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Matildas letzter Walzer

Über die Autorin

Tamara McKinley wurde in Australien geboren und verbrachte auch ihre Kindheit im Outback des fünften Kontinents. Heute lebt sie an der Südküste Englands, aber die Sehnsucht treibt sie stets zurück in das weite, wilde Land, von dem sie in jedem ihrer Romane faszinierende neue Facetten entfaltet.

Besuchen Sie die Autorin auf ihrer Website www.tamaramckinley.co.uk

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch widme ich meinen Söhnen Brett und Wayne, die nun verstehen, warum ich Australien liebe. Und meiner Tochter Nina, die die Heldin in sich selbst suchte und fand – ich bin so stolz auf Dich!

Marcus danke ich für seine Hilfe am Computer, für sein konsequentes Training und für seine Gitarrenserenaden, und seiner Schwester für ihre Unterstützung.

Mit Liebe denke ich an Ollie, der mich zu ertragen hat, wenn ich schreibe.

Zu guter Letzt, aber keinesfalls weniger herzlich danke ich meinem Stiefvater Eric Ivory für seine Liebe, seinen Humor und seine Fähigkeit, Schlangen zu riechen. Er ist ein echter Tasmanier.

»And his ghost may be heard as you pass by that billabong,

you’ll come a-waltzing Matilda with me.«

Andrew Barton »The Banjo« Paterson, 1917

PROLOG

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Churinga. Das Seufzen des warmen Windes in den Pfefferbäumen schien den Namen zu wispern. Churinga. Ein Ort der Magie, der heiligen Mysterien, aus Gestrüpp und Buschwerk geschnitten von ihren Großeltern. Er hatte manches Herz und manches Rückgrat gebrochen, aber bis jetzt war Matilda bereit gewesen, den Preis zu zahlen. Denn er war alles, was sie je gekannt, was sie sich je gewünscht hatte.

Es schnürte ihr die Kehle zu, als sie über den Familienfriedhof hinaus in die Wildnis schaute. Sie durfte nicht weinen. So tief der Schmerz, so hart der Verlust auch sein mochte, die Erinnerung an ihre starke, scheinbar unbezwingbare Mutter verbot es. Aber in all ihren dreizehn Jahren hatte es nichts gegeben, was diesem Empfinden der Verlassenheit vergleichbar gewesen wäre, diesem Gefühl, dass die Kindheit vorüber war, dass es ihr bestimmt war, einen einsamen Pfad durch diesen großen, schönen, träumenden Ort zu beschreiten, der ihre Heimat war.

Der Horizont flimmerte; das leuchtende Ockergelb der Erde zerfloss im unfassbaren Blau des gewaltigen Himmels, und ringsum hörte sie die Geräusche, die sie von Geburt an kannte. Denn dieses weite, leer wirkende Land war lebendig und hatte eine eigene Stimme, und darin fand sie Trost. Das Rumoren der Schafe in den Pferchen, das Gezänk der Galahs und der Gelbhaubenkakadus, das ferne Gackern des Kookaburra und das leise Klirren des Zaumzeugs waren ihr so vertraut wie der eigene Pulsschlag. Selbst jetzt, im dunkelsten Augenblick ihres Lebens, ließ der Zauber von Churinga sie nicht im Stich.

»Willst du ’n paar Worte sagen, Merv?«

Die Stimme des Schafscherers durchbrach die Stille auf dem Friedhof und riss sie zurück in die Gegenwart und Wirklichkeit. Sie schaute zu ihrem Vater auf und wünschte sich, dass er sprechen, dass er irgendeine Regung zeigen möge.

»Mach du das lieber. Ich und Gott, wir sprechen sozusagen nicht miteinander.«

Mervyn Thomas war ein Riese von einem Mann, ein Fremder, der fünf Jahre zuvor aus Gallipoli zurückgekommen war. Von dem, was er dort gesehen hatte, waren ihm Narben an Leib und Seele geblieben. Er sprach nie darüber, höchstens nachts, wenn seine Träume ihn verrieten oder wenn der Alkohol seine Zunge und seine Beherrschung lockerte. Jetzt stand er ernst in staubigem Schwarz und stützte sich schwer auf den Gehstock, den er sich behelfsmäßig aus einem Ast zurechtgeschnitzt hatte. Sein Gesicht lag im Schatten unter der tief herabgezogenen Krempe, aber Matilda wusste, dass seine Augen blutunterlaufen waren und dass das Zittern seiner Hände nicht von der Trauer kam, sondern davon, dass er wieder etwas zu trinken brauchte.

»Ich tu’s«, sagte sie leise in die verlegene Stille. Sie trat aus dem kleinen Kreis der Trauernden, das zerfledderte Gebetbuch fest in der Hand, und stellte sich vor den Haufen Erde, der nur zu bald den rauen Holzsarg ihrer Mutter bedecken würde. Zum Trauern war wenig Zeit gewesen. Am Ende war der Tod schnell gekommen, und wegen der Hitze war es unmöglich, auf Nachbarn und Freunde zu warten, die ein paar Hundert Meilen reisen mussten, um dabei zu sein.

Ihre Einsamkeit wuchs, als sie die Feindseligkeit ihres Vaters spürte. Um einen Augenblick Zeit zu gewinnen und ihren Mut zu sammeln, schaute sie in die Runde der vertrauten Gesichter, der Viehtreiber, Schafscherer und Hilfsarbeiter, die auf Churinga arbeiteten.

Die Aborigines drängten sich bei ihren Gunyahs, den Hütten, die sie am Bach gebaut hatten, und sahen neugierig aus der Ferne zu. Der Tod war für sie kein Grund zum Trauern, sondern nur die Rückkehr zu dem Staub, aus dem sie gekommen waren.

Schließlich wanderte ihr Blick zurück zu den schiefen Grabsteinen, in denen sich die Geschichte dieses winzigen Eckchens von New South Wales spiegelte. Sie drehte das Medaillon, das ihre Mutter ihr gegeben hatte, in den Fingern, und als sie ihren Mut wiedergefunden hatte, wandte sie sich den Trauernden zu.

»Mum kam nach Churinga, als sie erst ein paar Monate alt war. Da steckte sie in der Satteltasche vom Pferd meines Großvaters. Es war eine weite Reise aus der Alten Welt hierher, aber meine Großeltern hungerten nach Land und nach der Freiheit, es zu bebauen.« Matilda sah, dass die sonnenverbrannten Gesichter zustimmend nickten. Sie kannten die Geschichte; es war das Echo ihrer eigenen.

»Patrick O’Connor wäre stolz auf seine Mary gewesen. Sie hat dieses Land ebenso sehr geliebt wie er, und es ist ihr zu verdanken, dass Churinga heute das ist, was es ist.«

Mervyn Thomas trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und funkelte sie so streitsüchtig an, dass sie stockte. »Mach schon weiter«, knurrte er.

Matilda hob das Kinn. Mum verdiente einen anständigen Abschied, und sie war entschlossen, dafür zu sorgen, dass sie ihn auch bekam.

»Als Dad in den Krieg ging, sagten manche, Mum werde es niemals schaffen, aber sie wussten nicht, wie hartnäckig die O’Connors sein können. Deshalb ist Churinga zu einer der besten Besitzungen in der ganzen Gegend geworden, und ich und Dad werden dafür sorgen, dass es auch so bleibt.«

Sie schaute zu Mervyn hinüber, aber statt einer Bestätigung starrte er sie nur finster grollend an. Es wunderte sie nicht. Sein Stolz hatte sich nie davon erholt, dass er seine Frau bei seiner Rückkehr aus dem Großen Krieg unabhängig und den Besitz in voller Blüte vorgefunden hatte. Schon bald danach hatte er Trost auf dem Grund der Flasche gefunden, und sie bezweifelte, dass der Tod seiner Frau daran etwas ändern würde.

Die Seiten des Gebetbuchs waren abgegriffen und spröde; Matilda musste die Tränen niederkämpfen, als sie die Worte las, die Father Ryan gelesen hätte, wenn sie Zeit gehabt hätten, ihn zu holen. Mum hatte so schwer gearbeitet. Hatte ihre Eltern und vier ihrer Kinder auf diesem kleinen Friedhof begraben, noch ehe sie fünfundzwanzig geworden war. Jetzt bekam die Erde sie zurück und konnte sie zu einem Teil des Träumens machen. Endlich hatte sie Ruhe.

In der nun folgenden Stille klappte Matilda das Buch zu und bückte sich, um eine Hand voll Erde aufzuheben. Sie rieselte zwischen ihren Fingern hindurch und prasselte leise auf die Holzkiste. »Schlaf gut, Mum«, flüsterte sie. »Ich achte für dich auf Churinga.«

Mervyn spürte die Hitze und die Wirkung des Whiskys in seinem Bauch, als sein Pferd auf Kurrajong zu stapfte. In seinem zerschossenen Bein pochte es, und seine Stiefel drückten, was seine Laune nicht gerade besserte. Mary war jetzt seit zwei Wochen unter der Erde, aber noch immer fühlte er überall ihre Anwesenheit und ihre Missbilligung.

Sogar in Matilda war sie zu spüren gewesen, und obwohl er ihr nach dieser abscheulichen Aufführung bei der Beerdigung seinen Gürtel zu schmecken gegeben hatte, beäugte sie ihn weiterhin mit der gleichen Verachtung wie ihre Mutter. Zwei Tage eisigen Schweigens waren verstrichen; dann hatte er Churinga polternd verlassen und war nach Wallaby Flats in den Pub geritten. Da konnte man in Frieden mit seinen Freunden trinken. Konnte plaudern und sich Mitgefühl und Whisky spendieren lassen und vielleicht auch ein bisschen mit der Kellnerin schmusen.

Nicht, dass sie ein großartiger Anblick gewesen wäre, wie er zugeben musste. Tatsächlich war sie eine ziemlich reife alte Schnepfe, aber er war nicht besonders wählerisch, wenn der Drang ihn überkam, und er brauchte sie dabei ja auch nicht anzuschauen.

Er beugte sich halsbrecherisch aus dem Sattel, um das letzte der vier Tore auf dem Besitz des Nachbarn zu schließen. Die Sonne brannte herab, der Whisky brodelte in seinem Leib, und sein eigener saurer Gestank wehte aus seinen Kleidern. Das Pferd tänzelte unruhig hin und her und quetschte sein schlimmes Bein an den Zaunpfahl; vor Schmerz schrie er auf, und fast hätte er nicht nur sein Frühstück, sondern dazu sein Gleichgewicht verloren.

»Steh still, du Bastard!«, knurrte er und riss am Zügel. Merv stützte sich auf den Sattelknauf und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund, während er darauf wartete, dass der Schmerz nachließ. Nachdem er sich übergeben hatte, war sein Kopf ein bisschen klarer; er rückte seinen Hut gerade, gab Lady einen Schlag auf die Flanke und trieb sie voran. Das Gehöft lag am Horizont, und er hatte Geschäftliches zu besprechen.

Kurrajong stand stolz auf dem Kamm einer niedrigen Anhöhe, durch eine Gruppe von Teebäumen vor der Sonne geschützt; die Veranda lag kühl und einladend unter dem Wellblechdach. Es war eine stille Oase inmitten der lärmenden Betriebsamkeit einer Viehzuchtfarm. Pferde fraßen das fette Gras auf der Koppel vor dem Haus, die durch das Bohrloch bewässert wurde, das Ethan vor zwei Jahren angelegt hatte, und Mervyn hörte den Klang des Hammers aus der Schmiede. Nach dem Lärm zu urteilen, wurde im Scherschuppen immer noch gearbeitet, und die Schafe in den Pferchen machten ein großes Getöse, während sie von den Hunden auf die Rampen zugetrieben wurden.

Mervyn betrachtete dies alles, als er die lange Zufahrt zum Anbindepfosten hinaufritt, und was er sah, hob seine Stimmung nicht. Das Land von Churinga mochte gut sein, aber das Haus war ein Loch, verglichen mit diesem Anwesen. Der Himmel wusste, weshalb Mary und Matilda so große Stücke darauf hielten, aber das war ja typisch für diese verdammten O’Connors. Sie hielten sich für besser als alle anderen, weil sie von Pionieren abstammten, was in dieser Gegend fast als königliche Herkunft galt.

Na, dachte er grimmig, das werden wir schon noch sehen! Frauen sollten wissen, wo ihr Platz ist. Mir reicht es. Ich bin nicht ihr Eigentum.

Der Alkohol hatte seine Streitsucht angefacht. Er rutschte von seinem prunkvollen spanischen Sattel herunter, packte seinen roh geschnitzten Stock und stapfte in Schlangenlinien auf die Stufen der Veranda zu. Die Haustür öffnete sich, als er anklopfen wollte.

»Guten Tag, Merv. Wir haben dich erwartet.« Ethan Squires sah makellos wie immer aus; seine Moleskinhose leuchtete weiß über den schwarzen, polierten Reitstiefeln, und das offene Hemd hing frisch über breiten Schultern und einem flachen Bauch. Im dunklen Haar war kaum eine Spur von Grau, und die Hand, die er Mervyn reichte, war braun und schwielig, aber die Nägel waren sauber, und der Ring an einem der Finger funkelte feurig in der Morgensonne.

Mervyn fühlte sich im Vergleich dazu alt und fett, obwohl der Altersunterschied zwischen ihnen nur ein paar Monate betrug. Außerdem war ihm bewusst, dass er dringend ein Bad benötigte, und jetzt bereute er, dass er das Angebot nicht angenommen hatte, bevor er das Hotel verlassen hatte.

Aber nun war es zu spät für diese Reue; um sein Unbehagen zu verbergen, lachte er bellend auf und schüttelte Ethan allzu jovial die Hand. »Wie geht’s, mein Freund?«

»Beschäftigt wie immer, Merv. Du weißt ja, wie das ist.«

Mervyn wartete, bis Ethan sich gesetzt hatte, und tat es dann auch. Ethans Begrüßung hatte ihn verblüfft. Er hatte nicht die Absicht gehabt, diesen Besuch zu machen – wieso also hatte Ethan ihn erwartet?

Die beiden Männer schwiegen, während das junge Hausmädchen, eine Aborigine, etwas zu trinken servierte. Der Wind, der über die Veranda strich, war kühl, und jetzt, da Mervyn nicht mehr im Sattel saß, hatte sich auch sein Magen beruhigt. Er streckte das verletzte Bein von sich und legte den Stiefel auf das Verandageländer. Es hatte keinen Sinn, sich über Ethans Begrüßung den Kopf zu zerbrechen; der Mann sprach immer in Rätseln. Kam sich wahrscheinlich schlau dabei vor.

Das Bier glitt kalt durch seine Kehle, aber den bitteren Geschmack spülte es nicht herunter, den er empfand, wenn er daran dachte, was für ein Glückspilz Ethan war. Das Gemetzel von Gallipoli hatte er nicht erleben müssen; stattdessen hatte er in einem Offiziersquartier gesessen, meilenweit entfernt von den Kämpfen. Kein zerschmettertes Bein, keine Albträume, keine Erinnerung an Kameraden ohne Gesichter, ohne Arme und Beine, keine qualvollen Schreie, die ihn Tag und Nacht verfolgten.

