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Matilda

Über die Autorin

Ann-Kathrin Kramer ist Schauspielerin und Mutter. Sie lebt mit ihrer Familie im Bergischen Land und arbeitet dort an Drehbüchern und anderen eigenen Projekten. Nach einer Kurzgeschichte für Kinder ist Matilda ihr Kinderbuchdebüt.

Über die Illustratorin

Heike Herold, geb. 1974 in Münster, studierte an der dortigen Fachhochschule mit dem Schwerpunkt Illustration. Sie lebt heute als freiberufliche Grafikerin und Illustratorin in Köln und hat bereits zahlreiche Bücher gestaltet.

Ann-Kathrin Kramer

Matilda

Das Mädchen aus dem Haus
ohne Fenster

Mit Illustrationen
von Heike Herold

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Inhalt

  1. Die aus dem Haus ohne Fenster
  2. Scheiße sagt man nicht
  3. Ein Sonntag im Juni
  4. Freunde fürs Leben
  5. Das Leben ist schön!
  6. Die Zigeuner kommen
  7. Marmelade im Schuh
  8. Barfuß oder Lackschuh
  9. Ich hab keine Angst
  10. Väterchen Frost
  11. Ich bin krank
  12. Geld ist nicht alles
  13. Der Schatz im Silbersee
  14. Übrigens …

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Die aus dem Haus ohne Fenster

Ich bin ein Mädchen. Das ist grundsätzlich schon einmal klasse.

Mein Bruder sieht das nicht so. Er ist ein bisschen größer als ich, und daher ist er der Meinung, er hat immer recht. Das führt dazu, dass selbst, wenn er mal wirklich recht hat, ich das nicht zugeben kann. Logisch.

Wir wohnen in einer ehemaligen Hosenträger-Fabrik. Die hat Papa so umgebaut, dass wir jetzt darin leben können. Zur Straße hin hat unser Haus keine Fenster.

Darum nennt man mich in der Gegend: »Die aus dem Haus ohne Fenster.«

Was kaum jemand weiß: Nach hinten raus ist unser Haus komplett aus Glas, da haben wir riesige Fensterscheiben, von der Decke bis zum Boden. Ich kann von meinem Bett aus drei Hinterhöfe weit schauen. Direkt vor meinem Fenster steht eine Erle, in der jedes Jahr ein Rotkehlchen brütet, und jedes Jahr kommt eine Elster und stiehlt ihr wenigstens ein Ei. Eine Sauerei ist das!

Weihnachten macht meine Mama mir immer Locken. Den ganzen Vormittag sitze ich mit Lockenwicklern unter ihrer alten Trockenhaube. Am Nachmittag hocke ich dann auf meiner Fensterbank und schaue in den Abend. Ich warte auf den Weihnachtsmann, aber von dort habe ich ihn noch nie gesehen. Vielleicht liegt das daran, dass ich abgelenkt werde. Und zwar von meinem Spiegelbild. In der Fensterscheibe spiegeln sich meine blonden Locken. Ich bin dann ein Engel.

Das glaube ich so lang, bis mein Bruder sich heimlich anschleicht und mir Wasser über den Kopf gießt. Meine Locken lösen sich in nichts auf, ich brülle wie am Spieß und … das ist immer der Moment, in dem oben das Glöckchen bimmelt. Die Bescherung. Wie ein begossener Pudel treffe ich auf den Weihnachtsmann. Dabei hatte ich mich so schön gemacht.

Nun ist es ja so: Der Weihnachtsmann steht in unserem Wohnzimmer und verteilt die Geschenke. Da kann ich meinem Bruder schlecht eine runterhauen. Also beschließe ich, damit zu warten, bis der Weihnachtsmann wieder weg ist. Bislang habe ich meine Wut meist vergessen, wenn er wieder auf seinen Schlitten steigt und seine Reise fortsetzt. Aber eines Tages, da werde ich meinem Bruder zeigen, wo der Barthel den Most holt! Das ist sicher.

