf doch Jade sagen, oder?«

»Natürlich.«

»Ich bin der Verwalter. Vico Tramonti ist der Besitzer der Insel.«

Wow! Ich war sehr beeindruckt. Bisher kannte ich nur Johnny Depp und George Clooney, die so reich waren, dass sie sich gleich eine ganze Insel leisten konnten.

»Mr. Tramonti besitzt auf der ganzen Welt Immobilien. Sie dienen den Illustris und den Padres als Zufluchtsort. Denkt daran, erzählt niemandem davon. Es ist wichtig, dass sie geschützt bleiben«, sagte Quinn zu Luca und mir. »Du kannst, wann immer du möchtest, hierher kommen. Diese, wie auch alle anderen Zufluchtsorte, werden auf eine ganz besondere und streng geheime Weise überwacht.«

Es waren mir keine Kameras, Zäune oder andere Sicherheitsmaßnahmen aufgefallen. Eigentlich konnte jeder mit einem Boot zur Insel fahren und sie betreten.

»Hast du schon einmal etwas von Drohnen gehört?«

Drohnen? Ich dachte kurz nach. Nein, dieser Begriff war mir völlig unbekannt. »Was ist das?«

Stolz hob Quinn den Kopf, bevor er mit seinen Erklärungen fortfuhr. »Drohnen sind unbemannte Fluggeräte, die ununterbrochen auf der ganzen Insel im Einsatz sind. Sie werden über Funksignale gesteuert. Sie geben ein Alarmsignal, falls sich jemand der Insel unerlaubt nähert, egal, ob über das Wasser oder aus der Luft.«

»Ihr benutzt Bienen?«, fragte Luca amüsiert. Es war das erste Mal, dass er überhaupt etwas sagte.

»Du weißt davon?«, fragte Mr. Chang erstaunt.

»Nicht, dass ihr damit arbeitet, aber ich kenne die Technik. Wie groß sind sie und wie viele davon habt ihr im Einsatz?«

Unsicher bedachte Quinn Mr. Chang mit einem skeptischen Blick, was dieser jedoch mit einer Handbewegung abtat. »Mehr als zehn. Sie sind ungefähr so groß wie meine Hand und sehen aus wie übergroße lebendige Bienen. Sie sind scharf, wenn du verstehst, was ich meine«, erklärte Mr. Chang.

»Ich weiß nicht, Naoki. Ob es richtig ist, ihm jetzt schon zu vertrauen?«

»Ich trage keinen Spy mehr, also, was könnte ich schon anrichten? Ich habe ihn mir freiwillig entnommen«, versuchte Luca, Quinns Bedenken zu zerstreuen. Er lehnte sich zurück und verschränkte seine Arme. Quinn überlegte. Als Mr. Chang zuversichtlich nickte, schien er sein Misstrauen fallen zu lassen.

»In Ordnung. Dann weißt du sicherlich auch, dass du hier rund um die Uhr bewacht wirst. Sobald du eine Waffe an dich nimmst, wird der Alarm ausgelöst und die Drohnen werden dich töten. Das soll keine Drohung sein, verstehst du? Sie sind zu eurem Schutz«, erklärte er in ernstem Ton.

»Jetzt hör schon auf, Quinn. Du erschreckst ja die jungen Leute. Das arme Ding! Siehst du nicht, wie erschöpft sie ist? Ich glaube, es reicht für heute«, schimpfte Johanna mit ihrem Mann, als sie zu uns an den Tisch gelaufen kam. »Soll ich dir dein Zimmer zeigen?« Eindringlich sah sie mich an, bis ich schüchtern nickte.

»Na komm! Nimm dein Glas mit«, meinte sie und ging voran. Mr. Chang, Luca und Quinn sahen uns schweigend nach, als Johanna mich die Stufen hinauf führte. Ich wusste, dass sie jetzt über mich sprechen würden, doch das war mir egal. Ich konnte es kaum erwarten, allein zu sein.

Oben erstreckte sich ein schmaler Flur, von dem viele Zimmertüren abgingen. Johanna öffnete die letzte Tür im Flur und trat ein. Sofort ging sie zum Fenster hinüber und schloss es. Das Zimmer war ebenso einfach eingerichtet wie das Wohnzimmer. Aber ich freute mich über saubere Laken und eigene vier Wände, in die ich mich zurückziehen konnte. Links stand ein großes Bett, gegenüber ein dunkler, massiver Schrank. Daneben befand sich ein kleiner Schreibtisch. Das große Fenster durchflutete den Raum mit Licht und die Holzdielen waren die gleichen wie im unteren Stock.

»Hier kannst du dich ausruhen, das Badezimmer musst du mit jemandem teilen, aber ich glaube, das wird kein Problem sein«, sagte sie freundlich.

»Danke, das ist sehr nett von Ihnen«, sagte ich leise.

»Oh, sag einfach Johanna zu mir. Das blöde "Sie" brauchen wir nicht.« Ihr Lächeln erinnerte mich an Agnes, obwohl sie ihr überhaupt nicht ähnlich sah.

»Frische Handtücher findest du hier im Schrank.« Johanna öffnete die Seitentür, ein Stapel bunter Handtücher lag darin, zwei davon legte sie auf das Bett. Ebenfalls gab sie mir Unterwäsche, eine saubere Short und ein T-Shirt. »Die müssten dir passen. Falls nicht, kannst du selbst nach etwas anderem schauen.« Sie lächelte mich freundlich an. »Falls du noch etwas brauchst, sag es einfach«, meinte sie, drehte sich noch einmal zu mir um und hielt kurz inne.

»Ein schlauer Mensch sagte einmal: „Zurück ins Leben findet man erst im Durchleben der Trauer“. Wenn du reden willst, ich bin jederzeit für dich da.« Sie strich mir über meinen Arm, schloss leise die Tür.

Ihre Worte linderten meinen Schmerz nicht. Verzweifelt hatte ich in den letzten Stunden versucht, nicht daran zu denken, welches Unglück uns widerfahren war. Onkel Finley, Tom und Alegra waren tot und meine Schwester Amy hatte ich verloren. Sie wurde uns entrissen. Ob sie noch lebte? Mein Zuhause hatten wir selbst dem Erdboden gleichgemacht, als wir flüchteten. In den letzten 48 Stunden hatte ich so ziemlich alles verloren. Meine Familie, meine Freunde, mein Leben. Die Einzigen, die mir geblieben waren, waren Luca und Mr. Chang.

Ich setzte mich aufs Bett und starrte aus dem Fenster. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Es war ein schöner Tag. An solchen Tagen hatte ich mich gerne in unserem Park aufgehalten. Bilder von unserem See durchfluteten meine Gedanken. Eine meiner letzten schönen Erinnerung an mein Zuhause war, als Tom mir seine Kette geschenkt hatte, die ich jetzt um meinen Hals trug.

Tränen liefen in kleinen Rinnsalen meine Wangen hinunter. Mein Gott! Ich war nun ganz allein. Was sollte nur aus mir werden? Musste ich mich für den Rest meines Lebens vor den Taluris verstecken? Und was war mit Amy passiert? Was hatte Matteo mit ihr gemacht, nachdem er sie Mr. Chang aus den Armen gerissen hatte? Innerlich verbot ich mir, auch nur eine Sekunde lang zu glauben, dass Amy nicht mehr am Leben war. Erschöpft ließ ich mich in die Kissen fallen. Meine Glieder entspannten sich, mein Körper wurde schwer und ich schlief ein.

Kapitel 2

Als ich das nächste Mal erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Tropisch feuchte Luft hatte sich in meinem Zimmer breitgemacht. Es war bestimmt schon spät. Wie lange hatte ich geschlafen? Schnell sprang ich unter die Dusche, putzte meine Zähne. Nachdem ich meine Haare ordentlich gekämmt hatte, machte ich mich auf den Weg nach unten.

