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Marrakesch

Inhalt

Vorwort

Der erste Tag

Das Riad und seine Gäste

Erkundungen

„Go this square“

Marrakesch–Stadt der Händler und Handwerker

Schätze der Medina

Die Place „Jemma el-Fna“ - Herzschlag der Medina

Eine besondere Beziehung

Alles geht seinen gewohnten Gang

Königinnen der Dachterrasse

Glossar

Vorwort

Im September des Jahres 2016 buchte ich meine mehrwöchige Reise nach Marrakesch, welche ich im Dezember 2016 antreten sollte. Flug und Unterkunft in einem der so zahlreichen Riads in der Medina von Marrakesch, ohne Transfer.

Ich war innerlich bereit, mich auf das Abenteuer Marrakesch einzulassen, war neugierig auf diese traumschöne Märchenstadt, diese „über den Atlas geworfene Perle des Südens“ - wie ein alter arabischer Dichter sie einmal nannte. Doch ich war gewarnt; hörte, Marrakesch sei die Stadt der Abzocke, kleinere und größere Betrügereien seien an der Tagesordnung - musste Vorsicht walten lassen, mit größerer Behutsamkeit vorgehen, als bei meinen früheren Reisen in den Maghreb und eine deutlich erhöhte Aufmerksamkeit bei meinen Begegnungen mit den Marrakschis an den Tag legen, um Einblicke in ihr Leben und ihren Alltag erhalten zu können. Würde es mir gelingen, mich schadlos zu halten von Lug und Betrug? Wahrscheinlich würde auch ich Fehler begehen beim Umgang mit ihnen, in meinem Verhalten, doch ich war bemüht, mich nicht übers Ohr hauen zu lassen - denn das mochte ich gar nicht. Ich wollte besonders den einfachen Menschen nahe sein, mich ein Stück weit einfühlen in ihren Alltag. Ich wählte daher als Unterkunft ein einfaches und kleines Riad im Viertel Sidi Ben Slimane, im nördlichen Teil der Medina aus. Mein weiteres Interesse galt den prachtvollen Zeugnissen arabisch-berberischer Architektur und Kunst, welche die verschiedensten marokkanischen Dynastien über Jahrhunderte hinterlassen haben: Paläste, Moscheen, Medresen, Mausoleen, Zaouias, Fontainen. Ich bereitete mich schon frühzeitig intensiv auf meine Reise vor, druckte Stadt- und Straßenkarten von Marrakesch aus, um mir die Orientierung zu erleichtern, trug detaillierte Informationen zur Kunst- und Kulturgeschichte, zu geographisch-klimatischen Daten, zur Religion sowie zu Sehenswürdigkeiten der Stadt zusammen. Zudem sollten mir rechtzeitig eingeholte Informationen zu ganz praktischen Fragen rund um Infrastruktur, insbesondere Verkehr, Geldwechsel usw. das Fortbewegen in dieser Millionenstadt verbessern helfen.

Meine Vorfreude war groß, wie ich mich immer freute, meine Heimat mit ihren Menschen, welche ich wirklich akzeptiere, eine Zeitlang verlassen zu können, wenn ich die übersteigerte Ordnungsliebe, den Arbeitseifer, den ausgeprägten Regulierungswahn und die Engstirnigkeit einiger Menschen nicht mehr ertragen konnte, um einzutauchen in eine andere, exotische Welt - in eine Welt, in der Zeit keine überragende Bedeutung zu haben scheint, in der Phantasie und Wirklichkeit sich zu vermischen scheinen, in der nichts ist wie es scheint, in der Menschen darauf achten, ihre Sinne zu beglücken - in eine Welt voller Geheimnisse...

Der erste Tag

Ein sonnig-warmer Tag bei strahlendem Sonnenschein empfing mich am Flughafen Marrakesch-Menara. Die, in gleißendes Licht getauchten, schneebedeckten Gipfel des mächtigen Atlasgebirges in der Ferne und die hohen, majestätisch aufragenden Palmen im Vordergrund wirkten wie eine unwirkliche Kulisse. Militär bewachte den Eingang zum Flughafengebäude. Das Flughafengebäude war hell, modern und lichtdurchflutet; die Farbe weiß dominierte. Rauten und Sterne sind, ebenso wie stilisierte Blumenornamente, die Hauptmotive der tragenden Bauteile und des Innen- und Außendekors. In diesen geometrischen und stilisierten Mustern findet sich in moderner Form ein Charakteristikum der sich über Jahrhunderte hinweg entwickelten Ornamentik islamisch-arabischer Kunst wieder. Es war eine von Hektik entsagte, fast schon entspannte Atmosphäre in der Ankunftshalle, alles wirkte aufgeräumt, die Sicherheitsbeamten gingen getragenen Ganges; ihre Bewegungen waren behäbig und ruhig. Passkontrolle - der Passbeamte nahm den Pass und die Einreisekarte an sich, ohne aufzublicken; ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er gab Daten in seinen Computer ein, verglich, kontrollierte, sein Gesichtsausdruck zeigte keine Regung - dann die obligatorischen Stempel in den Pass und die Einreisekarte. Er legte meinen Pass, ohne dass sich eine Regung in seinem Gesicht abzeichnete, wieder auf die Ablage. Jetzt noch Geldwechseln - ich erhielt für meine 100 Euro gut 1009 Dirham; ein nicht allzu guter Kurs, aber ich benötigte erstes Geld. Nachdem ich meinen Kofer vom Förderband genommen hatte, ging ich aus dem Flughafengebäude heraus, lief über einen Fußgängerüberweg und sah linker Hand auch schon meinen Bus, welcher an einem Taxistand hielt und mich in die Medina bringen sollte. Es war die Linie 19 der Busgesellschaft ALSA. Für das Ticket zur Medina, Place Jemaa El-Fna und zurück bezahlte ich 50 Dirham. Es war ein moderner, sauberer Stadtbus, welcher mich, vorbei an gepflegten, palmengesäumten Straßen, in rund zehn Minuten in die Medina fuhr.

