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Maresciallo Bonanno und der kalte Blick der Rache

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel von Roberto Mistretta
  3. Die Serie
  4. Der Ermittler
  5. Über dieses Buch
  6. Über den Autor
  7. Titel
  8. Impressum
  9. Zitat
  10. Eins
  11. Zwei
  12. Drei
  13. Vier
  14. Fünf
  15. Sechs
  16. Sieben
  17. Acht
  18. Neun
  19. Zehn
  20. Elf
  21. Zwölf
  22. Dreizehn
  23. Vierzehn
  24. Fünfzehn
  25. Sechzehn
  26. Siebzehn
  27. Achtzehn
  28. Neunzehn

Weitere Titel von Roberto Mistretta

Maresciallo Bonanno und das falsche Spiel des Fischers

Maresciallo Bonanno und die dunkle Botschaft des Verführers

Maresciallo Bonanno und das tödliche Gelübde

Die Serie

Maresciallo Saverio Bonanno ermittelt auf Sizilien – ein italienischer Kriminalbeamter mit reichlich Temperament, untrüglichem Spürsinn und etwas Übergewicht.

Die perfekte Urlaubslektüre – für Italien-Liebhaber, Krimileser und Fans von Commissario Caselli und Commissario Montalbano.

Der Ermittler

Saverio Bonanno ist ein temperamentvoller Sizilianer in den besten Jahren. Er lebt mit seiner verwöhnten Tochter Vanessa und seiner herrschsüchtigen Mutter im beschaulichen Örtchen Villabosco in der Nähe von Palermo. Bonanno liebt seinen Job als Maresciallo bei den Carabinieri – und die süßen Dinge des Lebens. Zu seinem Leidwesen sieht man ihm das auch an. Er hasst seine Waage und Diäten, und wenn sein Horoskop ihm Schlechtes prophezeit, vermiest ihm das schon mal den Tag. Sein hitziges Temperament steht ihm mehr als einmal im Weg – er flucht laut und oft –, aber sein Spürsinn und seine eigenwilligen Ermittlungsmethoden verhelfen ihm noch immer zur Klärung des Falls.

Über dieses Buch

Die Nachricht vom Doppelmord an einem heimlichen Liebespaar sorgt für Aufruhr im sizilianischen Villabosco. War es die Kurzschlussreaktion einer allzu temperamentvollen Ehefrau? Maresciallo Saverio Bonanno misstraut den offenkundigen Beweisen – und kommt schon bald einer weitreichenden Tragödie auf die Spur, die unaufhaltsam auf ihr grauenvolles Ende zusteuert …

Über den Autor

Roberto Mistretta, geb. 1963, ist Journalist und Romanautor und lebt mit seiner Familie in seiner sizilianischen Heimatstadt Mussomeli. Nachdem er zuvor meist Kinderbücher geschrieben hat, von denen einige prämiert wurden, hat er inzwischen das Krimigenre für sich entdeckt: Mit Saverio Bonanno, einem heißblütigen sizilianischen Carabiniere, hat Mistretta eine unverwechselbare, sympathische Ermittlerfigur geschaffen.

Roberto Mistretta

Maresciallo Bonanno und der kalte Blick der Rache

Sizilien-Krimi

Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt

Eins

Agatina Piditella wurde wach. Sie atmete den säuerlichen Atem eines freudlosen Menschen ein. Boshafte Nägel bohrten sich unbarmherzig in die Falten ihres toten Leibes. Ihr unruhiger Schlaf trug den bitteren Geschmack des Versagens in sich. Nein, das war kein Albtraum. Er lag wirklich neben ihr und schnarchte. Sie stand auf, ihre Brust hob und senkte sich heftig. Der kalte Kuss des Marmors unter den bloßen Füßen ließ ihre nackten Schenkel erschauern. Sie blieb barfuß im Nachthemd stehen und unterdrückte den Wunsch, zu schreien und ihr eigenes Heim kurz und klein zu schlagen, diesen ehrwürdigen, barocken Palazzo, in dem sie früher glücklich gewesen war.

Früher, als sie noch an die Männer und ihre Versprechungen geglaubt hatte.

