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Marlenes Schwester

Ich wünschte, Sie liebten mich nur mit dem Teil Ihres Innern, der unempfindlich und fühllos ist.

Maurice Blanchot, Warten Vergessen

1

Das gütige Leben, dachte sie, das gütige Leben.

Sie versuchte es noch einmal.

Ein wenig später glitt sie, erschöpft, entmutigt, zurück in den Halbschlaf. Mein Schattengelände, ich döse und staune …

In diesen letzten Tagen war sie ein einziges Mal noch ausgegangen, hatte ihr Zimmer, den Hof verlassen und war bis an den Waldrand emporgestiegen. Den Kartoffelacker entlang, auf dem die Landarbeiter, ihre Gastgeber, in der vergangenen Woche geerntet hatten.

Ausgeraucht, der Erdboden ist ausgeraucht. Wie komisch, in der Erinnerung, die überschwenglichen Gefühle! Sie trat mit der Fußspitze auf einen vorgewölbten Stein und zog die heiße Augustluft tief ein. Die Schuhsohle ächzte wie unter einer Gewichtszunahme. Sie verfolgte den milde geschwungenen Lauf der Wiesen. Doch ihr Blick erfaßte kaum, was sie sah – er kehrte sich nicht ab von ihren Gedanken. Warum schmilzt denn der eiskalte Leichnam nicht in dieser glühenden Hitze? Nun, hier wird der Körper von der Trockenstarre befallen, wie die Wäsche im Wind.

Die Natur fiel ihr zur Last, sie ertrug sie nicht, sie wurde bedrängend wie eine Überfülle von Menschen. Diese Baummenschen, dachte sie, diese unzähligen Grasmenschen, diese Erdfurchenmenschen, diese Haselnußstrauchmenschen, diese tobenden Grillenmenschen … ein böses Märchen.

Ins Dorfgasthaus war sie nicht mehr eingekehrt, seitdem eine Touristin am Nebentisch eine abschätzige Bemerkung über sie gemacht hatte. ›Nur Verrückte tragen in geschlossenen Räumen eine dunkle Brille.‹ Im übrigen hatte sie jetzt kein Geld mehr, nicht einen Pfennig. Achtunddreißig Jahre alt, ehemals Deutschlehrerin, zuletzt wohnhaft in einer Landkommune in der Nähe von Aschaffenburg, vollkommen mittellos. Die jungen Landarbeiter hatten sie ohne Umstände aufgenommen und ihr ein kleines Zimmer im Nebentrakt des Bauernhauses eingerichtet. Sie lassen mich in Ruhe, sie lassen mir Zeit.

Sie bekam zu essen, wenn sie es wünschte.

Oder waren sie insgeheim doch ein wenig ungeduldig? Ob es nicht bald geschieht? Wenn es nur erst vorüber wäre – der Arzt, der Abtransport, das Zimmer gesäubert und für einige Zeit verschlossen.

Sie sollen mir um Himmels willen die Schuhe nicht ausziehen!

Häufig beklagte sie jetzt, daß ihr die Gewalttat nicht durch den Sinnenzauber einer Euphorie, wie er angeblich den natürlich Sterbenden zuteil wird, erleichtert würde. Von allen Qualen erlöst, so hieß es, und diesen Zustand hätte sie wirklich gern am eigenen Leib gespürt.

Für einen Augenblick das ganz andere Denken streifen, das erleuchtete Durcheinander, vielleicht, alles auf einmal, vor der genüglichen Abkehr.

Ich aber werde es mühsam haben, bis zuletzt. Und sie haßte nichts so sehr wie diese fahrigen, überreizten Gedächtniszustände, wenn ihr das Leben in tausend Fetzen um die Ohren flog. Wenn doch nur das Meer käme …

Mir ist so übel, als hätte ich die Zigarettenasche des vergangenen Tages gegessen.

Will es dir nicht besser gehen? Marlene legte ihr die Hand auf die Stirn, stützte ihren Kopf, als sie erbrach. Marlene schöpfte Wasser aus der Quelle am Meer, sie trank aus Marlenes Händen. Marlenes gnädige Darreichung. Marlenes unerforschte Schönheit.

Im Halbtraum zog sie lange weiße Würmer wie Fäden aus dem Mund. Sie rissen ab und sie erbrach ein paar Pilze, ohne Qual.

Auch hatte sie einmal beim Reden das Gefühl, als kehre das unzerkaute Essen langsam in den Mund zurück, schöbe sich zwischen die Zähne. Sie hustete. Erbrechen, erbrechen, wie ein kleines Kind, ohne Qual und mit staunenden Augen. Das Böse fließt aus.

Den Tod wie ein Kind im Leibe nähren, großziehen, aber niemals herauslassen.

Sie lockt mich.

Die Brille stinkt, die Uhr stinkt, wirf sie weg!

