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Mauer, Jeans und Prager Frühling

Inhaltsübersicht

Vorwort

Die Mauer

Wurzelsepp

Volksbuchhandlung Gutenberg

Britt

Die Ostsee

Meine Bands

Jeans

Musik an der Ecke

West-Antennen

Das Abitur

Tanzen

Der »King of Jazz«

Berlin

Student

Das »Corso«

Der letzte Bohemien

Bansin

Der Beat-Aufstand

Das 11. Plenum

Mao

Das »Casino«

Kabarett

Kneipen, Bars und Restaurants

Nachtfee

Ein bißchen Westen, zweimal im Jahr

Alte Antiquariate

Polen war ganz anders

Kraków

Auschwitz

Ein sinnloser Versuch

Die Unikirche

Die Presse

Kleiner Nachtrag zur Unikirche oder Warum ich kein CDU-Mitglied wurde

Die alte Universität

Die Trümmerkugel

Die unerwünschte Anstalt

Übermut

Zeit für Lyrik

Die Motorboot-Lesung

Damals in Prag

Im Herzen Europas

Ein Diesseitswunder

Prager Frühling

Schubis Odyssee

Guido

Aufklärung

Die Aktion

Schluß

Quellen- und Rechtsnachweis

Dank

Für Sascha, Friedrich und Levi

Vorwort

Wie »Magermilch und lange Strümpfe« soll auch dieses Buch Erinnerungen wachrufen, Erinnerungen an eine stürmische Zeit, die sechziger Jahre.

Hatte so mancher aus meiner Generation zuvor noch Freunde und Verwandte im Westen Deutschlands besuchen und in den Fünfzigern das galoppierende Wirtschaftswunder bestaunen können: am 13. August 1961 war damit Schluß. Nach dem Bau der Mauer saßen wir in der Falle; ein ganzes Land hatte Stubenarrest bekommen.

Für wenige Wochen im Jahr durften wir zwar in der ČSSR, Polen und Ungarn etwas Freizügigkeit tanken, in den restlichen Monaten mußten wir uns jedoch im Land einrichten. Aber Gleichgesinnte finden überall und unter allen Umständen zueinander. Wir trafen uns in der Nische; dort wurde gespottet, gelacht, gesungen und getanzt. Die Party- und Fetenkultur in der DDR ist ein handfester Beleg dafür, daß junge Leute in Sachsen und Thüringen trotz Mauer, Stacheldraht und Bespitzelung genauso ausgelassen feierten wie ihre Altersgenossen in Bayern oder Hessen. Manchmal vielleicht sogar noch etwas ungestümer.

Wer nach der Mauer im Osten Deutschlands Beruhigung erwartet und gehofft hatte, daß die Partei hinter den geschlossenen Grenzen liberaler regieren würde, sah sich getäuscht. Es kam zu schweren Repressalien in Kunst und Kultur, die Wehrpflicht wurde eingeführt.

Die es im Land nicht aushielten, die Flucht wagten, riskierten Gefängnisstrafen oder gar ihr Leben. Bis zur Möglichkeit, einen Ausreiseantrag zu stellen, sollten noch viele Jahre vergehen.

Weil er unerreichbar geworden war, verklärte sich der Westen von Jahr zu Jahr mehr. Wir jungen Leute hatten erst mal nur einen handfesten materiellen Wunsch: Jeans. Dazu gesellten sich Bücher und Schallplatten, die im Osten nicht zu haben waren. Obwohl wir in völlig verschiedenen Gesellschaftsordnungen aufwuchsen, teilten die Jugendlichen aus Ost und West die Liebe zur Musik der Beatles und der Rolling Stones, zu den Liedern von Joan Baez und Bob Dylan, Simon und Garfunkel, und wie sie alle hießen.

Die sechziger Jahre brachten im Westen starke Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg hervor, gegen das Establishment, die fehlende Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit.

Auch uns beschäftigte der Krieg, den die USA in Südostasien führten, und wir hofften auf sein schnelles Ende.

Interessiert verfolgten wir den Eichmann-Prozeß oder die Proteste gegen Globke und Konsorten, Altnazis allesamt, die es in der BRD schon wieder zu Regierungsämtern gebracht hatten. Gegen unser »Establishment« konnten wir zwar nicht auf die Straße gehen, aber viele der jungen Ostdeutschen waren zuversichtlich, schauten in jenen sechziger Jahren vor allem nach Prag. Die Reformen in der ČSSR ließen uns auf Veränderungen im gesamten Ostblock hoffen.

Ich war siebzehn, als der Stacheldraht in Berlin ausgerollt wurde. In einem Schlager heißt es »Mit siebzehn hat man noch Träume«. Auch ich hatte welche. Bis so mancher meiner Träume wahr wurde, gingen Jahrzehnte ins Land.

Die Mauer

Es gibt bekanntlich Situationen im Leben, die man nie vergißt. Bestimmte Bilder, verbunden mit gravierenden Ereignissen, prägen sich ein und sind jederzeit abrufbar, wenn in Gesprächen jene Ereignisse berührt werden.

Mir steht ein Erlebnis, das ich als 17jähriger hatte, noch immer vor Augen. An einem Sonntagvormittag im August 1961 klingelte es an meiner Wohnungstür. Obwohl ich damals noch zu den fleißigen Kirchgängern zählte und im gemischten Chor in der nahe gelegenen Methodistenkirche als Tenor sang, war ich an jenem Sonntag zu Hause geblieben, hatte »bis in die Puppen« geschlafen. Als ich noch etwas verschlafen öffnete, stand ein Freund in der damals üblichen feineren Sonntagskleidung vor mir und sagte statt grüß dich!: »Hast du’s schon gehört?«

»Was?«

»Die bauen eine Mauer.«

»Wer?«

»Die DDR.«

»Die DDR?«

»Ja.«

Ich sah meinen Freund verwundert an und kapierte überhaupt nichts.

»Wo?«

»In Berlin.«

»In Berlin?« fragte ich, als hätte ich den Namen der Hauptstadt unserer Deutschen Demokratischen Republik noch nie gehört. »Komm erst mal rein.«

»Die machen die Grenze dicht.«

»Die Grenze?!«

»Ja.«

Nun dämmerte es bei mir. Die Grenze nach Westberlin. Diese Stadt war der Stachel im sozialistischen Fleisch, der Hort des Bösen, die Frontstadt, obwohl an dieser Front glücklicherweise noch nie geschossen worden war. Das sollte sich erst nach und nach ändern. In Westberlin, so sagte die Partei, wurden DDR-Bürger mit westlicher Kultur verseucht, dort gab es Wechselstuben mit Schwindelkursen. Dort wurde überhaupt prinzipiell geschwindelt. Man hatte dafür extra den RIAS geschaffen, den Rundfunk im amerikanischen Sektor. Von dort schwangen sich die RIAS-Enten in die Ätherwellen, und mit diesem Äther wurden schwankende Bürger, nicht gefestigte Menschen hier im Land betäubt. Meine Freunde und ich sahen die Situation mit dem RIAS natürlich ganz anders. Ein paar Jahre zuvor hatte uns »der Onkel Tobias vom Rias« noch begeistert, inzwischen waren es die »Schlager der Woche«, die wir nie verpaßten, wenn uns im Radio ein störungsfreier Empfang beschieden war.

»Wie machen sie denn die Grenze dicht?«

»Mit Betonblöcken und Stacheldraht.«

»Wo haben die denn so viel Stacheldraht her?«

Mein Freund zuckte die Achseln, grinste und meinte: »Vielleicht aus dem Westen?«

Wir lachten und hatten keine Ahnung, wie nahe dieser Scherz der Wahrheit kam.

Eine Mauer aus Betonblöcken? – Ich konnte es noch immer nicht fassen. Hatte ich doch vor nicht allzu langer Zeit irgendwo bei Bekannten im Fernsehen – oder war es im »Augenzeugen« gewesen – Walter Ulbricht gesehen, wie er in einer Pressekonferenz gegen Gerüchte Stellung nahm: »Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«

Und nun diese Nachricht!

War das nicht blamabel für Ulbricht, so in die Welt hinaus gelogen zu haben! Störte es die vielen Genossen der SED denn gar nicht, daß ihr Erster Sekretär als Lügner dastand?!

Am 13. August wurde die Mauer errichtet, mit Splittbetonplatten und Hohlblocksteinen, die ursprünglich für den sozialistischen Häuserbau gedacht waren. Daraus entstand nun dieses sozialistische Ungetüm ...

