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Marlenes Erbe

MARLENES ERBE

KAPITEL 1

Ob du mich je geliebt hast

 

Alles begann damit, dass ich drei Tage lang nicht nach meiner Post geschaut hatte. Dabei tat ich das sonst nach jedem meiner langweiligen Arbeitstage. Schon um mich davon zu überzeugen, dass mir auch postalisch kein Mensch eine Nachricht zukommen lassen wollte, die mein Leben veränderte. Und dann klingelte am Mittwochabend mein Telefon. Frank war dran, mein Ex. Ich ging nicht ran.

Es folgte eine Nachricht: Suse, ich muss dich dringend sprechen. Es hat nicht mit uns beiden zu tun. Ist echt wichtig. Kann ich kurz durchrufen? F.

Ich legte das Handy beiseite und zählte bis 37. Es spielte noch mal „You could be happy“ von Snow Patrol. Zwölf Sekunden wartete ich ab, bevor ich ranging: „Ja?“

„Suse, bist du es?“

In meiner Fantasie antwortete eine schlagfertige Susanne: „Nein. Die gibt es hier nicht. Ich kenne Sie auch nicht, belästigen Sie mich gefälligst nie wieder.“

„Ja, verdammt, wer denn sonst“, sagte die reale Suse.

„Ähm, entschuldige, dass ich dich abends noch anrufe. Ich weiß, dass du das nicht magst.“

Als hätte ihn je interessiert, was ich mochte – und was nicht.

„Suse. Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Post von meinem Vater bekommen hast?“

Wieder einer dieser Momente, in denen ich nicht wusste, ob das eben alles nur in meinem Kopf stattfand. Wieso sollte mir der Vater meines Exfreundes schreiben?

„Nein? Warum sollte ich?“

„Also … es tut mir sehr leid. Eigenartig, eigentlich hättest du Post von ihm haben müssen. Ich … ich wollte dir sagen, dass etwas mit Marlene passiert ist …“

Mein Blick fiel auf das Foto am Kühlschrank: Marlene und ich auf einem Ausflug an den Starnberger See. Sie in einer ihrer bunten Wickelkreationen, ich in bravem Blaugrau. Als ich das Foto am Abend dieses Tages damals ausgedruckt hatte, hatte Marlene zwei Worte in die untere Ecke gekritzelt: be happy.

„Suse? Bist du noch dran?“

Ich schwieg. Gar nicht mal, um ihn zu quälen (obwohl es guttat, dass das offensichtlich funktionierte), sondern weil ich nicht reden konnte. Alles in mir sträubte sich, mit ihm über seine Tante Marlene zu sprechen. Vor allem aber war ich mir schlagartig sicher: Er würde gleich etwas sagen, das meine ganze Welt verändern würde. Mal wieder. Und ganz bestimmt nicht zum Guten. Ich wollte es auf keinen Fall hören.

„Ja, klar bin ich das“, presste ich schließlich resigniert hervor. Das, was ich fürchtete, würde geschehen. Es hatte schon begonnen und war nicht mehr zu stoppen, egal, was ich jetzt tat.

„Was ist denn passiert?“

„Sie ist gestorben. Du müsstest in den nächsten Tagen einen Brief bekommen von meinem Vater …“

„Gestorben.“

Das war völlig unmöglich. Marlene konnte nicht tot sein. Ich war jetzt sicher, dass ich mich nicht in der Realität befand, legte auf und schaltete mein Handy aus. Erst zehn Minuten später schaffte ich es, zum Briefkasten zu gehen. Nur um mich zu überzeugen, dass es nicht stimmte. Ich würde keinen Brief von Albert haben!

Es war ein cremefarbener Umschlag mit einer schlichten Karte darin. Innen stand in enger, schöner Schrift, wie gemalt:

Liebe Susanne,

es tut mir sehr leid, dass ich Dir aus einem so traurigen Anlass schreiben muss. Ich wollte Dir mitteilen, dass meine Schwester Marlene tot ist. Ich weiß, dass Ihr Euch sehr gemocht habt, und wollte Dir deshalb auch schreiben, dass die Beerdigung und Trauerfeier nächste Woche, am 14.03. um 11 Uhr, auf dem Friedhof in Seelhausen sein wird. Kannst Du dabei sein?

Liebe Grüße

Albert

PS.: Ich wollte Dich anrufen, aber ich habe nicht die richtigen Worte für ein Telefonat gefunden und habe deshalb geschrieben. Ich habe auch dabei sicher nicht die besten Worte gefunden. Es geht mir schlecht und ich bin sehr traurig, ich glaube, das kannst Du gut verstehen. Es wäre schön, wenn Du kommen könntest.“

Marlene tot. Wieso?

Ich stand einige Minuten wie betäubt im Treppenhaus. Wann hatte ich sie zum letzten Mal gesprochen? Vor zwei Wochen?

Zurück in der Wohnung machte ich mein Handy wieder an. Die vier entgangenen Anrufe und zwei Sprachnachrichten von Frank ignorierte ich. Tränen stiegen auf, ich versuchte wütend, sie zu unterdrücken. Marlene war nicht tot! Immer wieder zielten meine Finger auf die Tasten. Da, endlich: vorletzte Woche. Genau! Wir hatten überlegt, wann wir uns das nächste Mal sehen würden.

Wieso war Marlene tot? Das war unmöglich. Sie war 57 Jahre alt, schien gesund und zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Nichts hatte auf einen nahen Tod hingewiesen. Was war passiert? Ein Unfall? Warum schrieb Albert das dann nicht so? War irgendetwas anderes passiert? Aber was?

Ich sackte auf einen meiner wackligen Küchenstühle. Marlene. Ich hatte sie damals beim ersten Besuch in Franks Heimatkaff Seelhausen kennengelernt. Mit unserer Begeisterung fürs Nähen waren Marlene und ich gleich auf einer Wellenlänge gewesen. Ich sah sie vor mir: klein, voller Energie. Wie sie in ihrer Änderungsschneiderei über ein Kleidungsstück gebeugt nachdachte und sich eine Haarsträhne hinters Ohr schob. Neugierig aufschaute, wenn die Ladenklingel ertönte. Die Besuche beieinander: Wie sie lachte, während wir gemeinsam bei ihr oder mir in der Küche standen und Gemüse schnippelten. Wie sie eine witzige Bemerkung machte, erstaunt schaute, weil ich die lustig fand, und froh in mein Lachen einstimmte …

Marlene war tot. Jetzt konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich wusste, ich musste Albert anrufen. Doch obwohl das die einzig sinnvolle Handlung gewesen wäre, konnte ich es immer noch nicht. Stattdessen schrieb ich in den Chat mit Sevim und Jan.