Aber Ethan Squires hatte ja schon immer ein verzaubertes Leben geführt. Auf Kurrajong geboren und aufgewachsen, hatte er Abigail Harmer geheiratet, die nicht nur die hübscheste Witwe weit und breit, sondern auch eine der reichsten war. Sie hatte einen Sohn mitgebracht, Andrew, und sie hatte Ethan noch drei weitere Kinder geschenkt, bevor sie bei einem Reitunfall ums Leben kam. Drei lebende, gesunde Söhne. Mary hatte nur ein mickriges Mädchen zustande gebracht, die anderen hatte sie verloren.

Mervyn hatte einst davon geträumt, eine Frau wie Abigail für sich zu gewinnen, aber als Verwalter einer Viehfarm war er nicht gut genug. Geld ging noch immer zum Gelde, und als Patrick O’Connor mit seinem außergewöhnlichen Angebot zu ihm gekommen war, hatte er die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Woher hätte er wissen sollen, dass Mary reich an Land, aber arm an Bargeld war und dass Patricks Versprechungen allesamt leer gewesen waren?

»Mein Beileid wegen Mary.«

Mervyn sah sich aus seinen finsteren Gedanken gerissen. Es war, als könne Ethan Gedanken lesen.

»Aber ich denke, sie hatte wohl genug gelitten. Es ist nicht gut, so viel Schmerzen zu ertragen.« Ethan starrte in die Ferne, den Stumpen zwischen die gleichmäßigen weißen Zähne geklemmt.

Mervyn grunzte. Mary hatte sich lange Zeit gelassen mit dem Sterben, aber nicht ein einziges Mal hatte sie geklagt oder ihre stahlharte Entschlossenheit verloren. Vermutlich hätte er sie bewundern müssen, aber aus irgendeinem Grund hatte ihre Stärke ihn nur geschwächt. An ihrem Mut waren seine eigenen kraftlosen Versuche zerschellt, das Grauen des Krieges und den Schmerz in seinem Bein zu verdrängen. In dem Handel, den er mit Patrick abgeschlossen hatte, fühlte er sich betrogen, eingesperrt in eine Ehe ohne Liebe, in der ihm noch dazu der Respekt versagt blieb, den er doch so ersehnte. Kein Wunder, dass er da die meiste Zeit in Wallaby Flats verbrachte.

»Wie wird Matilda damit fertig, Mervyn?«

Ethans hellblaue Augen betrachteten ihn eine Zeit lang und schauten dann weg, aber Mervyn war nicht sicher, ob er nicht einen Schimmer von Verachtung in diesem flüchtigen Blick entdeckt hatte. Oder war es Einbildung? »Sie kommt zurecht. Ist wie ihre Ma, die Kleine.«

Ethan musste die Bitterkeit in seiner Antwort gespürt haben, denn er drehte sich um und sah Mervyn schärfer an. »Ich schätze, du hast den weiten Weg hierher nicht gemacht, um über Mary und Matilda zu plaudern.«

Das war typisch für Ethan. Verschwendete keine Zeit mit Belanglosigkeiten, wenn er einen anderen übertölpeln konnte. Mervyn hätte lieber ein oder zwei Stunden auf der Veranda gesessen, Bier getrunken und der Arbeit ringsum zugeschaut und dabei auf den richtigen Augenblick gewartet, um den Grund für seinen Besuch zu offenbaren. Er trank sein Glas leer und nahm den Fuß vom Geländer. Jetzt konnte er die Sache auch hinter sich bringen, nachdem Ethan die Initiative ergriffen hatte.

»Die Lage ist verfahren, Kumpel. Es ist nicht mehr wie früher auf Churinga, seit ich wieder zurück bin, und ich schätze, jetzt, wo Mary nicht mehr da ist, wird es Zeit, dass ich abhaue.«

Ethan kaute auf seiner Zigarre, und sein Blick folgte der Rauchwolke. Als er schließlich sprach, klang sein Tonfall nachdenklich. »Das Land ist das Einzige, wovon du was verstehst, Mervyn. Du bist ein alter Hund, der nicht mehr so leicht ein neues Kunststück lernt, und Churinga ist eine nette kleine Zuchtfarm, nach all der Arbeit, die Mary reingesteckt hat.«

Da war es wieder. Lobpreis für Mary. Zählte seine jahrelange Arbeit denn gar nichts? Mervyn ballte die Fäuste und bohrte sie in den Schoß. Er brauchte noch ein Bier, aber sein Glas war leer, und Ethan bot ihm keins mehr an.

»Nicht, wenn man’s mit Kurrajong vergleicht. Wir müssen einen neuen Brunnen graben, das Dach fällt bald ein, die Termiten fressen die Schlafbaracke, und die Dürre hat die meisten Lämmer krepieren lassen. Der Scheck für die Wolle wird die Kosten so gerade decken.«

Ethan drückte seine Zigarre aus, nahm sein Glas und trank es leer. »Und was willst du von mir, Mervyn?«

Ungeduld durchströmte ihn. Ethan wusste genau, was er wollte. Musste er noch Salz in die Wunde reiben und ihn zum Kriechen zwingen? »Ich will, dass du Churinga kaufst.« Sein Tonfall war bemüht gleichmütig. Es hatte keinen Sinn, Ethan merken zu lassen, wie verzweifelt er war.

»Ah.« Ethan lächelte. Es war ein spöttisches Lächeln voller Genugtuung; Mervyn wusste, dass der andere immer auf ihn herabgesehen hatte, und er hasste ihn dafür.

»Nun?«

»Das muss ich mir natürlich überlegen. Aber vielleicht könnten wir uns einigen.«

Mervyn beugte sich vor, erpicht auf das Ende der Verhandlung. »Das Land um Churinga hat dir immer gefallen, und da dein Besitz doch an meinen grenzt, hättest du die größte Viehzucht in ganz New South Wales.«

»Die hätte ich allerdings.« Ethan zog eine dunkle Braue hoch, und der Blick seiner blauen Augen war fest. »Aber hast du nicht eine winzige Kleinigkeit vergessen?«

Mervyn schluckte. »Was denn für ’ne Kleinigkeit?«, fragte er nervös und wich Ethans durchdringendem Blick aus, während er sich mit der Zunge über die Lippen fuhr.

»Matilda natürlich. Du hast doch sicher nicht vergessen, dass deine Tochter leidenschaftlich an Churinga hängt.«

Erleichterung durchflutete ihn, und hastig fasste er sich wieder. Es war alles in Ordnung. Ethan wusste nichts von dem Testament. »Matilda ist noch zu jung, um sich in Männergeschäfte einzumischen. Sie wird tun, was ich sage.«

Ethan stand auf und lehnte sich an das verzierte Geländer. Die Sonne stand hinter ihm, sodass sein Gesichtsausdruck nicht zu erkennen war. »Da hast du Recht, Mervyn. Sie ist jung, aber sie hat ein Gespür für das Land, das so natürlich für sie ist wie das Atmen. Ich habe sie arbeiten sehen, habe gesehen, wie sie reitet, so schnell und so gut wie jeder Viehknecht, wenn sie beim Zusammentreiben der Meute folgt. Das Land zu verlieren würde ihr die Lebensgeister rauben.«

Mervyns Geduld war zu Ende. Er stand von seinem Stuhl auf und überragte Ethan mit seiner riesenhaften Gestalt. »Hör zu, Kumpel. Ich habe einen Besitz, auf den du seit Jahren ein Auge geworfen hast. Außerdem habe ich Schulden. Ob Matilda das Land liebt oder nicht, hat damit nichts zu tun. Ich verkaufe, und wenn du nicht kaufen willst, gibt es andere, die es mir mit dem größten Vergnügen abnehmen werden.«

»Wie gedenkst du das Land denn zu verkaufen, wenn es dir gar nicht gehört, Mervyn?«

Mervyn war der Wind aus den Segeln genommen. Er wusste es also doch. Der Mistkerl hatte es die ganze Zeit gewusst! »Das braucht ja niemand zu erfahren«, krächzte er. »Wir machen den Handel auf der Stelle perfekt, und ich bin weg. Ich werde niemandem was sagen.«

»Aber ich werde es wissen, Mervyn.« Seine Stimme klang eisig, und die Pause, die er eintreten ließ, war so lang, dass es Mervyn in den Fäusten juckte. »Mary war vor ein paar Monaten bei mir. Gleich nachdem der Arzt ihr gesagt hatte, dass sie nicht mehr viel Zeit hat. Sie befürchtete, du könntest versuchen, Churinga zu verkaufen und Matilda mittellos zurücklassen. Ich habe sie beraten, wie sie das Erbe des Mädchens am besten schützen könnte. Das Land wird treuhänderisch für Matilda verwaltet. Die Bank hat sämtliche Papiere, bis sie fünfundzwanzig wird. Du siehst, Mervyn, du kannst Churinga gar nicht verkaufen, um deine Spielschulden zu begleichen.«

Mervyn wollte sich der Magen umdrehen. Die Gerüchte hatte er wohl gehört, aber er hatte es nicht glauben wollen – bis jetzt.

»Das Gesetz besagt, dass die Habe einer Frau ihrem Mann gehört. Patrick hat mir alles versprochen, als ich sie heiratete, und ich habe das Recht zu verkaufen. Und überhaupt«, brauste er auf, »was hat meine Frau denn dich um Rat zu bitten?«

»Ich habe mich nur nachbarschaftlich verhalten und ihr die Dienste meines Anwalts zur Verfügung gestellt.« Ethans Gesicht war versteinert, als er Mervyns Hut aufhob und ihm reichte. »Vielleicht hätte ich Churinga gern, aber nicht so gern, dass ich das Wort breche, das ich einem geachteten Menschen gegeben habe. Und ich glaube, du wirst feststellen, dass es sich bei den meisten Siedlern hier in der Gegend nicht anders verhält. Guten Tag, Mervyn.«

Ethan schob die Hände in die Taschen und lehnte sich an den weiß gestrichenen Verandapfosten, während Mervyn die Stufen hinunter zu seinem Pferd hinkte und erbost am Zügel riss, um das Tier über den hart gebackenen Lehmplatz vor dem Kochhaus zu führen. Ethan fragte sich, ob dieser Jähzorn jemals über Mary oder – Gott behüte – über Matilda hereingebrochen war.

Er warf einen Blick zum Scherschuppen hinüber, bevor er wieder ins Haus ging. Der Sommer war fast vorüber, und der Scheck für die Wolle würde willkommen sein. Wenn der Regen ausblieb, musste teures Futter zugekauft werden, und nach dem Himmel zu urteilen, würde ihnen die Trockenheit noch ein Weilchen erhalten bleiben.

»Was hat Merv Thomas gewollt?«

Ethan sah seinen zwanzigjährigen Stiefsohn an und lächelte ohne Heiterkeit. »Was glaubst du wohl?«

Andrews Stiefel dröhnten auf dem gebohnerten Boden, als er ins Arbeitszimmer ging. »Matilda tut mir Leid. Wenn man sich vorstellt, dass sie mit diesem Bastard zusammenleben muss.«

Andrew ließ sich in einen Ledersessel fallen und warf ein Bein über die Armlehne. Ethan betrachtete ihn liebevoll. Er war fast einundzwanzig, aber seine kräftige, drahtige Gestalt und der dunkle, kastanienbraune Haarschopf ließen ihn jünger aussehen. Obwohl der Junge das Land verschmäht hatte, war Ethan so stolz auf ihn, als wäre er sein eigen Fleisch und Blut. Die englische Erziehung war jeden Penny wert gewesen. Jetzt zeigte er gute Leistungen an der Universität, und nach dem Examen würde er als Partner in eine angesehene Anwaltskanzlei in Melbourne eintreten.

»Vermutlich können wir nicht viel tun, oder, Dad?«

»Es geht uns nichts an, Junge.«

Andrews blaue Augen blickten nachdenklich. »Das hast du nicht gesagt, als Mary Thomas hier war.«

Ethan drehte seinen Stuhl zum Fenster. Mervyn ritt den Weg hinunter zum ersten Tor. Bis Churinga würde er mindestens einen Tag und eine Nacht unterwegs sein. »Das war etwas anderes«, sagte er leise.

Schweigen erfüllte das Zimmer, durchbrochen nur vom Ticken der Standuhr, die Abigail aus Melbourne mitgebracht hatte. Ethans Gedanken schweiften ab, als er auf sein Land hinausblickte. Ja, Mary war anders gewesen. So zäh und unbezwingbar diese kleine Frau gewesen war, gegen dieses schreckliche Etwas, das sie langsam von innen zerfressen hatte, war sie machtlos gewesen. Er sah sie so deutlich, als stünde sie wieder vor ihm.

Im Gegensatz zu Abigail mit ihrer kühlen, hellen Schönheit und erstaunlichen Größe war Mary eher klein und kantig gewesen, und die Flut ihrer roten Haare hatte sie unter einem unansehnlichen Filzhut gebändigt. Sommersprossen sprenkelten ihre Nase, und große blaue Augen mit dunklen Wimpern schauten ihn an, während sie mit dem schwarzen Wallach rang, der unter ihr tänzelte. Wütend war sie gewesen, als sie sich nach ihrer Rückkehr nach Churinga zum ersten Mal begegnet waren. Die Zäune waren umgestürzt, und ihre Herde hatte sich mit seiner vermischt.

Lächelnd erinnerte er sich an ihr irisches Temperament; an ihre blitzenden Augen und an die Art, wie sie den Kopf in den Nacken warf, als sie ihn anschrie. Fast eine Woche hatte es gedauert, die Herden auseinander zu sortieren, und in dieser Zeit hatten sie einen heiklen Waffenstillstand geschlossen, der noch nicht ganz zu einer Freundschaft geworden war.

»Was gibt’s zu lachen, Dad?«

Andrews Stimme vertrieb die Erinnerungen, und Ethan kehrte widerwillig in die Gegenwart zurück. »Ich glaube, um Matilda brauchen wir uns keine allzu großen Sorgen zu machen. Wenn sie auch nur ein bisschen Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hat, muss man eher für Mervyn fürchten.«

»Du hattest Mary gern, nicht wahr? Wieso habt ihr nie …?«

»Sie war mit einem anderen Mann verheiratet!«, fuhr Ethan dazwischen.

Andrew stieß einen Pfiff aus. »Hui! Ich habe doch nicht etwa an einen wunden Punkt gerührt, oder?«

Seufzend erinnerte Ethan sich an die Zeit, da er seine Chance gehabt und verpasst hatte. »Unter anderen Umständen – wer weiß, was hätte werden können? Wenn Mervyn nicht verkrüppelt aus Gallipoli nach Hause gekommen wäre, dann …«

Er ließ den unvollendeten Satz in der Schwebe, und die Bilder und Geräusche des Krieges kamen ihm in den Sinn. Noch immer bereiteten sie ihm Albträume, auch noch nach sechs Jahren, und dabei war er einer von denen gewesen, die Glück gehabt hatten. Mervyn war fast zwei Jahre nach Kriegsende schließlich aus dem Lazarett entlassen worden, aber da war er ein anderer Mann als der, der 1916 so eifrig den Zug bestiegen hatte. Dahin waren das faule Lächeln und der sorglose Charme des jungen Mannes; an seine Stelle war ein hinkendes Wrack getreten, das nach langer Genesungszeit nur noch mit der Flasche Erleichterung fand.

