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Marrenya

Inhaltsverzeichnis

1 Der Umbruch

2 Die Feier

3 Alexas Erinnerungen

4 Der Tag nach der Feier

5 Die Vorbereitung

6 Das Abenteuer beginnt

7 Die Verwandlung

8 Eine Freundschaft beginnt

9 Drei neue Wege

10 Romos in Gefangenschaft

11 Loslassen

12 Marrenya beginnt zu verstehen

13 Alles ist Energie

14 Marrenyas erster Unterricht

15 Romos, ein gelehriger Schüler

16 Freude beim Lernen

17 Loslassen und Vergeben

18 Dualität der Gefühle

19 Die Geisteshaltung

20 Treffen der Könige

21 Alle sind bereit

22 Das Zeichen

23 In Granogs Dorf

24 Sieg der Liebe

1 Der Umbruch

Alexas Teilnahmslosigkeit an den Vorbereitungen für das Fest verbindet Hansgar, König des Landes „Im Süden“, lieber mit ihrem beleidigt sein, dass er ihr keine Informationen zu dem geheimen Treffpunkt gibt. Sie hält sich viel lieber in ihren Gemächern im Schloss auf, anstelle sich für das Fest die Finger schmutzig zu machen. Aufgeregt geht sie in ihren Gemächern auf und ab. „Ausgerechnet das Einhorn!“, denkt sich Alexa. „Jetzt da ich mit Granog in Verbindung stehe! Der Alte hat doch keine Ahnung, dass ich die Lieblosen zu meinen Verbündeten gemacht habe. Ich bin von königlichem Blut und ich will Königin sein! Hier in seinem, nein meinem Land. Ich will die Macht über sein Reich!“ Das Einhorn kommt ihr ungelegen. Marrenya, die in die Herzen der Wesen schauen kann, wird sie durchschauen und ihren Plan auffliegen lassen. In ihrem Herzen kann sie nur noch Rache, Wut und Angst fühlen. Ein Bewohner aus dem Land der Lieblosen, der Kobold Romos, hat sich bei Alexa eingeschlichen. Das war für ihn eine Kleinigkeit. In der Zeit der Vorbereitung schaut keiner so genau darauf, was um sie herum alles geschieht, da sie alles schön und festlich gestalten wollen. In ihren Gedanken unterbrochen nimmt Alexa den Eindringling war. Wütend über so viel Dreistigkeit und Abscheu vor seinem vernarbten und von Warzen überzogenen Körper, will Alexa ihn tadeln. „Entschuldigt mein Eindringen“, beginnt er zu reden, noch bevor sie etwas sagen kann. „Ihr habt nach mir gerufen? Ich möchte nur wissen, wie euer Plan aussieht und was ich dabei zu tun habe, dann bin ich auch schon wieder weg.“ „Ach ja, ich habe ja nach dir gerufen.“ Davon überrumpelt vergisst Alexa völlig, dass sie ihn tadeln wollte. „Der Gedanke daran, dass das Einhorn in den nächsten Tagen hier her kommt, macht mich nervös.“ Erschrocken darüber, dass sie ihre Gedanken vor dem Kobold Romos ausspricht, macht sie wütend auf sich selbst. „Aber, aber“, beginnt der Kobold um sie zu beruhigen, „Ihr seid doch Priesterin der schwarzen Magie. Ihr werdet doch bestimmt einen Zauberspruch haben, der euren Plan verschleiern kann!“ „Ach du Schwachkopf, du glaubst das geht so einfach? Als ob ich ein Einhorn mit einem Zauberspruch täuschen könnte.“ Fassungslos über so viel Dummheit geht Alexa auf und ab und versucht ihre Fassung wieder zu erlangen. „Sie durchschauen eine Täuschung noch bevor du sie gedacht hast, denn sie schauen dir direkt ins Herz und wissen, was in dir vorgeht. Einhörner werden aus der reinen Liebe geboren. Ihr Leben besteht nur aus Liebe. Sie sind die reine Liebe! Außerdem ist, war, Marrenya, meine Freundin bis, ja bis ich die Wahrheit über meine Vergangenheit erfahren habe.“ Sie beginnt in sich hinein zu lächeln, dreht sich zu Romos und spricht mit überheblicher Stimme: „Mein Lieber. Wieso täuschen und zaubern? Ich muss nur meinen Plan durchziehen.“ Etwas verdutzt und einsilbig schaut Romos sie mit seinen roten Augen an. „Du siehst so aus als ob du keinen Verstand hättest. Wenn du so dumm bist, wie du jetzt schaust, bist du der Falsche für mein Vorhaben und Granog muss mir einen anderen schicken.“ „Meine große Feenpriesterin“, beginnt er ihr zu schmeicheln, während sein großer Mund und die dunklen Zähne ein Lächeln anzeigen, „ich habe verstanden, was Ihr meint. Das ist doch gefährlich, dass das Einhorn über ihren Plan Bescheid weiß, wenn es doch in die Herzen der Wesen schauen kann.“ Seine spitzen überdimensionalen Ohren legen sich nach vorne. „Du verstehst schnell.“ Alexa hatte ihn anders eingeschätzt. „Denn jetzt kommst du ins Spiel. Du bist doch hier, um deinen Teil in dem Plan zu erfahren; hier ist er“. In einem hitzigen mehrstündigen Gespräch, bei dem Alexa immer genügend Abstand zu Romos hält, da mehr Sabber als Worte aus seinem Mund kommen, sprechen sie über ihren Plan. Wie sie doch noch an ihr Ziel kommt und welchen wichtigen Teil er zu übernehmen hat.

Morgen ist es soweit, die Ankunft von Marrenya. Alexa ist in sich etwas unsicher, was dies betrifft. Der Kobold Romos hat von ihr die Anweisung bekommen, sich in den Geheimgängen zu verstecken und sich erst dann wieder blicken zu lassen, wenn sie nach ihm verlangt. Alexa vergewissert sich, bevor sie zu Bett geht, dass Romos keinen Zugang zu ihrem Schlafgemach über die geheimen Gänge hat. Unruhig schläft sie ein und hofft, in ihrem Traum Granog zu sprechen.

Seit sich Alexa der schwarzen Magie zugewandt hat, nimmt Granog so Kontakt zu ihr auf, um sie zu beeinflussen und zu manipulieren. Er hat Alexa glauben lassen, dass ihr Vater, König Jandelion, verantwortlich dafür ist, dass sich ihre Mutter, die Feenkönigin Andeliana, noch in der Menschenwelt aufhält. Als Kind hat sie oft ihren Vater gefragt, wo denn ihre Mutter sei. Doch sie bekam nur traurige Augen zu sehen, keine Antworten auf ihre Fragen. Damals waren die Tore in die Menschenwelt für jeden offen. Andeliana hat sich oft, schon zu oft, auf der anderen Seite bei den Menschen aufgehalten. Als Jandelion sie bat, ihre Besuche zu reduzieren, wurde sie zornig und hat für sich beschlossen, in der Welt der Menschen zu bleiben. Alexa machte ihren Vater dafür verantwortlich, dass ihre Mutter dort blieb. Das Einzige, was ihr von ihrer Mutter erzählt wurde, war, dass sie die Schönheit von ihr hat. Diese Gefühle der Enttäuschung und des Verlassenseins, die Alexa in sich trägt, nimmt Granog als Zugang, um sie zu beeinflussen. Mit Alexas magischen Fähigkeiten will er die Tore zur Menschenwelt wieder öffnen. Er hat nur keine Ahnung, wie das geht und hofft auf Alexas Wissen und ihre Magie. Sollte es fehlschlagen, will er die Welt des kleinen Volkes beherrschen.

