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Marodeure & Dämonen

Jürgen Friemel

Marodeure & Dämonen

Ragnor Saga: Die Hüter AMAs - Band 5


Ich möchte mich ganz besonders bei Beate Rocholz für ihr großartiges Cover-Design bedanken, welches der gesamten Saga ein Gesicht gegeben hat.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Prolog

Endlich neigte sich Xitrocas Exil im Orcus dem Ende zu. Er erwartete schon ungeduldig den Augenblick, an dem Xytramon, der Herrscher dieser Provinz des Orcus, in die er sich geflüchtet hatte, ihn zu sich rufen lassen würde.

Der glücklose Protektor Ximons war in den letzten Wochen aufmerksam durch die Feuergruben Xytramons gegangen. Er wollte unter den Seelen, welche von Makar nach ihrem Tode hierher gebracht wurden, diejenige auszuwählen, in deren Körper er wieder auferstehen konnte. Denn dieses Mal beabsichtigte er nicht, mit seinem eigenen eher schwächlichen Zivilisationskörper, nach Makar zurückzukehren. Nein, dieses Mal sollte es der Körper eines gestählten Kämpfers sein, der im Notfall auch im Kampf, Mann gegen Mann, zu gebrauchen war. Auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten war ihm auch die Seele Kreeg da Harkons begegnet, die sich im Höllenfeuer wand. Xitroca hatte diesen Anblick und die Qual seines ehemaligen Verbündeten wirklich genossen, wobei ihn die hasserfüllten Schreie von Kreegs Seele, welche ihn in alle Ewigkeiten für seinen Verrat verfluchte, völlig kalt ließen. Jeder, der sich mit Ximon einließ, wusste, wo er einst enden würde.

Der Protektor Ximons bedauerte es fast, dass er keinen Klon von Kreegs Körper verwenden konnte, aber der Baron war öffentlich hingerichtet worden, was es unmöglich machte, ihn wieder auferstehen zu lassen. Wirklich schade, denn der Baron hatte über einen kräftigen, vitalen Körper verfügt, mit dem man viel hätte anfangen können. Doch brauchte er den Baron auch nicht unbedingt, da genau neben seiner Seele, die seines obersten Heerführers, des Generals Kresta, im Höllenfeuer schmorte. Er war genau der Richtige, um Xitroca als Hülle zu dienen. Der General war abseits aller bekannten Routen, bei seinem einsamen Ritt vom Kraasfeld nach Ahrborg, beim Überqueren eines morschen Stegs, samt Pferd in eine Klamm abgestürzt und dabei umgekommen. Seine Leiche war im Wildbach der Klamm, unter Steinen eingeklemmt, verrottet, sodass niemand etwas über seinen Tod wusste. Diesen Körper würde sich Xitroca vom Höllenfürsten beschaffen lassen, denn niemand war besser geeignet, um als Militärberater an den Hof des Königs von Lorca zu gehen, und ihn auf die Eroberung Caers vorzubereiten. Xytramon, der Dämonenfürst, würde den Körper für ihn neu erschaffen, gesund und ohne jeglichen Makel. Dieser würde das sogar gerne tun, denn war ihm doch gewiss, dass der Protektor Ximons, ihm nach seiner Rückkehr in den Orcus, auf jeden Fall, weitere dreizehn Monate würde dienen müssen. Sollte sein Kampfkörper getötet werden, sogar für weitere sechsundzwanzig Monate. Aber dafür war man quasi unsterblich, und das war diesen Preis durchaus wert, befand Xitroca zufrieden.

Die Orte der Handlung

Kapitel 1

Zwei Wochen war es nun her, seit Ragnor da Vidakar mit seinem Knappen Klaus die Insel Kaar verlassen hatte, um nun endlich sein Gut Vidakar in Besitz zu nehmen. Die fruchtbare Liegenschaft, welche rund um einen alten Vulkankegel gelegen war, hatte er vor etwas mehr als einem Jahr als Lehen, vom regierenden Grafen, Rurig da Kaarborg, seinem alten Freund und Mentor, verliehen bekommen.

 

Dass es so lange gedauert hatte bis sich Ragnor endlich auf den Weg hatte machen können, hatte vielerlei Gründe gehabt. Vor allem aber hatte ihn der erbarmungslose Krieg mit Kreeg da Harkon, einem abtrünnigen Baron und Verräter, davon abgehalten. In diesem Krieg hatte sich der junge Mann mehr als bewährt und sich einen Namen gemacht. Dies war nicht nur Ragnors persönlichen Tapferkeit und seinen zweifellos vorhandenen militärischen Talenten, sondern zu einem Gutteil auch der Magie seiner Quasarwaffen zu verdanken gewesen. Sein Schwert und sein Dolch bestanden nicht aus Bronze oder Eisen, sondern aus einer klaren kristallinen Substanz, die Quasar genannt wurde. Diese wundersamen Waffen waren, vor nun fast zwei Jahrzehnten, neben dem neugeborenen Jungen in einer Berghöhle im schroffen Randgebirge gefunden worden, wo Ragnor, in einem kleinen Tal namens Calfors Klamm, seine Kindheit verbracht hatte.

Trotz der vielen Jahre, die seit dem ins Land gegangen waren, war es bisher nicht gelungen, mehr über die Herkunft des inzwischen stattlichen jungen Mannes, welcher die meisten seiner Altersgenossen um Haupteslänge überragte, herauszufinden. Die beiden ungewöhnlichen Waffen hatten Ragnor im vergangenen Krieg Ruhm und Ehre eingebracht. Sie waren nicht nur in der Lage, gute Eisenschwerter zu zerschlagen, sondern es war ihm, bei der Verteidigung der Hafenstadt Santander, sogar gelungen, damit einen leibhaftigen Dämonen zu töten. 

Ja, die letzten beiden Jahre waren wirklich aufregend gewesen und hatten den jungen Mann an Körper und Geist schnell reifen lassen. Nicht nur seine Ritterausbildung auf der Insel Kaar und seine Feuertaufe im gerade ausgestandenen Krieg; nein, vor allem war es seinen Erkenntnissen über sich selbst zu verdanken, dass sich seine Persönlichkeit rasch gefestigt hatte. Seien es nun seine Erfahrungen mit den magischen Fähigkeiten des Quasars, mit denen er nicht nur zerstören, sondern auch heilen konnte, oder die Bekanntschaft mit seinem eigenen Jähzorns, welcher ihn, wenn er ihn überkam, gnadenlos hatte töten lassen.

 

 

So ritt er nun, nur begleitet von seinem Knappen Klaus, durch die fruchtbaren Ländereien, welche die Kaarborger Tiefebene zur Kornkammer des Königreiches Caer, und damit auch Kaarborg zur reichsten Grafschaft des ganzen Königreiches, machten. 

Dieser Reichtum war wohl der Hauptgrund gewesen, warum der König von Lorca, mithilfe des Barons von Harkon, versucht hatte, die Grafschaft Kaarborg, zum wiederholten Male, zu erobern. Aber es hatte geendet, wie die Versuche in den letzten Jahrhunderten, immer wieder geendet hatten. Der Graf von Kaarborg hatte sich mit Hilfe der Reichsritter, einem unabhängigen Ritterorden, welcher nur dem Wohl des Königreiches verpflichtet war, und der ihm zu Hilfe geeilt war, durchgesetzt und seine Feinde vernichtend geschlagen.

