Logo weiterlesen.de
Mbwa wa Africa

„Karibu Arusha!“

Das war der erste Satz, den ich hörte, als ich in Tansania endlich aus dem Flughafen rauskam. Und ich habe mich vom ersten Moment an zuhause gefühlt. Als ich dann vom Hostel ins Tierheim zog, war alles perfekt. Dieses Tierheim und all die Menschen dort haben mir so viel gegeben!

Danke, an alle Menschen, denen ich in Tansania begegnet bin und die meine Zeit dort so wunderbar gemacht haben!

Danke, an Jens vom Tierheim Mbwa wa Africa und an die Mitarbeiter Michael und Amoni, dass sie mich so unglaublich herzlich empfangen und mir wahre Freunde geworden sind! Ohne eure wundervolle Arbeit würde es diese Geschichte nicht geben! Danke, an all die Hunde und Katzen, die mir gezeigt haben, wie unglaublich wertvoll meine Arbeit dort ist und was Hoffnung und Liebe bedeutet! Danke, an meine Familie und Freunde, die mich in allem was ich mache, unterstützen!

Und natürlich danke, an meine allerliebste Hündin Ellie, einfach für alles! Du hast mein Leben auf eine so wunderbare Weise auf den Kopf gestellt und ich will dich nie wieder missen!!!

“Unaweza kusikia zaidi katika nchi ya kigeni kuliko nyumbani.”

(In der Fremde hört man mehr als zu Hause.)

