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Maskenball des Glücks

PROLOG

„Und deshalb lasse ich mich einfach treiben und genieße die wilden Sexorgien mit meinem Tennistrainer in vollen Zügen.“

„Wie bitte?“ Daniella fuhr herum und starrte ihre Freundin Elena quer durchs Wohnzimmer mit großen Augen an.

Die beiden Frauen legten letzte Hand an die Dekoration des exklusiven Landhauses, in das Elena und ihr zukünftiger Mann demnächst einziehen wollten. Die Hochzeit sollte zu Weihnachten stattfinden. Also bereits in einer Woche.

Als begabte Innenarchitektin stand Dani ihren Freunden Brad und Elena seit Monaten zur Seite, um sie bei der Auswahl der Möbel, Wohnfarben und Accessoires zu beraten. Sie wollte ihnen helfen, das riesige Haus in ein wohnliches Heim zu verwandeln, das eines Tages hoffentlich von den zahlreichen Kindern der beiden bevölkert würde.

„Einen Moment mal …“ Danis Augen verengten sich voller Zweifel. „Du hast doch gar keinen Tennislehrer, Elena.“

„Stimmt!“, lachte die hübsche Venezianerin. „Dafür aber endlich deine Aufmerksamkeit gewonnen. Ich rede seit mindestens zehn Minuten auf dich ein, ohne die leiseste Reaktion zu ernten. Wetten, dass du kein einziges Wort mitbekommen hast?“

Dani lächelte reuevoll. „Tut mir leid.“ Dabei hatte sie sich nichts anmerken lassen wollen. Doch Elena kannte sie offensichtlich zu gut, als dass sie ihr etwas vormachen konnte. Auf jeden Fall nicht länger als zehn Minuten, wie es aussah.

Die beiden Frauen kannten sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr. Niccolo, Elenas Bruder und gleichzeitig das Familienoberhaupt des venezianischen D’Alessandro-Clans, hatte seine kleine Schwester für ein Jahr ins gleiche Internat geschickt, in dem auch Dani untergebracht war. Elena sollte ihr Englisch perfektionieren.

Am Ende des Jahres war die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen so eng, dass Elena ihren großen Bruder anflehte, die restliche Schulzeit in England verbringen zu dürfen. Es folgte ein erbitterter Kampf, den der aufmüpfige Teenager verlor.

Dani schauderte unwillkürlich in Erinnerung an ihr erstes Zusammentreffen mit Niccolo D’Alessandro. Elena hatte darauf bestanden, dass ihr Bruder sie beide zum Lunch einlud, um ihm ihre neue Busenfreundin vorstellen zu können.

Eingeschüchtert war ein viel zu schwaches Wort, um den Zustand zu beschreiben, in dem Dani sich befand, als sie den arroganten Venezianer errötend begrüßte.

Mit siebenundzwanzig bereits seit vier Jahren führender Kopf der D’Alessandro Privatbank, dazu von imposanter Größe, mit breiten Schultern und aristokratischen Gesichtszügen ausgestattet, war es für Dani nicht schwer, sich vorzustellen, dass er von königlichem Geblüt sein, aber eben auch aus einer Dynastie furchtloser Piraten abstammen könnte.

Dafür sprachen zumindest das lässige, halblange schwarze Haar, der arrogante Erobererblick aus den nachtdunklen Augen, die herrische Nase und der grausame Zug um den festen Mund, der kein Lächeln zu kennen schien.

Dass er außerordentlich attraktiv war, konnte nicht geleugnet werden. Aber es war eine gefährliche Schönheit, der man besser mit Vorsicht begegnete …

Offensichtlich war hingegen seine Meinung über die englische Freundin seiner Schwester. Und das nach einem kurzen Treffen. Ohne Angabe von Gründen lehnte er Elenas Wunsch ab, nur um drei Jahre später zähneknirschend nachzugeben, als sie ihn mit achtzehn erneut unter Druck setzte. Und so kehrte Elena zum Studium nach England zurück.

„Männerprobleme?“, fragte sie ihre immer noch abwesende Freundin.