Ein schlechter Tausch für seine Frau, dachte Ethan. Und ich trage die Schuld, Gott helfe mir. Er zügelte seine Gedanken. Solange Merv ans Bett gefesselt war, konnte sie zumindest ein Auge auf seine Trinkerei haben. Aber kaum war er wieder auf den Beinen und in der Lage, ein Pferd zu besteigen, da verschwand er wochenlang, und sie musste allein mit der Farm fertig werden. Sie war zäher gewesen, als er gedacht hatte, und auch wenn aus seinen Plänen nichts geworden war, nötigte ihm ihre Kraft Hochachtung ab.

»Ich habe sie bewundert, ja. Sie hat unter harten Bedingungen ihr Bestes getan. Nur selten hat sie um Hilfe gebeten, aber ich habe versucht, es ihr zu erleichtern, so gut ich konnte.« Er zündete sich einen Stumpen an und klappte das Wollkontobuch auf. Es gab Arbeit, und der halbe Tag war bereits vertan.

Andrew nahm das Bein von der Armlehne des Sessels und beugte sich vor. »Wenn Merv weiter solche Schulden macht, wird von Matildas Erbe nichts übrig bleiben. Wir könnten ihr in zwei Jahren jederzeit ein Angebot unterbreiten und das Land billig kaufen.«

Ethan lächelte breit, die Zigarre im Mund. »Ich gedenke es umsonst zu bekommen, mein Sohn. Warum für etwas bezahlen, wenn es nicht sein muss?«

Andrew legte den Kopf schräg, und ein Lächeln spielte in seinen Mundwinkeln. »Wie denn? Matildas Treuhandvermögen ist unantastbar, und sie wird es nicht einfach verschenken.«

Ethan tippte sich mit dem Zeigefinger an den Nasenflügel. »Ich habe meine Pläne. Aber sie erfordern Geduld, und ich möchte nicht, dass du dich verplapperst.«

Andrew wollte etwas erwidern, aber sein Vater fiel ihm ins Wort. »Überlass die Sache nur mir, und ich garantiere dir, dass Churinga in fünf Jahren uns gehört.«

Matilda war unruhig. Die Stille im Haus war zu tief, und sie wusste, dass ihr Vater bald zurückkehren würde. Er war nie länger als zwei Wochen am Stück verschwunden, und so lange war er inzwischen schon fort.

Es war glühend heiß, auch im Haus, und der rote Staub, den sie vom Boden gefegt hatte, senkte sich schon wieder herab. Ihr knöchellanges Kattunkleid klebte ihr am schweißfeuchten Rücken; sie band die grobleinene Schürze los und legte sie über einen Stuhl. Der Duft eines Kanincheneintopfs drang aus dem Ofen, und unter der Decke summten ein paar Fliegen. Das Fliegenpapier, das sie an die Kerosinlampe gehängt hatte, war schwarz von toten Tieren, obwohl Mutter vor zwei Jahren Fensterläden und Fliegentüren angebracht hatte.

Sie strich sich das Haar aus dem verschwitzten Gesicht und steckte es auf dem Kopf zu einer widerspenstigen Schnecke zusammen. Sie hasste ihr Haar. Es war zu üppig und ließ sich nicht bändigen. Und zu allem Überfluss war es auch nur eine blasse Imitation der irisch-roten Pracht ihrer Mutter.

Matilda stieß die Fliegentür auf und trat auf die Veranda hinaus. Die Hitze sprang sie an wie die heiße Woge vor einem Hochofen, loderte von der hart gestampften Erde der Feuerschneise im vorderen Hof zurück und flimmerte über dem Horizont. Die Pfefferbäume auf der Koppel vor dem Haus hingen herab, und die Trauerweiden am Bach sahen erschöpft aus; ihre Zweige baumelten kraftlos über dem Rinnsal aus grünem Schmadder, das noch übrig geblieben war. »Regen«, sagte sie leise, »wir brauchen Regen.«

Die drei Stufen, die zum Anbindepfosten und in den Hof hinunterführten, mussten repariert werden; sie nahm sich vor, es erledigen zu lassen. Das Haus könnte einen neuen Anstrich vertragen, und da, wo Dad das Dach ausgebessert hatte, begann es schon wieder auseinander zu brechen. Aber wenn sie sich mitten auf den Hof stellte und die Augen schloss, wusste sie, wie Churinga aussehen würde, wenn sie das Geld für die nötigen Reparaturen hätte.

Die Ausmaße des Gebäudes waren nicht eben groß, aber das eingeschossige Queensland-Haus war solide auf einem Ziegelsockel gebaut und an der Südseite von jungen Pfefferbäumen geschützt. Das Dach senkte sich bis über die Veranda herab, die das Haus an drei Seiten umgab und mit einem zierlichen verschnörkelten Eisengeflecht gesäumt war. Ein robuster Steinkamin ragte an der Nordseite empor, und die Fensterläden und Fliegentüren waren grün gestrichen.

Unterirdische Quellen hielten die Weiden rings um das Haus grün, und mehrere Pferde grasten dort zufrieden vor sich hin, ohne dass die Wolken von Fliegen, die ihre Köpfe umsummten, sie dabei zu stören schienen. Im Scherschuppen und in der Wollscheune war es still, denn die Saison war vorüber und die Wolle auf dem Weg zum Markt. Die Schafe würden auf den Weiden bleiben, die dem Wasser am nächsten waren, aber wenn die Trockenheit noch länger andauerte, würden sie noch mehr Tiere verlieren.

Als Matilda den Hof überquerte, stieß sie einen Pfiff aus, und unter dem Haus ertönte zur Antwort ein Bellen. Ein zotteliger Kopf erschien, gefolgt von einem zappelnden Körper und einem wedelnden Schwanz. »Komm her, Bluey. Hierher, mein Junge.«

Sie zerzauste ihm den Kopf und zog an den zerfransten Ohren. Der Queensland Blue war fast sieben Jahre alt und der beste Hütehund weit und breit. Ihr Vater ließ ihn nicht ins Haus. Er war ein Arbeitshund wie alle anderen, aber was Matilda anging, so hätte sie sich keinen besseren Freund wünschen können.

Bluey trottete neben ihr her, vorbei am Hühnerstall und Schweinekoben. Hinter dem Lagerschuppen türmte sich ein Holzstapel, und das klare, glockenhelle Klingen einer Axt verriet ihr, dass einer der schwarzen Arbeiter fest daran arbeitete, ihn noch zu vergrößern.

»Hallo, Schatz. Heiß, was?« Peg Riley wischte sich durch das puterrote Gesicht und grinste. »Was würde ich nicht für’n ausgiebiges Bad im Bach geben.«

Matilda lachte. »Ich hab nichts dagegen, Peg. Aber es ist nicht mehr viel Wasser drin, und das, was noch da ist, ist grün. Wieso fahrt ihr nicht hinauf zu dem Wasserloch unten am Berg? Da oben ist das Wasser kalt.«

Die Landfahrerin schüttelte den Kopf. »Schätze, darauf muss ich verzichten. Ich und Bert, wir müssen morgen in Windulla sein, und wenn er hier zu lange rumhängt, verliert er seinen ganzen Lohn beim Münzwerfen, das sie hinten in der Schlafbaracke spielen.«

Bert Riley arbeitete hart und reiste mit seinem Karren durch ganz Zentralaustralien, aber wenn es ums Glücksspiel ging, war er ein ewiger Verlierer. Matilda hatte Mitleid mit Peg. Jahr für Jahr kam sie nach Churinga, um im Kochhaus zu arbeiten, während Bert sich bei der Schafschur den Rücken verdarb. Aber nur ein Bruchteil dessen, was sie verdienten, begleitete sie zum nächsten Job.

»Hast du das Umherfahren nie satt, Peg? Ich kann mir nicht vorstellen, je von Churinga wegzugehen.«

Peggy verschränkte die Arme unter dem üppigen Busen und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Es kann schon mal schwer sein, einen Ort zu verlassen, aber das vergisst man bald und freut sich auf den nächsten. ’türlich, wenn ich und Bert Kinder hätten, wär’s anders, aber wir haben keine, und so werden wir wohl weiter durch die Gegend fahren, bis einer von uns tot umfällt.«

Ihr Lachen perlte durch den üppigen Körper, dass es aussah, als tanzte sie unter dem Baumwollkleid. Sie musste Matildas besorgte Miene bemerkt haben, denn sie streckte beide Arme aus und erdrückte sie in einer zärtlichen Umarmung. »Sorg dich nicht um mich, Schatz. Gib auf dich selbst Acht, dann sehen wir dich nächstes Jahr wieder.« Sie trat einen Schritt zurück, und dann wandte sie sich zu ihrem Pferd und dem Wagen um und kletterte auf den Bock. Sie packte die Zügel und stieß einen mächtigen Ruf aus.

»Bert Riley, ich fahre los, und wenn du nicht in genau einer Sekunde hier bist, fahre ich ohne dich!«

Sie knallte zwischen den Ohren des Pferdes mit der Peitsche und rollte auf das erste Tor zu.

Bert kam mit dem eigentümlich breitbeinigen Gang aller Schafscherer aus der Schlafbaracke und eilte ihr nach. »Bis nächstes Jahr«, schrie er, während er auf den Karren kletterte.

Churinga kam Matilda plötzlich verlassen vor; sie schaute dem Karren nach, der in einer Staubwolke verschwand, und kraulte Blues Ohren, bis er ihr tröstend die Hand leckte. Als sie einen Blick in den Wollschuppen geworfen und den uralten Generator abgeschaltet hatte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Kochhaus zu, das Peg makellos hinterlassen hatte. Dann ging sie in die Schlafbaracke. Der Termitenschaden war noch schlimmer geworden, aber daran war kaum etwas zu ändern; sie fegte rasch, reparierte eine Kleinigkeit an einem der Betten, und dann schloss sie die Tür hinter sich und trat hinaus in die Hitze.

Die Männer der Aborigines lungerten wie immer vor ihren Gunyahs herum, schlugen nach den Fliegen und plauderten träge miteinander, während ihre Frauen in dem schwarzen Topf über dem Feuer rührten. Sie gehörten zum Volk der Bitjarra, das ebenso ein Teil von Churinga war wie Matilda; aber Matilda wünschte doch, sie würden ihr Brot und ihren Tabak verdienen, statt hier herumzusitzen oder spazieren zu gehen.

Sie musterte Gabriel, ihren Anführer, einen halbwegs lesekundigen, listigen alten Mann, der von Missionaren großgezogen worden war; er saß mit gekreuzten Beinen vor dem Feuer und schnitzte an einem Stück Holz.

»Tag, Missus«, sagte er feierlich.

»Gabriel, es gibt Arbeit. Ich habe dir gesagt, ihr müsst euch um die Zäune an der Südweide kümmern.«

»Später, Missus, hm? Müssen erst ’n Happen essen.« Er grinste und zeigte dabei fünf gelbe Zähne, auf die er sehr stolz war.

Matilda betrachtete ihn kurz; sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihm zu streiten. Er würde sie einfach ignorieren und den Auftrag erledigen, wenn es ihm passte. Sie kehrte zum Haus zurück und stieg die Stufen zur Veranda hinauf. Die Sonne stand hoch am Himmel, und die Hitze war ungeheuer. Sie würde sich zwei Stunden ausruhen und dann die Rechnungsbücher durchgehen. Während Mums Krankheit hatte sie die Zügel schleifen lassen.

Matilda wuchtete den großen Kupferkessel vom Herd und goss das Wasser in den Waschzuber. Dampf quoll in die stickige Hitze der Küche, und der Schweiß lief ihr in die Augen, als sie mit dem schweren Kessel kämpfte, aber das bemerkte sie kaum. In Gedanken war sie bei den Kontobüchern und den Zahlen, die sich ihr nicht fügen wollten, so oft sie es auch versuchte. Sie hatte in der Nacht zuvor wenig geschlafen, und nachdem sie den Vormittag im Sattel verbracht und Gabriels Arbeit an den Zäunen überprüft hatte, war sie jetzt müde bis auf die Knochen.

Die Kontobücher lagen aufgeklappt auf dem Tisch hinter ihr. Sie hatte gehofft, dass der Morgen ihr eine Lösung bringen werde, aber all ihre Mühe hatte ihr nur Kopfschmerzen eingebracht: Kopfschmerzen und die Erkenntnis, dass der Scheck für die Wolle nicht ausreichen würde, um alle Schulden zu bezahlen und sie bis zur nächsten Saison zu ernähren.

Ihr Zorn schwoll an, als sie Mervyns Moleskinhose mit einem Knüppel ins Wasser drückte. »Ich hätte seine Ausgaben im Auge behalten sollen, wie Mum es mir gesagt hat«, brummte sie. »Hätte das Geld ordentlich verstecken sollen.«

Seine Moleskinhose kreiselte in geisterhaften Wirbeln im Wasser, während sie sie niederstieß, und die Ungerechtigkeit des Ganzen ließ alles vor ihren Augen verschwimmen. Sie und Mum waren gut zurechtgekommen, hatten in den Kriegsjahren sogar einen kleinen Gewinn erwirtschaftet, aber Dads Rückkehr hatte alles verdorben. Sie packte die schwere Arbeitskleidung und begann sie mit einer Energie zu schrubben, in der sich ihr Zorn und ihre Frustration Luft machten.

Wie er heimgekehrt war, daran erinnerte sie sich, als wäre es gestern gewesen, und vermutlich hätte sie Mitleid mit ihm haben müssen, aber wie sollte sie, wenn er nichts getan hatte, womit er ihre Achtung oder ihr Mitleid verdient hätte? In den Jahren der Abwesenheit hatte er nur selten geschrieben, und aus dem Lazarett war lediglich eine kurze Notiz gekommen, in der seine Verwundung beschrieben wurde. Fast ein Jahr später war er auf einem Wagen nach Hause gebracht worden, und sie und Mutter hatten eigentlich nicht gewusst, was sie erwarten sollten. Sie hatte sich nur verschwommen an ihn erinnert, an einen großen Mann, der nach Lanolin und Tabak roch und dessen Bartstoppeln im Gesicht kratzten, als er sie zum Abschied küsste. Aber damals war sie erst fünf Jahre alt gewesen und mehr an der Blaskapelle interessiert, die so laut auf dem Bahnsteig spielte, als an den Männern in den stumpfbraunen Uniformen, die den Zug bestiegen. Vom Krieg hatte sie nichts verstanden und nicht gewusst, was er für sie und Mum bedeuten konnte.

Ihre Hände verharrten in dem, was sie taten, als sie an die zwei Jahre dachte, in denen er ans Bett gefesselt gewesen war; sie erinnerte sich an das abgearbeitete Gesicht ihrer Mutter, als sie hin und her hastete und dafür nichts als Beschimpfungen und einen harten Schlag erntete, wenn sein Verband zu straff war oder wenn er etwas zu trinken haben wollte. Seine Heimkehr hatte die Stimmung auf Churinga verändert. Vom Zauber zur Verzweiflung. Vom Licht zum Dunkel. Es war fast eine Erleichterung gewesen zu sehen, wie er auf sein Pferd stieg und nach Wallaby Flats ritt, und auch ihre Mutter war in den Tagen, die darauf folgten, nicht mehr so sehr auf der Hut gewesen.