-Tansanisches Sprichwort-

1

Eines Tages werde ich ein Held sein! Das habe ich mir fest vorgenommen, als uns Mama damals verlassen hat. Was heißt damals, eigentlich ist es erst wenige Tage her, aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Sie wollte eigentlich nur kurz etwas zum Essen holen gehen, aber als sie nach vielen Stunden immer noch nicht wieder da war, wusste ich es einfach. Ich wusste, dass sie nie wieder zurückkommen würde. Ich war so wütend und dabei war es mir vollkommen egal, aus welchen Gründen sie nicht mehr hier war, sie war es einfach nicht! Als der Hunger dann immer größer wurde, entschied ich loszuziehen. Ich war der Größte und Stärkste in der Gruppe und ich hatte die Verantwortung, mich um meine Geschwister zu kümmern. Mit Einbruch der Dunkelheit traute ich mich aus meinem Versteck heraus. Mama hatte immer gesagt, dass es im Dunkeln am sichersten sei und auch wenn ich mich eigentlich vor der Dunkelheit immer ein bisschen gefürchtet hatte, vertraute ich auf ihre Worte. Vorsichtig schlich ich mich aus unserem geschützten Zuhause und sah mich ängstlich um. Es war vollkommen ruhig und ich konnte nirgend-wo auch nur eine Bewegung ausmachen. Okay! Wie hatte Mama das noch mal immer gemacht, wenn ich sie heimlich auf einem ihrer Ausflüge beobachtet hatte? Augen zu und Nase hoch in die Luft strecken. Auch wenn ich den Sinn dahinter nicht kannte, probierte ich es nun ebenfalls aus und schon wusste ich es. Der süßliche Geruch von überreifen Äpfeln stieg mir in die Nase und ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich vergas jede Angst und folgte wie in Trance einem unbekannten Weg. Mit jedem Schritt wurde der feine Geruch stärker. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor und ich begann schon an meinem Geruchssinn zu zweifeln, doch dann sah ich das Obst neben einer riesigen Tonne auf dem Boden liegen. Gierig stürzte ich mich darauf und erst als der Hunger nicht mehr ganz so sehr mein Gehirn benebelte, fielen mir die anderen wieder ein. Ich schaute mich um und schnappte mir den größten, noch ganze Apfel, den ich finden konnte. Beinahe wäre er zwischen meinen Zähnen in zwei Teile zerbrochen, aber ich konnte ihn gerade noch so halten. In der Gewissheit, dass dieser ein Apfel für all meine Geschwister nicht ausreichen würde, versuchte ich schnellstmöglich den Weg zurückzufinden. Dies war jedoch gar nicht so einfach, denn in meinem Hunger hatte ich auf dem Hinweg nicht wirklich auf meine Umgebung geachtet. Als ich es dann doch endlich zurück nach Hause schaffte, wurde ich am Eingang schon von einem meiner Brüder erwartet. Ich bekam das Essen beinahe aus dem Mund gerissen und innerhalb von wenigen Sekunden war nur noch ein winziges Stück übrig, das sich die Kleinste schnappte und damit knurrend in eine Ecke verschwand. Mit immer noch laut knurrenden Mägen jammerten meine Geschwister, dass sie immer noch großen Hunger hätten. Sofort rannte ich zurück zu meinem Fundort, doch dort hatten sich inzwischen andere Hunde um die Leckereien versammelten und verwickelten sich gegenseitig in blutige Kämpfe um das kostbare Gut. Deswegen traute ich mich nicht mehr dorthin. Stattdessen fand ich aber versteckt unter einem großen, grünen Mülldings eine Tüte, in der größtenteils Essensreste entsorgt worden waren. Verzweifelt versuchte ich die Tüte zum Versteck zu ziehen, aber ich musste ziemlich schnell wieder aufgeben, denn ich war nicht stark genug und zusätzlich war das Plastik der Tüte bei den wenigen Metern, die ich es doch über den Boden geschleift hatte, gerissen. Also nahm ich die halbvolle Aluminiumpackung daneben mit und schaute dabei zu, wie im Nu wieder alles verputzt war. Drei weitere Male musste ich noch los, bis ich die hungrigen Mäuler meiner vier Geschwister halbwegs gestopft hatte. Aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich dann auch nicht mehr. Müde fiel ich in eine Ecke, wo Mama ein altes, kaputtes Kissen hingeschleppt hatte, und träumte von einem perfekten Leben, in einer perfekten Welt. Mama hatte uns als wir noch mit geschlossenen Augen durch die Gegend geirrt waren, immer erzählt, dass es da draußen Menschen gebe, die Hunde so doll liebhaben, dass sie sie bei sich zuhause wohnen lassen, ihnen Futter und Liebe geben und sie beschützen. Seit sie uns verlassen hatte, glaubte ich nicht mehr daran und doch träumte ich noch ein letztes Mal von diesem unglaublichen Ort. Noch bevor es hell wurde, wachte ich wieder auf. Meine Geschwister schliefen alle tief und fest. Obwohl ich immer noch sehr müde und kaputt war, schlich ich mich heimlich hinaus auf die Straße. Diesmal ging ich einen anderen Weg. Ich wusste nicht wonach ich suchte, ich lief einfach nur orientierungslos durch die Gegend. Ich hatte Angst! Nicht vor der Welt hier draußen, sondern vor der Zukunft. Ich fühlte mich so allein gelassen. Warum hatte Mama uns nur verlassen müssen? Wohin war sie gegangen? Ist ihr etwas passiert? Das erste Mal kam mir nun dieser Gedanke. Dass sie uns gar nicht freiwillig verlassen hatte. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich so wütend gewesen war und wie zur Bestätigung meines schlechten Gewissens, sah ich sie. „Mama!“, rief ich freudig aus und rannte zu ihr. „Mama, wach auf!“, sagte ich und stupste sie mit der Nase zärtlich an. Doch sie reagierte nicht. „Mama, Mama, bitte wach auf. Ich bin hier! Wir brauchen dich doch!“, wiederholte ich immer und immer wieder und meine Stupser wurden immer verzweifelter. Erst als ich das Blut an ihrer Seite sah, dass schon so gut wie getrocknet war, realisierte ich, dass meine Mama nicht mehr aufwachen würde. Ein trauriges Jaulen entkam meiner Kehle und ließ die Vögel in den Baumkronen schreiend auffliegen. Mit meiner Schnauze hob ich vorsichtig ihre Pfote an und schmiegte mich darunter an ihre inzwischen eiskalte Brust. Wie hatte ich auch nur eine einzige Sekunde daran glauben können, dass sie uns freiwillig, ja sogar mit Absicht, verlassen hatte. Sie war unsere Mutter! Sie hat uns geliebt! „Es tut mir leid, Mama“, flüsterte ich ihr schluchzend zu, „ich hoffe dir geht es gut, da wo du jetzt bist. Ich verspreche dir, ich werde gut auf mich und meine Geschwister aufpassen. Ich werde alles tun, damit wir mal ein schönes und sorgenfreies Leben haben. So ein Leben, wovon du mir erzählt hast, wovon du selbst dein ganzes Leben geträumt hast. Ich werde ein Held sein, so wie du es gesagt hast!“ Ich blieb so in ihrem Arm liegen, bis die ersten Sonnenstrahlen meine Nase kitzelten. Dann wusste ich, dass ich gehen musste. Ich wagte einen verzweifelten Versuch, sie weiter in die Büsche zu schieben, doch ich war zu klein, ich hatte einfach nicht die Kraft dazu. Ich hörte schon die ersten Bewegungen hinter den großen Mauern, als ich wie ein Blitz zurück ins Versteck huschte. Das Licht hatte es noch nicht in die Höhle geschafft, weswegen ich meine Geschwister alle noch immer schlafend vorfand. Ich rollte mich wieder auf meinem Platz zusammen und versuchte noch einmal ein wenig zu schlafen. Doch ich sah nur Mamas leere Augen vor mir. Jetzt, mit dem Wissen, das wir wirklich allein waren, machte mir die neue Verantwortung plötzlich unglaubliche Angst. Aber ich wusste, dass ich es schaffen konnte. Ich musste es schaffen. Aber ich konnte den anderen nicht erzählen, dass Mama nicht mehr am Leben war. Denn dann müsste ich infolge vieler durcheinander gestellter Fragen auch erzählen, woher ich das weiß. Und dann würden sie Mama sehen wollen. Das konnte ich nicht zulassen, die Gefahr war zu groß. Irgendwie döste ich dann doch nochmal weg. Ich träumte von großen Autos und bösen Menschen mit riesengroßen Macheten, die mich und meine Geschwister bedrohten.