Die Lage hatte sich in den Monaten vorher zugespitzt. Allein während der Weihnachtsfeiertage 1960 waren 3000 Menschen aus dem Osten geflüchtet. Über die Osterfeiertage des Jahres ’61 waren es 5200. Die DDR geriet immer mehr unter Druck. Aber eine Mauer – das hätte niemand geglaubt. Viele meinten, es wäre technisch völlig unmöglich, Berlin zu trennen, die U-Bahn, die S-Bahn, die Schifffahrt, die Leitungen für Strom, Gas, die Kanalisation ...

Täglich überschritten rund 500000 Menschen die Sektorengrenzen. Und es gab 53000 Grenzgänger, so nannte man jene Leute, die im Westen arbeiteten und im Osten wohnten, quasi privilegierte Leute. Wenn sie nur einen Teil des Lohnes in Ost-Mark umtauschten, waren sie nahezu wohlhabend.

Ich selbst hatte Westberlin noch nie gesehen, aber ältere Bekannte fuhren meist einmal im Jahr dorthin, tauschten in den Wechselstuben, kauften sich eine schicke Klamotte in der »HO Gesundbrunnen«. Und gingen vor allem ins Kino!

Von 1949 bis zum 13. August 1961 hatten 2,7 Millionen Menschen die DDR verlassen. Ein großer Teil des Bürgertums war in den Westen gegangen. Geblieben waren oft Menschen, die von ihrer Heimat nicht lassen konnten oder von einer Reform träumten.

Uns wurde in der Schule immer wieder erzählt, daß der Westen an seinen Widersprüchen kaputtgehen wird. Es wäre nicht mehr lange hin. Und trotzdem wollten so viele hinüber in diesen sterbenden Kapitalismus, denn – wie es ein Witz beschrieb: Es wäre »ein schöner Tod«!

Und nun wurde also tatsächlich eine Mauer gebaut ... Am nächsten Tag standen in Schulen Thälmann-Pioniere neben der Büste des Arbeiterführers Wache – mit einem Luftgewehr.

Wir hatten natürlich an jenem Sonntag noch keine Ahnung, was die Grenzsicherung für uns bedeutete, daß wir nun für viele Jahrzehnte vom größeren Teil der Welt abgeschnitten sein würden. Es war uns lediglich etwas mulmig, weil wir ahnten, daß sich die politische Lage dadurch zuspitzen könnte. Und manche sagten auch unverblümt und zornig: »Die mauern uns ein!« oder »Nun ist alles zu Ende!«.

Aus kindlichem Stubenarrest war Landesarrest für ein ganzes Volk geworden.

Natürlich gab es auch Menschen, die meinten, daß es nach dem Mauerbau aufwärtsgehen würde, wenn so viele im Osten ausgebildete Facharbeiter und Wissenschaftler hierbleiben und die DDR-Wirtschaft mit voranbringen würden. Nicht wenige hofften auf Stabilisierung.

An jenem Sonntag im August verbreitete sich allerdings erst einmal die Angst, daß die Lage eskalieren könnte. Kampfgruppen standen am Brandenburger Tor. Die Deutsche Volkspolizei und die Nationale Volksarmee hatten den sowjetischen Sektor abgeriegelt und blockierten alle Wege, die nach Westberlin führten. Sowjetische und amerikanische Panzer hatten die Rohre aufeinander gerichtet. Für den Verkehr nach Westen blieb nur der Bahnhof Friedrichstraße geöffnet.

Die Grenze zwischen Warschauer Pakt und NATO ging nun mitten durch Berlin.

Die Menschen in Ost und West standen fassungslos an der Demarkationslinie und weinten. In jenem Jahr feierte ein Schlager hüben wie drüben Triumphe: Heidi Brühl sang »Wir wollen niemals auseinandergehn, wir wollen immer zueinanderstehn ...«. Die Liebesschnulze bekam durch die aktuelle Politik eine ganz besondere Bedeutung. Viele Westberliner und Westdeutsche forderten ein militärisches Eingreifen. Aber die Westmächte lehnten ab. Das wäre der Beginn eines dritten Weltkriegs gewesen. Und die frisch errichteten Häuser in der Stalinallee wären sechzehn Jahre nach Kriegsende schon wieder Ruinen geworden.

Wie haben wir am 14. August 1961 in meiner Gärtnerei, in der ich lernte, über die »Maßnahmen zur Grenzsicherung« gesprochen? Bei uns war niemand in der Partei, also werden wir offen geredet haben. Ich weiß noch, daß viele Ostdeutsche von diesen Maßnahmen sehr unangenehm überrascht wurden, weil sie für jene Tage ihre Flucht geplant hatten. Man erzählte über solche Leute:

Die hatten schon alles weggegeben!

Die hatten nischt mehr!

Die schliefen zu Hause nur noch auf Luftmatratzen.

Die haben sich bei ihren Verwandten erst mal bißl Geschirr geholt.

Ich entsinne mich lebhaft an ein Gespräch mit einem Lehrer in der Berufsschule. Der Begriff »Antifaschistischer Schutzwall« für die Mauer war ja besonders dreist. Deshalb stellte ich mich dumm und fragte, wie denn diese Formulierung zustande käme. Das hieße doch, in Westberlin herrsche der Faschismus ...?

Nun ja ... also ... so direkt ... aber ... es gebe eben Revanchisten ... die die Ergebnisse der Geschichte nicht akzeptierten ...

Und die sind alle in Westberlin?

Ja ... nein ... Berlin wäre eben die Frontstadt ...

Aber wieso zeigen die ganzen Sperren nach Osten, wenn es um die westdeutschen Revanchisten gehe?

Nun ... es gibt ja auch ... Provokateure aus dem Osten ... Grenzverletzer ... aufgehetzt aus dem Westen ... deshalb dient der Schutzwall in jeder Beziehung dem Frieden ...

Spätestens seit der Erfindung des Flugzeugs ist doch mit einer Mauer kein Krieg mehr zu verhindern ...

Da konnte der langsam ins Schwitzen gekommene, durchaus freundliche Berufsschullehrer nur mit mir hoffen, daß solch eine Zuspitzung der Lage vorher am Verhandlungstisch gelöst werden würde.

Eins stand jedenfalls fest: aus der von mir immer mal wieder geplanten Reise ins geheimnisumwitterte Westberlin würde nichts mehr werden. Nichts da mit den erträumten »Westfilmen«, worunter wir jungen Burschen vor allem kernige Cowboy- und Musikfilme verstanden. Nichts da mit Kaugummi und Comics, die wir damals noch Bilderhefte nannten, oder einem Bummel über den sagenumwobenen Ku’damm, von dem immer in den höchsten Tönen geschwärmt wurde.

Und wie war ich enttäuscht, als ich die Prachtstraße dreißig Jahre später endlich sah! Viele schnell hochgezogene, nichtssagende Fünfziger-Jahre-Bauten neben noblen, erhalten gebliebenen Jahrhundertwende-Gebäuden. Dieses Westberlin unterschied sich an vielen Stellen überhaupt nicht von der Tristesse der Hauptstadt der DDR, und ich fragte mich – eine Forderung von »Experten« bedenkend –, wann man denn nun beginnen würde, auch in Westberlin verschiedene Neubauten abzureißen ...

Wurzelsepp

1960 hatte ich die Schule beendet. Nach dem letzten Schultag feierte ich mit Freunden tagsüber in unserer Wohnung. Wir trugen alle weiße Hemden – das war damals das Zeichen für einen besonderen Tag, bei Feiern einfach obligatorisch. Ich »hottete« auf unserem Klavier herum, der Klotz-Jürgen mit verspiegelter Sonnenbrille drosch auf eine Pauke mit zwei daran befestigten Becken ein, und mit uns grölten Benny, Joe und Uwe ein paar Schlager. Die Musik schallte durch die geöffneten Fenster auf die Leipziger Straße, meine Mutter hatte Bedenken, ob nicht, durch den Lärm angelockt, ein »Schutzmann« kommen könnte. Es kam aber keiner, und wir stellten irgendwann erschöpft das Gejohle ein. Die Schule war also – heiß ersehnt – für immer vorbei, und wir glaubten damals, wir hätten etwas zu feiern. Wir wußten noch nicht, daß wir nie wieder so viel Zeit im Leben haben würden wie in diesen vergangenen zehn Jahren! Kurzsichtig dachten wir nur daran, daß es nun endlich keine Schularbeiten mehr gibt und Schluß ist mit der ganzen Streberei. Dabei hätte uns doch klar sein müssen, daß die auf uns zukommende Lehrzeit kein Honiglecken werden würde.