In der Wohnküche war niemand, sodass ich mich suchend nach Mr. Chang und Luca umsah. Da vernahm ich plötzlich Geräusche vom Garten. Gerade wollte ich die Verandatür öffnen, als ich Lucas wütende Stimme hörte.

»Ich kann nicht glauben, dass Sie wirklich mit dem Wissen weiterleben konnten. … Das war grausam und macht Sie nicht besser als Morgion«, brüllte er aufgebracht. Er baute sich bedrohlich vor Mr. Chang auf. Scharf sog ich die Luft ein und versteckte mich schnell neben der Tür, sodass ich sie weiter belauschen konnte.

»Beruhige dich, Luca«, schrie Quinn.

»Ich soll mich beruhigen? Wie können Sie überhaupt noch nachts schlafen?«

»Du weißt nicht, was du da sagst«, versuchte Mr. Chang sich zu verteidigen. In seinem Gesicht konnte ich keine Angst erkennen, doch hatte ich den Eindruck, dass jeder Vorwurf, den Luca ihm machte, ihn tiefer traf, als er zugeben wollte.

»Das alles ist nicht so einfach zu erklären. Glaub mir, ich hatte meine Gründe.«

»Nicht einfach? Nicht einfach? Meinen Sie, Maxi fand es einfach, als man ihn zum Tode verurteilte, weil Morgion glaubte, er hätte etwas mit Ihrem Verschwinden zu tun? Er bezahlte mit seinem Leben. Und Sie sagen, ich soll mich beruhigen?«

Mr. Chang wurde bleich. Erschrocken wich er einen Schritt zurück und sah mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Ferne.

»Das … wusste ich nicht, … es tut mir leid.«

»Sie wollten viele Dinge nicht wissen. Sie haben sich feige von uns abgewandt und uns einfach im Stich gelassen. Sie haben meine Brüder und mich unserem Schicksal überlassen und jetzt verlangen Sie, ich soll mich den Padres einfach so ausliefern? Was sind Sie nur für ein skrupelloser Mensch?« Luca schrie und mir sträubten sich die Nackenhaare.

»Was blieb mir anderes übrig? Hast du darüber schon einmal nachgedacht? Mein Leben ist nichts wert, ich habe lediglich die Chance wieder einiges gutzumachen.«

Luca lachte höhnisch. »Das nennen Sie wieder gut machen? Sie hatten die Wahl zu sterben, … aber sich hinter den Padres zu verstecken und ein wenig mit den Illustris zu spielen, empfinden Sie das als die bessere Lösung?«

»Ich verstecke mich nicht hinter den Padres. Nur leider hat unser letzter Versuch, Morgion zu töten, zu viele Opfer verlangt. Wir konnten uns weitere Angriffe nicht leisten, außerdem bringt das die Illustris nur noch mehr in Gefahr.«

Egal, was Mr. Chang versuchte Luca zu erklären, es schürte nur weiter seine Wut.

»Sie trugen die Verantwortung für so viele von uns. Wir sahen zu Ihnen auf. Wir glaubten an Sie!« Luca stockte.

Mein Gott! Was hatte Mr. Chang getan? In der Nacht, bevor wir von den Taluris attackiert wurden, gestand er uns ein, dass er vor vielen Jahren einmal ein Lehrer der Taluris gewesen war. Durch die Grausamkeit Morgions wurde er zu vielem gezwungen und beschloss schließlich, seinen Tod vorzutäuschen, um sie für immer zu verlassen. Schon in dieser Nacht hatte ich mich gefragt, was genau in Rom vorgefallen war. Einmal hatte ich mich in sein Haus geschlichen und viele Fotos von Kindern in einer Vitrine entdeckt. Damals konnte ich mir nicht erklären, wer diese Kinder waren. Heute wusste ich, dass es die noch jungen Taluris waren, die er zu Mördern ausgebildet hatte.

»Ich konnte nicht anders, Luca. Vertrau mir und komm mit uns zu den Padres.«

Luca schnaufte verächtlich. Schließlich packte er Mr. Chang am Kragen, drückte ihn gegen den Holzpfeiler neben der Treppe. In seinem Gesicht stand blanke Wut.

»Jetzt, wo ich keinen Spy mehr in mir trage, kann ich endlich klar denken. Glauben Sie wirklich, ich falle darauf herein? Die Padres werden die Letzten sein, die mir helfen wollen. Sie sind ein Verräter und der letzte Dreck, Chang.«

»Lass ihn los!«, schrie Quinn neben ihm und versuchte, Luca von Mr. Chang wegzudrücken. Luca holte aus und traf Quinn so heftig, dass dieser ins Gras fiel. Genau in dem Augenblick konnte sich Mr. Chang blitzschnell aus Lucas Griff befreien. Überrascht starrte Luca ihn an und wütend ballte er seine Fäuste, bis die Knöchel weiß hervortraten.

»Ich war genauso wütend. Und du weißt nicht, wie groß meine Last und Schuld ist, die ich trage. … Ich ging erst Jahre später zu den Padres. Aber es vergeht kein Tag und keine Nacht, ja noch nicht mal Stunden, in denen ich mir nicht bewusst bin, was ich euch angetan habe. Es hat mich innerlich zerrissen. Oft wünschte ich mir nichts lieber, als zu sterben. Aber soll ich dir sagen, warum ich weiter machte? … Es ist mein Glaube, dass alles gut werden könnte. Davon bin ich überzeugt. Dafür kämpfe ich, solange ich lebe. Ich will die Mädchen schützen und sie am Leben erhalten. Ich träume davon, euch Taluris aus diesem Sumpf zu befreien und Morgion zu vernichten.« Er machte eine Pause und sah Luca dabei eindringlich an. »Du stehst genau an dem Punkt, an dem ich damals war. Ich bin allein durch diese Gefühlshölle gegangen. Die Padres können uns helfen, glaub mir! Du hast am eigenen Leib gesehen, wozu das Mädchen fähig ist. Begreifst du nicht, Luca! Vielleicht ist das die Wende? Vielleicht sind wir mit ihr der Lösung so nahe wie noch nie!«

Aufgeregt und nervös stand ich hinter der Tür und hatte alles mit angehört. Seit Stunden war die Anspannung zwischen Luca und Mr. Chang spürbar gewesen. Ich wusste von den Vorwürfen, die Luca ihm machte, jedoch begriff ich nicht, was ich damit zu tun hatte.

»Komm mit uns. Es ist die Chance, die Taluris zu befreien, um selbst frei zu sein!« Unruhig fing mein Herz an zu klopfen und ich fixierte Luca. Versuchte, aus seiner Haltung seine Meinung zu deuten. Doch so sehr ich mich anstrengte, ich konnte nicht erkennen, ob Mr. Chang zu ihm durchgedrungen war.

Grimmig und ungläubig sah er auf. »Frei sein? Ich werde dort niemals frei sein und das wissen Sie.«

Ich stieß die Verandatür auf und ging langsam die Stufen hinunter. Tausend Fragen überschlugen sich in meinem Kopf.

Überrascht sahen Luca und Mr. Chang auf. »Jade, geh ins Haus zurück. Es ist alles in Ordnung«, rief Luca mir zu. Ich ließ mich nicht beirren und ging einfach weiter.

Mr. Changs Miene war ernst und er wirkte erschöpft. Ihm war klar, dass ich das Gespräch mit angehört hatte. Durch die Stimmen der Kinder, die alle auf einmal durch das Haus in den Garten rannten, wurden wir unterbrochen. Luca nutzte die Gelegenheit, ließ uns einfach stehen und verschwand. Ich sah ihm hinterher, bis Quinns Kinder in den Garten stürmten und Johanna die wenigen Stufen zu uns hinunter gelaufen kam.

»Da seid ihr ja endlich!«, rief Quinn aufgesetzt fröhlich.