Auf ihrer Traumebene wartet Granog schon auf Alexa. „Da bist du ja. Na, wie findest du Romos?“, fragt er sie gleich beim Erscheinen. Zielstrebig geht sie auf ihn zu und ohne zu Zögern bekommt Granog von ihr eine Ohrfeige. „Was soll denn das jetzt?“, beschwert dieser sich bei Alexa. „Warum schickst du mir den denn?“ Ironisch fügt sie hinzu: „Was musst du mir das Hässlichste schicken, das du in deinem Land gefunden hast?!“ Granog lässt sich davon kaum beeindrucken und tritt ganz nah vor ihr Gesicht. Sie spürt und riecht seinen stinkenden Atem. Mit ernster Stimme sagt er: „Sei froh, dass ich dir helfe und du zu deinem Recht kommst. Ohne meine Hilfe würdest du immer nur Prinzessin bleiben und nie wieder deine Mutter sehen. Ich bin es, der dir hilft. Vergiss das niemals!“ Er tritt einen Schritt zurück um sich zu vergewissern, dass Alexa es verstanden hat. Verstört wie ein kleines Kind antwortet sie: „Ja, schon gut. Ich habe ja verstanden.“ Granog will wissen, warum sie sich mit ihm treffen wollte. Alexa erzählt ihm von der Ankunft Marrenyas am folgenden Tag. Sie weiß nur, dass die Könige etwas im Schilde führen. Ob das ihr Vorhaben in Gefahr bringt, ist unklar. Granog schaut nachdenklich und beruhigt sie. „Kein Einhorn hat es je geschafft, in all den Jahren, etwas zu verändern. Außerdem werden es eh immer weniger. Die sind so damit beschäftigt, in die Menschenwelt geboren zu werden, um die Liebe zu verbreiten.“ Alexa weiß, dass sich die Zahl verringert, doch nun weiß sie warum. Granog spricht weiter. „Je weniger es sind, desto leichter für uns, so zu herrschen, wie wir es wollen. Haben wir erst einmal Hansgars Reich übernommen, wird es ein leichtes sein, das von Friederjus auch zu übernehmen und so weiter. Die Zwerge halten sich weiterhin aus allem raus und sind froh, wenn sie in Ruhe in ihren Bergen hausen können und Wanieras See ist schon tot.“ Alexa sieht sich bereits auf den Thron von Hansgar sitzen. Sie erzählt Granog: „Hansgar schöpft Verdacht, dass ich in die Geschichte verstrickt sein könnte.“ „Und was willst du mir damit sagen?“ entgegnet er ihr uninteressiert. „Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt.“ Gelangweilt über diese Form der Unsicherheit, erwiderte er nur: „Das ist dein Problem. Du wirst schon eine Lösung finden. Jetzt geh und sieh zu, dass alles zu unseren Gunsten läuft. Denke immer daran, dass „Sie“ dich zu Hansgar gebracht hat. Und bevor du die Wahrheit über deine Mutter erfahren hast, wurdest du von Marrenya belogen. Halte dir das immer vor Augen.“ Das hat gesessen. Alexa, wieder zurückgekehrt in ihrem Hass, wacht am Morgen auf und überlegt sich, wie sie die Aufmerksamkeit, die Hansgar auf sie gerichtet hat, von sich ablenken kann. So einfach, wie es sich Alexa und vor allem Granog denken, ist es auf keinen Fall.

2 Die Feier

Der große Tag der Feier ist gekommen. Schon am frühen Morgen sind alle in heller Aufregung und machen sich Gedanken, ob es so klappen wird, wie sie es geplant haben. In der Küche von Quasiemir kocht und brutzelt es aus allen Töpfen. Die Gerüche von gutem Essen lassen die Herzen höher schlagen. Auf dem Festplatz zwischen dem See und dem Schloss sind viele Tische und Bänke in Form eines Hufeisens aufgebaut, in deren Mitte eine Tanzfläche errichtet wird. Das Hämmern und Klopfen wird immer wieder vom Gelächter und Gesang der Männer unterbrochen. Nach der Tanzfläche wird noch eine Tribüne für das Orchester errichtet. An der Kopfseite des Hufeisens werden die Plätze des Königs und des Einhorns sein. Damit das Einhorn sich bequem hinlegen kann, wird ein Teil des Verbindungsstückes freigelassen. An dieser Stelle werden von allen Anwesenden gesegnete Blüten für sie niedergelegt, welche auch ihre Energienahrung ist, die sie dann zu sich nehmen kann. Alles Weitere wird mit vielen Blumen, roten, gelben, weißen und rosafarbenen Blütenkelchen dekoriert und mit Tellern aus Blättern gedeckt. Tausende von Blumen schmücken die Tische. Die Blumen sind ineinander geflochten, gedreht und in festlichen Behältnissen arrangiert. Es wird das Fest der Feste werden.

Es ist noch Zeit bis zur Ankunft des Einhorns. So lange hält sich Hansgar in seinen Gemächern auf. In Gedanken spielt er all das, was war und noch kommen könnte, durch. Ob das, was er mit Friederjus besprochen hat, auch so gelingen kann. Er betet und geht in sich, um eine Vision zu bekommen. Er hofft noch etwas zu sehen, was ihm weiter helfen könnte. Doch es bleibt dunkel. Keine Vision, keine Ahnung. Eine Leere ist in ihm. So wie es aussieht, wird ihm nur eines übrigbleiben: die Sorgen loszulassen und sich auf das Einhorn Marrenya und das Fest zu freuen. Ebenso auf das, was sie an Informationen mitbringt. Gerade in den Momenten der Sorge und des Zweifels wird er sich bewusst, dass er für einen Moment aus der Balance gekommen ist. Er wird warten müssen, um mit dem Einhorn die Sachlage zu besprechen. Er weiß nur, dass Marrenya eine wichtige Entscheidung treffen muss. Sie hat dann eine große Aufgabe, die für das Gelingen der Erlösung und der Zusammenführung der Reiche dient.