Geweckt wurde ich von meiner kleinsten Schwester, deren Pfoten im Gegensatz zu allen anderen weiß waren. Ich nannte sie meistens Nummer 5.

Nummer 2, der Nervigste meiner Geschwister, dessen Fell leichte Locken aufwies, hatte sie mal wieder durch die Gegend geschubst und sie war dadurch gegen mich gestolpert. Das fand ich aber leider erst heraus, nachdem ich sie schon wütend angeblafft hatte. Ein weiteres Mal plagte mich nun an diesem Tag das schlechte Gewissen, als sie nun zitternd den Kopf einzog. Schnell entschuldigte ich mich und stupste sie aufmunternd an. Und zum Glück wurde Nummer 5 immer genauso schnell wieder glücklich, wie sie traurig geworden war. Widerwillig entschuldigte sich nun auch Nummer 2 bei ihr, nachdem ich ihn streng darum gebeten hatte. Nummer 3 und Nummer 4 spielten in einer Ecke mit dem Stück eines Reissacks Tauziehen und hatten dabei peinlichst genau darauf geachtet meine beziehungsweise Mamas Regeln einzuhalten. Eine davon beinhaltete, dass niemand zu nah an den Ausgang des Verstecks ging, sobald es hell war. Nummer 3 war „der Eindringling“, wie wir ihn manchmal scherzhaft nannten, da er so gar nicht wie alle anderen aussah. Im Gegensatz zu uns, deren Fellfarbe jeweils in einem satten Schwarz strahlte, war sein Fell mit vielen verschiedenen Brauntönen gemustert. Der weiße Punkt auf der Nasenspitze sah ein bisschen so aus, als hätte er ein wenig zu nah an der weißen Farbe vor der Höhle geschnüffelt. Nummer 4 hatte wie ich einen weißen Bauch und eine weiße Schwanzspitze, aber zusätzlichen noch einen sichelmondförmigen, weißen Fleck auf der Stirn. Nummer 2 hatte sich inzwischen zu den zwei Kämpfenden gesellt, während Nummer 5 immer noch vor mir stand und mich fragend anschaute. „Ist noch etwas Nummer 5?“, fragte ich sie, als sie mir nun zum Eingang folgte. Ich setzte mich weit genug davon weg, sodass man mich von außen nicht sehen konnte. Sie setzte sich neben mich und schaute mit traurigem Blick in die Ferne. Die Sonne ließ den geteerten Boden mysteriös funkeln. Sie hatte mir immer noch nicht geantwortet, aber ich wollte ihr die Zeit geben, die sie brauchte, deswegen wartete ich. Immer wieder spürte ich, wie ihr Blick schüchtern zu mir huschte. Immer wieder sah ich, wie sich ihr Mund bewegte, wie er versuchte sinnvolle Worte zu formulieren und doch kam einfach nichts heraus. Irgendwann gab sie auf und wir saßen eine Weile einfach nur schweigend da und schauten hinaus. Immer mal wieder hörte man die Stimmen meiner anderen Geschwister im Hintergrund aus der Höhle schallen. Als sie einmal meiner Meinung nach zu laut wurden, sprang ich auf, um ein kurzes Machtwort zu sprechen. Doch danach setzte ich mich direkt wieder zu Nummer 5, die wie eine Statue unverändert dort saß. Wir saßen noch eine ganze Weile so da. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt schon lange überschritten, als endlich ein Wort ihren Mund verließ: „Mama“ Ich zuckte zusammen. Es war nur ein einziges sanft geflüstertes Wort, doch es hatte eine unglaubliche Wirkung auf mich. Eine einzige Träne kullerte über meine Wange und tropfte mit einem leisen Platschen auf den Boden. Nummer 5 drehte ihren Kopf zu mir, sah mich mit ebenfalls tränennassen Augen an und flüsterte: „Ich wusste es. Sie ist tot, oder?