Dani schüttelte den Kopf und versuchte, die Erinnerung an die Begegnung mit Niccolo zu verdrängen. Immerhin lag die demütigende Erfahrung inzwischen fast zehn Jahre zurück.

„Nicht, was du wahrscheinlich denkst.“

Elena schüttelte ihre seidige dunkle Mähne. In ihren warmen braunen Augen lag freundschaftliches Interesse. „Lass mich raten. Entweder du hast einen Mann im Auge, der sich nicht willig zeigt, oder du hast keinen und würdest diesen Zustand gern ändern.“

„Ich hatte bereits einen, wie du dich vielleicht erinnern wirst“, führte Dani trocken an.

Elena krauste die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Philip tatsächlich als Mann deines Interesses bezeichnen würde …“

„Ich war mit ihm verheiratet!“

Elena nickte bedächtig. „Technisch gesehen, ja. Aber praktisch gesehen wissen wir doch beide, dass eure Ehe in Wahrheit nicht einmal den Honeymoon überlebt hat.“

Zu Danis immerwährender Schmach, Demütigung und Frustration …

Philip hatte ausgesehen wie ein griechischer Gott. Er war zuvorkommend, amüsant und charmant gewesen … bis kurz nach ihrer überstürzten Eheschließung. Bereits während der Hochzeitsreise erhob sich hinter der blendenden Fassade die hässliche Fratze übersteigerter, geradezu krankhafter Eifersucht.

Ihr frisch angetrauter Mann verwandelte sich plötzlich in ein Monster. Er beschuldigte Dani, mit jedem Mann, dem sie freundlich zulächelte, oder der auch nur ihren Weg kreuzte, ein Verhältnis zu haben. Vom ältlichen Portier, der ihre Koffer trug, bis zum Kellner, der ihnen an ihrem ersten Abend in Florenz das Dinner servierte – in jedem sah er einen potenziellen Rivalen.

An die Szene, die der letzten Beschuldigung folgte, nachdem sich die Tür ihrer Hotel-Suite hinter ihnen geschlossen hatte, wollte Dani lieber nicht zurückdenken!

Die Folge war: Das frisch getraute Paar kehrte jeder für sich vom Honeymoon in Bella Italia zurück. Einen Tag später reichte Dani die Scheidung ein, und seither hielt sie sich strickt von allem fern, dem auch nur im Ansatz das Etikett romantisch anhaftete, weil sie ihrem Urteil in Sachen Männer einfach nicht mehr vertrauen konnte.

„Da gibt es niemanden.“

„Dann wird es höchste Zeit, das zu ändern“, entschied Elena, die es nicht mehr ertragen konnte, ihre beste Freundin solo zu sehen, nachdem sie bereits ein Jahr lang mit ihrem Verlobten im siebten Himmel schwebte. „Nicht alle Männer sind wie Philip, und deshalb …“

„Aber eine Garantie dafür habe ich nicht“, schnitt Dani ihr das Wort ab. „Und deshalb bleibe ich lieber unbemannt. Zumindest, solange ich die Wahl habe …“, fügte sie grimmig hinzu und war damit wieder bei dem leidigen Thema, das sie schon den ganzen Tag über beschäftigte.

Innerlich verwünschte sie ihren halsstarrigen Großvater, und das nicht zum ersten Mal, seit sie die unglaubliche Nachricht erhalten hatte. Welcher Mensch, der noch bei klarem Verstand war, würde so eine Klausel in sein Testament aufnehmen? Außer ihrem Großvater …

Der Gedanke, dass sie es in der Hand haben sollte, ob ihre Eltern Wiverley Hall, ihr Heim in Gloucestershire, verlieren würden, war ihr unerträglich. Ihr Vater hatte die besten Jahre seines Lebens damit verbracht, die Gebäude instand zu setzen und einen anerkannten Reitstall aufzubauen, in dem Rennpferde trainiert wurden. „Was willst du damit andeuten?“, fragte Elena hellhörig. „Mit der letzten Bemerkung, meine ich.“

Dani zögerte. Sie hatte ganz sicher ein Problem, über das sie erst einmal gründlich nachdenken musste. Allerdings kein akutes, solange ihr Großvater noch fit und wohlauf war.

