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Matthews Schatten

Lindsay Gordon (Hg.)

MATTHEWS
SCHATTEN

und andere
paranormale erotische Stories

Aus dem Englischen von
Marietta Lange

Inhalt

Matthews Schatten
Gwen Masters

Der schwarze Ritter
Olivia Knight

Erdbeben in Leamington Spa
Kristina Lloyd

Blutdurst
Madelynne Ellis

Matthews Schatten

Gwen Masters

Alison öffnete die Schlafzimmertür.

Es war eine ganz einfache Sache, eine Tür zu öffnen, die sie schon eine Million Male aufgemacht hatte. Aber warum schien die Klinke dann in ihrer Hand zu glühen, und warum schwang die Tür so langsam auf, als hätte sie genauso viel Angst wie sie?

Seine Jeans lagen auf dem Boden und seine Schuhe gleich daneben. Da war sein Buch, auch das war auf den Boden geworfen. Ein Lesezeichen markierte die Stelle, an der er seine Lektüre unterbrochen hatte. Auf dem Nachttisch, vor der kleinen Soundmaschine, die Meeresrauschen nachahmte, lag eine Brille. Die Tagesdecke war zurückgeworfen, und die Kissen waren zerknüllt. Dort, wo sein Kopf gelegen hatte, befand sich eine Einbuchtung.

Bei dem Anblick zuckte Alison heftig zusammen, als wäre sie von einer unsichtbaren Hand geschlagen worden.

Sie hatte damit gerechnet, dass das Bett das Schlimmste sein würde. Das Bett, in dem sie Bücher gelesen hatten, während sie in freundschaftlichem Schweigen beieinander lagen. Gelegentlich hatte seine Hand ihren Arm in einem Ausdruck ehelicher Zufriedenheit gestreift. Das Bett, in dem sie sich an langen, faulen Tagen und in noch längeren Nächten geliebt hatten. Das Bett, in dem sich seit zehn Jahren ihre ganze Ehe abgespielt hatte, im Streit oder beim Sex, auf die eine oder andere Art.

Behutsam setzte sich Alison auf die Bettkante, als könnte es sich plötzlich erheben und sie verschlingen. Sie wartete auf das Erdbeben, das nicht kam. Der Wind ließ die Äste der großen Eiche gegen die Fenster klirren. Eine Kaltfront war im Anzug, und wenn es Nacht wurde, würde es schneien. Zehn Zentimeter Schnee, vielleicht sogar mehr, hieß es in der Wettervorhersage. Matthew hatte den Winter immer geliebt. Sie erinnerte sich daran, wie sie im Bett gelegen und zusammen die ersten Schneeflocken betrachtet hatten.

Das hier war nichts als ein Bett. Das war nichts als ihr Haus.

Jetzt gehörte es ihr allein, war nicht mehr ihr gemeinsames Haus.

Vor einem Monat war ihr Mann im Herbstlaub spazieren gegangen. Das war seine liebste Jahreszeit gewesen, kurz vor dem ersten Schnee. Und seine liebste Tageszeit, kurz bevor die Sonne unter- und der Mond aufging.

Ein einfacher Spaziergang an einer einfachen Straße, auf der nie jemand fuhr – aber an diesem Tag kam jemand. Auf dieser Straße fuhr jemand viel zu schnell, weil er einen Drink zu viel intus hatte, ein junger Mensch, der gar nicht hätte trinken und wahrscheinlich überhaupt nicht hätte fahren dürfen. Und ganz bestimmt hätte das junge Mädchen nicht diesen dicken Geländewagen fahren sollen, der so groß war, dass sie ihn nicht unter Kontrolle hatte.

Der Geländewagen knallte gegen den Baum, einen alten, fast kahlen Ahorn. Alisons Mann hatte alles gesehen. Sie konnte sich seine entsetzte Miene vorstellen, dass er wie gelähmt zugesehen hatte, und wie er dann plötzlich losgerannt war, entschlossen zu helfen.