Aber natürlich kam er zurück, und der Lauf ihres Lebens war für immer verändert.

Matilda stützte sich auf den Waschzuber und starrte aus dem Fenster auf den verlassenen Hof und zu den Schafpferchen hinüber. Die drei Treiber brachten die Herde nach Wilga, wo es noch Wasser und Gras gab. Gabriel und die anderen waren nirgends zu sehen, und sie vermutete, dass sie jetzt herumstreunten, nachdem die Schur vorbei war. Trotz der Sittiche, die sich um die Insekten in den Eukalyptusbäumen zankten, und obwohl die Grillen im Gras beständig zirpten, war es friedlich; sie wünschte sich, es möge immer so bleiben. Aber auch wenn die Tage ohne ein Lebenszeichen von Mervyn vergingen, wusste sie doch, dass es nicht so bleiben würde.

Als Matilda mit dem Waschen fertig war, schleppte sie den Korb hinter das Haus und hängte alles auf. Hier draußen im Schatten der Bäume war es kühler, und sie hatte einen klaren Blick über Weide und Friedhof. Der weiße Lattenzaun, der den Friedhof umgab, musste auch gestrichen werden, und wuchernde Kängurupfote und wilder Efeu hatten mehrere Grabsteine erobert. Violette Bougainvilleen rankten sich um einen Baumstamm, und darin wimmelte es von summenden Bienen und prachtvollen flatternden Schmetterlingen. Irgendwo in der Ferne ertönte der läutende Ruf eines Glockenvogels, und ein Waran starrte sie von einem umgestürzten Baumstamm an, auf dem er sich sonnte. Mit einem scharrenden Geräusch seiner tödlichen Klauen verschwand er dann im sonnengefleckten Unterholz.

Matilda ließ sich auf die oberste Verandastufe sinken, stützte die Ellenbogen auf die Knie und das Kinn in die Hände. Die Lider wurden ihr schwer, und der hypnotische Duft von heißer Erde und trockenem Gras schläferte sie ein.

Trotz der Hitze war es Mervyn kalt. Die Wut über die Demütigung durch Ethan Squires und die Doppelzüngigkeit seiner Frau brannte nicht mehr in seinen Eingeweiden, sondern hatte sich kalt und böse verfestigt, als er jetzt auf Churinga zu ritt.

Die Nacht hatte er, in eine Decke gerollt, unter den Sternen verbracht; der Sattel war sein Kopfkissen gewesen, und nur ein spärliches Feuer hatte ihm in der eisigen Finsternis im Busch ein wenig Wärme gespendet. Dort hatte er gelegen und zum Kreuz des Südens hinaufgestarrt und zum weiten Bogen der Milchstraße, die mit ihrem Mondlicht die Erde berührte, die rote Landschaft mit Reif überhauchte und das Gespenstergrau der riesigen Geistergummibäume noch verstärkte, und er hatte darin keine Schönheit gesehen. So hatte er sich seine Zukunft in den Jahren im Schützengraben nicht vorgestellt. Das war nicht die Art, wie man Helden behandelte, und er wollte verdammt sein, wenn er sich von dieser schmächtigen Göre um das bringen ließe, was Patrick ihm damals versprochen hatte.

Beim ersten Morgengrauen war er aufgestanden; er hatte sich Tee gekocht und den Rest von dem Hammelfleisch und dem harten Brot gegessen, das die Köchin von Kurrajong ihm mitgegeben hatte. Jetzt war es Spätnachmittag, und die Sonne schien ihm grell in die Augen, als sie auf den fernen Berg herniedersank, der Churinga seinen Namen gegeben hatte.

Er hustete Schleim herauf und spuckte auf die riefige Erde. Die Aborigines nannten diesen Ort verzaubert, ein schützendes Steinamulett mit der Macht der Traumzeit, ein Tjuringa. Na, dachte er säuerlich, für mich hat er keinen Zauber, heute nicht mehr. Und je eher ich ihn loswerde, desto besser.

Er gab seiner Stute die Sporen, als das erste verriegelte Tor in Sicht kam. Es war Zeit, dass er sein Recht geltend machte.

Die Farm kam in Sicht, als er das letzte Tor hinter sich schloss. Ein Rauchfähnchen stieg aus dem Kamin, und tiefe Schatten krochen über den Hof, als die Sonne hinter den Bäumen versank. Die Farm sah verlassen aus. Keine Axt erklang, keine Schafe oder Hunde wimmelten herum, keine schwarzen Gesichter spähten aus den Gunyahs. Die Schur musste vorbei sein, und die Wanderarbeiter und Scherer schienen zur nächsten Farm weitergezogen zu sein.

Er tat einen Seufzer der Erleichterung. Matilda musste genug Geld beiseite geschafft haben, um sie alle auszuzahlen. Er fragte sich, wo ihr neues Versteck sein mochte; er hatte gedacht, er hätte sie alle gefunden. Aber ab heute Abend kam es darauf nicht mehr an. Es wurde Zeit, dass Matilda lernte, wo ihr Platz war, und aufhörte, sich in Sachen einzumischen, die sie einen Dreck angingen. Er würde sie zwingen, es ihm zu verraten. Er würde ihr klar machen, dass er hier das Kommando hatte, und dann würde er einen Weg finden, ihr Churinga wegzunehmen.

Er hob den Sattel vom Pferd und führte es auf die Koppel. Dann warf er sich die Satteltaschen über die Schulter, polterte die Verandatreppe hinauf und riss krachend die Fliegentür auf. Kanincheneintopf köchelte auf dem Herd; der würzige Duft erfüllte das kleine Haus, dass ihm der Magen knurrte.

Die Stille war drückend. Da, wo das Licht der Kerosinlampe nicht hinreichte, waren die Schatten fast undurchdringlich. »Wo steckst du, Mädchen? Komm raus, und hilf mir mit den Taschen!«

Eine fast unmerkliche Bewegung der Schatten zog seinen Blick auf sich. Da stand sie, dort in der Tür zu ihrem Zimmer, und starrte ihn an. Ihre blauen Augen glitzerten im spärlichen Licht, und die Strahlen der sterbenden Nachmittagssonne, die durch die Ritzen der Blendläden drangen, ließen ihr Haar wie einen Heiligenschein leuchten. Sie sah aus wie eine Steinfigur: stumm und alles sehend in ihrer Verachtung für ihn.

Bang durchrieselte es ihn. Einen Augenblick lang glaubte er, Marys Geist sei ihm erschienen. Aber als das Mädchen ins Licht trat, war ihm klar, dass es Einbildung gewesen war. »Was schleichst du hier rum?« Laut klang seine Stimme durch die Stille, schroffer als beabsichtigt, während er sich noch bemühte, sich von seinem Schrecken zu erholen.

Matilda nahm ihm stumm die Satteltaschen ab und schleifte sie über den Küchenboden. Sie packte den Kattunsack Mehl und das Paket Zucker aus und legte beides in die Speisekammer. Kerzen und Streichhölzer wurden über dem Herd gestapelt, und die Teebüchse kam neben den rußgeschwärzten Wasserkessel.

Mervyn schlug seinen Schlapphut am Oberschenkel aus, bevor er ihn ungefähr in die Richtung der Kleiderhaken neben der Tür warf. Dann zog er den Stuhl vom Tisch zu sich heran und ließ ihn absichtlich über den Boden scharren, weil er sehen konnte, dass sie ihn gerade erst geschrubbt hatte.

Sie reagierte nicht. Als er sah, wie sie sich in der kleinen Küche bewegte, erinnerte er sich wieder an ihre Mutter. Mary war eine hübsche Frau gewesen, bevor die Krankheit sie überfallen hatte. Ein bisschen schmächtig für seinen Geschmack, aber was ihr an Größe und Breite fehlte, machte sie durch Tatkraft wett. Wäre sie nicht so verdammt hochnäsig gewesen, hätte sie eine gute Frau abgegeben – und Matilda hatte sämtliche Anlagen dazu, genauso zu werden. Vielleicht nicht ganz so energisch, aber ebenso selbstsicher. Diese verdammten O’Connors, dachte er. Die Arroganz lag ihnen im Blut.

»Hör auf, da rumzumurksen«, schnarrte er. »Ich will mein Abendessen.«

Er spürte ein genüssliches Kribbeln, als er sah, wie sie durcheinander geriet und fast den kostbaren Sack Salz fallen gelassen hätte, den sie so sorgfältig in eine alte Teedose hatte stopfen wollen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, um seinen Worten noch größere Wirkung zu verleihen, und lachte dann, als sie hastig zum Herd eilte, um das Stew mit der Kelle in eine abgesplitterte Schüssel zu löffeln, und dabei ein wenig auf den Boden verschüttete.

»Jetzt musst du wieder putzen, was?«, bemerkte er niederträchtig.

Matilda trug die Schüssel zum Tisch und stellte sie vor ihn hin. Ihr Kinn war hoch erhoben, und ihre Wangen waren gerötet, aber er sah wohl, dass das Selbstbewusstsein ihr nicht genug Kraft verlieh, um ihm in die Augen zu blicken.

Er packte ihr mageres Handgelenk, als er sah, wie Bluey sich durch die Küche schlich und das vergossene Essen aufleckte. »Was macht das verdammte Vieh hier drin? Ich habe dir verboten, es ins Haus zu lassen.«

Jetzt endlich schaute Matilda ihn doch an, aber die Angst in ihren Augen konnte sie nicht ganz verbergen. »Er muss mit dir reingekommen sein. Vorher war er nicht hier.« Ihre Stimme klang ruhig, aber ein leise bebender Unterton verriet, dass die Ruhe vorgetäuscht war.

Mervyn ließ sie nicht los, als er nach dem Hund trat. Er verfehlte ihn um eine Handbreit, und das Tier flüchtete zur Tür hinaus. »Bloß gut, dass du kein Hund bist, Matilda. Sonst bekämst du ebenfalls meinen Stiefel in den Arsch«, knurrte er und ließ sie los; er hatte das Spielchen satt, und der Duft des Kaninchens verlieh seinem Hunger zusätzliche Schärfe.

Er stieß den Löffel in den Eintopf und hob ihn zum Mund. Frisches Brot tunkte er in die Sauce. Er hatte schon eine Weile gegessen, als er merkte, dass sie sich nicht zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.

»Ich habe keinen Hunger«, sagte sie leise. »Ich habe schon gegessen.«

Mervyn wischte den letzten Rest Sauce auf, lehnte sich dann zurück und klimperte mit dem Kleingeld in seiner Hosentasche, während er seine Tochter musterte. Sie war schlank, aber nicht mehr so fohlenhaft ungelenk wie als kleines Mädchen, und wo Kinn und Wangen einst weich und rund gewesen waren, sah man jetzt die festen Konturen einer Erwachsenen. Die Sonne hatte ihre Haut dunkel werden und die Sommersprossen und das Blau der Augen hervortreten lassen; ihr langes, wildes Haar war halbwegs gezähmt oben auf dem Kopf zusammengebunden. Er sah, dass einzelne Strähnen sich gelöst hatten; sie umschmiegten ihr Gesicht und liebkosten ihren Hals.

Ein Schreck durchfuhr ihn bei diesem Anblick. Das war kein schwaches, fügsames Kind, das er einschüchtern und unterwerfen konnte, sondern eine Frau. Eine Frau mit der gleichen unversöhnlichen Persönlichkeit wie ihre Mutter. Er würde seine Taktik ändern müssen, und zwar schnell. Wenn sie erst einen Ehemann gefunden hätte, wäre Churinga für ihn auf ewig verloren.

»Wie alt bist du eigentlich genau?«, fragte er schließlich.

Matilda schaute ihm geradewegs und herausfordernd ins Gesicht. »Ich werde heute vierzehn.«

Mervyn ließ seinen Blick über sie wandern. »Fast eine Frau«, murmelte er beifällig.

»Erwachsen bin ich schon vor langer Zeit geworden«, erwiderte sie bitter und kam zum Tisch. »Die Hühner müssen gefüttert werden, und ich muss nach den Hunden sehen. Wenn du fertig bist, räume ich ab.«

Mervyn griff nach ihrer Hand, als sie die Schüssel nehmen wollte. »Warum trinken wir beide nicht ein Gläschen zur Feier deines Geburtstags? Es wird Zeit, dass wir uns besser kennen lernen. Besonders jetzt, wo deine Ma nicht mehr da ist.«

Matilda riss sich los und lief zur Tür. »Ich habe zu arbeiten.«

Die Fliegentür fiel hinter ihr zu, und er lauschte ihrem leichten Schritt, als sie über die Veranda und die Stufen hinunterlief. Tief in Gedanken versunken, griff er nach der Whiskyflasche in seiner Satteltasche.

Matilda schlug das Herz bis zum Hals, als sie mit dem Futtereimer den Hof überquerte. An ihrem Dad war eine Veränderung spürbar, die ihr viel mehr Angst einjagte als sein Jähzorn, und doch konnte sie diese Veränderung nicht in Worte fassen. Es war nichts Greifbares, aber es war gleichwohl vorhanden, und sie ahnte, dass diese neue Bedrohung weit gefährlicher war als alles, was er mit seinen Fäusten anstellen konnte.

Sie war bei den Hundezwingern angekommen und nestelte an dem Riegel am Gatter, doch sie bückte sich nicht wie sonst zu den Welpen, um sie zu streicheln. Das aufgeregte Kläffen in den Zwingern zerriss die Stille, die Churinga umgab, aber das tiefe Unbehagen, das sie ergriffen hatte, durchdrang es nicht.

Sie bewegte sich mechanisch, als sie den Futtereimer in die flachen Tröge leerte und dann den Auslauf harkte. Die Sonne war hinter dem Tjuringa Mountain verschwunden, nur noch ihr orangegelber Glanz erfüllte den Himmel. Die Nacht kam hier draußen schnell, und meistens war ihr die Stille, die sie brachte, willkommen. Heute Abend aber graute ihr davor, denn sie wurde das Gefühl nicht los, dass sich etwas verändert hatte, und zwar nicht zum Besseren.

Die Hühner gackerten, als sie das Futter ausstreute. Sie kontrollierte den Drahtzaun auf Löcher. Ein Dingo liebte nichts mehr als eine hübsche fette Henne, und sie hatten in letzter Zeit etliche verloren. Schlangen waren auch ein Problem, aber gegen die konnte sie nicht viel unternehmen.

Zögernd wandte sie sich wieder dem Haus zu; sie hielt den Eimer fest und bemühte sich, das bange Frösteln zu unterdrücken, während ihr Herz klopfte. Dad beobachtete sie von der Veranda aus. Sie sah die Glut seiner Zigarette.

»Was machst du da draußen? Wird Zeit, dass du ins Haus kommst.«

Matilda hörte, wie schwerzüngig er sprach, und wusste, dass er getrunken hatte. »Hoffentlich so viel, dass du bald einschläfst«, murmelte sie inbrünstig. Ihre Schritte stockten, und es überlief sie kalt, als sie die eigenen Worte vernahm. Sie war ein Echo ihrer Mutter.