Hey, muss euch was erzählen. Habt ihr kurz Zeit?

Sevim antwortete sofort: Klar. Ich ruf durch!

Wir telefonierten nur kurz. Keine 20 Minuten später war Sevim bei mir und nahm mich in den Arm. Es gab nicht viele Menschen, die ich so liebte wie Sevim, Jan und ihre Kinder. Sevim und ich waren schon seit der ersten Klasse beste Freundinnen. Mit 16 kam sie dann mit meinem Bruder Jan zusammen. Ihre Liebe hat gehalten – und unsere Freundschaft ebenso.

„Hast du überhaupt schon was gegessen heute Abend?“, fragte sie jetzt. Hatte ich nicht. Wir fuhren in ihre gemütliche Dachwohnung am Flaucher. Sevim versorgte mich mit den Resten eines scharf gewürzten Gemüseauflaufs. Jan schenkte mir ein Glas Rotwein dazu ein. Nachdem auch er die rätselhafte Geschichte gehört hatte, saßen wir schweigend beieinander. Meine Nichte Zoe kam rein, um sich etwas zu trinken zu holen, und schaute uns verdutzt an: „Alles gut bei euch?“

„Ja. Ich hab nur heute erfahren, dass eine Bekannte gestorben ist … eigentlich eine Freundin.“

„Oh, das tut mir leid!“ Zoe drängelte sich mit aufs Sofa und kuschelte sich an mich. „Kann ich was für dich tun?“

„Bleib einfach so sitzen“, meinte ich. Sie drückte sich noch etwas fester an mich. Ihr jüngerer Bruder Noah tauchte auf. Er setzte sich wortlos dazu, ohne seine Kopfhörer abzunehmen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Noah über Empfindungen kommunizierte. Er fasste Stimmungen auf und verhielt sich so, als hätte er gerade ausführlich alles erklärt bekommen, ohne mit irgendwem ein Wort gewechselt zu haben. Noah lehnte seinen Kopf an meine freie Schulter.

„Wer ist denn gestorben, wenn ich das fragen darf?“, erkundigte sich Zoe schließlich behutsam.

„Marlene. Ich weiß nicht, ob du dich an sie erinnerst?“

„Ach, die wie Edna Mode aussieht?“, fragte Zoe. Ich musste unwillkürlich lächeln. Wie hatten wir es vor Jahren geliebt, den Film „Die Unglaublichen“ immer wieder gemeinsam anzusehen, Zoe, Noah und ich. Mit der kleinen Designerin Edna Mode, die schnippisch und witzig war und Weisheiten auf Lager gehabt hatte wie: „Die Vergangenheit ist passé, Darling. Sie lenkt uns nur von der Gegenwart ab.“ Ja, so wie Edna hatte Marlene ausgesehen. Ich nickte.

„Und Albert, also der Bruder von Marlene, der dir von ihrem Tod geschrieben hat … das ist schon der Vater von diesem … Frank?“, fragte Jan nach einer Weile mit hochgezogener Braue. Ich hatte diverse Abende heulend auf dem Sofa verbracht, auf dem wir jetzt saßen. Die meisten wegen „diesem Frank“. Oder vielmehr deshalb, weil er erst so getan hatte, als wäre ich die große Liebe seines Lebens – um mich nach viereinhalb Jahren unverhofft fallenzulassen und etwa drei Stunden später mit einer anderen zusammenzusein.

Fast ein Jahr war das jetzt her. Frank hatte sich damals den perfekten Zeitpunkt ausgewählt: den Moment, als ich gerade gekündigt hatte, weil ich all meinen Mut zusammengerafft hatte, um mich nun doch endlich als selbstständige Modedesignerin zu versuchen. Er war deshalb nicht live dabei, als ich wieder einmal krachend scheiterte und nach Monaten der Panik mit hängendem Kopf und ausgelöschtem Selbstbewusstsein um einen Job bei einem Abwasserrohre-Hersteller buhlte.

Ich nickte. „Ja, das ist ,dieser‘ Frank. Frank, das Arschloch.“

Es tat erstaunlich gut, das auszusprechen. Immer noch.

Später zu Hause lag ich lange wach. Ich konnte nicht glauben, was heute geschehen war. Allein, dass ich Franks Stimme gehört hatte, war unwirklich. Und erst recht alles, was er gesagt hatte. Frank. Mir tat es immer noch jedes Mal weh, ihn zu hören oder zu sehen. Warum liebte man Menschen, die einem nicht guttaten? Warum hatte er das mit mir gemacht? War es ihm egal gewesen, hatte er es gar nicht bemerkt? Hatte er mich jemals geliebt?

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, konnte ich mich sekundenlang nicht erinnern, was geschehen war. Doch dann war alles wieder da, mit einer Heftigkeit, als würde jemand überraschend das Licht anknipsen. Immer noch so unfassbar und schmerzhaft wie vor zwölf Stunden.

Ich war nie besonders motiviert gewesen, zur Arbeit zu gehen. So unmotiviert wie heute aber – das war ein neuer Negativrekord. Ich griff zum Handy und meldete mich krank. Womöglich würden sie mich feuern. In mir zitterte noch die ungute Erinnerung an das halbe Jahr Arbeitslosigkeit nach, durch das ich gegangen war, bevor ich bei Behrens & Partner begonnen hatte. Aber selbst diese Angstvision konnte mich heute nicht ins Büro zwingen.

Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich in meinen Küchensessel an die Balkontür und ließ den Blick über die Straße und die Nachbarhäuser schweifen. Still lagen sie da. Alle waren unterwegs. Zum Arbeiten, Studieren, Lernen. Alle fingen irgendetwas mit ihrem Leben an … Nur ich war hier, allein zu Hause. Meine Gedanken wanderten wieder zu Marlene. Im Januar hatte sie mich besucht. Sie war damals anders gewesen als sonst. Oder? Wirkte sie nicht so, als wollte sie mir etwas Wichtiges mitteilen? Aber nein, das war Unsinn! Sie hatte bestimmt einen Unfall gehabt, den konnte sie nicht vorhergesehen haben. Wenn sie krank gewesen wäre, hätte sie mir das bestimmt erzählt.