Als ich 1960 die Zehn-Klassen-Schule beendete, dirigierte Vater Staat die männlichen Lehrlinge in die Industrie oder Landwirtschaft. Berufe wie Buchhändler oder Dekorateur, für die ich mich interessierte, blieben weiblichen Lehrlingen vorbehalten. So durfte ich nicht in die Buchhandlung Marx zu Christoph Freitag und auch nicht ins Konsum-Kaufhaus in die Hauptstraße. Eins stand für mich fest: in die Produktion würde ich nicht gehen. Der polytechnische Unterricht im VEB Sachsenring hatte mir gereicht.

Die Tristesse der zugigen Werkhallen, der Lärm der Stanzen und Drehbänke, der Geruch nach Öl waren nicht meine Welt. Einmal hatten wir am Band bei der Fertigung des »Trabbis« vier Stunden mit einem Elektrogerät irgendwelche Muttern anziehen müssen. Ich war mir wie Charlie Chaplin in »Modern times« vorgekommen.

In den Ferien hatte ich einmal in Zwickau in der Gärtnerei Adler gearbeitet. Natur und Ruhe statt Werkstatt und Maschinenlärm – das hatte mir gefallen. Also warum nicht Gärtner? Natürlich hatten die Erwachsenen uns Jugendlichen immer schon mal scherzhaft gedroht: »Na, wartet nur, wenn die Lehre beginnt! Da pfeift’s aus’m andern Loch! Da wern’se euch die Hammelbeene langziehn!«

Ich landete also als »Stift« in der Stadtgärtnerei an der Crimmitschauer Straße, die an den Friedhof grenzte. Und ich merkte sehr schnell, daß das schulische Leben gegenüber der Lehrzeit der »reine Lenz« gewesen war.

Im ersten Lehrjahr verdiente ich 40 Mark. Ich weiß nicht mehr, wieviel ich davon meiner Mutter »Kostgeld« gab, denn unsere finanzielle Situation war seit dem Tod meines Vaters mehr als bescheiden. Es reichte jedenfalls noch dazu, immer mal in das an der Ecke gelegene Café Hildebrandt zu gehen. So nannten es meine Eltern. Offiziell hieß es inzwischen Café Einheit, aber so sagte kein Mensch, abgesehen davon, daß die ja nun schon geraume Zeit verspielt und überhaupt nicht mehr in Sicht war. Der Volksmund nannte das Kaffeehaus nur »Leichencafé« oder – abgekürzt – »Leica«, weil sich dort nach Beerdigungen die schwarz gekleideten Trauergäste zur Feier versammelten. Entweder feucht-fröhlich oder feucht-traurig ... je nachdem. Ob jemand dort die verlorene Einheit Deutschlands beweint hat, ist nicht überliefert.

An der Kuchentheke vom »Hildebrandt« holte ich mir meist ein Stück Mohnkuchen – seinerzeit mein Lieblingskuchen. Schon damals behauptete man, Mohn mache dumm, aber so schlimm kann die Wirkung nicht sein, denn sonst wäre dieses Buch wegen eines späten Mohnverzehrschadens nicht geschrieben worden.

Nach der Wende wurde aus dem Kaffeehaus ein französisches Restaurant, jetzt residiert dort ein Grieche, und wenn das Buch erscheint, kann die Nationalität schon wieder gewechselt haben. Bisher sind die wunderschönen Art-déco-Glasfenster des alten Cafés noch zu bewundern, aber für den Erhalt gibt es in diesen schnellen Umbau-Zeiten leider auch keine Gewähr.

Nachdem ich Gärtnerlehrling geworden war, tauchte in meinem Freundeskreis für mich die Bezeichnung »Wurzelsepp« auf. Ich glaube, den Spitznamen habe ich meinem Freund Joe zu verdanken. Nicht, daß mich der Name geärgert hätte, aber von einem Abiturienten so angesprochen zu werden, wurmte einen Werktätigen doch etwas. Das legte sich sofort, als derselbe Joe ein Jahr später wegen Studienproblemen bei mir auftauchte: alle Abiturienten sollten erst einmal einen Beruf erlernen. Joe saß da, druckste herum und ließ schließlich die Katze aus dem Sack ... Wie das denn so wäre ... Gärtner ... Ich grinste ein wenig, und bald radelten wir gemeinsam in die Stadtgärtnerei. Dank meines Vorlaufs konnte ich nun schon mit gärtnerischem Wissen brillieren.

Etliche Jahre war ich in der Vergangenheit mit denselben Schülern zusammengewesen, mit der Lehre traten auf einen Schlag eine ganze Reihe neuer Leute in mein Leben. Da war erst einmal mein Lehrmeister Ernst Küttler, ein frommer Mann im besten Sinne, trotzdem ließen ihn die Genossen vom VEB Park- und Gartenanlagen der Stadt Zwickau in Ruhe.

Ein Satz von ihm ist mir aus der Anfangszeit meiner Lehre in Erinnerung geblieben: »Na, Lutz, dir müssen wir auch noch mal das Laufen lernen!« Das sagte er lächelnd, und da war garantiert etwas dran, wer weiß, wie wir 16jährigen damals durch die Gegend schlurften.

Was den prophezeiten »anderen Ton« anbelangte, so war der vom Meister stets moderat, nie laut, aber dabei durchaus nicht ohne Strenge. Es war das rechte Maß, die rechte Mischung.

Ernst Küttler war immer gerecht, lächelte gern, Frauen haben ihn bestimmt als charmant in Erinnerung. Respekt hatten wir vor ihm allemal. Wenn der Meister auftauchte, wurde die Schwatzpause sofort abgebrochen. Keiner, der nicht sofort weitergearbeitet hätte, wenn er sich näherte. Für mich als vaterlosen Halbstarken war er in jener Zeit besonders wichtig.

An einem heißen Sommertag gab es von ihm auch mal – nach besonders guter Arbeit – eine Flasche Bier mit dem berühmten Schnappverschluß. In einem kühlen Raum, seinem Büro, hatte der Meister einen kleinen Vorrat unter dem Schreibtisch deponiert.

Für meine Generation gilt: wir sind von Männern erzogen worden, die allesamt im Krieg waren; diese Jahre haben sie, meinen Lehrmeister wie auch meine Lehrer in der Schule, auf besondere Weise geprägt. Ernst Küttler war als junger Unteroffizier im Jagdgeschwader Bölkow. Als ihn dann der Mangel an Flugzeugen, an Benzin, letztlich an allem, vom Himmel auf die Erde versetzte, erhielt er kurz vorm Ende von einem russischen Scharfschützen einen Halsdurchschuß. Die beiden Narben waren deutlich zu sehen. Und er hat seinem Gott gedankt, daß ihn dieser Schuß vor weiterem Fronteinsatz bewahrte. Allerdings: sein linker Arm war gelähmt und baumelte wie ein nutzloses Anhängsel am Körper. So kam Ernst Küttler in Gefangenschaft, den gelähmten Arm in Gips. Als sowjetischer Kriegsgefangener betrat er jenes Lager, das wenige Tage zuvor noch das Teuflischste gewesen war, was sich Menschen bis dahin ausgedacht hatten: Auschwitz. Und er sah die Ruinen der gesprengten Gaskammern. Während er davon erzählte, verströmten Tagetes ihren intensiven Geruch, und von den Glasscheiben tropfte Kondenswasser auf das Blatt eines Philodendrons, das wie zur Bestätigung nickte. In dieser Gewächshauswelt, in der es so betörend duftete, erschienen uns die Erzählungen besonders unwirklich.

Als Ernst Küttler schließlich wieder nach Hause kam, riet man ihm, sich den Arm amputieren zu lassen, weil er ihn doch nur behindere. Sein Schwiegervater, ein Physiotherapeut, war dagegen und behandelte den Arm über lange Zeit mit Massagen. Eines Tages spürte Ernst Küttler ein Kribbeln in den Fingern, bald konnte er den Arm bewegen und dankte wieder aus vollem Herzen seinem Gott. Mit meinem Lehrmeister Ernst Küttler war ich zwei Jahre zusammen. Ich möchte nie die Zeit der oft harten, körperlichen Arbeit missen. Das positive Vorurteil vieler Menschen: Ach, Gärtner, herrlich! Die schönen Blumen! Und immer an der frischen Luft, bestätigte sich im Alltag allerdings nicht. Erst einmal ist Erde erwiesenermaßen schwer! Und die mußten wir ja unentwegt durch die Gegend karren.

Dann hat Erde im Winter den Nachteil, daß sie gefriert!

Selbst bei 12 Grad minus kommen Sie mit der Spitzhacke ganz schön ins Schwitzen, bis Sie so viel losgeschlagen haben, daß Sie eine Schubkarre damit füllen können.