Mervyn räkelte sich im Schaukelstuhl, die Beine quer über die Veranda gestreckt, die Whiskyflasche an der Brust; sie war fast leer. Als Matilda durch die Tür ins Haus gehen wollte, stieß er den Stiefel an den Rahmen und versperrte ihr den Weg. »Trink was mit mir.«

Ihr Pulsschlag raste, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Nein danke, Dad«, brachte sie schließlich hervor.

»Das war keine Einladung«, knurrte er. »Verdammt, du wirst ausnahmsweise tun, was ich sage!« Der Stiefel stampfte dröhnend auf den Boden, und sein Arm umschlang ihre Taille.

Matilda verlor das Gleichgewicht und fiel ihm auf den Schoß. Sie wand sich und zappelte und trat mit den Absätzen gegen seine kräftigen Beine, um ihm zu entkommen. Aber sein Griff lockerte sich nicht.

»Sitz still«, schrie er. »Du verschüttest den verfluchten Schnaps!«

Matilda hörte auf, sich zu wehren, und erschlaffte. Sie würde jetzt auf den richtigen Augenblick warten und dann hoffentlich der Faust ausweichen können, die gewiss nach ihr schlagen würde, sobald sie sich losgerissen hätte.

»Das ist schon besser. Und jetzt trink was.«

Er zwängte ihr die Flasche zwischen die Lippen, und der Strom von stinkendem, bitterem Alkohol ließ Matilda würgen. Sie bekam keine Luft, aber wagte auch nicht auszuspucken. Endlich gelang es ihr, die Flasche wegzuschieben. »Bitte, Dad, zwing mich nicht dazu. Ich mag nicht.«

Seine Augen weiteten sich in gespielter Überraschung. »Aber du hast doch Geburtstag, Matilda. Zu deinem Geburtstag musst du was geschenkt bekommen.« Er kicherte, und seine Bartstoppeln scheuerten an ihrer Wange, als er den Mund an ihr Ohr drückte.

Sein Atem war faulig, und vom Gestank seiner schmutzigen Kleider wurde ihr übel. Die Luft wollte ihr nicht aus der Lunge weichen, und sein Arm umschlang sie wie ein Schraubstock. Ihr Magen rebellierte. Sie schluckte, schluckte noch einmal. Aber ihr Kopf füllte sich mit Gewitterwolken, und der Magen wollte sich umdrehen. Sie krallte sich in seinen Arm und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. »Lass mich los. Ich muss gleich …«

In einem Schwall bespritzte der erbrochene Whisky sie beide. Mervyn schrie angeekelt auf und stieß sie von seinem Knie. Die Flasche zerklirrte auf dem Holzboden. Matilda fiel hart in die Scherben, aber sie spürte kaum Schmerz. Die Welt drehte sich wie verrückt, und die scharfe Brühe, die sich aus ihrem Mund ergoss, schien nicht enden zu wollen.

»Jetzt sieh bloß, was du gemacht hast, du dummes Luder. Ihr seid alle gleich, verdammt!«

Sein Stiefel traf ihre Hüfte, und sie kroch davon, tastete blindlings nach der Tür und dem rettenden Haus.

»Du bist genau wie deine Ma!«, brüllte er und stand schwankend über ihr. »Aber ihr verfluchten O’Connors wart ja immer zu gut für meinesgleichen!« Wieder trat er nach ihr, und sie flog krachend gegen die Wand. »Wird Zeit, dass du mal lernst, was Respekt heißt!«

Matilda kroch zur Tür und ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Er kehrte zu seinem Stuhl zurück, eine neue Flasche in der Hand.

»Verpiss dich!«, knurrte er. »Ich kann dich nicht gebrauchen. Genau wie deine Ma!«

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Taumelnd kam sie auf die Beine und schlich sich zur Tür.

Mervyn nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Er wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und beäugte sie streitsüchtig. Dann kicherte er wieder. »Nicht mehr so etepetete, wie?«

Matilda schlüpfte ins Haus. Sie schloss die Tür hinter sich, lehnte sich eine Weile dagegen und atmete ein paar Mal tief und schaudernd aus. Der Schmerz in ihrer Hüfte war nichts im Vergleich zu dem in ihrem Bein, und als sie hinschaute, sah sie auch, warum das so war: Eine scharfkantige Glasscherbe saß tief in ihrem Schenkel.

Sie humpelte in die Speisekammer, holte den Medizinkasten herunter und versorgte die Wunde schnell. Das Antiseptikum brannte, und sie biss sich auf die Lippe, aber als das Glas entfernt war und ein sauberer Verband die zerfetzten Wundränder zusammendrückte, kam es ihr schon nicht mehr so schlimm vor.

Wachsam lauschte sie nach draußen, ob Mervyn nicht von seinem Stuhl aufstand, und hastig streifte sie ihr besudeltes Kleid ab und weichte es im Eimer ein, während sie sich wusch. Sie hörte nur das Knarren des Schaukelstuhls auf den Dielen der Veranda und sein unverständliches Gemurmel.

Humpelnd durchquerte sie die Küche zu dem Kämmerchen, in dem sie schlief. Sie klemmte einen Stuhl unter den Türknauf und ließ sich dann erschöpft ins Bett fallen, wo sie wachsam und mit weit geöffneten Augen liegen blieb. Die Geräusche der Nacht drangen durch die Fensterläden herein, der Buschduft von Eukalyptus und Akazie, von trockenem Gras und abgekühlter Erde wehte durch die Ritzen des Holzhauses.

Sie kämpfte gegen den Schlaf, aber es war ein langer Tag mit einem schockierenden Ende gewesen, und die Augen fielen ihr zu. Ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt ihrer Mutter.

Es war ein fremdes Geräusch, das sie jäh aus dem Schlaf riss.

Der Türknauf drehte sich. Er ratterte im Holz. Matilda richtete sich langsam auf, zog sich das dünne Laken bis unters Kinn und sah, wie der Stuhl sich hin und her bewegte.

Sie schrie auf, als etwas Schweres gegen die Tür prallte, dass das Holz splitterte und der Stuhl über den Boden geschleift wurde. Laut kreischten rostige Angeln, als die Tür gegen die Wand flog.

Mervyns mächtige Gestalt füllte den Rahmen. Das Licht einer Kerze tauchte seine starren Augen in tiefe Schatten.

Matilda rutschte in die hinterste Ecke ihres Bettes. Sie presste sich mit dem Rücken an die Wand und zog die Knie an die Brust. Wenn sie sich klein genug machte, würde sie vielleicht unsichtbar.

Mervyn kam ins Zimmer. Er hielt die Kerze hoch und schaute auf sie herab.

»Nicht.« Sie streckte eine Hand aus, um ihn abzuwehren. »Bitte, Dad. Nicht schlagen!«

»Aber ich will dir dein Geschenk geben, Matilda.« Auf unsicheren Beinen kam er auf sie zu und fummelte dabei an seinem Gürtel.

Sie dachte daran, wie er sie das letzte Mal geschlagen hatte, wie die Gürtelschnalle sich so tief ins Fleisch geschnitten hatte, dass sie danach tagelang Qualen gelitten hatte.

»Ich will nicht«, schluchzte sie. »Nicht mit dem Gürtel! Bitte nicht mit dem Gürtel!«

Die Kerze wurde vorsichtig auf dem Nachttisch abgestellt. Rülpsend zog Mervyn den Gürtel aus den Schlaufen der Hose. Es war, als habe sie gar nicht gesprochen. »Du kriegst es ja nicht mit dem Gürtel«, sagte er und bekam einen Schluckauf. »Diesmal nicht.«

Matildas Schluchzen brach jäh ab, und ihre Augen weiteten sich entsetzt, als er an seinen Hosenknöpfen nestelte. »Nein«, hauchte sie. »Nicht das.«

Die Moleskinhose fiel zu Boden, und er schleuderte sie mit dem Fuß beiseite. Sein Atem ging rau und stoßweise, und in seinen Augen glühte nicht nur der Whisky. »Du warst schon immer ein undankbares Luder«, grunzte er. »Na, ich werde dir eine Lektion in Manieren erteilen, und wenn ich fertig bin, wirst du es dir zweimal überlegen, ob du noch mal frech zu mir sein willst.«

Matilda rollte sich aus dem Bett, als er zu ihr hineinsprang. Aber er war zwischen ihr und der Tür, und das Fenster war wegen der Mücken fest verschlossen. Sie konnte nirgends hin, konnte niemanden zu Hilfe rufen, und als er sie packte, fing sie an zu schreien.

Doch ihre Schreie wurden vom Wellblechdach zurückgeworfen und verloren sich in der endlosen Stille von Nimmerland.

Dunkle Wolken wirbelten in ihrem Kopf herum, und Matilda fühlte sich, als schwebe sie in einem Kokon. Sie empfand keinen Schmerz, kein Grauen, nur endlose Dunkelheit lockte sie, zog sie in ihre Tiefen, versprach ihr Frieden.

Und dennoch, irgendwo in dieser Dunkelheit hörte man die Geräusche einer anderen Welt. Hähnekrähen und morgendlichen Vogelgesang. Die Dunkelheit verblasste grau, und die ersten Sonnenstrahlen vertrieben sie vollends in die entlegenen Bereiche ihrer Sinne. Matilda versuchte, die Wolken zurückzurufen. Sie wollte sich nicht aus dieser schützenden Umhüllung reißen und in die kalte Wirklichkeit schleudern lassen.

Aber das Sonnenlicht brach durch die Wolken, wärmte ihr Gesicht, zwang sie ins Bewusstsein zurück. Eine Zeit lang lag sie noch mit geschlossenen Augen da und fragte sich, wieso sie solche Schmerzen hatte. Dann stürzte die Erinnerung über sie herein, und sie riss die Augen auf.

Er war weg, aber da, auf der Matratze, waren die Spuren dessen, was er getan hatte: Wie eine dämonische Rose blühte das Blut auf dem Kapok, und die Blütenblätter leuchteten verstreut auf dem Laken und auf den Fetzen ihres Unterrocks.

Matilda kauerte auf dem Boden. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie dort hingekommen war, aber sie vermutete, dass sie irgendwann in die Ecke gekrochen war, als er wieder gegangen war. Sie schob die Bilder der furchtbaren Nacht von sich und zog sich behutsam an der Wand hoch.

Ihre Knie zitterten, und alles tat weh. Auch an ihr selbst war Blut, eingetrocknet und dunkel, und in seinen Kupfergeruch mischte sich noch etwas anderes; als Matilda an ihrem nackten Leib hinunterblickte, wurde ihr klar, was es war. Es war sein Geruch, der Geruch seines ungewaschenen Körpers, seiner rauen, fordernden Hände; seines Whiskyatems, seiner schieren Übermacht.

Der schrille Schrei eines Kakadus ließ sie zusammenfahren, aber zugleich schärfte er ihre Entschlossenheit: Er würde es nie wieder tun.

Als sie das Zittern überwunden hatte, zog Matilda einen sauberen Unterrock an und ging dann unter Schmerzen um das Bett herum, um ihre spärliche Habe einzusammeln. Sie zog das Medaillon aus seinem Versteck unter den Bodendielen, nahm das Kopftuch ihrer Mutter vom Bettpfosten. Sie legte ihre beiden Kleider dazu, einen Rock, eine Bluse und die oft geflickte Unterwäsche. Als Letztes nahm sie das Gebetbuch, das ihre Großeltern auf dem weiten Weg von Irland hierher mitgebracht hatten. Sie wickelte alles in das Tuch und ließ nur die Moleskinhose, Stiefel und Hemd draußen, um alles anzuziehen, wenn sie sich gewaschen hätte.

Sie schlich sich an den Trümmern des beiseite geschleuderten Stuhls vorbei und blieb stehen, bis sie sicher war, dass Mervyn noch schlief. Dann begann sie ihre endlose Wanderung durch die Küche.

Jedes Knarren, jedes Ächzen des Hauses dröhnte ihr in den Ohren. Sicher würde es das Schnarchen nebenan gleich beenden 

Wieder blieb sie stehen. Das Blut sang ihr in den Ohren, der Puls trommelte in ihrem Kopf. Das rhythmische Schnarchen hörte nicht auf, als sie die Tür erreicht hatte. Sie hielt den Atem an. Mit schweißfeuchten Händen nahm sie den Wassersack vom Haken neben der Tür. Er war gottlob voll und schwer. Jetzt die Haustür.

Sie quietschte in den Angeln – das Schnarchen brach ab –, Bettfedern ächzten, Mervyn murmelte vor sich hin.

Matilda erstarrte. Sekunden dehnten sich ewig.

Mit einem Grunzen begann das Schnarchen von neuem, und Matilda konnte wieder atmen. Sie schlüpfte um die Tür herum, stahl sich am Fliegengitter vorbei und rannte die Verandastufen hinunter. Mit einem Blick sah sie, dass Gabriel und sein Stamm nicht zurückgekommen waren, und auch die Treiber waren nicht da. Sie war allein, und sie hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis Mervyn aufwachte.

Ihre bloßen Füße wirbelten den Staub des Hofes auf, als sie zum Bach hinuntereilte. Die Uferböschungen waren steil und von Weiden beschirmt, und nun, da sie zum seichten, trägen Wasser hinunterrutschte, wusste sie, dass man sie vom Haus aus nicht sehen konnte.

Das Wasser war kalt, denn die Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um es zu wärmen, aber es wusch die Spuren seiner schmutzigen Anwesenheit ab und reinigte ihre Haut. Dennoch wusste sie, dass sein Gestank weiter an ihr hing und sie nie mehr verlassen würde. Es fröstelte sie, während sie sich abschrubbte. Äußerlich mochte sie sauber aussehen, aber kein Wasser auf der Welt konnte den Schmutz von ihrer Seele waschen.

Sie rieb sich grob mit ihrem Hemd trocken und zog sich dann rasch an. Sie wagte nicht, quer über den Hof zum Sattelschuppen zu gehen; die Hunde würden anschlagen und Mervyn wecken. Es half nichts; sie musste den Schmerz ignorieren und ohne Sattel reiten. Als der Entschluss einmal gefasst war, raffte sie ihr Bündel an sich, und mit den Stiefeln in der Hand tappte sie am Bach entlang bis zur Koppel hinter dem Haus.

Sie sah sich um. Nichts rührte sich hinter den geschlossenen Fenstern; sein Schnarchen hallte durch die schlaftrunkene Morgendämmerung.

Sie atmete rau und bebte, als sie über den Zaun kletterte und auf die Koppel sprang. Die meisten Pferde waren Brumbys, halb zugerittene Wildpferde; mit ihnen hätte sie schneller fliehen können, aber für Matilda kam nur die alte Stute in Frage. Es gab sie schon so lange, wie Matilda sich erinnern konnte, und im Gegensatz zu den anderen konnte man bei ihr nicht sicher sein, ob sie nicht doch zur heimatlichen Koppel zurückkehren würde, wenn man sie freiließe.