 Doch all das lag nun hinter unserem jungen Ritter. Ragnor hätte gerne allen Ruhm des Krieges dafür gegeben, wenn er an der Wegkreuzung, welche gerade vor ihm lag, nach Burg Farsborg hätte abbiegen können, um seine Braut abzuholen.

Doch das würde nie mehr geschehen, weil seine geliebte Heike, am Tage ihrer Hochzeit in Caerum, der Hauptstadt von Caer, einem feigen Mordanschlag zum Opfer gefallen war. Beim Gedanken an ihren gewaltsamen Tod stiegen dem jungen Mann heiße Tränen in die Augen. Es war ihm nur ein schwacher Trost, dass er den Mörder und seine Hintermänner hatte zur Strecke bringen können.

Ja, damals hatte ihn seine Rache für den Moment befriedigt. Aber nun, einige Monate danach, war sie schal geworden, und er erkannte, dass sie ihm kein Trost sein konnte, für das, was er verloren hatte.

 Fast unwillig schüttelte Ragnor seine düsteren Gedanken ab und versuchte sich abzulenken, indem er sich sein letztes Gespräch mit dem Grafen Rurig, seinem Ziehvater, ins Gedächtnis zurückrief. Er und der Graf hatten lange über seine Entscheidung, allein nach Vidakar zu reiten, diskutiert. Doch schließlich hatte der Graf Ragnors Wunsch entsprochen, weil er eingesehen hatte, dass sich der junge Mann nur dann den notwendigen Respekt verschaffen konnte, wenn er ohne Begleitung eines gräflichen Beamten und eines Fähnleins Kriegsknechte auftrat. Dennoch ermahnte Graf Rurig den jungen Mann sich vorzusehen, weil das Lehen Vidakar nun schon zwei lange Jahre verwaist war, seit der letzte Lehensträger gestorben war, ohne einen Erben zu hinterlassen.

Durch den Krieg und die damit verbundenen Unruhen war es dem Grafen nicht möglich gewesen, einen gräflichen Verwalter dorthin zu entsenden. Deshalb hatte er keinerlei verlässliche Informationen darüber, ob das Gut wohl verwaltet wurde oder möglicherweise völlig herunter gewirtschaftet worden war. Darum hatte er Ragnor gebeten, nach seiner Ankunft auf Vidakar niemanden zu vertrauen, bis er sich Gewissheit über die tatsächlichen Verhältnisse auf dem Gut verschafft hatte.

 

Die rote Sonne von Makar stand schon tief über dem Lorcawald, welcher weit im Westen am Horizont die Grenze zum Königreich Lorca markierte, als Ragnor und sein Knappe das alte Herrenhaus, mit seinem trutzigen Wehrturm, erreichten. Dieses war recht malerisch, am Fuße eines mächtigen Vulkankegels gelegen, welcher einsam aus der Kaarborger Tiefebene ragte. Gut, Vidakar besaß erstaunlicherweise keine Burg, so wie die meisten größeren Lehen in Kaarborg, sondern nur ein Herrenhaus, welches von einer, nur einen Klafter hohen, Wehrmauer geschützt wurde. Darin stand ein fünf Klafter hoher klobiger Wehrturm, als einziges echtes Verteidigungsbollwerk. Dieser trutzige, aus Granitbruchsteinen errichtete, Wehrturm war offenbar deutlich älter als das, in Fachwerk errichtete und weiß verputzte, Herrenhaus, an welches sich die Wirtschaftsgebäude des Guts anschlossen.

Der Umstand, dass das Lehen keine Burg besaß, war für Ragnor umso verwunderlicher, da der längst erloschene Vulkankegel hervorragende Möglichkeiten bot, eine mächtige Burg darauf zu errichten. Bei den umliegenden Gütern im Flachland war hingegen nur die Anlage von Tiefburgen möglich, welche erheblich schwerer zu verteidigen waren. Deshalb hatte Graf Rurig den Entschluss gefasst, auf dem Vulkan eine große Schutzburg errichten zu lassen, mit deren Bau er Ragnor beauftragen würde. 

Das Geschlecht, des vormaligen Lehensträgers, hatte offenbar keine Lust verspürt, eine Burg, zum Schutze der Bevölkerung, zu errichten.

Graf Rurig hatte sich ja auch nicht gerade freundlich über Ragnors Vorgänger geäußert. Dieser hatte zwar immer pünktlich seine Abgaben gezahlt aber ansonsten nicht gerade den besten Ruf besessen. Man munkelte, dass er weit mehr in seine eigene Tasche gewirtschaftet hatte, als es in der Grafschaft Kaarborg ansonsten üblich war, und dass seine Bauern, während seiner recht langen Herrschaft, nichts zu lachen gehabt hatten.

An sich wäre das nichts Ungewöhnliches, da es auch in vielen anderen Grafschaften und Baronien des Königreiches Caer noch immer die Leibeigenschaft gab. Aber in der Grafschaft Kaarborg war das schon lange vorbei. Hier war es seit Jahrhunderten Tradition, dass die Lehensträger Hand in Hand mit ihren Bauern arbeiteten. Deshalb kam es nicht von ungefähr, dass die Bauernmiliz der Grafschaft Kaarborg, als die beste Miliz auf dem Nordkontinent von Makar galt und den königlichen Belagerungsregimentern, die allerdings aus Berufssoldaten bestanden, kaum an Kampfkraft und Disziplin nach stand.

 

Inzwischen hatten Ragnor und sein Knappe das Herrenhaus fast erreicht, an dessen Tor ein gelangweilter Kriegsknecht mit einem rostigen Kettenhemd, einem verbeulten Helm und einer schartigen Hellebarde lehnte.

Als er den Ritter in seiner prächtigen Panzerrüstung kommen sah, die dieser kurz vorher angelegt hatte, um seinen ersten Auftritt so wirkungsvoll wie möglich zu gestalten, rief er etwas in den Torbogen hinein, was Ragnor, in seinem gepolsterten Panzerhelm, allerdings nicht verstehen konnte.

Doch als dann drei weitere Kriegsknechte aus dem Torbogen geschlurft kamen, wusste er, dass der Torwächter soeben nach seinen Kameraden gerufen hatte. Mit einer knappen Handbewegung bedeutete der junge Ritter seinem Knappen Klaus nun zum Tor vorauszureiten, um ihn anzukündigen, wie dies in Caer der Brauch war. Ragnor folgte ihm in langsamem Schritttempo nach. 

Sein Knappe, der derartige Auftritte liebte, sprengte zum Tor, zügelte dort schwungvoll sein Pferd und verkündete mit weithin schallender Stimme: „Hört, hört, ihr Männer und Frauen von Vidakar. Euer neuer Herr, der berühmte Ritter, Ragnor da Vidakar, der Sieger über Kraak den Ork und der Vernichter der Dämonen ist gekommen, um sein Lehen in Besitz zu nehmen. Ruft umgehend den Gutsverwalter, auf dass er seinen neuen Herren gebührend begrüße.“ 

Es war fast rührend mitanzusehen, wie die vier Torwächter eifrig versuchten, so etwas wie Haltung anzunehmen, um ihrem neuen Herren zu imponieren. Sie hatten von dessen unglaublichen Taten erst kürzlich in der Dorfschenke, von einem fahrenden Sänger, gehört. Ragnor, der inzwischen sein Visier geöffnet hatte, lächelte gequält, sagte dann aber barsch, obwohl die traurigen Figuren eher zum Lachen waren: „Geht und ruft den Verwalter. Es war ein langer Ritt, und ich bin staubtrocken.“ 