Mit leisen Schritten schlich sie ans Fenster und schob die Vorhänge beiseite, um ein wenig Luft zu bekommen. Sie erstickte beinahe. Der Morgen tauchte das Montanvalle in ein bleiches Türkis. Vor ihren Augen türmten sich orangefarbene und rosa Streifen auf. Die mit Tau benetzten Glocken der Kirche Santa Lidia Purpuraria fingen das erste Morgenlicht ein, das die wellige Silhouette der Hügel beleuchtete. Villaboscos historische Altstadt lag schweigend da. Weiter hinten im Tal breiteten sich Nebelschwaden aus, die wie Baumwollflöckchen aussahen. Ein Hahn begrüßte mit grellem Krähen den Tag. Viele der alten Frauen, die in den Steinhäusern des Viertels wohnten, hielten sich Hühner im Hof. Dort fanden sie dann jeden Tag frische Eier, die sie roh tranken oder aus denen sie Zabaione zubereiteten.

Agatina atmete durch die zusammengebissenen Zähne und rang um Fassung. Sie füllte ihre Lungen mit Luft und versuchte, sich in den neuen Tag zu finden. Ein Schauer erfasste ihre mageren Schultern. Sie schluckte bittere Galle hinunter. Sie beobachtete, wie er sich bewegte und im Bett umdrehte. Er streckte einen Arm nach dem Platz aus, an dem sie vorher gelegen hatte. Sein Arm blieb reglos liegen und er öffnete die Augen nicht.

Glühender Hass und unterdrückte Wut erfüllten die Luft. Eine höhnische Grimasse lag auf ihren üppig geschwungenen Lippen, als sie eingehend ihr Spiegelbild betrachtete. Sie war immer noch jung und schön. Dunkle Zigeuneraugen schoben sich in ihre Gedanken und eine Idee nahm in ihrem Kopf Gestalt an. Es war Zeit, den Plan zu durchdenken und auszuarbeiten, und dann würde sie ihre Rache bekommen.

Die Pistole Kaliber neun lag am üblichen Platz. Sie nahm sie vorsichtig, prüfte Form und Gewicht, streichelte zärtlich über den glänzenden Lauf, dann packte sie die Waffe, richtete sie auf das Bett und zielte.

Bumm, formte ihr Mund lautlos.

Jetzt war das Grinsen nur noch ein schmaler Strich. Sie lächelte boshaft. Ihre spitzen Zähne blitzten im Licht des beginnenden Tages. Ein kräftigerer Schauer überlief sie von den Schenkeln bis zur Hüfte, aber diesmal lag es nicht an der Kälte.

Die Sonne brennt unbarmherzig auf die nackte Haut herab, die von heißen Umarmungen erhitzt ist. Schlaffe Leiber rekeln sich auf den Liegen, ölig schimmernd von fettigen Cremes, ein kleines Mädchen hüpft unbekümmert herum, während der athletische Oronzo seinen im Fitnessstudio gestählten Körper zur Schau stellt und seine Frau stolz ihren knackigen Po und Busen herausstreckt.

Ein glühend heißer Sonntag im Juli. Maresciallo Bonanno trieft vor Schweiß und segnet die herrlichen Tage, die er mit Spaziergängen am Strand von Gallipoli verbracht hat.

Er hat ein wenig Mühe, seinen sich vorwölbenden Bauch mit gespielter Lässigkeit einzuziehen. Bisher hat er ihn vergeblich mit unzähligen Diätversuchen bekämpft, die er stets mit den besten Vorsätzen begonnen, aber nie beendet hat. Er spürt, wie die Sonnenstrahlen ihn vom Nacken bis zum Rücken streicheln, über den Hals bis zu den Schultern, und ihn wohltuend durchströmen. Manchmal findet sich in solchen Tagen das Paradies auf Erden, während Bonanno sich ausmalt, wie sein lästiger Kollege Marcelli schweißüberströmt Berichte fertig schreibt und in den entferntesten Winkeln von Villabosco Hühnerdiebe jagt. Den Bürgermeister Totino Prestoscendo stellt er sich unerreichbar weit weg vor und schaut sich lieber die hübschen Mädchen an, die sich hier am Strand in Apulien sonnen und sein hungriges Männerauge erfreuen.