Andererseits: Über manch andere Dinge hatten wir im Januar, als sie bei mir war, auch nicht gesprochen. Wir hatten beispielsweise beharrlich über meinen gescheiterten Versuch geschwiegen, mich als Modedesignerin selbstständig zu machen. Dabei hatte ich vorher mit ihr andauernd darüber geredet, dass ich meine Ideen, meine Fantasie, all die kreative Energie in mir ausleben wollte. Doch dann war mir klar geworden, dass niemand auf uns beide – meine Kreativität und mich – gewartet hatte. Ja, dass diese wunderbare Kreativität womöglich nur in meiner Einbildung existierte … Ich hatte keine Kraft mehr gehabt, mit Marlene darüber zu sprechen. Ganz besonders mit ihr nicht. Marlene war die Person, die ich in dem Bereich am wenigsten enttäuschen wollte. Und ich hatte das Gefühl, dass das passiert war. Sie musste es genauso empfunden haben. Warum sonst hätte sie ebenso entschieden darüber geschwiegen?

Ich nippte an meinem Kaffee und dachte daran, wie unbeholfen ich in die Selbstständigkeit gestolpert war. Ich hatte Termine bei IHK und Gewerbeamt ausgemacht und wieder abgesagt. Mietete weder ein Büro noch einen Laden an, kümmerte mich nicht um Formalitäten. Um all das, was ich hätte tun müssen, war ich herumgeschlichen. Ich hatte ein paar Entwürfe gemacht. Stoffe gekauft, weitere Entwürfe gemacht. Einige Kleidungsstücke genäht. Der Start in eine Kollektion, die niemals präsentiert werden sollte. Und nach einigen Wochen hatte ich aufgegeben. Zu tief saß die Überzeugung, dass ich es am Ende doch nicht hinbekommen würde … Panisch hatte ich nach irgendeiner Anstellung gesucht – und war nach monatelangem Bangen bei Behrens & Partner gelandet.

Mein Kaffee war kalt geworden, ich stand auf. All diese Gedanken brachten mich nicht weiter, keine Frage wurde beantwortet. Ich würde nächste Woche zur Beerdigung fahren, ohne Albert vorher anzurufen. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, suchte ich eine Karte heraus, auf der eine lange Allee unter großen Bäumen abgebildet war, und schrieb Albert, dass ich kommen und in einer Pension übernachten würde. Sicher wäre es weiterhin die vernünftigste Lösung gewesen, ihn anzurufen und zu fragen, was genau passiert war, aber ich schaffte es nicht.

Erst am Abend verließ ich meine Wohnung. Donnerstags war Doppel-P-Abend mit Maggie und Andrea – Pilates und Pizza. Den würde ich nicht sausen lassen, Krankmeldung im Büro hin oder her. Maggie, Andrea und ich waren seit vielen Jahren ein Trio. Maggie hatte ich schon in der Ausbildung zur Schneiderin kennengelernt, Andrea später im ersten Bürojob. Zu dritt hatten wir seitdem jeden Liebeskummer und andere Krisenfälle durchlitten. Mehr als die Hälfte meiner Liebeskummerarien waren dabei auf Franks Konto gegangen. Eine On-off-Beziehung lohnte sich, wenn Stress und Drama oberste Priorität waren.

Pilates bei Gina war gewohnt fordernd, so waren wir alle drei froh, danach zu unserer Pizza zu kommen. Erst im Restaurant weihte ich die beiden in die neuesten Ereignisse ein.

„Marlene? Ja, ich weiß, die so coole Sachen genäht hat manchmal“, fiel Maggie gleich ein. „Dieses eine Kleid für dich!“

Stimmte. Ein dunkelroter Wickeltraum aus seidigem Stoff. Das Kleid konnte ich überall tragen, jeden Tag. Egal, wie ich mich gerade gefühlt hatte, das Kleid wirkte wie ein Stimmungsaufheller oder ein Push für mein Selbstbewusstsein. Wieso hatte ich es nicht viel häufiger an?

„Und dieses Cape aus schwarzer Spitze“, fuhr Maggie begeistert fort.

Das hatte ich noch nie außerhalb meiner Wohnung getragen. Es war sehr extravagant und ich wagte selten, aufzufallen. Okay, eigentlich wagte ich das nie.

„Aber was ist denn mit Marlene passiert?“, fragte Andrea.

„Ich werde das wohl erst nächste Woche rausbekommen, weil ich Franks Vater nicht anrufen wollte und mit Frank will ich auch nicht reden … ihr könnt euch vorstellen, warum. Und … na ja, nächste Woche weiß ich es dann.“

„Bist du sehr traurig?“ Maggie legte mir den Arm um die Schultern.

„Es ist eigenartig. Bei einem Teil von mir ist es immer noch nicht angekommen, dass sie tot sein soll. Aber ein anderer Teil hat begonnen, es zu begreifen, und wenn ich den spüre, ist die Traurigkeit kaum auszuhalten.“

Sieben Tage später stand ich auf dem Friedhof in Seelhausen. Ich fühlte mich fehl am Platz. Bis mich Albert aus diesem Zustand holte. Wieder einmal fragte ich mich, wie es möglich war, dass Vater und Sohn so gar keine Gemeinsamkeiten hatten. Während Franks Welt nur um ihn selbst zu kreisen schien, hatte Albert für alle anderen Herz, Augen und Ohren offen. Aber vielleicht waren Unterschiede zwischen Eltern und Kindern auch nicht so unglaublich selten. Ich zum Beispiel hatte rein gar nichts mit meiner Mutter gemeinsam. Hoffentlich.

Zum Glück kam Albert allein auf mich zu, ohne Frank, der tatsächlich mit seiner neuen Freundin hier aufgekreuzt war. Einerseits: Unfassbar. Andererseits: Er war mir nichts mehr schuldig, er war nur mein Ex. Seit einem Jahr inzwischen fast schon. Pünktlich zu meinem 36. Geburtstag hatte er letztes Jahr Schluss gemacht, aber das spielte jetzt gerade keine Rolle … Albert umarmte mich.

„Na, das ist was, oder?“ Fahrig wischte er sich die Tränen weg, aber es waren sofort neue da.