Die Brumbys wieherten und warfen die Köpfe, und sie liefen durcheinander, als Matilda sich Mervyns grauer Stute näherte. »Psst, Lady. Alles in Ordnung, mein Mädchen. Wir machen einen kleinen Ausritt«, flüsterte sie und streichelte die weichen Nüstern.

Lady rollte mit den Augen und stampfte, als Matilda sich an ihre Mähne klammerte und sich unter Schmerzen auf ihren bloßen Rücken schwang.

»Hooo, mein Mädchen. Ganz ruhig«, sagte Matilda beschwichtigend. Sie schmiegte die Wange an den zuckenden Hals und flüsterte in die aufgestellten Ohren, aber ihre Finger waren fest mit der rauen Mähne verflochten. Lady war an Mervyns raue Behandlung und an sein Gewicht gewöhnt; man konnte nicht wissen, wie sie auf dieses ungewohnte Verhalten reagieren würde, und Matilda wollte sich nicht abwerfen lassen.

Mit dem leinenen Wassersack auf dem Rücken und ihrem Bündel im Arm trieb sie die Stute voran und öffnete das Tor am hinteren Ende der Koppel. Dann trieb sie die anderen zusammen wie eine Schafherde und verbrachte kostbare Minuten damit, die Brumbys zu ermuntern, ihre Koppel zu verlassen, und sie ins weite Weideland von Churinga zu führen.

Kaum hatten sie von der unerwarteten Freiheit gekostet, waren sie auf und davon; Matilda lächelte, als sie Lady die Fersen in die Flanken stieß und ihnen hinterhergaloppierte. Man würde eine Weile brauchen, um sie wieder einzufangen, und so hätte sie einen kleinen Vorsprung. Ohne Pferd konnte Mervyn kaum hoffen, sie einzuholen.

Donner grollte in den Fernen seines Traums, und Mervyn straffte sich und wartete auf den grellen Blitz und auf das Trommeln des Regens auf dem Wellblechdach. Als beides nicht kam, drehte er sich um und wühlte sich behaglicher in die Kissen.

Aber da der Schlaf einmal unterbrochen war, ließ er sich nicht wiederfinden; Mervyn merkte, dass er nicht wieder zur Ruhe kam. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Donner. Etwas, das sich seinen Gedanken widersetzte.

Er öffnete ein verquollenes Auge und versuchte, den Blick auf das leere Bett neben ihm zu konzentrieren. Auch dort stimmte etwas nicht, aber er hatte Kopfschmerzen, und seine Gedanken waren benebelt von dem Verlangen, etwas zu trinken. Er hatte einen sauren Geschmack im Mund, und als er mit der Zunge über die trockenen Lippen fuhr, zuckte er zusammen, denn er berührte dabei eine brennende Platzwunde und konnte sich doch nicht erinnern, woher er sie hatte.

»Muss hingefallen sein«, knurrte er und betastete sie mit der Zungenspitze. »Mary! Wo zum Teufel steckst du?«, brüllte er dann.

Der Trommler hinter seinen Augen schlug einen schmerzhaften Wirbel, und aufstöhnend ließ Mervyn sich in die Kissen zurückfallen. Das verfluchte Weib war nie da, wenn man es brauchte.

Er blieb liegen, und seine Gedanken wehten ziellos durch den Nebel des Schmerzes. »Mary«, stöhnte er, »komm her, Weib!«

Aber zur Antwort ertönte kein eiliges Fußgetrappel, kein Töpfeklappern aus der Küche, kein geschäftiges Treiben auf dem Hof. Es war überhaupt zu still.

Mervyn wälzte sich aus dem Bett und stand vorsichtig auf. In seinem Bein pochte der gleiche Rhythmus, der auch seinen Kopf erfüllte, und der ausgezehrte Schenkelmuskel erbebte, als er ihn mit seinem Gewicht belastete. Wo zum Teufel steckten nur alle? Wie konnten sie es wagen, einfach zu verschwinden?

Schwerfällig taumelte er zur Tür und riss sie auf. Krachend flog sie gegen die Wand, und dabei erwachte eine schemenhafte Erinnerung, auf die er sich keinen Reim machen konnte. Er wischte sie beiseite und stolperte in die verlassene Küche. Er brauchte etwas zu trinken.

Als der letzte Schluck Whisky durch seine Kehle gerollt war und das Trommeln in seinem Kopf ein wenig dämpfte, musterte Mervyn seine Umgebung. Kein Porridge blubberte auf dem Herd, kein Wasserkessel dampfte, keine Mary war weit und breit zu sehen. Er riss den Mund auf, um nach ihr zu rufen, und dann fiel es ihm ein: Mary war unter der Erde. Schon seit mehr als zwei Wochen.

Seine Beine wollten ihn plötzlich nicht mehr tragen, und er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Eine Kälte überkam ihn, die kein Whisky vertreiben konnte, als die Erinnerung mit voller Wucht zurückkehrte.

»Was habe ich getan?«, wisperte er in die schreckliche Stille.

Der Stuhl polterte zu Boden, als er sich vom Tisch erhob. Er musste Matilda suchen. Er musste ihr erklären … Sie musste verstehen, dass es der Whisky gewesen war, der ihn dazu gebracht hatte, so etwas zu tun.

Ihre Kammer war leer. Die zersplitterte Tür hing nur noch an einer Angel. Das Bett war eine blutige Erinnerung an das, was er getan hatte. Die Tränen strömten ihm übers Gesicht. »Ich hab’s nicht so gemeint, Molly. Ich dachte, du wärst Mary«, schluchzte er.

Er lauschte in die Stille, schluckte dann schniefend die Tränen hinunter und betrat das Zimmer. Sie hatte sich wahrscheinlich versteckt; aber er musste sie sehen, sie davon überzeugen, dass alles nur ein schrecklicher Irrtum gewesen war. »Wo steckst du, Molly?«, rief er leise. »Komm zu Daddy.« Absichtlich rief er sie bei ihrem kindlichen Kosenamen, vielleicht würde sie eher darauf hören.

Aber noch immer kam keine Antwort, und kein Rascheln verriet ihr Versteck. Er schlug das besudelte Laken zurück und schaute unter das Bett; er öffnete den schweren Kleiderschrank und tastete in der dunklen, leeren Höhle herum. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und versuchte nachzudenken. Sie musste in die Scheune geflohen sein oder in eins der anderen Außengebäude.

Er hinkte in die Küche zurück, sah die Flasche auf dem Tisch und fegte sie zu Boden, wo sie mit einer ansehnlichen Explosion von Glassplittern zerbarst. »Nie wieder«, knurrte er. »Nie, nie wieder.«

Der Fuß seines verkrüppelten Beins schleifte über den Boden, während er zur Fliegentür eilte, und als er eben auf die Veranda hinaustreten wollte, stach ihm etwas ins Auge, nicht weil es dort war, sondern weil es nicht dort war, wo es hätte sein sollen.

Mervyn blieb stehen und schaute den nackten Haken an, und als er so über den verschwundenen Wassersack nachdachte, fügten sich nach und nach auch andere Dinge ins Bild. Der Kleiderschrank war leer gewesen. Matildas Stiefel hatten nicht unter dem Bett gestanden. Marys Kopftuch hatte nicht am Bettpfosten gehangen.

Seine Tränen trockneten, und an die Stelle des reumütigen Selbstmitleids trat Angst. Wo zum Teufel war sie hin? Und wie lange war sie schon weg?

Die Sonne war immer noch nicht vollständig aufgegangen; ihr gleißendes Licht stach ihm in die Augen, und er musste blinzeln. In seinem Schädel pochte es. Er drückte sich den Hut tief ins Gesicht und wandte sich den Scheunen und Schuppen zu. Sie musste ja hier sein, irgendwo. Nicht einmal Matilda war so dumm, einfach wegzulaufen, nicht, wenn der nächste Nachbar fast hundert Meilen weit entfernt wohnte.

Er dachte kurz an die Treiber, die vor zwei Tagen mit den Schafen losgezogen waren. Sie würde ihnen vielleicht begegnen, aber die würden klug genug sein, das Maul zu halten, wenn ihnen ihre Arbeit am Herzen lag. Doch der Gedanke, dass sie sich bis Wilga durchschlagen könnte, zu diesem neugierigen Schnüffler Finlay und seiner Frau, der bereitete ihm doch Sorgen. Das wäre schon schlimm genug, aber was, wenn sie nach Kurrajong zu Ethan wollte?

Eisiges Entsetzen ließ seinen Puls rasen, und er beschleunigte seinen schwerfälligen Gang. Er musste sie finden, und zwar rasch.

Wenige Augenblicke später war er mit Sattel und Zaumzeug auf dem Weg zur Koppel; ein Sack mit frischem Trinkwasser schwappte auf seinem Rücken. Wut und Angst erfüllten ihn. Wenn Matilda es schaffte, nach Wilga oder nach Kurrajong zu gelangen, wäre sein Leben auf Churinga zu Ende. Mit flinken Lügen würde er sich diesmal nicht retten können.

Er überquerte den Hof und blieb dann wie angewurzelt stehen. Die Koppel war leer, das Tor offen. Das Weideland dahinter erstreckte sich leer bis zum Horizont. Wutentbrannt schleuderte er den Sattel zu Boden. Im Gegensatz zu Ethan Squires hatte er nicht das Geld für ein Auto. Ohne Pferd würde er dieses verschlagene kleine Luder niemals einfangen.

Er zündete sich eine Zigarette an, und dann stapfte er wutschnaubend durch das hohe Gras. Sie hätte doch den Whisky nicht trinken und sich nicht auf sein Knie setzen sollen, wenn sie nicht willig gewesen wäre. Wenn sie dazu alt genug war, dann war sie auch alt genug für andere Sachen. Und sie hätte auch nicht aussehen sollen wie ihre Ma und ihn nicht so behandeln sollen wie Dreck, wenn sie nicht bestraft werden wollte.

Und überhaupt, dachte er schließlich, als er das offene Tor am hinteren Ende der Koppel erreicht hatte: Wahrscheinlich ist sie nicht mal meine Tochter. Es war offensichtlich, dass zwischen Mary und Ethan etwas gewesen war, und wenn man den Gerüchten glauben konnte, dann hatte es schon lange vor seiner Ehe mit Mary angefangen. Das würde auch Patricks außergewöhnliches Angebot erklären, Mervyn Churinga zu übereignen, wenn er seine Tochter heiratete – und es erklärte, weshalb Mary und Ethan sich verschworen hatten, um ihn zu betrügen.

Als er sich eingeredet hatte, dass er nichts Unrechtes getan hatte, schob er den Hut in den Nacken und spähte düster in die Ferne. Matilda musste gefunden werden, und das sofort. Man durfte nicht zulassen, dass sie irgendjemandem erzählte, was geschehen war. Die Leute würden es nicht verstehen, und außerdem ging es sie einen Dreck an.

Seine hitzigen Gedanken kamen zur Ruhe, und er war plötzlich angespannt. Da draußen bewegte sich etwas, aber es war so weit weg, dass man nicht erkennen konnte, was es war. Er beschirmte die Augen und beobachtete den dunklen Fleck, der in der flirrenden Luft näher kam. Das Brumby spitzte die Ohren, als Mervyn pfiff; nachdem es ein paar Mal nervös mit der Mähne gezuckt hatte, ließ die Neugier es in Trab verfallen.

Mervyn blieb stocksteif stehen und wartete, dass das Tier zu ihm kam. Es war ein junges Pferd; offenbar war es von der Herde getrennt worden, hatte seine Einsamkeit verwirrend gefunden und war an den einzigen Ort zurückgekommen, den es kannte.

Mervyn konnte seine Ungeduld kaum bezähmen, als das Pferd zögerte und den Kopf werfend außer Reichweite blieb. Aus Erfahrung wusste er, dass ein rauer Umgang oder plötzliche Geräusche das Brumby in die Flucht jagen würden; also ließ er sich Zeit und sprach mit ihm, um es zu beruhigen, bevor er ihm den Sattel auflegte. Als er schließlich aufgestiegen war, studierte er die Spuren der Brumbys und folgte ihnen dann. Die aufgewühlte Erde machte die Verfolgung leicht, und nach ungefähr einer Stunde hatte er die Spur eines einzelnen Pferdes gefunden, das sich in gerader Linie voranbewegte.

Und diese Linie führte nach Süden. Nach Wilga.

Matilda ließ die Zügel schleifen. Die ersten paar Meilen hatte sie schnell zurückgelegt, aber jetzt wurde die Stute müde und hatte ihren Schritt zu einem leichten Trab verlangsamt. Von keinem Pferd, schon gar nicht, wenn es so alt war wie Lady, konnte man erwarten, dass es in dieser Hitze lange galoppierte. Besser war es, sich Zeit zu lassen, als zu riskieren, dass das Tier sich verletzte oder verausgabte.

Der Vormittag war weit fortgeschritten, die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel. Luftspiegelungen schimmerten wässrig über der verbrannten Erde, und das silbrige Gras raschelte unter Ladys Hufen. Die gewaltige Leere umschloss sie, und der Klang ihrer Stille kam als flirrendes Echo zu ihr zurück, aber sie hätte keine Angst gehabt, wenn sie nicht auf der Flucht gewesen wäre. Denn dieses schroffe, schöne Land war ebenso ein Teil ihrer selbst wie das Atmen.

Seine großartige Pracht reizte ihre Sinne, und die rohen Farben weckten tief in ihrem Innern die Sehnsucht, dies alles zu umfangen – und davon umfangen zu werden. Doch in dieser uralten Landschaft fand sich auch die sanfte Schönheit zarter Blätter, blasser Blüten und aschgrauer Rinde, der süße Duft von Akazie und Kiefer und das fröhliche Trillern der Lerche.

Matilda verlagerte ihr Gewicht auf dem Rücken der Stute. Ihr Unwohlsein wuchs, während sich der Abstand zwischen ihr und Churinga vergrößerte, aber sie hatte keine Zeit sich auszuruhen. Sie wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und rückte die Krempe ihres alten Filzhuts zurecht. Das Wasser im Schlauch war warm und schmeckte brackig; sie war durstig, aber sie musste sparsam damit umgehen. Das nächste Wasserloch war noch viele Meilen entfernt.

Lange und gründlich suchte sie den Horizont ab, von einem Ende bis zum anderen, ohne eine Spur von Mervyn zu entdecken; dann machte sie es sich auf dem breiten Rücken so bequem wie möglich und konzentrierte sich auf den Blick zwischen Ladys Ohren hindurch. Der stete Rhythmus der stampfenden Hufe wurde zu einem Wiegenlied, und wie ein Kokon hüllte die Hitze sie ein in träge Gleichgültigkeit.

Die Schlange hatte zusammengerollt in einem schmalen Spalt in der gerieften Erde gelegen, durch ein überhängendes Grasbüschel vor der Sonne geschützt. Die Erschütterung durch das nahende Pferd hatte sie geweckt und in höchste Wachsamkeit versetzt. Rotbraun gezeichnet, glitt sie durch den Staub, die gespaltene Zunge zuckte, während sie das Mädchen und das Reittier aus starren Augen beobachtete.

Matilda war das Kinn auf die Brust gesunken, und die Verlockungen des Schlafes hatten die Lider schwer werden lassen. Ihre Finger lockerten den Griff in der Mähne, und sie nickte dem Hals des Pferdes entgegen.