Johanna bemerkte die angespannte Situation sofort, sie war ja schließlich nicht dumm. Sie blickte von ihrem Mann zu Mr. Chang und schließlich zu mir. »Was ist geschehen?«

»Nichts, meine Liebe. Würdest du uns einen Kaffee machen?«, bat Quinn und versuchte, sie so abzulenken. Fragend blickte sie nochmals in unsere Gesichter, als niemand bereit war, ihr eine angemessene Antwort zu geben und lief zurück ins Haus.

»Ich will ein paar Erklärungen von Ihnen, Mr. Chang«, forderte ich ihn auf.

»Wir sollten uns alle beruhigen. Setzen wir uns.« Er meinte es mehr zu sich selbst. Die Stille, die entstand, war gespenstisch. Mein Gefühl sagte mir, dass mehr dahinter steckte, als er zugeben wollte. Und wieso glaubte er, mit mir der Lösung so nahe zu sein? Hatte es etwas mit der Heilung zu tun?

Müde wischte er sich durchs Gesicht. Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch auf der Veranda.

»Was habe ich mit der Lösung Ihrer Probleme zu tun?«

Er suchte nach den richtigen Worten und ich wusste, dass er mir nicht gerne darauf antwortete.

»… Deine Gabe ist schon sehr außergewöhnlich. … Ich hätte dir schon längst etwas erzählen sollen«, sagte er und strich sich durch sein graues Haar. »Es gibt eine Legende aus der alten Mythologie. Demnach zeugten Illis, die Göttin des Heils und ihr Gemahl Luma, Gott des Lichts, viele Töchter. Alle trugen die Gabe der Heilung in sich, wie ihre Mutter. Eines Tages betrog sie ihren Gatten mit Ado, Gott des Verderbens. Aus dieser Verbindung gebar sie ein Kind, welches sowohl die Gabe der Heilung, als auch die des Verderbens in sich trug und dadurch stärker war, als die anderen.«

Beide Gaben? Ist es möglich, dass ich beide Gaben in mir vereine? Schnell konzentrierte ich mich wieder auf Mr. Chang.

»Trotzdem liebte sie dieses Kind genauso, wie alle ihre Töchter. Aus Angst vor der Rache Lumas gab sie dieses Kind als sein eigenes Fleisch und Blut aus. Eines Tages erfuhr Gott Luma von dem Betrug. Da Illis nicht bereit war, ihm den Namen des Kuckuckskindes zu nennen, schwur er Rache, in dem er alle Töchter töten wollte. Alles Flehen und Weinen von Illis half nichts. Deshalb beschloss sie, alle ihre Töchter zu retten. Sie warf sie als Illustris vom Himmelszelt hinunter auf die Erde. … Natürlich wissen wir, dass dies nur eine Legende ist, die einem Märchen gleichkommt. Aber verstehst du, was ich dir damit sagen will?«

Ich war zwar durcheinander, doch ich glaubte, den Grund zu verstehen. »Sie wollen mir damit erklären, dass ich eine Illustris mit zwei Gaben bin?«

»Das weiß ich nicht, Jade. Bisher habe ich nur gesehen, wie du Luca geheilt hast und dies war sehr außergewöhnlich für eine Illustris.«

Scheiße! Was, wenn diese Legende wahr ist? Was würden die Padres mit mir machen, wenn sie wüssten, dass ich vielleicht auch diese dunkle Gabe in mir trug?

»Ich habe die Hoffnung, dass du uns helfen kannst, andere Taluris zu retten.«

»Ich …? … Sie meinen, weil ich Luca gerettet habe? Das kann ja nicht ihr Ernst sein. Das mit Luca war etwas völlig anderes. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage dazu bin.«

»Unterschätze dich nicht. … Die Padres werden deine außergewöhnliche Gabe näher untersuchen und dann werden wir sehen.«

Ich konnte ja noch nicht mal Onkel Finley retten. Außerdem schlummerte dieses Düstere in mir, dieses Bedrohliche und Gefährliche, was mir Angst einjagte. Ich blickte auf meine Hände. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein? Das musste ich unbedingt herausfinden.

»Woher wissen Sie von der Überlieferung?«

»Natürlich von den Padres. Die Gelehrten dort haben vor vielen Jahren diese Legende in ihren Archiven entdeckt. Bisher konnte man keinen Wahrheitsgehalt finden. … Aber darum geht es nicht. Jetzt müssen wir Luca überzeugen, mit zu den Padres zu kommen. Er wird das allein nicht überstehen und er weiß auch nicht, was es bedeutet, diesem Gefühlssturm ausgesetzt zu sein. Er braucht uns, genau wie wir ihn brauchen. Hilfst du mir, ihn dazu zu bringen, zu den Padres zu gehen?«

Natürlich wollte ich, dass Luca mit uns kam. Ich glaubte fest daran, mit ihm meine Schwester wiederzufinden und außerdem war da noch dieses tiefe Gefühl, das mich mit ihm verband. Ich wollte in seiner Nähe sein, ich brauchte ihn. Ich nickte und ganz langsam entspannten sich Mr. Changs Züge, bis er mich schließlich dankbar anlächelte.

»Ich werde es versuchen«, versprach ich. Luca musste einfach einsehen, dass er bei den Padres genauso sicher war, wie damals Mr. Chang. Und meine Schwester? Das schreckliche Gefühl in meinem Bauch wurde stärker, wenn ich an sie dachte.

»Was ist mit Amy? Haben Sie schon etwas herausgefunden?«

Er schluckte, faltete seine Hände und es sah nicht danach aus, als würde er mir eine direkte Antwort geben.

»Zuerst müssen wir für einige Tage hier bleiben, bis eine Reise sicher genug ist.«

»Eine Reise? Aber sollten wir nicht lieber nach Amy suchen?«, wollte ich wissen, als Johanna mit einer Kanne und ihrem Baby auf dem Arm wieder kam. Sie stellte das heiße Gebräu auf dem Tisch ab, übergab ihrem Mann das Kind. Als sie uns allen eingeschenkt hatte, setzte sie sich neben mich.

»Wir müssen hier abwarten. Im Augenblick können wir nichts tun, Jade. In ein paar Tagen schmuggeln wir dich zu den Padres nach Madrid. Von dort aus können wir mehr über deine Schwester in Erfahrung bringen. Vielleicht haben die Padres bis dahin nähere Informationen.«

»Erst in ein paar Tagen?«, gab ich schrill von mir. Fassungslos erkannte ich, dass man mich weiter im Ungewissen lassen würde. Das hielt ich nicht aus. Amy war in Gefahr. Vielleicht würde Matteo sie töten oder war sie schon tot? Es war schwer für mich, sie nicht in Sicherheit zu wissen. Ich konnte es fast nicht ertragen. Schon immer fühlte ich mich für sie verantwortlich. Es wurde enger in meiner Brust. Schnell unterdrückte ich die Panik, die mehr und mehr Besitz von mir ergriff.

»Ich kann doch nicht tatenlos herumsitzen und darauf warten, dass irgendetwas passiert, während Amy vielleicht um ihr Leben kämpft«, rief ich wütend.

Mr. Chang beugte sich zu mir vor und legte seine Hand auf meine. »Ich weiß, Jade. Es muss fürchterlich für dich sein. Ich bin mir sicher, dass die Padres schon nach ihr suchen«, versuchte er, mich zu beruhigen. Verärgert zog ich meine Hand zurück und stand auf. Ich brauchte mehr Platz, hielt es am Tisch nicht länger aus.

»Wir können nicht warten. Meine Schwester ist in den Händen dieses Monsters. Wer weiß, was er alles mit ihr anstellt. Warum können wir nicht zurückfliegen und nach Matteo suchen?« Meine Stimme klang verzweifelt. Ich fühlte mich schwach, aber in dem Moment war es mir egal, wie naiv ich mich anhörte.