“ Ich nickte nur stumm und fragte mich im Stillen, wie sie das herausgefunden hatte. Und im nächsten Moment kam auch schon die Angst in mir hoch, dass sie es den anderen erzählen würde. Ich konnte sie nicht beschützen, wenn sie aus blinder Trauer hinaus auf die Straße rannten. Doch als ich in Nummer 5´s Augen sah, konnte ich klar erkennen, dass sie kein Wort an die anderen verlieren würde. Ich legte meine Pfote sanft auf ihre und sie schmiegte sich traurig an mich, während die Tränen wieder anfingen über ihr Gesicht zu laufen. Auch ich begann wieder zu weinen und versuchte verzweifelt die Tränen vor den anderen zu verstecken. Wenn sie sahen, wie schwach ich eigentlich war, würden auch sie die Hoffnung verlieren. Und das konnte ich auf keinen Fall zulassen. Ich musste stark sein, ich musste ihnen zeigen, dass ich für sie sorgen konnte. Ich sah wie tief die Sonne schon stand und wusste, dass ich bald wieder losziehen musste, um etwas zu Essen für meine Geschwister und mich aufzutreiben. Und als hätte er meine Gedanken gelesen, stand Nummer 2 mit den anderen beiden im Schlepptau schon hinter mir und nervte damit, dass er Hunger habe. Mit aller Geduld, die ich aufbringen konnte, erklärte ich ihm, dass ich erst rausgehen konnte, wenn es bereits dunkel war. Er nickte verständnisvoll, blieb aber weiterhin hinter mir stehen. „Ist noch etwas?“, fragte ich vorsichtig, als er nach einigen Minuten immer noch dastand und mich anschaute. „Ach nichts“, murmelte er nur, drehte sich um und ging. Sobald es dunkel wurde, schlich ich wieder aus unserem Versteck. Heute war es nicht so leicht eine Fährte aufzunehmen. Ich konnte unglaublich viele Gerüche auf der Straße wahrnehmen, wenn ich meine Nase in die Luft reckte, aber keiner stach so wirklich heraus. Also wanderte ich ein bisschen orientierungslos durch die Gegend und versuchte stattdessen meine Augen zu benutzen. Dabei vermied ich aber tunlichst die Straße, in der ich Mama gefunden hatte. Irgendwann fand ich einen mittelgroßen Sack, in dem ein Restaurant seine Knochenreste weggeworfen hatte. Er war halbwegs gut zugebunden und die faserige Struktur des Sackes, machte es relativ leicht ihn über den Boden zu ziehen, ohne dass dieser, wie die Plastiktüte gestern, zerriss. Auch die Tatsache, dass ich nicht sehr weit von unserem Versteck entfernt war, ließ mich diese Möglichkeit ergreifen. Es dauerte eine Weile, aber dann hatte ich es endlich geschafft den Sack ins Versteck zu ziehen. Die letzten Meter durch den Eingang half meine kleine Schwester mir. Nummer 2 saß immer noch still da, kam dann angeschlichen, nahm sich einen großen Knochen und verschwand damit wieder in der Ecke. Ich ignorierte es, denn ich hatte grade etwas anderes im Kopf. Ich machte mich sofort wieder auf die Suche und füllte zunächst erst einmal meinen eigenen Magen. Ich ging noch einmal zu der Mülltonne, bei der ich gestern die Plastiktüte gefunden hatte und fand dort auch heute eine Aluminiumschachtel gefüllt mit Gemüseresten. Ich ergriff sofort die Gelegenheit und brachte es zurück ins Versteck. Schnell waren auch diese Leckereien wieder verputzt. Diesmal musste ich nur noch ein einziges Mal gehen, um meine Geschwister satt zu bekommen. Danach ließ ich mich wieder in meine kleine Ecke auf das alte Kissen fallen und schlief sofort ein. Ich schaffte es sogar bis zum Morgen durchzuschlafen, und zwar völlig traumlos.