„Mein herzliches Beileid.“ Ich erwiderte seine Umarmung. Wir blieben eine Weile so stehen, ohne dass es sich eigenartig anfühlte. Dann lösten wir uns langsam und sahen einander an. Ich überlegte, wie ich anfangen sollte, ob das der richtige Moment war, da sagte er: „Es war ein Unfall.“

„Ja, ich dachte es mir schon. Ich meine, sie war ja gesund und alles …“

„Ja.“ Er schaute mich an, als wollte er noch etwas sagen. Ich wartete ab. Albert suchte nach Worten, schließlich stieß er hervor: „Sie hat dich gemocht. Sehr gemocht. Und sie hat … hatte … ja keine Kinder.“

Wir brauchten beide einen Moment, dann fuhr er fort, während er immer noch um Fassung rang, „Marlene hat dir etwas vererbt. Wir …“.

Seine Frau Irmhild kam auf uns zu und Albert sagte nur noch: „Lass uns später drüber reden, ja?“

Verdutzt blieb ich stehen, während er sich Irmhild zuwendete, die mich nur kurz grüßte. Beide gingen einige Schritte weiter. Mit Franks Mutter war ich nie so richtig warm geworden, daher war ich nicht böse, jetzt nicht mit ihr reden zu müssen. Aber gern hätte ich Antworten auf meine Fragen bekommen. Stattdessen wurden es immer mehr: Vererbt? Was hätte Marlene mir vererbt haben können – und warum? Waren nicht Albert und seine Frau die Erben? Und Frank womöglich auch noch?

Ganz in meiner Nähe stand eine kleine, rundliche Frau. Ich erinnerte mich: Das war Marlenes Nachbarin, Frau Dresen. Sie hatte mich wohl auch erkannt und nickte mir zu. Wir sprachen einander unser Beileid aus, dann schwiegen wir und schauten geradeaus. Es fühlte sich nicht schlecht an.

„Isch han der Eddi iersch ens zo mir jenomme …“, sagte sie nach einer Weile im rheinischen Eifelslang. Wie alle ihre Sätze endete das Gesagte mit erhobener Stimme, als ob da ein Fragezeichen stünde. Richtig, es gab ja noch Eddi, Marlenes Kater! Er war jetzt also bei ihr. Ich nickte und wir schwiegen wieder.

Unvermittelt kam ein unglaublich schöner Mann, der bisher an der Seite gestanden hatte, zu Frau Dresen. Er sah aus wie ein Künstler mit seinen halblangen dunklen Haaren. Ich war überrascht, jemanden wie ihn hier zu sehen, in einem Dorf hatte ich keinen so spektakulären Menschen erwartet.

„Ach, Herr Dokter“, sagte Frau Dresen.

„Hallo, Frau Dresen“, antwortete er, sprach sein Beileid aus und gab uns beiden die Hand.

„Wie geht es Eddi?“, fragte er Frau Dresen. Und dann erzählten die beiden mir, dass sie Eddi vor der Einäscherung zur Bestatterin gebracht hatten, damit er dort Marlene sehen konnte. Oder besser: Marlenes Leichnam.

„Der Dokter Stresow is‘ oser Dierarzt, also der Junior“, erklärte mir Frau Dresen beiläufig, sodass ich aufhören konnte, mir den Kopf zu zerbrechen, wieso ein schöner Künstler und eine gestandene Eiflerin auf die Idee gekommen waren, einen Kater in den verhassten Tragekorb zu zwingen und an einen Platz wie eine Leichenhalle oder ein Bestattungsinstitut zu tragen.

„Der Eddi hät dachlang jedruert un nach Marlene jesot. Er hät nix jefresse un wor richtisch doneve. Dat kenn isch jar nett von demm. Da han isch de Dokter jefrot, wat mer don könnt. Un der hatt die Idee, dat der Eddi dat Marlene noch ens sehn sollt. Damit der weeß, dat se net mi zorück kütt.“ Sie zog ein Stofftaschentuch heraus und schnäuzte sich.

„Bei Tieren ist es ja oft ähnlich wie bei Menschen“, erklärte er leicht verlegen, weil er wohl spürte, dass ich die Aktion zumindest außergewöhnlich fand. „Es hilft ihnen zu begreifen, dass dieser Mensch tatsächlich tot ist.“

„„Un dem Eddi hät et jeholpe“, bestätigte Frau Dresen und verstaute ihr Taschentuch wieder, allerdings griffbereit.

„Wir waren sehr dankbar, dass Frau Raderscheid, die Bestatterin, das möglich gemacht hat. Eigentlich war das alles so ein bisschen halblegal. Aber ich hab das schon mehrmals erlebt, dass es Haustieren danach sehr viel besser ging, Hunden bisher nur. Eddi war der erste Kater, mit dem wir es ausprobiert haben.“ Er schaute mich an, jetzt wirkte er etwas unsicher. „Gerade in dem Fall war das recht kompliziert“, fuhr er hastig fort. „Denn Marlene wurde ja zuerst vom Krankenhaus zur Obduktion gebracht. Erst danach war sie kurz bei der Bestatterin, bevor sie zur Einäscherung …“

Ich nickte, drehte mich weg und schnäuzte mich lautstark. Der allzu schöne Dr. Stresow verwirrte mich mit seinem etwas umständlichen Gerede. Überhaupt spürte ich, dass mir das alles gerade zu viel wurde. Die unwirkliche Situation, alles überrollte mich plötzlich: Marlene tot, Frank dort drüben, so viele Leute um mich herum, die ich nicht kannte. Ich fühlte mich nicht in der Lage, von einem sprechwütigen Tierarzt in die Abläufe einer Bestatterin eingearbeitet zu werden.

Zum Glück konnte ich mich jetzt hinsetzen, der offizielle Teil begann. Ein Redner sprach. Seine Worte zerrannen, ohne dass ich ihren Sinn erfassen konnte. Vorsichtig bemühte ich mich, sehr tief zu atmen, um die aufkommende Übelkeit wegzudrücken. Es fühlte sich an, als würde ich hörbar um Luft ringen. Aber niemand sah zu mir, also war es wohl nicht so laut, wie ich befürchtet hatte. Langsam wurde es etwas besser.