In dieser Zeit zwischen Leben und Tod hatte Matthew alles getan, um dieses Mädchen zu retten. Deswegen war er auch noch bei ihr in dem Geländewagen, als der Motor in Brand geriet, und aus diesem Grund blieb er zu lange dort drinnen.

Typisch für ihn, so etwas zu tun, hatten so viele Menschen bei der Totenwache, bei der Beerdigung und in den Tagen danach zu ihr gesagt, als könnte ihr das ein gewisses Maß an Trost schenken. Es war seine Natur, meinten sie. Es sah ihm ähnlich, sich ganz für jemanden aufzuopfern.

Alisons Mann war als Held gestorben.

Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er tot war.

Alison blinzelte, als ihr plötzlich die Tränen kamen. Da war er, ganz bestimmt – jetzt würde der Schmerz sie überwältigen. Sie hielt sich an der Bettkante fest, konzentrierte ihre ganze Energie auf ihr Herz und hörte zu, wie es in ihrem Körper schlug, nicht zu schnell, noch nicht …

Wenn sie nicht daran zerbrach, bedeutete das dann, dass sie nicht tief genug trauerte?

Dort, auf der anderen Seite des Flurs, war die offene Badezimmertür. Alison ging zur Tür und schaute hinein. Das Licht war aus – Matthew war gut im Energiesparen; das gehörte zu den Themen, auf denen er herumritt, bis Alison ihm am liebsten gesagt hätte, wohin er sich das stecken konnte – und die Wintersonne fiel durch das Oberlicht ein, als wolle sie alles wie eine Vitrine beleuchten, damit sie es sah.

Matthews Rasiermesser lang auf dem Waschbeckenrand. Das weiße Porzellan war überall mit kleinen schwarzen Stoppeln übersät. Sie starrte sie sehr lange an.

Da war auch seine Zahnbürste. Die Borsten waren trocken. Die Zahnpastatube war von der Mitte her ausgedrückt und bewahrte die Form seiner Hand. Daneben lag eine zweite Tube, die von unten nach oben ordentlich aufgerollt war. Jahre der Ehe hatten die beiden gelehrt, dass man in manchen Dingen Kompromisse schloss, aber andere am besten einfach akzeptierte.

Aber er war gestorben und hatte sie zurückgelassen. Wo war denn da der Kompromiss?

»Lügner«, sagte sie laut. Ihre Stimme hallte wider, die einzige Antwort, die sie je bekommen würde. Wut stieg in ihr auf, dicht gefolgt von schlechtem Gewissen. Wie konnte sie nur böse auf ihn sein? Dies war der Mann, der sein Äußerstes gegeben hatte, um jemand anderem das Leben zu retten. Er hatte die Titelseiten der überregionalen Tageszeitungen geziert. Völlig Fremde trauerten um ihn. Warum konnte sie ihn nicht genauso sehen wie alle anderen?

Aber er hatte nicht alle anderen verlassen, sondern sie.

Alison nahm die Zahnpastatube. Ihre Finger passten beinahe genau in die Stellen, an denen seine gedrückt hatten. Sie dachte an seine Hände. Er war geradezu besessen von seinen Nägeln. Er hielt sie sauber und kurz und glättete sie mit einem Polierblock, der auf der einen Seite grau und auf der anderen rosa war. Einen komischen Anblick gab er ab, wenn er sich mit seinen breiten Schultern im Sessel zurücklehnte und mit seinen starken Händen so einen zierlichen, femininen Gegenstand gebrauchte.

Sie ließ die Zahnpastatube in den Abfallkorb fallen. Er war ansonsten leer, und die Tube sah am Boden des Weidenkorbs einsam aus. Sie nahm das Rasiermesser, das ihr immer Angst einjagte, wenn sie zusah, wie er es benutzte, aber er schnitt sich natürlich nie. Nicht einmal. Kein einziger Blutstropfen.

