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Marlene und die Suche nach Liebe

Über C. W. Gortner

C. W. Gortner wuchs in Südspanien auf. In Kalifornien lehrte er an der Universität Geschichte mit einem Fokus auf starke Frauen inder Historie. In Marlene Dietrich erkannt er eine so "stürmische wie unkonventionelle und mutige Frau", dass er einfach über sie schreiben musste. Er lebt in San Francisco.

Mehr Informationen zum Autor unter www.cwgortner.com

Christine Strüh übertrug u.a. Kristin Hannah, Gillian Flynn und Cecelia Ahern ins Deutsche. Sie lebt in Berlin.

Informationen zum Buch

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Wie im Rausch erkundet die junge Marlene die wilden Nächte Berlins. Sie liebt, wen immer sie begehrt, und wird mit „Der blaue Engel“ zum Star. Bald feiert man sie in Hollywood als glamouröse Diva. Ihr Streben nach Selbstbestimmung lässt Marlene jedoch immer wieder anecken, und auch in der Liebe bleibt sie auf der Suche – bis sie dem Schauspieler Jean Gabin begegnet. Doch dann zieht Marlene mit den amerikanischen Truppen an die Front – und die Rückkehr in das zerstörte Deutschland wird zu ihrem persönlichen Drama.

Eine große Geschichte über Leidenschaft und Kunst, eine Welt im Wandel – und die Liebe

C. W. Gortner

Marlene und die Suche nach Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Christine Strüh

Erste Szene

Das Schulmädchen

1914–1918

»Mit meiner Geburt hatte ich nichts zu tun.«

Kapitel 1

Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich zwölf Jahre alt.

Es passierte in der Auguste-Viktoria-Schule in Schöneberg, damals noch eine eigene Stadt im Südwesten Berlins. In einem klotzigen, von schmiedeeisernen Toren bewachten Gebäude, hinter dessen extravaganter Fassade sich ein Labyrinth eisig kalter Klassenzimmer verbarg, lernte ich Tag für Tag Grammatik, Rechnen und Geschichte, darauf folgten Haushaltsführung und kräftigende Leibesübungen im Freien und zu guter Letzt noch ein ausgesprochen oberflächlicher Französischunterricht. Ich hegte eine tiefe Abneigung gegen die Schule, was jedoch nicht daran lag, dass es mir schwerfiel, die fachlichen Anforderungen zu erfüllen. Verschiedene Gouvernanten hatten sich in meiner Kindheit um meine Erziehung gekümmert, wobei meine ein Jahr ältere Schwester Elisabeth – in der Familie stets Liesel genannt – immer die meiste Aufmerksamkeit bekam, weil sie so kränklich war. Bei uns zu Hause hatten täglich Englisch und Französisch, Benehmen, Tanz und Musik auf dem Programm gestanden, und unsere Mutter verlangte in jeder dieser Disziplinen unanfechtbare Perfektion. So mochte ich zwar besser auf die Härten institutionellen Lernens vorbereitet sein als die meisten meiner Klassenkameradinnen, dennoch war mir die Schule verhasst. Ich passte einfach nicht zu den anderen Mädchen mit ihren marmeladenklebrigen Fingern und wollte mich nicht in ihre Gemeinschaft einfügen. Sie hingegen kannten sich fast alle seit frühester Kindheit und verliehen mir wegen meiner vermeintlichen Schüchternheit den Spitznamen Maus, nichtahnend, dass »schüchtern« wohl das letzte Wort gewesen wäre, mit dem meine Mutter mich beschrieben hätte.

Als unser Vater an einem Herzstillstand starb, war ich sechs Jahre alt, doch unsere Trauer um ihn wurde rasch überlagert von der dringenden Notwendigkeit, unser Leben neu zu organisieren. Nach außen musste der Schein gewahrt werden, immerhin stammte die Witwe Josephine Dietrich aus der berühmten Uhrmacherdynastie Felsing, die seit über einem Jahrhundert den Titel »Hoflieferant« führen durfte, doch meine Mutter weigerte sich strikt, Unterstützung von ihrer Familie anzunehmen, und die Rente meines Vaters – er war Polizeileutnant auf der Schöneberger Insel gewesen – reichte bei weitem nicht. So verschwanden schon bald nach seiner Beerdigung die Gouvernanten, weil sie als entbehrlicher Luxus erachtet wurden, und Mutter nahm eine Stelle als Hauswirtschafterin an. Wegen Liesels diffuser gesundheitlicher Beschwerden entwarf Mutter einen Lehrplan für sie, dem sie zu Hause nachgehen sollte. Mich dagegen zwang sie in die steif gestärkte graue Schuluniform, flocht meine rotblonden Haare zu Zöpfen, krönte das Ganze mit einer riesigen Taftschleife auf dem Kopf und führte mich in meinen zehenzwackenden Lacklederschuhen ab in die Schule, wo unbescholtene ältere Fräulein meinen Charakter bilden sollten.

»Benimm dich ordentlich«, ermahnte Mutter mich. »Denk an deine Manieren, und tu, was man dir sagt. Hab ich mich klar ausgedrückt? Durch deine Erziehung bist du vielleicht vielen anderen voraus, aber damit prahlt man nicht.«

Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Zu Hause wurde ich oft getadelt, weil ich versuchte, Liesel auszustechen, aber als ich den Schulhof betrat und mich von den Mädchencliquen umringt sah, die mich mit argwöhnischen Blicken musterten, begriff ich sofort, dass es besser für mich wäre, mit meinem Wissen hinter dem Berg zu halten. So ahnte niemand, dass ich über mehr als grundlegende schulische Kenntnisse verfügte. Dies galt natürlich auch für die französische Sprache, die zwar zur Bildung jedes wohlerzogenen Mädchens gehörte, mit der jedoch kein wohlerzogenes deutsches Mädchen allzu vertraut werden sollte, da sie mit ihrem verführerischen Klang immer auch einen Hauch des Verbotenen in sich trug. Um die Aufmerksamkeit von mir abzulenken, setzte ich mich an ein Pult ganz hinten im Klassenzimmer und hielt mich von den anderen weitgehend fern – eine Maus eben, die sich in aller Öffentlichkeit versteckte.

Bis zu jenem Tag, an dem unsere neue Französischlehrerin eintraf.

Sie wirkte gehetzt, als hätte sie sich sehr beeilen müssen, nicht zu spät zu kommen. Aus ihrem Knoten hatten sich kastanienbraune Strähnen gelöst, ihre Wangen waren gerötet. Tatsächlich hatte es bereits geläutet, die Mädchen flüsterten aufgeregt über die Gänge hinweg miteinander.

Plötzlich tauchte nun also die lang erwartete Nachfolgerin von Madame Servine auf, die nach einem unglücklichen Sturz früher als geplant in den Ruhestand gegangen war. Die Julihitze war extrem, und unserer neuen Lehrerin stand der Schweiß auf der Stirn, als sie ihre Bücher mit einem lauten Knall auf das Pult fallen ließ. Die ganze Klasse setzte sich erschrocken auf.

Madame Servine hatte keine Trödelei geduldet, und ihr Lineal war als Strafe für vermeintlichen Ungehorsam schmerzhaft auf Knie oder Finger so mancher Schülerin niedergesaust. Und womöglich würde sich diese junge Frau als ebenso furchterregend herausstellen. Von meinem üblichen Platz weit hinten spähte ich über die Schultern der vor mir sitzenden Mädchen und beobachtete, wie sie sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.

»Mon Dieu«, stöhnte sie dabei. »Il fait si chaud. Ich hätte nicht gedacht, dass es in Deutschland so heiß werden kann.«

Niemand sagte ein Wort. Mit einer achtlosen Handbewegung ließ die neue Französischlehrerin ihr feuchtes Taschentuch in der Bluse verschwinden. »Bonjour mesdemoiselles. Ich bin Mademoiselle Bréguand, eure neue Französischlehrerin.«

Eigentlich war es unnötig, dass sie sich vorstellte. Wir wussten genau, wer sie war, warteten wir doch schon seit Wochen auf sie, während wir von der Vertretungslehrerin Frau Becker mit endlosen Aufgaben gequält wurden. Im Akzent unserer neuen Lehrerin war deutlich die Melodie von Paris zu erkennen, und während es in meinem Bauch vor Freude kribbelte, spürte ich, wie die Mädchen um mich herum schauderten. Madame Servine war wegen ihrer Lorgnette, ihrer bedrohlich klackenden dritten Zähne und ihrer hochgeschlossenen, aus der Zeit der Jahrhundertwende stammenden Kleider stets mit dem Spitznamen Ancien Régime bedacht worden. Doch die junge Frau – in ihrer an Hals und Handgelenken spitzenverzierten Bluse, ihrem modischen knöchellangen Rock, der ihre schlanke Figur betonte und unter dem elegante Stiefelchen hervorlugten – verhieß etwas ganz anderes.

Ich reckte mich erwartungsvoll.

»Allez«, verkündete sie. »Ouvrez vos livres, s’il vous plaît

Regungslos saßen die anderen Mädchen da, nur ich griff zu meinem Französischbuch. »Eure Bücher, bitte. Schlagt eure Bücher auf«, erklärte Mademoiselle auf Deutsch und seufzte.

Ich verkniff mir ein Grinsen.

»Wir wollen heute ein paar Verben konjugieren, ja?«, fuhr sie fort und ließ den Blick über die Klasse schweifen. Niemand antwortete ihr. Seit Madame gestürzt war, hatte keines der Mädchen sich die Mühe gemacht, einen Blick in unser Französischbuch zu werfen. Französisch war ihnen gleichgültig, und aus den Gesprächen, die ich gelegentlich mitbekam, wusste ich, dass meine Mitschülerinnen ohnehin nur ein einziges Lebensziel kannten: so schnell wie möglich zu heiraten und den Klauen ihrer Eltern zu entrinnen. Kinder, Küche, Kirche – das schien der alleinige Ehrgeiz, der deutschen Mädchen eingeimpft wurde wie zuvor ihren Müttern und Großmüttern. Welchen Sinn könnte es für diese jungen Frauen haben, Französisch zu lernen?

Mademoiselle Bréguand beobachtete das hektische Blättern, schien jedoch nicht willens, es zu kommentieren. Pflichtvergessenheit bei den Hausaufgaben war ein beliebtes Vergehen, doch jede von uns fürchtete, dabei erwischt zu werden. Von Madame Servine erzählte man sich, dass sie einmal eine Schülerin gezwungen hatte, bis zum Einbruch der Dunkelheit nachzusitzen – bis sie entweder ihre Aufgaben erledigt hatte oder vor Erschöpfung zusammengebrochen war.

Dann sah ich plötzlich, wie sich auf Mademoiselles Gesicht ein schelmisches Lächeln abzeichnete. Ich konnte es nicht fassen – an diesem Ort, wo die Lehrerinnen nie etwas anderes zeigten als Strenge, war diese Gemütsregung so überraschend, dass der Gefühlswirbel in meinem Inneren sich unversehens in etwas verwandelte, was mich an Schlagsahne auf meiner Zunge denken ließ.

»Beginnen wir mit ›sein‹ – être. Je suis, je serai, j’étais. Tu es, tu seras, tu étais. Il est, il sera, il était. Nous sommes, nous serons, nous étions …« Während sie rezitierte, schritt sie langsam durch die schmalen Gänge zwischen unseren Pulten und lauschte, den Kopf zur Seite geneigt, den erbärmlichen Bemühungen ihrer Schülerinnen. Es war eine miserable Darbietung, ein Beweis von Bummelantentum und absoluter Geringschätzung der französischen Sprache. Aber Mademoiselle korrigierte niemanden, sondern wiederholte nur immer wieder die Konjugationen, die die Mädchen ihr mehr oder minder erfolgreich nachsprachen.

Schließlich stand sie vor mir. Blieb stehen. Hob die Hand, und alle verstummten. Mit ihrem bernsteinbraun-grünen Blick fixierte sie mich und forderte mich zu wiederholen auf: »Répète, s’il te plaît

Weil ich um jeden Preis vermeiden wollte, herausgestellt zu werden, nahm ich mir vor, genauso schrecklich zu klingen wie die anderen. Aber meine Zunge gehorchte mir nicht, und ich hörte mich zögernd konjugieren: »Vous êtes. Vous serez. Vous étiez

Das unterdrückte Kichern eines Mädchens in meiner Nähe traf mich wie eine Ohrfeige.

Aber dafür kehrte das warme Lächeln auf Mademoiselles Lippen zurück, und nun galt es mir allein – zu meinem Entsetzen und meiner Freude zugleich. »Und weiter?«

Im Flüsterton fuhr ich mit den komplexeren grammatischen Formen fort: »Vous soyez. Vous seriez. Vous fûtes. Vous fussiez

»Und jetzt benutze das Verb in einem Satz, bitte.«

Einen Moment kaute ich auf der Unterlippe und überlegte, dann platzte ich heraus: »Je voudrais être quelqu’un qui vous aimez bienIch möchte jemand sein, den Sie mögen. Kaum waren die Worte aus meinem Mund, da bereute ich sie auch schon. Was war in mich gefahren, etwas so – Direktes, geradezu Dreistes zu sagen?