Verstohlen schaute ich mich um. Da drüben erkannte ich Charlotte. Ich hatte sie schon einige Male gesehen, weil sie eine engere Freundin von Marlene gewesen war. Charlotte wirkte völlig versteinert. Neben ihr saß eine Frau, die ich auch wiederzuerkennen glaubte: War das Elena, eine von Marlenes Kundinnen? Dr. Stresow saß neben einer jungen Frau, die mir ebenfalls bekannt vorkam: Richtig, das war Mara, die als Köchin in Alberts Restaurant arbeitete. Sie senkte den Kopf, die vielen schwarzen Zöpfe fielen vor ihr Gesicht. Mein Blick wanderte zu Albert. Er schluchzte leise. Irmhild neben ihm starrte mit undurchdringlicher Miene geradeaus. Ich spürte plötzlich, dass mir die Tränen über die Wangen liefen. Es fühlte sich so an, als würden sie schon seit einer ganzen Weile unaufhaltsam laufen. Ich nestelte meine Tempos aus der Tasche. Alles um mich herum schien jetzt farblos und erdrückend. Die Menschen wirkten wie ausgeblichen: Die ohnehin sehr hellhäutige Charlotte schien fast durchsichtig, Albert war ganz grau, wie mit Asche bestreut. Sogar Maras dunkle Haut war bleich.

Ich versuchte weiter sehr tief zu atmen. Als die Trauerfeier endlich vorbei war, fühlte ich mich so entkräftet, als wäre ich einen Marathon gelaufen.

Erst später im Restaurant erfuhr ich schließlich mehr über die Nacht, in der Marlene umgekommen war.

„Irmhild ist abends mit dem Fahrrad vom Fitnessstudio nach Hause gefahren, es war ja die letzten Wochen ungewöhnlich warm, normalerweise muss sie im Februar mit dem Auto fahren …“, erklärte Albert. Ich wartete darauf, dass er endlich zum Punkt kam. Wie der Tierarzt war auch er offensichtlich gerade nicht in der Lage, einfach zu sagen, was zu sagen war, oder zu schweigen, sondern redete über irgendetwas.

Albert schluckte krampfhaft. „Ja … und dann … hat sie Marlene am Straßenrand liegen sehen. Marlene war angefahren worden und schwer verletzt. Eddi, also Marlenes Kater, irrte auch dort herum.“

Nervös griff Albert nach seinem Weinglas und nahm einen Schluck. „Jedenfalls hat Irmhild sofort die Erstversorgung gemacht und die 112 gerufen. Die waren auch recht schnell da. Irmhild hat dann Marlene im Rettungswagen ins Krankenhaus begleitet, als Schwägerin durfte sie das. Aber …“, Albert sah jetzt aus, als würde er gleich ersticken, „Marlene ist dort gestorben“.

Er trank den Rest auf einen Zug und schaute sich suchend nach dem Kellner um. Ich trank auch. Meine Hand zitterte.

„Genau, Eddi“, bemerkte ich zusammenhanglos. „Der ist jetzt bei Frau Dresen, richtig?“

„Ja, er wird jetzt erst einmal von Frau Dresen, Charlotte und mir versorgt. Kennst du die beiden? Sie sind auch da.“

„Ja, ja“, bestätigte ich hastig, „Mit Frau Dresen habe ich vorhin schon gesprochen.“

Um endlich weitere Antworten zu bekommen, bevor er mich zu irgendwelchen Leuten brachte, fragte ich: „Also war es offensichtlich Fahrerflucht, oder? Dann müsste das aber doch von der Polizei genauer untersucht werden, ist das nicht so üblich?“ Zumindest hatte der Tierarzt vorhin auch etwas von einer Obduktion geplappert, erinnerte ich mich jetzt.

„Ja, es wurde schon alles untersucht. Ich habe dir erst danach geschrieben, als Marlene, also ihre … ihre sterblichen Überreste, freigegeben waren. Erst dann konnte auch die Beerdigung geplant werden und all das.“

War sie schwer verletzt gewesen? Hatte es deshalb eine Urnenbestattung gegeben? Oder hatte Marlene das so geplant, vorher schon irgendwann? Wir hatten über dieses Thema nie gesprochen. Genau genommen hatte ich mit noch gar keinem Menschen über so etwas gesprochen.

Hätte es mir geholfen, sie noch einmal zu sehen, so wie es Eddi geholfen hatte? Was Dr. Stresow vorhin erzählt hatte, wusste ich: dass es beim Abschied von Verstorbenen helfen konnte, sie tot zu sehen, damit man begann, das Unfassbare zu begreifen. Dennoch hatte die Vorstellung, vor Marlenes leblosem Körper zu stehen, mir riesige Angst gemacht. Keine Ahnung, was das bei mir ausgelöst, wie ich mich verhalten hätte … Diese Überlegungen ersparte ich Albert aber jetzt.

„Ach so“, sagte ich stattdessen. „Und habt ihr eine Idee, was da passiert sein könnte? Was hat Irmhild mitbekommen? Hat die Polizei etwas herausgefunden? Irgendetwas?“

„Nein, leider hat sich bisher nichts ergeben. Sie haben Lackspuren von einem schwarzen Wagen gefunden und sogar öffentlich nach dem möglichen Auto gefahndet. Aber es ist noch gar nichts weiter rausgekommen.“

„Aha“, machte ich ratlos.

„Ja …“ Albert schien plötzlich aus seiner traurigen Lethargie aufzuwachen. „Ich wollte dir aber doch noch erzählen … also, Marlene hat dir etwas vererbt. Um genau zu sein, hat sie dich als Alleinerbin eingesetzt. Du bekommst ihr Haus und alles, was sie sonst noch hatte. Das kommt wahrscheinlich jetzt ein bisschen überraschend. Ja. Also, das wollte ich dir sagen.“

Wir schauten uns an und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Würde das jetzt so weitergehen, dass eine unfassbare Nachricht nach der anderen kam und mich ratlos zurückließ?

Albert sah mich unsicher an und fuhr fort: „Also, wir könnten schon sehr bald all die Formalitäten erledigen, Testamentseröffnung und so etwas. Eigentlich schon morgen, wenn es bei dir passt. Weißt du schon, wie lange du hierbleiben kannst? Wir könnten gleich morgen Mittag zum Notar, um alles abzuklären, ich hab uns schon mal einen Termin reserviert. Dr. Echer, das ist der Notar, meinte aber, der Termin kann auch noch ein bisschen verschoben werden, falls es dir morgen nicht recht ist. Es ist wirklich kein Problem.“

Ich merkte, wie er immer weiterreden wollte, über irgendetwas. Nur um das Gefühl zu haben, es gäbe ein normales Leben, in dem man Dinge regeln und alles in der Hand behalten konnte. Und nicht eins, in dem seine Schwester von irgendwem überfahren worden war, dem das völlig egal gewesen zu sein schien.