Romos hat bis zu dem bevorstehenden Ereignis noch nie ein Einhorn zu Gesicht bekommen. Er hat bisher nur Geschichten von ihnen gehört, wie anmutig und rein sie doch seien. Und was Alexa ihm erzählt hat. Seine Neugierde veranlasste ihn im Schloss zu bleiben. Er versteckt sich in den Geheimgängen, die sie ihm zeigte, in denen er unauffällig vom Waldrand bis in ihre Gemächer kommen kann, weil das Risiko zu groß war, dass er entdeckt werden könnte. Der königliche Koch Quasiemir ist ein sehr gewissenhafter, schon fast akribisch pedantischer Küchenchef. Er beschuldigte schon die Koboldkinder, dass diese ihm ein gebratenes Huhn stibitzt hätten. Den kleinen Rackern macht es oft Spaß, ihn zu ärgern. In Wahrheit war es jedoch Romos, der seine Finger in die Töpfe mit den Leckereien steckte.

Das Essen ist fertig und wartet nur noch darauf angerichtet zu werden. Quasiemir blickt sich zufrieden in seiner Küche um, all die helfenden Hände sind schon auf dem Dorfplatz versammelt. In Gedanken geht er noch einmal die Reihenfolge des Menüs durch, bevor er von einem Rufen aus seinem Gedanken herausgerissen wird. „Da kommt sie! Sie tritt aus dem Wald!“ Er nimmt seine Schürze ab, legt sie schön zusammen gefaltet auf die blitz blank geputzte Arbeitsfläche, zupft sich seine Chefhaube zurecht und macht sich auf den Weg nach draußen. Im ersten Moment, als er durch die Tür tritt, wird er so von der Sonne geblendet, dass er seine Augen zusammen kneifen muss. Und dadurch mit einen anderen Bewohner zusammen stößt. Im ersten Augenblick meint er, dass es der Küchenjunge sei und möchte schon verbal ausholen, bis er schließlich erkennt, dass es sein König Hansgar ist. Er hat ebenfalls die Rufe gehört und sich auf den Weg nach draußen begeben. Peinlich berührt nimmt Quasiemir seine Haube vom Kopf und zeigt mit einem stummen Lächeln in Richtung der Menge, die jubelnd das Einhorn begrüßen. Hansgar nickt ihm zu. Im schnellen Gang gehen beide zu dem Geschehen. Würdevoll, mit Gelassenheit und Freude im Gesicht, geht König Hansgar dem Einhorn entgegen. Ehrfurchtsvoll teilt sich die Menge zu einem Gang, um das Einhorn hindurch schreiten zu lassen. Die Kinder begleiten es auf Schritt und Tritt und behalten es im Auge. Auf dem Dorfplatz vor dem Schloss angekommen, stehen sich Marrenya und Hansgar gegenüber. Sie verneigen sich voreinander und zeigen so ihre größte Achtung und Liebe, die sie verbindet.

Von Alexas Gemächern aus beobachtet Romos, mit einer gestohlenen Hähnchenkeule in der Hand, die jubelnde Menge. Er will gerade in die saftige Keule beißen, da erblickt er das Einhorn. Wie Eingefroren, bleibt sein Mund offen stehen. So viel Liebe, so viel Licht, hat er noch nie in seinem Leben gesehen. Sie übertrifft alle Erzählungen über Einhörner, die er je gehört hat. Er kann sie nur noch ansehen. Marrenya spürt es und schaut hoch zu ihm ans Fenster. Liebevoll und wissend, dass sie ihn gesehen hat, lächelt sie ihm zu. Er steht immer noch regungslos mit der Hähnchenkeule und offenem Mund am Fenster. Da packt ihn Alexa an seinem mit Warzen überzogenen Arm und zieht ihn vom Fenster in die Mitte des Raumes. Mit Ekel verzerrter Stimme und angewidert, dass sie ihn angefasst hat, sagt sie: „Ich sagte doch, du sollst dich verstecken! Es genügt schon, dass sie erahnt, dass ich einen Helfer habe!“ Sie wäscht ihre Hände mit viel Rosenschaum und denkt laut weiter: „Solange sie sich begrüßen ist eh alle Aufmerksamkeit beim Einhorn.“ Alexa vermeidet es Marrenyas Namen zu nennen und schaut den Kobold mit einem bösen Blick an und macht einen tiefen Atemzug: „Und du, du Dummkopf, verschwindest aus dem Schloss! Und nimm deine angesabberte Keule mit! Geh mir aus den Augen!“ Mit diesem Befehl zeigt sie auf den Schrank, hinter dem sich einer der Geheimgänge befindet. Schweigend verlässt Romos die Gemächer, wie es Alexa ihm befohlen hat. Er kennt das Schlossgelände vom vergangenen Tag wie seine Westentasche. Er beschließt zu bleiben, um das Einhorn zu beobachten.

Damit die Feierlichkeit an Bedeutung gewinnt, haben selbst die Vögel aufgehört zu singen. Kein Lüftchen. Es herrscht eine heilige Stille, bis Hansgar diese Ruhe unterbricht: „Da bist du ja, meine Freundin, ich segne dich.“ Er dreht sich zur Menge. „Freunde! Lasst uns zum Feiern übergehen.” Während ein Freudenjubel die Ruhe zerreißt, tritt Hansgar auf seine Freundin zu, streichelt sie am Hals und flüstert ihr in ihr Ohr: „Ich grüße dich. Auf dein Ankommen habe ich mich schon sehr gefreut.“ Sie nimmt ihren Kopf zurück, um ihm in die Augen zu schauen. Ihr Blick ist weich und verständnisvoll. Mit einer Stimme, so sanft und zart, spricht sie zu ihm: „Freue dich. Es geht alles seinen vorgeschriebenen Weg.“

Die Menge beginnt sich im Schloss und auf dem Festplatz zu verteilen. Jeder bringt das zu Ende, was er gerade tat, bevor das Einhorn eintraf: Die Stühle werden an den Tischen noch einmal zurecht gerutscht und die Tanzfläche in der Mitte des Hufeisens noch einmal geprüft, dass sie auch die Belastung des Tanzens am Abend übersteht. Mit viel Liebe und Freude stellt jeder das auf die Tische, was er vorbereitet hat. Mit der Sitzordnung haben sie noch einige Schwierigkeiten, denn jeder möchte so nah wie möglich in der Nähe von Marrenya sitzen. Die Feen beanspruchen die Plätze neben dem Einhorn, da ihre Feenpriesterin eine Freundin von ihr ist, und so geht es weiter. Die Elfen, Gnome, Zwerge, Kobolde und Trolle bekommen die Plätze an den Enden des Hufeisens. Jetzt beginnt für Quasiemir der aufregendste Teil des Tages: das Anrichten und Auftragen seiner Köstlichkeiten. Aufgeregt läuft, nein, springt er zwischen seiner Küche und dem Festplatz hin und her. Das Orchester der Zwerge nimmt auf der Tribüne Platz, um die Arbeiten mit ihrer fröhlichen Musik zu begleiten. Bis alles seine Ordnung hat und an seinem vorgesehenen Platz ist, begeben sich König Hansgar und sein Gast in den Schlosspark, der an den Festplatz grenzt. Die Kinder wollen sie mit ihrem fröhlichen Gelächter begleiten. Mit sanfter Stimme beugt sich Marrenya zu ihnen herab und bittet sie, den Erwachsenen doch zu helfen, damit es besonders schön wird. Sie springen voller Elan los, um ihren Auftrag, den sie vom Einhorn bekommen haben, zu erfüllen.