Ein scharfer Huf schlug klingend auf steinigen Grund. Grasbüschel flogen. Die Schlange schnellte aus kraftvollen Windungen vorwärts, die Zähne entblößt, die gelben Augen starr auf ihr Ziel gerichtet. Hart und schnell stieß sie zu.

Die Stute bäumte sich auf, als das Gift spritzte. Mit blitzenden Hufen schlug sie in die Luft und wieherte dabei entsetzt. Die Augen wild aufgerissen, warf sie den Kopf zurück und blähte die Nüstern, und die Hinterbeine tänzelten über den Schieferboden.

Matilda griff in die wild flatternde Mähne und umklammerte die Flanken des Tieres instinktiv mit Knien und Füßen.

Die peitschenden Hufe der Stute krachten auf den Boden. Matilda ließ die Mähne fahren, aber sie umklammerte den schweißnassen, angespannten Hals. Lady bäumte sich auf, um den rettenden Tanz wieder aufzunehmen, und Matildas verzweifeltes Bemühen, oben zu bleiben, fand ein Ende. Die rote Erde raste auf sie zu.

Lady drehte sich auf den Hinterbeinen, bleckte die Zähne, stampfte auf den Boden. Matilda rang nach Atem, als sie vor den tödlich herniederkrachenden Hufen beiseite rollte, und fragte sich die ganze Zeit, wo die Schlange wohl sein mochte.

Schnaubend warf Lady den Kopf in den Nacken, wandte sich um und galoppierte den Weg zurück, den sie gekommen war. Der Staub wirbelte auf, die Erde bebte unter den donnernden Hufen, und Matilda blieb zurück, ein zerschlagenes Häuflein am Boden. »Komm zurück!«, schrie sie. »Lady, komm zurück!«

Aber nur die Staubwolke zeigte noch an, wo die Stute verschwunden war, und nach einer Weile hatte auch sie sich gelegt.

Matilda betastete behutsam Arme und Beine. Gebrochen hatte sie sich anscheinend nichts, aber durch die Fetzen ihres Hemdes sah sie, dass sie ziemlich verschrammt war. Sie schloss die Augen, um den Wirbel des Schreckens zur Ruhe zu bringen, den der plötzliche, heftige Sturz hinterlassen hatte, aber sie wusste, dass die Schlange noch ganz in der Nähe sein konnte, was bedeutete, dass sie wenig Zeit hatte, wieder zu sich zu kommen.

Sie rappelte sich auf, sammelte Wasserschlauch und Bündel ein und blieb einen Augenblick lang in der Stille stehen. Die Schlange war nirgends zu entdecken, aber das hieß nicht, dass sie nicht noch irgendwo lauerte.

»Nimm dich zusammen«, murmelte sie. »Nach all dem Lärm hat sie wahrscheinlich mehr Angst als Lady und ist inzwischen längst verschwunden.«

Sie drückte sich den Hut fest in die Stirn, warf sich ihre Habe über die Schulter und betrachtete ihre Lage. Die ellipsenförmige, blaugraue Erhebung, die die Aborigines Tjuringa Mountain nannten, war jetzt näher. Wilga lag auf der anderen Seite des von Eukalyptus und Kiefern bewachsenen Berges, aber sie wusste, dass sie noch viele Stunden würde marschieren müssen, bevor sie es zu Gesicht bekäme.

Mit einem bebenden Seufzer ließ sie den Blick über den Horizont wandern. Lady war fort, aber von Mervyn war immer noch nichts zu sehen. Sie hob das Kinn und brach auf. Am Fuße des Tjuringa gab es Wasser und Schutz. Wenn sie es schaffte, bis zum Einbruch der Dunkelheit dorthin zu gelangen, könnte sie sich ausruhen.

Angst und die ungewisse Frage, wie groß ihr Vorsprung sein mochte, trieben Mervyn voran. Er gab dem Pferd die Sporen, und es griff gleich weiter aus; behände galoppierten die Hufe über harten, unnachgiebigen Boden. Die Sonne stand hoch am Himmel, und als er ein paar Stunden geritten war, wusste Mervyn, dass der Wallach der Erschöpfung nahe war. Er hatte ihn hart angetrieben, aber noch immer war nichts von ihr zu sehen, immer noch keine Staubwolke, die ihrem Weg folgte. Er zügelte das Pferd und ließ sich aus dem Sattel gleiten.

Er hätte einen anständigen Drink gebrauchen können, aber er musste sich mit dem Wasser aus dem Lederschlauch begnügen. Er spülte sich mit der nach Leder schmeckenden Flüssigkeit den Mund und befeuchtete damit seine trockene Zunge. Dann füllte er seinen Hut und hielt ihn dem Pferd hin. Das Tier soff in tiefen Zügen; noch immer wogten seine Flanken von der Anstrengung, und der Hals war fleckig vom Schweiß. Als sie beide genug getrunken hatten, um sich auf den Beinen zu halten, drückte Mervyn sich den kühlen nassen Hut wieder auf den Kopf und führte das Pferd weiter. Eine Zeit lang würde er neben dem Tier herlaufen; wenn sie das Wasserloch am Fuße des Tjuringa erreicht hätten, könnten sie sich abkühlen und trinken, so viel sie wollten.

Fliegen summten in der Luft, und die Hitze strahlte von dem rauen Schiefer und den zerklüfteten Felsen empor. Ein Habicht schwebte über schimmerndem Grasland, ein schwereloser Räuber auf der Suche nach Beute. Mervyns Gedanken waren finster. Schwerelose Jagd, die gab es für ihn nicht, und auch nicht das weitsichtige Auge des Habichts, sondern nur diese endlose Plackerei unter sengender Sonne auf der Suche nach einer Beute, die ihn bisher überlistet hatte. Vor allem der Gedanke daran, wie er sie bestrafen würde, wenn er sie erst gefunden hätte, ließ ihn weitergehen. Der – und die Angst, entdeckt zu werden.

Seine Gedanken kehrten zurück nach Gallipoli. Zurück zu der Nacht, in der er aus dem stinkenden Erdloch gekrochen war, das für so viele seiner Kameraden zum Grab geworden war. Zu der Nacht, in der er es nur seiner Geistesgegenwart und Gerissenheit verdankte, dass er nicht entdeckt worden war.

Monatelang hatte er im dicksten Getümmel gesteckt, und das Bersten und Dröhnen der türkischen Granaten gellte noch in seinem Kopf, als der Geschosshagel schon lange zu Ende war. Zuckend hatte er jedes Bild, jedes Geräusch des Gemetzels, das sie durchgemacht hatten, noch einmal erlebt. Der Gestank von Kordit und Blut war immer bei ihm – ebenso wie das Grauen. Es ließ ihn schwitzen und zittern und sich winden im Schlamm und peinigte ihn mit einer klaustrophobischen Panik, die er nicht mehr beherrschen konnte.

Mervyn erinnerte sich, wie er im Schutz der Dunkelheit davongekrochen war, während die Überlebenden ringsum im Schlaf murmelten, die Gewehre trostsuchend an sich gedrückt. Er war durch die Schützengräben gehastet und hatte sich immer weiter von der Front und dem sicheren Tod entfernt. Wie ein gejagtes Tier hatte er nach einem Schlupfloch gesucht, nach einer winzigen Zuflucht, wo die Granaten ihn nicht finden, wo der Tod ihm nicht länger im Nacken sitzen würde.

Er hatte den Befehlsstand umgangen, der ein paar Hundert Meter vom Brückenkopf entfernt in einer geschützten Senke gelegen hatte, und dann hatte er endlich gefunden, was er suchte. Er war an der Leiche vorbeigekrochen, die von den Sanitätern übersehen worden sein musste, und hatte sich in die enge, klamme Höhle gedrückt. Er hatte sich auf den Boden gekauert, die Hände über dem Kopf verschränkt, die Knie bis ans Kinn gezogen.

Sporadisch hallte Gefechtsfeuer ringsum von den Wänden wider, sodass er sich winselnd duckte. Er wollte, dass es aufhörte und ihn in Ruhe ließ. Er ertrug es nicht mehr.

Das Schürfen der Stiefel auf dem Höhlenboden hörte er nicht, und er sah den Soldaten nicht kommen.

»Steh auf, du elender Feigling!«

Mervyn hob den Kopf. Ein Bajonett war nur eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt. »Lass mich«, flehte er, »ich kann nicht wieder da raus.«

»Du dreckiger feiger Dingo! Ich sollte dich an Ort und Stelle abknallen und hier verfaulen lassen.« Das Bajonett durchstach die Luft zwischen ihnen. »Auf die Beine!«

Roter Nebel erfüllte Mervyns Kopf. Das Grauen des Schützengrabens verblasste hinter der Gefahr, der er sich jetzt ausgesetzt sah. Das Standgericht wäre schnell vorbei, das Erschießungskommando gewiss. Er war in die Enge getrieben. Ihm blieb nur der Angriff, und noch ehe ihm klar wurde, was er da tat, feuerte sein Karabiner auf einen Landsmann.

Der Knall wurde von den Wänden zurückgeworfen und dröhnte in seinem Kopf. Ein dumpfer Schlag gegen sein Knie schleuderte ihn zu Boden, und lange lag er wie betäubt da und wusste nicht, was passiert war. Als der rote Nebel verflogen war und seine Sinne nicht mehr in Aufruhr waren, blickte er durch den engen Raum.

Der andere Soldat lag am Boden, sein Gewehr neben sich. Man sah keine Bewegung, hörte kein Atmen, und als Mervyn auf ihn zu kroch, erkannte er, warum. Der Mann hatte kein Gesicht mehr. Mervyns Kugel hatte es fortgerissen.

Er inspizierte die eigene Wunde, und das Grauenhafte seiner Tat wischte Angst und Schmerz für einen Augenblick beiseite und ließ ihn eiskalt kalkulieren, was als Nächstes zu tun sei. Die Kugel des anderen hatte sein Knie zerschmettert und war hoch durch den Schenkel gefahren, bevor sie ihm ein Loch in die Hüfte gerissen hatte. Der Schmerz verzehrte alles, und er verlor so schnell Blut, dass er nicht mehr viel länger hier bleiben konnte.

Er betrachtete den toten Soldaten. Der Mann war klein und schmächtig. Er dürfte ihm keine großen Probleme bereiten. Mervyn fasste einen raschen Entschluss: Er packte ihn und warf ihn über die Schulter. Auf sein Gewehr gestützt, humpelte er zum Ausgang der Höhle. Auf der türkischen Seite wurde immer noch geschossen, noch immer flackerten Lichter im Lazarettzelt, am Befehlsstand wimmelte es von eiligen Läufern, und man hörte Befehlsgebrüll.

Mervyn ließ den Mann von der Schulter auf den Rücken rutschen, schlang sich die toten Arme um den Hals und umklammerte die leblosen Hände vor seinem Hals. So gab der Tote einen perfekten Schutzschild ab, falls sich eine Kugel über die Anhöhe verirren sollte.

Der steile Aufstieg zum Lazarettzelt war eine Qual gewesen, aber seine Ankunft im Chaos dort hatte eine zufrieden stellende Wirkung, wie er es vorausgesehen hatte. Er war der heimkehrende Held. Trotz seiner Verwundung hatte er sein Leben für einen Kameraden riskiert. Fast hätte er gelacht, als sie ihm ernst mitteilten, dass sein Kamerad tot sei, und ihn dabei mitleidsvoll anschauten.

Mervyn kehrte in die Gegenwart zurück und starrte in die Sonne. Sie hatten ihm einen Orden gegeben und, nachdem er monatelang im Lazarett gelegen hatte, auch noch eine Fahrkarte in die Heimat. Sein Glück und seine Gerissenheit hatten ihn in jener Nacht gerettet, und sie würden es auch heute tun, denn dort am Horizont lief Lady.

Er grinste, als die Stute ihm entgegengaloppierte. Er packte die baumelnden Zügel, stieg wieder auf sein Brumby und trieb es zum Galopp. Wenn Matilda abgeworfen worden war, würde er nicht mehr lange brauchen, um sie zu finden.

Als die Sonne unterging, kamen die langen, kühlen Schatten, und stolpernd, doch erleichtert, bahnte Matilda sich ihren Weg durch das verfilzte Unterholz und suchte Schutz unter dem Laubdach der Bäume. Jeder Atemzug tat weh, jede Bewegung, ja, jeder Gedanke. Sie war erschöpft.

Die Laute des Buschs umgaben sie, als sie sich an einen Stamm lehnte, um sich einen Augenblick lang auszuruhen, aber das Plätschern und Rieseln von Wasser lockte sie weiter. Zum Ausruhen war keine Zeit, aber sie könnte sich waschen und ihren Wasserschlauch füllen, bevor sie weiterzog, und der Gedanke an den kalten, frischen Bergbach belebte ihre nachlassenden Lebensgeister.

Der Wasserfall begann hoch oben auf dem Berg; er rauschte hernieder und nahm unterwegs andere Quellen in sich auf, ehe er ein paar Hundert Fuß tiefer im Felsental ankam. Aber als Matilda schließlich aus dem schattengrünen Licht des Hinterlands hervortrat, sah sie, dass der Wasserlauf nach dem Ausbleiben des Regens nur noch ein kläglich dünnes Rinnsal war. Das Wasser, das da über die glatten, glitzernden Steine tröpfelte, reichte kaum aus, um die Tümpel weiter unten zu füllen. Mächtige Baumwurzeln, sonst vom Wasser bedeckt, traten als nacktes, arthritisches Geflecht zu Tage. Waldfarn ließ die versengten Wedel hängen, und dicke Stränge von welkem Efeu hingen kraftlos von knarrenden, verdorrten Akazien und King-Billy-Kiefern.

Matilda kletterte auf einen breiten, flachen Stein hinunter, der über einen der Felsentümpel hinausragte, und zog sich die Stiefel aus. Sie machte sich nicht die Mühe, sich weiter auszuziehen: Sie war verdreckt, und die Fetzen ihrer Sachen waren es ebenfalls. Als sie sich so ins eiskalte Wasser sinken ließ, erschauderte sie vor Behagen. Die Blasen an ihren Füßen würden bald verheilen, und der Sonnenbrand auf ihren entblößten Armen würde sich bald in Bräune verwandeln.

Sie schloss die Augen, hielt sich die Nase zu und ließ sich unter die Oberfläche sinken. Schmutz und Schweiß lösten sich von ihr. Die eisige Liebkosung nahm dem Schmerz zwischen ihren Beinen die Schärfe. Ihr Haar schwebte im Wasser, und die ausgedörrte Haut wurde wieder geschmeidig.

Nach Luft schnappend, tauchte sie auf, und dann trank sie in tiefen Zügen aus den gewölbten Händen, bevor sie ihren Wasserschlauch füllte. Die Vögel, die bei ihrer Ankunft verstummt waren, sangen jetzt wieder aus Leibeskräften, und sie schaute hinauf in die Baumkronen. Dies war immer ein besonderer Ort gewesen. Hier hatte Mary ihr von Einhörnern und Feen erzählt und von dem kleinen Volk der Leprechauns. Als sie sich jetzt umschaute, konnte sie fast glauben, dass es sie gab – aber die raue Wirklichkeit wusste das alles als Unfug zu entlarven.