Einer der Helden fiel fast über die eigenen Füße, als er hastig versuchte, dem Befehl nachzukommen. Ragnor war fast erleichtert, als dann endlich ein kleiner, rundbauchiger Mann, mit rotem missmutigem Gesicht, erschien, der offenbar gerade bei seinem Abendessen gestört worden war. Denn er trug noch, gut sichtbar, die halbe Speisekarte des Mahles auf seinem schmuddeligen Wams spazieren.  Mit einer dröhnenden Stimme, die man bei seiner Statur gar nicht erwartet hatte, verkündete er, wobei er, erkennbar widerwillig, seinen Kopf zum Gruß neigte: „Willkommen auf Vidakar, edler Ritter. Ich bin Bero, der Verwalter dieses Gutes. Bitte tretet doch ein und seid unser Gast.“

Ragnor amüsierte sich ein wenig über diese Formulierung, denn schließlich war er ja der rechtmäßige Herr auf Vidakar. Doch er sagte nichts. Er nickte dem Dicken nur kurz zu, stieg von seinem schwarzen Hengst Quesan und folgte seinem schmuddeligen Gastgeber, martialisch klirrend, durch den dunklen Toreingang in den Innenhof der Anlage. Nach einem Schluck erstklassigen zephirischen Weines aus einem wirklich prächtigen, edelsteinbesetzten Pokal, den ihm ein unordentlicher Lakai zur Begrüßung gereicht hatte, zog sich Ragnor erst einmal mit seinem Knappen zurück, um die unbequeme Panzerrüstung endlich ablegen zu können.

 „Dies ist ein merkwürdiger Ort, mein Herr“, bemerkte Klaus nachdenklich, als er Ragnor half die Schnallen des Brustpanzers zu lösen. „Haus, Hof und vor allem die Möblierung sind ausgesprochen hochwertig. Im Gegensatz dazu sind jedoch seine Bewohner schmuddelig und mustern Euch mit unfreundlichen Augen, wenn ihr nicht hinschaut. Dies ist nicht der Empfang, der eines neuen Herren würdig gewesen wäre.“

„Das hast du gut beobachtet“, versetzte der junge Ritter schmunzelnd, „die Warnung von Graf Rurig, dass hier einiges nicht in Ordnung sein könnte, scheint sich leider zu bestätigen. Wenn ich nachher mit dem Verwalter speise, sei so gut und hör dich ein wenig beim Gesinde um. Ich will wissen, was hier vor sich geht.“

Mit diesen Worten reichte er seinem Knappen einen Lederbeutel mit Kupfermünzen. Klaus nahm den Beutel grinsend in Empfang, ließ ihn in unter seinem Wappenrock verschwinden und bemerkte dann trocken: "Damit sollte es wohl kein Problem sein, bis heute Abend herauszufinden, wer hier Dreck am Stecken hat und vielleicht auch schon wie viel."

Ragnor nickte zustimmend und lächelte in sich hinein, denn er wusste, dass er sich auf den findigen Jungen verlassen konnte, der es, obwohl er erst gerade fünfzehn Jahre alt war, mit so manchem Erwachsenen locker aufnehmen konnte.

  

Wenig später betraten die beiden jungen Männer den Rittersaal des Herrenhauses, in welchem sich einige Bedienstete bereits versammelt hatten. Während sie durch die Tür schritten, noch gefolgt von der krächzenden Ankündigung des alten Majordomus, der sie vor der Tür erwartet hatte, bemerkte Ragnor, dass man offenbar, in aller Eile, versucht hatte etwas Ordnung zu schaffen. Trotzdem entging es seinen scharfen Augen nicht, dass die wertvolle Ausstattung des Raumes sehr gelitten hatte. Außerdem lag noch, hier und da, Unrat unter Tischen und Bänken. 

„Edler Herr, darf ich Euch nun die maßgeblichen Mitglieder Eures Haushaltes vorstellen“, dienerte der dicke Verwalter, wobei sein stechender Blick so gar nicht zu seinen salbungsvollen Worten passen wollte.

Ragnor fiel gleich auf, dass der fette Kerl nun ein reinliches, ja sogar ausgesprochen prächtiges, Wams mit dem Wappen des nun ausgestorbenen Hauses 'da Vidakar' trug.

„Nun Bero, dann waltet Eures Amtes“, versetzte der junge Ritter knapp.

So etwas wie Unmut zuckte für einen Moment über das feiste Gesicht des Verwalters, doch hatte er sich schnell wieder in der Gewalt und begann mit seiner Vorstellungsrunde.

 Als Erstes stellte er Ragnor, einen hageren, düster wirkenden Mann mit schütterem, schwarzem Haar, als seinen Schreiber Golo vor, welcher allerdings erst seit Kurzem über die Bücher des Hauses wachte.

Ragnor nickte dem Mann zu, dessen tief liegende, schwarze Augen ihn aufmerksam musterten und bemerkte trocken: „Da Ihr der Schreiber seid, erwarte ich von Euch, dass Ihr mir morgen früh, zwei Stunden nach Morgengrauen, die Bücher vorlegt. Dann werde ich mir einen ersten Überblick über meinen Besitz verschaffen.“

Golo antwortete mit tiefer, hohler Stimme und ohne erkennbare Regung: „Es wird geschehen, wie Ihr wünscht, edler Herr.“ Der Dicke zuckte merklich zusammen und sein Blick verriet, dass er sich, in diesem Moment, in seiner Haut nicht gerade wohlfühlte.

 Der Nächste in der Reihe war Harald, ein stämmiger, mittelgroßer Mann mit dichtem, braunen Vollbart, der Ragnor, als Hauptmann der Wache, vorgestellt wurde. Er schien unter dem prüfenden Blick des jungen Ritters fast körperliche Schmerzen zu erleiden.

„Ihr seid also der Befehlshaber dieser traurigen Gestalten, die mich vorher am Tor begrüßt haben. Morgen, nach dem Mittagsmahl, erwarte ich Euch und Eure Soldaten auf dem Hof zur Inspektion. Ich möchte dann keine Beulen und auch keinen Rost mehr auf Rüstung und Schilden vorfinden. Keinerlei Scharten mehr auf den Klingen, und ich erwarte so etwas wie Haltung beim Appell. Schließlich habt ihr einen halben Tag Zeit, die Ausrüstung in Ordnung zu bringen.“

„Wie Ihr befehlt, edler Herr“, antwortete ihm der Hauptmann mit unsicherer Stimme. Ragnor bemerkte erst jetzt dessen leuchtend rote Gesichtsfarbe, und bei näherem Hinsehen auch feine, geplatzte Äderchen in Augen und auf der Nase seines Gegenübers.

Der Hauptmann war offenbar ein starker Trinker. Das würde den schlechten Zustand seiner Soldaten hinreichend erklären. Nun, morgen würde man weiter sehen.

 Die anderen verantwortlichen Mitglieder seines Haushaltes hinterließen bei dem jungen Ritter keinen tieferen Eindruck, mit Ausnahme des alten Majordomus Jagmar. Er war Ragnor offenbar zugetan und schien damit der Einzige des ganzen Haufens zu sein, der sich über seine Ankunft wirklich freute.