Obwohl ich mich nicht umzuschauen wagte, spürte ich, dass meine Mitschülerinnen mich anstarrten. Vielleicht hatten sie nicht verstanden, was ich genau gesagt hatte, aber mein Ton genügte vermutlich.

Ich hatte mich enttarnt.

»Oui«, antwortete Mademoiselle leise. »Parfait

Dann ging sie weiter, begann von neuem Verbformen zu skandieren und gab den Mädchen zu verstehen, es ihr nachzutun. Ich saß da wie erstarrt. Aber dann stupste mich auf einmal ein Finger in die Rippen, und als ich mich umdrehte, zwinkerte mir ein dunkelhaariges, dünnes Mädchen mit einem Elfengesicht zu. »Parfait«, flüsterte sie. »Perfekt.«

Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte gedacht, die anderen würden bis zur Schlussglocke warten und mich, sobald wir das Schultor passiert hatten, auf dem Heimweg überfallen und wahrscheinlich verprügeln, weil ich sie hintergangen und mich obendrein auch noch bei unserer neuen Lehrerin lieb Kind gemacht hatte. Aber was ich auf dem Gesicht dieses Mädchens erkannte, war weder Missgunst noch Ärger. Es war … Bewunderung.

Nachdem Mademoiselle uns unsere Hausaufgaben gegeben hatte und alle den Klassenraum verließen, versuchte auch ich, mich an ihrem Pult vorüberzuschleichen. Ich hatte es fast geschafft, als sie sagte: »Mademoiselle, einen Augenblick bitte.«

Ich hielt inne und blickte mich vorsichtig um. Die anderen drängten sich an mir vorbei, und eine spottete: »Marie, das graue Mäuschen, kriegt ihren ersten Goldstern.«

Dann stand ich allein vor der Lehrerin, die mich nachdenklich musterte. Durch das staubige Fenster fiel die Spätnachmittagssonne und ließ ihren unordentlichen Knoten kupferrot schimmern. Ihre Haut war rosig, mit einem leichten Flaum auf den Wangen. Meine Knie wurden weich. Ich verstand nicht, warum ich gesagt hatte, was ich gesagt hatte, aber ich hatte das beunruhigende Gefühl, dass sie es umso besser wusste.

»Marie?«, fragte sie. »Ist das dein Name?«

»Ja. Marie Magdalene.« Nur mit Mühe gehorchte mir meine Stimme. »Marie Magdalene Dietrich. Aber ich möchte lieber … in meiner Familie nennen mich alle nur Marlene. Oder kurz Lena.«

»Ein hübscher Name. Du sprichst sehr gut Französisch, Marlene. Hast du das hier gelernt?« Bevor ich antworten konnte, lachte sie. »Nein, natürlich nicht. Die anderen … c’est terrible, elles savent si peu, es ist eine Schande, wie wenig sie wissen. Du solltest nicht in dieser Klasse sein, du kannst viel mehr.«

»Bitte, Mademoiselle.« Ich drückte meine Schultasche an die Brust. »Wenn die Direktorin das herausfindet, dann wird sie …«

»Was?« Sie neigte den Kopf. »Was wird sie dann tun? Wissen ist kein Verbrechen. Du verschwendest hier deine Zeit. Würdest du diese Stunde nicht lieber für etwas nutzen, bei dem du wirklich etwas lernen kannst?«

»Nein.« Ich war den Tränen nahe. »Ich … ich lerne gern Französisch.«

»Dann müssen wir sehen, was wir für dich tun können. Bei mir ist dein Geheimnis sicher, aber für die anderen kann ich nicht die Hand ins Feuer legen. Sie sind vielleicht ignorant, aber sicher nicht taub.«

»Merci, Mademoiselle. Ich werde fleißig sein. Sie sollen mit mir zufrieden sein.« Das war meine Standarderklärung, begleitet von einem ungeschickten Knicks, wie Mutter es mir beigebracht hatte, wenn wir sonntags nach der Kirche andere achtbare Witwen besuchten, die uns heiße Schokolade und Kuchen vorsetzten. Dann wandte ich mich ab und machte mich hastig auf den Weg zur Tür, um Mademoiselles amüsiertem Blick und meiner eigenen Impulsivität zu entfliehen.

Im Gehen hörte ich noch, wie sie sagte: »Marlene, ich bin schon jetzt mit dir zufrieden. Sogar sehr.«

Kapitel 2

Auf dem Heimweg hüpfte ich und schwang vor Freude meine Schultasche. In meinem Kopf erklang Mademoiselles Stimme wie ein Echo der raschelnden Linden, die die Straßen säumten. Nichts anderes drang in mein Bewusstsein, während ich die Straßenbahnschienen überquerte und den Straßenverkäufern auswich, die lautstark ihre Waren anpriesen.

Marlene, ich bin schon jetzt mit dir zufrieden. Sogar sehr.

Auch als ich die rissige Marmortreppe zu unserer Wohnung in der Tauentzienstraße 13 hinaufstürmte, summte ich noch leise vor mich hin. Ich ließ meine Schultasche auf den Flurtisch fallen und marschierte in den makellosen Salon, wo meine Schwester Liesel über ihren Büchern kauerte. Sie blickte auf und sah so müde aus, als säße sie dort schon seit Wochen.

»Ist der General schon hier?«, fragte ich und griff nach dem letzten Stück Kuchen, das neben ihr auf einem Teller lag.

Die missbilligende Falte zwischen Liesels Augenbrauen vertiefte sich. »Du sollst unsere Mutter nicht so nennen, das ist respektlos. Du weißt doch, dass sie donnerstags immer länger bei den Loschs arbeitet, sie kommt erst um sieben. Und nimm dir einen Teller, Lena, du hinterlässt überall Krümel. Das Hausmädchen ist gerade gegangen.«

Ich bückte mich, klaubte schnell ein paar Krümel von dem abgenutzten Teppich und leckte mir die Finger ab.

»Nimm lieber den Besen.«

Obwohl es sinnlos war, holte ich den Besen aus der Küche – Mutter würde sowieso noch einmal fegen, wenn wir schon im Bett waren, und obendrein die Parkettböden bohnern. Obwohl sie den ganzen Tag bei anderen Leuten putzte, wurde sie es nie müde. Innerhalb von vier Monaten hatte sie ebenso viele Hausmädchen wegen Schlampigkeit entlassen. Es war so absehbar, dass Liesel und ich uns nicht einmal mehr die Mühe machten, uns den Namen des aktuellen Mädchens zu merken.

Noch immer vor mich hin summend, ging ich ins Wohnzimmer, in dem das kleine Hammerklavier und meine Geige warteten; beide Instrumente hätten dringend professionell gestimmt werden müssen. Die Geige hatte mir meine Großmutter zum achten Geburtstag geschenkt, nachdem mein Musiklehrer Mutter glaubhaft versichert hatte, ich hätte Talent. Inzwischen war der Geigenlehrer ebenso verschwunden wie die Gouvernanten, dennoch übte ich weiter. Ich liebte Musik, und sie war eine der wenigen Interessen, die ich mit meiner Mutter teilte. Als Kind hatte sie viele Jahre lang Klavierunterricht gehabt, und wir spielten nach dem Abendessen oft zusammen. Jetzt fand ich auf dem Klavierdeckel die Sonate von Bach, die sie mir zum Üben hingelegt hatte.

Als ich die Geige an die Schulter setzte, sagte Liesel: »Du hast heute so gute Laune. Ist in der Schule irgendwas Besonderes passiert?«

»Nein.« Behutsam, um die abgenutzten Saiten zu schonen, justierte ich die Wirbel. Zu meinem Geburtstag würde Mutter mir sicher neue Saiten kaufen, aber bis Dezember waren es noch ein paar Monate, und bis dahin musste ich das Beste aus den alten herausholen. Als ich dann mit dem Bogen über die Saiten strich und zunächst nur ein misstönendes Quäken hervorbrachte, hakte Liesel nach: »Nichts? Sonst strahlst du nie so, wenn du heimkommst. Und du fängst auch nie gleich an zu üben. Irgendetwas muss doch gewesen sein.«

Ich setzte von neuem an, ließ mich jedoch nebenbei zu einer Antwort herab. »Ich habe eine neue Französischlehrerin. Sie heißt Mademoiselle Bréguand.«

Eine Weile sah Liesel mir stumm zu. Ich musste nur wenig in die Noten schauen, da ich das Stück inzwischen auswendig konnte. Mutter würde stolz auf mich sein.

»Du bist so gutgelaunt, weil ihr eine neue Lehrerin habt?« Meine Schwester gab keine Ruhe. »Das glaube ich dir nicht. Ich weiß doch, wie sehr du die Schule verabscheust. Deiner Meinung nach sind die Lehrerinnen samt und sonders alte Schachteln und die Mädchen allesamt dumme Gänse. Sag die Wahrheit – hast du einen Jungen kennengelernt?«

Mein Bogen rutschte ab, und ich starrte Liesel ungläubig an. »Wo sollte ich denn bitte einen Jungen kennenlernen?«, schnaubte ich. »In meiner Schule gibt es bloß Mädchen.«

»Aber auf dem Nachhauseweg, auf der Straße, da triffst du doch jeden Tag Jungen, oder etwa nicht?« Sie klang ernst. Und auch ein wenig ärgerlich.

»Die einzigen Jungen, die ich unterwegs sehe, sind irgendwelche Straßenlümmel, die streunende Hunde treten. Die lerne ich ganz bestimmt nicht kennen, denen gehe ich aus dem Weg.«

Am liebsten hätte ich noch hinzugefügt, dass Liesel öfter nach draußen gehen sollte, wenn sie sich so für junge Männer interessierte. Doch ich verbiss es mir, weil es ja nicht Liesels Schuld war, dass sie eine schwache Lunge oder verschleimte Bronchien oder was auch immer hatte. Mutter machte immer so viel Aufhebens um die Verfassung meiner Schwester, dass es ihr meiner Ansicht nach überhaupt nicht guttat; aber sie galt nun einmal als »anfällig« und hatte sich diese Diagnose uneingeschränkt zu eigen gemacht.

»Ich frage nur, weil ich mir Sorgen mache«, verteidigte sie sich. »Du wirst dieses Jahr dreizehn, also bist du beinah eine Frau, und Jungen – na ja, Jungen haben die Neigung …«

Ihre Stimme verebbte, unbehagliche Stille trat ein. Während ich meine Geige neu stimmte, erwog ich, was meine Schwester gesagt hatte. Und noch mehr, was sie nicht gesagt hatte.

Liesels Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht waren ebenso begrenzt wie meine: Seit dem Tod unseres Vaters war unser Onkel Willi in Berlin das einzige männliche Wesen, das wir regelmäßig zu Gesicht bekamen. Aber das sagte ich nicht, weil Liesel und ich uns nicht wirklich nahe waren, jedenfalls nicht so, wie es Schwestern sein sollten. Unser Umgang war nicht feindselig – wir teilten uns ein Schlafzimmer und stritten uns selten –, aber wir waren so verschieden, dass sogar Mutter gelegentlich Bemerkungen darüber machte. Schon körperlich waren die Unterschiede offensichtlich: Liesel war dünn und blass und besaß den hellen Teint meines Vaters. Ich dagegen hatte Mutters kräftigen Körperbau geerbt, ihre blauen Augen, die Stupsnase und die durchscheinende Haut, die puterrot wurde, wenn ich zu lange in der Sonne blieb. Und je älter ich wurde, desto besser verstand ich, dass mein zurückhaltendes Auftreten in der Öffentlichkeit nur daher kam, weil Mutter mir eingebläut hatte, Mädchen müssten sich so benehmen. Ganz anders war es bei Liesel, die von Natur aus reserviert war und nie dazu ermahnt zu werden brauchte. Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen machte meiner Schwester Angst, deshalb verließ sie das Haus nur zu den sonntäglichen Besuchen, den Gängen zum Markt und den Ausflügen nach Berlin, die wir einmal im Monat unternahmen.

»Willst du damit andeuten, dass Jungen mich unterwegs anzusprechen versuchen könnten?«, fragte ich mit einem wohlüberlegt ahnungslosen Augenaufschlag. Liesel erstarrte förmlich auf ihrem Stuhl, womit sie mir mehr als deutlich verriet, dass sie genau das meinte.

»Tun sie das etwa?«, hauchte sie.

»Nein. Jedenfalls hab ich bisher nichts davon bemerkt.« Ich hielt inne. »Warum? Sollte ich … sollte ich es bemerken?«

»Aber nein, niemals.« Liesel war entsetzt. »Wenn sie dich ansprechen oder anstößige Bemerkungen machen, musst du es ignorieren und sofort mit Mutter darüber sprechen.«

»Das werde ich.« Ich strich mit dem Bogen sanft über die Saiten. »Versprochen.«

Ich hatte nicht gelogen. Bisher hatte kein Junge mich je beachtet. Aber heute war tatsächlich jemand auf mich aufmerksam geworden. Und ich ahnte, dass es besser war, nicht zuzugeben, was für ein Gefühl das in mir hervorgerufen hatte.