Mr. Chang war ebenfalls vom Tisch aufgestanden und trat zu mir. »Es ist einfach zu gefährlich, Jade.«

Heiße Tränen stiegen in mir auf, die ich jedoch schnell wieder hinunterschluckte. Wütend sah ich ihn an und ignorierte das wellenartige Gefühl, das in meinem Bauch meine Verärgerung weiter schürte. Leuchtendes Rot, gemischt mit schwarz, strömte aus mir, was Mr. Chang, Johanna und Quinn nicht sehen konnten. An das Schwarz, das mich seit jener Nacht immer leicht umhüllte, hatte ich mich fast gewöhnt. Nur Luca war bis vor ein paar Stunden noch in der Lage gewesen, meine Aura zu sehen.

»Sie hören sich schon an wie Onkel Finley«, flüsterte ich weinerlich.

Johanna und Quinn sahen mich mitleidig an. Ihre Blicke verletzten mich, da sie offensichtlich nicht daran glaubten, dass wir Amy lebend wiederfinden würden.

Johanna stand auf und legte mir die Hand auf die Schulter.

»Ich kann dich verstehen, Jade. Aber die Situation ist nicht gerade leicht. In Bayville ist jetzt bestimmt die Hölle los. Überall wird Polizei sein. Wenn man dich entdeckt … dann haben wir wirklich ein Problem. Ich bin mir sicher, dass sie seit gestern jeden Winkel nach dir absuchen. Morgion hat bestimmt von einer Maori-Krähe von deiner besonderen Gabe erfahren«, sagte sie und streichelte zärtlich über die Wange von Rose, die bei ihrem Vater auf dem Schoß saß.

Diese ganze Situation war so ausweglos für mich, ich wünschte, ich hätte mein altes Leben wieder. Mein Neues glich einem Trümmerhaufen. Ich fühlte mich allein und sehnte mich nach meinem Zuhause.

Johanna zog mich in ihre Arme. Ich ließ es geschehen und kurz konnte ich mich fallen lassen. Das Gefühl, nicht ganz allein zu sein, tröstete mich. Tränen liefen an meinen Wangen hinunter, die ich nicht länger aufhalten konnte. Schließlich löste ich mich von ihr, schüttelte den Kopf und ging ein paar Schritte rückwärts, bis ich schließlich losrannte.

Ich lief durch den Garten, folgte dem Schotterweg, ließ den Vorplatz hinter mir, rannte weiter an den angrenzenden Strand. Sie riefen nach mir, doch ich ignorierte sie. Ich wollte einfach nichts mehr davon hören. Ich rannte so schnell ich konnte. Jeder Meter, den ich mich entfernte, tat so gut.

Vor mir lag die Bucht, aus der wir gekommen waren. Ich verringerte mein Tempo und joggte weiter. Der Sand und die kleinen Steine knirschten unter meinen Sohlen. Wie vertraut sich dieses Geräusch anhörte, fast wie zu Hause. Das Knirschen wurde gestört durch ein leises Summen. Direkt über mir entdeckte ich eine dieser Drohnen. Sie folgte mir und ich erhöhte mein Tempo, um dieses Ding abzuschütteln. Doch ich hatte keine Chance. Die Biene, wie Luca sie nannte, hatte kein Problem, mit meinem Tempo mitzuhalten. Erschöpft und außer Atem gab ich irgendwann auf, setzte mich in den Sand und sah zum Horizont.

Sanft schlugen die Wellen ans Ufer und niemand war zu sehen. Meine jüngere, rebellische und oft so kindliche Schwester war in den Klauen dieses Monsters. Und ich saß hier und konnte nichts tun. Ich hasste dieses Gefühl von Machtlosigkeit. Ich fühlte mich als Versagerin und das, obwohl ich es mir selbst erst vor ein paar Tagen geschworen hatte, sie mit meinem Leben zu beschützen. Und jetzt saß ich hier auf dieser verdammten Insel fest.

Meine Brust schnürte sich zu und mein Magen krampfte, wenn ich darüber nachdachte. Ich war wütend und unendlich traurig. Ich wischte mit dem Handrücken meine Tränen fort und starrte gedankenverloren auf das Meer hinaus. Das Summen der Drohne war nicht mehr zu hören, nur das Rauschen des Meeres nahm ich friedlich in mir auf. Im Stillen verfluchte ich den Tag, an dem Onkel Finley mich über die Illustris und das Schicksal meiner Schwester aufgeklärt hatte. Wie einfach und süß das Leben davor noch geschmeckt hatte. Ich war noch immer erschüttert, wie gemein und ungerecht sich Onkel Finley mir gegenüber verhalten hatte und das über Jahre. Dabei dachte ich immer, er liebte mich.

Sand knirschte hinter mir und ich wusste, auch ohne mich umzusehen, wer sich mir näherte. Luca sagte kein Wort und blieb ein paar Schritte hinter mir stehen und … Was tat er nur? Es raschelte und hörte sich an, als würde er sich ausziehen. Ich drehte mich zu ihm. Sein weißes T-Shirt lag bereits im Sand und sein muskelbepackter Oberkörper glänzte vor Hitze in der Sonne. Der Anblick ließ mich erschaudern. Er öffnete gerade seine Hose, als sich unsere Blicke trafen. Ein Kribbeln durchfuhr mich und mein Mund wurde trocken.

»Was tust du?«, fragte ich irritiert und konnte mich nicht von dem Spiel seiner Muskeln lösen.

Er grinste. »Wonach sieht es denn aus?«, gab er knapp zurück, befreite sich noch von seinen Socken und warf sie achtlos zu seiner Hose und dem T-Shirt in den Sand. Nur mit Boxershorts bekleidet, die locker an seinen Hüften saßen, stapfte er an mir vorbei, direkt aufs Wasser zu. Er zögerte kurz, als er mit seinen Füßen schon knöchelhoch im Wasser stand. Er drehte sich zu mir um. »Komm auch, Mea Suna. Es wird dir guttun.« Jetzt rannte er los und warf sich in die Wellen.

Was war aus seiner Wut geworden? War sie wirklich so schnell verraucht? Ich beobachtete ihn und nach wie vor erstaunte es mich, wie sehr mein Herzschlag und mein Puls auf ihn reagierten. Er kraulte ein paar Meter hinaus und ich sah fasziniert, wie das Wasser weiß unter seiner Kraft aufschäumte. Keine Frage, Luca war der attraktivste Typ, dem ich je begegnet war. Seine Vergangenheit kannte ich. Er war ein Taluri, ein Mörder, der schon viele Mädchen getötet hatte. Doch diese Erkenntnis hatte mein Herz nicht davon abgehalten, Gefühle für ihn zu entwickeln. Von Anfang an fühlte ich mich stark zu ihm hingezogen. Er wollte mich töten und zum Schluss hatte er versucht, uns alle zu retten. Er war so geheimnisvoll und doch hatte ich das Gefühl, ihn schon sehr lange zu kennen.

Sollte ich zu ihm ins Wasser gehen? Er schwamm näher ans Ufer.

»Komm schon, Jade! Es ist wundervoll«, rief er begeistert und peitschte das Wasser in meine Richtung. Schüchtern schüttelte ich den Kopf, während Luca mit den Schultern zuckte und wieder abtauchte. Mir war einfach nicht danach. Außerdem wollte ich nicht, dass er mich nur in Unterwäsche bekleidet sah. Auch wenn sich auf meiner Haut keine Ornamente mehr bildeten, war es mir unangenehm.

Ich sah auf, eigentlich müsste er jeden Moment wieder auftauchen, also wartete ich. Sekunden vergingen. Er blieb weiter verschwunden. Konnte er so lange unter Wasser bleiben? Nervös strich ich eine Haarsträhne hinter mein Ohr und suchte fieberhaft die Wasseroberfläche nach ihm ab. Unruhig richtete ich mich auf, um tiefer ins Wasser blicken zu können. Das gab es doch nicht! Er musste doch Luft holen. Er war schon so lange unten.

»Luca, hör auf mit dem Quatsch«, rief ich. Verunsichert lief ich hin und her, rief noch einmal nach ihm. Verdammt!

»Luca!« Mein Gott, war ihm vielleicht etwas zugestoßen? Kurz entschlossen zog ich meine Turnschuhe aus und rannte die ersten Meter hinein.

