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Max, mein Bruder

 

Unterrichtserarbeitung auf
www.arena-klassenlektuere.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Sigrid Zeevaert
wurde 1960 in Aachen geboren und wuchs mit vier
Geschwistern auf. Nach dem Abitur studierte sie Lehramt für
die Primarstufe. Als Examensarbeit entstand hier ihr erstes
Jugendbuch „Max, mein Bruder”. Ihre Bücher wurden in
mehrere Sprachen übersetzt. Heute lebt die Autorin mit
ihrem Mann und ihren drei Kindern in Aachen.

Inhaltsverzeichnis

Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Abschnitt 7

Abschnitt 8

Abschnitt 9

Abschnitt 10

Abschnitt 11

Abschnitt 1

Du lügst!«, schrie ich wütend und sprang auf. »Du lügst wie gedruckt! Das weiß doch jedes Kind, dass ich mehr Sommersprossen habe als du!« Fast verschluckte ich mich dabei, so aufgeregt war ich. »Ich habe es genau gesehen! Du kannst einfach nicht zählen! Mach mal deine Augen auf, du Blindfisch!«

Max lag im Sand, blinzelte in die Sonne und grinste. »Hast du dich jetzt ausgetobt, Specki?«, fragte er und tat sehr gelangweilt.

»Oh nein!«, schrie ich noch lauter und lief dabei rot an vor Wut. »Jetzt hör mir mal gut zu!« Ich schrie so laut, dass Max vor Schreck zu grinsen aufhörte.»Ich habe keine Lust mehr, mich auch nur eine Minute länger mit dir herumzuärgern. Ich verspreche dir eins …

Jetzt holte ich tief Luft, um mir schnell noch etwas auszudenken. »Ich verspreche dir … «Ich sagte das sehr bedeutungsvoll, aber mir fiel einfach nichts ein.

Ich sah auf die Sandfestung, die wir gebaut hatten. Und dann sprang ich hinein, sprang mitten hinein, und zum krönenden Abschluss spuckte ich darauf, so verächtlich, wie ich nur eben konnte.

»Du blöde Kuh!« Max griff nach Sand und bewarf mich damit. Ich rannte davon. So schnell ich konnte.

Als ich sicher war, dass er mich nicht verfolgte, wurde ich langsamer und schimpfte laut. Ein Blindfisch war er, jawohl, und gemein noch dazu. Ich wollte endlich einen anderen Bruder haben. Ich hatte wirklich genug von ihm. Zehn Jahre ging das jetzt schon so.

Nein, noch viel länger sogar. Selbst in Mamas Bauch waren wir ja schon zusammen. Ich konnte schließlich nichts dafür, dass wir Zwillinge waren. Aber bestimmt war Max auch da schon so gemein. Bestimmt war er das.

Direkt beschwören konnte ich das allerdings nicht. So genau erinnerte ich mich nun auch wieder nicht an unsere Nachmittage in Mamas Bauch. Aber es würde mich nicht wundern. Wirklich nicht!

Und immer wieder nannte er mich Specki! Als ich noch klein war, war ich ein bisschen dick. Nicht so sehr. Aber eben ein bisschen. Das war alles.

Inzwischen war ich sozusagen nicht mehr so dick. Aber Max war eben ein Blindfisch. Und überhaupt. Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst! Wo das genau war, wusste ich zwar nicht, aber weit weg von hier war es bestimmt.

Ich setzte mich in den Sand und sah mich um. Viele Leute lagen hier und sonnten sich. Die meisten von ihnen schimmerten fettig von der dauernden Einreiberei.

Ich sah einem Mädchen zu, das den Handstand übte. Einen nach dem anderen übte sie. Und als sie bemerkte, dass ich ihr zusah, strengte sie sich noch mehr an.

Die sollte sich bloß nicht einbilden, dass ich sie bewunderte! Das, was die da machte, konnte ich längst! Schnell guckte ich weg, als sie wieder zu mir herübersah.

Und als sie dann noch auf mich zukam, bemerkte ich sie fast gar nicht mehr.

Sie stand vor mir und lachte mich an. Ich lachte zurück. Das musste ich ja wohl.

Sie sagte etwas.

Nicht ein Wort verstand ich davon. Bestimmt war sie eine Ureinwohnerin oder wie man die nannte. So eine richtige Französin eben.

Ich hielt meine Nase zu und sagte: »Merci!« Ein bisschen Französisch konnte ich ja schließlich auch.

Erstaunt sah mich das Mädchen an.

Vielleicht war sie ja doch Amerikanerin. Hm. Richtiges Amerikanisch tat’s nur mit heißen Kartoffeln im Mund. Das hatte Mama mal gesagt. Nein! Sie musste eine Französin sein. Ich hielt mir also wieder die Nase zu und sagte: »Bonjour!«

Na endlich! Sie schien mich zu verstehen. Sie zeigte mit ihrem Finger auf ihre Brust und sagte: »Jaqueline!«

Ich machte das Gleiche und sagte: »Johanna!« Wir lachten.