Das Rasiermesser landete ebenfalls in dem Korb. Es hüpfte einmal hoch und lag dann ordentlich neben der Zahnpastatube. Ein Sonnenstrahl fiel darauf, und die scharfe Schneide glitzerte wie Sternenstaub.

Sie öffnete das Medizinschränkchen. Da stand das Aspirin. Sie hatte Aspirin nie vertragen, aber er nahm drei, manchmal vier Tabletten auf einmal. Oft stellte sie sich vor, wie sein Blut immer dünner wurde und immer heller durch seine Adern floss, bis nur noch die Umrisse von Zellen übrig waren, die in etwas schwammen, das so klar wie Wasser war.

Die Aspirintabletten klapperten, als sie die Flasche in den Abfall warf.

Die neonfarbene Zahnbürste, die so deplatziert wirkte. Die Seife, die er benutzte, dieses Sandelholzzeug, das ihre Haut austrocknete, seine aber seidenweich machte. Die Rasierseife, der Topf und der Pinsel, die altmodische Art, auf die er vieles tat, flogen sämtlich in den Abfallkorb, manches mit einem dumpfen Geräusch, anderes mit einem Knall.

Dass sie weinte, bemerkte sie erst, als ihre Tränen auf die seit fünf Jahren abgelaufene Flasche mit dem Valium fielen, das sein Arzt ihm nach dem Tod seiner Mutter verschrieben hatte. Matthew hatte geschworen, sie nicht zu brauchen, und so waren sie im Medizinschrank stehen geblieben, aber als sie die Flasche jetzt ansah, wurde ihr klar, dass die meisten Valiumtabletten fehlten.

Matthew war jetzt bei seiner Mutter, und Alison war diejenige, die das Valium brauchte.

Abrupt fuhr sie herum und schleuderte die Flasche in den Flur, so fest sie konnte. Sie sprang auf dem Parkettboden hoch, schlitterte davon, erreichte dann die Treppe und prallte exakt fünfmal auf den Stufen auf, bis sie unten auf dem Teppich aufkam. Im Haus herrschte dröhnendes Schweigen, obwohl man hören konnte, wie draußen der Wind auffrischte.

Alison knallte die Tür des Medizinschränkchens zu. Das Licht in der Spiegeltür flammte auf, und sie bebte in ihrem Rahmen, ohne zu zerbrechen. Sie schnappte sich das Eau de Cologne, das hinten am Waschbecken stand, sein Eau de Cologne, die teure Flasche, die sie vor weniger als einem Jahr bei Macy’s gekauft hatte. Sie zerschellte in dem Porzellanbecken, und der Duft stieg ihr in die Nase, erinnerte sie an ihn, überwältigte sie.

Jetzt flossen die Tränen reichlicher, so heftig, dass sie ihr über die Wangen liefen und sich auf ihrer blassen Haut heiß anfühlten. Da waren sie, ob es nun an dem unerträglich starken Eau de Cologne lag oder am Schmerz. Auf eine dumpfe, freudlose Art war sie froh darüber, dass sie endlich weinen konnte. Nicht hier und da eine Träne vergießen, sondern endlich richtig weinen, nach all der Zeit.

»Das hast du jetzt davon«, erklärte sie, und es war verdammt unheimlich, ihre eigene Stimme in dem leeren Raum zu hören. Sie drehte sich um und schaute hinter sich; dann schalt sie sich für ihre Feigheit. Das war jetzt ihr Haus. Es gehörte nicht mehr ihnen beiden, weil es jetzt kein Paar mehr gab. Was die Bank betraf, war ihr Name der Einzige, der jetzt noch zählte, und sie täte verflixt gut daran, sich an das leere Haus und an die Echos zu gewöhnen, die nur noch ihre eigene Stimme wiedergaben.

Alison.

Sie erstarrte auf dem Flur und sah die Treppe hinunter. An ihrem Fuß lag die Valiumflasche und schaute irgendwie anklagend zu ihr hoch. Sie tat zwei Schritte auf die Treppe zu und blieb dann wieder stehen und versuchte etwas zu hören, egal was. Doch das Einzige, was sie schließlich wahrnahm, waren der winterliche Wind und dann das gleichmäßige Ticken der Standuhr im Esszimmer, so regelmäßig, dass es ebenso gut ihr eigener Herzschlag hätte sein können.