Oft fühlte sich jetzt das Herausstülpen des Kots aus dem Darm an wie Wehen, wie Gebären. Wie ist denn Gebären? Eine Erfahrung nicht gemacht. Marlene bekommt jetzt vielleicht ein Kind, währenddessen ich hier krepiere. Liebe Marlene, schrieb sie auf einen Bogen Papier.

Wie? Liegt Staub auf dem Wasser?

Das Meer sieht sehr viel verläßlicher aus als die Erde, sagte Marlene, unermüdlich auf der Suche nach dem verschollenen Ausdruck für ein Gefühl, das älter war als die Menschheit. Offenbar fühlte sie sich im Wasser wirklich geschützt. In den ungezierten Bewegungen des Schwimmens und Tauchens erholte sich der Körper von der unablässigen Strapaze, die das Gehen auf den Böden bereitete, das von ihr verfluchte Gehen, das, wie eine Schrift, sich in die Räume, Straßen und Landschaften zeichnet, für jeden Lümmel aufschlußreich, so unleserlich sie auch zu gehen versucht. Ein noch so ausgedehntes Bad konnte sie nicht ermatten. Trat sie endlich zurück aufs Land, dann begann sie sofort mit ihren nackten Gliedern zu zappeln und zu zucken. Sie spielte die Einarmige, die Schwangere, die Obeinige, die Schwindsüchtige. Sie machte Faxen ohne Unterbrechung. Sie verunstaltete die natürliche Ordnung ihres Körpers, sie veralberte die geläufigsten Wörter der Alltagssprache, erfand neue, unsinnige hinzu. ›Jetzt gehen wir aber esseln.‹

Marlene war damals Ende zwanzig, und ihr Übermut galt mir allein, mir, der Schwester. Sie lockt mich.

(›Sieh nur, die vielen, vielen Sterblinge, die da aus dem Boden wachsen.‹ – ›Ja.‹ – ›Wir beide aber wollen einen Fahrn ziehen.‹ – ›Was?‹ – ›Einen jungen Felsen großziehen!‹)

Und das ist Michel, sagte Julien, indem er seinen Begleiter am Arm nahm und vorführte, du kennst ihn ja. Nein, sagte Marlenes Schwester und grüßte freundlich. Doch, es ist dieser Michel aus meiner Geschichte, die ich dir in Paris erzählt habe. Du hast sie doch nicht etwa vergessen? Michel ist der einzige, der mit heiler Haut davongekommen ist. Sie richtete sich auf, zu Tode erschrocken, und starrte Michel an. Das ist also das Ende, dachte sie, das Ende beginnt.

Ich muß unbedingt die Schuhe fest und unaufknüpfbar an meine Füße schnüren. Sie sollen mich nicht ausziehen. Die Kleider sollen in die Haut wachsen, wie eine Pflanze, bis man erstickt. Sie umfaßte mit beiden Händen ihre Brüste. Das also ist es gewesen? Wenig. Wenig. Wenig. Dafür hätte weiß Gott dies Körperding, dies ganze Leibwerk nicht so ausführlich aufgebaut werden müssen. Was gewesen ist, das bißchen, ist ohnehin nur im Kopf gewesen, in den Augen.

Eine Frau, die nicht gern mal ihre Brüste anfaßt, ist nicht gesund, so hatte ihre eitle Mutter sie belehrt, und kleine frivole Lachfalten waren dabei unter ihren niedergebrannten Augen entstanden.

Ein beunruhigendes Bild für Sekunden, im Vorübergehen an einem offenen Hotelfenster: eine leidgeprüfte Frau griff sich, während gerade ein schlanker Kerl in ihrem Leib herumwühlte, an die Stirn, als bereite ihr das alles lediglich Kopfschmerzen, sonst nichts, keine Lust und auch keine Verzweiflung.

›Das Gekörpere‹, sagte Marlene und wiegte sich zur Seite, als müsse sie furchtbar lachen.

Eine Frau bringt sich um, gut. Aber eine Frau erschießt sich doch nicht, wo gibts denn sowas.

Sie roch sich dauernd.

Vom lieben S. erzählte man, daß er sich, als seine Schilddrüse in voller Krebsblüte stand, tagelang mit seiner Pistole im Stadtwald herumgetrieben habe und sie in zärtlichen Flüstergesprächen, wie eine Geliebte, umwarb. Und tatsächlich, sie erhörte ihn, sie gab ihm nach. Ihr dunkler, warmer Lauf schmiegte sich an seine Lippen und drang sanft in seine Mundhöhle. Dort richtete er sich stolz auf und entlud sich mit einem kurzen gewaltigen Stoß ins Hirn. Der tote S. soll, als man ihn fand, recht stillvergnügt ausgesehen haben – ›ich bin sicher, daß ich keinen abstoßenden Anblick hinterlassen habe‹.