Mein Papa kann alles. Darum hat er auch so wenig Zeit für mich. Manchmal kommt er mittags von der Arbeit nach Hause. Dann essen wir gemeinsam, und dann legt er sich aufs Bett. Wir haben nämlich ein Bett in der Küche. Das hat sonst niemand, den ich kenne. Wenn er dort sein Mittagsschläfchen hält, krieche ich manchmal in seinen Arm. Dort liege ich dann und traue mich nicht, mich zu bewegen. Er soll nicht gestört werden, sagt Mama. Oft frage ich mich dann, warum nicht? Und – wieso stört es ihn überhaupt, dass ich bei ihm sein will? Ich bin doch seine Tochter. Seine einzige noch dazu.

Wenn nicht gerade Weihnachten ist, bin ich die meiste Zeit draußen. Ich habe dort viel zu erledigen. Blöde Jungs vermöbeln, Blumen klauen, um sie dann zu verkaufen, mir Gedanken über Würmer machen und darüber, warum sie am liebsten in Brombeeren hausen, und überlegen, wie ich es schaffe, nicht zu heulen, wenn mich jemand in die Brennnesseln schmeißt. Also wirklich wichtige Dinge.

So! Jetzt weißt du fast alles über mich. Wenn du wissen willst, was noch so los ist, lies einfach weiter. Oder besser gesagt, lass es dir vorlesen.

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Scheiße sagt man nicht

Ostern fahren wir immer weg. Das Jahr beginnt, der Frühling kommt, und wir fahren zum Zelten. Das ist herrlich. Am schönsten ist, dass wir Feuer machen müssen, draußen schlafen dürfen und: dass die Chance, den Osterhasen leibhaftig zu erwischen, ziemlich groß ist. Bis jetzt habe ich es zwar noch nicht geschafft, aber lange kann es nicht mehr dauern. Das nennt man Statistik, sagt Papa.

Dieses Jahr wird es klappen. Da bin ich sicher! Also mache ich mich am Ostersonntag als Erste auf den Weg. Ich habe mich aus dem Zelt geschlichen und nehme mir ein Körbchen und ausreichend Salz mit.

Mit Salz fängt man Hasen. Das hat mir Opa Peter erzählt. Man pirscht sich an den Hasen heran, und dann muss man ihm das Salz auf den Schwanz streuen. So geht das. Ich hoffe, dass das auch für Osterhasen gilt und nicht nur für einfache Hasen. Das hätte ich Opa Peter noch fragen sollen …

Ich mache mich also auf den Weg. Die Sonne geht gerade auf. Gut, dass ich meinen grünen Lieblingspulli angezogen habe, denn es ist noch recht kühl, und außerdem bin ich so gut getarnt. Ein kleines Reh springt erschrocken davon, aber kein Hase. Weit und breit kein einziger Hase. Immer weiter laufe ich in den Wald hinein. Die Vögel singen und langsam wird es etwas wärmer.

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»Morgenstund hat Gold im Mund« – das sagt Mama manchmal, wenn ich morgens noch zu müde bin, um aufzustehen. So richtig habe ich das noch nie verstanden. Weil: Gold kann man doch nicht essen. Und ich bekomme langsam Hunger.

Und dann geschieht etwas Wunderbares! Ich trete auf eine Lichtung und da … da ist das Paradies. Da muss der Osterhase wohnen. Ganz in der Nähe, denn hier ist alles voller kleiner brauner Haseneier.

Ich fange an zu sammeln. Ich fange an zu essen. Gut, sie schmecken etwas wunderlich, aber so ist das mit Wundern. Sie sind wunderlich. Wie gut, dass ich so früh aufgestanden bin und noch niemand vor mir da war. Nur den Osterhasen, den sehe ich nicht. Der ist ja heute auch viel zu beschäftigt. Ist ja klar. Aber ich bin trotzdem sehr zufrieden und sammle mein Körbchen voll. Vielleicht gebe ich meinem Bruder sogar etwas davon ab. Die faule Socke liegt sicher noch in ihrem Schlafsack. Selber schuld. Satt, stolz und glücklich trete ich den Heimweg an.