Bei mir ist dein Geheimnis sicher.

Ich hatte noch nie ein Geheimnis gehabt. Und ich beabsichtigte, es um jeden Preis zu bewahren.

Pünktlich fünf Minuten nach sieben traf Mutter ein. Wir hatten Liesels Lehrbücher schon weggeräumt und den Tisch mit unserem angeschlagenen Keramikgeschirr gedeckt; das Meissener Porzellan war für besondere Anlässe reserviert. Ich erhitzte den Topf mit der weißen Bohnensuppe, die ich tags zuvor zubereitet hatte. Mutter weigerte sich standhaft, das Hausmädchen kochen zu lassen, und hatte mir die Verantwortung für das tägliche Abendessen übertragen. Ich kochte gern und auch besser als Liesel, bei der die Sauce anbrannte oder das Fleisch nicht durch war. Genau wie bei der Musik gefiel es mir, einer genauen Vorgabe zu folgen – einem strukturierten Rezept, angefangen beim genauen Portionieren und Mischen der Zutaten bis hin zum Erreichen des gewünschten Ergebnisses. Mutter hatte mir das Kochen selbst beigebracht, aber wie bei allem anderen vertraute sie auch hier letztlich nur ihren eigenen Fähigkeiten und kam noch mit Hut und Handschuhen in die Küche, um den Inhalt des Kochtopfs zu kontrollieren.

»Mehr Salz«, verkündete sie. »Und stell die Hitze runter, sonst wird es eine Pampe.« Dann wandte sie sich ab und verschwand in ihrem Schlafzimmer. Wenige Minuten später kam sie in Hauskleid und Schürze wieder zum Vorschein, die blonden Haare im Nacken aufgesteckt. Ich hatte meine Mutter noch nie mit offenen Haaren gesehen, nicht einmal im Bad. Anscheinend zeigte eine Witwe keine ungezähmten Locken.

»Wie war die Schule heute?«, erkundigte sie sich, als ich die Suppe zum Tisch trug.

»Gut«, antwortete ich. Manchmal überlegte ich, ob Mutter es wohl merken würde, wenn ich ihr erzählte, die Schule sei bis auf die Grundmauern abgebrannt. Vermutlich nicht. Sie fragte mich jeden Tag, aber nur aus Höflichkeit, und meine Antwort war letztlich überflüssig.

Wir aßen schweigend, müßige Gespräche waren bei Tisch nicht erwünscht. Als ich meinen Teller mit meinem Brot auswischte (ich hatte einen gesunden Appetit), meinte sie tadelnd: »Lena, wie oft habe ich es dir schon gesagt?« Natürlich hätte ich ihre übliche Litanei auswendig zitieren können: »Ein wohlerzogenes Mädchen tunkt ihr Brot nicht in die Sauce wie ein Bauer. Wenn du noch etwas essen möchtest, dann bitte darum.«

Aber das tat ich nie. Hätte ich es getan, hätte Mutter mir nur erklärt, dass wohlerzogene Mädchen keine zweite Portion bräuchten. Ein unkontrollierter Appetit offenbare einen Mangel an Kultiviertheit.

Wir wuschen die Teller ab und räumten sie in den Schrank. Als Vater noch lebte, wäre dies der Zeitpunkt gewesen, an dem Liesel und ich uns zurückgezogen hätten, damit unsere Eltern im Wohnzimmer für sich sein konnten, wo Mutter auf dem Klavier spielte und ihren abendlichen Weinbrand trank. Aber Vater war tot, und da wir jetzt im angemessenen Alter waren, machte meine Schwester es sich nach dem Abwaschen auf dem Sofa bequem, und Mutter beaufsichtigte meine Interpretation der Bachsonate.

Wie immer war ich nervös. Zwar spielte Mutter die Violine nicht selbst, doch ihr Ohr war unfehlbar, und ich wollte beweisen, dass ich so viel übte, wie sie es verlangte. Körperlich wurden wir von Mutter nicht gezüchtigt, nur ein einziges Mal hatte sie mich geohrfeigt. Damals war ich zehn Jahre alt gewesen und hatte mich geweigert, mit einem Jungen zu tanzen, dessen Atem nach Zwiebeln stank. Nie würde ich vergessen, wie sie vor den Augen aller anderen Kinder und Eltern über die Tanzfläche auf mich zumarschierte, um mir mit einem strengen: »Wir zeigen unsere Gefühle niemals in der Öffentlichkeit. Das ist unhöflich«, den demütigenden Schlag zu verpassen. Doch obwohl sie uns die sprichwörtliche Zuchtrute ersparte, konnte ihre Zunge ebenso verletzend sein, und für Faulheit hatte sie noch weniger Verständnis als für Unreinlichkeit oder Unhöflichkeit. »Tu etwas!«, lautete ihr Motto. Wir hatten gelernt, dass Müßiggang die schlimmste Sünde sei, die wir um jeden Preis vermeiden mussten.

Ich beendete die Sonate fehlerlos. Mutter lehnte sich auf dem Klavierbänkchen zurück. »Das war hervorragend, Lena«, sagte sie, so voller Zuneigung, wie sie nur mit mir sprach, wenn ich ihre Erwartungen übertroffen hatte.

Ich war erleichtert. Von Mutter bekam man so selten ein Lob, dass ich mich fühlte, als hätte ich eine Heldentat vollbracht.

»Man merkt, dass du geübt hast«, fuhr sie fort. »Weiter so. Wir sollten demnächst einen Vorspieltermin an der Musikhochschule in Weimar für dich vereinbaren, damit du dich für ein Stipendium bewerben kannst.«

»Ja, Mutter«, antwortete ich. Das angesehene Konservatorium in Weimar war ihr Wunschtraum, nicht meiner; sie glaubte, mein Talent könnte mir den Weg in eine Karriere als Konzertsolistin ebnen – was ich davon hielt, interessierte nicht.

»Und du, meine Liebe?« Sie sah zu Liesel, die am Ende meiner Darbietung Beifall geklatscht hatte. »Möchtest du etwas auf dem Klavier für uns spielen?«

Verärgert nahm ich zur Kenntnis, dass meine Schwester im Gegensatz zu mir nach ihrer Meinung gefragt wurde, denn als sie einwandte: »Tut mir leid, aber ich habe Kopfschmerzen«, seufzte Mutter nur und schloss den Tastendeckel.

»Dann solltest du zu Bett gehen. Es ist schon spät, und wir müssen morgen früh aufstehen.«

Noch früher als sonst? Ich stöhnte innerlich. Das bedeutete, dass Mutter irgendwelche Aufträge für mich zu erledigen hatte, ehe ich zur Schule und sie zur Arbeit ging. Während ich meine Geige in ihrem Kasten verstaute, fragte ich mich, wozu wir überhaupt ein Hausmädchen hatten. Zog man die Menge unserer täglichen Pflichten und obendrein noch Mutters abendliches Putzritual in Betracht, war es doch reine Geldverschwendung, eine Haushaltshilfe zu bezahlen.

Dann sagte Mutter: »Ehe wir uns zur Ruhe begeben, habe ich euch noch etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Überrascht sah ich auf. Gespannt warteten wir, während sie auf ihre rauen Hände hinunterblickte, die mit noch so viel Creme nicht zu glätten waren – der sichtbare Beweis, dass Wilhelmine Josephine Felsing, die Witwe Dietrich, nicht mehr standesgemäß lebte. Trotz ihrer geschwollenen Fingerknöchel trug sie noch immer ihren goldenen Ehering, und auch jetzt fingerte sie daran herum. Irgendetwas an ihrer Geste machte mich nervös.

»Ich werde wieder heiraten.«

Liesel erstarrte. Ich fragte ungläubig: »Du heiratest? Wen denn?«

Mutter runzelte die Stirn. Ich machte mich schon darauf gefasst, ermahnt zu werden, keine vorlauten Fragen zu stellen, aber sie erwiderte nur: »Herrn von Losch. Wie ihr wisst, ist er Witwer und kinderlos. Nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, seinen Antrag anzunehmen.«

»Herrn von Losch?« Jetzt war ich endgültig fassungslos. »Du willst den Mann heiraten, bei dem du als Putzfrau arbeitest?«

»Ich arbeite nicht als Putzfrau.« Obwohl Mutter die Stimme nicht hob, wurde ihr Ton scharf. »Ich kümmere mich um sein Haus. Ich bin bei Herrn von Losch die Haushälterin, seine Dienstmädchen putzen, und ich beaufsichtige sie. Sind deine Fragen damit beantwortet, Lena?«

Keinesfalls, mir schwirrten noch mindestens hundert Fragen im Kopf herum, aber ich sagte nur: »Ja, Mutter«, und trat schnell einen Schritt zurück, weil ich befürchtete, dass mir meine zweite Ohrfeige bevorstand.

»Die Hochzeit wird nächstes Jahr stattfinden.« Mutter stand auf und strich ihre Schürze glatt. »Ich habe mir Zeit erbeten, um mich vorzubereiten, und er hat sie mir eingeräumt. Selbstverständlich möchte ich zunächst eure Großmutter und Onkel Willi informieren, sie müssen ja ihre Zustimmung geben und mich zum Altar führen. Ich habe sie für morgen eingeladen, und bevor sie eintreffen, haben wir viel zu tun, wenn es hier einigermaßen ordentlich aussehen soll. Deshalb müssen wir früh aufstehen.«

Wenn sie nicht vorhatte, das gesamte Mobiliar neu zu arrangieren, wusste ich nicht, was es zu tun gab. Samstags gingen wir auf dem Markt einkaufen und schrubbten danach ohnehin die gesamte Wohnung, einschließlich jeden Winkels, den das Hausmädchen möglicherweise vernachlässigt hatte. Und ganz gleich, wie viel wir putzten, konnte trotzdem jeder sehen, dass wir – im Gegensatz zu Oma und Onkel Willi – in einer Mietwohnung lebten, die zwar nicht schäbig, aber auch alles andere als luxuriös war. Doch ich wagte nichts mehr zu sagen, zu erschütternd war Mutters Neuigkeit.

Liesel und ich würden einen Stiefvater bekommen, einen Mann, den wir überhaupt nicht kannten, und dennoch würde man von uns erwarten, dass wir ihm mit Respekt begegneten und ihm gehorchten.

»Wir haben noch nicht entschieden, wo wir wohnen wollen«, fuhr Mutter unterdessen fort, »aber ich gehe davon aus, dass wir nach der Hochzeit in sein Haus in Dessau ziehen werden. Nächste Woche werde ich hinfahren und sehen, ob es geeignet ist. In der Zwischenzeit dürft ihr niemandem ein Wort sagen. Ich möchte nicht, dass die Nachbarn unpassende Bemerkungen machen oder womöglich dem Vermieter Bescheid sagen, dass wir beabsichtigen zu kündigen. Ist das klar?«

»Ja, Mutter«, antworteten Liesel und ich wie aus einem Munde.

»Gut.« Unsere Mutter versuchte zu lächeln, aber sie hatte so wenig Übung darin, dass es eher einer Grimasse glich. »Geht euch das Gesicht waschen, und sprecht euer Abendgebet.«

Liesel sagte kein Wort, während wir in dem engen Badezimmer abwechselnd das Waschbecken benutzten, uns auszogen und dann in unsere schmalen, durch einen Nachttisch voneinander getrennten Betten schlüpften. Ich hätte den Arm ausstrecken und meine Schwester berühren können, aber ich lag nur reglos da und starrte an die Decke. Als ich dann Mutter in der Diele mit Lappen und Bohnerwachs hantieren hörte, flüsterte ich. »Warum tut sie das? In ihrem Alter?«

Meine Schwester seufzte. »Sie ist erst achtunddreißig. Herr von Losch ist Leutnant bei den Grenadieren, genau wie Papa. Er ist ganz sicher ein ehrenwerter Mann.«

»Achtunddreißig kommt mir so alt vor«, gab ich zurück. »Und woher sollen wir wissen, dass er ehrenwert ist? Was weiß Mutter über ihn, außer wie viel Stärke sie für seine Hemden benutzt? Außerdem ist Dessau so weit weg.«

»Lena.« Liesel wandte sich mir zu, ihre Augen schimmerten im Halbdunkel. »Sei nicht so hart mit ihr. Sie will nur das Beste für uns.«

Aus irgendeinem Grund bezweifelte ich das. Einen Fremden zu heiraten und unser Leben auf den Kopf zu stellen schien mir für niemanden das Beste zu sein – außer vielleicht für sie und Herrn von Losch.

»Eine alleinstehende Frau ist etwas Schreckliches«, fuhr Liesel fort. »Du verstehst das nicht, aber Witwe zu sein mit zwei halbwüchsigen Töchtern – das verlangt einer Frau viel ab.« Damit wandte sie sich ab und zog ihre Decke bis zum Kinn. Innerhalb weniger Minuten schnarchte sie.