»Verdammte Hacke, ist das stürmisch heute Abend, Maresciallo! Ich frage mich wirklich, warum wir uns der eisigen Zugluft hier draußen aussetzen, wo wir doch sicher sind, dass unser Freund da drinnen ist«, ließ Steppani sich vernehmen.

Bonanno wurde aus der schwülen Luft des Strands gerissen, wo er eine Woche Urlaub verbracht hatte, und in die harte Wirklichkeit eines Provinzpolizisten zurückgeholt. Es war eine Nacht, in der man keinen Hund vor die Tür gejagt hätte. In Villabosco pfiff ein eisiger Nordwind und die Luft, die nach Schneeregen roch, verteilte harte Ohrfeigen, die einen so betäubten wie der blutrote sizilianische Wein. Nur kleine Diebe oder verrückte Bullen wie sie wagten sich bei diesem schlechten Wetter hinaus.

Bonanno sah Brigadiere Attilio Steppani mit unheilvollem Blick an. Zum Donnerwetter! Mit diesem verfluchten Assistenten konnte man sich die Wartezeit nicht einmal vertreiben, indem man sich vorstellte, es sei Hochsommer. Bei dem wusste man nie, was er im nächsten Moment anstellen würde.

»Verdammt noch mal, Steppani, halt die Augen offen und mach keinen Mucks. Ich möchte nicht, dass zwei Stunden Überwachung deinetwegen völlig umsonst waren. Außerdem, lass dir das gesagt sein, Steppani, diesmal kriege ich ihn ganz bestimmt! Aber bevor wir etwas tun, brauchen wir einen unwiderlegbaren Beweis.«

»Das mag ja sein, aber ich spüre meine Zehen schon nicht mehr und jetzt frieren mir auch noch meine Kronjuwelen ab. Wenn wir weiter wie angewurzelt in dieser Kälte stehen bleiben, werden uns morgen früh wohl die Straßenfeger abtransportieren müssen. Offen gesagt, Maresciallo, ich beginne mich so langsam in einen Schneemann zu verwandeln. Ich hole mir hier bestimmt einen steifen Hals und Erfrierungen an den Händen. Sie wissen ja, wie anfällig ich bin. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich auf keinen Fall dazu breitschlagen lassen«, antwortete Steppani. Der Brigadiere stammte aus dem reichen Norden Italiens, aber in diesem Moment versuchte er, genauso wie sein bärbeißiger Maresciallo zu reden, um sich besser verständlich zu machen, aber das kam bei Bonanno nicht gut an. Auf diesem Ohr war er taub.

»Hör endlich auf, Steppani, ich bin selbst schon auf hundertachtzig«, brummte Bonanno und begleitete seine Antwort mit einem vielsagenden Blick. Seine nervösen Handbewegungen wirkten bedrohlicher als jedes Wort.

Einmal hatte der Maresciallo sogar die Dienstwaffe auf ihn gerichtet und gedroht, er würde ihm eine Kugel in den rechten Fuß schießen, mit dem er das Gaspedal des Alfa 155 immer bis zum Anschlag durchtrat, während er mit Höchstgeschwindigkeit über die kurvigen Straßen des Montanvalle raste. Steppanis Spleen, sich wie ein verhinderter Formel-1-Pilot zu fühlen, war Bonanno unerträglich.

»Ich mach dir einen Vorschlag, ich rauche noch schnell die Zigarette hier und dann stöbern wir ihn auf«, sagte Bonanno. Er verspürte jetzt ebenfalls die ersten Anzeichen von Erfrierungen.

»Na endlich«, antwortete Steppani, der inzwischen blau angelaufen war. Er stieß ein dampfendes Atemwölkchen aus, das sogleich gefror.