„Ja“, rang ich mir deshalb ab, „wir können das morgen machen, klar. Bitte verzeih, Albert, ich fühle mich gerade von alldem etwas überfordert, verstehst du das?“

„Ja, ich verstehe dich, Susanne. Möchtest du es lieber später irgendwann entscheiden? Für Dr. Echer ist das sicher in Ordnung.“

„Wäre es okay, wenn ich dir morgen früh Bescheid sage? Meinst du, das geht? Oder wird dir das zu knapp?“

„Nein, nein. Schlaf nur ruhig drüber, das ist eine gute Idee.“

Wir umarmten uns wieder. Über seine Schulter hinweg sah ich, wie Irmhild herüberkam, mit der ich den ganzen Tag praktisch kein Wort gewechselt hatte. Und Frank gleich hinter ihr. Nein, das wollte ich mir hier und heute bestimmt nicht auch noch antun. Immerhin hatte ich bis hierhin halbwegs durchgehalten, das würde mir in Franks Nähe noch schwerer fallen.

„Ich glaub, ich geh jetzt, ich muss ein bisschen an die frische Luft und dann schlafen“, meinte ich hastig zu Albert und ließ ihn stehen.

Im Vorraum der Gaststätte stieß ich fast mit Charlotte zusammen. Sie hatte die Arme um den Körper geschlungen und stand einfach nur da, ganz allein.

„Mein herzliches Beileid, Charlotte“, sagte ich unsicher.

Sie blickte auf. „Danke. Dir auch mein Beileid. Marlene wird sehr fehlen.“

„Das stimmt.“

Das Gefühl, sofort hier raus zu müssen, verstärkte sich, es war kaum noch auszuhalten. Auch Charlotte schien etwas sagen zu wollen, aber ich war nicht sicher, ob ich heute noch weitere Eröffnungen, Geständnisse oder Geschichten hören konnte, ohne zu schreien. Deshalb tat ich das, was ich meist tat: Ich lief davon. Wortlos sah Charlotte mir nach. Vielleicht hatte sie nur ein, zwei belanglose Sätze sagen wollen. Vielleicht hätte sie eine Umarmung gebraucht, sie war eine gute Freundin von Marlene gewesen. Schon nach wenigen Sekunden fühlte ich Scham, dass ich so schlecht darin war, bestimmte Situationen auszuhalten.

Endlich draußen, beschloss ich, noch einen kurzen Spaziergang zum Friedhof zurück zu machen. Es wurde schon kühl. Ich schlang mir den überlangen dunkelgrünen Schal zweimal um den Hals. Ein Geschenk von Marlene. Wieder liefen mir Tränen übers Gesicht. Oder immer noch?

Ich ging die Straße hinunter. Keine zwei Minuten später stand ich am Friedhofseingang und blickte zu der Stelle, an der vorhin die Trauerfeier stattgefunden hatte. Es sah aus, als stünde dort jemand. Eine kleine Person. Sie hob die linke Hand und winkte mir begeistert zu, so wie nur Marlene winken konnte. Es wirkte kein bisschen beängstigend. Es war der einzige Moment an diesem Tag, in dem ich so etwas wie Hoffnung und Ruhe spürte.

Später lag ich noch lange wach. Szenen, Gespräche, Gesichter – all die Bilder vom Tag tauchten auf und verschwanden wieder. Dann fiel ich in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich mitten in der Nacht hochfuhr. Draußen pfiff laut der Wind. Ich fröstelte. Schließlich holte ich mir eine weitere Decke aus dem Schrank im Pensionszimmer. Eine Weile lag ich noch wach, bevor ich endlich wieder einschlief.

Am nächsten Morgen rief ich Albert an. Ich war jetzt sicher, dass ich zu diesem Notar wollte. Schon um zu erfahren, was Marlene vorgehabt hatte. Womöglich würde das, was der Notar mir sagen konnte, ihren Tod erklären, mir die Situation auf irgendeine Art begreiflicher machen.

Ich verabredete mich mit Albert zum Frühstück in der Pension, bevor wir um elf Uhr zum Notar gehen würden. Ich hatte noch einige Fragen an Albert und hoffte, er würde sie mir beantworten können. Tatsächlich wusste ich ein bisschen mehr, als wir zwei Stunden später zum Notar aufbrachen: Marlene hatte im Spätherbst letzten Jahres eine verhärtete Stelle in ihrer Brust entdeckt. Bei der ärztlichen Untersuchung war der Verdacht auf Brustkrebs aufgekommen. Nach dem ersten Schock hatte sich Marlene auch die Frage gestellt, wie es mit der Schneiderei weitergehen sollte, falls sie sterben würde.

„Sie ist dann darauf gekommen, dass sie das Haus mit Schneiderei – und natürlich Eddi – am liebsten in deiner Verantwortung sehen würde“, erzählte Albert. „Daraufhin hat sie erst einmal alles hier abgeklärt. Vor allem, was zu beachten ist, da ihr ja nicht verwandt seid und so. Mich hat sie gleich mit einbezogen, allein schon, weil ich ja mit ihr zum Notar gehen musste, um den Verzicht auf mein Erbe schriftlich zu bestätigen. Das muss bei solchen Testamenten gemacht werden, damit es später keinen zusätzlichen Stress oder vielleicht Streit ums Erbe gibt.“ Er nahm noch einen Schluck Kaffee und goss sich gleich darauf welchen nach. „Du auch noch?“

Ich nickte. Er füllte meine Tasse und fuhr fort. „Bei der Biopsie im November stellte sich heraus, dass der Knoten zum Glück gutartig war und sie keinen Krebs hatte. Sie war überglücklich.“ Seufzend atmete er aus. Wahrscheinlich hatte er denselben Gedanken wie ich: Sie war froh gewesen, doch weiterleben zu dürfen. Doch schon wenige Monate später war sie dennoch umgekommen. Aus verschwollenen Augen sahen wir einander an. Ich legte meine Hand auf Alberts Arm. Er erzählte weiter: „Sie war aber nach wie vor begeistert von ihrer Idee, dir alles zu vererben oder vielleicht auch schon zu Lebzeiten zu überschreiben, weil sie ja wusste, dass du beruflich in die Richtung gehen willst. Sie hatte gehofft, dass du dich freuen würdest, vielleicht irgendwann die Schneiderei zu übernehmen, und wollte es dir so schnell wie möglich sagen.“