Jaqueline nahm einen riesigen Kaugummi aus dem Mund und gab mir die Hälfte davon. Das fand ich sehr nett. Wir kauten und kauten und machten Blasen um die Wette. Anfangs waren sie noch ziemlich groß. Und später ging das irgendwie nicht mehr. Die Blasen platzten nämlich immer und vom Gesicht ging der Kaugummi zwar einigermaßen ab, aber aus den Haaren bekamen wir alles nur sehr schwer wieder heraus. Bei mir war das nicht ganz so viel Arbeit, weil meine Haare kurz waren. Aber die von Jaqueline waren sehr lang und wir mussten stundenlang rubbeln, bis wir schließlich die letzten Reste herausgeholt hatten.

Langsam bekam ich Hunger. Sicher war es Zeit, nach Hause zu gehen. Ich zeigte auf meinen Bauch und dann auf meinen Mund. Jaqueline nickte.

»Bonjour!«, sagten wir fast gleichzeitig. Wir lachten wieder. Und dann ging ich.

*

Die Tür unseres Ferienhäuschens stand offen. Die Abendsonne schien feierlich in die Küche hinein.

»Gut, dass du kommst, Johanna.« Mama wusch gerade Salat. »Du kannst den Tisch schon decken. Das Essen ist gleich fertig.«

»Immer ich!« Ich hatte keine Lust. »Schließlich habe ich Ferien«, erinnerte ich Mama noch.

»Ach so!« Mama tat sehr erstaunt. »Das hatte ich fast vergessen. Aber bitte entschuldige, ich wollte dich nicht überlasten.« Sie ging zu einem Sessel. »Komm, setz dich! Leg die Beine hoch! Aber tu langsam! Nicht, dass du dich überanstrengst.« Mama zupfte ein Kissen auf dem Sessel zurecht. Sie war böse. »Setz dich! Ich hoffe, ich störe dich nicht mit meinem Geklapper.«

»Die andern tun nie was. Immer fragst du mich. Ich bin doch kein Dienstmädchen!«

Jetzt war Mama richtig böse. »Entschuldige vielmals, Johanna! Ich habe es einfach nicht bemerkt, dass du dich so sehr überarbeitet hast. Mein Gott, wie konnte mir das nur passieren?«

Ich schwieg.

»Aber weißt du was?« Mama stellte Teller auf den Tisch. »Am besten ist es sicher, wenn du ab heute alles nur noch für dich alleine machst.«

»Dann esse ich eben nichts mehr!« Ich schlug die Tür hinter mir zu, so fest ich konnte, und lief beleidigt auf mein Zimmer. Laut und umständlich drehte ich den Schlüssel im Schloss um. Mama sollte hören, dass ich mich eingeschlossen hatte.

Nichts passierte.

Ich hörte die anderen kommen. Papa, Christina und Veronika. Max war auch zurück. Und ich hörte sie lachen. Eine Unverschämtheit! Sie schienen mich glatt zu vergessen.

Spaghetti-Geruch stieg von unten herauf. Ich hatte Hunger.

Mama rief mich.

Ich schwieg.

Papa rief mich.

Ich schwieg immer noch.

Veronika rief mich.

»Ich werde nichts essen!«, rief ich zurück. »Verhungern werde ich! Und zwar diese Nacht noch!«

Nichts rührte sich. Niemand kam voller Angst die Treppe heraufgestürzt, um mich zu retten. Niemand. Dabei hatten sie es alle gehört.

Also gut! Sie würden schon sehen! Ich zog mich aus und kroch unter die Bettdecke. Jawohl! Verhungern wollte ich! Und am besten fing ich sofort damit an. Ich schloss die Augen. Eine Hand legte ich auf meinen Bauch. Er fühlte sich leer an. Lange konnte es nicht mehr dauern.

Ja, sie waren selbst schuld. Gleich würden sie kommen und aufschreien bei meinem Anblick. Geschwächt würde ich daliegen. Papa würde rennen, um einen Arzt zu holen. Aber es wäre zu spät.

Ob es nicht doch besser war, die Tür wieder aufzuschließen? Vielleicht war es ja zu umständlich, wenn sie die Tür erst noch aufbrechen mussten, bevor sie mich entdeckten. Ich schlich zur Tür. Unten hörte ich sie reden. Vorsichtig drehte ich den Schlüssel im Schloss zurück. Kämmen sollte ich mich besser noch. Und ein weißes Nachthemd wäre nicht schlecht. Ich fand noch eins. Dann kroch ich wieder ins Bett zurück. Ich war jetzt wirklich schon sehr schwach.

Ich atmete schwer. Die Arme legte ich auf meine Bettdecke. Das macht man so, wenn man verhungert. Ich schloss wieder die Augen.

Sie verstanden mich einfach nicht. Aber gleich würden sie kommen. Mama würde an meinem Bett sitzen, meine Hand halten und mich ansehen. Die ganze Zeit. Und dabei würde sie weinen. Ausgerechnet Johanna, würde sie denken. Wie konnte ich nur so hart sein mit ihr? Sie würde aufschluchzen dabei. Und dann würde ich sterben, ohne zu zucken, ohne aufzuschreien, einfach so.

Und alle wären auf meiner Beerdigung dabei. Ein wunderbares Kind war Johanna, würden sie sagen, und dass es eine Schande sei.

Weinend würden sie vor meinem offenen Grab stehen. Schade, ich konnte es nicht mehr miterleben. Alle wären fassungslos. Auch Max würde weinen. Und dass er sich tatsächlich verzählt hätte mit den Sommersprossen, würde er auf den Sarg hinunterflüstern. Aber ich würde es nicht mehr hören. Es wäre zu spät. Dafür konnte ich ja auch nichts. Und Christina würde verzweifelt die Schokolade in der Hand halten, die von gestern, und sie hätte sie mir bestimmt noch schenken wollen, sie hätte sich ja nur nicht so direkt getraut. Aber es wäre zu spät. So leid es mir auch tat . . .

Ich hörte, wie die Tür leise geöffnet wurde. Ich atmete schwer.

»Jo!« Es war Max. Ich antwortete nicht und atmete weiterhin schwer.

»Jo!«, flüsterte Max wieder. »Los, steh auf! Ich will dir was zeigen.«

Dieser Dummkopf! Kapierte er denn wirklich nichts? Ich atmete noch etwas lauter und immer noch genauso schwer. Max kam näher. »Ich weiß genau, dass du nicht schläfst.«

Mann! Wie lange dauerte das denn noch mit dem Verhungern? Ich sah es schon kommen, Max würde mir alles verderben. Und das so kurz davor. Jeden Moment musste es so weit sein. Ich presste die Lippen zusammen, vielleicht ging es dann etwas schneller. Oder ob ich inzwischen längst tot war? Man weiß ja nie.

Mein Fuß kitzelte. Verdammt! Max, dieser Idiot hielt einen Grashalm daran. So eine Gemeinheit! Nicht mal sterben lassen konnte er mich in Ruhe.

»Specki! Ich geh gleich ohne dich.« Max machte einen Schritt auf die Tür zu.

So ein Mist, das dauerte ja wirklich ewig.

»Kommst du jetzt mit?« Max stand schon an der Tür.

Da konnte einem ja wirklich die Lust vergehen. Ehrlich gesagt, das Verhungern wurde mir einfach zu langweilig. »Also, ich geh jetzt. Selbst schuld, wenn du nicht mitkommst.«

»Warte! Was hast du denn vor?« Schon stand ich neben ihm.

»Los, zieh dich an! Du wirst schon sehen!«

*

Vom Fenster aus kletterten wir auf einen Ast, der fast bis ans Fenster heranreichte. Von hier aus war es nicht mehr ganz so weit bis zum Boden. Ich sprang zuerst ab. Der Knöchel tat ein bisschen weh beim Aufkommen. Aber ich ließ mir nichts anmerken.

Gebückt schlichen wir am Wohnzimmerfenster vorbei, Papa und Mama sollten uns nicht sehen.

Als wir weit genug vom Haus entfernt waren, rannte Max los. Und ich rannte hinterher. Im Dunkeln sah alles ganz anders aus. Gott sei Dank lief Max nicht so schnell.

Er blieb stehen. Das tat ich dann auch. Max hätte bestimmt Angst ohne mich.

»Wir müssen leise sein, sie dürfen uns nicht hören«, flüsterte er.

Vorsichtig schlichen wir durch das Gebüsch. Dornen kratzten an den Beinen. Und immer wieder schlugen mir Zweige ins Gesicht. Hinter einem der Büsche legte Max sich auf den Bauch. Ich kroch zu ihm. Es war so dunkel hier.

Schweigend kauerten wir nebeneinander und warteten. Die Bäume am anderen Ende der Wiese sahen wie Riesen aus. Manchmal flüsterten sie mit dem Wind. Und dann wieder sahen sie schweigend zu uns herüber. Ich bewegte mich nicht. Max rutschte ein Stückchen näher zu mir. Wir hielten uns an unseren Händen fest. Und wir warteten.

*

Ich fuhr hoch. Das war doch nicht möglich! Max lag neben mir und schlief. Es war schon wieder hell. Und ich fror. Die Bäume am anderen Ende der Wiesen waren Bäume und ich wollte endlich in mein Bett.

»Max!«

Er sah mich reichlich verwirrt an.

»L

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