Als ich am nächsten Morgen erwachte war es schon spät. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und alle anderen waren schon auf und spielten. Ich versicherte mich, dass sich alle an meine Regeln hielten, bevor ich in den Nebenraum verschwand, um eine Kleinigkeit zu trinken. Der Fluss hatte sich hier ein bisschen unter das Gemäuer des Hauses gespült. Mama hatte mir einmal erzählt, dass dies einer der Gründe gewesen war, weswegen sie diesen Ort ausgewählt hatte. Außerdem meinte sie, dass es hier sehr sicher sei und man nicht weit laufen musste, um etwas zu Essen zu finden. Das kühle Wasser lief erfrischend meine Kehle hinab und holte das letzte bisschen Schlaf aus meinen Knochen. Ich stieg wieder aus dem Wasser hinaus und schüttelte die verbliebenen Tropfen aus meinem Fell. Der Tag ging wie im Flug vorbei. Die Sonne stand schon sehr tief am Himmel, als plötzlich Nummer 2 wieder auf mich zukam: „Ich würde heute Nacht gerne mitkommen. Ich bin genauso groß wie du und du allein brauchst ewig, bis du genug zusammen hast, damit wir alle satt werden. Ich kann dir helfen, denn zu zweit können wir sehr viel mehr Essen auf einmal hierherschaffen.“ Ich hatte gewusst, dass das dieser Moment irgendwann kommen würde. Aber ich hatte nicht erwartet, dass es so bald sein würde. Nummer 2 wollte schon immer genauso gut sein und genauso viel dürfen wie ich. „Nein, das halte ich für keine gute Idee. Ich möchte das du hier bleibst“, sagte ich. „Sei nicht so stur und eigensinnig! Du weißt genau, dass es zu zweit viel einfacher wäre, also warum willst du mich nicht dabeihaben? Du fühlst dich doch nur als etwas Besseres. Du denkst du seist stärker als ich, aber da liegst du falsch. Ich bin genauso gut wie du. Aber du wurdest von Mama immer mehr geliebt, weil du dich in jeder freien Sekunden und mit jeder sich bietenden Möglichkeit bei ihr eingeschleimt hast!“, rief er wütend. Die Worte verletzten mich, doch ich versuchte es trotzdem weiterhin mit Geduld und guten Zureden: „Nein, Nummer 2, ich möchte das du hierbleibst, weil es sicherer ist. Ich kann deine Einwände verstehen, dass es zu zweit schneller und einfacher wäre, aber ich brauche dich hier. Wenn mir etwas passiert, bist du derjenige, der sich um unsere Geschwister kümmern kann. Wenn wir beide zusammen da rausgehen, ist die Gefahr zu groß, dass uns beiden etwas passiert und das wäre für die anderen fatal. Nummer 3 und Nummer 4 sind noch zu naiv und kindisch, um eine solche Aufgabe zu übernehmen. Und Nummer 5 ist viel zu klein und zu schwach. Mama wäre enttäuscht von dir, wie du jetzt gerade mit mir redest. Sie hat mir die Verantwortung übertragen, als sie weg ging, weil sie wusste, dass sie mir vertrauen konnte. Wenn sie hier wäre, würde sie dir sagen, dass du auf mich hören sollst.“ „Sie ist aber nicht mehr hier! Sie hat uns verlassen! Sie hat uns einfach alleine gelassen und nun sind wir auf uns alleine gestellt. Sie hat gar kein Recht mehr mir irgendetwas vorzuschreiben! Ihre Worte und Regeln haben ihre Bedeutung verloren, als sie uns einfach verließ!“, schrie er, noch wütender als zuvor. Und da platzte es dann aus mir heraus: „Sie ist tot, du Arschloch. Sie hat uns nicht freiwillig verlassen, sie wurde verdammt nochmal überfahren! Sie liegt da draußen einsam auf der Straße! Also hör auf, dich wie ein kleines Kind zu benehmen. Werde endlich erwachsen, zeig mir das du wirklich Verantwortung übernehmen kannst und dann darfst du auch mit raus!