Die Saatkisten, die wir für unsere Arbeit benutzten, waren meist vom volkseigenen Fischhandel übernommen. Sie rochen nach Hering und Makrele, und in der Gärtnerei kam dadurch etwas Ostseestimmung auf. In die Kisten wurde zunächst ein altes »Neues Deutschland« gelegt, damit die Muttererde unseres Vaterlandes nicht durch die Ritzen rieselte. So diente das zentrale Parteiorgan letztendlich noch einem guten Zweck.

Gern arbeitete ich mit der Kunz-Ingrid zusammen. Sie war etwa mein Jahrgang. Die Haare am Hinterkopf zu einer »Nirle« gedreht, doch stietzten immer welche heraus. Sie war schlank, stets fröhlich, und es machte Freude, sie am Morgen zu sehen. Ingrid wirkte durch ihren Gang selbst in den unerotischen Arbeitshosen und Gummistiefeln reizend. Sie stammte aus Wilkau-Haßlau, also aus jener legendären sprachlichen Gegend, wo die Hasen Hosen und die Hosen Husen haßen. Wenn sie am Samstag – wir arbeiteten damals noch bis mittags – die Gewächshäuser wischte und den Scheuereimer suchte, dann lautete die Frage in ihrem Dialekt: »Wuh iss’n dorr Scheierahmer?«

Im Warmhaus stand ein uralter eingewurzelter Gummibaum. Meister Küttler bestieg ihn einmal im Jahr und säbelte mit einer Säge Äste ab. Er erntete quasi die neuen Gummibäume. Die Äste wurden nachgeschnitten, die Blätter gefaltet und ein Schnipsgummi drumgemacht. Sozusagen Gummi zu Gummi. Dadurch brauchten sie nicht so viel Platz. Dann wurden die Stecklinge in den Sand gesteckt und bildeten Wurzeln. Ich selbst bekenne, daß ich Gummibäume nicht leiden kann, auch wenn mein Freund Tom Pauls ein viel bejubeltes Lied über den Gummibaum singt. Mir sind die glänzenden glatten Blätter irgendwie zu künstlich. Manchmal brachte eine Frau vor dem Urlaub ihren Gummibaum zu uns (Männer hielten es wahrscheinlich für unter ihrer Würde, solch eine Zimmerpflanze durch die Gegend zu schleppen!). Wenn sie ihn dann wieder abholte, schwärmte sie von der guten gärtnerischen Pflege. Die hatte allein darin bestanden, daß wir beim Gießen mit dem Schlauch ab und an auch den Gummibaum von Frau Meyer oder Müller mit dem von Hand regulierten Wasserstrahl benetzten. Aber im Gewächshaus war’s eben wärmer als im Wohnzimmer! So fühlte sich der Gummibaum wie zu Hause – und wuchs schneller!

In jenem Gewächshaus, in dem der große Gummibaum wurzelte, gab es ein sogenanntes Vermehrungsbeet. Ein besonders schöner Name. Normalerweise findet bekanntlich die Vermehrung im Bett statt. Ein Stück Sandbeet war für jene Stecklinge vorgesehen, die fäuleanfällig waren, wie zum Beispiel die von Chrysanthemen. Auch Steckhölzer kamen ins Vermehrungsbeet mit Sand und Torfmull. Die Liguster-Hölzer erinnerten dann an Bleistifte, die man am Strand der Ostsee in den Sand gesteckt hatte.

So wurde das Vorhandene immer wieder vermehrt. Das wunderbare Perpetuum mobile des Gärtners.

Heute haben es Gärtner gar nicht gern, wenn Leute wissen, daß man die Pelargonien oder das Margeritenbäumchen im Herbst nicht entsorgen muß, sondern daß man mit ihnen über viele Jahre leben kann. Nun wünschen sich die Gärtner Menschen, die nicht ahnen, daß vieles »immer wieder kommt«. Alles wegwerfen und im nächsten Jahr neu kaufen – das ist in dieser Gesellschaft überlebenswichtig!

Die lateinischen Namen der Pflanzen faszinierten mich: Canna indica ... Cyclamen persicum giganteum ... Callistephus chinensis. In den Bezeichnungen klangen ferne Länder nach.

Aus solchen Träumereien wurde man sehr schnell gerissen, wenn es um das Ausfahren der Dekorationspflanzen ging. Mit einem klapprigen Framo. Eine besonders ungeliebte Arbeit. Davor drückte sich, wer konnte. Ein triftiger Grund war die Schlepperei, denn man mußte die Lorbeerbäume in den großen schweren Kübeln meist irgendwelche Treppen »hochasten«. Sowohl im »Schwanenschloß« als auch im Schlachthof, dessen Saal besonders verhaßt war, weil er sich unterm Dach befand. Verschärfend kam dazu, daß wir den Dekorationspflanzen-Mann alle nicht leiden konnten. Wenn jemand zum Mittun gesucht wurde, versteckten wir uns am Topfschuppen oder gingen anderswo in Deckung. Dieser B. war ein muffliger Mensch, der kein privates Wort über die Lippen brachte, keinen Satz zum Tag, zu einem Geschehen, nichts.

Launischer als das Wetter im Bermudadreieck.

Nie machte man ihm etwas recht. Er war immer am Stänkern und maulte in seinem superlangsamen Sächsisch: »Na ... looooos ... loof ... ma ... bißl ... schneller ...« Und während man schleppte, dekorierte er, Zigarre im Mund, am Bühnenrand die grüne Schmuckkante: einen Asparagus, einen Chlorophytum, einen Asparagus, einen Chlorophytum ... wegen ihrer weißgrünen Farbe wurden sie nach wie vor »Sachsenband« genannt, obwohl es Sachsen längst nicht mehr gab.

Links und rechts wurde das Rednerpult, das mit dem entsprechenden Emblem der Partei oder der Gewerkschaft geschmückt war, von einem Lorbeerkübel flankiert. So konnte der Redner grün umrankt über die Erfolge beim weiteren Aufbau des Sozialismus palavern. Davor stand meist ein Blumenstrauß, und manch einer der gelangweilten Zuhörer hätte sich gewünscht, so einen Strauß kaufen zu können, denn Schnittblumen gehörten zu den Mangelwaren in der DDR. Reichlich und zur entsprechenden Jahreszeit verläßlich vorhanden waren nur die Blumen auf Wiese und Feld.

Noch schlimmer, als mit B. Dekorationspflanzen zu transportieren, war Mist fahren. Einmal hat es mich zusammen mit der Kunz-Ingrid ereilt. Am GST-Reitstützpunkt am Schwanenteich luden wir Mist auf das Pferdefuhrwerk vom Sieg-Erich und mußten dann hoch auf dem dunkelgelben Wagen durch die ganze Stadt fahren. Dem Sieg-Erich war das egal, der Ostpreuße war froh, mit einem Pferdegespann – wie zu Hause – die Straße entlangzuzotteln. Nicht egal war es uns zwei jungen Menschen von 17, 18 Jahren. Die reine Schande! Wir haben uns im Spaß die Gummijacken über den Kopf gezogen, damit uns niemand erkennen sollte.

Der Mist wurde immer Ende Januar, Anfang Februar geholt, wenn die Frühbeetkästen gepackt wurden. Etwa 20 Zentimeter Mist, dann 10 Zentimeter Erde. Die Cyclamen standen dort drin quasi auf warmen Füßen beziehungsweise Wurzeln. Das Positive bei dieser Arbeit war, daß man auch bei größter Kälte nie an die Füße fror!

Zu unserer Gärtnerei gehörte eine große Freilandfläche. Dort agierten in unverwüstlichen Holzpantoffeln die ebenfalls unverwüstlichen Gartenfrauen Emma und Klara. Beide waren sogenannte Umsiedler. Emma war eine gutmütige Frau, Klara neigte etwas zu Feldwebel-Manieren. Mit ihnen arbeitete Frau Sieg. Sie war mit ihrem Mann aus Ostpreußen nach Zwickau gekommen.

Wenn man durch ein hölzernes Gartentor das Freiland betrat, stieg ein kleiner Weg nach oben. Gleich am Anfang duftete es aus dem Rosenquartier. Links und rechts lagen Felder. Ein dörfliches Milieu mitten in der Stadt. Das benachbarte Stadtgut, wo der Sieg-Erich waltete, verstärkte noch diesen Eindruck.