 Später, während des Essens, welches wirklich von erlesener Qualität war, saß Ragnor an der Spitze der Tafel direkt neben seinem missmutigen Verwalter und dem undurchsichtigen Schreiber. Immer wenn er den hageren Schreiber beobachtete, der im Gegensatz zu dem Dicken nur sparsam aß und trank, schlich sich ein ungutes Gefühl bei ihm ein. Irgendwie schien er nicht zu sein, was er zu sein vorgab und passte auch so gar nicht in das Bild, das man so landläufig von einem einfachen Schreiber hatte. Nun, er würde morgen sehen, wie die Buchprüfung ausfiel, und bei dieser Gelegenheit dem Kerl noch einmal gründlich auf den Zahn fühlen.

Der Hauptmann der Wache bestätigte derweil seinen vorher gehegten Verdacht. Dieser Mann war ein schwerer Trinker. Er aß kaum etwas, schüttete aber dafür Unmengen des teuren Weines in sich hinein und war, kaum eine Stunde später, bereits sturzbetrunken. Deshalb sah sich der alte Majordomus veranlasst, ihn von zwei Lakaien auf seine Kammer bringen zu lassen.

 Nachdem der junge Ritter die Tafel aufgehoben hatte, nahm er sich den Dicken noch einmal zur Seite und ordnete schroff an: „Morgen früh, mein lieber Bero, möchte ich beim ersten Morgengrauen geweckt werden. Dann erwarte ich keinem Bewohner dieses Hauses mehr zu begegnen, der nicht reinlich gekleidet ist."

Als er sah, dass der Verwalter zu einem Protest anhob, würgte er diesen im Ansatz ab und setzte grimmig hinzu: "Das war noch nicht alles, mein lieber Bero. Bis morgen Abend ist dieses Haus, vom Keller bis zum Dach, in einem erstklassigen Zustand. Sollte ich irgendwo noch ein Stäubchen entdecken, werdet Ihr mich kennenlernen. So, und jetzt könnt Ihr gehen."

 Dann ließ er den völlig verdatterten Mann stehen und verließ mit schweren Schritten den Saal.

Als er kurze Zeit später wieder mit seinem Knappen zusammentraf, erzählte ihm dieser, was er alles von den Bediensteten erfahren hatte. Aus diesem Bericht ging hervor, was der junge Ritter eh schon geahnt hatte, nämlich dass der Dicke in Saus und Braus lebte, während er das Anwesen verkommen ließ. Auch die Trunksucht des Hauptmanns, der früher offenbar ein ehrenwerter Mann gewesen war, war jedem bekannt. Nur über den seltsamen Schreiber hatte er nichts Konkretes erfahren können. Klaus hatte lediglich herausgefunden, dass der Mann keinen Kontakt zu anderen Bediensteten pflegte und sein Quartier, das er interessanterweise im Wehrturm aufgeschlagen hatte, jeden Abend bei Einbruch der Nacht betrat und vor dem Morgengrauen nicht wieder verließ.

 

 

Es war kurz vor Mitternacht, als Ragnor von einem stechenden Impuls in seinem Kopf geweckt wurde. Dieses Dröhnen kannte er nur zu gut und ein Blick auf seinen Quasarring Quit, dem dritten seiner magischen Artefakte, bestätigte seinen Verdacht. Der Ring, welcher in einer stumpfgrauen Fassung einen runden Quasarkristall trug, pulsierte in düsterem Rot. Das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass irgendwo in der Nähe schwarze Magie praktiziert wurde, bei der wahrscheinlich sogar ein Dämon oder zumindest dämonisierte Menschen im Spiel waren.

Umgehend weckte er seinen Knappen. Die beiden Männer legten ihre Waffengurte an und rüsteten sich mit Kettenhemd und Helm, bevor sie leise ihre Kammer verließen. Sie brauchten keine Lampe für ihr Vorhaben, denn die beiden Monde von Makar, Amanar und Ximonar, standen hoch am Himmel und erhellten ihn mit ihrem gespenstischen Licht, welches durch die hohen Fenster in das Treppenhaus fiel.

 Als sie schließlich den Hof betraten, konnte Ragnor feststellen, dass der dämonische Impuls irgendwo aus der Richtung des Bergfrieds kam, welcher düster in den wolkenlosen Nachthimmel ragte. Er winkte Klaus stumm herbei, ihm zu der Treppe zu folgen, welche hinauf zu einem hölzernen Steg führte.

Dieser Zugang war eigentlich dafür angelegt worden, es den Bewohnern des Gutes im Notfall zu erlauben, über den Innenhof in den Bergfried zu entfliehen, falls das Herrenhaus einmal von Feinden umstellt sein sollte.

 Ragnor und sein Knappe versuchten die hölzerne Treppe hinaufzuschleichen, doch das alte Holz ächzte und quietschte entsetzlich unter dem Gewicht der beiden gerüsteten Männer, so, als wolle es Alarm schlagen.

Also war es nicht weiter verwunderlich, dass plötzlich der Anruf "Halt, wer da?", laut über den Innenhof schallte und die Nachtwache, vier Kriegsknechte an der Zahl, in den Hof gestürzt kamen.

 Bis Ragnor die Männer endlich beruhigt, das Ganze als Übung deklariert, und sie für ihre Aufmerksamkeit belobigt hatte, war das Signal in seinem Kopf erloschen, und auch sein Ring hatte aufgehört zu pulsieren.

 Verärgert kehrte er mit Klaus wieder in ihre gemeinsame Kammer zurück, weil er die Quelle dieser Signale und vor allem ihren Verursacher nicht hatte feststellen können.

Eines war aber zumindest vollkommen klar! Die Signale waren aus der Richtung des alten Turmes gekommen, und morgen früh würde er Klaus losschicken, um herauszufinden, ob außer dem merkwürdigen Schreiber noch jemand im Turm lebte. Doch gleichzeitig war er sich irgendwie sicher, dass Golo sein Mann war. Offenbar war er ein Hexer, welcher im Turm schwarze Magie praktizierte. Der junge Ritter schwor sich, dass er ihn auf frischer Tat ertappen würde, wenn dieser das nächste Mal eine erneute Beschwörung versuchen würde.

 

Am nächsten Morgen, als Ragnor und Klaus pünktlich geweckt wurden, herrschte im ganzen Haus eine emsige Betriebsamkeit und er stellte mit Befriedigung fest, dass jeder Bedienstete, welcher ihm auf seinem Weg zum Frühstück begegnete, reinlich gekleidet war. Die einfachen Lakaien schienen heute richtig erfreut zu sein, ihn zu sehen. Es schien ihnen scheinbar überhaupt nichts auszumachen, dass ein harter Arbeitstag vor ihnen lag, denn die vom Lehnsherren befohlene Generalreinigung war bereits in vollem Gange. Als Ragnor dann den Rittersaal betrat, erwartete ihn bereits sein Verwalter. Dieses Mal war er erheblich bescheidener gekleidet, als am vorherigen Abend. Dieser ließ, nachdem sich Ritter und Knappe gesetzt hatten, ein fürstliches Frühstück auftragen. Bei allem, was der Verwalter tat und sagte, war er so auffällig diensteifrig und übertrieben freundlich. Ragnor konnte dessen schlechtes Gewissen und Nervosität, bezüglich der bevorstehenden Buchprüfung, förmlich riechen. 

Als sie dann schließlich die Schreibstube betraten, lagen die Bücher zwar bereit, Golo selbst war allerdings nicht anwesend. Der dicke Verwalter hatte ihn angeblich ins Dorf, um etwas besonders Wichtiges zu besorgen. Ragnor war das, im Grunde genommen, egal. Er stellte sich an das Schreibpult und bat den Verwalter ihn erst einmal alleine zu lassen. Er würde sowieso den dicken Bero und nicht den Schreiber rufen lassen, falls er Fragen hätte, denn der Schreiber war ja erst seit zwei Monden auf dem Gut und würde eh keine rechte Auskunft geben können.