Liesel würde keinen Einspruch erheben – was Mutter auch sagte oder tat, Liesel war einverstanden. Ob sie hier oder anderswo säße, war ihr vollkommen einerlei.

Doch bei mir war es anders. Ich hatte ein Geheimnis.

Die Fäuste um meine Decke gekrampft, konnte ich lange nicht einschlafen.

Kapitel 3

Missgelaunt schleppte ich mich durchs Wochenende. Mutter bemerkte es wohl oder übel, vor allem als Liesel mir auch noch zuflüsterte: »Jetzt schau doch nicht so finster drein!«, aber ich wurde nicht bestraft. Nachdem wir die ganze Wohnung einschließlich der Böden und Fenster auf Hochglanz gebracht hatten, erfuhren wir, dass Onkel Willi doch nicht kommen würde. Stattdessen verkündete Mutter zu meiner großen Freude, dass wir ihn in Berlin besuchen würden.

Ich liebte die Berliner Prachtstraße Unter den Linden mit ihren luxuriösen Warenhäusern, wo sich auch Onkel Willis Uhren- und Schmuckgeschäft »Conrad Felsing« befand. Er freute sich sehr, uns zu sehen, und führte uns zuerst in eine Confiserie, um uns mit Vanilletörtchen und Marzipan zu verwöhnen, von dort ging es zu heißer Schokolade ins Café Bauer in der Friedrichstraße. Ich war schon immer eine Naschkatze gewesen, und trotz Mutters Unnachgiebigkeit bei Tisch war sie diesem Laster gegenüber nachsichtig – wenn ein Mädchen ordentlich Fleisch auf den Knochen hatte, galt das für sie als Beweis, dass es aus einer guten, wohlhabenden Familie kam. Aber diesmal futterte ich die Leckereien nicht nur selbst, sondern wickelte heimlich auch ein paar Marzipanpralinen in mein Taschentuch und ließ das Päckchen – unter den entsetzten Blicken meiner Schwester – in meiner Tasche verschwinden, als Onkel Willi die Rechnung bezahlte.

Ihre bevorstehende Heirat erwähnte Mutter mit keinem Wort, jedenfalls nicht in unserer Gegenwart. Allerdings ging ich fest davon aus, dass sie Onkel Willi längst informiert hatte. Sie hielt nichts davon, ihre Entscheidungen mit uns zu besprechen, und natürlich stand es uns auch nicht zu, diese in Frage zu stellen.

Die anstehenden Veränderungen ließen in mir eine neue Aufsässigkeit aufbrodeln, so dass ich in der Schule nun offen um Mademoiselles Aufmerksamkeit buhlte. Als Erste präsentierte ich meine fehlerfreien Hausaufgaben, als Erste meldete ich mich auf jede Frage, die sie stellte, ohne auf die bösen Blicke meiner Mitschülerinnen zu achten, wenn sie mich für meinen Fleiß lobte.

»Nehmt euch ein Beispiel an Marie«, empfahl sie der Klasse und schenkte mir ihr Lächeln. »Sie hat gezeigt, dass man mit der richtigen Einstellung und dem nötigen Fleiß Französisch lernen kann.«

Da inzwischen fast alle den Verdacht hegten, ich hätte schon von Anfang an einen Vorsprung gehabt, machte ich mich natürlich nicht beliebter, aber auch das war mir gleichgültig. Es ging mir nur um Mademoiselles Wohlwollen, um ihre Zuwendung. Das Marzipan, das ich heimlich mitgenommen hatte, wickelte ich in kleine Stückchen Spitzenstoff, schmückte das Päckchen mit einer Mohnblume und legte jeden Tag eines davon beim Hinausgehen auf Mademoiselles Pult. Wenn sie dann sagte: »Wie aufmerksam von dir!«, murmelte ich bescheiden, mit gesenktem Blick: »De rien, Mademoiselle.« Natürlich waren die Marzipanpralinen vom Aufenthalt in meiner Tasche aus der Form geraten, aber das machte nichts – es zählte allein die Geste meiner Wertschätzung.

In der nächsten Woche lud Mademoiselle mich ein, nach der Schule einen kleinen Spaziergang mit ihr zu machen. Es war der Tag, an dem Mutter später nach Hause kommen würde, weil sie nach Dessau gefahren war, um von Loschs Haus in Augenschein zu nehmen. Obgleich ich versprochen hatte, sofort heimzugehen und Liesel bei der Hausarbeit und der Zubereitung des Abendessens zu helfen – wie nicht anders zu erwarten, war das Hausmädchen mal wieder entlassen worden –, nahm ich die Einladung an und wartete nach dem Unterricht vor dem Schultor auf Mademoiselle. Sie erschien, die Mappe wie immer prall gefüllt mit Büchern, auf dem Kopf einen Strohhut.

»Wollen wir?«, fragte sie, und ehe ich michs versah, schlenderte ich neben ihr den Boulevard hinunter, wo in Korsagen geschnürte Damen mit Sonnenschirmen, begleitet von Herren mit Bowlern, denen die goldenen Uhrketten aus den Westentaschen baumelten, ihre kleinen Hündchen spazieren führten und müde Gouvernanten ihre unwilligen Schützlinge hinter sich herschleppten. Es war gut möglich, dass mich jemand erkannte. Schöneberg war noch immer eine kaiserliche Garnisonsstadt, jeder kannte hier jeden. Ich senkte den Kopf, zog die Mütze tief ins Gesicht und hoffte, dass meine Schuluniform als Tarnung ausreichte. Zu meiner großen Erleichterung schenkte uns niemand viel Beachtung – die Herren zogen den Hut, die Damen murmelten guten Tag.

»Lass uns ins Café gehen«, schlug Mademoiselle vor, und als sie eines mit Marmortischchen im Freien entdeckte, steuerte sie darauf zu. Als ich ihr gegenübersaß, fiel mir auf, wie hübsch sie bei Tageslicht war: braune Augen mit grünen Sprenkeln, die Lippen so rosarot wie das Band an ihrem Strohhut. Ein paar ihrem Knoten entwischte Haarsträhnen klebten an ihrer Wange, und um der Versuchung zu widerstehen, sie davon zu befreien, musste ich die Hände auf dem Schoß verschränken.

Sie bestellte. Der Kellner runzelte die Stirn. »Kaffee für das Fräulein?«

»Wie dumm von mir«, lachte Mademoiselle. »Marlene, möchtest du lieber eine heiße Schokolade? Oder vielleicht eine Limonade?«

»Nein, danke«, antwortete ich und richtete mich auf. »Ich nehme gern einen Kaffee.«

Ich hatte noch nie Kaffee getrunken. Mutter trank stets Tee, wie es sich für eine anständige Dame gehörte. Ungeachtet seiner Beliebtheit war Kaffee ihrer Meinung nach nicht mehr als eine fremdländische Unsitte, die einen bitteren Nachgeschmack im Mund hinterließ.

Während wir auf unsere Bestellung warteten, nahm Mademoiselle mit einem Seufzer den Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, wodurch sich noch mehr Strähnen aus dem Knoten lösten und ihr ums Gesicht flirrten. Dann sah sie mich an und kam ohne Vorwarnung zur Sache: »Also, sag mir, was dich so quält.«

Ich erschrak. »Was mich quält? Nichts, Mademoiselle.« Außer dass ich Angst hatte, jemand, der Mutter kannte, könnte uns entdecken.

»Nein, nein.« Sie drohte mir mit dem Finger. »Ich habe genügend Erfahrung mit jungen Mädchen, um zu merken, wenn eine Schülerin etwas vor mir verbirgt.«

»Erfahrung?«

»Ja.« Sie nickte, als der Kellner zwei Tassen mit dem dunklen Gebräu vor uns auf den Tisch stellte, goss sich aus einem kleinen Krug Sahne in ihre und streckte mir dann den Krug entgegen. »So schmeckt er milder. Nimm ruhig auch ein bisschen Zucker.« Ich bediente mich, und sie fuhr fort: »Ehe ich die Stelle an deiner Schule bekommen habe, war ich Gouvernante in einem großen Haus. Ich hatte drei Kinder zu betreuen, deshalb sehe ich es sofort, wenn ein junger Mensch nicht wagt, über das zu sprechen, was ihm durch den Kopf geht.«

Für einen lähmenden Moment dachte ich, sie wäre mir auf die Schliche gekommen und ich hätte mich mit meinen Marzipangeschenken und meiner Gier nach Aufmerksamkeit verraten. Doch dann erkannte ich, dass sie weder verärgert noch beunruhigt wirkte, sondern ihren Blick so offen und direkt auf mich richtete wie eh und je. »Ich verspreche dir, dass ich alles für mich behalte, was du mir erzählst«, fügte sie hinzu.

»Wie … wie bei einem Geheimnis?«, fragte ich. Dann nippte ich an dem Kaffee, der schmeckte wie süßer geschmolzener Samt.

»Ja. Un secret entre nous. Alles, was du mir anvertraust, wird unter uns bleiben.«

Mein Französisch war zwar gut, nicht aber gut genug, um meine Gefühle in diesem Moment zu beschreiben, die so neu und aufregend waren. Noch nie hatte jemand mich gefragt, wie ich mich fühlte, geschweige denn, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen. Als wäre Mutter an meiner Seite, hörte ich ein scharfes Wispern in meinem Ohr: Wir zeigen unsere Gefühle niemals in der Öffentlichkeit.

Ich wandte meinen Blick von ihr ab. »Es ist wirklich nichts«, murmelte ich.

Ihre Hand legte sich auf meine. Ihre Finger waren warm, ich spürte die Wärme bis in die Zehen. »Bitte. Ich will dir helfen. Wenn ich kann.«

War ich so leicht zu durchschauen? Oder lag es daran, dass bis zu diesem Moment niemand sich dazu herabgelassen hatte, mich als einen Menschen mit Gefühlen wahrzunehmen?

»Es … es ist meine Mutter. Sie will wieder heiraten.«

»Das ist alles? Ich hatte den Eindruck, es geht noch um etwas anderes.«

»Worum denn?« Ich hatte furchtbare Angst, was sie noch alles erraten haben mochte, und machte mich auf das Schlimmste gefasst: dass sie mir sagte, meine Zuneigung sei zwar schmeichelhaft, aber zwischen einer Schülerin und ihrer Lehrerin unpassend.

Stattdessen antwortete sie: »Ich dachte, es gäbe vielleicht einen Jungen, den du magst. Oder womöglich ein Frauenproblem?«

Ich verstand, was sie meinte, schüttelte jedoch den Kopf. Vor drei Monaten hatte ich meine erste Regelblutung gehabt.

»Dann geht es nur darum, dass deine Mutter wieder heiratet? Warum ist das so schrecklich? Magst du ihren Zukünftigen nicht?«

»Ich kenne ihn gar nicht. Mein Vater ist gestorben, als ich sechs war. Bis jetzt waren wir immer nur zu dritt, Mutter, meine Schwester und ich …« Ehe ich michs versah, erzählte ich ihr alles, von dem drohenden Umzug nach Dessau, von meinem Geigentalent und von Mutters Traum, mich auf die Musikhochschule zu schicken. Erst als ich kurz davor war, Mademoiselle zu beichten, dass auch sie mir Probleme bereitete, weil ich keine Worte für meine Gefühle fand, aber um jeden Preis in ihrer Nähe bleiben wollte, bremste ich mich.

Sie nippte an ihrem Kaffee. »Ich verstehe, dass man vor Veränderungen Angst hat«, sagte sie schließlich. »Aber ich habe den Eindruck, dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst. Deine Mutter scheint eine anständige Frau zu sein, und jetzt hat sie einen Mann gefunden, der für sie sorgen will. Und du möchtest doch, dass sie glücklich ist, nicht wahr? Dessau ist nicht sehr weit weg, bestimmt gibt es dort gute Schulen und auch Mädchen, mit denen du dich anfreunden kannst.« Sie hielt inne. »Hier hast du keine Freundschaften geschlossen, dabei versucht das dunkelhaarige Mädchen neben dir – ich glaube, sie heißt Hilde – ständig, dich auf sich aufmerksam zu machen. Aber du verhältst dich, als wäre sie unsichtbar.«

Wirklich? Mir war das nicht aufgefallen. Andererseits achtete ich in der Schule derzeit auch auf nichts anderes als auf Mademoiselle.

»Ein Mädchen wie du, so hübsch und intelligent«, fuhr sie fort. »Wenn du wolltest, könntest du hundert Freundinnen haben. Aber du probierst es nicht einmal, oder?«

Jetzt hatte das Gespräch eine unangenehme Wendung genommen – ich wollte nicht über meinen Mangel an Freundinnen reden, sondern …

Mademoiselle deutete auf meine Tasse. »Du solltest den Kaffee trinken, ehe er kalt wird.«

Während ich den inzwischen lauwarmen Kaffee hinunterstürzte, betrachtete sie mich mit dieser irritierenden Kombination aus Offenheit und Einfühlungsvermögen, die mir das Gefühl gab, dass sie meine tiefsten Gedanken lesen konnte.