»Luca!«, rief ich nochmals, als ich es mit der Angst zu tun bekam. Kleine Wellen schlugen sanft um meine Beine. Gerade nahm ich all meinen Mut zusammen und wollte selbst im Wasser abtauchen, als er keine drei Meter von mir entfernt lachend auftauchte. Erschrocken fuhr ich zusammen und schrie kurz auf.

»Verdammt!«

Außer Atem lachte er laut und spritzte Wasser in meine Richtung. Wie konnte er mich nur so erschrecken? Insgeheim erleichtert, aber dennoch wütend lief ich zurück, setzte mich in den Sand und zog meine Schuhe an, während er mich vom Wasser aus beobachtete.

»Sei nicht böse. Ich wollte nur einen Spaß machen.«

Der hatte vielleicht Nerven! »Du wolltest einen Spaß machen? Mir ist nicht nach Späßen zumute. Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht«, rief ich sauer und zog den Schnürsenkel meines Turnschuhs etwas zu fest an.

»Es tut mir leid, es ist einfach über mich gekommen. Es ist Jahre her, dass ich schwimmen war. Du solltest es auch ausprobieren. Man bekommt den Kopf frei und die Muskeln lockern sich«, rief er.

Darauf gab ich ihm keine Antwort und band den zweiten Schuh. Luca stand noch hüfthoch im Wasser.

Ich stand auf und funkelte ihn wütend an. »Tu das nie wieder! Verstanden?«

Sein Grinsen wurde breiter. »Du hattest Angst um mich, stimmt‘s? Wärst du wirklich ins Wasser gekommen, um nach mir zu suchen?«

Ein paar Sekunden zu lange sah ich ihn an und wurde durch die Wassertropfen, die sich auf seinem Oberkörper einen Weg nach unten suchten, abgelenkt. Beeindruckt von seiner Schönheit hielt ich den Atem an. Ich fragte mich, wie sich seine Haut wohl anfühlen würde und unterdrückte den Drang, mit meinen Fingern darüber zu streichen. Er legte seinen Kopf schief und grinste. Ich fühlte mich ertappt und errötete sofort. Mist! Wieso tat er das mit mir? Verlegen senkte ich den Blick und fixierte eine Muschel im Sand. Fieberhaft dachte ich nach, was ich ihm sagen sollte.

»Das ist doch nicht normal! Niemand kann so lange unter Wasser bleiben. Da mache ich mir eben Sorgen«, erklärte ich und fand endlich wieder den Mut, ihm entgegenzublicken.

Er stemmte seine Hände in die Hüften. »Was machst du eigentlich hier? Weiß Chang, dass du am Strand bist?«

Was sollte das nun wieder bedeuten? Seit wann musste ich mich bei Chang abmelden, wenn ich mich aus seiner Nähe entfernte.

»Nein, er weiß nicht, wo ich bin«, gab ich gereizt zurück. »Außerdem bin ich ihm keine Rechenschaft schuldig. Ich kann tun, was ich will.« Stolz hob ich mein Kinn und sah ihn herausfordernd an.

»Was ist los? Hast du schlechte Laune?»

Ja, ich hatte schlechte Laune und das lag nicht an seiner Aktion von eben. Es war mehr der unzufriedene Gesamtzustand, der mich wütend machte. Das sollte er eigentlich wissen. Es gab so viele Dinge, die ich nicht wusste. Alles war neu und einiges merkwürdig und ich weigerte mich zu glauben, dass Luca nicht mit uns kommen wollte.

»Ich will, dass wir nach Amy suchen. Du kennst Matteo. Was hat er mit ihr vor?« Sofort verengten sich seine Augen und mit einem grimmigen Gesicht lief er aus dem Wasser.

»Los, sag schon! Was wird er mit ihr tun, Luca? Ich will es wissen.«

Finster sah er mich an und nahm sein T-Shirt aus dem Sand. »Ich weiß es nicht, Jade«, sagte er leise.

Ich glaubte ihm kein Wort. »Aber du musst es doch wissen. Du warst auch ein Taluri.«

»Ich kann dir nicht sagen, was er vorhat.«

»Und wieso nicht? Ich verstehe einfach nicht, warum er das getan hat. Mr. Chang und du hattet ihm doch den Chip mit dem Obsensium entnommen. Er hat sogar gegen seine eigenen Brüder gekämpft. Kurz bevor Mr. Chang es geschafft hatte, uns Amy zu übergeben, hat er sie uns einfach entrissen.« Wütend strömte das Rot so heftig aus mir, dass ich es schon in mir brodeln hörte. Ich spürte genau, dass er etwas wusste und es mir nicht sagen wollte. »Du musst geduldig sein, Jade.«

Geduldig sein? So langsam konnte ich diese Worte nicht mehr ertragen. »Du redest schon genau wie Mr. Chang, aber das werde ich nicht akzeptieren«, fuhr ich ihn gereizt an. »Was macht ihr mit den Mädchen? Tötet ihr sie gleich oder bedient ihr euch vorher noch an ihren Körpern?«, platzte es aus mir heraus.

Wütend warf Luca sein T-Shirt wieder in den Sand und kam zwei Schritte auf mich zu. In seinen Augen loderte die Wut und deutlich konnte ich sehen, dass er sich zusammenriss, um nicht wie ein Löwe über mich herzufallen.

»Was willst du damit sagen?«, knurrte er. Erst jetzt erkannte ich, wie viel größer und stärker er war. Sein Oberkörper plusterte sich auf und in seinen Augen glitzerte es gefährlich. Obwohl ich das Obsensium restlos zerstört hatte, wich ich kurz respektvoll zurück. Seine Kraft war zwar nur noch menschlich, doch ich ahnte, dass ich keine Chance gegen ihn hätte. Er war einen ganzen Kopf größer als ich. Meine schmale, schlanke Figur wirkte gegenüber seinem durchtrainierten Körper, schmächtig. Trotzdem würde ich nie kampflos aufgeben. Stolz hob ich meinen Kopf und sah ihm direkt in die Augen. Ich wusste, dass ich zu weit ging mit meinem Vorwurf, aber meine Angst um Amy ließ nicht zu, daran zu glauben, dass Matteo ihr nichts antun würde. Schon einmal konnte ich seine lüsternen Blicke und seine Berührungen im Collections beobachten. Damals spürte ich sofort, dass etwas mit dem Typ nicht stimmte.

»Ich will damit nur sagen, falls er ihr etwas antut, dann werde ich ihn töten, auch wenn er dein Bruder ist.«

Sein Blick war kalt, aber auch ich gab nicht nach. Ich hielt ihm stand. »Dazu bist du nicht in der Lage.«

Mein Kampfgeist war geweckt. »Ach, wirklich? Was macht dich so sicher?«, fragte ich und ging einen Schritt vor ihm in Stellung, so wie es Mr. Chang mir beigebracht hatte.

»Du solltest jetzt lieber den Mund halten, Jade. Ich werde mich nicht auf einen Kampf mit dir einlassen«, erwiderte er, drehte sich um und ließ mich einfach stehen.

Das war doch die Höhe. Das war es? »Hey!«, schrie ich wütend und rannte auf ihn los, wollte mich auf seinen Rücken werfen. Blitzschnell hatte er mein Vorhaben bemerkt und drehte sich zu mir. Er umschlang meinen Körper, während ich versuchte, mich mit aller Kraft aus seinem Griff zu befreien.

»Hör auf, Jade! Du machst dich nur selbst verrückt.«

»Lass mich los!«, schrie ich ihn an und trat ihn, was nur zur Folge hatte, dass sich sein Griff verstärkte und ich mich kaum mehr bewegen konnte.

»Beruhige dich.«

»Ich will mich aber nicht beruhigen!«, brüllte ich, trat ihn erneut und windete mich in seinen Armen. Mein Ärger war grenzenlos und schon spürte ich die Glut in mir wachsen. Es wurde immer schwerer für ihn, mich festzuhalten. Ich brachte ihn ins Wanken und schließlich fielen wir beide in den feuchten Sand. Er drehte mich auf den Rücken und hielt dabei meine Armgelenke fest.