 Danach vertiefte er sich in die Bücher, und er war dankbar dafür, dass ihm seine verstorbene Liebste, Heike da Farsborg, ihre Buchhaltung einmal erklärt hatte, sodass er wusste, worauf er zu achten hatte. Die Erinnerung an seine tote Heike, welche die Verwaltung auf ihres Vaters Burg geleitet hatte, versetzte ihm wieder einen Stich mitten ins Herz, sodass er für einen Moment innehalten musste, um seine lähmende Trauer abschütteln zu können.

Doch als er sich wieder gefasst hatte, stürzte er sich umso eifriger auf die Bücher. Eine gute Stunde später hatte er bereits gefunden, wonach er gesucht hatte. Auf der Einnahmeseite war ihm gleich zu Beginn seiner Prüfung aufgefallen, dass sowohl die dort verbuchten Mengen aus den Abgaben der Bauern, als auch die erzielten Preise für Getreide und Vieh, weit unter den üblichen Beträgen waren. Nun, die Richtigkeit dieser Angaben würde sich schnell feststellen lassen, indem er sich mit dem Dorfältesten von Dorf Vidakar zusammensetzte, dessen gebuchte Abgaben er sich auf einem Stück Pergament notiert hatte.

 Auf der Ausgabenseite war ihm vor allem die Verbuchung recht hoher Kosten für die Instandhaltung des Herrenhauses aufgefallen, welche nach seiner Inaugenscheinnahme nicht mit dem unbefriedigenden Zustand der Gebäude in Einklang zu bringen waren. Hier würde er seinen Knappen Klaus losschicken, um zu hinterfragen, welche Instandsetzungsarbeiten im letzten Jahr tatsächlich durchgeführt worden waren, und wo das verbuchte Material verbaut worden sein soll. Summa summarum war die Bilanz, der bereit stehenden Barmittel, für ein so fruchtbares Lehen, ausgesprochen mager.

 Nachdem er sich alles notiert hatte, was er stichpunktartig zu überprüfen gedachte, rief er Verwalter und Schreiber zu sich und bemängelte ausgesprochen brummig die Dinge, die zu offensichtlich waren, um sie nicht gleich anzusprechen. Insbesondere die schlechten Verkaufspreise und die hohen Ausgaben für die Instandhaltung des Gutes. Dabei fragte er den Verwalter geschickt aus, der den Braten nicht roch, sondern sich sowohl in der Rolle des Wohltäters der Bauern, als auch in der Rolle des eifrigen Verwalters gefiel. Von Ragnors geschickt formulierten Aussagen beflügelt, behauptete er sogar frech, die Abgaben der armen Bauern gesenkt zu haben, welche ja zu Lebzeiten seines verstorbenen Herrn immer so hoch gewesen waren. Außerdem habe er die Renovierung des arg zerfallenen Herrenhauses in den letzten zwei Jahren vorangetrieben, um seinem neuen Herrn ein angemessenes Heim bieten zu können. In diesem Zusammenhang fügte er gleich noch geschickt hinzu, dass diese hohen Kosten auch der Grund dafür gewesen seien, warum die Kleidung der Bediensteten nicht zur Zufriedenheit des Herrn Ritters gewesen war.

 Ragnor lächelte bei allem, was der Dicke von sich gab. Dann belobigte er ihn und den Schreiber aus, gesprochen freundlich, für ihre ausgesprochen „gute“ Arbeit. Während der Dicke vor Stolz strahlte und offenbar glaubte seinen neuen Herrn geschickt übertölpelt zu haben, schien es dem Schreiber, überraschenderweise, eher peinlich zu sein. Dieser Umstand wunderte Ragnor doch sehr, wenn er bedachte, welch schrecklichen Verdacht er gegen diesen Mann hegte. Nun, vielleicht war das auch nur eine geschickte Tarnung, und er war einfach nur schlauer als der Dicke, der ja meinte, bereits gewonnen zu haben.

  

Nach Beenden der Buchprüfung gab Ragnor vor, bis zum Mittagessen, ein wenig ausreiten zu wollen, um, ohne Verdacht zu erregen, ins Dorf hinüber gelangen zu können, welches nur eine halbe Reitstunde vom Herrenhaus entfernt lag. Sein Knappe Klaus machte sich unterdessen daran, die angeblich umfangreichen Baumaßnahmen zu hinterfragen, wie es ihm sein Herr aufgetragen hatte. 

Ragnor erreichte nach einem gemütlichen Ritt auf der sandigen Straße, welche ihn durch die gepflegten Kornfelder seiner Bauern führte, die schmucke Ortschaft. Dorf Vidakar war ein typisches Kaarborger Dorf mit sauberen, weiß gekalkten Häusern und einem gepflegten Gasthof am Marktplatz. Während er durch den Ort ritt, folgten ihm viele scheue, aber ausgesprochen aufmerksame, Augen. Insbesondere die Kinder schauten dem vornehmen Herrn im Wappenrock neugierig hinterher, als dieser, sich aufmerksam umschauend, durch das Dorf ritt, schließlich am Gasthof anhielt und sein Pferd an der alten Dorfeiche anband. 

Langsam trat der junge Ritter durch die dunkle Holztür des kleinen Gasthofes und betrat den, mit einfachen Bänken und Tischen bestückten, Schankraum. Ein junges Mädchen mit einem frischen, rotbäckigen Gesicht und langen, blonden Zöpfen, die er auf ungefähr sechzehn Jahre schätzte, stand am Tresen und schaute ihn mit großen Augen an. Mit einem freundlichen „Guten Tag", begrüßte Ragnor Schankmagd verbunden mit einem aufmunternden Lächeln. Als er die Verlegenheit des Mädchens bemerkte, fuhr er fort: „Ich bin Ragnor da Vidakar, Euer neuer Herr. Bitte bringt mir einen Krug frisches Bier, schickt dann nach dem Dorfältesten und sagt ihm, dass ich ihn gerne sprechen möchte."

Das Mädchen brachte keinen Ton heraus, machte aber einen tiefen Knicks und eine verlegene Röte überzog ihr Gesicht. Nachdem sich Ragnor gesetzt hatte, machte sie sich eifrig daran, ein Bier zu zapfen. Als er sich anschließend freundlich bei ihr bedankte, als sie ihm einen schäumenden Krug an den Tisch gebracht hatte, stahl sich erst ein scheues Lächeln in ihr hübsches Gesicht und dann sie sagte schüchtern: „Ich werde jetzt gehen und den Dorfältesten holen, edler Herr, wie Ihr es mir aufgetragen habt."

Sie knickste wiederum ein wenig ungelenk und lief mit wehenden Röcken hinaus. Ragnor sah ihr hinterher und lächelte, denn nach den, größtenteils unerfreulichen, Menschen, die ihm in seinem neuen Heim begegnet waren, tat ihm die Begegnung mit diesem einfachen, unkomplizierten Mädchen richtig gut.

 Ein wenig in Gedanken nahm er einen tiefen Schluck von dem frischen, hellen Kaarborger Bier. Doch schon einen Augenblick später öffnete sich die Tür erneut mit ihrem eindringlichen Knarren und ein alter, weißbärtiger Mann betrat eiligen Schrittes das Gasthaus. Als dieser Ragnors ansichtig wurde, nahm er seine Kappe ab, verbeugte sich ehrerbietig und stellte sich mit wohlgesetzten Worten vor: "Edler Herr. Mein Name ist Hunold. Ich bin der Dorfälteste und möchte Euch im Namen der freien Bauernschaft von Vidakar herzlich begrüßen."