Geträumt wie ich lese, lese, lese. Auf den Buchseiten aber entsteht ein gedämpftes Volksgemurmel. Seine gesammelte Leserschar spricht aus dem Roman und erörtert ihn flüsternd. Die ohrenbetäubende Unruhe der Zuschauer, die aus der gebannten Stille eines Schachturniers plötzlich hervorbricht, wenn der Titelverteidiger mit der winzigen lautlosen Verschiebung einer Holzfigur seine sensationelle Niederlage einleitet. ›Inter

nationale Geräusche‹, dachte sie begeistert und wollte sich diese Bemerkung fest einprägen. Da sprach sie jemand von der Seite an. Der ältere Herr hob seinen großen grauen Hut vom Kopf und nannte seinen Namen – doch sie fragte ihn bestürzt: ›Was heißt das? Was ist das für ein Ausdruck?‹ Dann glaubte sie, ihre eigene Stimme zu vernehmen. ›Ich?‹ – sie fuhr zusammen und erwachte … Ich bin Marlenes Schwester.

Sie versuchte es noch einmal.

(Wenn es nur ein kräftiger Schlag gegen den Kopf wäre, wodurch man wieder zu Sinnen käme …)

2

Ihr Streit hatte die ganze Nacht gedauert. Morgens um acht Uhr waren sie am Ende ihrer Kräfte. Die Sonne hatte schon ihre erdrückende Hitzelast über die Stadt gewälzt, und jedes weitere Wort hätte der tobende Straßenlärm im Munde erstickt.

Der Weißwein, den sie über Nacht aus einer großen Korbflasche getrunken hatten, schlug dumpf an die Schläfen. Die beiden Schwestern saßen krumm auf ihren Betten und verfielen in ein träges Nachdenken.

Sie hatten den Entschluß gefaßt, sich zu trennen. Die gemeinsame Sommerreise sollte auf dem Bahnhof in Nîmes abgebrochen werden. Marlene zwang ihre Schwester, in das feste Versprechen einzuwilligen, daß es zwischen ihnen in Zukunft keine Begegnungen, keine Briefe, keine Telefonate geben werde. Das Leben der Schwester neben dem ihren, in dieser schwirrenden Zwei-Personen-Wahn-Welt, so hatte sie gesagt, liefe unabänderlich auf die Unterdrückung, die Zerstörung ihrer eigenen, ohnehin schmächtigen Existenz hinaus. ›So lieb du es auch meinst mit mir.‹

Als sie auf die glänzende Straße traten, begannen die Gedanken in ihren Köpfen zu rasen. Sie waren plötzlich grellwach und überängstigt. Und doch schleppten sie sich schwerfällig über die Fahrbahn zum Taxistand.

Während der Autofahrt lehnte Marlene, die neben dem Fahrer saß, ihren Kopf zurück in die Nackenstütze. Ihre Schwester, hinter ihr auf dem Rücksitz, hatte sich vorgebeugt und die Stirn gegen das Polster der Nackenstütze gedrückt. In dieser Haltung verkörperten sie, ohne es zu wissen, ein letztes Bild von müder, naturergebener Unzertrennlichkeit. Marlene legte ihren Kopf zur Seite und sagte mit leisem Zorn: ›Mein Blut ist gekommen, zwei Tage zu früh!‹

Während Marlene sich auf der Bahnhofstoilette zurechtmachte, riß ihre Schwester ihre beiden Koffer auf und vertauschte den Inhalt. So trug sie nun alle Kleidungsstücke und Gebrauchsartikel von Marlene bei sich.

Sie stieg in einen überfüllten Kurswagen nach Paris. Der Schaffner besorgte ihr einen Platz in einem Abteil, in dem sich die Reisenden nicht zu kennen schienen und also auch keine Unterhaltungen zu befürchten waren. Die Fenstervorhänge waren glücklicherweise zugezogen. Beim Anblick der vorüberlaufenden Landschaft hätte sie sich jetzt zweifellos erbrechen müssen. Alle sahen natürlich, wie abgekämpft sie war. Marlenes Schwester sehnte sich nach dem großen Schlaf, der unsichtbar macht. Sie fand jedoch nur einen flachen, nervösen Schlummer, aus dem sie aufschrak, als sie sich plötzlich laut schluchzen hörte. Zum Weinen schlich sie auf die Toilette. Sie setzte sich auf den Abort, mit zusammengepreßten Mädchenknien, heulte und schrie.

Der Vater nahm sie bei der Hand und ging mit ihr in den Garten hinunter. ›Die natürlichen Schmerzen des Wohlergehens‹, sagte er geduldig, ›fühlen sich, davon sind wir ja überzeugt, zermürbender an als die dauerhaften Qualen des wirklichen Elends. Dem verwöhnten kleinen Mädchen ist die Langeweile unerträglicher als dem Fabrikarbeiter seine alltägliche Ausbeutung. Und so ergeht es dir: du ärgerst dich, du bist fassungslos über die Unpünktlichkeit des Glücks, und du ...

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