»Verdammt, Jade! Ich würde es dir sagen, aber ich weiß es wirklich nicht, glaub mir.«

Mein Atem ging schneller und ich hatte Mühe, den Energieschub, der mich zu überrollen drohte, unter Kontrolle zu halten. Das Meerwasser umspülte meinen Körper und half mir, mich zu besinnen. Er sagte die Wahrheit. Er hatte Matteo den Chip aus dem Oberarm entnommen. Niemand konnte wissen, wie der Taluri ohne das Obsensium im Blut reagieren würde. Es war ein Fehler gewesen, Matteo schon so früh zu vertrauen. Doch dafür war es jetzt zu spät. Ich schloss meine Augen, versuchte, meinen inneren Vulkan zu beruhigen, indem ich tief ein- und ausatmete.

»Ich habe Schreckliches getan, Jade.«

Stumm kämpfte ich gegen meine aufkommenden Tränen an und schluckte.

»Es tut mir leid. Ich habe einfach so schreckliche Angst um sie, dass ich es nicht ertragen kann, hier tagelang zu sitzen, um dann die Nachricht zu erhalten, dass sie tot ist. Verstehst du?«

Als ich wieder in seine Augen blickte, war die Kälte in seinem Gesicht verschwunden. Sanft und verständnisvoll sah er mich an. Sein Griff lockerte sich und erst jetzt wurde mir seine Nähe bewusst. Auch er schien zu bemerken, wie nah er mir war. Seine sinnlichen Lippen hielten meinen Blick gefangen. Voll und weich hatte ich sie in Erinnerung. Meine Sehnsucht nach Berührung und Nähe wurde plötzlich grenzenlos. Luca strich einzelne Strähnen aus meinem Gesicht.

»Weißt du eigentlich, wie schön du bist?«, flüsterte er und gab meine Arme nun ganz frei. Sein Gesicht kam immer näher und schon nahm ich den Duft von Salzwasser, die herbe Frische seines Aftershaves und der süßen Verführung wahr. Mein Blick verharrte in seinem und ich wusste, er sehnte sich genau wie ich danach. Ich konnte es nicht mehr länger erwarten, schloss meine Augen und bot ihm meine Lippen an. Nur Sekunden später spürte ich sie sanft und zärtlich. Berauscht gab ich mich ihm hin. Ein elektrisierendes Zucken durchfuhr mich und kribbelte in meinem Schoss. Seine Zunge suchte meine und als sie sich fanden, entfuhr ihm ein Stöhnen. Sein Kuss wurde drängender und fordernder. Meine Arme umschlangen seinen Hals, fest drückte ich ihn an mich. Ich wollte ihn mit Haut und Haaren und ich wollte mehr. Seine Lippen wanderten über den Hals zu meinem Dekolleté. Dort, wo sie meine Haut berührten, kribbelte es wunderschön. Seine Küsse waren leidenschaftlich und lösten ein ungekanntes und neues Feuer in mir aus, das mich völlig in seinen Bann zog. Seine Hände streichelten sanft über meine Brust hinab zu meiner Hüfte. Ein Beben überkam mich, kurz vergaß ich, weiter zu atmen. Ich wünschte mir, dass dieser Moment nie endete. Meine Hände gruben sich in sein Haar und leicht drückte ich ihm meine Hüften entgegen.

Mit einem Mal unterbrach er seine Zärtlichkeiten und rollte von mir. Zuerst glaubte ich, er würde sich anders zu mir legen, doch dann sah ich, wie er neben mir saß und mir den Rücken zuwandte. Ich setzte mich auf, sah ihn fragend an.

»Es tut mir leid. Ich kann nicht.«

Stirnrunzelnd betrachtete ich ihn und verstand kein Wort.

»Was ist los? Was kannst du nicht?«

Er stand auf und ich tat es ihm gleich. Wortlos nahm er sein T-Shirt und zog es an.

»Jetzt sag schon, habe ich etwas falsch gemacht?« Nicht zu wissen, warum er so plötzlich alles beendet hatte, war unerträglich für mich. Seine Lippen spürte ich noch wie Feuer auf meinen und überall dort, wo er mich berührt hatte, fühlte ich dieses leise Kitzeln. Noch nie war ich einem Mann so nahe gewesen. Röte schoss mir ins Gesicht.

»Ist es, weil ich … nicht so erfahren bin?« Beschämt schaffte ich es nicht, ihm in seine Augen zu schauen.

Erstaunt sah er auf. »Nein, nein! Nichts dergleichen. Es liegt nicht an dir. … Ich glaube, wir sollten zurück. Sie machen sich sicher schon Sorgen um dich.«

War das Thema für ihn damit erledigt? Würde er mich wirklich so stehen lassen?

»Und das war‘s? Mehr willst du mir nicht sagen?«, bohrte ich weiter. Als er mir keine Antwort darauf gab, klopfte ich enttäuscht den nassen Sand von meiner Kleidung. Das Ganze war mir peinlich. Was war nur mit ihm los? Gefiel ich ihm nicht? Warum sagte er vorhin noch, dass er mich schön fände?

Luca lief voraus und ich folgte ihm, ich achtete darauf, einen Abstand zu ihm zu halten. Noch nie war ich so geküsst worden. Seine plötzliche Zurückweisung verletzte mich. Seine Blicke, seine Berührungen taten so gut und fühlten sich richtig an. Wie konnte er so etwas Schönes einfach unterbrechen? So lange waren wir gezwungen gewesen, einen Sicherheitsabstand einzuhalten und jetzt, wo der nicht mehr nötig war, hielt er ihn freiwillig. Oder hatte ihn mein Vorwurf gegenüber Matteo härter getroffen, als er zugeben wollte?

»Luca! Ich habe mich doch schon bei dir entschuldigt. Was willst du noch?«, rief ich ihm hinterher und verlangsamte dabei meine Schritte. Schließlich blieb er stehen und drehte sich zu mir um. Eine Weile sah er mich düster an. »Lass gut sein, Jade. Wir sollten zurückgehen. Vielleicht hat Chang schon Neuigkeiten.« Wir wussten beide, dass dem nicht so war. Damit drehte er sich um und ließ mich einfach am Strand stehen.

Es tat weh, so zurückgewiesen zu werden. So musste sich Tom gefühlt haben. Auch ich hatte Tom mehr als einmal hart zurückgewiesen.

Ich straffte meine Schultern und lief mit einem großen Abstand Luca hinterher zurück zum Haus.

Kapitel 3

 

Gegen Abend zog ich mich um und beeilte mich, in den Garten zu kommen. Luca war weder in der Küche noch draußen auf der Veranda und ich war froh darüber. Wahrscheinlich wäre meine Konzentration dahin gewesen, wenn er mich beim Training beobachtet hätte.

Etwas abseits ahmte Mr. Chang Kampfbewegungen nach. Wie in Zeitlupe bewegte er sich. Gebannt saßen die drei Jungs von Quinn im Gras und beobachteten ihn. Mein Trainer ließ sich nicht stören und schlug und trat mit geschlossenen Augen sanft einen imaginären Gegner. Da ich die Choreografie kannte, lief ich zu ihm und glitt nahtlos mit ein. Völlig synchron und im Einklang ging ich im Geiste alle Bewegungen durch. Dabei kam es nicht auf Kraft oder Schnelligkeit an, sondern auf Genauigkeit und Konzentration. Amy hatte schon immer Probleme damit gehabt. Sie war viel zu zappelig. Oft brachte sie die vielen Kombinationen durcheinander oder vergaß die Abläufe. Es war der ausdrückliche Wunsch von Onkel Finley, dass Amy und ich Unterricht in Selbstverteidigung nahmen. Er meinte damals, es sei sehr wichtig, gerade für junge Frauen, sich zur Wehr setzen zu können. Natürlich hatten wir ihm vorbehaltlos geglaubt. Seine damaligen Erklärungen leuchteten uns ein. Dann stellte er Mr. Chang ein und fortan trainierten wir im C.O.B. Jedoch als wir weitaus mehr als nur Selbstverteidigung lernten und Onkel Finley einmal ausflippte, weil Amy nicht die gewünschten Fortschritte machte, fragten wir uns schon, was das Ganze sollte. Dennoch wagten wir nicht, ihm zu widersprechen geschweige denn, ihn danach zu fragen. Als ich vor wenigen Wochen zufällig ein Gespräch zwischen Onkel Finley, Mr. Chang und Mr. Tramonti belauscht hatte, hatte ich noch keine Vorstellung gehabt, wie wichtig dieses Training für uns sein würde. Heute hing mein Leben davon ab.