»Weißt du, was ein cinématographe ist?«, fragte sie auf einmal.

»Ein – was?« Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte.

»Na, wie sagt man gleich – bewegte Bilder. Film.«

Davon hatte ich schon gehört, war jedoch noch nie in einem Filmtheater gewesen, denn Mutter lehnte so etwas strikt ab.

»Du hast noch nie einen Film gesehen«, interpretierte sie mein Schweigen. »Wundervoll! Ganz hier in der Nähe gibt es ein Lichtspielhaus – es ist zwar nicht so eindrucksvoll wie die Filmpaläste in Berlin, aber dafür auch nicht so teuer. Möchtest du hingehen? Ich liebe das Kino, das ist die Zukunft. Heute wird In Nacht und Eis gezeigt. Sagt dir der Untergang der Titanic etwas?«

Ich nickte. »Die Titanic ist auf einen Eisberg aufgelaufen und gesunken.« Ich erinnerte mich noch gut an das Unglück, zwei Jahre war es her, und sämtliche Zeitungsjungen hatten die Schlagzeilen tagelang durch die Straßen gebrüllt.

»Genau, eine Katastrophe, die viele Menschenleben gefordert hat. Angeblich ist der Film eine Sensation, produziert von Continental-Kunstfilm Berlin. Dort werden ganze Studios gebaut, nur um Filme zu machen.« Sie winkte dem Kellner nach der Rechnung. »Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es noch zur Vorstellung.«

Ich wusste, dass ich das Angebot hätte ablehnen, mich bei ihr für den Kaffee und den guten Rat bedanken und dann auf dem schnellsten Weg nach Hause gehen sollen. Liesel würde sich schon Sorgen machen. Womöglich würde sie Mutter erzählen, dass ich viel zu spät nach Hause gekommen war und …

Doch Mademoiselle legte ein paar Münzen auf den Teller mit der Rechnung, stand auf und streckte mir die Hand entgegen. »Beeil dich, Marlene, sonst verpassen wir die Stadtbahn!«

Wie konnte ich da widerstehen? Ich nahm ihre Hand und ließ mich von Mademoiselle Bréguand vom rechten Weg abbringen.

Ich weinte.

Ich konnte nicht anders, Schmerz und Staunen rissen mich mit, als die körnigen Bilder auf dem verzogenen Tuch, das man als Leinwand aufgehängt hatte, zum Leben erwachten: der im weiten Meer verlorene Schiffstitan; die verzweifelten Männer auf dem Deck; das Schiffsorchester, das bis zum letzten Moment spielte; die in den Rettungsbooten kauernden Frauen, die die Katastrophe hilflos mit ansehen mussten. So überwältigt war ich, dass ich an einer Stelle sogar Mademoiselles Knie ergriff – ich vergaß völlig, dass wir uns in der Öffentlichkeit befanden, zwar in einer abgedunkelten Halle, in der es nach Bier und abgestandenem Zigarettenrauch stank, aber umgeben von anderen Menschen, die mit ihren unterdrückten Entsetzensschreien und geflüsterten Kommentaren die Wirkung der Bilder noch verstärkten.

Danach war ich wie betäubt.

»War das nicht grandios?« Mademoiselle strahlte übers ganze Gesicht. »Irgendwann möchte ich dort auch sein.«

»Auf der Titanic?«, stieß ich hervor und versuchte, das Gefühl abzuschütteln, auf offener See gestrandet zu sein und zusehen zu müssen, wie die Menschen, die ich liebte, im kalten schwarzen Wasser den sicheren Tod fanden.

»Nein, Dummerchen. Dort oben! Auf der Leinwand. Ich möchte Schauspielerin werden, deshalb habe ich Paris verlassen und bin hierhergekommen. Ich arbeite als Lehrerin, bis ich genug gespart habe, um mir in Berlin ein Zimmer mieten zu können. Heutzutage ist es schrecklich teuer, in Berlin zu wohnen – es ist die modernste Stadt der Welt, und ich muss auch noch den Schauspielunterricht bezahlen.« Während wir auf die Hochbahn warteten, nahm sie wieder meine Hand. »Jetzt haben wir beide etwas für uns zu behalten, denn was ich dir gerade verraten habe, ist mein Geheimnis.«

Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie in Frankreich jemanden, den sie liebte und vermisste, zurückgelassen hatte, um ihrem Traum nachzugehen. Aber ich brachte die Frage nicht über die Lippen, und nur allzu früh erreichten wir den Boulevard, wo das neue elektrische Licht die Menschen in den Biergärten und Cafés mit seinem schwefligen Schimmer übergoss.

Wir eilten auf die menschenleere Schule zu.

Am Tor machte Mademoiselle halt. »Ich wohne in dieser Richtung«, sagte sie und deutete auf eine Seitenstraße, die sich zwischen baufälligen älteren Gebäuden hindurchschlängelte. »Aber ich kann dich gern nach Hause begleiten und deiner Familie erklären, warum du erst so spät zurückkommst.« Sie lächelte verschmitzt. »Wir müssen sagen, dass du deine Aufgaben nicht rechtzeitig fertig hattest. Andererseits missfällt das vielleicht deiner Mutter.«

Missfallen seitens meiner Mutter war das mindeste, was mich erwartete.

»Das ist nicht nötig, Mutter arbeitet heute länger. Möglicherweise ist sie noch gar nicht zu Hause.« Obwohl es mir vorkam, als wäre eine Ewigkeit vergangen, hatte der Film kaum mehr als eine halbe Stunde gedauert. Natürlich würde Liesel mich ausschimpfen, aber Mutter kam frühestens um neun zurück.

»Richtig, sie ist ja in Dessau. Na gut. Bist du ganz sicher?«

»Ja.« Ich setzte zu einem Knicks an, aber sie ließ es gar nicht erst so weit kommen, sondern nahm mich einfach in die Arme. Ich nahm den Geruch ihres Körpers wahr, einen Hauch Lavendelwasser, Kaffee, den Gestank der Halle, der noch an ihren Kleidern haftete. Für einen Moment presste ich mich an sie. »Merci, Mademoiselle.«

»Mais non, ma fille, nicht doch.« Sie umfasste mein Gesicht und küsste mich auf beide Wangen. »Wenn wir allein sind, musst du mich in Zukunft Marguerite nennen. Frauen mit Geheimnissen sollten doch Freundinnen sein, n’est‑ce pas

Damit wandte sie sich ab und ging davon. Kurz bevor sie im Schatten der Häuser verschwand, drehte sie sich noch einmal um und hob die Hand. »À bientôt, mon amie Marlene!« Bis bald, meine Freundin.

Ich wollte sie nicht gehen lassen und würde wahrscheinlich nie wieder baden, um auf ewig ihren Duft auf meiner Haut zu behalten. Auf dem Weg nach Hause hob ich alle paar Schritte die Hände ans Gesicht, um daran zu riechen, und merkte nichts von der plötzlichen Kühle, die in der Luft lag.

Die Juliwärme hatte uns verlassen.

Ich sollte Marguerite Bréguand nie wiedersehen.

Kapitel 4

»Sie ist einfach weg«, sagte Hilde. Wir saßen draußen auf dem Schulhof, nachdem Frau Becker uns mitgeteilt hatte, dass kein Französischunterricht stattfinden würde – weder heute noch in absehbarer Zukunft. »Keine Ahnung, warum.«

Bestürzt hatte ich mich endlich überwunden und Hilde angesprochen, das dünne, dunkelhaarige Mädchen, das mir erklärt hatte, dass parfait »perfekt« bedeutete, und sich angeblich nach meiner Aufmerksamkeit sehnte. Aber zu meiner großen Enttäuschung schien auch sie den Grund von Mademoiselle Bréguands Verschwinden nicht zu kennen.

So saßen wir nebeneinander, während sich die anderen Mädchen – hocherfreut über den freien Nachmittag – mit Seilhüpfen die Zeit vertrieben. Nach einer Weile angelte ich das letzte Stückchen Marzipan aus meiner Tasche und gab es Hilde. »Hier.«

»Oh.« Sie nahm das Päckchen entgegen, als hätte ich ihr eine Perle überreicht. »Danke, Marie.«

»Marlene«, verbesserte ich, während ich mit den Augen die Umgebung sinnlos nach Mademoiselle absuchte. »Ich heiße Marlene.«

»Ach wirklich? Ich dachte, du heißt Marie. Marlene ist ein eigenartiger Name. Aber irgendwie auch schön.« Achselzuckend kaute sie auf dem Marzipan herum.

»Und du hast wirklich nichts gehört?«, fragte ich noch einmal. »Wie kann es denn sein, dass sie einfach fort ist? Sie war Madame Servines Nachfolgerin, es hat so lange gedauert, bis sie kam, und sie war gerade erst ein paar Wochen bei uns.«

Nachdenklich sah Hilde mich an. »Vielleicht hat es was mit dem Krieg zu tun.«

»Mit welchem Krieg denn?« Ich starrte sie an. »Es gibt keinen Krieg.«

»Noch nicht.« Ihr Gesicht nahm einen eifrigen Ausdruck an, als wüsste sie etwas, dessen sich ihre neue Freundin noch nicht bewusst war. »Aber es gibt Gerüchte, dass der Kaiser den Krieg erklärt hat …« Sie runzelte die Stirn. »Ich weiß auch nichts Genaues, aber mein Vater ist bei der Infanterie, und er hat meiner Mutter letzte Woche geschrieben, dass sein Regiment mobilmacht, weil der Krieg unmittelbar bevorsteht.«

»Also ich habe davon nichts gehört«, verkündete ich sicherer, als ich mich fühlte. Wie hätte ich so etwas denn hören können? Wenn der Feind nicht gerade bei uns an die Tür klopfte und Bescheid sagte, würde Mutter sich um keinen Krieg scheren, selbst wenn er direkt vor unserer Haustür ausgebrochen wäre.

Mir graute bei dem Gedanken, dass jemand mich mit Marguerite gesehen und sie bei der Schulleiterin gemeldet hatte. Eine Schülerin nach Schulschluss dazubehalten, um Defizite zu korrigieren, war akzeptabel, aber sie zu einem Kaffee und dann auch noch einem Ausflug in ein Lichtspielhaus einzuladen – das wäre Grund genug für eine Entlassung gewesen. Hatte ich Mademoiselles geheimnisvolles Verschwinden unwissentlich verschuldet?

Falls ja, konnte ich nicht länger hier herumsitzen. »Komm, wir müssen etwas tun«, sagte ich, sprang auf die Füße und griff nach meiner Schultasche.

Hilde glotzte mich an, Marzipankrümel am Kinn. »Wo willst du hin?«

»Raus.« Ich machte mich auf den Weg über den Hof, als Hilde mich am Riemen meiner Mappe packte. »Das darfst du nicht, Marlene. Es hat noch nicht geläutet. Das Tor ist abgeschlossen.«

»Diese dummen Kühe von Lehrerinnen«, schimpfte ich. »Sind wir hier in einer Schule oder einem Gefängnis?«

»Beides«, antwortete Hilde, und ich musste grinsen. Trotz ihres unscheinbaren Äußeren hatte Hilde anscheinend Humor. »Aber das hintere Tor ist nie abgeschlossen. Der Brandinspektor hat gesagt, es muss offen bleiben, falls es mal einen Notfall gibt. Und da alle hier draußen sind …«, fuhr sie fort und grinste ebenfalls.

So schlichen wir gemeinsam durch das fast menschenleere Gebäude zum hinteren Tor, das auf einen schlammigen Weg über verlassenes Weideland führte. Vor kurzem waren solche Brachen noch typisch für Schöneberg gewesen, aber nun entstanden überall dort, wo früher Kartoffeln und Salat angebaut worden waren, neumodische Mietskasernen – billige Häuserblocks für die rasant anwachsende Bevölkerung Berlins, das aus allen Nähten zu platzen drohte. Ich erinnerte mich an das, was Mademoiselle mir über ihre Zukunftspläne erzählt hatte. Ob unser Erlebnis gestern Abend sie dazu veranlasst hatte, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und in die Stadt zu verschwinden, in der sie ihre Träume wahr werden lassen wollte?

Der Pfad endete an der Seitenstraße, in der Mademoiselles Zimmer lag, wie sie mir gestern erzählt hatte. Auf dem unebenen Kopfsteinpflaster räkelten sich streunende Hunde, magere Kinder spielten mit Murmeln, und mir sank der Mut. Ich hatte nicht gesehen, in welches Haus Mademoiselle gegangen war, und wusste demzufolge auch nicht, in welchem dieser heruntergekommenen Gemäuer sie sich eingemietet hatte.

»Und?«, fragte Hilde. Ich bewunderte ihre Courage, ich konnte nicht anders. Ohne eine Sekunde zu zögern, war sie mit mir losgezogen, obwohl sie doch – genau wie ich – eine harte Strafe riskierte.

Ich seufzte. »Sie ist hier langgegangen, aber …« Ich brach ab, als von fern laute Stimmen und der Lärm marschierender Füße zu uns drangen. Bestürzt sah ich Hilde an. »Es hat begonnen«, rief sie.

Schon rannte sie die schmale Straße entlang, hinunter zur Chaussee, und ich war gezwungen, ihr zu folgen. In der Hoffnung, dass die Unruhe vielleicht die Bewohner der Häuser hervorlocken würde, warf ich noch einen letzten Blick über die Schulter, aber die faulen Hunde spitzten nur die Ohren, sonst regte sich nichts. Schlaff hing die Wäsche vor den schmutzigen Fenstern, aus denen niemand herausschaute.

Atemlos blieb ich neben Hilde stehen. Vor uns drängten sich die Passanten auf den Gehwegen, während mitten auf der Straße eine Horde junger Männer die Straße entlangstampfte und die Fahne mit dem schwarzen Kaiseradler schwenkte. Die meisten waren Jugendliche mit rauen Händen und bis zu den Ellbogen aufgerollten Hemdsärmeln, Arbeiter aus den nahegelegenen Fabriken – gemeiner Pöbel, hätte Mutter gesagt –, und alle sangen: »Heilige Flamme, glüh, glüh und erlösche nie fürs Vaterland. Wir alle stehen dann mutig für einen Mann, kämpfen und bluten gern für Thron und Reich!«

»Das ist ›Heil dir im Siegerkranz‹«, schrie Hilde mir ins Ohr. »Siehst du? Wir sind im Krieg.«

Ich konnte es nicht glauben. Während die Demonstranten immer zahlreicher wurden, sah ich, wie die Damen mit ihren Sonnenschirmen und den kleinen Hunden, die Herren mit ihren Bowlern und auch die Gouvernanten mit den staunenden Kindern applaudierten und grüßend die Faust hoben, als wäre der Zirkus in die Stadt gekommen.

»Sind denn alle verrückt geworden?«, fragte ich, aber niemand hörte mir zu. Das Singen und Schreien war ohrenbetäubend, hallte über die Chaussee und stieg hinauf zum wolkenverhangenen Himmel, so laut, dass wir die Schulglocke fast überhört hätten.

Hilde schnappte nach Luft. »Sie lassen uns früher raus. Beeil dich!«

Sie zog mich durch die Menge, bahnte sich schubsend und drängelnd einen Weg, bis wir das offen stehende Schultor erreichten. Darunter hatten sich die Schülerinnen versammelt und beobachteten, von den Lehrerinnen mühsam im Zaum gehalten, die Parade mit großen Augen und vor Aufregung bebenden Zopfschleifen.

Frau Becker entdeckte uns. »Hilde! Marie!«, bellte sie. »Rein mit euch, aber schnell!«

Wir zwängten uns durch die Reihen unserer Mitschülerinnen und wurden von den Lehrerinnen sofort am Kragen gepackt. »Wie könnt ihr es wagen wegzulaufen?«, herrschte Frau Becker uns an. »Was in aller Welt habt ihr euch dabei gedacht?«

Hilde warf mir einen vielsagenden Blick zu. Anscheinend gingen die Lehrerinnen davon aus, dass wir durch das offene Tor auf die Straße geschlüpft waren. »Wir wollten nur sehen, was los ist«, antwortete ich rasch. »Wir sind nicht weit gegangen.«

»Ihr seid entschieden zu weit gegangen«, gab Frau Becker zurück. »Ich werde die Direktorin verständigen. Eine bodenlose Frechheit, dass ihr euch einfach davonstehlt, wenn die ganze Welt in Schutt und Asche zu fallen droht!«

»In Schutt und Asche?«, wiederholte ich erschrocken, denn auf einmal wurde dieser angebliche Krieg furchterregend real.

»Ja. Seine Kaiserliche Majestät hat geschworen, die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich zu rächen. Deutschland muss seine Ehre verteidigen. Aber das tut nichts zur Sache – Krieg oder nicht, einen solchen Ungehorsam kann man einem Mädchen keinesfalls durchgehen lassen.«

Sie führte uns ab und brachte uns direkt ins Büro der Direktorin, wo wir eine harsche Standpauke über uns ergehen lassen mussten. Und während sich in der darauffolgenden Woche direkt vor unseren Toren die gesamte Nation kopfüber ins Desaster stürzte, schwitzten Hilde und ich über den Strafarbeiten, die man uns aufgebrummt hatte, und durften in den Pausen nicht einmal mehr auf den Schulhof.

Kapitel 5

»Muss ich?« Meine Finger waren eiskalt, und wenn ich auf den Korb mit der aus alten Pullovern aufgeribbelten Wolle hinunterschaute, die ich zu Handschuhen, Schals und Mützen verarbeiten sollte, spürte ich die Verzweiflung nicht nur in meinem immerzu hungrigen Magen.

»Möchtest du, dass unsere tapferen Männer sich die Finger abfrieren, nur weil du müde bist?«, war Mutters empörte Gegenfrage. »Was wir hier tun, ist nur ein kleines Opfer für ihres. Also hör auf, dich zu beschweren, und stricke den Schal fertig. Die Hilfskrankenschwestern brauchen die Sachen rechtzeitig, um sie mit an die Front nehmen zu können.«

Ich widerstand der Versuchung, Liesel anzuschauen und die Augen zu verdrehen. Auch sie saß im riesigen Wohnzimmer der Von-Losch-Residenz in Dessau, in die wir nach der Kriegserklärung des Kaisers umgezogen waren, und nähte.

Zu meiner großen Erleichterung hatten wir wenig mit dem Leutnant zu tun gehabt, bevor er eingezogen wurde, aber bei den wenigen Begegnungen hatte ich ihn als steifen, humorlosen Mann wahrgenommen, der Mutter ausnahmslos als »Frau« anredete und uns nur kurz begutachtete, als wären wir zusätzliche Koffer, die sie mitgebracht hatte. In diesen ersten Wochen waren wir ihm aus dem Weg gegangen, hatten uns strikt nach seinen Essenszeiten gerichtet, denn er legte großen Wert darauf, dass alle um den Tisch herumsaßen, kein Wort sprachen und aufmerksam seinen Ausführungen lauschten, wie wichtig es war, unsere preußische Ehre zu verteidigen. Mutter ihrerseits fügte sich ihm, als wäre sie immer noch seine Hausangestellte und nicht die Frau, die er zu ehelichen beabsichtigte. Zu meiner Überraschung hatten sie, als er einberufen wurde, immer noch nicht geheiratet. Warum Mutter trotzdem darauf bestanden hatte, dass wir hierherzogen, wagte ich nicht zu fragen. Wie konnte Josephine Felsing mit einem Mann zusammenleben, ehe das Aufgebot bestellt war? Ohne den Segen der Kirche? Wahrscheinlich lebte sie gar nicht wirklich mit ihm zusammen. Oder doch?

Aber nun war er fort, um für das Kaiserreich zu kämpfen, und Mutter versah weiter die Arbeit seiner Haushälterin, mit dem einzigen Unterschied, dass sie jetzt das Haus in Dessau beaufsichtigte. Ich fragte, inwieweit finanzielle Erwägungen eine Rolle spielten – selbst wenn Mutter das nie im Leben zugegeben hätte –, denn ohne ihre Arbeit hätten wir unsere Wohnung nicht bezahlen können. Folglich waren wir gezwungen, an dem Ort zu leben, den Herr von Losch bestimmte. Mir gefiel das ganz und gar nicht; ich fand Mutters freudlose Unterwürfigkeit verstörend. Allmählich begann ich zu verstehen, was Liesel über eine alleinlebende Frau gesagt hatte: Obwohl Mutter auf ihre Herkunft so stolz war und darauf bestand, dass wir die mit ihrem gesellschaftlichen Status verbundenen Anstandsregeln peinlich genau einhielten, waren wir letztlich doch alles andere als privilegiert, sondern ganz und gar abhängig von den Launen ihres Arbeitgebers.

Und in Wahrheit hatte Mutter in Dessau nicht viel zu verwalten. Neben einer zänkischen katholischen Köchin gab es noch ein nervöses Dienstmädchen, das in ständiger Angst vor Mutters Kontrollen lebte, und einen lahmen Kutscher, der, soweit ich es beurteilen konnte, rein gar nichts zu tun hatte, da die Ställe leer standen. Für den Krieg waren sämtliche Pferde erst beschlagnahmt worden, und wurden jetzt, wie man munkelte, für den Suppentopf geschlachtet.

Es war trostlos und langweilig, ich vermisste Schöneberg, ja sogar meine Schule. Hier lebten wir wie Gefängnisinsassen, mit schwarzen Trauerarmbinden, die uns beim Stricken, Nähen und Paketepacken behinderten. Auch unsere eigenen Lebensmittelrationen wurden immer knapper – Fleisch, Milch und Mehl waren gar nicht mehr zu bekommen, das Brot war mit Sägemehl gestreckt, ganze Mahlzeiten wurden auf der Basis von Steckrüben bestritten. Da ich im Antoinetten-Lyceum Dessau eingeschrieben war, kam ich wenigstens tagsüber aus dem Haus, aber zwischen den obligatorischen Unterrichtsstunden hatten wir ziemlich genau die gleichen Aufgaben wie zu Hause zu erfüllen, unterstützten die Kriegsanstrengungen also mit unseren blutigen Fingerspitzen oder versammelten uns wöchentlich im Rathaus, um patriotische Lieder zu singen, während der Bürgermeister die endlosen Listen mit den Namen der Gefallenen verlas.

»Wann kommen endlich Onkel Willi und Oma?«, wagte ich nach einer weiteren halben Stunde nervtötenden Stricknadelgeklappers zu fragen. »Hast du nicht gesagt, sie würden uns bald besuchen?«

In diesen Tagen waren meine Verwandten die einzige Unterbrechung der Monotonie. Mutters jüngerer Bruder Max war gefallen, und obwohl ich ihn kaum gekannt hatte, mussten wir tagelang Gebete für ihn sprechen. Aufregender war, dass einer meiner Onkel väterlicherseits einen tollkühnen Zeppelinangriff auf London geflogen hatte und dafür in der Zeitung erwähnt worden war. Onkel Willi jedoch war nicht eingezogen worden, weil er das Felsing-Unternehmen leitete und der Kaiser die Uhrenwerkstatt als Munitionsfabrik requiriert hatte. Um an Geld zu kommen, hatte Willi außerdem das Geschoss über seinem Geschäft an einen Mann vermietet, der im Auftrag des Kaisers ein revolutionäres optisches Gerät für die Filmprojektion erfunden hatte, um den Krieg zu dokumentieren. Mir lag viel an meinem Onkel, und ich freute mich immer, wenn er zusammen mit meiner Großmutter, die bei ihm wohnte, zu Besuch kam. Trotz all der Sorgen wirkten die beiden auf mich stets ungeheuer kultiviert: mein Onkel umweht vom Duft seiner russischen Zigaretten – er weigerte sich, mit diesem Luxus zu brechen –, Oma mit Zobel und Perlen so elegant und standesgemäß wie eh und je. So oft war mir schon durch den Kopf gegangen, dass wir, wenn Mutter sie doch nur gefragt hätte, bei ihnen in Berlin hätten wohnen können, statt hier im Haus eines Fremden zu versauern.

»Es wird immer schwieriger für die beiden, uns zu besuchen. Deshalb werdet ihr zu ihnen nach Berlin ziehen, wenn ich an die Front gehe«, beantwortete Mutter jetzt meine Frage und sah mich so streng an, dass mir mein Freudenschrei im Hals stecken blieb.

»Wir … wir ziehen nach Berlin?«, stieß ich hervor und unterdrückte meine Aufregung, so gut ich konnte.

»Ja«, antwortete Mutter kurz angebunden. »Ich kann euch ja schlecht hier allein lassen. Nun«, fügte sie hinzu, hob die Stimme und wechselte das Thema, um weiteren Fragen zuvorzukommen, »seid ihr fertig mit eurer Arbeit? Nein, anscheinend nicht. Lena, deine schlechte Stimmung ist unerträglich und wirft ein schlechtes Licht auf uns alle. Wir haben Krieg. Also, tu etwas.«

Mit zusammengebissenen Zähnen strickte ich weiter und verbiss mir weitere Fragen, um nicht noch einmal ermahnt zu werden. Ich konnte Mutters Aufbruch zur Front kaum erwarten, wo immer diese gerade sein mochte. Seit vier Jahren gab es nun schon Krieg, und er vereinnahmte unser gesamtes Leben. Aber ich wusste nicht viel darüber – abgesehen davon, dass die Menschen zu Tausenden den Tod fanden, zerfetzt im Artilleriefeuer, vergast in den Schützengräben. Mutter war jedoch der Überzeugung, dass er schneller ein Ende haben würde, wenn wir Pakete mit selbstgestrickten Fausthandschuhen an die Front schickten. Handschuhe! Als könnte der Kaiser unsere Feinde mit Wagenladungen von Strickzeug besänftigen.