Er trank einen Schluck von seinem Kaffee und fuhr fort: „Im Januar, als sie bei dir war, wollte sie dir alles erzählen. Aber irgendwie hat sie es nicht hinbekommen. Sie erzählte mir danach, dass sie Angst gehabt hatte, du würdest ablehnen. Es hatte sich wohl keine Gelegenheit ergeben, dass sie dich fragen konnte. Du hattest dich gerade wieder umorientiert und einen Job im Büro angenommen. Sie wollte dich nicht da rausreißen – oder etwas ansprechen, das dir vielleicht wehgetan hätte. Sie war erst einmal ratlos, ob und wann sich die nächste Gelegenheit ergeben würde, mit dir darüber zu sprechen.“

Albert trank seinen Kaffee aus und schaute mich unsicher aus geröteten Augen an. Während seiner Erzählung hatte ich mich an die Tage im Januar erinnert, als Marlene bei mir gewesen war: Ja, zweifellos, mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht! Sie hatte mir etwas sagen wollen, es aber dann doch nicht getan. Nun wusste ich, was es gewesen war.

Nach dem gemeinsamen Frühstück checkte ich aus der Pension aus, und wir brachten meine Sachen zu Alberts Auto. Er würde mich nach dem Termin zum Bahnhof bringen. Die Kanzlei befand sich direkt um die Ecke. Der Notar schien nur wenig älter als ich zu sein und ich mochte ihn auf Anhieb.

„Guten Tag, mein Name ist Christian Echer.“ Er reichte mir die Hand. „Zuerst einmal mein herzliches Beileid. Ich war gestern Vormittag auch am Friedhof, aber wollte Sie nicht ansprechen, weil ich dachte, es war ohnehin alles schon ausreichend schwierig.“

Ja, ich erinnerte mich, ihn auch gesehen zu haben. Er sah nicht so aus, wie ich mir einen Notar vorgestellt hatte: Christian Echer war groß, sportlich und hatte sympathische Lachfältchen um die Augen. Überraschend, welch attraktive Männer dieses Kaff barg, das war mir bei den Besuchen bei Marlene früher gar nicht aufgefallen. Fast musste ich lächeln, denn Marlene hätte in dieser Situation einen passenden Kommentar für mich gehabt, ich war mir sicher. Ja, sie fehlte.

Christian Echer kam gleich zur Sache, erklärte den Ablauf der Testamentseröffnung und verlas das Schreiben.

„Gibt es noch Fragen?“, erkundigte er sich dann. Wir schwiegen alle drei, bis der Notar meinte: „Es gibt auch noch einen Brief an Sie.“ Er überreichte mir einen Umschlag.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, fragte er und holte auf unseren Wunsch hin Wasser, während ich den Umschlag öffnete und den Brief las.

Liebe Susanne,

ich weiß nicht, ob wir diesen Brief bald schon gemeinsam lesen werden, weil Du in meine Schneiderei einsteigst, wenn ich noch dabei sein kann. Das wäre traumhaft. Falls aber etwas dazwischenkommt und ich nicht mehr da bin, wenn Du sie bekommst, dann möchte ich Dir vor allem sagen: Ich glaube, am wichtigsten im Leben ist es, sich das zu trauen, was man tun will. Ganz egal, wie unsinnig es scheint. Und vor allem: Ganz egal, was die anderen sagen. Lebe dein Leben für dich selbst, nicht für andere. Wenn Du eine Chance bekommst, die sich für Dich gut anfühlt, fasse Dein Glück, greif zu! Nicht allzu viele Menschen bekommen ein, zwei oder mehr Chancen in ihrem Leben.

Ich habe in meinem bisherigen Leben nicht viel gewagt – oder vielleicht auch nur: zu vieles nicht gewagt. Und ich habe zu viel darüber nachgedacht, was andere von mir halten könnten. Viel zu viel nachgedacht, viel zu wenig gelebt. Ich wünsche Dir, dass Du das über Dein Leben nicht sagen musst.

Alles Liebe

Deine Marlene

Ich suchte nach Taschentüchern, Albert hielt mir eins hin.

Später auf der Fahrt zum Bahnhof fiel mir plötzlich etwas ein: „Albert, können wir eventuell kurz noch zu Marlenes Haus?“

Er nickte und wendete im nächsten Kreisel, von denen es hier unzählige gab, um zurück nach Seelhausen zu fahren.

„Dann verpasst du aber deinen Zug, oder?“

„Ja, macht nichts. Ich nehme einen späteren, das funktioniert schon. Aber ist es für dich okay? Hast du denn noch Zeit?“

„Ja, ich hab mir die ganze Woche freigenommen. Auch wenn mir das Arbeiten sonst hilft, zurzeit kann ich mich nicht mal damit ablenken. Und das Restaurant läuft ehrlich gesagt sowieso schon fast ohne mich, wegen Mara. Du hattest sie schon mal gesehen, als du mit Marlene letztes Jahr einmal bei uns essen warst, weißt du noch?“ Er schluckte.

„Ja, ich erinnere mich. Und gestern ja auch … Seit wann arbeitet sie mit in der ,Waldesruh‘?“

„Inzwischen schon fast zwei Jahre. Ich glaube, sie ist die beste Köchin, mit der ich jemals gearbeitet habe!“ Jetzt lächelte Albert ein bisschen. „Weißt du, eigentlich bin ich durch Marlenes Idee, dich in die Schneiderei zu locken, auch auf etwas verfallen.“

Ich schaute ihn fragend an.

„Ja“, ergänzte er. „Ich überlege, dass Mara vielleicht das Restaurant irgendwann übernehmen könnte.“

„Mh“, machte ich. Mir lag der Kommentar auf den Lippen, dass er das mit Mara lieber nicht posthum klären sollte, so wie seine Schwester es mit mir getan hatte. Ich spürte neben all meiner Trauer nämlich inzwischen auch den Impuls, Marlene anzuschreien, weil sie mir vorher gar nichts über ihre Pläne erzählt hatte, aber leider: Marlene war weg, es gab niemanden mehr zum Anschreien.