Da sah ich sie zum ersten Mal, die gewaltige, hohe, in beige bis rötlich-braunem Ton gehaltene, Stadtmauer, durchbrochen vom Bab Jdid, durch welches wir in den geschäftigsten Teil der Medina, den Bereich um die Koutoubia-Moschee, gelangten. Konnte Abu Bakr Ibn Umar, der große Heerführer der aufstrebenden Berberdynastie der Almoraviden, dem hier vor beinahe 1000 Jahren die Errichtung eines befestigten Heerlagers zugeschrieben wird, erahnen, dass „sein“ Lager bald zu einer großen Stadt, zur Hauptstadt seiner Dynastie und nachfolgender Dynastien heranwachsen wird? Die Lage in der weiten, fruchtbaren und gut kontrollierbaren Haouz-Ebene, war jedenfalls gut gewählt.

Ich war überrascht über das hohe Verkehrsaufkommen in der Medina, den Lärm und die Abgase, die ich deutlich wahrnehmen konnte. Schnell war ein Taxi gefunden, welche in großer Zahl die Straßen rund um die Koutoubya-Moschee befuhren. Ich gab dem Taxifahrer die Adresse meines Riads. Es wurde kurz um den Preis für die Taxifahrt verhandelt und nachdem der Taxifahrer nochmals um 10 Dirham mit dem Preis herunterging, willigte ich zu einem Preis ein, der mir für die weniger als zwei Kilometer lange Fahrt angemessen erschien. Im Viertel Sidi Ben Slimane angekommen, hielt er an, zeigte mit seinem Finger auf eine Gasse, in die ich laufe solle; hier gehe es mit dem Taxi nicht mehr weiter. Nachdem wir ausgestiegen waren, legte ich dem Taxifahrer eine Straßenkarte vor und bat ihn mir zu zeigen, wo wir uns gerade befänden. Ich wollte von hier aus den Weg durch die Gassen zu meinem Riad erkunden. Er schaute die Karte aus sicherer Entfernung kurz an. Ich fragte ihn, ob das die Straße sei, auf der wir uns gerade befänden und zeigte mit dem Finger auf die Karte. Er bejahte, zeigte aber kein gesteigertes Interesse an der Karte oder den Straßennamen. Ich hatte den Eindruck, dass er mit der Karte eher wenig anzufangen wusste. Rasch wandte er sich seiner Suche nach Rückgeld zu. Unvermittelt kam ein forsch auftretender Jugendlicher mit Brille auf mich zu, versuchte seine Nase in den Zettel, auf dem der Name meines Riads vermerkt war, zu stecken, was ich mit einer raschen Handbewegung zu verhindern wusste und rief: „Where do you want to go?“ Ich wollte nicht, dass der Jugendliche und damit gleich das halbe Viertel wusste, wo ich nächtige - nur nicht zu viel von sich preisgeben, soviel hatte ich bereits aus meinen vergangenen Reisen in den Maghreb gelernt. Er stand mit einer Gruppe anderer Jugendlicher nur wenige Meter vom Taxi entfernt und musste die Situation beobachtet haben. Er ergänzte, ebenfalls auf Englisch, dass ich keine Angst haben müsse und wir die Touristen schon nicht aufessen wollten. Ich schüttelte leicht, aber bestimmt den Kopf, drehte mich demonstrativ vom jungen Mann weg und wandte mich erneut dem Taxifahrer zu, welcher mir nun mein Rückgeld aushändigte und schließlich davon fuhr. Der junge Mann kam erneut auf mich zu und fragte, zu welchem Riad ich wolle. Die anderen Jugendlichen, zu denen er gehörte, beobachteten leicht schmunzelnd die Situation, rührten sich jedoch nicht vom Fleck. Ich entgegnete, dass ich mein Riad schon finden werde. So marschierte ich zügig in die Gasse, welche mir der Taxifahrer zugewiesen hatte. Weder der forsche Jugendliche noch die anderen der Gruppe folgten mir. Sehr bald tat sich zu meiner Linken eine hübsche Moschee mit Minarett auf, welche die Freitagsmoschee des Viertels sein mochte. Die Gasse, welche jetzt erste Kurven und Abzweigungen aufwies, führte mich immer weiter ins Viertel. Mein Riad war nirgendwo ausgeschildert. Der Name war weder auf Schildern zu lesen noch, wie bei anderen Riads, auf Mauern gekritzelt; die Gasse war auf meinen Karten nicht vermerkt. Ich fand mich nicht zurecht. Nach einer Weile, wurde ich erneut von einem Jugendlichen angesprochen. Er war weit weniger aufdringlich als der Jugendliche auf der Straße und machte einen recht sympathischen Eindruck. Wie aus dem nichts gesellte sich ein Jüngerer dazu, ofenbar sein Freund. Ich war dankbar, dass Sie mir den Weg weisen wollten, den ich ohne ihre Hilfe wohl nicht gefunden hätte. Wir nahmen noch einige Gabelungen und Abzweigungen; die Gassen wurden schmaler und waren teilweise überdacht. Sie führten mich sicher zu meinem Riad. Ich bedankte mich bei Ihnen mit einem Trinkgeld, welches gut bemessen war und sie regungslos entgegennahmen. Daraufhin forderten sie das Vierfache dessen was ich ihnen gab -was ich ablehnte. Ich erklärte Ihnen, dass das Geld, was ich Ihnen gegeben hätte, genug sei. Sie akzeptierten schließlich und gingen von dannen.