»Es tut mir leid wegen heute Morgen. Ich ...«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Jade. Ich verstehe dich. Du hast viel durchgemacht und natürlich liegt dir viel daran, deine Schwester zu finden«, sagte Mr. Chang, als wir das Training beendet hatten und friedlich auf der Wiese saßen. Die Jungs waren schon vor einer Weile von ihrer Mutter ins Haus gerufen worden. Nur unter Protest hatten sie auf Johanna gehört.

Mr. Chang stand auf und strich sein Hemd glatt. »Ich verspreche dir, wir werden weiter nach Amy suchen. Es wird zwar nicht einfach werden, aber wir geben nicht auf.«

Ich schluckte meinen Kummer hinunter. »Warum hat Matteo das getan? Es sah doch zuerst so aus, als würde er auf unserer Seite stehen? Er hat sogar gegen seine Brüder gekämpft.«

Mr. Chang nickte nachdenklich. »Die einzige Erklärung, die ich habe, ist, dass das Obsensium und die Emotionen komplett verrückt gespielt haben. Aber an sich ist Matteo kein schlechter Kerl. Ich kenne ihn schon lange. Wir müssen einfach hoffen, dass er nicht bis zum Äußersten gegangen ist.«

Matteo war kein schlechter Kerl? Zuerst hatte er versucht, mich zu töten, er hatte es schließlich geschafft, ein Messer in meinen Oberschenkel zu rammen, hatte mehrmals Onkel Finley angeschossen und dann die Entführung von Amy. Nein! Im Augenblick konnte ich keine Sympathie für ihn entwickeln, egal, was Mr. Chang und Luca über ihn sagten.

»Kennst du noch die drei Grundsätze, die ich dir zu Beginn unseres Kampftrainings erklärt habe?«

Auch ich erhob mich und versuchte, mich an seine Worte zu erinnern. »Die 3 Grundsätze ... «, überlegte ich.

Mr. Chang sah mich erwartungsvoll an und wartete offensichtlich darauf, dass ich sie aufzählte.

»Entkommen, ausweichen und … auf den Feind einwirken?«

»Richtig und weißt du auch noch, was auf den Feind einwirken für dich selbst bedeutet?«

»Ähm, …!« Oh, Mist! Das hatte ich vergessen.

»Das ist wichtig, Jade. Also präge es dir ein. … Überwinde deine inneren Hindernisse. Wut, Trauer und mangelnde Wahrnehmung, davon solltest du ablassen. Schalte die negativen Gefühle aus. Nur so wirst du zu dir selbst finden.« Ernst sah er mich an. Wie sollte ich das schaffen? Das ging nicht so einfach. Wie sollte ich meine Wut und meinen Hass abstellen? Nein, innerlich war ich viel zu sehr aufgewühlt und durcheinander, als dass ich keinen Hass gegenüber den Taluris empfinden könnte. Mr. Chang verbeugte sich und erwartete, dass ich das Gleiche tat. Ich zögerte, doch schließlich gehorchte ich.

 

Luca bekam ich in den folgenden zwei Tagen kaum zu Gesicht. Ich sah ihn nur zu den Mahlzeiten. Er vermied es, mich anzusehen und sprach sehr wenig. Er schien tief in seinen Gedanken versunken zu sein. Quinn bat ihn, sich auf der Insel nützlich zu machen. So half er ihm, die Gartenanlage der Villa in Ordnung zu halten. Bevor ich zum Frühstück hinunter kam, war er meistens schon fort. Mr. Chang und Luca sprachen auch nicht viel miteinander. Schweigend akzeptierten sie sich gegenseitig, was die Stimmung jedoch nicht verbesserte.

Luca war ständig in meinem Kopf und meistens wachte ich mit der Angst auf, dass er nicht mehr hier sein könnte. Ich vermisste ihn, auch wenn wir uns noch nicht so lange kannten. Er war ein wichtiger Teil meines Lebens. Was hatte ich getan, dass er mich so ignorierte? Hatte ich mich so in ihm getäuscht? Noch bevor wir aus Bayville geflohen sind, glaubte ich, er würde genau wie ich diese starke Anziehungskraft zwischen uns spüren. Bevor wir von den Taluris angegriffen wurden, war er auf unser Grundstück gekommen, um mich zu warnen. Er wusste, dass Onkel Finleys Männer ihn töten würden und wenn nicht die, dann seine Brüder. Der Verrat an seinen Brüdern hatte ihn auf der Todesliste ganz nach oben katapultiert. Doch ihm schien dies alles egal gewesen zu sein. Selbst als er gefesselt in unserem Wohnzimmer saß, flehte er mich mit seinen stummen Blicken an, endlich zu fliehen. Und nun behandelte er mich wie Luft. Ich brauchte ihn. Mit ihm wollte ich Amy finden. Luca war der Einzige, der wissen konnte, was Matteo vorhatte. Ich war mir sicher, nur mit seiner Hilfe würde es mir gelingen.

 

Ich schreckte hoch, keuchte und wartete, bis die grausamen Bilder vor meinen Augen verschwammen und in Erinnerungsfetzen von mir fielen. Ich hatte mal wieder geträumt. Von jenen Ereignissen, die mich in den letzten Wochen schockiert und mir Angst eingejagt hatten.

Es dämmerte bereits, als ich mich anzog. Der Himmel war bedeckt. Vielleicht würde es heute sogar regnen. Ich beschloss, einen morgendlichen Spaziergang zu machen. An Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken. Die Vögel zwitscherten und das leise Summen der Drohne ließ mich kurz innehalten. Ich sah mich um, versuchte meinen kleinen Stalker zwischen den großen Palmenblättern auszumachen. Doch diesmal entdeckte ich das kleine silberne Metall-Ding nicht. Es erinnerte mich an Gavin. Eigentlich hatten beide die gleichen Funktionen. Beobachten, bewachen und spionieren. Die Krähe sowie die silberne Biene sendeten Bilder und Informationen, nur mit dem Unterschied, dass die Drohne mich beschützen und Lucas Maori-Krähe mich verraten sollte. Gavin wäre mir trotzdem lieber gewesen. Was wohl aus ihm geworden war? Erinnerungen durchströmten mich, als ich an die Nacht zurückdachte, in der ich seine Krähe das erste Mal berühren durfte. Wie schwer ihr Körper und wie gefährlich nahe ich dem scharfen, spitzen Schnabel gekommen war. Gavin war wunderschön. Seine Federn schimmerten schwarzblau und glänzten im Mondlicht silbern. Das Außergewöhnlichste an ihm waren die typischen kobaltblauen Wangen und die Tatsache, dass dieser Vogel echt war und nicht aus Metall und Drähten bestand. Luca hatte ihn als seinen Freund bezeichnet, was anfangs zwar merkwürdig klang, doch heute verstand ich, dass der Vogel zu ihm gehörte - wie Amy zu mir ...