„Gar nichts“, behauptete sie knapp und milderte die schroffe Antwort mit einem Lächeln. „Erzähl mir lieber, ob du mit deinen Hochzeitsvorbereitungen im Zeitplan bist.“

„Oh nein, Daniella Bell! So leicht kommst du mir nicht davon!“, beharrte Elena. „Also ziere dich nicht länger. Erzähl … und zwar alles!“

Wider Willen vertiefte sich Danis Lächeln. Sie hätte es wissen müssen.

Ahnte Elena auch nur im Entferntesten, dass ihre beste Freundin irgendetwas bedrückte, ließ sie nicht locker. Wie ein Jagdhund, der eine Spur aufgenommen hatte, verfolgte sie diese, bis sie genau wusste, wohin sie führte.

Vielleicht war es ja auch nicht das Schlechteste, Elena in ihre Misere einzuweihen. Denn mit irgendjemandem musste sie schließlich über das verflixte Testament reden, wenn sie nicht verrückt werden wollte.

Dani seufzte. „Du erinnerst dich an meinen Großvater Bell?“

„Ha! Wie könnte ich den wohl vergessen!“ Elena schüttelte sich fast. „Zwei Mal bin ich ihm begegnet, das hat mir gereicht. Einmal auf deiner Hochzeit und lange davor, als ich für ein Wochenende bei deinen Eltern eingeladen war. Er ist noch viel konservativer als mein steifer Bruder! Junge Ladies sollten nur zu sehen, aber niemals zu hören sein“, imitierte sie Daniel Bells harschen Tonfall.

„Wie deine arme Mutter es mit diesem Griesgram im Haus all die Jahre ausgehalten hat, ist mir ein Rätsel. Ich jedenfalls … Ups, entschuldige!“, bat sie hastig, als ihr klar wurde, wie unhöflich sie war, doch Dani schüttelte den Kopf.

„Schon gut. Dass er mein Großvater ist, macht mich nicht blind für seine Fehler. Er war schon immer ein Kontrollfreak und schrecklicher Tyrann“, gestand sie offen. „Das Problem ist nur … nicht meine Eltern haben ihn bei sich aufgenommen, sondern er ist es, dem Wiverley Hall gehört.“

„Das ist also der Grund dafür, warum deine Mutter das alles erträgt!“

Dani nickte trübe. „Ja, leider. Und er hat ihr und der ganzen Welt gegenüber nie ein Hehl aus seiner Enttäuschung darüber gemacht, dass sein einziges Enkelkind auch noch weiblich ist.“

„Aber wie könnte er von dir enttäuscht sein?“, fragte Elena entrüstet. „Du bist doch einfach umwerfend. Himmel, wie oft habe ich mir gewünscht, auch ein zierlicher, graziöser Rotschopf zu sein! Erinnerst du dich noch daran, wie ich mir vor fünf Jahren die Haare gefärbt habe, nur um so auszusehen wie du?“ Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Niccolo war so wütend darüber, dass ich schon befürchtete, er würde mir den Kopf kahl scheren und mich postwendend in den Flieger nach Venedig setzen.“

Dani erinnerte sich nur zu gut an Niccolos Englandbesuch vor fünf Jahren …

Vor allen Dingen aber an den mörderischen Blick, den er ihr zuwarf, als sie ihn am Flughafen erwarteten, und er sah, was Elena mit ihrem langen, von Natur aus dunkelbraunen Haar angestellt hatte.

„Und um deine smaragdgrünen Märchenfeeaugen beneide ich dich immer noch glühend“, gestand Elena seufzend. „Außerdem bist du eine der talentiertesten und erfolgreichsten Innenarchitektinnen Londons.“

„Was ich hauptsächlich dir und anderen guten Freunden zu verdanken habe, die mir einen Auftrag nach dem anderen zukommen lassen“, relativierte Dani.