Widerstrebend stemmte sie sich aus dem Wasser und zog die Stiefel wieder an. Sie zuckte zusammen, als das Leder über die rohen Blasen scheuerte, aber dieser Schmerz genügte nicht, um sie zu entmutigen – nicht nach dem, was sie in den letzten Stunden erduldet hatte. Sie raffte Wassersack und Bündel an sich und drang ins tiefe Gebüsch ein. Der Weg dort hindurch war kürzer als der außen herum, und wenn sie immer weiter nach Süden wanderte, würde sie auf dem Kamm oberhalb von Wilga herauskommen.

Als sie aus dem feuchtgrünen Schatten ins ersterbende Sonnenlicht heraustrat, war sie nass geschwitzt. Aber Stolz auf das Erreichte durchfuhr sie, als sie auf die weite Ebene der Weiden von Wilga hinunterschaute und die dünne Rauchspirale sah, die von dem Haus am Horizont aufstieg. Sie hatte es fast geschafft.

Während die Bäume lichter wurden und die Sonne immer tiefer sank, suchte Matilda sich ihren Weg zwischen den wild verstreuten Felsblöcken am Fuße des Tjuringa Mountain. Der Wasserschlauch hing schwer an ihrer Schulter, und das Bündel war lästig. Schlitternd und stolpernd bewegte sie sich über den lockeren, tückischen Untergrund, aber sie dachte nicht daran, etwas wegzuwerfen, denn was sie bei sich hatte, war kostbar. Tiere huschten und glitten unter den Steinen davon, als sie sich in ihrem spätnachmittäglichen Schlummer gestört sahen, und Eselsgelächter verhöhnte ihr Fortkommen, aber endlich erreichte sie doch ebenes Gelände und blieb für einen Augenblick stehen, um zu Atem zu kommen und einen Schluck Wasser zu trinken.

Es dämmerte schon fast, und bis Wilga waren es noch mindestens drei Stunden Fußweg. Sie musste all ihre Kraft zusammennehmen, um weiterzugehen; es konnte sein, dass Mervyn Lady begegnet war, und womöglich war er nur wenige Meilen hinter ihr.

Sie drückte den Stopfen in den Wassersack, trat hinaus in die Ebene und wandte sich dem Rauchfähnchen am Horizont zu.

Die Zeit verlor alle Bedeutung, als sie so dahin wanderte. Sie sah nur die wachsenden Schatten und den Schimmer von Wilga in der Ferne. Ihre Stiefel schlurften über die trockene Erde und durch das silbrige Gras, und ihre Gedanken richteten sich auf Tom und April Finlay.

Tom Finlays Familie besaß Wilga schon seit Jahren; sie erinnerte sich an den mageren Jungen, der sie erbarmungslos geärgert und sie an den Haaren gerissen hatte. Der alte Finlay war ein paar Monate nach seiner Frau verstorben, und Tom, der verheiratet war, führte den Besitz. Sie hatte ihn lange nicht gesehen – nicht mehr, seit Mum krank war und Mervyn ihm verboten hatte, sie zu besuchen. Dennoch wusste sie, dass sie in Wilga Zuflucht finden würde. Sie und Tom waren zusammen aufgewachsen; und sie wusste, auch wenn er ein paar Jahre älter war als sie, so betrachtete er sie doch als eine Schwester, die er nie gehabt hatte.

Ein vertrautes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken, und jäh fuhr sie herum.

Hufschlag ließ den Boden erzittern, und dort, weit hinter ihr, sah sie verschwommen die unverkennbaren Umrisse eines Reiters. Endlich. Jemand hatte sie gesehen und kam ihr zu Hilfe.

Sie winkte. »Hier bin ich. Hier drüben«, rief sie.

Auf ihr Rufen kam keine Antwort, aber das Pferd kam näher.

Matilda erschauderte, als das erste sorgenvolle Kribbeln sie überrieselte. Es waren zwei Pferde – aber nur ein Reiter. Sie wich einen Schritt zurück. Dann noch einen. Als die Konturen schärfer wurden, kehrte auch ihre Angst zurück. Die massige Gestalt auf dem Rücken des Brumby war nicht zu verwechseln, und Ladys Umrisse ebenfalls nicht.

Sie drehte sich um und rannte.

Das Hufgetrappel kam näher. Wilga rückte in unerreichbare Ferne.

Adrenalin rauschte in ihrem Blut, als Matilda durch das hohe Gras rannte. Mit ihren Stiefeln rutschte sie aus, und sie stolperte über unebenen Boden. Der Hut flog ihr vom Kopf und baumelte auf dem Rücken. Aber ihre Augen waren starr auf den fernen Lichtfunken der Farm gerichtet, wo sie Zuflucht finden würde. Sie musste es schaffen. Ihr Leben hing davon ab.

Die donnernden Hufe verlangsamten ihr Tempo zu einem gleichmäßigen Schritt.

Sie wagte nicht, sich umzusehen, aber sie vermutete, dass er nur ein-, zweihundert Meter hinter ihr war und mit ihr spielen wollte wie die Katze mit der Maus – spaßend, provozierend, aber immer auch bedrohlich. Ein verzweifeltes Schluchzen unterbrach ihr Keuchen, als sie wieder strauchelte. Er wartete nur darauf, dass sie hinfiel. Wartete auf seinen Augenblick. Sie wussten beide, dass sie ihm nicht entkommen konnte.

Das Weideland erstreckte sich endlos vor ihr, und das hohe Gras behinderte ihre Flucht. Die Erde schien es darauf abgesehen zu haben, ihr ein Bein zu stellen. Und doch fand sie die Kraft, auf den Füßen zu bleiben und weiterzurennen.

Das stete Stapfen der Hufe folgte ihr; es kam nicht näher, aber es war immer da. Sie hörte leises, bösartiges Glucksen und das Klirren des Zaumzeugs. Es spornte sie an.

Die Farm war jetzt näher; sie sah sogar schon den Lichtschimmer in einem der Fenster, und Mervyn würde nicht wagen, ihr etwas anzutun, wenn sie erst den Brandwall erreicht hätte, der das Anwesen umgab.

Ihre Füße wirbelten über den Boden, und verzweifelt hielt sie Ausschau nach einem Lebenszeichen – nach einer Bestätigung dafür, dass da jemand war, der sie bemerken würde. Wo war Tom? Wieso kam niemand heraus, um ihr zu helfen?

Der Trommelschlag der Verfolgung wurde schneller. Näher und näher kam er, und sein Nahen erfüllte die Welt mit seinem Geräusch, bis für nichts anderes mehr Platz war.

Ihr Atem ging stoßweise. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als der kastanienbraune Wallach an ihrer Seite auftauchte. Schweiß schäumte auf seinen Flanken, und der mächtige Blasebalg seiner Lunge rasselte, als das Tier rutschend vor ihr zum Stehen kam.

Matilda wandte sich um.

Das Pferd folgte ihr.

Sie wich den trampelnden, stampfenden Beinen aus und schlängelte sich zwischen Grasbüscheln hindurch.

Das Pferd kam heran, ein Stiefel löste sich aus dem Steigbügel und versetzte ihr einen Tritt.

Der Stiefel traf sie seitlich am Kopf und ließ sie taumeln; sie ruderte mit beiden Armen und griff ins Zaumzeug, um ihr Gleichgewicht zu behalten. Aber dann fiel sie doch. Sie fiel und fiel, die Erde flog ihr entgegen, umarmte sie mit einer Wolke aus Staub und grausamen Steinen, presste ihr die Luft aus der Lunge.

Mervyns massige Gestalt verfinsterte den Rest der Sonne, als er sie überragte. »Wie weit, dachtest du, würdest du kommen?«

Matilda spähte durch das Gras zu der stillen, einsamen Farm hinüber. Wenn sie nicht gerastet hätte, hätte sie es geschafft.

Mit brutaler Faust packte er ihren Arm und riss sie auf die Beine. Sadistische Lust glitzerte in seinen Augen, als er in ihr Haar griff und sie zwang, zu ihm aufzuschauen. Er wollte, dass sie schrie, das wusste Matilda, dass sie ihn anflehte, ihr nicht weh zu tun, aber diese Genugtuung würde sie ihm nicht schenken – mochte er sie noch so sehr quälen.

Sein Atem stank, und sein Mund war nur wenige Zoll von ihrem Gesicht entfernt. Seine Stimme war ein leises, bedrohliches Schnarren. »Was auf Churinga passiert, geht niemanden etwas an. Verstanden? Wenn du noch mal ausreißt, bring ich dich um.«

Matilda wusste, dass dies keine leere Drohung war. Sie senkte den Blick und bemühte sich, nicht zusammenzuzucken, als seine Finger ihr noch fester ins Haar griffen.

»Sieh mich an!«, knurrte er.

Sie raffte ihren letzten Mut zusammen und starrte ihm ins Gesicht.

»Niemand wird dir glauben. Ich bin ein Held, verstehst du, und ich habe einen Orden, der es beweist.«

Matilda schaute ihm in die Augen, und ihr war, als sehe sie hinter seinen Drohungen noch etwas anderes – konnte es Angst sein? Unmöglich. Denn seine Worte hatten den Klang der Wahrheit, und in diesem Augenblick wusste sie, dass sie wirklich allein war.

EINS

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Sydney schmorte in der Hitze, und die anmutig geschwungenen weißen Segel des neuen Opernhauses schimmerten kühl vor den dunklen Eisenstreben der Harbour Bridge. Circular Key war ein Kaleidoskop von Farben; es wimmelte von Menschen, und auf dem Wasser herrschte ein reger Verkehr von Schiffen und Booten in allen Größen und Formen. Australien feierte, wie man es nirgends besser konnte, und in den schmalen Straßen der aufstrebenden Metropole herrschte lärmendes Treiben. Jenny hatte sich angeschaut, wie die Queen das Opernhaus eröffnete; sie war aus Neugier hingegangen und um die Stunden eines weiteren langen Tages auszufüllen. Aber die Schwärme von Menschen, die sich mit ihr auf dem sonnenüberfluteten Kai drängten, hatten ihr nicht geholfen, das Gefühl der Isolation zu vertreiben, und so war sie nach Hause zurückgefahren, sobald die Feierlichkeiten vorbei waren, zurück in ihr Haus im nördlichen Vorort Palm Beach.

Jetzt stand sie auf dem Balkon und umklammerte das Geländer mit der gleichen Verzweiflung, mit der sie sich in den letzten sechs Monaten der Trauer an die Trümmer ihres Lebens geklammert hatte. Der Tod ihres Mannes und ihres Kindes war nicht sanft gekommen, nicht so, dass sie Zeit gehabt hätte, sich vorzubereiten, die Worte zu sagen, die hätten gesagt werden sollen, sondern mit einer obszönen Schnelligkeit, eine Springflut, die alles fortgeschwemmt und sie gestrandet zurückgelassen hatte. Das Haus erschien ihr zu groß, zu leer, zu still. Und in jedem Zimmer fand sich eine Erinnerung daran, wie es einmal gewesen war. Aber ein Zurück gab es nicht und kein Erbarmen. Sie waren fort.

Der Pazifik glitzerte in der Sonne, seine Reflexe spiegelten sich in den Fenstern der am Hang gelegenen eleganten Villen mit Meeresblick; die leuchtend violetten Köpfe der Bougainvilleen nickten vor den weißen Stuckwänden des Hauses. Peter hatte sie gepflanzt, weil sie die gleiche Farbe wie ihre Augen hatten, und jetzt konnte sie es kaum ertragen, sie anzuschauen. Aber was ihr den Verlust besonders schwer erträglich machte, war der Anblick der Kinder, die am Rand des Wassers planschten. Der zweijährige Ben hatte das Wasser geliebt.

»Ich dachte mir, dass ich dich hier finden würde. Warum bist du einfach weggelaufen? Du hast mir einen Schrecken eingejagt, Jen.«

Sie drehte sich um, als sie Dianes sanfte Stimme hörte. Ihre Freundin stand in der Tür, wie immer in einen Kaftan gehüllt; ihre dunklen Locken waren mit einem Seidentuch zusammengebunden. »Tut mir Leid. Ich wollte dich nicht ängstigen, aber nachdem ich mich sechs Monate selbst eingesperrt habe, waren mir der Lärm und das Gedränge in der Stadt einfach zu viel. Ich musste weg.«

»Du hättest sagen können, dass du gehen wolltest. Ich wäre mitgekommen.«

Jenny schüttelte den Kopf. »Ich musste ein Weilchen allein sein, Diane. Mich vergewissern, dass …«

Sie konnte den Satz nicht zu Ende bringen, konnte die aberwitzige Hoffnung nicht in Worte fassen, die sie jedes Mal erfüllte, wenn sie das Haus verließ. Denn sie kannte ja die Wahrheit, hatte gesehen, wie die Särge in die Erde gesenkt wurden. »Es war ein Fehler. Das weiß ich jetzt.«

»Kein Fehler, Jen. Nur die Bestätigung deiner schlimmsten Befürchtungen. Aber das wird besser. Ich versprech’s dir.«

Jenny betrachtete sie voller Zuneigung. Die exotische Kleidung, der grelle Schmuck und das dicke Make-up verbargen ein weiches Herz, dessen Existenz Diane vehement geleugnet hätte. Aber Jenny kannte sie schon zu lange, um sich noch etwas vormachen zu lassen. »Woher weißt du so viel darüber?«

Trauer flackerte in Dianes braunen Augen auf. »Vierundzwanzig Jahre Erfahrung«, sagte sie trocken. »Das Leben kann gemein sein, aber wir beide haben es so lange überlebt, also lass dir bloß nicht einfallen, mich jetzt hängen zu lassen.«

Das Kaleidoskop ihres Lebens funkelte in Jennys Erinnerung auf, als sie sich umarmten. Sie hatten sich im Waisenhaus von Dajarra kennen gelernt, zwei kleine Mädchen mit der inbrünstigen Hoffnung, ihre Eltern zu finden. Als dieser Traum zerplatzt war, hatten sie sich einen neuen geschaffen und dann noch einen.

»Weißt du noch, wie wir damals nach Sydney runterkamen? Wir hatten so viele Pläne. Wieso ist alles schief gegangen?«

Diane löste sich behutsam aus der Umarmung; ihre silbernen Armreifen klingelten, als sie Jenny das lange braune Haar aus dem Gesicht strich. »Garantien gibt es nie, Jen. Es hat keinen Sinn, über das Schicksal zu grübeln.«

»Aber es ist nicht fair!«, explodierte Jenny, und endlich besiegte der Zorn ihren Jammer.

»Stimmt«, sagte Diane mit unergründlicher Miene. »Aber leider können wir daran nichts ändern.« Sie packte Jenny mit kräftigen Fingern beim Arm. »Lass es raus, Jen! Werde wütend, weine, schrei die Welt an und alles, was drin ist, wenn du dich dann besser fühlst. Denn du tust dir keinen Gefallen, wenn du dich davon auffressen lässt.«

Jenny kämpfte mit sich selbst, als sie sich abwandte und über die Bucht hinausschaute.

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