Ragnor erhob sich, reichte dem überraschten Alten die Hand und antwortete mit einer aufmunternden Geste: „Ich freue mich ebenfalls, Eure Bekanntschaft zu machen. Setzt Euch doch zu mir und gestattet mir, Euch zu einem Krug Bier einzuladen.“ 

Der Alte setzte sich, sichtlich überrascht, dass sein neuer Herr so ganz anders war, als man es hier im Dorf seit Generationen von den bisherigen Lehensträgern her kannte. Nachdem das Mädchen dem Dorfältesten ebenfalls einen Krug Bier gebracht hatte, hob Ragnor den seinen zum Toast und sagte voller Ernst: „Auf unser aller Zukunft. Möge der Segen Amas, des Schöpfers aller Dinge auf unseren Werken liegen, und möge er uns gnädig eine gute Ernte schenken.“

Die Männer prosteten sich zu, dann stellte Ragnor seinen Krug ab, lächelte abermals freundlich und eröffnete das Gespräch mit den Worten: „Verehrter Hunold. Da ich schon mal hier bin, möchte ich mit Euch über die Abgaben sprechen.“

Als er das Erschrecken auf dem Gesicht des weißbärtigen Alten sah, fügte er rasch hinzu: „Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen. Ich bin gekommen, um Eure Abgaben wieder auf ein übliches Maß zu reduzieren und nicht, um sie zu erhöhen. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Eure Abgaben in der Vergangenheit sehr hoch gewesen sind.“

Der Alte fasste daraufhin wieder neuen Mut und antwortete mit einer durch Bitterkeit unterlegten Stimme: „Das ist nur zu wahr, edler Herr. Besonders schlimm war es in den beiden letzten Jahren. Denn der gierige Verwalter hat nicht nur den eineinhalbfachen Zehnten von uns verlangt, wie die alte Herrschaft, sondern er hat uns sogar den doppelten Zehnten unserer Ernte abgenommen. Wir haben nur Glück gehabt, dass wir in den letzten zwei Jahren jeweils gute Ernten eingefahren haben und beim Verkauf unseres Anteils gute Preise haben erzielen können. Sonst wäre es unserer Dorfgemeinschaft wohl schlecht ergangen.“

Ragnor nickte verständnisvoll und beeilte sich zu versichern, dass er die Abgaben für die neue Ernte auf den in der Grafschaft üblichen Zehnten festsetzen würde, was den alten Mann fast zu einem Freudentanz veranlasst hätte. Nach dieser guten Nachricht hätte der Alte aus Erleichterung und Dankbarkeit einfach alles für seinen neuen Herrn getan. So war es für Ragnor ein Leichtes, alle Informationen über die letzte Ernte zu erhalten. Was er herausfand, erfüllte ihn mit großer Wut. Sein „ehrenwerter“ Verwalter hatte nicht nur die Hälfte der Ernte unterschlagen, sondern auch noch die erzielten Verkaufspreise kräftig nach unten korrigiert. Es gelang Ragnor, nur mit Mühe, seinen Zorn im Zaum zu halten. Doch als er sich anschließend vom Dorfältesten verabschiedete, hatte er sich so weit wieder im Griff, dass ihm mühelos ein herzliches Lächeln für den glücklichen alten Herrn gelang, dessen Freude seinem Herzen guttat.

Ragnor hatte ja an der Seite der Bauernmilizen im letzten Krieg gekämpft und die Soldaten als loyale und ehrenwerte Männer schätzen gelernt. Es war ihm ein Bedürfnis, ihnen und ihren Familien Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nun hatte er schließlich nicht mehr nur für sich selbst zu sorgen, sondern war für ein großes Dorf, mit etwas mehr als fünfhundert Einwohnern verantwortlich.

 

Beim anschließenden Mittagessen im Rittersaal des Herrenhauses wunderte sich der junge Ritter über sich selbst, weil es ihm trotz der unerfreulichen Erkenntnisse gelang, ganz ruhig zu bleiben und sich im lockeren Ton über Belanglosigkeiten mit dem Dicken zu unterhalten. Und das, obwohl der Bericht seines Knappen auch nicht viel besser ausgefallen war. Der Dicke hatte natürlich auch bei seiner Verbuchung der Einkäufe kräftig betrogen. Ragnor schätze, dass sich der gierige Fettsack mehr als zwei Drittel aller Einnahmen der letzten zwei Jahre unter den Nagel gerissen hatte. Obwohl es ihn in den Fingern juckte, konnte er sich den Kerl erst in ein paar Tagen vorknöpfen, wenn er die Machtverhältnisse in seinem Haus besser beurteilen konnte. Im Moment war die Zahl der Männer, denen er hier vertrauen konnte, noch zu überschaubar. 

Als Ragnor dann, nach dem Mittagessen, den angekündigten Appell der Kriegsknechte abhielt, wurde er das erste Mal, seit er auf Vidakar weilte, wirklich positiv überrascht. Die Männer mussten den ganzen Vormittag äußerst hart gearbeitet haben, denn auf Kettenhemden und Waffen war kein Rost mehr zu sehen. Schwerter und Hellebarden waren frisch geschliffen und die Beulen aus Helmen und Schilden waren herausgehämmert worden. Hauptmann Harald stand steif wie ein Stock an der Spitze von zwanzig Kriegsknechten und erwartete regungslos die Inspektion. Ragnor trat vor ihn hin, sah ihm einen kurzen Moment in die Augen und stellte dabei überrascht fest, dass Harald heute Morgen offenbar noch nicht getrunken hatte. Als er dann hinab, auf dessen Hände blickte, die Schild und Schwertknauf fest umklammert hielten, erkannte er, wie schwer es dem Hauptmann fiel, das Zittern seiner Hände zu verbergen. 

Langsam schritt Ragnor die Reihe der Männer ab. Was er in ihren Augen sah, gefiel ihm fast noch besser, als ihre instand gesetzte Ausrüstung. Alle Männer versuchten, ohne Ausnahme, einen guten Eindruck zu machen, und Ragnor las in ihren Augen Respekt, was er sich allerdings nur schwer erklären konnte, denn bisher hatte er nichts getan, ihn sich zu verdienen. Die Aufklärung dieses seltsamen Umstandes ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Denn als ihn Hauptmann Harald nach dem Appell mit rauer und etwas zittriger Stimme um eine Unterredung unter vier Augen bat, hörte Ragnor auf dem Weg zur Wachstube einen der Soldaten etwas von „Dämonentöter“ sagen. 

Als sie dann in der Wachstube der Kriegsknechte saßen und der Hauptmann Ragnor da Vidakar erwartungsvoll ansah, nahm dieser all seinen Mut zusammen und sagte, was er sich den ganzen, langen Morgen schon vorgenommen hatte: „Edler Herr. Ich möchte mich bedanken, dass Ihr unsere stümperhaften Bemühungen, Eure berechtigten Anforderungen zu erfüllen, so freundlich kommentiert habt. Ich kann Euch versichern, dass sich die Männer in den nächsten Wochen alle erdenkliche Mühe geben werden. Bitte haltet den Männern zu Gute, dass es ganz allein meine Schuld ist, dass sie sich momentan in so schlechter Verfassung befinden. Acht der Männer, die sich heute Morgen geweigert haben, meinen Anordnungen zu folgen, habe ich aus der Wache geworfen. Jedoch muss Euch aber mitteilen, dass sie Bero, nachdem ich mich in einer heftigen Auseinandersetzung geweigert hatte, die Kerle in der Wache zu behalten, umgehend in seine privaten Dienste übernommen hat.“

„Was will denn der Verwalter mit den Kriegsknechten anfangen?“, fragte Ragnor überrascht nach.