„Darum geht es gar nicht“, erklärte Elena streng. „Fest steht, dass dein Großvater allen Grund hat, extrem stolz auf dich zu sein!“

Elenas vehementes Eintreten für sie tat Dani richtig gut. „Das ist sehr lieb von dir, aber leider habe ich das falsche Geschlecht. Und daran kann weder ich noch sonst jemand irgendetwas ändern.“

Elena murmelte etwas auf Italienisch, das bestimmt nicht als Kompliment für Daniel Bell gemeint war. „Dein Großvater ist nur ein Landbesitzer, kein Adliger“, stellte sie mit der schönen Arroganz einer blaublütigen Lady fest, deren Vorfahren dem italienischen Hochadel angehörten. Allerdings soll auch der eine oder andere blutrünstige Pirat darunter gewesen sein.

Dani lächelte schief. „Das ist, zumindest was meinen Großvater betrifft, dasselbe. Land bedeutet Reichtum und Ansehen!“ Die Imitation des halsstarrigen alten Mannes war ihr ebenso gelungen wie zuvor Elena. „Wie auch immer, ich bin und bleibe eine große Enttäuschung für ihn. Als Philip und ich uns gleich nach den Flitterwochen wieder haben scheiden lasen, ohne dass ich schwanger war, dachte ich schon, er bekommt einen Herzinfarkt!“

„Weiß er denn, warum du dich von ihm getrennt hast?“

Dani lachte bitter. „Kannst du dir irgendjemanden aus unserer Familie vorstellen, der den Schneid hätte, Philips Problem ausgerechnet ihm zu erläutern?“

Daniel Bell stand kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag, und ein Erklärungsversuch über Philips pathologische Eifersucht und Gewalttätigkeit nach ihrer Hochzeit hätte ihn unter Garantie dazu verleitet, ein noch harscheres Statement über das unziemliche Streben nach Gleichberechtigung der heutigen Generation von Frauen abzugeben. Ein wunder Punkt für ihn, den er Dani ohnehin häufig genug unter die Nase rieb.

„Aber das Scheitern eurer Ehe hatte absolut nichts mit dir zu tun! Das weißt du doch, oder?“, empörte Elena sich und umfasste warm die Hand ihrer Freundin. „Ich betone das nur deshalb noch einmal ganz deutlich, weil es seitdem keinen einzigen Mann mehr in deinem Leben gegeben hat.“

Dani war aufrichtig dankbar für das Mitgefühl, aber da genau dieser Umstand der Grund für ihre momentane Gemütslage war, hätte sie das Thema am liebsten gemieden.

„Komm, rede mit mir, Dani. Ich sehe doch, wie dich diese Geschichte immer noch bedrückt.“

Normalerweise wäre das nicht so, überlegte Dani ernsthaft. Dann wäre nämlich ihr Vater nach dem Tod seines Vaters der rechtmäßige Erbe gewesen und hätte alles, was er in den langen Jahren aufgebaut und bewirtschaftet hatte, auch geerbt. Außer, ihr Großvater änderte seinen letzten Willen …

„Mein Vater wird Wiverley Hall und den Reitstall nur bekommen, wenn ich vor dem Tod meines Großvaters einen Erben geliefert habe … oder wenigstens Anzeichen dafür zu sehen sind“, erklärte sie bitter. „Andernfalls wird der gesamte Besitz veräußert und das Geld wohltätigen Zwecken zugeführt.“ Wort für Wort wiederholte sie die demütigende Klausel, die Daniel Bell erst kürzlich in sein Testament aufgenommen hatte. Sozusagen als Druckmittel, da seine Enkelin keine Anstalten machte, sich nach ihrer gescheiterten Ehe erneut zu binden.

Elena war so geschockt, dass sie förmlich nach Luft schnappte. „Aber … aber das ist pure Bösartigkeit!“, empörte sie sich.

„Du sagst es“, pflichtete Dani ihr bei und hob hilflos die Schultern. Gleichzeitig fühlte sie sich aber erleichtert, weil sie ihre Last jetzt mit jemand anderem teilen konnte als mit ihren Eltern. Die hatten auf die Hiobsbotschaft völlig entsetzt reagiert, aber noch längst nicht so wie ihre Tochter.