Die Insel war größer als sie den Anschein machte. Grace Island war wunderschön. Noch nie zuvor hatte ich so viele unterschiedliche Pflanzen und Blumen gesehen. Agnes würde es hier gefallen. Die Schönheit der verschiedenen Pflanzen und die Vielfalt in unserem Garten in Bayville hatten wir ihrer Kreativität zu verdanken. Ich vermisste sie. Ich wünschte mir so sehr, dass ich ihr ein Lebenszeichen von mir geben konnte. Sie kam bestimmt um vor Sorge.

Ich schlug einen neuen Weg ein. Ich hatte keine Ahnung, wohin der verwilderte Pfad mich führte. Ich ließ mich einfach treiben, bestaunte die dicht bewachsenen Palmen und Bäume, die hier so hoch ragten, dass in den kleinen Dschungel nicht viel Tageslicht fiel. Das Zwitschern der Vögel und das Zirpen der Insekten wirkten beruhigend auf mich. Es war so friedlich und idyllisch hier, dass es mir leicht fiel, mein Schicksal für einige Zeit zu vergessen. Amy hätte entsetzt und ängstlich aufgeschrien und hinter jedem Blatt eine eklige Spinne und hinter jedem Geräusch eine gefährliche Schlange vermutet. Ich war nicht so ängstlich wie sie. Ich strich die Äste und großen Blätter, die mir den Weg versperrten, einfach mit meiner Hand beiseite.

Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit auf ein schlagendes Geräusch gelenkt. Neugierig ging ich weiter und spähte zwischen den Bäumen und den Pflanzen hindurch. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich hinter einem großen Busch vor einer Lichtung stand. Vorsichtig bog ich die Blätter so weit auseinander, bis ich die Quelle der dumpfen Schläge sehen konnte. Abgeholzte Bäume und Palmen lagen nebeneinander. Ein kleiner Holzschuppen, dessen Tür offen stand, befand sich auf der anderen Seite des kleinen Platzes. Rauch stieg aus einer Feuerstelle etwas abseits der Hütte. Inmitten dessen stand Luca mit nacktem Oberkörper und einer Axt in der Hand. Rechts von ihm stapelten sich die Holzscheite, die er bereits geschlagen hatte.

Ich hielt die Luft an, aus Angst, er könnte mich sonst entdecken. Seine Arme und sein Gesicht waren verschmutzt. Er verausgabte sich sichtlich, atmete schwer und hin und wieder entfuhr ihm ein kraftvolles Stöhnen. War dies seine tägliche Beschäftigung, um mir nicht über den Weg laufen zu müssen? Zwei Tage war es her, seit ich das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte.

Kraftvoll schwang er die Axt in die Höhe und mit jeder Bewegung bewunderte ich das Spiel seiner Muskeln. Sollte ich zu ihm laufen und mit ihm sprechen? Kurz dachte ich darüber nach. Mein Vorwurf, ob die Taluris die Mädchen vergewaltigten, bevor sie sie töteten, hatte ihn in Rage versetzt. Er war wütend auf mich und auch jetzt konnte ich das gefährliche Glitzern in seinen Augen erkennen.

Ich wollte mich gerade zurückziehen, als Luca zu einem weiteren Schlag ausholte und abrupt innehielt. Er blickte in den Himmel und da sah er die verflixte Biene, die mich seit meinem Spaziergang verfolgte. Sie flog zu Lucas Drohne in die Mitte der Lichtung. Ruhig schwirrten beide ein paar Meter über dem Boden. Was taten die fliegenden Stalker da? Tauschten sie etwa Daten aus?

Sofort sah Luca sich um, instinktiv wusste er, dass jemand in seiner Nähe sein musste. Die Axt hielt er drohend vor seine Brust und ging suchend ein paar Meter umher.

Was sollte ich tun? Am besten ich schlich mich leise zurück. Doch das würde bedeuten, dass eine der Drohnen mir folgen würde und mich damit verriet. Jetzt, da er aufmerksam geworden war, würde er jedes Geräusch wahrnehmen. Also beendete ich das Versteckspiel und trat hinter dem Busch hervor.

 

Kaum betrat ich die Lichtung, schoss eine Drohne auf mich zu. Das Gefühl, ertappt zu sein, überkam mich und ich spürte, wie sich meine Wangen rot färbten. Luca entspannte sich sofort, als er mich erkannte. »Keine Sorge. Ich bin‘s nur«, sagte ich und hob ergeben meine Arme. Er musterte mich.

»Was willst du, Jade? Wieso schläfst du nicht mehr, es ist noch sehr früh am Morgen!« Langsam lief er zurück zu seinem Holzstapel und arbeitete weiter, ohne mich dabei zu beachten.

»Das Gleiche könnte ich dich fragen.«

Er holte aus und schlug die Axt mit solcher Wucht in den Baumstamm, dass einige Splitter davonflogen.

»Ich arbeite.«

»Das sehe ich. Nur wusste ich bis jetzt nicht, wo du dich den ganzen Tag versteckst und was du tust«, meinte ich und trat langsam näher. »Schläfst du denn nie? … Ich meine, wie lange bist du schon hier?« Auf diese Frage gab er mir keine Antwort und langsam kam ich mir echt bescheuert vor. Grimmig schlug er die Axt in das Holz. Holzspäne splitterten ab und einige verfingen sich in seinen Haaren. Ich unterdrückte den Impuls, sie aus seinem Haar zu zupfen. Nachdenklich senkte ich meinen Blick und beobachtete ihn eine Weile.

»Es tut mir leid, Luca. Ich verstehe ja, dass du sauer auf mich bist, aber ich denke, meine Frage neulich war berechtigt. Ich weiß nichts über dich oder deine Brüder. Ich weiß nur, dass ihr Mädchen und Frauen tötet, dass Roy Morgion euch manipuliert und du eine Menge erlebt hast. Du kannst dir nicht vorstellen, wie groß meine Angst um Amy ist. Sie ist alles, was ich noch habe.« Meine Gefühle gingen mit mir durch. Keinesfalls wollte ich wieder anfangen zu weinen. Ich riss mich zusammen. Egal wie grausam die Ereignisse der letzten Tage gewesen waren, ich musste stark bleiben. Stark für Amy.

»Außerdem … ich brauche dich. Ich dachte, wir sind mehr als … Freunde.« Meine Stimme wurde heiser.

»Das sind wir auch«, sagte er nach einer Weile und unterbrach seine Arbeit. »Hier sind wir es. Aber du brauchst mich nicht wirklich, Jade. Du brauchst die Padres de Luz. Sie können dir helfen.« Sein grimmiger Ausdruck blieb, Traurigkeit und Hass mischten sich in seine Stimme.

»Das hört sich an als ob …! Hast du beschlossen, wirklich nicht mitzugehen?«, fragte ich zögerlich. Mein Herz pochte und ich hoffte so sehr, er würde mich endlich ansehen. Irritiert trat ich näher. »Luca, du kannst mich nicht alleine lassen.« Endlich sah er mich an. Seine Augen suchten meine.

»Jade, … die Padres vertrauen mir nicht. Sie werden in mir den Taluri sehen, auch wenn ich kein Obsensium mehr in mir trage.«

»Das glaube ich nicht. Du hast uns gerettet. Mr. Chang und ich sind Zeugen. Wir haben gesehen, wie du gegen deine Brüder gekämpft hast. Außerdem, wo willst du denn hin? Du kannst nicht zurück.« Ich stand direkt vor ihm, nahm die Wärme, die er ausstrahlte, wahr.

»Ich kann nicht mit dir kommen, Jade«, sagte er tonlos und presste seine Lippen aufeinander.

Sprachlos sah ich ihn an. Nein, das durfte nicht sein. Ich brauchte ihn doch! Er war frei und konnte endlich selbst über sein Leben entscheiden. Er sah mich nach wie vor an und um seine Lippen spielte ein entschlossener Zug, der mir schlagartig klar machte, dass er es ernst meinte. Seine Entschlossenheit machte mir Angst. Ich konnte diesen Blick nicht länger ertragen und senkte langsam meine Stirn auf seine Brust. Endlich ließ er eine Berührung zu.

M

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