»Ich verliere den Verstand«, sagte sie. »Deswegen kann ich auch nicht trauern. Ich werde stattdessen verrückt.«

Sie ging zurück und schaute ins Schlafzimmer. Alles sah ganz genauso aus wie vorher. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und wünschte, es würden neue nachkommen, aber das geschah nicht. Ihre Tränendrüsen waren wieder knochentrocken, obwohl sie eigentlich Überstunden hätten machen müssen. Das schlechte Gewissen war fast so überwältigend wie der Duft seines Eau de Colognes aus dem Bad.

Sie ging durch das gnadenlose Sonnenlicht und sah in das Waschbecken. Die Parfümflasche war in ein halbes Dutzend Teile gebrochen. Vorsichtig nahm sie die kleinen grünen Glasscherben und warf sie in den Abfallkorb. Dann drehte sie den Wasserhahn auf und spülte den größten Teil des Eau de Colognes weg. Der Geruch hing immer noch in der Luft.

Sie drehte das Wasser ab und betrachtete das Waschbecken. An der Seite, hoch oben am Rand, wo das Wasser normalerweise nicht hinkam, hingen Tropfen. Sie nahm einen mit dem Finger auf und roch daran. Ja, es war Eau de Cologne. Sie tupfte davon auf ihre Handgelenke, auf ihren Hals, hinter die Ohren. Jetzt war sie von Matthews Duft umgeben.

Erneut begann sie zu weinen, aber diesmal waren es stille, sanfte Tränen, nicht das hysterische Schluchzen, das sie zu brauchen glaubte. Sie drehte das Wasser wieder auf, nahm sich den nächstbesten Waschlappen, wischte das Becken aus und machte alles wieder sauber.

Alison.

Dieses Mal schrie sie leise auf, als sie sich umdrehte. Sie war sich sicher, dass jemand im Flur stand und sie ansah; sicher, dass jemand im Haus war. Stocksteif stand sie da und wartete. Wieder nichts, gar nichts. Sie hatte das Gefühl, eine Ewigkeit da zu stehen, voller Angst, sich zu rühren für den Fall, dass ihr ein leises Geräusch entgehen würde, das verriet, dass sich ein Eindringling im Haus befand. Sie war sich der Standuhr bewusst, des Tickens, das über die Treppe heraufdrang, durch den Flur und um die Ecke, und fragte sich, warum sie niemanden atmen hörte, wenn sie das wahrnahm.

Diese unabweisliche Logik beruhigte sie, und sie trat wieder zur Tür. Sie sah in den Flur hinaus. Die Sonne stand an dem Punkt, den Matthew immer am meisten geliebt hatte, genau wenn sie die halbmondförmigen Fenster unter der Decke fand und die Lichtbündel, die hindurchfielen, so kräftig waren, dass sie beinahe körperhaft wirkten. Das Licht tanzte über den Boden, und Staubkörnchen schwebten in den Sonnenstrahlen und erinnerten sie daran, wie lange sie nicht mehr in dem Haus gewesen war. Es war ihr richtig erschienen, der Begegnung aus dem Weg zu gehen, aber als sie jetzt die Lichtstrahlen ansah, fragte sie sich, ob sie zu lange gewartet hatte. Und wenn die Erinnerung an Matthew während der langen Wochen, in denen sie in ihrem alten Zimmer bei ihrer Mutter geschlafen hatte, irgendwie verflogen war?

Du hast mir gefehlt.

Alison starrte in das Sonnenlicht und wartete. Die kleinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, und sie bekam Gänsehaut, genau so wie jedes Mal, wenn Matthew den gewissen Punkt direkt unter ihrem Ohr küsste. Sie lauschte, hörte nichts und beschloss, dass sie wirklich verrückt wurde.

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