Doch im Gegensatz zu Dani versuchten sie, sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren. Elena hatte recht. Seit dem Ehedesaster mit Philip hielt Dani sich in Sachen Männer absolut zurück und war weit davon entfernt, auch nur an eine ernsthafte Beziehung zu denken. Wie, bitte schön, sollte sie so den von Großvater Bell ersehnten Erben produzieren können?

Vielleicht, indem sie auf offener Straße irgendeinen Fremden kaperte und sich ihn zu Willen machte? Oder irgendjemanden dafür bezahlte, dass er sie schwängerte? Das Ganze war absolut grotesk und aussichtslos!

Wie erwartet hatten ihre Eltern beschlossen, die unsägliche Klausel einfach zu ignorieren und Dani nahegelegt, dasselbe zu tun. Wenn es so weit war, würden sie sich um alles kümmern und ihren Reitstall irgendwo anders wieder aufbauen.

Aber Dani wusste, dass sie es in erster Linie sagten, um sie zu beruhigen und zu entlasten. Denn da Daniel Bell auch die Kontrolle über die finanziellen Mittel der Familie hatte, war das leichter gesagt als getan.

Elena war immer noch fassungslos. „Dann rechnet der alte Sturkopf also damit, dass du erneut heiratest?“

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. „Wie du weißt, bin ich entschlossen, mich nie wieder in dieser Art zu binden, also ist es unerheblich, was er sich wünscht oder nicht“, erklärte sie in einem Anflug von Trotz.

„Aber Dani …“

„Nie wieder will und werde ich mich so angreifbar machen, Elena!“ Es klang wie ein Schwur. „Daran kann selbst dein und Brads sichtbares Glück, das ich euch von Herzen gönne, nichts ändern. Außerdem hat mein Großvater tatsächlich angedeutet, dass ich ja nicht unbedingt verheiratet sein müsse, um den gewünschten Erben zur Welt zu bringen“, eröffnete sie spröde.

„Unglaublich!“, keuchte Elena überwältigt. „Und ich hielt schon Niccolo für den Gipfel an Arroganz und Uneinsichtigkeit, als er mir vorschreiben wollte, dass ich einen Venezianer anstatt eines Engländers heiraten sollte. Aber das ist … archaisch!“

Auch Dani erinnerte sich noch gut an diese Konfrontation und an Niccolos anklagenden Blick, weil er natürlich sie dafür verantwortlich machte, dass seine jüngere Schwester sich den Wünschen des Familienoberhauptes vehement widersetzte.

Und da Elenas und Brads Hochzeit in einer Woche stattfinden würde, war offensichtlich, wer die Schlacht vor einem Jahr für sich hatte entscheiden können. Unter Garantie ein weiterer Minuspunkt auf ihrer Mängelliste bei Niccolo D’Alessandro, befürchtete Dani im Stillen.

„Ich weiß es, und du weißt es“, zog Dani anscheinend gleichmütig ein Resümee. „Mein Großvater hat sich allerdings noch nie durch Vernunft, Einsicht oder Milde ausgezeichnet.“

„Aber …“

„Können wir jetzt bitte von etwas anderem sprechen, Elena?“, unterbrach Dani ihre Freundin. „Ich habe die ganze letzte Woche über dieser leidigen Angelegenheit gebrütet, und es hat mir nichts als Kopfschmerzen und üble Laune eingebracht.“

„Das überrascht mich kein bisschen! Du hättest dich mir viel eher anvertrauen sollen. Und ich wünschte …“ „Elena, bitte …! Was ist denn mit Niccolo? Ist er schon in England eingetroffen?“

Elena warf ihrer Freundin einen schnellen Seitenblick zu, da Danis Antipathie gegen ihren großen Bruder eines ihrer absoluten Schmerzthemen war. „Nein, und du kannst mir gleich wieder den Mund verbieten, aber ich werde nie verstehen, warum ihr beide euch so spinnefeind seid.“

Dani lachte spöttisch. „Wieso? In einem Punkt sind wir uns zumindest absolut einig. Je weniger wir voneinander sehen und hören, desto besser …“