Ein Hausmädchen führte mich hinein in den Innenhof, übergab mir den Zimmerschlüssel, den Schlüssel für die Haustüre und gab mir zu verstehen, dass ihre Patronne nicht da sei, sie mir aber schon mein Zimmer zeigen werde. Sie spreche nur Arabisch und ein wenig Französisch. Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, wollte ich rasch wieder hinaus auf die Gassen, um mich mit der Gegend und ihren Bewohnern ein wenig vertraut zu machen und meine Orientierung zu verbessern. Wie konnte ich mich auf dem Weg zum Riad nur so verlaufen? Es ließ mir keine Ruhe. Als ich das Riad verließ und die Haustüre hinter mir zuzog, ging ich nach links in nördlicher Richtung die Gasse weiter entlang. „Es muss doch irgendeinen Zugang von dieser Gasse zu einer Straße geben“, dachte ich mir. Nach wenigen Metern tat sich zu meiner rechten eine kleinere Baulücke auf: hier stand wohl einmal ein kleines Haus, ein Dar, welches irgendwann einmal abgerissen wurde; Reste von Bauschutt lagen noch auf dem Grundstück. Ich ging vorsichtig weiter. Dann, keine zwanzig Meter weiter eine Gabelung; ich entschied mich in die rechte Seitengasse zu gehen. Spielende Kinder bemerkten mich längst: „Fermé“. „Ah!“, erwiderte ich dankend, ging aber noch einige Meter weiter, um mich von ihrer Aussage zu überzeugen. Tatsächlich, eine Sackgasse. Ich trottete wieder zurück zur Gabelung und ging nun weiter geradeaus, in die andere Seitengasse hinein. Nach kurzer Wegstrecke stand ich vor einer Haustüre; rechts und links kleinere Türen und Verschläge. Die Gasse endete hier ebenfalls - kein Durchkommen. Es gab also nach Norden keine Verbindung zu irgendeiner Straße oder auch zu anderen Gassen. Ungläubig und enttäuscht fand ich wieder zum Riad zurück und ging nun in südlicher Richtung die Gasse hinunter. Ich fand die Straße, an dem mich das Taxi absetzte, zunächst nicht wieder und irrte orientierungslos herum. Das Viertel Sidi Ben Slimane, in welchem ich ich befand, liegt im nördlichen Teil der Medina. Es ist durchzogen von wenigen Straßen und zahlreichen breiteren bis sehr engen, verwinkelten Gassen. Durch ihre verwinkelte, labyrinthartige Anordnung mit zahlreichen Kehren, Gabelungen, Abzweigungen und Sackgassen wurde meine Orientierung stark erschwert. Diese verwinkelte Anordnung sollte schon im Mittelalter Eindringlingen und Fremden die Orientierung erschweren und Verwirrung stiften, welche bei mir ebenfalls die gewünschte Wirkung erzielte. Zahlreiche Male verlief ich mich. Sackgassen schien ich geradezu anzuziehen. Spielende Kinder und herumhängende Jugendliche bestraften mich schmunzelnd und scheinbar belustigt wegen meiner Fehlversuche mit: „It´s closed! Where do you want to go?“ Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich den Weg selbst finden wolle. Diese Gassen verändern ständig ihr Gesicht. Breitere Passagen wechseln ab mit immer enger werdenden, hoch aufragenden, schluchtartigen Durchgängen, die so schmal sind, dass zwei Menschen nur mit Mühe aneinander vorbei passen. Dann plötzlich Mauervorsprünge, steinerne Torbögen und überdachte, meist mit hölzernen Deckenbalken versehene, dunkle Durchgänge. Diese sind teilweise so niedrig, dass ein großgewachsener Mensch sie nur geduckt durchschreiten kann. In diesen düsteren, höhlenartigen Abschnitten überkam mich oft ein Gefühl der ...

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