Bonanno war sich sicher, dass er an diesem Abend Peppino Mangiaracina, Spitzname Porcufinu, einem kleinen Gauner aus der Gegend, Handschellen anlegen würde. Das hatte sich der Maresciallo geschworen. Dieser Holzkopf hatte den Wagen des Bürgermeisters Totino Prestoscendo beschädigt. Und aus welchem Grund? Weil der den Antrag auf eine Erhöhung der Beihilfe für seine unglückliche Familie – seine Frau und einen Haufen Kinder, die in der Mehrzahl in den Waisenhäusern des Montanvalle untergebracht waren – abgelehnt hatte. Auf die begründete Absage des Sozialamtes hin, die Prestoscendos Unterschrift trug, hatte Mangiaracina Drohungen ausgestoßen, sich vor dem Rathaus in Villabosco angekettet, aber niemand hatte sich darum gekümmert. Also hatte er sich der Kälte wegen noch am gleichen Abend kleinlaut nach Hause verzogen. Da er die Schmach jedoch nicht hatte verwinden können, wartete er nun auf eine günstige Gelegenheit, es Prestoscendo heimzuzahlen. Eines Abends besuchte der Bürgermeister in Campolone eine Konferenz über Zukunftsweisende Konzepte für den Tourismus im Montanvalle. Peppino verkaufte dort Erdnüsse und geröstete Kichererbsen aus seinem verbeulten Kastenwagen. Da die alte Karre Öl verlor, hatte er im hinteren Teil des Fahrzeugs immer einen Ölkanister stehen, aus dem er ab und zu etwas nachfüllte.

An diesem Abend landete das Öl auf des Bürgermeisters nagelneuem Ford, einer herrlichen Limousine, die vierzig große Scheine gekostet hatte. Prestoscendo hatte ein Jahr auf den Wagen gewartet und sich vor Wut fast in den Hintern gebissen, weil der Händler, der bereits eine saftige Anzahlung kassiert hatte, den Termin immer weiter nach hinten verschob.

Porcufinu stellte sich so ungeschickt an, dass er bei der Tat gesehen wurde. Natürlich hatte Prestoscendo bei den Carabinieri ausführlich Strafanzeige erstattet, obwohl er von vornherein wusste, dass er vergeblich Schadensersatz forderte. Maresciallo Michelozzi, der Kommandant der Station von Campolone, war dafür zuständig und kümmerte sich um den Fall, aber der wütende Prestoscendo hatte Bonanno ebenfalls mit eingespannt. Der Bürgermeister machte ihn persönlich dafür verantwortlich, dass der Übeltäter noch nicht verhaftet war, und hatte seine politischen Referenten mündliche und schriftliche Beschwerden an Colonnello Eugenio Latella richten lassen, den Leiter des Provinzkommandos, auf dessen Beliebtheitsskala Bonanno gleich hinter chronischem Durchfall rangierte.

Bonanno mochte dem Bürgermeister noch sooft erklären, dass er Mangiaracina wegen dieses Verbrechens zwar beschuldigen, nicht aber in Haft nehmen konnte, da er ihn nicht auf frischer Tat ertappt hatte, es war einfach zwecklos. Der unbelehrbare Prestoscendo, dessen Kopf wie eine auf Hochglanz polierte Wassermelone aussah, verfolgte ihn einmal sogar bis in sein Büro. Er geiferte bei dem Gedanken an seinen schönen Wagen, der jetzt völlig ruiniert war, und spuckte in alle Richtungen. Bonanno versuchte vergeblich, dem feuchten Schwall auszuweichen.

Mangiaracina, ein einfacher kleiner Dieb, hatte zum Glück noch einige Rechnungen mit der Justiz offen. Als Bonanno einen Haftbefehl wegen alter Verfehlungen in die Finger bekam, gönnte er sich erleichtert erst mal drei großzügige Portionen eines Gerichts aus Kutteln, roten Bohnen und Tomaten, die mit Chili und reifem Pecorinokäse gewürzt waren. Endlich hatte er Gelegenheit, sich gleich zwei Nervensägen auf einmal vom Hals zu schaffen.

Porcufinu musste wegen einer Reihe früherer Vergehen noch fünf Jahre hinter Gittern verbüßen, nach den einzelnen Verfahrensstufen waren die Urteile rechtskräftig geworden. Doch er hatte Wind davon bekommen und nun war er untergetaucht.

Bonanno hasste seine Rolle als Leiter der Kompanie, die ihm als Dienstältestem zukam, und konnte das wiederholte Eindringen des aufgebrachten Bürgermeisters in sein Büro nicht mehr ertragen. Seit drei Monaten ging das schon so, und so waren ihm die Kutteln schließlich sauer aufgestoßen.