“ „Mama ist tot?“, fragte eine leise Stimme aus dem Hintergrund. Da realisierte ich erst was ich gerade getan hatte. Nummer 3 und Nummer 4 sahen mich traurig an und Nummer 5 senkte nur wissend den Kopf. „Warum hast du uns das nie gesagt?“, rief er. Diesmal mit einer Mischung aus Wut und Trauer. Im nächsten Moment drehte er sich um und rannte nach draußen. „Nein, Nummer 2, du kannst da nicht einfach so raus rennen, dass ist zu gefährlich“, schrie ich verzweifelt, doch er ignorierte meine Worte. Ohne darüber nachzudenken, rannte ich hinterher. Er war vor dem Versteck nach rechts, also in die richtige Richtung gerannt. Ich folgte ihm und sah schon von weitem, wie er wie angewurzelt an der nächsten Kreuzung stehen blieb. Sein Kopf schnellte von links nach rechts, seine Nase schnupperte wie wild durch die Luft, doch er wusste einfach nicht wo lang. Schließlich entschied er sich scheinbar völlig wahllos und rannte nach links. Wieder richtig, doch es kam noch eine weitere Kreuzung. Ich dachte dort würde ich ihn dann einholen, aber er machte mir mit einer spontanen Entscheidung einen Strich durch die Rechnung. Und aus irgendeinem Grund hatte er es wieder geschafft die richtige Straße zu wählen. Noch bevor ich um die Ecke in besagte Straße einbiegen konnte, hörte ich ein lautes Quietschen und ein herzerschütterndes Jaulen. Panik stieg in meinem Herzen auf und meine Schritte wurden noch ein bisschen schneller, obwohl ich das gar nicht für möglich gehalten hatte. Meine Beine verknoteten sich beinahe. Die Kurve brachte mich aus dem Gleichgewicht und ich bremste mit der Schnauze unsanft im Staub. Als ich mich wieder aufgerappelt und den restlichen Staub aus meinem Fell geschüttelt hatte, blieb ich wie erstarrt stehen. In der Ferne stand ein Auto. Ich erkannte die kleine Spielfigur, die Mama einmal mitgebracht hatte, darin wieder. Doch das, was daneben stand, war das, was mich in die Schockstarre versetzt hatte. Es musste ein Mensch sein, denn die Gestalt lief auf zwei Beinen. Nachdem mein Herzschlag sich etwas beruhigt hatte und ich wieder klar denken konnte, wich ich vorsichtig zurück um die Ecke. Im Schutz eines großen Busches beobachtete ich weiter alles mit Argusaugen. Der Mensch war gerade aus dem Auto gestiegen und lief nun um das Auto herum auf die Seite, die ich als vorne identifizierte. Und da sah ich wieder den Grund für meine Eile. Nummer 2 lag bewegungslos und seltsam verdreht vor dem Auto. Der Mensch beugte sich zu ihm herunter und strich über den kleinen Kopf. Dabei schien er auf meinen kleinen Bruder einzureden. Plötzlich stand er ruckartig wieder auf und lief zum Straßenrand. Er hatte den Rücken zu mir gedreht, weswegen ich vorsichtig auf Nummer 2 zuzulaufen begann. Doch der Mensch hob nur etwas vom Boden auf und trat schon wieder den Rückweg an, weswegen auch ich wieder hinter meiner Ecke verschwand. Beinahe hätte ich laut aufgeschrien, als mich ein Ast des Busches am Rücken streifte, so angespannt war ich. Was hatte er da in seiner Hand, fragte ich mich und vor allem, was hatte er damit vor? Und als ich es erkannte, stieg die Angst in meiner Magengrube erneut auf. Es war ein großer, klobiger Stein. Er hielt ihn fest in seiner Hand und lief mit ernstem Blick auf Nummer 2 zu.