„Das kann ich Euch natürlich nicht genau sagen, aber zu mir hat er gesagt, dass er die Dienste einiger kräftiger Männer benötigt. Dabei sind es einfach nur schlimme Galgenvögel. Ihr solltet Euch vor ihnen in Acht nehmen, denn das Beste wäre sicherlich, sie umgehend auf die Straße zu setzen oder davon zu jagen“, antwortete ihm Harald bereitwillig. Als er sah, dass Ragnor ihn wiederum unterbrechen wollte, fuhr er schnell und sehr fahrig fort: „Bitte lasst mich zuerst zu Ende sprechen. Der Grund, warum ich Euch zu einem Gespräch unter vier Augen gebeten habe, ist, dass ich heute noch Vidakar verlassen werde. Ich bin ein haltloser Trinker, wie ihr sicherlich bereits unschwer bemerkt habt, und kann den Posten eines Hauptmannes nicht mehr ausfüllen. Wahrscheinlich bin ich nicht einmal mehr für den Küchendienst zu gebrauchen.“

 Ragnor sah die Bitterkeit und Abscheu, über sich selbst, in den Augen des Mannes, der trotzdem irgendwie erleichtert zu sein schien, dass er endlich gesagt hatte, was er sich vorgenommen hatte. Es nötigte ihm Respekt ab, denn er konnte ermessen, wieviel es dem ehemals stolzen Mann gekostet haben musste, diesen Offenbarungseid abzulegen. Als der Hauptmann sich erhob, um die Stube zu verlassen, hielt ihn Ragnor an der Schulter zurück, sah ihm ernst in die Augen und sagte eindringlich: „Ich bin bereit dir noch einmal eine Chance zu geben, weil ich glaube, dass du sie verdienst. Aber du musst sofort mit dem Trinken aufhören. Meinst du, dass du das kannst?“

Die Entschlossenheit in den Augen von Harald war fast rührend, als dieser heiser vor innerer Erregung antwortete: „Ich danke Euch, edler Herr. Ich bin sicher, dass ich es schaffen werde. Der alte Jagmar wird mir helfen, er hat es mir schon mehrmals angeboten. Jedoch werde ich drei Tage keinen Dienst tun können, wenn ich jetzt gleich zu ihm gehe.“

Der junge Ritter lächelte erfreut und verfügte grinsend: „Ich gebe dir drei Tage frei und das gilt ab sofort. Danach erwarte ich von dir, dass du dich unverzüglich wieder zum Dienst meldest. Während deiner Abwesenheit werde selbst das Kommando über die Wache übernehmen. Jetzt lasst uns hinausgehen und die Männer darüber informieren, dass ich dich die nächsten Tage vertreten werde.“

 

 Während der nächsten drei Tage drillte Ragnor seine Wache und ließ den Verwalter in dem Glauben, er würde sich im Moment nur für die militärische Ausbildung seiner Männer interessieren. Über die acht ausgemusterten Kriegsknechte verlor er kein Wort, um Bero in dem Glauben zu lassen, ihm wäre dieser Vorgang gar nicht bekannt.

Während er seine Leute ausbildete, sah sich sein rühriger Knappe weiterhin möglichst unauffällig um und berichtete des Abends, dass der Verwalter seine neue „Leibwache“ in den Tiefen des alten Kellergeschosses zu irgendwelchen Arbeiten einsetzte. Er hatte ihnen leider nicht in die Keller folgen können, ohne dass es aufgefallen wäre, aber er hatte gesehen, dass sie leere Fässer und Säcke ins Kellergeschoss geschafft hatten.

 In den Nächten war es hingegen, zu Ragnors großer Enttäuschung, vollkommen ruhig geblieben. Der Quasarring hatte sich nicht mehr geregt und auch nicht das kleinste Anzeichen einer dämonischen Aktivität gezeigt. In der Ausbildung seiner Kriegsknechte hatte er allerdings große Fortschritte gemacht und als Hauptmann Harald am vierten Tag in aller Frühe seinen Dienst wieder antrat, staunte dieser nicht schlecht. Als er noch etwas hohlwangig von dem harten Entzug die Wachstube kontrollierte, bekam er zackig Meldung. Und als er dann nach dem Frühstück seine Männer inspizierte, bewegten sie sich so, wie man es von der Burgwache eines berühmten Ritters erwarteten durfte. Als Harald, kurze Zeit später, mit dem alten Majordomus und seinem jungen Herren, welcher gerade von seinem allmorgendlichen Ausritt zurückgekehrt war, zusammensaß, befand Ragnor, es sei an der Zeit die beiden Männer, denen er glaubte vertrauen zu können, in seine Pläne einzuweihen. Nachdem er diesen von allem berichtet hatte, was er bisher in Erfahrung gebracht hatte, zeigten sich die beiden nicht besonders erstaunt. Es war ein offenes Geheimnis auf Vidakar, dass Bero in seine eigene Tasche wirtschaftete. Das hatte er auch schon unter der alten Herrschaft getan. Jeder, der versucht hatte, gegen ihn vorzugehen, war eines Tages plötzlich spurlos verschwunden, sodass es bald keiner mehr wagte, sich gegen diesen eiskalten und skrupellosen Kerl zu stellen.

 Für Ragnor war diese Information ein weiterer Hinweis dafür, dass irgendetwas hier nicht mit rechten Dingen zuging. Gleichzeitig war er auch eigentlich ganz froh darüber, dass er nicht gleich im ersten Zorn gegen den Dicken vorgegangen war. Dieser Kerl war offenbar weit gefährlicher, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Hinter der ganzen Sache musste auf jeden Fall weit mehr, als nur eine einzelne Person stecken. Nun, bisher waren nur die acht Kriegsknechte seiner neuen „Leibwache“ und mit ziemlicher Sicherheit der finstere Schreiber, der wahrscheinlich ein Hexer war, auf Beros Seite recht eindeutig auszumachen. Die restlichen Bewohner des Rittergutes waren mehr oder weniger unbedeutend, falls es je zu einer handfesten Auseinandersetzung kommen würde. Da Ragnor glaubte, sich auf Hauptmann Harald und seine Wache fest verlassen zu können, hielt es der junge Ritter für an der Zeit zu handeln. Also wurde in der Runde beschlossen, dass der dicke Verwalter, der Schreiber und die acht Kriegsknechte am nächsten Tag gleich nach dem Frühstück festgesetzt werden sollten, um ihrem Treiben ein Ende zu machen.

 

 Doch kam alles anders, als sie es geplant hatten!