An diesem Märzabend jedoch, da war Bonanno sich sicher, war endlich der richtige Moment gekommen. Es war der Tag des »San Giuseppe« und traditionell wurde der heilige Tischler im Montanvalle mit großen Festessen gewürdigt. Peppino Mangiaracina würde schwerlich darauf verzichten, seinen eigenen Namenstag mit einem reichhaltigen Mahl zu feiern, und sich folglich in sein einsam gelegenes Haus schleichen, um sich dort mit verschiedenen herzhaften Leckereien vollzustopfen. Und zum Nachtisch würde er sich ein paar Stunden an den üppigen Rundungen seiner Ehefrau delektieren.

Da sie kein Aufsehen erregen wollten, hatten Steppani und Bonanno sich darauf verständigt, Zivil zu tragen, und sich dann in der Nähe des Hauses des Gesuchten postiert. Den Dienstwagen hatten sie deutlich sichtbar auf der Piazza in Villabosco geparkt, um zu verhindern, dass irgendein allzu aufmerksamer Freund Mangiaracina die verdächtige Anwesenheit der Bullen verriet.

Bonanno inhalierte den Rauch einer seiner zahllosen Zigaretten und sah auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Steppani hatte recht: Die Böen des Nordwinds ließen einen vor Kälte erstarren. Da öffnete sich ein Fenster im ersten Stock des Hauses, fleischige Frauenhände schüttelten ein riesiges Tischtuch aus und säuberten es von den Resten eines opulenten Mahls.

Nina Favarò, Peppino Mangiaracinas Frau, hatte ihre beiden jüngsten Kinder – die einzigen, die noch bei ihr lebten – offenbar schon vor ein paar Stunden zu Bett gebracht. Die große Tischdecke, die sie zu so später Stunde ausgeschüttelt hatte, konnte nur eins bedeuten: Der Trottel war zu Hause. Eine Frau allein konnte nicht so viel essen. Auf diesen Beweis hatte Bonanno gewartet. Jetzt musste er nur noch hineingehen, den Kerl holen und hinter Gitter bringen.

Die Wohnräume lagen im ersten Stock von Mangiaracinas Haus. Damit sie die Überraschung nicht verdarben, hatte Bonanno Werkzeug mitgebracht, um die Haustür gewaltsam zu öffnen. Nach zahlreichen nutzlosen Versuchen und langen Minuten fiebriger Arbeit, die nur dazu führten, dass sich seine erstarrten Hände erwärmten, brummte Steppani: »Darf ich es mal versuchen?«

Stumm verwünschte sich Bonanno dafür, dass er das Brecheisen im Wagen gelassen hatte, und machte gönnerhaft Platz. Dieser Grünschnabel wollte ihm also etwas beibringen.

»Kannst du haben«, sagte er erbost.

Steppani führte den gebogenen Haken ins Schloss ein, drehte ihn kurz, und dann hörte man ein Schnappen. Der Brigadiere verneigte sich demonstrativ und ließ seinem Vorgesetzten den Vortritt: »Nach Ihnen, Maresciallo.«

»Wie hast du das denn gemacht?«, fragte Bonanno verwirrt.

»Das erkläre ich Ihnen ein anderes Mal, jetzt gehen wir besser hinein.«

»Ich sage, das war ein Trick.«

»Und ich sage, Sie brauchen einen Schnellkurs in Einbrechen. Gehen wir?«

»Ja, ja, wir gehen ja schon, verdammt noch mal.«

Bonanno, der sich immer noch nicht damit abfinden konnte, dass Steppani die Tür so geschickt aufgebrochen hatte, sah ihn misstrauisch an und brummelte leise etwas vor sich hin, während er mit ihm die Stufen hinaufging. Als sie Mangiaracinas Wohnungstür erreicht hatten, bearbeiteten sie sie mit Faustschlägen. Nur dieses Stück Holz trennte sie noch von dem Gesuchten.

»Aufmachen, Carabinieri!« Von innen hörte man den Krach von umgeworfenen Stühlen und aufgeregte Stimmen.