Der Park ist ein magischer Ort. Seit jeher wachsen dort die Bäume, wie es ihnen gefällt. Mit ihren riesigen Kronen schenken sie erholsamen Schatten und ein weiches Licht, das zum Träumen einlädt. Im Laufe der Zeit haben sich über die anfänglichen Trampelpfade Wege gebildet, die jeden Besucher des Parks an seine schönsten Stellen führen. Die Vielfalt der Blumen in ihrer Farbenpracht und Gerüchen betäuben schon fast die Sinne ihrer Besucher. Schmetterlinge begleiten die beiden Freunde, indem sie von Blume zu Blume fliegen, um deren köstlichen Nektar zu trinken. Das Summen der fleißigen Bienen, die ihre Arbeit verrichten, klingt wie eine beruhigende Musik in den Ohren von Hansgar und Marrenya. Dieser Ort schenkt Ruhe und die Möglichkeit des Krafttankens. Er wird von allen als Ort der Stille und der Gedanken genutzt. Nach all der Aufregung der letzten Tage ist es für Hansgar umso schöner, mit seiner lieben Freundin diesen Ort zu besuchen und zu genießen.

Nachdem sie eine Weile gegangen sind und den Trubel hinter sich gelassen haben, spürt das Einhorn, dass Hansgar in seine Ruhe gekommen ist. „Es ist an der Zeit, dass die neue Ordnung beginnt. Das, was du mit Friederjus besprochen hast, ist der Beginn einer neuen Ära.“ Sie schaut zu ihm herunter und bleibt stehen. „Ich weiß, was ihr besprochen habt. Ich habe es in meinen Träumen vernommen und war in meinen Gedanken immer bei euch. Das, was ihr vorhabt, kann nur gelingen, wenn ihr weiterhin mit ganzem Herzen daran glaubt. Ich habe Friederjus in seinen Träumen besucht und es auch ihm mitgeteilt.“ Etwas traurig schaut Hansgar zu ihr auf. Mit gedrückter Stimme antwortet er: „Du weißt es ist ein gefährliches Unternehmen. Es wird für uns alle ein Neubeginn. Keiner kann darauf eine Antwort geben, wie es enden wird.“ Traurig spricht er weiter. „So, wie wir jetzt zusammen sind, durch den Park spazieren, wird in dieser Art unser letztes Mal sein. Und das macht mich traurig.“ Nach einer kurzen Pause spricht er weiter: „Wie du ja bestimmt schon weißt, gibt es einen Gegner, der die Zusammenführung verhindern will. Die Visionen haben mir und Friederjus gezeigt, dass der Gegner aus unseren eigenen Reihen kommt. Meine Intuition sagt mir, es ist Alexa.“ Mit diesen Worten schaut er sie eindringlich an. Sie nickt mit dem Kopf. „Bei meinem Ankommen habe ich einen Kobold an dem Fenster ihrer Gemächer gesehen. Dem Aussehen nach ist er aus dem Land der Lieblosen. Sie hat sich mit Granog verbündet. Du kannst deiner Intuition vertrauen, es ist die Wahrheit.“ Hansgar senkt seinen Kopf. „Was ist mit ihr geschehen? Was hat sie gegen die Liebe und eine funktionierende Gemeinschaft, dass sie all das, was sie gelernt hat, zum Negativen nutzt? Sie ist doch eine Verbündete der Herzen! Warum nur handelt sie jetzt so?“ Marrenya hebt seinen Kopf mit dem ihrem an und blickt ihm in seine Augen. „Jeder hat seine Rolle in dem Plan und das ist ihre. Jetzt liegt es an dir, in deinem Herzen, in deiner Liebe zu bleiben und zu akzeptieren, dass es so ist. Sie erfüllt ihre Bestimmung, wegen der sie zu dir gekommen ist.“

Die Essensglocke läutet und unterbricht ihr Gespräch. Die Glocke war eine Idee vom königlichen Küchenchef Quasiemir, um bei festlichen Anlässen alle an den Tisch zu rufen, sobald er mit dem Anrichten fertig ist. Sie machen sich auf den Rückweg durch den Park zum Festplatz. Dabei fordert das Einhorn mit beruhigender Stimme König Hansgar auf, die Situation von der universellen Liebe als gegeben zu betrachten. Auch wenn er sich Sorgen mache, wird sich trotzdem der Plan erfüllen. Das einzige, was er dadurch erreichen würde, dass er sich ein schönes Fest entgehen lässt. Und dazu gibt es keinen Grund. „Es soll dir ein Trost sein, dass der Kobold uns noch nützlich sein kann. Ich habe ihn lange genug gesehen und die Möglichkeit gehabt, in sein Herz zu blicken. In ihm ist noch das Licht der Liebe, versteckt unter einer Schicht Hass, die er sich im Laufe seines Lebens angehäuft hat. Und da war noch etwas, für das ich keine Erklärung habe. Doch ich weiß, es wird sich im Laufe der Zeit zu unserem Vorteil zeigen. Wie du siehst, hat das Universum für alles gesorgt.“