 

Eine Stunde nach Mitternacht schreckte Ragnor plötzlich hoch. Da war es wieder, das dämonische Pochen! Ein kurzer Blick auf seinen Quasarring genügte vollkommen, denn dieser pulsierte abermals in tiefem Rot. Der junge Ritter weckte umgehend seinen Knappen. Beide bewaffneten sich und schlichen ins Treppenhaus, um von dort in den Hof zu gelangen. Als sie halb die Treppe hinunter waren, fasste Ragnor Klaus an der Schulter, hielt ihn zurück und flüsterte: „Halt, ich spüre, dass irgendetwas Dämonisches ganz in der Nähe sein muss. Es kann nicht drüben im Turm sein, wo ich es das letzte Mal vermutet hatte. Falls es dieselbe Quelle ist, dann muss es eigentlich bereits im Haus oder um ein Vielfaches stärker sein. Lass‘ mich vorangehen, denn wir müssen jetzt höllisch aufpassen. Es könnte gut sein, dass da etwas äußerst Unerfreuliches dort draußen im Hof lauert.“

 Klaus nickte und Ragnor sah in sein entschlossenes, wenn auch blasses Gesicht, lächelte grimmig und bemerkte trocken: „Also, dann mal los.“

 Als sie schließlich unten waren und die, glücklicherweise gut eingeölte, Tür zum Hof vorsichtig öffneten, sah Ragnor im Licht des roten Mondes Ximonar, des Symbol des Bösen auf Makar, eine hohe dunkle Gestalt aus dem Hoftor kommen. Diese trat, weit nach vorn über gebeugt, witternd wie ein jagendes Raubtier hinaus auf den Hof. Als das Wesen, das sicherlich kein Mensch war, aus dem Schatten des Gebäudes trat, sah Ragnor überdeutlich, dass es genau das war, was er vermutet hatte. Im gleichen Moment verfluchte er den Umstand, dass er seinen festen Schild nicht mit genommen hatte. Nun musste er dem Dämonen – und es gab keinen Zweifel daran, dass das einer war – nur mit Schwert und Dolch bewaffnet, gegenübertreten. Die langen gekrümmten Klauen, von denen eine dunkle Flüssigkeit troff, zeigten ihm, dass er von den vier Männern der Nachtwache keine Hilfe mehr zu erwarten hatte. Denn was da von den langen Krallen auf den weißen Kies des Innenhofes tropfte, war mit Sicherheit ihr Blut. Das Scheusal hatte sicherlich alle Wachen umgebracht. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, und Ragnor musste das ganz alleine durchstehen. Er sah kurz zu seinem Knappen hinüber, welcher voller Entsetzen auf den Hof hinausstarrte. Obwohl sein Herr in der Schlacht um Santander ein erheblich größeres Exemplar getötet hatte, war er vor Angst fast starr. Denn im Gegensatz zu damals, als Ragnor dem Dämonen, voll gerüstet und zu Pferd, gegenübertrat, war er diesmal nur von Helm und Kettenhemd geschützt. Klaus spürte den Blick seines Herrn, sah ihm ins Gesicht und war erstaunt, dass der junge Ritter überhaupt nicht nervös zu sein schien. Er rief ihm stattdessen nur knapp zu: „Ich gehe jetzt hinaus und töte das Ding. Lauf durch das Haus, wecke Hauptmann Harald und alarmiere die gesamte Wachmannschaft. Den Weg übers Tor kannst du dir allerdings sparen, denn ich denke, dass die Männer dort drüben alle tot sind.“

 Nachdem Klaus durch den Laubengang davon gehuscht war, öffnete der junge Ritter entschlossen die Tür und schritt langsam auf den großen quadratischen Innenhof hinaus. Er zog Quorum, fasste es mit beiden Händen und konzentrierte seinen Geist auf die magische Waffe. Hell leuchtete das seltsame Schwert auf und die beruhigenden Schwingungen des Quasars erfüllten den jungen Mann mit einer tiefen Ruhe und Zuversicht.

Laut und in verächtlichem Ton rief er nun dem Monster seine Herausforderung entgegen: „Komm her du Scheusal. Zeit zum Sterben.“

Fauchend, sein mächtiges Gebiss fletschend, fixierte ihn der Dämon einen kurzen Augenblick, wobei seine roten Augen voller Vorfreude auf ein weiteres Opfer aufleuchteten. Er zeigte drohend seine mächtigen Klauen und heulte vor Wut, ob der Schmähung, auf. Dann stürmte er mit raumgreifenden Schritten über den Hof, einen leichten Sieg erwartend. Das Monster wusste natürlich, dass die, auf Makar gebräuchlichen, Eisenwaffen seinem festen Hornpanzer nichts würden anhaben können. Als das Scheusal Ragnor erreicht hatte, welcher in Erwartung seines Feindes stehen geblieben war, versuchte es ihn, mit einem schnellen Angriff, zu überraschen. Seine überlangen Arme mit den kräftigen Händen, welche in langen messerscharfen Krallen endeten, schossen blitzschnell auf den jungen Ritter zu, um ihn in einer schnellen und brutalen Attacke zu zerreißen. Doch Ragnor war auf der Hut. Er wich geschmeidig aus und hieb mit einem kräftigen horizontalen Schlag dem Monster die dolchlangen Krallen an seiner linken Klaue ab, sodass ihn der Dämon verfehlte.

Die fassungslose Überraschung seines höllischen Gegners, der auf seine Unverwundbarkeit gesetzt hatte, nutzte Ragnor eiskalt aus. Er ließ sich fallen, rollte sich blitzschnell über die rechte Schulter ab und kam kurz hinter dem überraschten Monster wieder hoch. Bevor der Dämon reagieren konnte, stieß ihm der junge Ritter mit aller Kraft die grell leuchtende Waffe tief in den Rücken. Das pulsierende Schwert durchstieß, ohne auf Widerstand zu stoßen, den glänzenden Chitinpanzer und drang vollkommen lautlos in den Körper des Monsters ein. Ein gellender Schrei löste sich aus dem Rachen des Dämonen, der einen Moment wie angenagelt da stand, wobei die leuchtende Klinge seinen muskulösen Körper von innen her förmlich aufzufressen schien. Dann endlich brach er wimmernd in die Knie, unfähig seine nun scheinbar tonnenschweren Klauen auch nur einen Zoll anzuheben. Sein vorher glatter, schwarzer, insektenartiger Körper wies inzwischen tiefe Risse auf, hinter denen es hell leuchtete. Es war gerade so, als ob in Zeitlupe ein Keramikgefäß dadurch zerbräche, dass sich ein Gewitter in ihm austobte. Ragnor spannte seine Rückenmuskeln an und riss Quorum mit beiden Händen wieder heraus. Dabei gellte der Todesschrei des Dämons durch Ragnors Kopf. Einen Herzschlag später begann sich die nun leere Hülle des Scheusals in rasender Geschwindigkeit aufzulösen und wenige Augenblicke später war nichts mehr von ihm übrig. Lediglich die lange Blutspur auf dem weißen Kies erinnerte daran, dass das alles nicht nur ein böser Traum gewesen war, sondern bloße Realität. 

Harald und einige seiner Männer, die Klaus alarmiert hatte, hatten den Kampf atemlos verfolgt und kamen nun auf den Hof gerannt, um ihren neuen Herrn zu seinem großartigen Sieg zu beglückwünschen. Doch der winkte nur unwirsch ab und sagte scharf: „Es ist noch nicht ausgestanden. Drüben im Turm geht immer noch irgendetwas Dämonisches vor. Also kommt Männer und lasst uns nach sehen. Die Männer stürmten, auf Ragnors Geheiß hin, die Holztreppe hinauf und liefen über den Steg zur oberen Turmtür. Zu ihrer Überraschung mussten sie keine Gewalt anwenden, denn die Tür war nicht verschlossen. Sie drangen entschlossen in das Turmgemach ein und scheuchten den völlig überraschten Schreiber Golo auf, der in seinem Bett gelegen und geschlafen hatte.

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