„Aber ihr seid für mich die zwei liebsten Menschen auf der Welt!“, protestierte Elena leidenschaftlich. „Außer Brad natürlich!“, fügte sie rasch hinzu. „Und trotzdem kann man die Spannung mit Händen greifen, wenn ihr auch nur zusammen im gleichen Raum seid.“

Niccolo D’Alessandro war inzwischen siebenunddreißig, gegenüber Danis vierundzwanzig Lenzen, und ihre damalige Schwärmerei für den smarten Venezianer hatte sich mit den Jahren zu einer gegenseitigen Feindseligkeit manifestiert. Auf Niccolos Seite war es wohl eine Mischung aus grundsätzlicher Ablehnung und Enttäuschung, besonders nach ihrer kurzen Ehe, auf Danis Seite reiner Selbstschutz.

„Wir können einfach nichts miteinander anfangen“, erklärte sie leichthin.

„Aber warum nur?“, fragte Elena, die nicht so schnell aufgeben wollte, verzweifelt. „Gut, ich bin seine Schwester, aber ich bin auch eine Frau und nicht blind. Mein Bruder ist unzweifelhaft das Paradebeispiel eures englischen Qualitätsstempels für das starke Geschlecht: Tall, Dark and Handsome, und er hat eine sehr gefährliche sexuelle Aura. Das haben mir zumindest alle Mädchen versichert, die über mich an ihn herankommen wollten. Und du bist so umwerfend …“

„Du wiederholst dich“, unterbrach Dani trocken. „Außerdem ändert all das nichts an der Tatsache, dass ich förmlich Ausschlag bekomme, wenn dein Bruder nur in meiner Nähe auftaucht, und ihm scheint es nicht anders zu ergehen.“

Elena warf die Arme hoch und seufzte theatralisch. „Das ist mir einfach ein Rätsel! Niccolo ist von Natur aus so … so korrekt und venezianisch, außer, wenn es um dich geht!“

Dani lachte, diesmal aufrichtig belustigt. „Das ist wohl eines jener Geheimnisse des Lebens, die du einfach akzeptieren musst, Sweetheart“, neckte sie ihre Freundin und schaute auf ihre Armbanduhr. „Ich befürchte, es wird Zeit für mich. Ich habe noch eine andere Verabredung in der Stadt.“

„Aber ich wollte dir noch von unseren Plänen für die Flitterwochen erzählen!“

„Was, ehrlich gesagt, momentan kein Thema ist, für das ich mich erwärmen kann“, bekannte Dani offenherzig. „Außerdem muss ich jetzt wirklich gehen.“

„Vergiss aber nicht, dass morgen früh die Anprobe für dein Brautjungfern-Outfit ist“, erinnerte Elena sie.

„Als ob du das zulassen würdest!“, spottete Dani liebevoll und schwang ihre riesige Umhängetasche über die Schulter. Sie trug ihre normale Arbeitskleidung. Heute waren es schwarze, eng sitzende Jeans zu einem weichen Kaschmirpullover im gleichen Grün wie ihre Augen. „Obwohl ich nicht glaube, dass es irgendjemandem auffällt, was ich trage, wenn du in diesem Traum aus weißer Spitze auf der Bühne erscheinst.“

Elena lächelte geschmeichelt. „Auf jeden Fall habe ich vor, dich am nächsten Samstag all meinen unverheirateten Cousins vorzustellen“, versprach sie vollmundig.

„Tu, was du nicht lassen kannst, aber ich habe nicht die Absicht, mich in irgendeinen von ihnen zu verlieben. Besonders nicht, wenn sie deinem arroganten Bruder auch nur eine Spur ähneln sollten!“

„Na gut, vielleicht nicht gleich beim ersten Treffen“, gab Elena nach. „Aber was ist mit dem Maskenball, zu dem ich im Sommer in diesem wundervollen Ambiente die ganze Familie und all meine Freunde einladen will?“

Dani wusste, dass Elenas Vorliebe für üppige Feste und Partys mit ein Grund gewesen war, dass sie sich ausgerechnet für dieses Anwesen begeistert hatte. Ein Blick über den weitläufigen Garten mit dem alten Baumbestand, und der Plan für einen Maskenball nach venezianischer Sitte war eine beschlossene Sache. Allerdings sollte er nicht zu Beginn des Jahres stattfinden, sondern im folgenden August. Kurioserweise war ihre Freundin deswegen mindestens so aufgeregt wie über ihre bevorstehende Hochzeit.