Als sie auf dem Festplatz ankommen, hört das Orchester auf zu spielen. Die Anwesenden drehen sich in ihre Richtung und verneigen sich vor ihnen. Die Kinder haben sogleich beide umrundet und wollen die Geschichten hören, die das Einhorn bei seinen Besuchen immer erzählt. König Hansgar bittet sie, sich etwas zu gedulden. „Jetzt lasst uns erst einmal das köstlich duftende Essen verspeisen. Und schaut doch wie schön es angerichtet ist. Es mundet unseren Augen und bestimmt unseren Mägen noch mehr.“ Hansgar weiß, wie er mit dieser Aussage seinem Küchenchef die Achtung für seine Arbeit gibt. Alle begeben sich auf ihre Plätze. Als Marrenya es sich auf dem Blütenteppich neben Hansgar so richtig bequem gemacht hat, erblickt sie Alexa. Sie hat sich hinter einer Hecke versteckt. Keiner der Anwesenden hat sie bemerkt oder vermisst, da alle Augen auf das Einhorn gerichtet waren. Sie hat sich bereit erklärt, der Feier mit einem großen Auftritt beizuwohnen. Lächelnd, und mit einer Kopfbewegung, lädt das Einhorn sie ein, neben ihr den Platz einzunehmen. Alexa grüßt mit einem leichten Nicken des Kopfes und nimmt die Einladung, neben dem Einhorn Platz zu nehmen, an. Sie hat sich absichtlich bei der Begrüßungszeremonie zurückgezogen. Sie wollte erst herausfinden, wie es sich für sie anfühlt, wie sich der König und das Einhorn verhalten. Außerdem wollte sie ihren eigenen Auftritt bei der Feier, der durch die Begeisterungsrufe für den Gast untergegangen wäre. Denn jeder hatte nur Augen für das Einhorn und keiner hätte sie auch nur beachtet. Sie richtet ihr schulterfreies Kleid, das aus roten, schwer wirkenden Rosenblättern gemacht wurde, zurecht. Das kräftige Rot lässt ihre zarten weißen Schultern fast durchsichtig erscheinen. Ihre blonden Haare hat sie hochgesteckt, nur ein paar Strähnen fallen locker und leicht über ihre Schultern. Sie wirkt zerbrechlich und anmutig, ihre feinen Gesichtszüge sind einer Feenpriesterin ebenbürtig. Eher schwebend als gehend begibt sie sich durch die Reihen der Gäste. Aus allen Richtungen kommen Bewunderungsrufe über ihr phantastisches Aussehen. „Oh, schau mal!“ – „Sie sieht wieder bezaubernd aus!“ Es klingt eher wie ein Bewunderungsgemurmel. Hoch erhobenen Hauptes kommt sie an den Teil des Hufeisens, an dem Hansgar und das Einhorn ihre Plätze eingenommen haben. Es folgt eine tiefe Verbeugung vor dem König: „Eure Hoheit“, begrüßt sie ihn und mit einer tiefen Verbeugung in Richtung Einhorn setzt sie ihren Satz fort. „Ich grüße auch dich, meine Freundin. Schön, dich mal wieder zu sehen.“ Dabei schaut Alexa Marrenya tief in die Augen, um festzustellen, ob sie eine Regung wahrnehmen kann. „Wir freuen uns, dass du dich zu uns begibst. Es wäre kein richtiges Fest, wenn wir auf deiner bezaubernden Erscheinung verzichten müssten“, entgegnet ihr das Einhorn. Hansgar beobachtet demutsvoll die Begrüßung zwischen Alexa und der gemeinsamen Freundin. Er bemüht sich, Alexa gegenüber in die liebevolle Haltung zu gelangen, die er als Rat vom Einhorn bekommen hat. Das großzügige Mahl wird von vielen kleinen Helfern ausgeteilt. Kartoffeln und verschiedenes Gemüse, in allen Varianten, wie man es sich kaum vorstellen kann. Vom Auflauf zu Gebratenem bis hin zum Gegrillten. Für die Elfen und Feen ist reichhaltiger Blütensirup von verschiedenen Blüten in unterschiedlichster Zubereitung hergestellt worden und für alle anderen wohlriechende Süßspeisen, die mit Orchideen verziert wurden. Ein Augenschmaus und ein Fest der Sinne, für alle Anwesenden. Die Gesprächskulisse nimmt während des Festmahls ab, jeder gibt sich mit all seinen Sinnen dem Genuss hin. Marrenya fühlt sich tief in das gesegneten Blütenlager ein, auf dem sie liegt, um diese Segnung und die Liebe, die sie von allen erhalten hat, in ihren Energiekörper aufzunehmen. Hier und da verspeist sie die Gaben und genießt ebenfalls das Zusammensein.

Nachdem der erste große Hunger aller gestillt ist, beginnen die ersten Gespräche. Solange es noch ruhiger ist, erhebt sich König Hansgar von seinem Platz und klatscht in die Hände. Seine Aufmerksamkeit und die Stimme richten sich dem Küchenchef und all seinen Helfern zu. „Mit großem Dank und all meiner Begeisterung für dieses wundervolle Mahl möchte ich mich, und ich spreche auch im Namen aller Anwesenden, bei Quasiemir und all den fleißigen Helfern bedanken.“ Das Orchester lässt einen Tusch erklingen, der mit viel Applaus unterstrichen wird. Gerührt von so viel Lob erheben sich alle Mitglieder der Küche und verneigen sich vor dem Volk, als Zeichen, dass sie den Dank und die Würdigung ihrer Arbeit annehmen. Zu den Melodien des Orchesters, die nach der Ansprache beginnen, werden noch Gesänge angestimmt. Die Feen geben den ersten Ton an und alle Wesen des Volkes stimmen dazu ein. Im ersten Moment hört sich der Gesang eher wie ein buntes Durcheinander an, doch je länger sie singen desto deutlicher wird die Harmonie und das Miteinander der unterschiedlichsten Stimmen. Wohlwollend dem Gesang lauschend wird Hansgar von seiner rechten Seite aus angesprochen: „Eure Hoheit, dürfen wir Sie stören?“ Es ist das Volk der Gnome. „Wir wollten ihnen mitteilen, dass das Gemüse, dass sie verspeisten, die neue Sorte ist, die wir gezüchtet haben.“ Hochachtungsvoll begibt sich Hansgar zu seinem Volk und sie Fachsimpeln über die gelungene Arbeit und das wohlschmeckende Gemüse.

Während all dieser Feierlichkeiten werden sie alle von Romos beobachtet. Er ist seit frühster Kindheit ein Einzelgänger und sehr zurückgezogen. Von solchen Festen hat er bisher nur gehört und sie als nutzlos bezeichnet. Er fand keinen Sinn darin, ohne dass es für ihn einen Vorteil gibt, sich mit Freunden und Freude auszutauschen. Doch das Beobachten und die Energie, die in dieser Gemeinschaft entstand, berühren ihn in seinem Innersten. Was das wohl zu bedeuten hat, fragt er sich. Ohne zu wissen, dass das Einhorn ihn wahrnimmt und spürt was in ihm vorgeht, bleibt seine ganze Aufmerksamkeit bei dem fröhlichen Treiben. Alexa, sicher in ihrer Rolle, umgarnt ihre Freundin mit einer Zwiespältigkeit, das jedem anderen schlecht werden würde. Doch das Einhorn weiß darum. Es ist ihr Plan, den sie erfüllen muss und Marrenya sieht die Liebe, die immer noch in Alexa ist.

3 Alexas Erinnerungen

Wohl wissend über das, was Alexa vorhat, unterhält sich das Einhorn mit ihr über vergangene Zeiten und wie ihre Freundschaft begann. In Erinnerungen schwelgend befindet sich Alexa wieder an dem Ort, wo alles seinen Anfang hatte. Ihre Gesichtszüge werden dabei weicher und weicher. Das Einhorn erkennt, dass sie sich in der Energie von damals befindet. In ihrer Liebe zu allem, was ein Teil ihres Wesens ist. Alexa ist die Tochter vom Feen König Jandelion und Feen Königin Andeliana, die schönste Fee, die je in den Reichen gelebt hat. Sie waren die Herrscher des Landes in der Mitte. Dort lebten zu dieser Zeit hauptsächlich Feenfamilien, aber auch Elfenfamilien und ein paar trotzige, liebevolle Trolle. Ein friedvolles Miteinander und eine Gemeinschaft in der großen bunten Familie waren ihnen sehr wichtig. Macht, Neid oder gar Zorn waren ihnen bekannt. Aber wenn solche Gefühle in ihnen hochkamen, schauten sie sich diese genau an. Indem sie die Gefühle integrierten und sie als einen Teil von ihnen akzeptierten, gaben sie ihnen keine Macht über ihr Dasein.