„Ich würde Mara natürlich erst mal fragen, bevor ich etwas entscheide oder konkreter plane“, meinte Albert in dem Moment. „Schau, da sind wir schon.“

Die Sonne hatte sich im Laufe des Tages durch die Wolken gekämpft, der kleine Garten lag im Nachmittagslicht vor uns. Der Wind hatte aufgefrischt. Albert drückte mir den Schlüssel in die Hand. „Ich warte hier.“

In dem kleinen Haus hatte in der Zeit nach Marlenes Tod jemand aufgeräumt, das war zu sehen. Wahrscheinlich Albert. Doch ansonsten war alles fast so wie bei meinem letzten Besuch. Ein halbes Jahr war der her. Marlenes Geschichte der letzten Monate hatte keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Ich ging durchs Haus. Die saubere, gemütliche Küche mit den Schachbrettfliesen verschwieg, ob Marlene hier geweint hatte. Die ordentlich aufgeräumte Werkstatt erzählte nichts von Momenten, in denen sie – eine angefangene Näharbeit in den Händen – die Angst vorm Sterben niedergekämpft hatte, als sie noch davon ausgegangen war, Krebs zu haben.

Auch durchs Obergeschoss streifte ich: Der kleine Sekretär unter dem Wohnzimmerfenster verriet nicht, ob Marlene an ihm den Entwurf für ihr Testament geschrieben hatte. Die glattgezogene Tagesdecke auf dem Bett im Schlafzimmer verbarg, ob hier schlechte Träume geträumt worden waren. War sie still gewesen in dieser Zeit oder voll lauter Wut? Wir hatten einander geschrieben, die ganze Zeit. Wieso war mir nichts aufgefallen?

Ich ging wieder nach unten, öffnete die Terrassentür und schaute hinaus. Große Rhododendren mit dicken, dunklen Blättern säumten die kleine Terrasse. Ein paar mutige Krokusse zauberten violette und weiße Tupfen in die Wiese daneben. Narzissen spitzten aus der Erde, sogar die Tränenden Herzen schickten sich an, bald zu blühen. Die hatte Marlene besonders geliebt, das wusste ich. Auch das Hochbeet hatte sie jedes Jahr mit großer Sorgfalt bepflanzt und sie hatte mit allerlei Gemüse experimentiert. Jetzt war es abgedeckt, befand sich noch im Winterschlaf. Der Eifelwind zerrte an den Zweigen der Forsythie, deren Spitzen in intensivem Gelb leuchteten. Sie war die einzige Pflanze im Garten, die sich über den Schutz der meterhohen, kompakten Buchenhecke hinauswagte. Solche mauerartigen Hecken gab es hier überall. Als Schutz vor dem oft heftigen und kalten Wind, so hatte es mir Marlene mal erklärt.

Ich spürte plötzlich: Ich wollte hierbleiben. Ausprobieren, wie das Haus sich anfühlte. Für eine Nacht vielleicht? Ich hatte mir ohnehin den morgigen Tag noch freigenommen, konnte also genauso gut morgen zurück nach München fahren.

Es schien, als hätte Albert damit gerechnet. Er nickte nur, nahm mein Gepäck aus dem Kofferraum und fragte: „Brauchst du noch etwas, soll ich nachher noch mal vorbeikommen?“

„Nein, nein. Ich würde selbst rasch einen kleinen Einkauf machen. Der Laden vorn an der Straße hat wohl alles, was ich so brauche, stimmt’s?“

„Genau“, bestätigte Albert. Er deutete auf das Nachbarhaus: „Eddi ist wie gesagt bei Frau Dresen, du kannst ihn bestimmt besuchen, wenn du magst.“

Nachdem Albert weggefahren war, saß ich eine Weile still in der Wohnung. Jetzt spürte ich doch, dass Marlene fehlte.

Und Eddi. Ich beschloss, erst einmal etwas einzukaufen. Es tat gut, noch ein wenig unterwegs zu sein. Später würde ich nach Eddi schauen.

In den engen Gängen des „Gut und günstig“ stieß ich fast mit dem Tierarzt zusammen.

„Hallo“, sagten wir gleichzeitig. Das doppelte Hallo klang in mir nach, dann war mein Kopf leer und ich wusste nichts zu sagen.

„Sie bleiben noch?“, fragte er.

„Ja, ich möchte das Haus anprobieren“, erklärte ich. Es klang eigenartig, aber es war genau das, was ich vorhatte. Ich wollte ihm erklären, was ich meinte, aber er schien von meiner Antwort nicht überrascht zu sein, sondern meinte: „Gute Idee.“ Hatte es sich schon herumgesprochen, dass ich Marlenes Haus erben würde?

Er schaute mich aufmerksam an. „Ich bin in etwa drei Stunden fertig in der Praxis, darf ich vielleicht noch mal vorbeikommen und nach Eddi sehen? Oder möchten Sie lieber allein sein – oder passt es einfach nicht, dass …?“

„Es passt. Kommen Sie gern vorbei. Die Adresse kennen Sie ja, denke ich.“

Als ich aus dem Laden ging, fiel mir auf, dass ich nicht einmal Zeit gehabt hatte, mich überrumpelt zu fühlen, so selbstverständlich war das gerade passiert. Auch sein Aussehen und seine etwas förmliche Art hatten mich nicht so sehr aus dem Konzept gebracht, wie ich erwartet hatte. Beim Gedanken daran, dass ich Hagen Stresow nachher noch sehen würde, schlug mein Herz ein kleines bisschen schneller. Ich konnte ihn nicht einordnen. Der Mann war zu schön, um wahr zu sein, sein umständliches Benehmen nervte – und doch hatte er etwas an sich, das mir gefiel. Ich konnte nicht sagen, was es war.

Doch jetzt schaute ich erst einmal bei Frau Dresen vorbei. Eddi steckte das Köpfchen durch den Türspalt und sah zu mir hoch.

„Ach, schön, dat Se noch do sin‘. Un blieven Se die Nach‘ noch he?“, fragte sie, noch bevor wir uns begrüßten.

„Ja“, ich ging in die Hocke und Eddi drückte sich schnurrend in meine Hände. „Was meinen Sie, kann ich Eddi heute vielleicht schon mit nach drüben nehmen? Oder wird ihn das womöglich durcheinanderbringen, weil ich ja morgen wieder weg bin?“

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