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Marie

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Der Morgen
    1. L’Impasse du Brave Soldat
    2. Bernadette und Hélène
    3. Hans
    4. Victor
    5. Louise
      1. Den 1. Juni im Jahr des HERRN 1983
  8. Der Vormittag
    1. Guillaume
    2. Borgbacka
    3. Der kleine E.
      1. 13. 01. 1989
  9. Der Tag
    1. Chagall
    2. Zusammen
    3. Laurent
      1. 19. 3. 1996
  10. Der Nachmittag
    1. Henri
    2. Gabriel
    3. Allein
    4. Der Engel
      1. 31. 12. 1999
  11. Der Abend
    1. Der silberne Löffel
    2. Zwei Städte
    3. Die Geburtstagsfeier
      1. 21. 12. 2004
  12. Personenverzeichnis

Über dieses Buch

Helsinki, Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Heirat mit einem finnischen Chirurgen führt die Französin Marie in den hohen Norden. Ein Kulturschock, den sie niemals verwindet. Zeit ihres Lebens bleibt sie Außenseiterin. Einzig von ihrem Schwager fühlt sich Marie verstanden und angenommen ...

Über den Autor

Arne Nevanlinna, geboren 1925 ist finnisch-schwedischer Herkunft und bezeichnet sich auf seiner Homepage als aktiven Schreiber aus Helsinki, als Teilzeitarchitekt, passiven Professor, Rentner – und Schriftsteller. Er hat etwa ein Dutzend Architekturpreise gewonnen und neun Bücher (Erzählungen und Werke über Architektur) veröffentlicht. Marie ist sein erster Roman.

Arne Nevanlinna

Marie

Roman

Aus dem Finnischen von
Angela Plöger

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L’IMPASSE DU BRAVE SOLDAT

Marie erwacht um sechs Uhr morgens und schält sich aus dem Bettzeug. Vorsichtig, sodass das Bett nicht neu gemacht zu werden braucht. Genau so, wie es in den besseren Straßburger Familien üblich war und sicherlich immer noch ist. Genau so, wie es die Frauen der Familie, sie selbst, ihre Mutter und deren Mutter und so weiter ihr ganzes Leben lang gemacht haben. Beharrlich, ohne sich darum zu scheren, dass man in Finnland Decke und Laken üblicherweise lose auf der Matratze liegen lässt. Kein Wunder, dass sie sich dann morgens am Fußboden wiederfinden und das Hausmädchen sie jeden Tag auf den Lüftungsbalkon bringen muss, obwohl das für ihr Bettzeug an sich einmal pro Woche genügen würde. Dies war vermutlich die einzige Sache, in der sie sich durchgesetzt hatte, oder die anderen glaubten das zumindest, was auf dasselbe hinausläuft. Bestimmt kommt gleich wieder die Putzfrau und sagt, oje, Frau M., bei uns in Finnland ist es nicht üblich, die Decke unter die Matratze zu stecken, und so muss sie jeden Abend das Bett selbst neu machen, weil sie nicht in der Nacht davon aufwachen will, dass Laken und Decke am Fußboden liegen, dass sie friert, ein wenig Angst hat und ihr der Rücken wehtut, wenn sie sich bückt, um das Bettzeug aufzuheben.

Die Sonne hatte es noch nicht bis zu der Seite des Hauses geschafft, wo sich der Speisesaal befindet, aber das kleine Fenster des Wohnzimmers badete schon im Licht. Alles war dunkelbraun oder schwarz, der Fußboden, die Wandtäfelung, das Büfett, die Anrichte, Mamans Sonntagskleid, die Haare und die Augen von Maman. Auch der Esstisch wirkte nicht hell, weil morgens ein rot kariertes Tischtuch aufgelegt wurde, das nur das eine Ende des Tischs bedeckte und nicht die ganze Fläche, wie die weiße Tischdecke mittags oder die noch weißere für festliche Gelegenheiten, die fast bis zum Boden reichte. Auf der Anrichte stand alles bereit, die Teller, die eine braune dörfliche Landschaft zeigten, oder ein pastorales Idyll, wie Maman sagte, die kleineren, vom Hausmädchen frisch geputzten Gabeln, Messer und Löffel, alltags die gewöhnlichen und sonntags die mit dem Muschelgriff. In den blanken, bauchigen Schüsseln spiegelten sich komisch verzerrte Bilder, unter Deckeln und Servietten hervor stiegen kleine Wölkchen auf wie aus dem Schornstein eines Flussschiffs. In der Luft schwebte der starke Geruch von Bratwürsten, so stark, dass die milden Düfte von gebratenen Eiern, Kaffee, Tee und heißer Milch kaum zu spüren waren. Marie hatte schon hundert Stunden darauf gewartet, dass die anderen aufwachten und zum Essen kämen, Maman war sicherlich noch länger aufgeblieben, vielleicht auch Papa, es war eine Ewigkeit her, dass Marie bei ihnen geschlafen hatte. An den Sonntagen warteten sie vergeblich darauf, dass die Jungen erschienen.

»Bonjour, petite Marie.«

»Bonjour, chère Maman.«

Maman sah so aus wie immer, fertig angekleidet, Rüschen und Schmuck an den vertrauten Stellen, das gebürstete Haar in einem glänzenden, ordentlich straffen Knoten, der Rücken gerade.

»Papa kommt gleich, vielleicht warten wir auf ihn, bevor wir anfangen.«

Vom Korridor her hörte man Schritte. Maman und Marie sahen einander in weiblichem Einvernehmen an und lächelten. Sie erkannten den Ankömmling, das langsamere Tempo als bei den Jungen, das schlurfende Geräusch der Pantoffeln.

»Bonjour, chère Elise, bonjour, petite Marie.«

Papas Stimme war morgenrau.

»Ach, die Sonne scheint schon in das kleine Wohnzimmerfenster, das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass der Frühling da ist. Wusstest du, Marie, dass das hier in Straßburg jedes Jahr am selben Tag geschieht, nämlich am zwölften April, dass sie aber in Afrika das ganze Jahr über direkt von oben scheint, nämlich mittags?«

»In der Zeitung steht, dass heute der fünfzehnte ist.«

»Na ja, das ist doch fast dasselbe, Haarspalterei schickt sich nicht für ein kleines Mädchen. Wie hast du geschlafen, Elise?«

»Gut, aber ich hatte Albträume.«

»Erzähle nur nicht in Gegenwart des Kindes, welcher Art sie waren.«

Marie hätte Papas Lachen auf einen Kilometer Entfernung erkannt.

»Robert!«

»Habe ich dir nicht gesagt, dass dieser Name nur auf der Straße verwendet wird, wenn die Deutschen es hören können, zu Hause bin ich Jean.«

»Entschuldige, aber …«

»Die Nächte sind zum Schlafen da, Träume und besonders Albträume haben diejenigen, die entweder ein schlechtes Kissen, ein schlechtes Gewissen oder beides haben. Ich weiß, dass die Kissen in unserem Haus nicht schlecht sind, dafür hast du gesorgt, aber wie es um das Gewissen steht, das weißt nur du allein.«

Während ihres ganzen langen Lebens hatte Marie einen festen Schlaf gehabt, nun ja, nicht immer, obwohl sowohl die Kissen als auch das Gewissen manchmal schlecht waren – ebenso wie Papas Lebensregeln. Erst im Krankenhaus und jetzt hier im Heim träumte sie wirr, zuerst davon, was am Tag zuvor geschehen oder nicht geschehen war, dann von der alten Zeit. Davon erzählte sie niemandem.

Bernadette behauptete immer, Träume sagten die Zukunft vorher, und sie selbst erwiderte, nein, sie sagen die Vergangenheit vorher. Bernadette wurde böse und erklärte, die Vergangenheit könne man nicht vorhersagen. Kann man wohl, sagte sie, und damit begann eine ihrer unzähligen Streitereien, wie immer in der Sache belanglos. Sie wäre bereit gewesen, die Beziehung abzubrechen, weil Bernadette manchmal, eigentlich fast immer, anstrengend war. Dennoch waren sie bis zur letzten Klasse die besten Freundinnen, Bernadette ernsthaft und sie aus Mitleid, und auch später, denn wenn man sich nicht sieht, ist es leicht, die Freundschaft ohne Abhängigkeit und Mitleid fortzusetzen. Bernadette ist tot, so wie die ganze Klasse. Es gibt nur noch solche Mumien, wie sie selbst eine ist.

Die Finnen, sowohl die schwedischsprachigen als auch die finnischsprachigen, haben schwierige Namen, das findet sie immer noch, obwohl sie fast ihr ganzes Leben in diesem Land und viele Jahre in diesem Zimmer gelebt hat, wie viele, das kann sie nicht ausrechnen. Als der schlimmste Schock vorbei gewesen war, hatte sie einen ganzen Nachmittag damit verbracht, sich für die Pflegerinnen leichte Namen auszudenken, ebenso wie in den Kindheitsspielen mit Rainier und Henri. Alle Männer mit Schnurrbart waren Kaiser Wilhelms, alle glatt rasierten Fleischer Kupsus – wie kann man nur einen so komischen Namen haben –, alle schlecht Riechenden Mistkutscher, alle Dicken Deutsche, alle Lockenköpfe Juden …

Für die Leiterin fiel ihr Madame ein, und von Madame kam sie auf Pompadour, jedoch nicht auf Pompidou, der irgendwann viel später französischer Präsident gewesen war. Der Doktor war eher Jekyll als Hyde, denn seine Augen waren freundlich, aber wo mochte er sich nachts herumtreiben? Die junge Krankenschwester mit den Zöpfen war wie direkt von den Buchdeckeln der beiden Bücher herabgestiegen, die sie parallel lesen sollte, um schneller Schwedisch und Finnisch zu lernen. Also Topelius. Die Oberschwester hatte schwarzes Haar, allerdings gefärbtes, denn es war an den Wurzeln hell, und eine spitze Nase. Also Rabe. Die Augen der anderen Pflegerin standen so weit auseinander, dass sie ihr fast aus dem Gesicht rutschten, hoffentlich rutschen sie aber nicht wirklich, es könnte schwierig sein, sie wiederzufinden, wenn man so schlecht sieht. Also Mongolin.

Sie hatte viele Male gebeten, dass der hübsche Mechaniker kommen möge, oder gebeten, dass jemand ihn bitten möge zu kommen, der scherzt auf Finnisch, wobei sie nichts anderes versteht, als dass er auf Finnisch scherzt, und er soll das Ventil bedecken, weil es sich über ihrem Kopf befindet und kalte Luft hereinbläst. Aber es ist nicht geschehen, und sie hat nicht gewagt, daran zu erinnern, weil sie sich der richtigen Wortform nicht sicher ist.

Im Wannenzimmer beziehungsweise Badezimmer, wie man hier sagt, verweilt Marie lange. Zum Glück ist ihr Magen in Ordnung, kein Wunder, wo sie so wenig isst. Das Papier ist hart, sie muss die freundlichere Putzfrau, für die sie sich noch keinen Spitznamen ausgedacht hat, um weicheres bitten. Die Farben sind wichtig. Das Kleine muss hellgelb sein wie ein Ranunkelfeld im Frühling und das Große locker braun wie ein frisch gepflügter Acker im Herbst, hat der Onkel Doktor zu Hause gesagt, und sie schämte sich dabei, aber wenn es schwarz ist, musst du es sofort Maman sagen. Und die Ohren darf man nicht vergessen. Man kann sie mit einer kleinen roten Gummipumpe säubern, die Maman mit lauwarmem Wasser füllt, wenn du das nicht selbst kannst.

Das Gehirn schien zu dümpeln, und das war nicht lustig. Beim ersten Mal kam fürchterlich viel Dreck. Schon als Fünfjährige lernte sie, dass es leichter war, eine Haarnadel oder, falls keine zur Hand war, das stumpfe Ende einer Schreibfeder zu benutzen, die sie sich von Papas Schreibtisch geborgt hatte. Je größer der Klumpen, desto größer der Genuss. Einmal vergaß sie, die Schreibfeder zu reinigen, und hörte dann bis in ihr Zimmer, wie Papa schrie, wer hat meine beste Schreibfeder verdreckt? Niemand verdächtigte sie, man verdächtigte Laurent, der das heftig abstritt, aber ihm glaubte keiner, weil in ihrer Familie die Streiche immer auf Laurents Konto gingen.

»Vergiss nicht, jeden Morgen und Abend die Zähne zu putzen, Marie, sonst werden sie ebenso hässlich wie die von Grand-Père, und du musst dir ein künstliches Gebiss zulegen, so eines, wie die Köchin es nachts im Wasserglas aufbewahrt und auf dem Abwaschtisch in der Küche vergisst, sodass auf dem Zink ein Rand zurückbleibt. Du hast so schönes und glänzendes Haar, ebensolches wie Maman, die Haare musst du jeden Morgen und Abend eine Viertelstunde lang bürsten, das Braun passt so gut zur Farbe deiner Augen.«

In den Spiegel schaut sie nur aus Versehen. Sie fürchtet, dass das Muttermal an ihrer Nasenwurzel gewachsen und inzwischen so behaart ist wie das der Englischlehrerin – wie hieß sie doch noch – und dass ihre Zähne noch gelber geworden sind. Hätte sie sich nicht doch ein künstliches Gebiss anfertigen lassen sollen? Na, jetzt ist es zu spät und nicht einmal mehr nötig, da das Essen sowieso ein weicher Pamps ist. Außerdem ist der Gedanke an die im Wasserglas grinsenden Zahnreihen auf dem Nachttisch irgendwie so, wie soll sie sagen, vulgär. Nur sich selbst gesteht sie ein, dass ihr die Zähne manchmal wehtun, zum Glück hat sie noch so viele, dass sie es wagen würde zu lachen, falls es dafür einen Grund geben sollte. Aber zum Zahnarzt wird sie nie wieder gehen, nachdem der letzte erst so gebohrt hat, dass es fürchterlich wehtat, dann den Mundschutz abnahm, ihr seinen übel riechenden Atem ins Gesicht blies und vorschlug, in ihrem Alter sollte sie sich schon ein künstliches Gebiss anschaffen, er kenne einen zuverlässigen Zahntechniker und auch der Preis sei moderat.

Unterrock, Schlüpfer und Büstenhalter – das Strammziehen der Korsettschnüre ist beängstigend schwer, aber um Hilfe zu bitten wagt sie nicht – warten säuberlich zusammengelegt auf ihrem kleinen Stuhl. Heute sind sie hellblau, weil ihr Kleid braun ist. Blau und braun passen immer zusammen, sagte Mademoiselle – wie hieß die Zeichenlehrerin noch mal, na, egal –, jetzt ist sie selbst Maman und älter als Maman bei ihrem Tod. Wie viel älter? Maman war im Jahre siebenundsechzig geboren und starb … Einmal sah sie heimlich zu, wie Maman sich die Haare bürstete, das dauerte nur fünf Minuten, und sie traute sich nicht, etwas zu sagen. Gentille Mademoiselle. Chère Maman.

Marie lächelt, wenn sie daran denkt, wie jemand fragte, an welchem Wochentag in diesem Jahr Heiligabend sei, Grand-Mère sagte, seid still, ich rechne es aus, schloss die Augen und rief einen Augenblick später begeistert, ich brauche keinen Kalender, am Freitag natürlich, und die Kinder schrien ebenso begeistert, nein, am Donnerstag! Der November könnte ebenso gut einunddreißig Tage haben, und dann hätte ich recht, murmelte Grand-Mère und schmollte. Jedes Jahr dieselbe Geschichte, flüsterten die Kinder einander zu und kicherten, bis Papa die Brauen runzelte. Vielleicht habe ich es von Grand-Mère geerbt, dass ich so schlecht kopfrechnen kann? Konzentrier dich, Elise, konzentrier dich. Ach, wie sie doch Fräulein – Fräulein … gehasst hatte! Nicht wegen der Rechenstunden und auch nicht deswegen, weil Elise ihr zweiter Vorname war – warum war Marie nicht gut genug? –, sondern weil sie nach deutscher Art Eliise sagte und nicht nach französischer Art Eliis, so wie es sich gehört. Bestimmt mit Absicht. Blödes Fräulein. Chère Grand-Mère.

Und Laurent konnte es sich nicht verkneifen, als Weihnachtsgeschenk einen Kalender zu kaufen, und wieder schmollte Grand-Mère. Als Kind bewunderte sie ihren Bruder, später vielleicht noch mehr, aber anders, und sie lachte über seine Streiche, aber nur hinter seinem Rücken. Zum Beispiel damals, als Laurent Patronen in den Kamin tat, die genau in dem Moment explodierten, als die Hausschneiderin sich an die Singer gesetzt, den Kamin angezündet, sich die Hände massiert und gesagt hatte, heute ist aber ein kalter Wintertag, wenn das so weitergeht, friert der Kanal ebenso früh zu wie im Jahre zweiundneunzig, oder war es dreiundneunzig? Ach, wenn er doch wirklich zufrieren wollte, dann würden Bernadette und ich den stolzen deutschen Mädchen zeigen, wie man Pirouetten dreht, sagte sie und fügte bei sich hinzu, warum nicht auch den Jungen. Grand-Père behauptete, so etwas sei seit Menschengedenken nicht geschehen, und später sagte Laurent, Grand-Pères Menschengedenken könne alles zwischen einer Stunde und achtzig Jahren sein, je nachdem, was besser passte. Warum kann es bei uns nicht so sein wie in Holland, dort möchte ich wohnen, allerdings nur im Winter.

Ein übler Streich, auch wenn die Schneiderin böse Augen hatte und uns herumkommandierte. Maman wurde fürchterlich böse. Die Wunden der Schneiderin heilen von selbst, sagte sie, aber die Singer ist neu und schrecklich teuer, und ob überhaupt jemand sie reparieren kann, ist die Frage. Laurent erklärte, das sei gar kein richtiger Streich gewesen, weil die Patronen aus einem Lager der Deutschen auf der anderen Seite des Kanals stammten und gar nicht lang, sondern nur halblang waren. Ein patenter Junge, obwohl es streng verboten ist, auf die andere Seite des Kanals zu gehen, lachte Papa, sein Bart zitterte, und seine Augen quollen noch weiter hervor als sonst, dafür kann man in ein deutsches Gefängnis kommen, das sind keine Erholungsheime, sie stinken, und die Wärter schlagen einen, wenn man einen französischen Namen hat.

Als Laurent und sein Klassenkamerad, der Eule genannt wurde, und zwar wegen seiner Brillengläser und nicht, weil er dümmer oder klüger gewesen wäre als die anderen, aus dem Fenster des Jungenzimmers einer unschuldigen Tante eine große braune Papiertüte voll Wasser vor die Nase fallen ließen, klingelte die Polizei an der Tür, erblickte Laurent, machte eine Ehrenbezeigung und sagte, dies ist sicherlich die falsche Tür, ein so brav aussehender Junge macht doch keine so üblen Streiche, Marie hatte sich hinter dem Vorhang versteckt und konnte sich kaum das Kichern verkneifen. Vielleicht war das in demselben Jahr, als sie zwischen den Seiten eines Buches von Papa einen Hundertmarkschein fand, damals viel Geld, oder war das ein andermal? Papa war guter Laune, roch nach viel Tabak und wenig Wein, war nicht so zerstreut wie sonst und sagte, komm zu Papa auf den Schoß. Er nannte sie kleine Prinzessin, obwohl sie selbst fand, dass sie viel zu groß war, um auf jemandes Schoß zu sitzen, kauf dir von dem Geld eine Armbanduhr, die sind jetzt in Mode, obwohl nach meinem Geschmack die Collieruhren, die man um den Hals trägt, besser zu so jungen Frauen passen. Marie war sich mit dem wichtigsten Mädchen der Klasse darin einig, dass nur Kühe so ein Bammelding um den Hals tragen, aber das durfte man zu Hause nicht laut sagen. Bitte Maman, dass sie mitkommt, wenn du dich nicht traust, allein zu gehen. Wo mag die Uhr hingeraten sein? Sicherlich ist sie während des Krieges abhandengekommen wie so viele andere Dinge. Papas Hände waren feucht von Schweiß, das Leder des Sessels fühlte sich warm an, das Metall des Schachtischs kalt und Papas Hosen an ihrem nackten Schenkel rau. Damals muss Sommer gewesen sein, denn sie trug Kniestrümpfe. Cher Papa.

Marie sieht starr aus dem Fenster und wartet darauf, dass der Morgen graut und auf der Straße ein Mensch oder ein Auto oder sonst etwas erscheint, das sich bewegt. Sie fürchtet, dass der Tag grau wird und draußen nur vom Wind aufgestöberte Schneewirbel zu sehen sind, die einander ruhelos jagen wie Gespenster, denn morgen ist ein Feiertag, und die Finnen bleiben zu Hause oder sind aufs Land geflüchtet, um dort Weihnachten zu feiern. Als Henri noch klein war, glaubte er, auf dem Land sei immer Sommer, armer Henri. Die roten Ziegelwände von Töölö ragen drohend überall auf und sehen anders aus als die Häuser von Paris – dort schneit es nur einmal im Jahrhundert, sagte Laurent, der immer übertrieb –, ebenso schmutzig grau, aber die Fachwerkhäuser von Straßburg sind anders und schön. Warum werden in Finnland nicht ebenso anheimelnde Häuser gebaut anstelle dieser Kolosse, die unter die Kategorie neue Sachlichkeit fallen? Einmal fragte sie, wie das auf Französisch heiße, niemand wusste es, und auch im Wörterbuch fand sich kein solches Wort.

Sie hofft, dass sie noch einmal ihr Zuhause wiedersehen kann, obwohl sie weiß, dass dort von den wichtigen Sachen nur noch die große Standuhr übrig ist, vor der sie sich als Kind fürchtete, wenn sie Grand-Père besuchte. Wenn die Uhr stehen bleibt, dann sterbe ich, und das ist, auch wenn die Männer das behaupten, nicht nur das Gefasel alter Frauen.

Sie wartet darauf, dass der Lift anhält, das Kreuzgitter aufgleitet und wieder zu, die Fahrstuhltür klappt, das Geräusch junger Schritte sich verstärkt und vor ihrem Zimmer haltmacht.

Sie fürchtet, dass der Fahrstuhl anhält und vom Gang her die schlurfenden Schritte und die quietschenden Räder des Rollators zu hören sind, mit dem die demente Dame aus dem Nachbarzimmer unterwegs ist. Was soll sie tun, wenn die sich in der Tür irrt, hereingestürmt kommt und sie noch im Bademantel ist? Was ist das nur für eine Vorschrift, dass die Türen nicht verschlossen werden dürfen? Hoffentlich stolpert die Dame über ihren Rollator und stirbt, auch wenn sie wohl siebzehn Jahre jünger ist als sie selbst, also noch kaum erwachsen. Durch welche Tricks hat eine so ungebildete Person ein Zimmer in dieser Etage bekommen? Was hat das Leben einer Greisin zu bieten, die sich nicht mehr mit eigener Kraft bewegen und auch nicht denken kann? Eines Tages wird sie auf den Korridor hinausgehen, Frau und Rollator die Treppe hinunterstoßen, sich über das Geländer beugen, vorsichtig, damit sie nicht selbst hinunterfällt, und sich vergewissern, dass die Frau sich nicht mehr rührt, so wie in jenem Film, dessen Titel sie ebenso vergessen hat wie den Namen des Theaters, in dem er gezeigt wurde.

Zwei Dinge sind ihr zuwider. Zum einen der Rollator. Anfangs hatte der Rabe, dann Pompadour und zuletzt Doktor Jekyll ihr erklärt, was für ein praktisches Ding das sei. Man brauche keine Angst zu haben, man könnte stürzen, und komme bequem an verschiedene Orte. Doch keiner von ihnen begriff, dass es hier um Psychologie und nicht um Technik ging. Lieber will sie sterben, als dass irgendjemand sie jemals in dem Zustand einer solchen Erniedrigung sieht, dass sie sich dieses fürchterlichen Apparats bedienen muss und die anderen die Gelegenheit bekommen, mitleidig zu sagen, seht nur, dort tapert Frau M., ein typisches Beispiel dafür, wie die physische Verfassung eines Menschen sich in wenigen Wochen total verschlechtern kann. Und zum anderen das Wort Greisin. Sie ist keine wertlose Greisin, sondern ein würdiger alter Mensch, keine Frau M., sondern Marie Elise Myhrborgh, geborene Céline, aus einer namhaften Straßburger Juristenfamilie.

Seltsam, dass sogar Pompadour, die doch auf eine reiche Erfahrung zurückblickt, sich in einer so wichtigen Sache irren kann und keine Lust hat, den ganzen Familiennamen zu lernen, sei es auch, dass er für Finnen etwas schwierig ist und Müürpori nicht angenehm klingt. Pompadours Fingernägel sind grellrot. Das kann bedeuten, dass es ihr darum geht, einem Mann zu gefallen, und nicht darum, ihre Aufgaben zu erfüllen. Ob wohl der Pastor, den sie noch nie gesehen hat, von dem aber Pompadour ständig redet, verheiratet ist, und auch wenn er es sein sollte, dann war das auch früher kein Hindernis … Obwohl sie dagegen ankämpft, füllen sich Maries Augen mit Tränen.

Sie erwartet, dass rasch geklopft wird und Topelius sich mit dem Frühstückstablett hereinschiebt, sie hat einen ordentlich geflochtenen Zopf, ein schönes Lächeln, einen hohen Busen und eine frische Stimme und kann die Tür mit dem Fuß hinter sich schließen. Sie fürchtet, dass Edith Piaf hereingestürmt kommt, ohne anzuklopfen, mit ungepflegtem Haar, müder Miene, flachem Busen und heiserer Stimme, die die Tür nicht hinter sich zumachen kann, ohne das Tablett auf dem Fußboden abzustellen. Sie hofft, dass wenigstens eine der beiden Schwedisch spricht und nicht auf Finnisch fragt, hast du gut geschlafen und möchtest du jetzt frühstücken?, obwohl sie schon viele Male gesagt hat, sie sei Französin und verlange, so lange gesiezt zu werden, bis sie die Erlaubnis zum Duzen erteilt.

Am meisten fürchtet sie die Baderin Monster, die den Kopf durch den Türspalt steckt, Kuckuck ruft und sie daran erinnert, dass wir heute wieder Badetag haben, und nicht auf sie hört, auch wenn sie jedes Mal sagt, sie sei es nicht gewohnt, sich vor Frauen nackt auszuziehen, außer bei der ärztlichen Untersuchung in der Schule, und dass das Wasser zu kalt, die Bürste zu hart und der Schemel zu glatt sei. Sie erinnert sich noch, wie die Kraft ihrer Hände auf einmal nicht mehr ausreichte, um aus der Wanne zu steigen, gleich nach Weihnachten in dem Jahr, als sie fünfundachtzig geworden war, und sie sich bei Stockmann einen Hocker kaufen musste oder einen Schemel, wie es angeblich heißt, der war schön blau und nicht braun, so wie der hier im Hause. Hinterher fühlst du dich wunderbar, sagt Monster und lacht zu laut, so hatte auch jemand anders gesagt, allerdings nicht nach dem Bad, sondern … Beim nächsten Mal wird sie sich an Monsters Hand festklammern, sie mit in die Wanne ziehen, ihr den Kopf unter Wasser drücken und warten, bis das Strampeln und die Luftblasen aufhören. Und das Kuckuckrufen.

Marie erinnert sich an die Badetage ihrer Kindheit, einmal in der Woche, da war nur so viel Wasser in der Wanne, dass es gerade den Boden bedeckte, erst Papa, dann Maman, dann die Jungen und zuletzt die Jüngste, also sie, obwohl Henri jünger war, aber die Jungen waren etwas anderes, sagte Maman. Später kam sie als dritte dran, aber das nutzte nichts, weil das Wasser nach Papa fast eben- so übel roch wie nach den Jungen, wenn auch anders. Wo mochten sich Miss Lewis, die Köchin, die Stubenmädchen, die Kutscher und Hilfsarbeiter waschen? Sicherlich auf dem Hof, am Zuber, der voller Regenwasser war, außer in trockenen Sommern, und die Pferde, tranken die aus demselben Bottich? Ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln, dann beginnt sie laut zu lachen. Es schert sie nicht, dass jemand ins Zimmer treten und allen erzählen könnte, dass Frau M. schon immer ein wenig eigentümlich gewesen, jetzt aber verrückt geworden sei. Einen Vorteil hat das Greisenalter aber doch: Sie erwartet, heute besucht zu werden. Doch sie befürchtet, dass wieder niemand kommt. Am liebsten wäre sie tot.

Der Tisch ihrer Kindheit in der lImpasse du Brave Soldat war länger als irgendein anderer Esstisch in ihrem Leben, und im Esszimmer war es doppelt so dunkel, denn die Elektrizität war neu, und man musste damit sparsam sein. Papa saß an dem Tischende in der Nähe des Fensters, Maman an dem, das zum Korridor hin lag, und beide sahen so aus wie immer. Laurent und Rainier saßen auf der Wohnzimmerseite und wanden sich in ihren hohen Kragen, die sie dann anlegen mussten, wenn Papa zu Hause war und nicht bei Gericht. Henri und sie saßen auf der Kaminseite, im Winter wärmte er einem den Rücken, und sie waren stolz auf ihre Matrosenanzüge, genau solche, wie die kleinen Prinzen und Prinzessinnen von Russland sie trugen. Neben Papa war ein Platz für die Gerichtspraktikanten. Einer von ihnen war lustig. Später erzählte Papa, der arme Junge stamme nicht nur vom Land, sondern auch noch vom rechtsseitigen Ufer des Flusses, und von solchen Leuten könne man keine Manieren erwarten. Gaston – warum hatte sie sich gerade seinen Namen, aber den von vielen anderen nicht gemerkt – schaute erst zu, wie die anderen es machten, bevor er es wagte, Gabel, Messer oder Löffel in die Hand zu nehmen, und antwortete nur, wenn Papa oder Maman etwas fragten, was sehr selten vorkam, und auch dann so leise, dass man die Worte nicht verstand, und sein Nacken wurde noch röter.

Warum riecht Gaston anders als die anderen, fragte sie. Was faselst du da, sagte Maman und lachte, man darf die Menschen nicht nach ihrem Geruch klassifizieren. Warum denn nicht, das ist eine ebenso gute Kategorie wie die Frisur, der Schnurrbart oder die Form der Nase, frage ich jetzt, fast hundert Jahre später, vergebens, denn niemand hört mir zu. Ein anderer Praktikant war kultivierter und gesprächiger, sein Name fällt ihr nicht ein, sicherlich vom linksseitigen Ufer des Flusses, aber auch frecher, denn einmal wagte er es, Papa zu fragen, ob brave soldat stolz-kühner Soldat oder dumm-kühner Soldat bedeute, und Papa antwortete, natürlich stolz-kühner Soldat, denn wir wohnen in dieser Straße, und wurde böse, nicht wegen der Frage, obwohl sie wirklich dumm-kühn war, sondern deshalb, weil es sich für einen Praktikanten nicht schickt, den Anwalt von sich aus anzusprechen, erklärte Laurent ihr später.

Neben Maman war ein Platz für Gäste. Wenn Verwandte von Maman aus Paris oder Kollegen von Papa aus Nancy kamen, wurde der Tisch mit den Kristallgläsern und dem Weihnachtsgeschirr gedeckt, Miss Lewis aß in der Küche, und Petite Marie durfte vom Rotwein kosten, allerdings mit Wasser verdünnt. Das schmeckte schlecht. Es gab zwei Hausmädchen. Sie standen an der Tür bereit, und die in einem Lampenschirm versteckte Klingel wurde noch nicht gebraucht. Papa erinnerte sich an die guten alten Zeiten vor der großen Katastrophe – sitz gerade, Laurent, und schlürf nicht, dein Großvater hätte mir das Gesicht in die Suppe getaucht, wenn ich beim Essen so krumm dagesessen hätte – und sagte, wir würden immer noch mit Öllampen zurechtkommen, und die anderen taten so, als hörten sie zu. Sie stellte sich vor, wie Laurents Gesicht aussehen würde, wenn es voller Blaubeersuppe war, und konnte sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen, wobei sie etwas Suppe auf das Tischtuch sprühte, nicht viel, aber doch so viel, dass Papas Augen einen merkwürdigen Ausdruck bekamen. Maman erschrak und sagte, keine Prügel, nein, der Fleck geht bei der Wäsche leicht wieder heraus. Sie hörte erst auf zu weinen, als das Hausmädchen, bestimmt Friedl, die netteste von ihnen, sie in ihr Zimmer begleitet und getröstet hatte.

Sie erschrickt, als von der Tür her ein Klopfen zu hören ist, und richtet sich auf. Herein schieben sich zunächst der Teewagen, Saft, Kaffee, zwei Scheiben Weißbrot – ohne Butter, weil der Arzt es so verordnet hat, warum können die Finnen kein Baguette backen – Orangenmarmelade, das Hufvudstadsbladet, die Helsingin Sanomat und die Pillen. Wenn die Demenz den Verstand zerstört hat, erzählen eine lange rote und eine runde hellblaue Pille, dass Morgen ist, und eine kurze rote Pille und eine weiße mit einer Kerbe in der Mitte, dass Abend ist, sagte Doktor Jekyll, lachte und sah einen Augenblick wie Mr. Hyde aus. Als Nächstes erscheint die neue junge Pflegerin, ein gewöhnliches Lächeln, gewöhnliches Haar, ein gewöhnlicher Busen und eine gewöhnliche Stimme, es ist schwierig, sich für sie einen anderen Namen als Anonyma auszudenken, sie wünscht einen guten Morgen und fragt, wie wir diese Nacht geschlafen haben. Gut, antwortet sie und wundert sich, ob die andere nicht selbst weiß, wie sie in der Nacht geschlafen hat. Anonyma deckt den Tisch, wirft einen Blick auf das Bett und sagt, oje, Frau M., bei uns in Finnland ist es nicht üblich, die Decke unter die Matratze zu stecken.

BERNADETTE UND HÉLÈNE

Das Frühstück erfrischt sie, obwohl das Brot nach Papierserviette schmeckt. Die ewige Müdigkeit weicht für einen Augenblick, und an ihrer Stelle strömt etwas wie Energie, sehr wenig, aber doch so viel, dass Marie sich einbildet, etwas anderes tun zu können, als im Sessel vor sich hin zu dösen. So geht es jeden Morgen, aber daran erinnert sie sich nicht. Erst müssen die Routinen abgearbeitet werden, und zwar rechtzeitig, bevor das Tablett abgeholt wird.

Wenn in der Tasse etwas Kaffee übrig geblieben ist, muss sie ihn im Badezimmer ins Waschbecken gießen und Wasser nachlaufen lassen, oder wenn es nur ein Schluck ist, in den Blumentopf, das heißt in den Blumentopf des Hauses, der schon auf dem Fensterbrett stand, als sie das Zimmer bezog, und nicht in die eigenen Blumentöpfe, die nach ihrer Anweisung von zu Hause mitgebracht worden waren, die übrigen sind weggeworfen worden. Brot und Marmelade dürfen übrig bleiben, aber nur wenig. Einmal warf sie eine ganze Scheibe Brot ins Klosett, und die verschwand nicht, obwohl sie den Spülknopf mehrmals drückte und mit der Bürste nachhalf. Die Putzfrau petzte es der Mongolin, die klopfte an die Tür und sagte, oje, Frau M., bei uns in Finnland ist es nicht üblich, Lebensmittel wegzuwerfen, meine Großmutter hat mir erzählt, wie das ist, nichts zu essen zu haben, im Krieg mussten die Menschen gefrorene Steckrüben essen, weil es nicht einmal gefrorene Kartoffeln gab, das muss schrecklich gewesen sein. Das weiß ich noch, das weiß ich noch, murmelt Marie, aber umso schöner war es dann, als man die Lebensmittelkarten wegwerfen konnte und wieder richtigen Kaffee, Zucker und Butter bekam, Musik von Chopin anrührend aus dem neuen Asa-Radio erklang – wo mochte die Kassette hingekommen sein, auf der der Pianist Ashkesowieso spielt?, die Russen sind schrecklich musikalisch, obwohl sie unmögliche Namen haben, und sie hat niemals gelernt, wie herum die Kassette in das Gerät geschoben werden muss. Die Mongolin hat nicht zugehört. Jetzt weiß Marie, dass sie das Brot zuerst in kleine Stücke reißen muss.

Beide Zeitungen muss sie öffnen und zerknittern, so als hätte sie sie gelesen. Der Figaro kommt erst gegen Mittag zusammen mit der normalen Post, obwohl sie keine normale Post mehr bekommt. Einmal hatte sie das Hufvudstadsbladet und die Helsingin Sanomat unberührt auf dem Tablett liegen lassen. Die Putzfrau erzählte es dem Raben, der es Pompadour erzählte, die es Doktor Jekyll erzählte. Gibt es noch andere Anzeichen für ein Nachlassen der Kondition, hörte sie die Arztstimme des Doktors vom Korridor her, eigentlich nicht, sie ist in guter Verfassung, also für ihr Alter, krächzte der Rabe. Wenn man sein schlechtes Gehör übertreibt, bekommt man allerlei mit. Es ist schön, dass sich wenigstens irgendjemand um ihre Gesundheit Sorgen macht. Die Finnen glauben, Taten seien wichtiger als Worte. Die Franzosen wissen, dass Worte wichtiger sind als Taten.

Sie schaut auf die Uhr mit den großen Zahlen. Erst kurz nach sieben. Der Hausmeister hat sie so an der Wand aufgehängt, dass sie die Zeit sowohl vom Bett als auch vom Sessel aus sieht, nachdem sie in der Schublade Hammer und Nägel gefunden hatte, wahrscheinlich hatte der Hausmeister selbst sie vergessen, und er hat den Nagel nicht getroffen, die Wand wurde beschädigt, zum Glück nur leicht, und die Uhr fiel herunter, zum Glück auf das Bett, und sie musste weinen. Das wird sie niemandem erzählen. Wie bemitleidenswert der Mensch doch sein kann, oder ist er überhaupt ein Mensch?

Heute machen wir einen Besuch bei Grand-Père, sagte Maman, Laurent suchte seine Sachen zusammen, und Rainier war schon gegangen, alltags waren die morgendlichen Abläufe immer gleich, außer wenn die Jungen Gymnastik hatten. Fräulein Luuis, wo sind unsere Sportanzüge, riefen sie, um sie zu ärgern, obwohl sie sehr wohl wussten, wie man den Namen aussprechen musste, und auch, dass Miss Lewis keine Dienerin war, weil sie mit ihnen zusammen am selben Tisch zu Mittag aß, allerdings nur dann, wenn keine Gäste da waren, sondern die Hauslehrerin, deren Aufgabe es war, Englisch zu unterrichten und nicht das ganze Haus nach der Kleidung der Jungen abzusuchen. Das mussten die Hausmädchen tun, die so oft wechselten, dass Papa sie alle Gretchen nannte. Manchmal machte Marie sich einen Spaß, indem sie Rainiers Kleidung versteckte, weil er dumm, lieb und ernst war und sie nicht verstand, aber nicht Laurents Kleidung, weil der schlau, ein Spitzbube und verspielt war und sie verstand.

Wäre es nicht lustiger, zusammen zu gehen, ihr könntet euch unterhalten, fragte Maman. Maman hatte eine schöne Stimme, klangvoll und tief, genau wie Marie selbst, nur weniger heiser, kein Wunder, dass die Männer sie beide mochten oder zumindest sie, obwohl Maman andere Männer gehabt hatte?, ein unmöglicher Gedanke. Mit Rainier kann man sich nicht unterhalten, er ist dumm, sagte Laurent und grinste. Ist es nicht verboten, zu spät zu kommen, bei uns in der Schule bekam man dafür einen blauen Brief und eine Kopfnuss … Mamans Blick wurde abwesend. Ich komme nicht zu spät. Wieso, du gehst doch zehn Minuten später los als Rainier. Rainier trödelt, aber ich laufe. Ach, cher Laurent, es ist nicht gut, verschwitzt im Unterricht zu sitzen, wenn das Fenster offen steht, kann man sich den Tod holen so wie … Maman seufzte, als sie bemerkte, dass Laurent gegangen war.

Ich will nicht, quengelte sie. Das macht doch Spaß, du kannst mit dem Puppenhaus spielen, wenn Grand-Père mit Henri das Pferdespiel spielt. Ich will trotzdem nicht, Grand-Père ist dumm, sagte sie und stampfte mit dem Fuß auf. Mamans Stimme wurde laut und war nicht mehr schön. So darf man nicht vom eigenen Großvater sprechen, vergiss nicht, was man mit hysterischen Kindern tut, man steckt sie in die Wanne und lässt kaltes Wasser über sie laufen, beim letzten Mal hast du so laut geschrien, dass die Nachbarn kamen und fragten, was los sei, und das will Maman nicht. Wenn Grand-Père uns zu sich einlädt, dann gehen wir zu Grand-Père zu Besuch. Lauf schnell und zieh dir das samtene Besuchskleid an, das Maman dir zu Weihnachten geschenkt hat, aber nicht den Matrosenanzug, Grand-Père mag es nicht, dass Mädchen wie Soldaten aussehen, und zieh den besseren Wintermantel an, draußen sind nicht einmal zehn Grad, obwohl wir schon März haben. Ach, chère Maman, du wusstest nicht, in was für ein Land deine Tochter geraten würde, im März können hier zehn Grad Frost herrschen, und am ersten Mai kann es Schneeregen geben.

Unterwegs hüpfte sie, zweimal mit beiden Beinen bei jedem Schritt, weil es sich für kleine Mädchen so gehört. Eigentlich wollte sie mit dem Fuß gegen die Pferdeäpfel stoßen so wie Laurent, aber sie wagte es nicht, weil Maman dann böse wurde und sie es auch selbst nicht wollte, denn das verdarb die Lacklederschuhe. Henri ging an Mamans Hand und hüpfte nicht, obwohl er ein Jahr jünger war.

Grand-Pères Haus war ebenso furchterregend wie Grand-Père selbst. Es war größer und finsterer als ihr eigenes, und das Fachwerk war dunkler. Sie konnte schon lesen und blieb an der Haustür bei den Messingschildern stehen, die in der Sonne glänzten. »Rheinhof, Rheinhof & Sohn, Advokaten«, buchstabierte sie. Warum steht auf dem Schild Rheinhof auf Deutsch und nicht Rhincourt auf Französisch, obwohl Laurent gesagt hat, das sei der richtige Name des Büros, fragte sie, Maman blickte sich um und sagte schsch, die Polizei kann das hören. Warum darf die Polizei das nicht hören? Maman legte den Finger auf die Lippen und sagte noch einmal schsch, wenn du älter bist, wirst du das verstehen. Auf den Klingelknopf daneben durfte man auf gar keinen Fall drücken, denn das war die Klingel von Papas Büro, und ihn durfte man nicht stören. Jean Céline, Avocat, Privé, stand auf dem anderen. Lass mich, sagte sie, bevor Henri das sagen konnte, weil sie wusste, dass das die richtige Klingel war, wenn sie zu Grand-Père gingen. Warum steht an der Tür von Papas Büro nicht unser Name?, fragte sie, während sie warteten, dass jemand öffnete. Weil, bevor Grand-Mère Grand-Père heiratete, sie Rhincourt hieß, erklärte Maman. Waren sie nicht immer verheiratet, fragte sie. Sei jetzt still, ich höre die Schritte der alten Catherine. Mach einen ordentlichen Knicks und vergiss nicht, laut zu antworten ça va bien, falls sie das Hörrohr auf dem Tisch vergessen hat.

Die Tür ging auf, und vielerlei Gerüche wallten heraus. Der Geruch eines alten Hauses. Später lernte sie, dass er von Bratwurst und Schimmel herrührte. Catherines Geruch. Später lernte sie, dass er von kaputten Zähnen und ungewaschenen Kleidern herrührte. Grand-Pères Geruch. Schon damals wusste sie, dass er von Zigarren, von Wein und von dem Frack herrührte, den er seit vierzig Jahren trug und der von allein stehen konnte, wie Laurent behauptete. Catherine bringt euch in den Salon zu Grand-Père, Maman geht inzwischen einkaufen. Sie wusste, das bedeutete einen Besuch im Geschäft von Kupsus, sagte aber nichts, weil Maman nicht wusste, dass sie es wusste. Einmal bestellte Maman gerade eine Partie Lebensmittel mit dem neuen Telefon, als Papa früher als sonst nach Hause kam und sagte, dass es in Straßburg doch wohl noch andere Schlachter gebe, sodass sie nicht bei den Deutschen zu bestellen brauchte. Was kann ich dafür, dass es dort den besten Hinterschinken gibt, sagte Maman. Wichtiger, als wie das Essen schmeckt, ist, woher es kommt, schrie Papa. Oho, sagte Maman, letztens hast du von dem deutschen Hinterschinken so oft nachgenommen, dass für die Kinder nur verbrannte Randstücke blieben und Miss Lewis gar nichts bekam. Das tut ihnen nur gut … mehr hörte sie nicht, denn jemand schloss die Zwischentür. Danach bestellte Maman keine Lebensmittel mehr per Telefon. Geh nicht weg, sagte sie und klammerte sich an Mamans Hand. Du bist schon ein großes Mädchen, nimm dir ein Beispiel an Henri, sieh mal, er geht schon und hat überhaupt keine Angst.

Und so ging es dann, genauso wie immer. Zuerst fragte Grand-Père, ob sie brav gewesen seien, er kümmerte sich nicht darum, dass Henri nicht antwortete, und hörte nicht, als sie flüsterte, sie könne schon lesen. Henri, du kannst mit dem Pferdespiel spielen, Marie und ich sehen uns inzwischen das Puppenhaus an, sagte Grand-Père, setzte sich in den großen Lehnstuhl und nahm sie zu sich aufs Knie. Sie versuchte, sich zu entwinden, aber Grand-Père war stark, obwohl er uralt war. Später brachte Catherine Wein für Grand-Père und Kakao und schlecht schmeckende Kekse für die Kinder. Grand-Père erzählte von der großen Katastrophe, davon, wie die Franzosen heldenhaft kämpften, jedoch gegen die Übermacht nichts ausrichten konnten, und wie dann die Deutschen mit ihren seltsamen Helmen kamen und alles anders wurde. Maman kehrte zwei Stunden später zurück, das erschien ihr wie eine Ewigkeit. Na, hat Grand-Père euch von den guten alten Zeiten, bevor die Deutschen kamen, erzählt?, fragte sie, als sie wieder zu Hause waren. Nein, log sie, aber wir haben diese Geschichten mindestens schon hundertmal gehört. Es war nicht lustig, dass ich das Pferdespiel allein spielen musste, sagte Henri. Was faselst du da, mein lieber Junge, du warst doch nicht allein, sondern Marie.

Hinter der Tür hört man ein Kratzen. Sie richtet sich so schnell auf, dass sie einen schneidenden Schmerz im Rücken verspürt. Vorsichtig, Marie, vorsichtig, murmelt sie halblaut. Wer kommt da? Pompadour? Was kann sie wollen? Topelius? Das Frühstückstablett wird erst später geholt. Die demente Nachbarin? Sie hört das Quietschen des Rollators und die schlurfenden Schritte, ist einen Augenblick nervös und seufzt vor Erleichterung, als die Geräusche an der Tür vorbeigehen.

Glücklicherweise war sie weit fort in Finnland, als Maman starb. Wann war das? Sie steht vom Sessel auf, geht zur Kommode, zieht die oberste Schublade heraus und entnimmt ihr ein chinesisches Kästchen aus blank lackiertem Holz, auf dem Deckel sind schöne Muster und Zeichen, was mögen sie wohl bedeuten? Maman hat es ihr als Erbstück übergeben, als sie krank war und glaubte, sie würde sterben, aber sie starb nicht, zumindest nicht damals. Wo ist der Schlüssel? In der Handtasche? Nein. In der Tasche des besseren Jackenkleids. Nein. Im Pappkarton unter dem Bett. Hoffentlich nicht. Sie setzt sich und überlegt.

Was haben Sie um den Hals, ist das ein Kreuz oder, pflegen nicht die Russen … Die Augen der Mongolin stehen noch weiter auseinander als sonst, typisch finnisches Aussehen, sie würde sagen, typisch finnlandschwedisch, obwohl bei einigen von ihnen die Augen ebenso eng beieinanderstehen wie bei dem schwachsinnigen Koksmann in Straßburg, das stimmt nicht, würde ein typischer Finnland-schwede antworten, wir sind Arier und keine Mongolen, und der Streit würde weitergehen, bis alle vergessen haben würden, womit er begonnen hatte.

Was heißt hier von russischem Glauben, das ist kein Kreuz, sondern … Sie sieht sich verschämt um, so als würde jemand sie sehen, und zieht an dem Band, bis der Schlüssel aus dem Büstenhalter zum Vorschein kommt. Früher bewahrte sie ihn in derselben Kommodenschublade auf wie das Kästchen, aber jetzt möchte sie nicht, dass die neugierigen Putzfrauen darin herumwühlen können, obwohl die meisten Briefe auf Französisch abgefasst sind. Sie steckt den Schlüssel ins Loch und dreht ihn um. Nichts geschieht. Aus der fernen Vergangenheit klingt Mamans Stimme herüber: Vergiss nicht, chère Marie, dass die Chinesen komisch denken, der Schlüssel wird gedreht, aber nicht gegen den Uhrzeigersinn, sondern im Uhrzeigersinn, und zugleich wird er ein wenig angehoben.

Der Deckel springt auf. Es sind mehr Briefe darin, als sie in Erinnerung hat. Sie legt die obersten zurück in das Kästchen und bückt sich, um nachzusehen, ob welche zu Boden gefallen sind. Im Rücken sticht es. Sie stellt sich vor, wie die Pflegerin die unnatürlich verrenkte alte Frau findet, der Rock ist bis zur Taille hochgerutscht, der Schlüpfer ist zu sehen, die Strümpfe ziehen Falten, sie muss darauf achten, dass sie keine Löcher haben, die Männer vom Rettungswagen kommen mit der Trage …

Wo sind Mamans Briefe? Sie blättert den Stapel noch einmal durch, und wieder fallen einige zu Boden. Hier müssen sie sein. Sie hebt die Briefe an die Nase und riecht daran. Ja, dasselbe Parfum, das Maman benutzte. Wozu soll ich Mamans alte Briefe lesen, erschrickt sie und lässt das Bündel in den Schoß sinken. Sie sind immer gleich, chère Marie, ça va, ça va bien, ach ja, ich wollte nachsehen, wann Maman gestorben ist. Aber das finde ich nicht in Mamans eigenen Briefen, sondern … Tränen trüben ihr den Blick.

Marie hatte immer ein gutes Zeugnis. Man konnte es von Papas und Mamans Mienen ablesen, dass sie beide glaubten, das liege an den Erbanlagen, aber es lag nicht an der Begabung, sondern an der Tatsache, dass man den Mädchen bessere Noten gab, zumindest in den unteren Klassen und besonders dann, wenn sie aus guter Familie waren so wie sie selbst. In den oberen Klassen fand ein Rollentausch statt, denn zum Klavierspielen, für Handarbeiten und zumal zum Kinderkriegen bedarf es völlig anderer Begabungen, sagte Papa und lachte vielsagend. Jean, rief Maman, zum Glück dachte sie diesmal daran, dass sie nicht Robert sagen durfte. Den Jungen wurde geholfen, damit sie an der Universität studieren und Anwälte, Ärzte oder Ingenieure werden konnten, obwohl sie faul, dumm oder beides waren. Etwas anderes waren die Jungen, die von den Lehrern gehasst wurden, also die naseweis und begriffsstutzig waren und ihnen auf die Nerven gingen, sowie die Freischüler. Aus denen wurden Offiziere, Bankbeamte oder Schreiber oder gar nichts.

Bernadette glaubte, dass man nur dann gute Noten bekam, wenn man in der ersten Reihe saß. Sie wollte unbedingt, dass sie ihr den Platz neben sich frei hielt, und weinte leise, als Marie ihren Willen durchsetzte und einen Platz in der letzten Reihe wählte. Pauvre Bernadette. Schon damals wusste Marie, dass sich diejenigen nach vorn setzten, die gescheit wirken wollten, und nach hinten diejenigen, die gescheit waren. Dort konnte man sich an die Wand lehnen, schon als Kind war sie von Rückenschmerzen geplagt, dort konnte man allerlei Unerlaubtes treiben, ohne dass die Lehrer es bemerkten, und sich neben das wichtigste Mädchen der Klasse setzen oder zumindest in dessen Nähe.

Hélène war alles. Schön, selbstbewusst, Klassenbeste, Brüste schon mit elf Jahren, Liebling zumindest der Herren im Lehrerkollegium. Und der Traum der Jungen, allerdings unerreichbar, denn mit ihren halbwüchsigen Klassenkameraden mochte sie sich nicht abgeben, nur mit Jungen aus den oberen Klassen oder, den Gerüchten zufolge, sogar mit erwachsenen Männern. Hélène wagte es, die graue Schuluniform mit Schleifchen und Schmuck zu verzieren, weil sie wusste, dass die Lehrer bei ihr nichts sagen würden, während andere dafür einen blauen Brief bekommen hätten. Aus irgendeinem Grund wählte Hélène sie zu ihrer Favoritin. Warum eigentlich? Vielleicht deshalb, weil starke Persönlichkeiten jemanden brauchen, den sie herumkommandieren können – wer hat das gesagt? Damals war Hélène der wichtigste Mensch in ihrer kleinen Welt, aber welche Bedeutung hat das jetzt?

Versuchten die alten Geschichten, ihre Gedanken mit Beschlag zu belegen, weil sie sonst nichts zu tun hat, ist Untätigkeit der Anfang von allem? Oder ist es so, wie ein Psychiater in jener Zeitung behauptete, die sie las, als sie noch sehen konnte, nämlich dass die Greise – nicht die Greise, sondern die alten Menschen – sich zwar an ihre Kindheit erinnern, aber vergessen, was gestern war? Topelius hat erzählt, der Pastor habe von Pompadour gehört – bestimmt haben sie ein intimes Verhältnis, und warum heiraten sie nicht, wo das den Lutheranern doch erlaubt ist –, Frau M. sei die älteste Heimbewohnerin, und das, woran der Mensch sich erinnert und woran nicht, sei göttliche Fügung. Beide haben sie unrecht, denkt Marie und hebt, ohne es zu bemerken, trotzig das Kinn, ebenso wie damals, als der Zeichenlehrer sie beschuldigte, niemand könne einen so perfekten Kreis zeichnen, ohne dazu einen Teller zu benutzen, obwohl sie es freihändig getan hatte, auch wenn das fast eine Stunde gedauert hatte.

Mit welchem Recht bilden sich alle möglichen Psychiater, Pastoren und Lehrer ein zu wissen, was sie denkt, weiß oder tut? Aus ferner Vergangenheit hört sie eine Stimme erklären, Gott sei ein bloßer Wahn, eine kollektive Einbildung der Menschen, die sich vor dem Tod fürchten, mit deren Hilfe diese Elenden glauben, das ewige Leben zu gewinnen, jedoch bemerken, dass sie im Irrtum waren, wenn nicht der heilige Petrus, sondern der Mund eines Wurms sie empfängt. Eine schreckliche Aussage. Blasphème, rief Marie entsetzt aus, denn damals vergaß sie noch in der Aufregung die schwedische Sprache, war katholisch und glaubte an Gott, den Papst, den Pastor und die heilende Kraft von Beichte und Messe, denn so hatte man es sie gelehrt.

Wo war ich doch gleich, denkt Marie und richtet sich auf. Ach ja, Hélène, richtig. Die Sportstunde war zu Ende, und die anderen waren gegangen. Stimmengewirr und Gekicher ertönten vom Korridor her und verebbten. Stille, die kahlen Steinwände des Umkleideraums, das graue Metall der Garderobenschränke, der feuchte Dampf des Waschraums, der unter der Tür hervorquoll. Von Hélène lernte sie die Geheimnisse ihres eigenen Körpers. Von Hélène lernte sie, wie Kinder gemacht werden. Von Hélène lernte sie, woran die Männer immer denken. Von Hélène lernte sie zu mogeln. Und von Hélène bekam sie jene leeren Buchdeckel, die sich später als so fatal erwiesen und auf denen in Fraktur geschrieben stand: »Draußen«, von Hercules Fauxbourg. Die Buchstaben waren verschnörkelt, keine Bilder und keine Farben so wie heute. Hercules – ein lächerlicher Name für einen bresthaften Mann – war der erwachsene Sohn des Geschichtslehrers und von Geburt an taub. Zwischen den Buchdeckeln konnte man alles Mögliche verstecken, aus Schulbüchern herausgerissene Seiten, Briefzettel von den Mädchen oder Romane, falls sie nicht zu dick waren. Monsieur Fauxbourg genügte es, als er den Deckel sah. Seine Miene wurde milder, sieh an, sieh an, »Draußen« von meinem Sohn Hercules, ein wichtiges Buch, lies nur weiter.

Auch die anderen Lehrer, denen ihr Kollege leidtat, drückten ein Auge zu, außer der Englischlehrerin Miss – jedenfalls nicht Lewis, denn das war der Name unserer Hauslehrerin, er fing mit S an, nicht Simon, nicht Sinclair und auch nicht Sutcliffe, sondern … Jedenfalls hasste Miss S. den Geschichtslehrer, weil er sie einst, vor langer Zeit, abgewiesen hatte, sie war damals gerade von England nach Straßburg gezogen, warum nur, Monsieur war damals noch ledig und sein Sohn Hercules noch nicht vorhanden gewesen. Er hätte doch einfach mich heiraten sollen und nicht die ungebildete Schneiderstochter, auch wenn sie Geld hatte, dann wäre das ein normaler Junge geworden, hatte Miss S. im Lehrerzimmer gemurmelt, jedenfalls behauptete das Hélène. Woher weißt du das?, fragte sie, aber die andere lächelte nur in ihrer geheimnisvollen und hochmütigen Art.

Damals wusste Marie noch nicht, dass Hélènes Mutter Dienerin in einer Adelsfamilie gewesen und schwanger geworden war, ihr Dienstherr, oder war es doch der Sohn, weigerte sich, seine Schuld a

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