Im Reich „In der Mitte“ waren auch die Einhörner zu Hause. Die grünen Wiesen und üppigen Wälder waren ein Paradies für alle Bewohner. Im Süden, das Reich von König Hansgar, und Im Norden, das Reich von König Friederjus, verbunden durch den großen See von Udinenkönigin Waniera, waren alle im Einklang mit sich und der Natur. Zwergenkönig Beroldîn und sein Volk blieben die meiste Zeit in ihren Bergen und hielten sich aus allem raus. Zu dieser Zeit waren die Bewohner des kleinen Volkes, so nennen sie sich, mit den Menschen befreundet. Die Tore zur Menschenwelt befinden sind im Reich „In der Mitte“. Der Übergang ist über die Wiesen und den Himmel möglich.

Viele Feen und Elfen haben Freundschaften zu den Menschen gepflegt. So auch Alexas Mutter Andeliana. Es ging so lange gut, bis einige Menschen die Freundschaften zum kleinen Volk für ihre Gier und ihre eigenen Machtspiele ausnutzten. Denn all die Edelsteine, Diamanten und Goldadern waren für das kleine Volk ohne Belang und sie hatten keine Vorstellung davon, warum die Menschen eine so große Faszination gegenüber den Geschenken Mutter Naturs haben, so dass sie sich gegenseitig Schaden zufügten. Die Feen, Elfen und Trolle, die sich aus diesen Streitereien raus hielten, blieben in ihrer Welt. Andere wiederum, die schon zu tief in den Machenschaften von Gier, Macht und Neid gefangen waren, nahmen das Verhalten der Menschen an. Diese wollten die Macht über die Tore und sie für ihre Zwecke offen halten, um all die negativen Verhaltensweisen in ihr Land einzubringen, um es auszubeuten. Das wiederum bereitete König Jandelion große Sorgen. Die, die sich schon gegen ihn gestellt hatten, wollte er in die Welt der Menschen verbannen. Sie sollten dort ihr Unwesen treiben, denn von dort hatten sie es auch mitgebracht. Als Jandelion Andeliana von seinem Plan erzählte, weswegen er die Tore schließen wolle, um sein Volk und die Reiche zu schützen, verbündete sie sich mit dem Troll Granog. Jandelion flehte seine Frau Andeliana oft an, die Welt der Menschen zu meiden und keine weiteren Reisen zu unternehmen, doch sie war schon geblendet. Jeder Mensch, der sie gesehen hatte, hat sie wegen ihrer Schönheit angebetet. Diese Anerkennung und Huldigung taten ihr gut, das machte sie eitel und arrogant. Andeliana wollte verhindern, dass die Tore geschlossen werden. Gemeinsam mit Granog reisten sie mehr denn je immer wieder durch die Tore zu den Menschen. Im Laufe der Zeit verliebte sich Granog in Andeliana und versprach, alles zu tun, was sie von ihm verlangte.

Und diesem Troll Granog ist Alexa in ihrer Kindheit begegnet. Alexa, in ihren Erinnerungen ganz vertieft, sieht sich wieder auf der großen Wiese vor dem Schloss ihres Vaters spielen. Sie erinnert sich an den Geruch der Blumen, der frischen Erde, auf der sie über die Wiesen springt, und wie sie mit den Schmetterlingen um die Wette tanzt. In ihrer Freude hat sie die Worte ihres Vaters vergessen. Jandelion hatte ihr verboten, aus dem Schloss zu gehen, denn er wusste, dass in absehbarer Zeit eine Revolution der Menschengeher stattfinden wird. Da sie schon immer tat, was sie wollte, ohne auf das zu achten, was sie machen sollte, spielte sie auf der Wiese. Sie folgte in ihrer Freude erst dem einen Schmetterling und dann dem anderen, bis Alexa völlig erschöpft und am Ende ihrer Kräfte am anderen Ende der Wiese angelangt ist. Dort lässt sie sich in das weiche Gras fallen. Ihr Herz schlägt vor Erschöpfung bis zum Hals, glücklich über ihr Sein, inmitten derer, die ihren Freudenrufen gefolgt sind, um mit ihr zu tanzen. Im Kreise ihrer Freunde beobachtet sie den Himmel. Auf ihm tanzen die Wolken und zeigen ihnen Bilder von Tieren und Blumen, die sie dann erraten sollen. Mitten in ihrem Spiel verändern sich jedoch die Wolken. Sie werden dunkel, von solch einem Schwarz, dass die Tiere unruhig werden. Die Tiere ahnen etwas, doch Alexa, in ihrer kindlichen Unwissenheit, denkt sich, es seien ein paar harmlose Gewitterwolken. Bei ihrem fröhlichen Tanzen und später in der Wiese liegend, wird sie von einigen Einhörner beobachtet, die sich mit ihr auf der anderen Seite der Wiese befinden. Die Einhörner bemerken ebenfalls, dass sich die Wolken verändern. Nur wissen diese, dass sich die Tore zur Menschenwelt bald öffnen werden. Die Öffnung der Tore hat sich verändert, seit die niederen Gefühle der Menschen Einzug hielten in ihrer Welt. Aus einem strahlenden Licht ist ein Dunkel geworden, das Angst erzeugt. Besorgt verfolgen sie das Geschehen. Eines der Einhörner, es heißt Marrenya, begibt sich auf den Weg über die Wiese zu Alexa, der kleinen Prinzessin. Ein jähes Grollen ertönt und geht allen durch Mark und Bein. Die schwarzen Gewitterwolken öffnen sich. Eine aus dunklen Wolken entstehende Treppe geht vom Himmel bis auf die Wiese hinunter. Es ist so weit, die Tore sind offen. Granog, der Anführer der Revolution und Widersacher König Jandelions, ist gekommen. Er kommt als Erster durch das größte Tor über die Treppe auf die Wiese. Marrenya wird schneller. Es ist schon fast bei der Prinzessin, als Granog auf der Wiese ankommt. Noch ein paar Schritte und sie hat Alexa erreicht. Granog erkennt mit einem breiten bösen Grinsen auf seinem hässlichen Gesicht, wer sich noch auf der Wiese befindet. Das ist das Beste was ihm passieren kann. Mit der kleinen Prinzessin kann er Jandelion unter Druck setzten und seiner heimlichen Liebe einen Beweis geben, dass er wirklich alles macht, um die Tore für sie offen zu halten.

Bevor er sich mit den Menschen eingelassen hat, war er ein schön anzusehender Troll. So schön wie eben Trolle werden können. Doch die Machenschaften und das Böse ließen seine Gestalt verändert. Die Hässlichkeit seiner Gedanken und seines Tuns haben sein Äußerliches genauso verändert, wie er fühlt. Er hatte zwar schon immer grobe Gesichtszüge, doch nun sind sie von dunklen Schatten gezeichnet. Der Anblick der Hässlichkeit Granogs und dass ein Einhorn auf Alexa zu galoppiert, ließ sie aus ihrer Beobachtung des Geschehens erwachen. Sie hatte das ganze Schauspiel wie in Trance verfolgt. Noch bevor Granog sich auf den Weg zu Alexa machen kann, hat das Einhorn sie erreicht und sie aufgefordert, sich auf dessen Rücken zu begeben. Das alleine war schon sensationell, denn auf einem Einhorn ist noch nie ein Wesen geritten. In ihrer Not springt sie auf und lässt sich fast schwebend über die Wiesen tragen. Die Tiere haben sich in den Wald geflüchtet, der an diesem Ende der Wiese angrenzt.

Auch im Schloss hörten sie das Grollen und wussten, was nun auf sie zukommt. Die Tore zur Menschenwelt hatten sich geöffnet. Zwar kannten alle die Befehle, dass König Jandelion verboten hatte die Tore zu öffnen, doch in dem Augenblick war für alle klar, dass Granog gegen den Befehl gehandelt hat und zurück in ihr Reich gekommen ist. Alle Bewohner, die sich in der Nähe des Schlosses aufhielten und das Grollen des Donners vernahmen, machten sich sofort auf den Weg, um im Schloss Zuflucht zu finden. Dort wurde das schwere Holztor geschlossen, das Jandelion aus seiner Vorahnung heraus hatte anbringen lassen. Ihm war zwar bewusst, dass das Holztor der Gewalt der Abtrünnigen kaum standhalten kann, doch es verschaffte ihm Zeit zu handeln. Das einzige, was König Jandelion jetzt übrig blieb, war, die Tore zur Menschenwelt mit einem Zauberspruch zu verschließen. Nur die reine Liebe eines Menschenherzens kann sie von nun an aus ihrem Reich in der Mitte wieder öffnen. Das war seine letzte Amtshandlung, bevor er und sein Volk dem Tod und der Sklaverei geweiht waren. Trauer durchzog sein Herz, dass es so weit kommen musste. Ihm war klar, dass es keine Öffnung der Tore mehr geben kann, da alle Menschen aus ihrer Welt verbannt waren. Seine Frau Andeliana war in der Menschenwelt gefangen und seine Tochter Alexa irgendwo da draußen. Noch bevor Granog und seine Männer am Schloss ankommen, begab sich Jandelion auf die Traumebene der Kommunikation. Dort erfährt er von den anderen Königen, die das Grollen ebenfalls vernommen hatten, dass das Einhorn Marrenya mit Alexa auf den Weg zu König Hansgar ist. Im Vorfeld wurde zwischen den Königen besprochen, falls der schlimmste Fall eintritt, dass der König, zu dem das Kind gebracht wird, die Aufgabe übernimmt, es zu erziehen. Alle anderen vom Volke Jandelions, die zu weit vom Schloss entfernt waren, flüchten sich in die Wälder, um in den angrenzenden Reichen Zuflucht zu finden. Was ihnen zu diesem Zeitpunkt verborgen blieb: Es war das Beste was ihnen hat geschehen konnte.

In der Zwischenzeit sind alle Abtrünnigen, die zur Feenkönigin Andeliana und dem Troll Granog stehen, über die Tore in ihre Welt zurückgekehrt, um König Jandelion zu stürzen. Hunderte von ihnen versammeln sich auf der Wiese bei den Toren, um als eine Einheit zu Jandelions Schloss zu marschieren. Eine dunkle Walze aus Abtrünnigen schreitet zielstrebig, mit Granog als Anführer, in Richtung Schloss. Die Erde bebt unter ihrem Marsch. Das Einhorn erkennt, was sie vorhaben, denn es hat die niederen Gefühle, den Hass, in ihren Herzen gespürt, und ist mit Alexa auf dem Weg zu König Hansgar. Es ist der sicherste Weg, den sie jetzt gehen kann.

Alexa genießt den Ritt auf dem Einhorn und wundert sich nur, dass sie und das Einhorn ihr zu Hause hinter sich lassen und sich in eine ganz andere Richtung bewegen. In dem großen Wald, der auf ihren Weg liegt, sind sie zum ersten Mal zur Ruhe gekommen. Sie ist noch nie auf einem Einhorn geritten und durch diese ungewöhnliche Anstrengung stöhnt die kleine Prinzessin. „Ich bin so müde.“ Das Einhorn stoppt in einer geschützten Lichtung, die von alten Eichen umgeben ist, um der kleinen Alexa eine Pause zu gönnen. Ein schmaler Bachlauf verläuft mitten durch die Lichtung, welche mit ihrem weichen Moos und blühenden Büschen eine magische Atmosphäre ausstrahlt. Kaum abgestiegen, beginnt Alexa Fragen zu stellen: „Kannst du mir sagen was da eben vorgefallen ist? Wieso hast du mich auf dir reiten lassen? Wie heißt du? Weißt du, wer ich bin? Und wer mein Vater ist?“ Fragen über Fragen. Das Einhorn hört sie sich geduldig an. Nachdem Alexa mit ihrer Fragerei fertig ist, kommt das Einhorn zu Wort. „Du wirst bald auf alle deine Fragen eine Antwort bekommen, doch die wichtigsten Antworten sollst du erfahren.“ Im Groben erklärt sie ihr, was es mit den Toren und den Abtrünnigen auf sich hat und welche wichtige Rolle auf sie in dem ganzen Geschehen wartet. „Wie meinst du das, ich werde zur richtigen Zeit die Königin meines Landes sein? Wo ist mein Vater? Ich bin doch die Prinzessin und werde mein Erbe antreten, wenn mein Vater…“ Sie verstummt bei dem Gedanken, der ihr Angst bereitet. „Es ist zu spät, meine kleine Prinzessin. Dein Vater ist der Gefangene von Granog und keiner weiß, was er mit ihm machen wird.“ Mit treuen Augen schaut sie dem Feenmädchen tief in die ihren. Alexa hat verstanden, was sie meint, und beginnt zu weinen. „Ist schon gut, meine Kleine. Dein Vater hat für solch einen Fall schon für dich gesorgt. Du bist jetzt das Mündel von König Hansgar und wirst im Reich des Südens aufwachsen und auf dein Leben als Königin vorbereitet.“ Die Prinzessin schaut sie mit verweinten großen Augen an. „Was? Das war schon alles geplant? Dass mein Vater sein Reich verliert? Ihr habt alle darum gewusst?“ Etwas schockiert über so viel Wahrheit fährt sie fort. „Und keiner hat im Vorfeld etwas gemacht?“ „Meine liebe kleine Prinzessin“, beginnt das Einhorn, „vieles was wir wissen, müssen wir so annehmen. Jeder hat einen freien Willen, auch wenn manche wissen, dass sie einen Weg gehen, der nur ihrem eigenen Wohl dient, ist es ihre Entscheidung. Ob nun andere darunter leiden, ist ihnen egal. Obwohl wir darüber wissen, ist es wichtig, in der Liebe zu bleiben und es so anzunehmen, wie es ist, denn kein Weinen, kein Zweifeln macht es ungeschehen. Du wirst auch noch erkennen, dass es für alles einen Plan gibt, so etwas wie einen universellen Plan. Es geschehen Dinge in unserem Leben, die auf eine Art vorbestimmt sind und wir bekommen die Gelegenheit aus allem, was uns begegnet, zu lernen. “ Mit leeren Augen schaut Alexa in den Bach, der neben ihr verläuft, und fragt das Einhorn mit tonloser Stimme: „Bin ich jetzt auf mich alleine gestellt? Wie soll ich das nur schaffen? Ich bin doch noch ein Kind!“ Tröstend stupst das Einhorn sie mit seinem Kopf an der Schulter an. Alexa steht so nah am Bach, dass sie bei dem Stups das Gleichgewicht verliert und ins Wasser fällt. „Keine Sorgen meine Prinzessin und Freundin, dafür bin ja ich jetzt da. Ich trage und beschütze dich so lange du mich brauchst.“ Erschrocken über den Stups in den Bach, sagt Alexa, tropfnass wie sie ist: „Und das nennst du Beschützen und stupst mich in den Bach? Das nennst du erfolgreiches Aufpassen?“ Um sie aus ihren traurigen Gefühlen zu bringen, beginnt Marrenya mit ihr noch eine Weile auf der Lichtung zu spielen.