Ich musste etwas unternehmen, doch ich wusste nicht was. Ohne Rücksicht auf die Gefahren, die das barg, schlich ich mich nun doch aus meinem Versteck heraus und lief auf die Szene zu. Der Mensch war so sehr auf meinen Bruder und den Stein in seiner Hand konzentriert, dass er mich gar nicht bemerkte. Ich wurde immer schneller, da die Distanz zwischen ihm und meinem Bruder immer kleiner wurde, während die zwischen ihnen und mir immer größer zu werden schien. Der Mensch war inzwischen bei meinem Bruder angekommen und hatte den Stein über seinen Kopf gehoben. Ich war kurz davor wie wild zu bellen, um ihn abzulenken, doch dann senkte er den Stein wieder und legte ihn nach einer Weile auf den Boden neben sich ab. Ich war stehen geblieben und wich wieder ein Stück zurück. Ich begab mich unter das Auto, um nicht gesehen zu werden. Der Mensch strich Nummer 2 vorsichtig über den Kopf und hob ihn dann hoch. Die Tränen liefen über mein Gesicht, während der Mensch meinen kleineren Bruder an den Straßenrand trug. Sein Körper hing schlaff in den Armen des Menschen. Ich wusste, dass ich nichts mehr tun konnte. Wenn ich jetzt dazu rannte, würde ich mich nur selbst zusätzlich in Gefahr bringen. Da ich wusste, dass es unter dem Auto gleich nicht mehr sicher sein würde, suchte ich verzweifelt nach einer anderen Versteckmöglichkeit in der Nähe. Der Strauch hinter der Ecke war zu weit entfernt, um dort schnell genug anzukommen. Ich sah einen weiteren Busch in der Nähe, der aber nicht vollständig blickdicht war. Da es aber die einzige halbwegs sichere Möglichkeit zu sein schien, rannte ich in Windeseile dort hin. Der Mensch drehte sich um, ging zurück zu seinem Auto, stieg ein, startete den Motor und fuhr davon. Ich sah den reglosen Körper von Nummer 2 in der Ferne, doch es war immer noch hell. Trotzdem brauchte ich nicht lange nachzudenken, ein Held musste auch mal etwas riskieren. Ich rannte zu ihm und stupste ihn mit der Pfote an. Keine Reaktion. Nachdem ich meine Mutter gefunden hatte, hatte ich ein bisschen etwas über den Tod gelernt. Ich traute mich nicht ihn anzusprechen, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Stattdessen hielt ich also mein Ohr so nah wie möglich vor Ohr und Nase meines Bruders. Ich spürte nichts und die Tränen stiegen sofort in meine Augen. Doch ich war mit der Zeit immer stärker und vor allem schlauer geworden. Ich wusste, dass ich sofort zurück musste. Ich lief zurück zu meiner Hausecke und versuchte den Rest des Weges möglichst versteckt und trotzdem schnell zurückzulegen. Ich sah meine restlichen Geschwister schon von weitem im Eingang des Verstecks stehen und warten. Und obwohl sie damit gegen meine Regeln verstießen, konnte ich ihnen gerade keinen Anschiss verpassen. Stattdessen beeilte ich mich noch mehr zurückzukommen, denn ich wusste, dass das der einzige Weg war, sie aus dem Sichtfeld zu holen. Auf den letzten Metern wäre ich beinahe noch entdeckt worden, doch ich konnte mich gerade so hinter einen Haufen Müll retten. Meine Geschwister hatten mich inzwischen entdeckt und waren ein kleines Stück vom Eingang weg nach hinten gewichen. Ich konnte an ihren besorgten und traurigen Gesichtern sehen, dass es nicht viel Worte der Erklärung brauchte. Das ich allein zurückkam, war vermutlich auch ein untrügliches Zeichen. In Nummer 5´s Gesicht konnte ich den Schmerz am deutlichsten ablesen. Auch wenn die zwei sich eigentlich immer in der Wolle gehabt hatten, so waren sie doch Geschwister und sie hatte zu ihm aufgesehen. Nun war er nicht nur gestorben, sondern hatte uns kurz davor auch noch ziemlich enttäuscht. Nachdem die Gefahr vorüber war, schaffte ich es zurück zum Versteck. Mein gesenkter Kopf und das leichte Nicken ließen auch ihre letzten Zweifel verschwinden. Ich hatte gehofft sie würden mich dann erst einmal in Ruhe lassen, sodass ich mich in eine Ecke zurückziehen, ausruhen und meine Wunden lecken konnte. Mama hatte an mich geglaubt, doch ich hatte versagt. Doch meine Geschwister gönnten mir die Ruhe nicht und folgten mir stattdessen, um mich dann mit Fragen zu löchern. Ich konnte verstehen, dass sie wissen wollten, was passiert war. Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, hätte ich es vermutlich nicht einmal ausgehalten zu warten, bis mein Bruder, in diesem Fall ich, zurückkehrte. Ich wäre so leichtsinnig gewesen und wäre hinterhergerannt. Aber nun saß ich auf meinem Platz und alle anderen um mich herum. Ich fühlte mich wie bei einer Gerichtsverhandlung mit mir als den Angeklagten. Die Neugier in ihren Augen wurde von der Trauer überschattet, aber ich konnte auch einen Hauch von Angst erkennen. Nun waren wir nur noch zu viert und ich kämpfte stark mit der Schuld, die auf meinen Schultern lastete. Langsam und sehr auf meine Wortwahl bedacht, erzählte ich ihnen alles, was passiert war. Trotz, dass sie es eigentlich bereits wussten, fingen sie alle an zu weinen, als ich meine Erzählung abschloss. Egal wie schwach ich mich fühlte, ich musste auch diesmal wieder stark sein. Ich hob den Kopf und schaute jedem einzelnen in die Augen: „Es tut mir leid, dass ich ihn nicht retten konnte. Es tut mir leid, dass ich euch nicht gesagt habe, dass Mama nicht mehr lebt. Ich hatte einfach solche Angst, dass genau so etwas passiert, wie nun auch passiert ist. Aber vielleicht hätte ich es besser abwenden können, hätte ich es direkt verraten, statt damit so herauszuplatzen. Ja, Mama ist tot und Nummer 2 ist heute ebenfalls verstorben, aber wir sind noch da. Und wir halten egal was kommt zusammen. Zusammen können wir alles schaffen. Ich habe Mama und mir selbst geschworen, dass ich auf euch aufpasse und euch versorge. Doch bevor wir nun unseren nächsten Schritt machen, lass uns erstmal ruhen. Ich habe euch lieb!“

2

Als ich erwachte war es stockdunkel draußen. Mein Magen grummelte laut, ich hatte solchen Hunger. Auch meine Geschwister waren dabei wach zu werden. Nummer 5 öffnete als erste die Augen und warf mir ein zartes Lächeln zu. Ich wusste, dass sie mir voll und ganz vertraute, doch bei den anderen beiden war ich mir nicht so sicher. Nummer 3 war nach meiner Rede in eine Ecke verschwunden und hatte nicht unbedingt traurig, sondern eher wütend, geschaut. Ich konnte es verstehen, ich wäre auch schrecklich wütend, hätte mir jemand den Tod meiner Mutter verschwiegen, aber ich hatte doch nur ihr bestes gewollt. „Es ist dunkel, ich gehe uns mal etwas zu essen besorgen!“, sagte ich. Als ich gerade durch den Eingang in die Nachtluft ziehen wollte, stellte sich mir Nummer 3 in den Weg: „Ich weiß, du wirst das für eine schlechte Idee halten, nach dem was heute passiert ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mbwa wa Africa" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen