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Maria Tudor / Lucretia Borgia

Maria Tudor

Personen

 

MARIA, Königin

JANE

GILBERT

FABIANO FABIANI

SIMON RENARD

JOSHUA FARNABY

EIN JUDE

LORD CLINTON

LORD CHANDOS

LORD MONTAGU

MEISTER ÄNEAS DULVERTON

LORD GARDINER

EIN KERKERMEISTER

 

Herren, Pagen, Wachen. Der Henker

London 1553

 

 

ERSTE HANDLUNG

 

Der Mann aus dem Volke

 

Gilbert, Fabiano Fabiani, Simon Renard, Lord Chandos, Lord Clinton, Lord Montagu, Joshua Farnaby, Jane, ein Jude

 

Das Ufer der Themse. Eine öde Sandfläche. Ein altes verfallenes Geländer verbirgt den Rand des Wassers. Zur Rechten ein Haus von ärmlichem Aussehen. An seiner Ecke ein kleines Madonnabild, zu dessen Fuß eine Lampe in einem eisernen Gitter brennt. Im Hintergrunde, jenseits der Themse, London. Man unterscheidet zwei hohe Gebäude, den Tower und Westminster. – Der Tag geht zu Ende.

 

 

Erste Szene 

Mehrere Männer stehen in verschiedenen Gruppen auf dem Ufer, unter ihnen Simon Renard, John Bridges, Baron Chandos, Robert Clinton, Baron Clinton, Anthony Brown Vicomte von Montagu

 

LORD CHANDOS. Ihr habt recht, Mylord. Dieser verdammte Italiener muss die Königin behext haben. Die Königin kann nicht mehr ohne ihn sein. Sie lebt nur in ihm, all ihre Freude ist in ihm, sie hört nur ihn. Wenn ein Tag vergeht, ohne dass sie ihn sieht, so werden ihre Augen so schmachtend wie zur Zeit, wo sie den Kardinal Polus liebte, wisst Ihr noch?

SIMON RENARD. Sehr verliebt, das ist wahr, und folglich sehr eifersüchtig.

LORD CHANDOS. Der Italiener hat sie behext!

LORD MONTAGU. In der Tat, man sagt, in seinem Lande verstünde man sich auf Tränke für dergleichen.

LORD CLINTON. Die Spanier verstehen sich auf Gifte, die einen sterben, und die Italiener auf Gifte, die einen verliebt machen.

LORD CHANDOS. Dann ist der Fabiani zugleich Spanier und Italiener. Die Königin ist krank und verliebt. Er hat ihr von beiden zu trinken gegeben.

LORD MONTAGU. Aha! In der Tat, ist er Spanier oder Italiener?

LORD CHANDOS. Es scheint ausgemacht, dass er in Italien im Capitanat geboren und in Spanien erzogen worden ist. Er behauptet, er sei mit einem großen spanischen Geschlechte verwandt, Lord Clinton kann das an den Fingern herzählen.

LORD CLINTON. Ein Abenteurer. Weder ein Spanier, noch weniger ein Engländer, Gott sei Dank. Leute, die keinem Lande angehören, haben kein Erbarmen mit einem Lande, wenn sie mächtig sind!

LORD MONTAGU. Sagtet Ihr nicht, die Königin sei krank, Chandos? Das hindert sie nicht, mit ihrem Günstling guter Dinge zu sein.

LORD CLINTON. Guter Dinge! Guter Dinge! Während die Königin lacht, weint das Volk und mästet sich der Günstling. Der Mensch säuft Silber und frisst Gold! Die Königin hat ihm die Güter des Lord Talbot, des großen Lord Talbot, gegeben! Die Königin hat ihn zum Grafen von Clanbrassil und Baron von Dynasmonddy gemacht, den Fabiano Fabiani, den Lügner, der sagt, er stamme aus dem spanischen Geschlechte der Penalver. Er ist Pair von England, wie Ihr, Montagu, wie Ihr, Chandos, wie Stanley, wie Norfolk, wie ich, wie der König! Er trägt das Hosenband, wie der Infant von Portugal, wie der König von Dänemark, wie Thomas Percy, der siebente Graf von Northumberland!

Und was für ein Tyrann das ist, der uns von seinem Bette aus Gesetze macht! Nie lag es schwerer über England. Und doch habe ich viel gesehen, ich bin alt! Siebenzig neue Galgen zu Tyburn, die Scheiterhaufen immer Glut und nie Asche, die Axt des Henkers wird jeden Morgen geschliffen und ist schartig jeden Abend. Jeden Tag fällt man einen großen Edlen. Vorgestern Blantyre, gestern Northcurry, heute Sacth-Reppo, morgen Tyrconnel. Die nächste Woche kommt die Reihe an Euch, Chandos, und den nächsten Monat an mich! Mylords!

Es ist schmachvoll und ruchlos, dass all diese guten englischen Köpfe so zum Zeitvertreibe eines elenden Abenteurers fallen, der nicht einmal aus diesem Lande ist. Es ist ein abscheulicher und unerträglicher Gedanke, dass ein neapolitanischer Günstling so viel Henkerblöcke, wie er Lust hat, unter dem Bette dieser Königin hervorziehen kann.

Sie sind guter Dinge, sagt Ihr. Bei dem Himmel, das ist schändlich! Ha! Sie sind guter Dinge, die Verliebten, während der Kopfabhacker vor ihrer Türe Witwen und Waisen macht.

Oh! In das Klimpern Eurer italienischen Gitarre tönt zu viel Kettengerassel, Frau Königin! Ihr lasst Sänger von der Kapelle zu Avignon kommen, Ihr habt in Eurem Palaste alle Tage Komödien, Schauspiele, Musikanten. Bei Gott, Madame, etwas weniger Lachen bei Euch, wenn's beliebt, und etwas weniger Weinen bei uns. Weniger Gaukler dort und weniger Henker hier. Weniger Bühnen zu Westminster und weniger Schafotte zu Tyburn.

LORD MONTAGU. Habt Acht! Wir sind getreue Untertanen, Mylord Clinton. Nichts auf die Königin, alles auf Fabiani.

SIMON RENARD legt die Hand auf die Schulter des Lord Clinton. Geduld!

LORD CLINTON. Geduld! Das könnt Ihr ganz leicht sagen, Herr Simon Renard. Ihr seid Vogt von Amont in der Franche-Comté, Untertan des Kaisers und sein Gesandter zu London. Ihr vertretet hier den Prinzen von Spanien, den zukünftigen Gemahl der Königin. Eure Person ist heilig für den Günstling. Aber wir, das ist was anders. – Seht, für Euch ist Fabiani der Schäfer, für uns der Metzger. Die Nacht ist völlig hereingebrochen.

SIMON RENARD. Dieser Mensch ist mir ebenso lästig wie Euch. Ihr fürchtet nur für Euer Leben, ich fürchte für mein Ansehen, das ist weit mehr. Ich spreche nicht, ich handle. Ich habe weniger Zorn als Ihr, Mylord, ich habe mehr Hass. Ich werde den Günstling vernichten.

LORD MONTAGU. Oh! Was tun? Ich brüte alle Tage darüber.

SIMON RENARD. Die Günstlinge der Königinnen steigen und fallen nicht am Tage, sondern des Nachts.

LORD CHANDOS. Diese Nacht ist wenigstens sehr finster und hässlich!

SIMON RENARD. Ich finde sie schön für das, was ich tun will.

LORD CHANDOS. Was habt Ihr vor?

SIMON RENARD. Ihr werdet sehen. – Mylord Chandos, die Laune herrscht, wenn ein Weib herrscht. Die Politik ist dann nicht mehr das Werk der Berechnung, sondern des Zufalls. Man kann auf nichts mehr zählen. Das Heute führt nicht logisch das Morgen herbei. Man spielt nicht mehr Schach, man spielt Karten.

LORD CLINTON. Das ist ganz gut, aber zur Sache. Herr Vogt, wann werdet Ihr uns von dem Günstling befreit haben? Es eilt. Morgen wird Tyrconnel enthauptet.

SIMON RENARD. Tyrconnel wird morgen Abend mit Euch speisen, wenn ich diese Nacht den Mann finde, welchen ich suche.

LORD CLINTON. Was wollt Ihr damit sagen? Was wird dann aus Fabiani geworden sein?

SIMON RENARD. Habt Ihr gute Augen, Mylord?

LORD CLINTON. Ja, obgleich ich alt bin und die Nacht finster ist.

SIMON RENARD. Seht Ihr London auf der andern Seite des Wassers?

LORD CLINTON. Ja, warum?

SIMON RENARD. Seht scharf hin. Man sieht von hier aus den Wirbel und die Sohle der Fortuna jedes Günstlings, Westminster und den Turm von London.

LORD CLINTON. Und nun?

SIMON RENARD. Wenn Gott mir beisteht, wird ein Mann, der im Augenblicke, wo wir sprechen, noch dort ist er deutet auf Westminster, morgen zur nämlichen Stunde da sein er deutet auf den Tower.

LORD CLINTON. Möge Gott Euch helfen!

LORD MONTAGU. Das Volk hasst ihn ebenso sehr wie wir. Welch Fest wird für London der Tag seines Falles sein!

LORD CHANDOS. Wir sind in Euren Händen, Herr Vogt, verfügt über uns. Was sollen wir tun?

SIMON RENARD deutet auf das Haus am Wasser. Ihr seht doch alle dies Haus da? Es gehört dem Gilbert, einem Arbeiter. Verliert esnicht aus dem Gesicht. Zerstreut euch mit euren Leuten, ohne euch jedoch zu sehr zu entfernen. Vor allem tut nichts ohne mich.

LORD CHANDOS. Gut. Alle gehen nach verschiedenen Seiten ab.

SIMON RENARD allein. Ein Mann wie der, den ich nötig habe, findet sich nicht leicht. Er geht ab.

 

Jane und Gilbert treten auf, sie halten sich umschlungen und gehen nach dem Hause zu. Joshua Farnaby begleitet sie, er ist in einen Mantel gehüllt.

 

 

Zweite Szene

Jane. Gilbert. Joshua Farnaby

 

JOSHUA. Ich verlasse euch hier, meine guten Freunde. Es ist Nacht, ich muss meinen Dienst als Schließer des Londoner Turms tun. Ach, ich bin nicht so frei wie ihr! Seht, ein Kerkermeister ist nur eine andere Art von einem Gefangenen. Lebe wohl, Jane. lebe wohl, Gilbert. Du mein Gott, meine Freunde, wie froh bin ich, euch glücklich zu sehen! Aha, Gilbert, wann ist die Hochzeit?

GILBERT. In acht Tagen, nicht wahr, Jane?

JOSHUA. Meiner Treu, übermorgen haben wir Weihnachten; das ist der Tag für Wünschen und Schenken, aber ich weiß nicht, was ich euch wünschen soll. Man kann von der Braut nicht mehr Schönheit und von dem Bräutigam nicht mehr Liebe verlangen. Ihr seid glücklich!

GILBERT. Guter Joshua! Und du, bist du nicht glücklich?

JOSHUA. Weder glücklich, noch unglücklich. Ich habe auf alles verzichtet. Siehst du, Gilbert? Er schlägt seinen Mantel halb auseinander und zeigt einen Bund Schlüssel, der an seinem Gürtel hängt. Gefängnisschlüssel, die einem beständig am Gürtel rasseln, das spricht, das macht einem alle möglichen philosophischen Gedanken. Wie ich jung war, war ich ein anderer, verliebt einen ganzen Tag, ehrgeizig einen ganzen Monat und ein Narr das ganze Jahr. Meine jungen Jahre fielen so unter König Heinrich den Achten.

Ein sonderbarer Mann der König Heinrich. Ein Mann, der seine Weiber wechselte, wie ein Weib seine Röcke. Die erste verstieß er, der zweiten ließ er den Kopf abschlagen, der dritten den Leib aufschneiden, die vierte begnadigte er und jagte sie fort, aber dafür ließ er dann der fünften wieder den Kopf abschneiden. Das ist nicht das Märchen vom Blaubart, was ich Euch da erzähle, schöne Jane, das ist die Geschichte König Heinrichs des Achten. Ich gab mich in der Zeit mit den Religionshändeln ab, ich schlug mich für die eine und für die andere Partei.

Es war damals das beste, was man tun konnte. Es war übrige eine kitzliche Sache. Es frug sich, ob man für oder wider den Papst sei. Die Leute des Königs hingen die, welche dafür, und verbrannten die, welche dagegen waren. Die Gleichgültigen, da heißt die, welche weder dafür noch dagegen waren, hing oder verbrannte man, wies gerade kam. Der Teufel mochte sich da herausziehen. Ja, der Strick – nein, der Scheiterhaufen – weder ja, noch nein, der Strick und der Scheiterhaufen.

Ich, der ich mit euch spreche, habe oft genug nach Braten gerochen und weiß nicht genau, ob ich zwei- oder dreimal bin wieder abgeschnitten worden. Das war eine schöne Zeit. Ohngefähr wie jetzt. Ja, ich schlug mich für alles. Hole mich der Teufel, wenn ich noch weiß, für wen und für was ich mich geschlagen habe. Wenn man mir wieder vom Meister Luther und vom Papst Paul dem Dritten spricht, so zucke ich die Achseln.

Siehst du, Gilbert, wenn man graue Haare hat, muss man nicht mehr nach den Meinungen sehen, für die man sich geschlagen, und nach den Weibern, denen man den Hof im zwanzigsten Jahre gemacht hat. Weiber und Meinungen sehen dann gar hässlich, gar alt, gar hinfällig, gar zahnlückig, gar runzlig, gar dumm aus.

Das ist meine Geschichtet Jetzt habe ich mich von den Geschäften zurückgezogen. Ich bin weder Soldat des Königs noch Soldat des Papstes, ich bin Schließer des Turmes von London. Ich schlage mich für niemand mehr und schließe hinter jedermann zu. Ich bin Schließer und bin alt; ich stehe mit dem einen Fuße im Kerker und mit dem andern in der Grube. Ich lese die Scherben alter Minister und alter Günstlinge auf, die bei der Königin zerbrochen werden. Das ist sehr unterhaltend. Und dann habe ich ein kleines Kind, das ich liebe, und dann euch beide, die ich auch liebe, und bin glücklich, wenn ihr glücklich seid.

GILBERT. Dann sei glücklich, Joshua! Nicht wahr, Jane?

JOSHUA. Ich, ich kann nichts für dein Glück tun, aber Jane alles; du liebst sie! Ich werde dir nie in meinem Leben einen Dienst tun. Du bist glücklicherweise kein so vornehmer Herr, dass du jemals den Schlüsselträger des Londoner Turms nötig haben solltest. Jane wird meine Schuld mit der ihrigen abtragen; denn sie und ich verdanken dir alles. Jane war ein armes Kind, eine verlassene Waise; du hast sie aufgenommen und erzogen. Ich, ich war nahe daran, an einem schönen Abend in der Themse zu ertrinken; du hast mich aus dem Wasser gezogen.

GILBERT. Zu was immer davon sprechen, Joshua?

JOSHUA. Nur um dir zu sagen, dass es unsere Pflicht ist, dich zu lieben; ich, wie ein Bruder, Jane ... nicht wie eine Schwester.

JANE. Nein, wie ein Weib. Ich verstehe Euch, Joshua. Sie verfällt .wieder in ihr Träumen.

GIILBERT leise zu Joshua. Betrachte sie, Joshua! Ist sie nicht schön und reizend? Wäre sie nicht eines Königs würdig? Wenn du wüsstest! Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich sie liebe

JOSHUA. Nimm dich in Acht, das ist unklug; ein Weib, das liebt sich nicht so; ein Kind, meinetwegen!

GILBERT. Was willst du sagen?

JOSHUA. Nichts. – Ich werde in acht Tagen bei eurer Hochzeit sein. Ich hoffe, dass mir dann die Staatsgeschäfte ein wenig Ruhe lassen und dass alles vorbei sein wird.

GILBERT. Wie? Was soll vorbei sein?

JOSHUA. Ah, du kümmerst dich um diese Sachen nicht, Gilbert. Du bist verliebt. Du bist aus dem Volke. Was kümmern dich die Ränke da oben, dich, der du unten glücklich bist? Doch, weil du mich fragst, will ich dir sagen, dass man hofft, in acht Tagen von heute an, in vierundzwanzig Stunden vielleicht, werde Fabiano Fabiani bei der Königin durch einen andern ersetzt sein.

GILBERT. Wer ist der Fabiano Fabiani?

JOSHUA. Er ist der Geliebte der Königin, ein sehr mächtiger und sehr liebenswürdiger Günstling, ein Günstling, der einem Menschen, welcher ihm missfällt, den Kopf in weniger Zeit abschlagen lässt, als ein holländischer Bürgermeister braucht, um einen Löffel Suppe zu essen; der beste Günstling, den der Henker des Londoner Turms seit zehn Jahren hatte. Denn du weißt, dass der Henker für den Kopf eines großen Herrn zehn Silbergulden und zuweilen das Doppelte erhält, wenn der Kopf recht wichtig ist. Man wünscht sehr den Sturz dieses Fabiani.

Es ist wahr, bei meinem Dienste im Turm höre ich nur Leute von sehr übler Laune, Unzufriedene, denen man in einem Monat den Kopf abschlagen wird, auf seine Kosten Anmerkungen machen.

GILBERT. Mögen die Wölfe sich untereinander zerreißen! Was kümmert uns die Königin und der Günstling der Königin? Nicht wahr, Jane?

JOSHUA. O, es gibt eine gewaltige Verschwörung gegen Fabiani! Er hat von Glück zu sagen, wenn er sich herauszieht. Es sollte mich nicht wundern, wenn heute Nacht irgendein Schlag geschähe. Ich sah den Meister Simon Renard ganz in Gedanken da herumschleichen.

GILBERT. Wer ist der Meister Simon Renard?

JOSHUA. Wie, das weißt du nicht? Er ist der rechte Arm des Kaisers zu London. Die Königin soll den Prinzen von Spanien, dessen Gesandter Simon Renard ist, heiraten. Die Königin hasst diesen Simon Renard; aber sie fürchtet ihn und vermag nichts gegen ihn. Er hat schon zwei bis drei Günstlinge vernichtet. Das ist so sein Instinkt. Er säubert den Palast von Zeit zu Zeit. Ein feiner und sehr boshafter Mann, der alles weiß, was vorgeht, und immer zwei oder drei Stockwerke tief unter alle Ereignisse gräbt.

Was den Lord Paget betrifft – hast du mich nicht auch gefragt, wer der Lord Paget sei? – das ist ein pfiffiger Edelmann, der unter Heinrich dem Achten zu tun hatte. Er ist Mitglied des geheimen Rats. Er hat ein Ansehen, dass die andern Minister vor ihm den Atem verlieren, den Kanzler »Mylord Gardiner« ausgenommen, der hat einen Abscheu vor ihm. Ein heftiger Mann, der Gardiner, und von sehr gutem Herkommen. Paget ist nichts. Der Sohn eines Seifensieders. Er soll zum Baron Paget von Beaudesert in Stafford ernannt werden.

GILBERT. Wie er das alles so geläufig herzählt, der Joshua!

JOSHUA. Bei Gott, wenn man so die Staatsgefangenen schwätzen hört. Simon Renard erscheint im Hintergrund der Bühne. Siehst du, Gilbert, der Mann, welcher am besten die Geschichte dieser Zeit kennt, ist der Kerkermeister vom Londoner Turm.

SIMON RENARD welcher die letzten Worte gehört hat, aus dem Hintergrund der Bühne. Ihr irrt Euch, mein Freund, es ist der Henker.

JOSHUA leise zu Gilbert und Jane. Treten wir ein wenig zurück. Simon Renard entfernt sich langsam. – Nachdem Simon Renard verschwunden ist. Das ist gerade Meister Simon Renard.

GILBERT. Alle diese Leute, welche um mein Haus herumschleichen, missfallen mir.

JOSHUA. Zum Teufel, was will er hier? Ich will schnell zurück; ich glaube, er sorgt mir für Arbeit. Lebe wohl, Gilbert. Lebt wohl, schöne Jane. – Und doch kannte ich Euch, wie Ihr nicht größer waret als so!

GILBERT. Lebe wohl, Joshua. – Doch sprich, was verbirgst du da unter deinem Mantel?

JOSHUA. Ach! Ich habe auch meinen Anschlag.

GILBERT. Welchen Anschlag?

JOSHUA. Wie ihr Verliebten alles vergesst! Ich sagte euch eben, dass wir übermorgen den Tag der Angebinde und Geschenke haben. Die Herrn denken auf eine Überraschung für Fabiani, ich, ich denke ebenfalls auf eine. Die Königin wird sich vielleicht einen ganz neuen Günstling anschaffen. Ich, ich schaffe meinem Kinde eine Puppe an. Er zieht eine Puppe unter seinem Mantel hervor. Auch ganz neu. Wir wollen sehen, wer von beiden sein Spielzeug ans schnellsten zerbricht. – Gott behüte euch, meine Kinder!

GILBERT. Auf Wiedersehen, Joshua! Joshua entfernt sich. Gilbert nimmt die Hand von Jane und küsst sie leidenschaftlich.

JOSHUA im Hintergrund der Bühne. Oh, wie groß die Vorsehung ist! Sie gibt jedem sein Spielzeug, die Puppe dem Kind, das Kind dem Mann, den Mann dem Weib und das Weib dem Teufel! Er geht ab.

 

 

Dritte Szene

Gilbert. Jane

 

GILBERT. Ich muss dich jetzt auch verlassen. Lebe wohl, Jane, gute Nacht!

JANE. Ihr geht heute Abend nicht mit mir heim, Gilbert?

GILBERT. Ich kann nicht. Du weißt, ich habe es dir schon gesagt, Jane, ich habe in meiner Werkstatt heute Nacht eine Arbeit fertig zu machen. Ich muss einen Dolchgriff, ich weiß nicht für was für einen Lord Clanbrassil ziselieren; ich kenne ihn nicht, er hat es heute Morgen bei mir bestellen lassen.

JANE. Gute Nacht dann, Gilbert. Auf Morgen!

GILBERT. Nein Jane, noch einen Augenblick. O mein Gott! Wie schwer es mir fällt, mich nur wenige Stunden von dir zu trennen! Es ist wohl wahr, dass du mein Leben und meine Freude bist; und doch muss ich arbeiten, wir sind so arm! Ich mag nicht hineingehen, denn ich würde bleiben, und doch kann ich nicht weg; wie schwach ich bin! Komm, wir wollen uns ein wenig vor die Türe setzen, da, auf die Bank; ich meine, es müsste mir so leichter fallen wieder wegzugehen, als wenn ich erst in das Haus oder gar in dein Zimmer ginge. Gib mir deine Hand. Er setztsich und nimmt ihre beiden Hände in die seinigen, sie bleibt vor ihm stehen. Jane, liebst du mich?

JANE. O, ich verdanke Euch alles! Ich weiß es, obgleich Ihr mir es lange verborgen habt. Ganz klein, fast noch in der Wiege, wurde ich von meinen Eltern verlassen; Ihr habt mich aufgenommen, seit sechzehn Jahren hat Euer Arm wie der eines Vaters für mich gearbeitet. Eure Augen haben wie die einer Mutter über mich gewacht. Mein Gott, was wäre ich ohne Euch? Ihr habt mir alles gegeben, was ich habe; Ihr habt mich zu allem gemacht, was ich bin.

GILBERT. Jane, liebst du mich?

JANE. Wie Ihr Euch aufopfert, Gilbert! Ihr arbeitet Tag und Nacht für mich, Ihr versengt Euch die Augen, Ihr tötet Euch. Seht, heute bringt Ihr wieder die Nacht so hin. Und nie ein Vorwurf, nie ein hartes Wort. Ihr seid so arm, und doch – selbst meine geringsten Launen schont und befriedigt Ihr. Gilbert, ich denke nur an Euch, die Tränen in den Augen. Ihr hattet manchmal kein Brot, und mir fehlte es nie an Bändern.

GILBERT. Jane, liebst du mich?

JANE. Gilbert, ich möchte Eure Füße küssen.

GILBERT. Liebst du mich? Liebst du mich? Oh! All das sagt mir nicht, dass du mich liebst; dies Wort da habe ich nötig! Dankbarkeit, immer Dankbarkeit! Oh, ich trete die Dankbarkeit mit Füßen! Ich will Liebe, oder nichts! – Sterben!

Jane, seit sechzehnJahren bist du meine Tochter, du wirst jetzt mein Weib werden. Ich hatte dich angenommen, ich will dich heiraten. In acht Tagen! Du weißt, du hast es mir versprochen, du hast es eingewilligt, du bist meine Braut. Oh! Du liebtest mich, als du mir das versprachst. O Jane! Es gab eine Zeit – denkst du des noch? – wo du deine schönen Augen zum Himmel aufschlugst und zu mir sagtest: Ich liebe dich! So möchte ich dich immer haben. Seit einigen Monaten ist es mir, als wäre etwas in dir anders geworden, seit drei Wochen besonders, wo meine Arbeit mich zwingt, manchmal des Nachts abwesend zu sein.

O Jane! Ich will, dass du mich liebst. Ich bin daran gewöhnt. Du warst sonst so froh, und jetzt bist du immer traurig und zerstreut, nicht kalt, armes Kind, du tust dein Möglichstes, um es nicht zu sein; aber ich fühle wohl, dass die Worte der Liebe dir nicht mehr so frei und von selbst kommen, wie sonst. Was hast du? Liebst du mich nicht mehr? Gewiss, ich bin ein braver Mann, ein guter Arbeiter, ja, ja, aber ich möchte ein Dieb und ein Mörder sein und von dir geliebt werden! – Jane, wenn du wüsstest, wie ich dich liebe!

JANE. Ich weiß es, Gilbert, und weine  

GILBERT. Vor Freude! Nicht wahr? Sage mir, dass du vor Freude weinst. Oh, ich muss es glauben. Es gibt ja sonst nichts auf der Welt, als geliebt zu werden. Ich bin nichts als ein armer Handwerksmann, aber meine Jane muss mich lieben. Was sprichst du mir immer von dem, was ich getan habe? Nur ein Wort der Liebe von dir, Jane, und ich bin dein Schuldner. Ich will verdammt sein und ein Verbrechen begehen, wenn du es wolltest. Du wirst mein Weib, nicht wahr, und du liebst mich? Siehst du, Jane, für einen Blick von dir gäbe ich all meine Arbeit und Mühe, für ein Lächeln mein Leben, für einen Kuss meine Seele!

JANE. Was Ihr ein edles Herz habt, Gilbert!

GILBERT. Höre, Jane! Lache, wenn du willst, ich bin ein Narr, ich bin eifersüchtig! Das ist einmal so. Kränke dich nicht darum. Seit einiger Zeit kommt es mir vor, als sähe ich die jungen Herren da herumstreichen. Weißt du auch, Jane, dass ich vierunddreißig Jahre habe? Welch Unglück für einen armseligen, linkischen und schlecht gekleideten Arbeiter wie ich, ein schönes, reizendes Kind von siebzehn Jahren zu lieben, das die jungen, schönen, vergoldeten und verbrämten Edelleute anzieht wie ein Licht die Schmetterlinge! O, ich leide!

Ich beleidige dich nie in meinen Gedanken, dich, die du so gut, so rein bist, deren Stirne nie als von meinen Lippen, berührt worden ist! Ich finde nur, dass es dir zu viel Freude macht, die Aufzüge und das Gefolge der Königin vorbeiziehen und alle die schönen Kleider von Seide und Sammet zu sehen, worunter es so wenig Herzen und so wenig Seelen gibt! Verzeihe mir! – Mein Gott! warum kommen doch so viele junge Edelleute hierher? Warum bin ich nicht jung, schön, edel und reich? Gilbert, Arbeiter, das ist alles. Sie, Lord Chandos, Lord Gerard, Fitz-Gerald, der Graf von Arundel, der Herzog von Norfolk, o wie ich sie hasse! Ich bringe mein Leben hin, indem ich ihnen Degengriffe meißele, deren Klingen ich ihnen durch den Leib rennen möchte.

JANE. Gilbert!

GILBERT. Vergib, Jane. Nicht wahr, die Liebe macht einen sehr böse.

JANE. Nein, sehr gut. – Ihr seid gut, Gilbert.

GILBERT. O wie ich dich liebe! Jeden Tag mehr. Ich möchte für dich sterben. Liebe mich, oder liebe mich nicht, es ist in deiner Hand. Ich bin ein Narr. Verzeihe mir, was ich gesagt habe. Es ist spät, ich muss dich verlassen. Lebe wohl. Mein Gott, wie traurig es ist, dich zu verlassen! Gehe hinein. Hast du deinen Schlüssel nicht?

JANE. Nein, ich weiß seit einigen Tagen nicht, wo er hingekommen ist.

GILBERT. Da ist der meinige. – Auf morgen, morgen. – Jane, vergiss nicht: Noch heute dein Vater, in acht Tagen dein Gemahl. Er küsst sie auf die Stirne und geht.

JANE allein. Mein Gemahl! O nein, ich werde dies Verbrechen nicht begehen. Armer Gilbert, er liebt mich – und der andere ...! Wenn mich nur die Eitelkeit nicht um die Liebe betrogen hat! Ich Arme, in wessen Händen bin ich jetzt? O, ich bin sehr undankbar und schuldbeladen! Ich höre Tritte; schnell zurück. Sie tritt in das Haus.

 

 

Vierte Szene

Gilbert. Ein Mann, der in einen Mantel gehüllt ist und eine gelbe Mütze trägt. Der Mann hält Gilbert bei der Hand.

 

GILBERT. Ja, ich erkenne dich, du bist der Betteljude, welcher seit einigen Tagen um dies Haus schleicht. Was willst du von mir? Warum hast du mich bei der Hand gefasst und hierher geführt?

DER MANN. Was ich Euch zu sagen habe, kann ich nur hier sagen.

GILBERT. Nun! was ist denn? Sprich, rasch!

DER MANN. Hört, junger Mann. – Es sind jetzt sechzehn Jahre seit der Nacht, wo Lord Talbot, Graf von Waterford, wegen Papismus und Hochverrates bei Fackelschein enthauptet wurde und die Soldaten des Königs Heinrich des Achten seine Anhänger in London in Stücke hieben. Man schoss die ganze Nacht in den Straßen aufeinander. In dieser Nacht nun arbeitete in seiner Bude ein junger Arbeiter, der weit mehr mit seiner Arbeit, als mit dem Kampfe beschäftigt war. Es war die erste Bude am Anfang der Londoner Brücke. Eine niedrige Türe zur Rechten, Spuren von alter, roter Malerei auf der Mauer. Es mochte zwei Uhr des Morgens sein. Man schlug sich in der Nähe. Die Kugeln flogen pfeifend über die Themse. Plötzlich wurde an die Türe der Bude geklopft, durch welche die Lampe des Arbeiters einen schwachen Lichtschimmer warf. Der Arbeiter öffnete. Ein Mann, den er nicht kannte, trat ein. Dieser Mann trug in seinen Armen ein Kind, noch in den Windeln, das sehr erschrocken war und weinte. Der Mann legte das Kind auf den Tisch und sagte: »Da ist ein Geschöpf, das weder Vater noch Mutter mehr hat.« Dann ging er langsam weg und schlug die Türe hinter sich zu. Gilbert, der Arbeiter, hatte selbst weder Vater noch Mutter. Der Arbeiter nahm das Kind, die Waise adoptierte die Waise. Er nahm es, er wachte über es, er kleidete, er ernährte, er hütete, er erzog, er liebte es. Er widmete sich ganz diesem armen kleinen Geschöpf, das der Bürgerkrieg in seine Bude geworfen hatte. Er vergaß alles für es, seine Jugend, seine Liebeshändel, sein Vergnügen; er machte aus diesem Kinde den einzigen Gegenstand seiner Arbeit, seiner Neigung, seines Lebens, und jetzt sind es ...

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