Die schwersten Arbeiten habe ich in der angrenzenden Baumschule erlebt. Das Reich vom Windisch-Kurt, der bei Wind und Wetter seine Bäume, Bäumchen und Gehölze, nicht etwa »Büsche«, pflegte. Ich erinnere mich, wie wir eines Tages 10jährige Pappeln »ernteten«. Mit einem Rodespaten, an dessen Stiel ein verlängertes Metallblatt saß, hieben wir voller Schwung auf die Wurzeln ein. Der Spaten tanzte in der Luft, bis wir eine Kerbe hineingehackt und diese allmählich vertieft hatten. Schließlich war eine Wurzel nach der anderen mit einem knirschenden Geräusch durchtrennt, man spürte förmlich die Schmerzen des Baumes. Und der ächzte noch einmal mörderisch auf, wenn er aus seinem angestammten Reich gehievt wurde.

Der Windisch-Kurt hatte oft ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, das nicht nur der Freude an der Natur geschuldet war, sondern zu Teilen dem kleinen Depot von Kräuterlikör, das er in seinem Holzhüttchen vorbeugend, zur inneren Anwendung gegen Wind und Wetter, angelegt hatte.

Gellerts Butterbirnen habe ich aus diesem Quartier in guter Erinnerung. Mit der Kunz-Ingrid räkelte ich mich in der Mittagspause im Gras, wir schauten in den blauen Himmel und aßen eine Birne zum Brot. Das waren jene Minuten, die der romantischen Seite des Gärtnerberufes besonders nahe kamen, die eine halbe Stunde Urlaubsgefühl vermittelten.

Auf dem Freiland blühten Tausende Stiefmütterchen, bauten wir diverse Kohlsorten an, blumigen und weißen und roten. Ich weiß noch, wie wir im November welchen mit klammen Händen geerntet haben. Fronarbeit. Und die Arbeitsfrauen liefen über das Feld, den ganzen Tag mit dem Kopf nach unten, und murrten nicht. Sie kannten nichts anderes.

Heute ist das Freiland längst verschwunden. Dort, wo wir mitten in der Natur in saftige Gellerts Butterbirnen bissen, steht ein Fabrikgebäude der Westermann Druck GmbH.

Als ich die Lehre beendet hatte, konnte ich leider nicht in der Gärtnerei bleiben. Es gab keine Planstelle, und so mußte ich in einer Brigade für Freiflächengestaltung arbeiten. Keine blühenden Pflanzen mehr, die Romantik des Gewächshauses wurde von der harten Realität verdrängt. Es gab nur noch zwei Begriffe: die Schaufel und die Erde. Und die Erde mußte mit einer Schaufel an eine andere Stelle geschippt werden. Die stupideste Zeit meines Lebens. Die Schaufel bestimmte den ganzen Tag.

In meinem Arbeitsvertrag, ausgestellt auf einem Formular des VEB Vordruck-Leitverlages Spremberg, stand, daß ich in die Lohngruppe B 6 geraten war und einen Grundlohn von 1,71 Mark pro Stunde bekam. Dieser Lohn war eigentlich kein Grund für besonders fleißige Arbeit, aber wir nahmen das ohne Murren hin. Im Arbeitsvertrag wurde ausdrücklich darauf verwiesen, daß ich in einem volkseigenen Betrieb arbeitete. »Dieser Betrieb ist gesellschaftliches Eigentum und gehört allen Werktätigen.« – Vielleicht verdiente ich deshalb so wenig, weil mir ja auch noch ein Teil der Gärtnerei gehörte! »Die Arbeitsrechtsverhältnisse in diesem sozialistischen Betrieb sind daher Verhältnisse der kameradschaftlichen Zusammenarbeit und der sozialistischen gegenseitigen Hilfe der von Ausbeutung befreiten Werktätigen.«

Während also in den privaten Gärtnereien der DDR Mord und Totschlag herrschte, gab es im VEB Park- und Gartenanlagen der Stadt Zwickau »kameradschaftliche Zusammenarbeit«. Und was die Ausbeutung anbetraf, da fiel mir der damals gebräuchliche Witz ein: Im Kapitalismus wird der Mensch vom Menschen ausgebeutet. Im Sozialismus ist es umgekehrt.

Die Schinderei machte ich nicht lange mit, ich folgte meinem Freund Rudolf Kleinstück ins Gemüsekombinat der LPG »Sieg des Sozialismus« in Mosel bei Zwickau. Über die Zeit in der ruhmreichen Genossenschaft habe ich in meinem Band »Dämmerschoppen« geschrieben.

Wenn ich es mir heute überlege, so trug meine Erziehung daheim zur Ehrlichkeit wirklich Früchte bzw. keine, denn ich schwöre: ich habe in der LPG tatsächlich nicht eine einzige Gurke geklaut! Für die anderen Mitarbeiter würde ich in dieser Beziehung keine Hand ins Saatbeet legen, um es einmal etwas gärtnerisch auszudrücken. Ausgenommen mein Freund Rudi Kleinstück, den ich bei unserem nächsten Treffen dazu gleich einmal befragen werde.

Die Arbeit in der LPG war nicht gerade das, was mein Herz erfreute. 1963, in jenem Jahr, als Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus 400000 Menschen zurief: »Isch binn ein Börliner«, in jenem Jahr sagte ich, ich bin kein Gärtner mehr.

Und fing als buchhändlerische Hilfskraft in der Zwickauer Volksbuchhandlung Gutenberg an.

Volksbuchhandlung Gutenberg

Damals trugen private Buchhandlungen oft noch den Familiennamen des Besitzers, und so kam tatsächlich einmal eine Frau in den Laden und fragte: »Könnte ich mal Ihren Chef, den Herrn Gutenberg, sprechen?«

Verglichen mit der körperlich schweren Arbeit als Gärtner war für mich diese neue Tätigkeit der reine Lenz, Urlaub mit Büchern sozusagen. Ich arbeitete vermutlich dermaßen schnell, daß ich zu meiner Überraschung schon nach kurzer Zeit eine Prämie erhielt. Die Kolleginnen und Kollegen waren durch die Bank sehr nett. Bei den Kolleginnen gab es, im Gegensatz zur LPG , richtig hübsche junge Damen, die natürlich viel schöner anzusehen waren als jene in Wattejacken und Gummistiefel verpackten Frauen, an deren Alter ich mich gar nicht mehr erinnern kann oder das ich vermutlich durch die Verkleidung gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Eine Kollegin, mit der ich mich gut verstand, zeichnete sich neben ihren Fachkenntnissen durch eine bedeutende Oberweite aus. Ihr unterstand das Fachbuchsortiment. Und so schlichen mitunter Männer an den Regalen mit Büchern zum Maschinenbau und zur Anatomie herum, nahmen auch mal einen Band in die Hand, blätterten abwesend darin, weil sie nur Augen für den Bau und die Anatomie jener Dame hatten. Manchmal flüchtete sie beim Betreten eines besonders aufdringlichen Typs gleich in die hinteren Räume: »Ach, der schon wieder!« Und bat mich: »Lutz, bedienst du mal bitte?!« Da hatte jener Typ natürlich einen »Zappen«, weil er etwas ganz anderes wollte, als mit mir über Fachbücher zu plaudern!

Unter dem erleuchteten Glasbild, das nach einem alten Stich vom Meister Gutenberg angefertigt worden war, befand sich unsere buchhändlerische Schatztruhe, die in Zwickau »Mauke« genannt wurde. Im »Kleinen sächsischen Wörterbuch« ist der Begriff so erläutert: »... heimlicher Aufbewahrungsort, verstecktes Behältnis für einen Vorrat.« Das trifft es ganz genau, denn hier wurde der konspirative Bücher-Vorrat für gute Kunden angelegt. Die berühmte Bückware. Vor allem Lizenzausgaben. Gesucht waren aber damals auch die Märchen der Gebrüder Grimm, von Werner Klemke illustriert, Karikaturenbücher vom Eulenspiegel Verlag oder – Rarität in der prüden DDR – erotische Literatur von Zola bis Maupassant. »Liebe und Humor geht immer.« Diese alte Verlegerweisheit wurde in der DDR durch den Mangel besonders eindrucksvoll bestätigt. Die DDR-Kleingärtner wiederum kannten nur ein Buch, das sie fürs Leben gern besitzen wollten: »Rat für jeden Gartentag« aus dem Neumann-Verlag. Diese kleingärtnerische Kostbarkeit lag auch immer in der Mauke.

In den Regalen drückten sich noch so manche Titel vom 1. Bitterfelder Weg herum, den der Volksmund aus gutem Grund als »bitteren Feldweg« bezeichnete. Nicht wenige Bände erhielten nach Jahren neu gestaltete Schutzumschläge, um einen Verkaufsanreiz zu schaffen. Doch alle Müh’ war umsonst! Die »Kumpel-greif-zur-Feder-Bücher« lagen wie Blei in den Regalen, mußten immer wieder entstaubt werden, endeten über kurz oder lang entweder in der Papiermühle oder im günstigsten Falle noch als ungelesenes Prämienbuch in einer Schrankwand. Der Mitteldeutsche Verlag und Tribüne führten in jenen Tagen die Hitliste der ungelesenen Bücher an.

Wolfgang Stiehler, damals 1. Sortimenter der Buchhandlung und Mitglied der Prüfungskommission, erzählte, wie man mir zur Facharbeiterprüfung in der Belletristik-Abteilung die Aufgabe stellte, ein Angebot für Auszeichnungen zusammenzustellen. Ich legte also diverse Bücher vor. Ein Mitglied der Kommission fragte mich, nach welchen Gesichtspunkten ich diese Literaturauswahl getroffen hätte. Meine Antwort lautete schlicht und einfach: »Weil wir davon so viel haben.«

Noch Fragen?

Viel diskutiert und freiwillig gelesen wurden in den sechziger Jahren »Der geteilte Himmel« von Christa Wolf, »Ole Bienkopp« von Erwin Strittmatter, »Beschreibung eines Sommers« von Karl-Heinz Jakobs, »Die Aula« von Hermann Kant und »Spur der Steine« von Erik Neutsch. Sehr geschätzt in intellektuellen Kreisen war »Levins Mühle« von Johannes Bobrowski.

In der Buchhandlung kam ich, im Gegensatz zur LPG , in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Unser Chef, kein Genosse, aber Mitglied der NDPD, war teils fröhlich, teils poltrig, nur am Wochenende zu Hause, irgendwo im Erzgebirge. Während der Arbeitswoche lag er im Bett unserer Buchhalterin. Jeder im Geschäft wußte das, aber die beiden hielten eisern auf Form, begrüßten sich jeden Morgen fröhlich im Büro, obwohl sie sich kurz vorher erst voneinander verabschiedet hatten. Sie siezten sich den lieben langen Tag. Er war ein Frauenverehrer par excellence, sie durften auch um einiges jünger sein.

Manchmal saß er mit unserem Fahrer Eberhard, einem fröhlichen und pfiffigen Mülsener, im Keller bei einer Flasche Wodka. Dort befand sich ein Tresorraum. Der wurde aber nur noch zur Lagerung alkoholischer Schätze benutzt. Mit den Jahren wurde unser Chef immer cholerischer, wenn ihm jemand widersprach. Von der Galerie tobte dann der nationaldemokratische erzgebirgische Poltergeist. In der Buchhandlung gab es ein Wiedersehen mit Christel, einer Oberschülerin, die in der Gärtnerei von mir polytechnisch gebildet worden war. Sie lachte gern und verkauft heute noch Bücher in Zwickau. Und lacht immer noch gern.

Da war der kumplige Einpacker Fred, der durch die Gegend hinkte und das Klebeband bei den Paketen prinzipiell mit der Zunge befeuchtete. Eines Tages vergriff er sich an der Portokasse, was ihm kein Mensch zugetraut hätte. Was wird das bei den niedrigen Briefmarkenpreisen für eine Summe gewesen sein? Und wir bekamen einen neuen Einpacker.

Außendienstmitarbeiter war ein intelligenter Mann mit randloser Brille und trockenem Humor. Als wir uns etwas länger kannten, erzählte er mir, daß er ein abgesetzter Staatsanwalt sei. Er hatte einige Vorträge gehalten, dafür Honorare in Empfang genommen und vergessen, sie anzugeben. So wanderte der Staatsanwalt des Volkes ins Gefängnis und landete anschließend beim Buchhandel des Volkes.

Als ich dann auch im Außendienst arbeitete, sogenannte Vertriebsmitarbeiter in den großen Betrieben besuchte, die im Auftrag des Volksbuchhandels dort Bücher verkauften, und als ich mich zum ersten Mal in meinem Leben traute, während der Arbeitszeit in einem Kaffeehaus zu sitzen, da habe ich dieses Stückchen Freiheit wahnsinnig genossen. So etwas hätte ich mir doch als Gärtner nie herausnehmen können! An jenem Tag, als ich dort einen Kaffee trank und dem Zigarettenrauch nachsah, fühlte ich mich meinem erträumten Künstlerleben schon einen ganz gehörigen Schritt nähergekommen.

Britt

In der Buchhandlung lernte ich Brigitte kennen, eine Praktikantin am Theater. Mit ihr kam etwas internationales Leben in mein provinzielles Dasein. Sie hatte Kontakte nach Frankreich und besaß eine für mich stattliche Sammlung französischer Platten. Da hörte ich die großen Chansonniers, lernte neue Sänger wie Richard Anthony kennen. In Erinnerung geblieben ist mir sein schönes »J’ entends siffler le train«. Nur um dieses Lied wieder einmal hören zu können, kaufte ich mir 8 CDs mit französischen Schlagern und Chansons, und die Stimmung jenes Jahres stellte sich tatsächlich wieder ein.

Bei Britt, so riefen wir sie, sah ich auch das erste Mal echte Beatles-Platten! Die Beatles trafen, obwohl sie in völlig anderem Milieu lebten, das Lebensgefühl der jungen Leute in Zwickau, Bezirk Karl-Marx-Stadt, DDR, aufs Haar.

Was für eine Musik!

»She loves you, yeah, yeah, yeah ...« Walter Ulbricht hatte doch tatsächlich in einer Rede mit seiner für Sachsen leicht nachzuahmenden hohen Fistelstimme gesagt, daß wir dieses »Yeah, yeah, yeah nicht brauchen, ja?!«. Ulbricht beendete seine Sätze oft mit einem bestätigenden »Ja«.

Und mit der Behauptung lag er so weit daneben!

O yeah, wir brauchten es, wir brauchten »I want to hold your hand« und »A hard day’s night« und »Let it be«. Wir brauchten diese Lieder so sehr – und einige drehten sich auf dem Plattenteller bei Britt. Durch sie tat sich für mich eine musikalische Welt auf. Vor mir liegen Fotos von einer Silvesterfete mit Zwickauer Freunden, zu der Britt ihre Platten mitgebracht hatte. Auf diesen Fotos sind neben unserer fröhlichen Truppe auch immer wieder alle Cover, die damals noch schlicht Schallplattenhüllen hießen, abgelichtet worden. Solche Platten, die waren schon ein Foto wert! Und unsere Clique hörte und tanzte selig nach der von uns so verehrten Musik.

Von Britt erfuhr ich, daß man in der DDR eine kommunistische Jugendzeitschrift aus Frankreich abonnieren könnte. Ich hatte keine Ahnung von Französisch, aber als ich das erste Mal »Nous les garçons et les filles« in den Händen hielt, war ich als 20jähriger natürlich von den Fotos begeistert: nun hingen die »Beatles« endlich auch über meinem Bett!

Mit Britt ging ich zu einer Lesung von Stefan Heym im Zwickauer Club der Intelligenz. Im Sturm und Drang der revolutionären Nachkriegszeit hatte man diesen Club in einer ehemaligen Bank eingerichtet. Raten Sie mal, wer nach der Wende wieder in diese Räume einzog?

Heym war den Oberen schon immer ein Dorn im Auge, in den sechziger Jahren wurde unentwegt gegen ihn gehetzt. Da zählte auch nicht, daß er als Jude in die Emigration hatte gehen müssen und als Angehöriger der amerikanischen Armee nach Deutschland zurückkam. In den fünfziger Jahren waren der Parteiführung sowieso alle Westemigranten verdächtig.

Heym stammte aus Chemnitz, und etwas sächsischer Slang war auch nicht zu überhören. Er las damals aus einem Manuskript mit dem Titel: »Der Tag X«. Ich fand die Proben ganz erstaunlich, denn schließlich ging es um den 17. Juni 1953. Ein Tabu-Thema. Das war auch der Grund, warum dieses Buch nie in der DDR erschien und viel später unter dem Titel »Fünf Tage im Juni« im Westen herauskam. Ich fand Heym sehr mutig und auch lässig, während der Lesung lag sein Hund unter dem Tisch. Und wäre einer gekommen, der seinem Herrn übelwollte, vielleicht hätte er nicht nur geknurrt ...

Die Ostsee

1962, mit 18 Jahren, sah ich zum ersten Mal die Ostsee!

Mit Hans-Jürgen Fliege (nicht zu verwechseln mit dem fast namensgleichen, nervenden Fernsehpfarrer, obwohl Hans-Jürgen auch problemlos Menschen »nerven« kann, denn er ist Zahnarzt!) verließ ich Zwickau auf seinem blauweißen Motorroller »Berlin«. In den Morgenstunden fuhren wir los – es war noch dunkel. »Zieh dir lange Unterhosen an«, hatte Hans-Jürgen geraten, »es wird saukalt auf dem Ding.«

Der Hinweis war berechtigt gewesen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, wie kalt es mitten im Sommer sein kann. Nun rollten wir mit dem Roller Richtung Norden. Ich hatte kaum Erfahrungen mit motorisierten Zweirädern, denn nur einmal war ich mit meinem Bruder Martin von Zwickau nach Reichenbach gefahren, auf einem »Wiesel«.

Von Zwickau im Vorerzgebirge bis an die See – das ist ja nun wirklich der nächste Weg. Mit 80 Stundenkilometern tuckerten wir der Küste entgegen. Dank einer steifen Brise aus Südwest schaffte der Motorroller auch mal die magischen 90. Als wir Mecklenburg erreicht hatten, schien – wie man damals immer scherzhaft sagte – die Sonne in Strömen. Wir hielten in einem kleinen verschlafenen Ort, und zu unserem Glück waren im Dorfkonsum gerade Regenumhänge am Lager. In Zellophan verpackt, donnerten wir wenig später unserem Urlaubsglück entgegen.

Durch Vermittlung von Lutz Sporberth, einem Zwickauer Bekannten, hatte ich auf Hiddensee einen Ferienplatz bekommen. Das einzige Mal übrigens in meinem Leben, daß ich durch die Gewerkschaft solch einen Nutzen hatte.

Und dann gleich auf Hiddensee – ein Hauptgewinn!

Hans-Jürgen fuhr auf gut Glück mit. Er hoffte, wir würden die Wirtsleute, die jenes Zimmer an den FDGB vermieteten, überzeugen können, daß er seine Luftmatratze auch darin aufblasen dürfte.

Von Schaprode schipperten wir der Insel entgegen.

1962 war auf Hiddensee vieles noch im Vorkriegsstil. Da gab es nicht die späteren häßlichen Betonschwellen der Armee, auf denen die Jeeps fahren konnten, oder gar eine Kaufhalle – wie in Vitte. Wie hätte das seinerzeit ausgesehen: Gerhart Hauptmann auf der Insel mit dem Einkaufskörbchen in der Schlange. Hauptmanns Haus besichtigten wir dann auch, es war zum Museum umgestaltet. Ob der Schriftsteller, der im Alter Goethe immer mehr ähnelte, ob der also jemals beim Abendbrot daran gedacht hatte, daß einmal Urlauber durch seine Zimmer schlendern würden?

Künstler haben sich – schon immer – gern auf Hiddensee niedergelassen. Asta Nielsen besaß auf der Insel ein Domizil, und Gret Palucca sahen wir bald vor ihrem Haus auf der Wiese mit Ballettmädchen aus der Dresdner Schule. Vor dem Krieg war sie gern in Kampen auf Sylt gewesen. Ich sah ein Foto, wie sie dort am Strand aus lauter Lebensfreude tanzte. Nun hatte sie also, im geteilten Deutschland, auf dieser Ostseeinsel ihr Feriendomizil.

Lutz, unser Zwickauer Bekannter, begrüßte uns, und Hans-Jürgen durfte tatsächlich in dem schmalen Zimmer auf seiner Luftmatratze kampieren. Natürlich »schwarz«, wie man damals solche illegalen Sachen nannte.

Unvergeßlich ist mir der erste Eindruck von der Insel. Ich hatte das Gefühl, tiefer zu atmen. Diese Weite, diese Ruhe, dieser Riesenhimmel mit den Postkartenwolken, der Geruch des Meeres, die reetgedeckten weißen Häuser ... so viel Weiß hatte ich noch nie gesehen. Ich kam aus der grauschwarzen Bergarbeiterstadt Zwickau – die Helligkeit blendete mich regelrecht.

Autos gab es nicht, an einen Traktor glaube ich mich zu erinnern, und die Hebamme hatte wohl ein Moped. Einzige Lärmquelle waren die Möwen, dazu gesellte sich das beruhigende Plätschern der Wellen.

Wir saßen am Strand, ich spürte zum ersten Mal den weichen Sand, sah aufs Meer hinaus, genoß diesen Blick zu einem unverstellten Horizont. Wir wohnten in Neuendorf, einer Ansiedlung ohne Straßen, alle Wege führten über Wiesen.

Die nächsten Abende verbrachten wir in der »Stranddistel« oder im Hotel »Am Meer« des Herrn Franz Freese. Ja, und dann gingen wir tanzen. Die Palucca war zwar nicht mit ihren reizenden Ballett-Mädchen gekommen, aber J. war genauso hübsch und grazil. Warum ich sie »Patty« nannte, weiß ich nicht mehr, wohl weil Englisch damals sehr in Mode war.

Sie hatte blonde kurze Haare, große Augen, einen schönen Mund und natürlich glatte braune Haut. Wir saßen abends im Strandkorb, nur das sanfte Plätschern des Wassers war zu hören. Und diese Sanftheit der Umgebung übertrug sich auf uns. Ich hatte das Gefühl, die Sterne kämen immer näher, Ja, es schien sogar, sie spiegelten sich in Pattys Augen ... oder täuscht mich da meine Erinnerung? Immerhin ist das alles 40 Jahre her! Aber nein, da blitzte, funkelte wirklich etwas, Ehrenwort!

Sie war die erste Leipzigerin, die ich in meinem Leben kennenlernte, und ich ahnte damals nicht, daß die Messestadt einmal meine Heimat werden würde.

Wir eroberten die Insel, wanderten zum Dornbusch, nördlich von Kloster, besahen uns den Leuchtturm, die Steilküste. Irgendwann standen wir auch am Grab des 1946 verstorbenen Dichters und Nobelpreisträgers.

Alle Ortsnamen, alle Begriffe, die mit der Insel zusammenhingen, hatten eine gewisse Romantik. Drei Tage vor meiner Abreise überfiel Patty und mich das Inselweh. Alles strahlte in einem besonderen Licht und ließ uns melancholisch werden. Es war so bittersüß, daß der Abschied nahte; und das Heimweh nach Hiddensee, nach dieser Stimmung, die wir erlebt hatten, war schon da, als wir noch gar nicht weg waren.

Dann kam das große Winken von der Fähre, und der Inseltraum blieb zurück, entfernte sich mit jedem Meter, den das Schiff zurücklegte. Die Fähre war noch aus der guten alten Zeit, die Sitze ledergepolstert, und die hölzernen Haltestangen steckten in blankgeputzten Messingringen. Ich fuhr von Stralsund mit dem Zug allein nach Zwickau zurück.

J. lernte später einen Westdeutschen kennen, der sie mehrmals in Leipzig besuchte. Eines Tages reiste sie mit einem falschen Paß wieder in Richtung Norden, um mit einer Fähre nicht nach Hiddensee, sondern nach Skandinavien und von dort in die Bundesrepublik zu gelangen. Als sie das Schiff betreten wollte, wurde sie verhaftet. Vermutlich war ein Schatten die ganze Zeit mitgereist, um die DDR-Bürgerin in flagranti zu überführen. Die sensible J. erzählte sich in der Einzelhaft Märchen, um nicht verrückt zu werden. Ihr künftiger Mann war Rechtsanwalt, setzte alle Hebel in Bewegung, und eines Tages wurde ihr persönliches Märchen wahr, und sie durfte ausreisen.

Fast 40 Jahre später traf ich sie zufällig in Leipzig in jener Straße, in der ihre Mutter noch wohnte. Als ich J. mit ihr kommen sah, wußte ich sofort, daß sie es sein mußte. Ich begrüßte zunächst ihre Mutter und wechselte danach ein paar Sätze mit ihr.

Sie wunderte sich: »Woher kennen Sie denn meine Mutter?«

»Ich kenne auch dich.«

Jetzt wunderte sie sich noch mehr.

»Wir waren einmal zusammen auf Hiddensee.«

Einen Tag später saßen wir im Café Maître und schwatzten über alte und neue Zeiten. Irgendwann versuchte ich mir das Funkeln in ihren Augen von damals vorzustellen. Ich vermochte es nicht mehr. Zu lange her ... Es funkelte nur noch der Wein im Glas.

Meine Bands

Musik machten in meiner Kindheit prinzipiell »Orchester« oder »Kapellen«. Erst mit der Beat-Musik erschienen auch im Osten »Bands«.

Meine erste Truppe, in der ich »Schlagzeug« spielte – es bestand aus einer »Charleston-Maschine«, einem Becken und einer kleinen Trommel –, hieß The Playboys.

Dabei waren wir jungen Burschen alles andere als das, eher noch »verspielte Jungs«. Zwar konnte ich ein wenig auf dem Klavier herumklimpern, aber in dieser Band gab es schon zwei Klavierspieler, und ich nehme an, daß die besser waren. So sagten die Jungs: »Du mußt ans Schlagzeug.«

Es war Anfang der sechziger Jahre, und englische Namen wurden auch im Osten immer beliebter. Die Funktionäre sahen diese Entwicklung mit großem Unwillen und gingen bald vehement dagegen vor. Zeitweise wurden sogar englische Wörter in bekannten Schlagern ausgetauscht. So hieß es in einem beliebten Lied im Original: »Wenn, wenn du sagst, wenn du sagst, okay ...« Der DDR-Sänger im Funk mußte für »okay« dann »olé« singen. Und aus »allright« wurde »Komm heut«. Absolut lächerlich.

Zur Playboy-Besetzung gehörten neben den zwei Klavierspielern, die sich abwechselten oder auch mal vierhändig spielten, und dem Schlagzeug zwei Gitarren. Damals trugen wir noch keine langen Haare. Alle ordentlich frisiert, weiße Hemden, dunkler schmaler Schlips. Ich glaube, Strickschlipse waren sehr in Mode.

Aus Michael war inzwischen »Mike« geworden. Mit ihm hatte ich ein paar Jahre zuvor nach dem Kindergottesdienst Spielzeugsoldaten aus dem Tausendjährigen Reich gegen Mickey-Mouse-Hefte getauscht. Und nun sangen wir gemeinsam unsere Hits, natürlich ohne ein Mikrofon zu besitzen.

Unser Techniker hieß Josef Schmidt, stammte aus Ungarn und wurde von allen nur Stalin genannt. Warum? Vielleicht sah er ihm irgendwie ähnlich, obwohl er sich keinen Bart stehen ließ. Mit Bart wäre er ihm vielleicht zum Verwechseln ähnlich gewesen ...

Bei unserem einzigen Auftritt, den wir hatten, im Sportlerheim »Am Biel«, es gibt heute noch Zeugen, die sich an unseren rauschenden Erfolg erinnern, haben wir das Schlagzeug mit dem Bus nach Zwickau-Planitz transportiert. Unsere Band-Fahne hatte der Vater eines Musikers gebastelt.

Zu den Tonarten pflegten wir ein etwas schlichtes Verhältnis. Alle Titel spielten wir in C- oder F-Dur. Liedzeilen schwirren mir noch durch den Kopf: »Alles vorbei, Tom Dooley, noch vor dem Morgengraun ...« oder »... der Löwe schläft heut nacht« oder »Wenn ich am Wochenende tanzen geh ...«. Das ist ein Zitat aus dem damals so beliebten »Tiger-Rock«, wo es im Refrain immer hieß: »So wie ein Tiger, ho-ö-hö«, ein Laut, der etwas an den Wüstenkönig erinnern sollte. Sogar auf eine Eigenkomposition konnten wir verweisen, den »Playboy-Twist«. Leider hat dieser Erfolgstitel den Weg aus unserem Zwickauer Wohnzimmer-Probenraum hinaus in die deutschen Hitparaden nicht angetreten.

Alle waren damals heiß auf Musik. Unser »Manager«, ja auch den hatten wir schon, verschaffte uns einen zweiten Auftritt. Niemand kannte uns, aber The Playboys wurden sofort engagiert – bei solch einem Namen!

Wir sollten in einem Tanzsaal namens »Erlenwald« in Vielau bei Zwickau auftreten. Die Annonce stand schon in der Zeitung. Es spielen The Playboys, aber dann kamen bei einigen Bedenken, auch ein väterlicher Rat, doch nicht ohne jegliche Genehmigung einfach loszuspielen – und mit so einem Namen ...

Wir bekamen auch technische Bedenken – ohne Mikrofon in einem großen Saal! So war nichts mit »So wie ein Tiger, ho-ö-hö«, wir zogen unsere Zusage eher hasenherzig wieder zurück. Wegen technischer Schwierigkeiten, Krankheit oder so.

Etwa 40 Jahre später trat ich in jenem Haus auf, übrigens mit meinem Kollegen Gunter Böhnke und unserem Rainer-Vothel-Trio. So bügelte ich das seinerzeit abgesagte Gastspiel mit jahrzehntelanger Verspätung wieder aus ...

Danach spielte ich in der Kfz-Band. Kein umwerfender Name, einverstanden, aber er kam zustande, weil die Musiker an der Zwickauer Kraftfahrzeug-Ingenieurschule studierten. Ich spielte Klavier, sang und wurde von einer richtig guten Band abgeworben, der Club-Band. Hier war ich nur noch Sänger. Vor mir war Barbara Kellerbauer mit den Musikern aufgetreten, die sich in der DDR anschließend ein großes Publikum ersungen hat.

Nun stand plötzlich mein Name auf einem Plakat. Daneben war ein Streifen aufgeklebt: »Jetzt mit elektrischen Gitarren!« Wir wollten unbedingt in Beatles-Besetzung spielen, hatten aber neben Rock ’n’ Roll und Schlagern auch Oldtime-Jazz im Repertoire. Unsere Erkennungsmelodie, die effektvoll ertönte, wenn der Vorhang aufgezogen wurde, stammte aus dem Westfernsehen: die Titelmusik der Krimiserie »Stahlnetz«. Nach der Pause ritt der »Geisterreiter« über die Bühne – ein damals beliebter Orchestertitel.

Das war im Jahre 1964; wir spielten oft im Kreiskulturhaus Ernst Thälmann in Wilkau-Haßlau bei Zwickau. Der Kulturhauschef hatte es damals nicht einfach, denn er sollte tatsächlich die jungen Leute am Auseinandertanzen hindern! Wieso die DDR geschädigt wurde, wenn man sich nicht in Tanzstundenhaltung über das Parkett bewegte, sondern ab und an mit einem knappen Meter Abstand voneinander, das blieb ein Geheimnis der Funktionäre. Wie so manch andere Entscheidung auch.

Vielleicht war für das Politbüro der Verzicht auf Führung des Partners schon der erste Schritt zur Anarchie? Die Zusammengehörigkeit mußte gestärkt werden, denn schließlich war ein Tanzpaar das kleinste Kollektiv!

Ich sang viele Titel in »englisch«.

Warum die Anführungszeichen?

Es war gar keins, ich imitierte die Sprache, keiner hörte richtig hin, es klang halt so, und die Massen tobten beim »Jailhouse Rock« von Elvis. Manchmal hatte ich Bammel, wenn viele Studenten im Saal waren. Zum Beispiel vor Hunderten Gästen bei einem Weihnachtsball der berühmten Tanzstunden-Müllern in der »Neuen Welt« zu Zwickau, an dem meine Mutter, die dort arbeitete, zum ersten Mal ihren Sohn auf einer großen Bühne bewundern konnte. Und ich meinte zu meinen Band-Kumpels: »Mensch, die kriegen das doch mit!« Die Truppe beruhigte mich: »Ach wo. Das merkt niemand.« Und sie hatten recht.

In der »Club-Band« besaßen wir schon eine eigene »Lichtschau«. Am Bühnenrand standen selbstgebaute Lichtkästen. Einer bediente hinter der Bühne die Schalter, unsere Sombreros leuchteten bei »Sag mir quando, sag mir wann ...?« oder »Hast du alles vergessen, was du einst besessen. Amieeeeegou, eijeijeieijeijeieijeijei ... das ist längst vorbei« abwechselnd rot-blau, rot-blau, rot-blau ... Sehr effektvoll!

Wir besaßen ein grünes Kondensatormikrofon, vor dem sich manchmal drei bis vier Leute singend drängelten.

Die erste Orgel, die der Lein-Peter spielte, wäre heute ein technisches Denkmal. An den Holzkasten wurden vier Beine geschraubt. Und schon stand die »Harmona« auf der Bühne! Sie war ein typisches Improvisierobjekt, wie es nur die DDR hervorbrachte. Die sozialistischen Deutschen waren Weltmeister in diesen Dingen. Die Tastatur stammte von einem Akkordeon (Hersteller war eine Privatfirma aus Zwota), die Bässe wurden erstmalig auch durch Klaviertasten erzeugt. Die Zungen der Tastatur wurden durch ein Gebläse in Bewegung versetzt, das stammte vielleicht von einem Staubsaugermotor – wundern würde mich das nicht! Man konnte schon Klangfarben durch ein mechanisches Kippregister einstellen.

Die Orgel war natürlich viel zu leise, eher für ein Wohnzimmer gedacht. Bei einem Solo mußte dann vom Sänger unser einziges Mikrofon davorgehalten werden.

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