„Nicht einmal dann!“ Es klang wie ein Versprechen.

„Aber jeder verliebt sich während des venezianischen Karnevals!“, behauptete Elena. „Meine Tante Carlotta hat mir mal erzählt, sie habe die ganze Nacht über mit einem aufregenden Maskierten geflirtet. Später stellte sich allerdings heraus, dass es Onkel Matteo war! Also ihr eigener Gatte!“

Dani lachte. „Hoffentlich war es eine angenehme Überraschung für sie.“

„Tante Carlottas geröteten Wangen nach zu urteilen, als ich sie dasselbe gefragt habe, auf jeden Fall. Und das soll für beide Seiten gegolten haben.“

„Elena!“, rief Dani in gespielter Entrüstung aus. „Du bist wirklich unmöglich!“

„Warte nur den Maskenball im nächsten Sommer ab. Eine bessere Gelegenheit, sich danebenzubenehmen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, gibt es einfach nicht.“

„Sieht dein Bruder das auch so?“

Elena tat nicht einmal so, als müsse sie nachdenken. „Niccolo wahrscheinlich nicht“, gab sie widerstrebend zu. „Aber davon musst du dich nicht beeinflussen lassen. Bis zur Party vergehen noch Monate, und falls das Problem mit deinem Großvater bis dahin noch nicht gelöst sein sollte … Eine bessere Gelegenheit wirst du im ganzen Leben nicht geboten bekommen.“

„Pfui, Elena …“, rügte Dani ihre Freundin. „Ich weiß, du meinst es nur gut, trotzdem … Nein.“

„Aber …“

Nein, Elena! Vergiss es.“

„War ja nur so eine Idee …“, maulte die Gescholtene vor sich hin.

„Und zwar eine ziemlich lausige“, stellte Dani abschließend fest und wandte sich zum Gehen. Dabei prallte sie gegen ein kompaktes Hindernis, das sich eben noch nicht neben ihr befand. Es erwies sich als eine solide, breite Männerbrust, und als Dani erschrocken zurückwich, schaute sie direkt in die missbilligenden schwarzen Augen von Niccolo D’Alessandro.

Während sie noch vor Schreck um Atem rang, kräuselte er die klassisch geschnittenen Lippen und hob mokant eine dunkle Braue. „Daniella … ich hätte es wissen müssen.“

Sein sarkastischer Ton trieb heiße Röte in ihre Wangen. „Was hättest du wissen müssen?“, hakte sie aggressiv nach. Der Gedanke, wie sehr sich die roten Flecken auf ihren Wangen mit ihrer Haarfarbe beißen mussten, trug nicht gerade zu Danis Selbstbewusstsein bei.

Aber zumindest hatte sie jetzt die Antwort auf ihre vorhin gestellte Frage. Niccolo D’Alessandro war offensichtlich bereits in England eingetroffen, um der Hochzeit seiner kleinen Schwester am folgenden Wochenende beizuwohnen.

Doch woher dieses unangenehme Ziehen in ihren Brüsten und das flaue Gefühl im Magen plötzlich rührten, darüber wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken …

Lieber Himmel!

Wie sicher hatte sie sich gefühlt, dass sie über diese unselige Schwärmerei hinweg war. Besonders nach dem, was Philip ihr angetan hatte, fühlte sie sich immun gegen jedwede Versuchung und Anziehung. Und nun das! Ausgerechnet bei Niccolo D’Alessandro erwachten Emotionen zu neuem Leben, die sie längst für erloschen gehalten hatte!

Unter gesenkten Wimpern hervor betrachtete sie sein dunkles Gesicht. Die Jahre seit ihrem letzten Treffen hatten sich in feinen Linien um die nachtschwarzen Augen und den festen Mund niedergeschlagen, doch seltsamerweise schien das seine ...

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