Mein Magen knurrte. Ich war so erschöpft und hungrig, dass ich kaum mehr wusste, wie ich mich eigentlich fühlte. Mir war klar, dass ich todunglücklich sein sollte, die Zahl der Opfer war immens, und die Listen wurden mit jedem Tag länger. Ohne Unterlass starben in diesen Tagen junge Männer wie jene, die ich damals in Schöneberg hatte marschieren sehen, einen grausamen Tod. Um den Ernst der Lage deutlich zu machen, hatte Mutter das Gedicht von Ferdinand Freiligrath auf ein Stück Stoff gestickt, gerahmt und gleich einem Gebot über den Kaminsims im Salon gehängt:

O lieb, solang du lieben kannst!

O lieb, solang du lieben magst!

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst.

Wenn sie ihrer Arbeit nachging, murmelte sie die Verse vor sich hin, eine stete Litanei gleich dem Rosenkranz, bei dem ich unsere Köchin beobachten konnte, wenn ich mich auf der Suche nach etwas Essbarem in die Küche schlich. Hätte ich es nicht besser gewusst, wäre mir der Gedanke gekommen, dass Mutter den Tumult geradezu genoss, der die Welt gegen uns aufgebracht und Deutschland in die Knie gezwungen hatte.

Immer wieder nahm ich mir vor, so unbeirrt wie sie an unseren Sieg zu glauben. Ich sollte stolz sein auf unsere Opfer und die standhafte Verteidigung unserer Ehre. Aber alles, woran ich denken konnte, wenn ich überhaupt die Energie zum Denken aufbrachte, war Mademoiselle. Ich fragte mich, wo sie war. Vermutlich wieder in Frankreich. Ihr Traum, Schauspielerin zu werden, war gewiss fürs Erste ausgeträumt.

Wenn es dunkel wurde, stellten wir das Stricken ein. Lampenöl war knapp, und wir mussten mit stinkenden Talgkerzen vorliebnehmen, um bei unserem armseligen Abendessen überhaupt Licht zu haben, ehe wir uns ins Bett schleppten, unsere einzige Zuflucht vor der langen Winternacht.

Liesel schlief stets wie ein Stein und ließ sich durch nichts erschüttern. Es war erstaunlich, dass eine Siebzehnjährige, die zu zart war, um eine öffentliche Schule zu besuchen, stundenlang, ohne mit der Wimper zu zucken, auf ihrem Stuhl saß und handarbeitete, als ginge es um Leben und Tod. Sie hatte doppelt so viele Handschuhe und Mützen produziert wie ich und sich nicht ein einziges Mal beklagt.

Ich war zu müde zum Schlafen, schloss die Augen und versuchte, mir den magischen Abend ins Gedächtnis zu rufen, als ich neben Mademoiselle Zeuge einer ganz anderen Tragödie geworden war. Ich wollte mich an ihren Duft auf meinen Händen erinnern, an ihr Lächeln, an den Klang ihres Lachens. An jenen Moment, als sie mir ihren Traum anvertraut hatte.

Frauen mit Geheimnissen sollten doch Freundinnen sein, n’est‑ce pas?

Aber die Erinnerung war verblasst und zu einem leblosen Souvenir geworden. Starr wie Bernstein.

Ich hatte sie verloren.

Alles, was blieb, waren diese endlose Schufterei, die Angst, die uns jeden Tag begleitete, und die schwache Hoffnung, dass der Krieg – irgendwie, irgendwann – zu Ende sein und das Leben von neuem beginnen würde.

Als Anfang 1918 die Nachricht eintraf, dass Leutnant von Losch verwundet worden war, reiste Mutter umgehend an die Front und schickte Liesel und mich wie versprochen nach Berlin.

Endlich war ich wieder in der Stadt, die ich liebte. Aber Berlin war nicht mehr voller Leben, es war nicht mehr die modernste Stadt der Welt. So weit das Auge reichte, überall herrschte Ernüchterung, die Straßen waren düster und menschenleer bis auf ein paar alte Leute und schwarzgekleideten Witwen mit verschlissenen Schultertüchern, die in den Abfallhaufen wühlten oder streunende Katzen köderten.

Bei unseren Verwandten bekam man von diesem Leid allerdings nicht viel mit. Onkel Willi hatte mit der Munitionsproduktion für den Kaiser anständigen Profit gemacht, und der noble Wohnsitz der Felsings war mit seinen Kronleuchtern und Samtvorhängen fast noch genau so, wie ich mich an ihn aus meiner Kinderzeit erinnerte, ein Pantheon unseres Familienfleißes.

»Wann bist du nur so hübsch geworden?«, fragte meine Großmutter und musterte mich aufmerksam durch ihre Brille. »Du ähnelst niemandem aus unserer Familie, Liebes.«

»Ich sehe doch aus wie Mutter«, protestierte ich. Wir saßen in Omas Boudoir – sie benutzte dieses Wort nach wie vor und streute überhaupt gern französische Ausdrücke in ihre Sätze ein, obwohl wir Frankreich und alle anderen Länder, die nicht unsere Verbündeten waren, doch eigentlich zu verachten und zu hassen hatten. »Ich habe ihre Haare und ihre Augen …«

»Nein, nicht ihre Augen.« Omas Lächeln legte ihr Gesicht noch mehr in Falten, die Armreifen klapperten an ihren knochigen Handgelenken. »Augen wie deine gibt es nicht in unserer Familie, Augen, die so weit auseinanderstehen. Und diese schweren Lider. Nein, so ungern ich es zugebe, ich glaube, du hast die Augen deines Vaters. Und seine Stirn. Er war ein schöner Mann, dein Vater. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht mehr wirklich an ihn, aber er war sehr attraktiv, auf robuste Art. Aber eben ein Dietrich …« Sie blies ihre eingefallenen Wangen auf. »Der Name sagt doch alles. Er war ein Dietrich, er passte in jedes Schlüsselloch, allerdings ohne eine einzige Tür zu öffnen. Für Josephine war er ganz und gar nicht der Richtige. Wir haben versucht, ihr das klarzumachen, aber Almosen und gute Ratschläge sind die beiden Dinge, die sie noch nie annehmen konnte.«

Auf die Erwähnung meines Vaters ging ich nicht ein. Er war ein Schatten, eine Ikone, von meiner Mutter auf ein Podest gehoben. In unserer Wohnung hatte sie sein Porträt – in einem vergoldeten Rokokorahmen – so aufgehängt, dass es immer ins Auge fiel, aber ich hatte darin immer nur einen Mann in den besten Jahren gesehen, den ich nicht kannte. Interessanter schien es mir, Omas Privatzimmer mit seinem Chaos von Parfümfläschchen, emailliertem Flitter und imitierten Fabergé-Eiern zu erkunden. In einer Ecke stand ein Ganzkörperspiegel, verziert mit Schals und Hüten. Mit Spiegeln hatte ich nicht viel Erfahrung. In Dessau hatte Mutter sie zu Ehren unserer Toten allesamt zur Wand gedreht.

Da stand ich nun und betrachtete mein Spiegelbild – ich war so dünn geworden, dass mein Kleid an meinem Körper herunterhing wie ein formloser Sack, aber ich war größer als in meiner Erinnerung, und …

Ich trat näher an den Spiegel heran.

War ich hübsch? Ich sah das Gesicht, das ich seit jeher kannte, geformt von den Entbehrungen des Kriegs: eingefallene Wangen, bleiche Haut, aufgesprungene Lippen. Seit Kriegsbeginn hatte ich meine Haare nicht mehr offen getragen – auch das ein Zeichen des Respekts, auf das Mutter großen Wert legte –, und abends war ich oft zu müde, um sie auszubürsten. Doch jetzt löste ich meine Zöpfe und ließ die Haare offen herabfallen. Sie waren strähnig und mussten dringend gewaschen werden, aber sie hatten einen deutlicheren Kupferglanz als in meiner Kindheit.

»Meinst du wirklich, ich bin …« Ich sah meine Großmutter im Spiegel an. Sie war einmal eine schöne Frau gewesen, das sagten alle, und die Porträts auf dem Treppenabsatz bezeugten es. Noch immer waren die Spuren ihrer Schönheit unter ihrer kreppartigen Haut zu erkennen, im Glanz ihrer ungewöhnlichen pflaumenblauen Augen und der jetzt von silbernen Strähnen durchzogenen Frisur, die stets makellos saß. Als Kind war meine Oma für mich das wunderbarste Lebewesen, das ich kannte, der Inbegriff von Eleganz in ihren applizierten Mänteln, ihren Kleidern aus Paris, ihren Federhüten aus Wien und ihren maßgeschneiderten italienischen Handschuhen mit den winzigen Perlmuttknöpfen – alles in den Fliederduft ihres Parfüms gehüllt.

»Ja, das bist du«, antwortete sie. »Ein hübsches junges Mädchen. Heb deinen Rock hoch.«

Zwar fand ich die Aufforderung etwas seltsam, aber wir waren ja allein – warum also nicht? Oma taxierte mich unverhohlen durch ihre Brille. »Du hast meine Beine«, stellte sie mit einem amüsierten Glucksen fest. »Jedenfalls die Beine, die ich in deinem Alter hatte. Mit solchen Beinen kannst du ein Vermögen verdienen.«

»Aber du hast deine Beine doch niemandem gezeigt, Oma!«

»Nein, nur meinen Verehrern«, erwiderte sie. »Ich glaube, es ist Zeit, dass ich dir zeige, wie du aussehen würdest, wenn Josephine – Gott segne sie – nicht so mit Schicklichkeit und diesem nicht enden wollenden Krieg beschäftigt wäre.«

Liesel war, kaum im Haus unserer Großmutter angekommen, zusammengeklappt und schlief wie eine Tote, was deutlich machte, dass sie bisher nur unserer Mutter zuliebe so stark gewesen war. Also schadete es niemandem, wenn ich mit meiner Oma ein bisschen Spaß hatte.

»Geh doch mal zum Kleiderschrank.« Oma deutete zu dem mit Teppich ausgelegten Bereich, der ihr Ankleidezimmer vom Schlafzimmer trennte. Dort hingen ihre Kleider aus Seide und Satin, Samt, Wolle, Leinen und Goldstoff aufgereiht über den Kommoden, in denen sich die Unterwäsche aus Brüsseler Spitze stapelte – Unterhemden, Unterröcke, Korsetts und Strümpfe. »Na los«, drängte sie mich, als ich zögerte. »Such dir etwas aus. Du hattest recht, dass du unser Felsing-Blut besitzt. Du bist fast genauso groß und hast das gleiche Gewicht wie ich mit sechzehn Jahren.«

»Bestimmt nicht das gleiche Gewicht«, wandte ich ein. »Ich habe viel zu viel abgenommen.«

»Gerade genug«, schnaubte sie. »Wenn ich mich recht entsinne, warst du auf dem besten Weg, dick zu werden. Die ganzen Sahnetörtchen aus der Confiserie. Die neue Diät aus Sägemehl und Steckrüben ist für übergewichtige Frauen genau das Richtige. Schau mich an, ich bin zwar fast dreiundsechzig, aber noch immer rank und schlank.«

»Aber bestimmt nicht, weil du dich ausschließlich von Steckrüben ernährt hast«, meinte ich lachend.

Ich suchte mir ein Abendkleid aus: grauer Seidenchiffon über blauer Seide, enganliegendes Oberteil, plissierte Flügelärmel, langer perlenbestickter Rock. Als ich es ihr zeigte, seufzte meine Großmutter. »Ah. Eigens von Monsieur Worth, dem Pariser Modeschöpfer, in seinem Atelier für mich entworfen und handgenäht. Er war ein Perfektionist, hat auf jedes Detail geachtet – und es sich entsprechend bezahlen lassen. Probier es an.«

Aber als ich ihr den Rücken zuwandte, um mich auszuziehen, meinte sie irritiert: »Warum so zimperlich? Sind wir hier bei mir oder bei Josephine? Du brauchst dich nicht zu schämen, dein Körper ist eine Gabe Gottes, er muss dir nicht peinlich sein.«

Da ich mich mein Leben lang vor meiner Schwester ausgezogen hatte, fiel es mir nicht schwer, mich zu zeigen. Ich hakte mein abgetragenes Kleid auf und ließ es an mir heruntergleiten.

»Was hast du denn da an?« Oma trug zwar eine Brille, hatte jedoch noch einen scharfen Blick, und ihr Entsetzen kam von Herzen. »Was ist das denn für ein … ein hässliches Ding?«

Ich trug eine einteilige gestrickte Hemdhose. »Unterwäsche«, antwortete ich.