Alles was sie vom Einhorn gehört hat, ist in diesen Momenten des Spielens und Tobens vergessen. Zu ihrem Lachen haben sich auch die Tiere des umliegenden Waldes auf die Lichtung gesellt und beobachten das Spiel zwischen dem Feenmädchen und dem Einhorn. Erschöpft vom Spiel bleibt Alexa noch eine Weile im Moos liegen und beobachtet die Baumkronen der alten Eichen, wie sie sich im Wind wiegen. Durch die Kronen streifen Sonnenstrahlen, die sich mit der Erde verbinden. Alles ist so friedlich, so harmonisch. Wie kann das wahr sein, was das Einhorn ihr erzählt hat? Inzwischen hat sich das Einhorn Informationen von den Tieren eingeholt, inwieweit die Revolution schon fortgeschritten ist. Was die Tiere zu berichten hatten, machte das Einhorn unruhig. Sie gesellt sich auf das weiche Moos, auf dem Alexa in den Himmel schaut, und beginnt zu reden: „Bevor die Nacht einbricht, müssen wir weiter, meine kleine Prinzessin.“ Alexa dreht sich zu dem Einhorn und nickt kaum merklich. Erholt von aller Anstrengung machen sie sich weiter auf den Weg zu König Hansgar. Alexa hält sich an der Mähne des Einhorns fest und genießt den Ritt durch den Wald. Alle Tiere und Wesenheiten, die ihnen begegnen, halten in ihrem Weg inne und verbeugen sich vor ihnen. Das genießt die kleine Prinzessin mit ganzem Herzen. Alexa fühlt in ihrer Erinnerung den Wind in ihren Haaren und die Anerkennung derer, die ihnen begegnen. Ihr Gesichtsausdruck verrät Marrenya, dass sich Alexa in ihrer Erinnerung wohlfühlt.

Der kleine Elfenjunge Bebirjus beobachtet das Einhorn, wie es mit der Feenpriesterin spricht und ihr Energien der Erinnerungen schickt. Fasziniert von dem Licht, dass das Einhorn in sich hat, nimmt er jede noch so kleine Regung war. Schüchtern hält er sich versteckt, denn er möchte nett und aufmerksam sein. Das Einhorn hat ihn schon längst bemerkt, bleibt jedoch in ihrer Energiearbeit mit Alexa. Fragend schaut sich der kleine Elfenjunge in der Gesellschaft um. Es könnte ja sein, dass er Hilfe von einem großen Elf bekommt, um das Einhorn anzusprechen. So, wie seine Augen über den Festplatz schweifen, bleibt sein Blick am Rand des Platzes stehen. Was ist das? Rote Augen? Aufgeregt kommt er aus seinem Versteck und klopft dem Einhorn auf die Flanke. Jegliche Scheu verloren, beginnt er zu stottern und zeigt dabei mit dem Finger in die Richtung in der er die roten Augen gesehen hat. „Da, da, ist wa- wa- was!“ Mit sanfter Stimme dreht sie sich zu ihm um. „Ich weiß, wen du da siehst. Es ist schon in Ordnung, dass er uns zuschaut. Nur so wird dieser Bewohner des dunklen Reiches die Gemeinschaft verstehen. Wenn wir ihm die Möglichkeit geben es zu erlernen. Das soll jetzt unser Geheimnis sein, dass wir ihn gesehen haben.“ „Ja, klar!“ kommt mit abgehackter Stimme aus ihm raus. Viel wichtiger ist ihm, ein Geheimnis mit dem Einhorn zu teilen. Über seine Lippen wird kein Wort wegen den roten Augen kommen, denn wenn man etwas verspricht, vor allem einem Einhorn, ist man verpflichtet es zu halten.

Alexas Gesichtsausdruck verhärtet sich in ihrer Erinnerung. Granog hat Alexas Gefühle mitbekommen und was das Einhorn mit Alexa vorhat. Das muss er unterbinden. Zu lange schon bearbeitet und manipuliert er Alexa, um an sein Ziel, die Tore für seine große Liebe, Alexas Mutter Andeliana, wieder zu öffnen, zu kommen. Das Einhorn schickt Alexa verstärkt Energien, um weiterhin in den liebevollen Erinnerungen zu bleiben. Ohne auf Granogs Wut zu achten, schickt Marrenya auch ihm die Liebe eines Einhorns. Er verschwindet aus Alexas Erinnerungen und hofft auf einen späteren Zeitpunkt, um Alexa weiter zu bearbeiten. Alexa ist noch eine ganze Zeit lang in ihren Erinnerungen, was sie und das Einhorn in ihrer Kindheit und Jugend alles erlebt haben. Die Feen stimmen ihre Instrumente und beginnen in ihren zarten Stimmen ein Lied über die Einhörner zu singen:

Das Licht, die Liebe, die Kraft ist gebündelt in den Einhörnern.

Wen sie auch anschauen, in ihm entfachen sie die Kraft der Liebe, alles zu schaffen.

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