Oma schauderte. »Nein, nein. Dieses entsetzliche Ding kannst du doch nicht unter deinem ersten Worth tragen, es würde niemals richtig sitzen. Hol dir ein Korsett aus der Schublade. Und Strümpfe.«

Als ich das Korsett einigermaßen an die rechte Stelle gebracht hatte, winkte sie mich zu sich – sie saß inzwischen auf dem Sofa –, und ich musste mich mit dem Rücken vor sie stellen, damit sie mich ordentlich einschnüren konnte. So ordentlich, dass ich kaum noch Luft bekam.

»Ich bin nicht sicher …«

»Wenn du das Gefühl hast, du fällst gleich in Ohnmacht, dann ist es richtig«, erklärte sie mir unbeirrt. »Jetzt hol das Kleid.«

Unterwegs kam ich am Spiegel vorbei und erhaschte einen Blick auf mich selbst – schlank und anmutig wie eine Elfe, weißschimmernde Haut unter einem Hauch von Unterkleid, das Korsett mit dem Rosenknospenmotiv so hoch geschnürt, dass meine Brustwarzen daraus hervorlugten, meine Beine fest und gerade in Omas von blauen Strumpfbändern gehaltenen Seidenstrümpfen. Fasziniert von meinem eigenen Spiegelbild, das so anders war, als ich mich je gesehen hatte, blieb ich stehen.

»Siehst du?«, sagte Oma. »Da haben wir’s. Vor der Eitelkeit musst du dich in Acht nehmen, meine Liebe. Sie kann sogar dein Spiegelbild verführen.«

Eilig holte ich das Kleid. Oma knöpfte mir das Kleid zu und fingerte lange an den Seiten herum. »Hier ist es zu weit, siehst du? Du hast sehr lange Beine und einen kurzen Oberkörper, Marlene. Denk immer daran, wenn du dir ein Kleid anpassen lässt.« Schließlich legte sie mir ihre beringten Finger auf die Schultern und drehte mich um. »Voilà! Endlich siehst du aus wie eine Felsing.«

Ich staunte. Nichts war mehr übrig von dem mageren Mädchen, vor mir stand eine attraktive junge Frau.

Elegant.

Und gefährlich.

Anscheinend merkte meine Großmutter, wie ich erschrak, denn sie tätschelte beruhigend meine Schulter. »Du brauchst keine Angst zu haben. Schönheit ist vergänglich. Wir müssen genießen, was wir haben, ehe die Zeit es uns entreißt. Ich habe dir ja gesagt, dass du hübsch bist. Jetzt kannst du selbst sehen, dass ich recht hatte.«

Tränen brannten in meinen Augen. »Aber ich … ich kenne dieses Mädchen gar nicht.«

»O doch. Das bist du. Nur ein bisschen besser gekleidet.« Ihr Lächeln zeigte verfärbte Zähne, denn als richtige Dame trank sie nur Tee. »Wenn ich sterbe, hinterlasse ich dir meine Garderobe. Du kannst damit machen, was du willst, lass sie nach dem aktuellen Geschmack umarbeiten. Ich werde nichts mehr davon anziehen. Ein gutes Kleid überlebt seine Trägerin; kann sein, dass es irgendwann seine Anziehungskraft verliert, aber niemals verliert es sie so rasch, wie wir Frauen es tun.«

»Oma«, flüsterte ich und umarmte sie fest. »Ich hab dich lieb.« Es kam einfach so aus meinem Mund, eine spontane Zuneigungsbezeugung, obwohl ich doch gelernt hatte, dass emotionale Ausbrüche im Dienste der Selbstbeherrschung um jeden Preis vermieden werden mussten.

»Ich hab dich auch lieb.« Sie küsste mich und schob mich dann von sich. »Du musst heute Abend so zum Abendessen erscheinen. Wir beide, ja? Wir stolzieren die Treppe hinunter wie zwei Königinnen – Willi wird begeistert sein. Er liebt gutgekleidete Damen, und schon seit Monaten klagt er darüber, dass seit dem Krieg jede Frau in Berlin aussieht wie eine Hausfrau.« Mit einem verschmitzten Lächeln hielt sie inne. »Und stell dir mal die Reaktion deiner Schwester vor.«

Das fiel mir nicht schwer. Aber ich ließ mich trotzdem von Oma überreden.

So erschienen wir an diesem Abend in vollem Ornat, mit allem Drum und Dran: diamantenbesetzten Kämmen aus Omas Schmuckschatulle im aufgesteckten Haar, rotgeschminkten Lippen, die Füße in schmale Satinslipper mit kleinem Absatz gequetscht. Ich war wild entschlossen, die Schmerzen zu ertragen, obwohl ich mich nur mit kleinen Trippelschritten vorwärtsbewegen konnte wie eine Geisha.

Adrett im Gehrock, den Bart mit Wachs hochgezwirbelt und eine seiner zahllosen schwarzen Zigaretten zwischen den Fingern, empfing uns Onkel Willi mit einem erfreuten: »Les dames sont arrivées

Mit offenem Mund sah Liesel zu, wie ich lächelnd den Kopf neigte, antwortete: »Merci bien, Monsieur«, und ihn um eine Zigarette bat, die er mit einem leisen Lachen für mich anzündete. Vom Inhalieren hatte ich keine Ahnung, und der Rauch schmeckte bitter und kitzelte mich so in der Nase, dass ich ein Husten unterdrücken musste. Aber ich genoss das Gefühl des aus meinem Mund aufsteigenden Rauchs, während ich auf meine Schwester zuging, die immer noch regungslos auf dem Sofa saß.

»Was … was tust du denn da?«, fragte sie, und es klang, als hätte sie Angst, dass ich den Verstand verloren hatte.

»Es war Omas Idee«, antwortete ich stolz. »Warum? Gefällt es dir? Schön, oder nicht?« Ich drehte mich, um die weich fließende Schleppe des Kleids zur Geltung zu bringen, aber die Slipper schnitten mir in die Zehen, und ich geriet ins Stolpern.

»Es … es ist einfach unmoralisch.« Liesel zitterte. »Mutter ist an der Front, Herr von Losch könnte jeden Moment sterben, und du … du verkleidest dich wie ein dummes kleines Mädchen.«

Auf ihrem Platz neben unserem Onkel seufzte Oma. »Na, na. Es besteht doch kein Grund, ausfällig zu werden, Liesel. Wir wollen doch nur an diesem langweiligen Abend zu Hause ein bisschen für Stimmung sorgen.«

»Für Stimmung sorgen?« Wütend sprang Liesel auf. »Langweilig?« Dann brach sie in Tränen aus, floh aus dem Salon und rannte die Treppe hinauf. Der Knall ihrer Schlafzimmertür hallte durchs ganze Haus.

»Tja.« Oma zog eine ordentlich gezupfte Augenbraue hoch.

Ich sah den verlorenen Ausdruck in Onkel Willis Gesicht. Weil ich das Kneifen meiner Schuhe keine Sekunde länger ertragen konnte, zog ich sie aus und humpelte zu ihm. »Was ist los mit ihr?«

Er biss sich auf die Lippen. »Als ihr oben wart, kam ein Telegramm. Leider war Liesel an der Tür und hat es als Erste gelesen. Ich wollte euch den Abend nicht verderben, ihr habt euch beide so zauberhaft zurechtgemacht, aber unter den gegebenen Umständen …«

»Was ist denn? Was meinst du mit den Umständen?« Mir war übel. An der Front starben nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Krankenschwestern, freiwillige Helferinnen in den provisorischen Lazaretten, alle gerieten in den Sog der Brutalität des Krieges.

»Es geht nicht um eure Mutter«, sagte Onkel Willi rasch, und ich sackte erleichtert zusammen. »Aber ich fürchte, ihr galanter Leutnant wird nicht mehr lange unter uns weilen.« Er zog das zerknitterte Papier aus der Westentasche. Da ich meine Schuhe in der Hand hielt, konnte ich es nicht an mich nehmen, also reichte er es meiner Großmutter, die ihre Brille zurechtrückte, um das Telegramm zu lesen.

»Anscheinend sind wir nicht die einzigen dummen Mädchen der Familie«, sagte sie und sah mich an. »Josephine hat ihren Leutnant an der russischen Front geheiratet, als er die Sterbesakramente bekam. Als Witwe Dietrich ist meine Tochter in den Krieg gezogen, und als Witwe von Losch kommt sie zurück.«

Kapitel 6

Bei ihrer Rückkehr brachte Mutter auch den Leichnam des Leutnants mit, um ihn bestatten zu lassen. Außerdem erhob sie Anspruch auf seine Rente, mit der wir uns in einer Mietwohnung in der Nähe des Felsing-Hauses niederlassen konnten. Von dort nahm sie wieder eine Stelle als Haushälterin an. Ich konnte nicht anders, als sie zu bewundern – Oma hatte sie als dummes Mädchen bezeichnet, aber Mutters Arrangement mit dem verstorbenen Leutnant hatte sich doch gelohnt. Sie hatte ihre Unabhängigkeit wieder, und wir konnten in Berlin wohnen.

Im November 1918 war der Krieg zu Ende, besiegelt mit einem demütigenden Waffenstillstand und einem Friedensvertrag, den die Alliierten in Paris im Schloss von Versailles ausarbeiteten. Der Kaiser wurde ins Exil geschickt, über Deutschland eine Blockade verhängt. Aufstände brachen aus, die Menschen gingen auf die Straße, um gegen die grassierende Lebensmittelknappheit und die rasant ansteigende Inflation und Arbeitslosigkeit zu protestieren. Es gab keinen Kaiser mehr und auch kein Kaiserreich, und während die provisorische Regierung sich durchzusetzen versuchte, versank Berlin immer mehr in der Gesetzlosigkeit. Onkel Willi verlor seine Stellung als Hoflieferant und musste diverse Bankiers um Kredite anbetteln, um sein Geschäft weiterfinanzieren zu können. Plünderer warfen auf der ehemaligen Prachtstraße Unter den Linden unzählige Ladenfenster ein und entkamen oft genug mit ihrer Beute, ehe die Polizei eintraf, um sie zu verprügeln und in die überfüllten Gefängnisse zu schleppen.

Nachdem Mutter sich mit Oma beraten hatte, beschloss sie, dass Liesel und ich unsere Ausbildung in der weniger chaotischen Umgebung von Weimar vollenden sollten. Erwartungsgemäß wurden weder meine Schwester noch ich gefragt, aber als Mutter uns über den Plan informierte, weigerte Liesel sich zu meiner Überraschung strikt.

»Ich möchte hierbleiben und mein Zertifikat als Lehrerin abschließen«, erklärte sie mit fester Stimme. »Das Konservatorium bietet nur eine Ausbildung in Musik an, und ich bin keine Musikerin. Es wäre reine Geldverschwendung.«

Damit hatte sie nicht unrecht. Während ich auf die öffentliche Schule zurückgekehrt war und meinen privaten Geigenunterricht, den Oma bezahlte, wiederaufgenommen hatte, war Liesel zu Hause geblieben und von einer neuen, ebenfalls von Oma bezahlten Gouvernante unterrichtet worden. Und diese hatte meiner Schwester allem Anschein nach geholfen, ihr Lebensziel zu finden.

»Lehrerin?«, wiederholte Mutter. »Aber du bist eine Felsing und kannst doch ganz sicher etwas Höheres …«

Mit einer gebieterischen Handbewegung schnitt Oma ihr das Wort ab. Jedes Mal, wenn ich mitbekam, wie meine Mutter sich der Autorität ihrer Mutter genauso fügte, wie sie es ihrerseits von uns verlangte, lief es mir kalt den Rücken hinunter.

»Das Kind ist vernünftig«, befand Oma. »In der momentanen Situation ist Lehrerin eine absolut akzeptable Stellung. Ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, dass deine Töchter Mittel und Wege finden müssen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen können. Heutzutage dürfen wir nicht mehr auf unserem Stolz bestehen. Eine Felsing zu sein bedeutet nicht mehr viel. Und Marlene ist das musikalische Talent unserer Familie. Sie wird uns allen Ehre genug machen.«

Trotz Omas Vertrauen wäre auch ich lieber Liesels Beispiel gefolgt. Ich hatte mich daran gewöhnt, nach der Schule so schnell ich konnte zum Geigenunterricht in die Felsing-Residenz zu laufen, wo ich danach von Oma regelmäßig eingeladen wurde, zum Essen zu bleiben. So chaotisch die Zustände auf den Straßen Berlins auch sein mochten, waren die Abende bei den Felsings doch sehr kurzweilig. Gutes Essen und anderer Luxus waren zwar rar geworden, aber interessante Gespräche wurden immer geführt. Onkel Willi hatte viele Freunde, von denen einige am Theater arbeiteten. Sie berichteten den neuesten Klatsch über die Pannen hinter den Kulissen oder übten unverhohlen Kritik an unserem Land, in dem ein Stück Rindfleisch inzwischen mehr kostete als eine Eintrittskarte für eine Theatervorstellung. Auch die dringende Notwendigkeit, die Vergangenheit hinter uns zu lassen, nach vorn zu blicken und unsere desolate Nation neu zu beleben, war ein beliebtes Gesprächsthema.

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