»Wen suchen Sie noch so spät?«, fragte Mangiaracinas Frau durch die Tür.

»Macht auf oder wir schlagen die Tür ein«, drohte Bonanno mit dröhnender Stimme.

Er hatte seinen Satz noch nicht beendet, als Steppani bereits mit einem kräftigen Schulterstoß die Tür einrammte. Dabei schrie er: »Der entkommt uns!«, und katapultierte sich mit einem Salto in die Wohnung. Während er sich von dem gewaltigen Schlag erholte, den der Blitzangriff seines Untergebenen ihm versetzt hatte, und er schon an die zu bezahlenden Schäden dachte, folgte Bonanno Steppani. Der war flink wieder auf die Beine gekommen und trat jetzt Nina Favarò entgegen. Wild entschlossen hielt der Brigadiere die Pistole im Anschlag. Die Signora hatte einen hysterischen Anfall, die Angst löste ihr die Zunge: »La porta mi jttastivu nterra sbirri di merda, cosi fitusi, figghi di buttana«, was nicht sehr charmant hieß: »Ihr Scheißbullen habt mir die Tür eingeschlagen, ihr verdammten Hurensöhne!«

»Wo ist Ihr Mann?«, fragte Steppani und schaute sich prüfend um. Bonanno fühlte sich zunehmend unwohl, wahrscheinlich hatte sich der Brigadiere am Vorabend bis spät in die Nacht eine dieser amerikanischen Polizeiserien voller Action und Schießereien reingezogen.

»Sagen Sie uns sofort, wo er ist!«, meinte nun der Maresciallo und versuchte, Haltung anzunehmen. Zwar war von Peppino Mangiaracina nichts zu sehen, aber im Spülbecken standen ein Haufen schmutzige Teller, Schüsseln und Pfannen. Das wäre schon für den sechsten Sinn eines vollkommen Blinden eine Ohrfeige gewesen, ganz zu schweigen vom Bulleninstinkt des Maresciallo: Porcufinu hatte sich hier drinnen verkrochen.

Nina Favarò hörte nicht auf, mit den Händen zu fuchteln und zu schimpfen. Die Knöpfe ihres Nachthemds über dem üppigen Busen standen offen und durch den Spalt der angelehnten Schlafzimmertür sah man ein zerwühltes Ehebett.

Es war genau, wie sie angenommen hatten: Nach dem lukullischen Festmahl hatten Porcufinu und seine Frau beschlossen, die überschüssigen Kalorien mit ein wenig Bettgymnastik abzubauen, und sie, die lästigen Bullen, hatten ihnen den Spaß verdorben.

Um die unbefriedigten Hormone der Frau in Zaum zu halten und weil eins der Kinder aufgewacht war und sich nun durch lautes Schreien bemerkbar machte, beschloss Bonanno, zur Tat zu schreiten.

Nina Favarò rührte sich nicht vom Fleck, sie redete, provozierte die beiden Polizisten, ereiferte sich, aber sie blieb auf diesem abgetretenen Teppich stehen.

Bonanno betrachtete ihn genauer. Wann hatte man schon mal einen Teppich in der Küche gesehen?

»Steppà, schaff die Signora da runter«, befahl er.

»Die wiegt ja eine Tonne, Marescià!«

»Steppà, leg die Waffe weg und greif dir die Frau!«

»Warum tun Sie es nicht?«

»Weil ich dein unmittelbarer Vorgesetzter bin und es dir befehle. Hol die Signora von dem verdammten Teppich runter, sage ich!«

Sein Ton erstickte jeden weiteren Einwand.

Steppani steckte die Dienstwaffe in sein Halfter, packte Nina Favarò an den Armen und entfernte sie gewaltsam, dabei fing er sich einen Stoß mit dem Ellenbogen und einen Fußtritt ein. In Gedanken trug er beides mit Großbuchstaben in die Liste mit Vorfällen ein, für die der Maresciallo ihm einen Gefallen schuldig war.

Bonanno zog den Teppich weg. Volltreffer! Im Fußboden verbarg sich eine Falltür. Er hob sie an.

»Da unten ist nichts, gar nichts, Marescià, nur ein paar Mäuse«, sagte die Frau und errötete noch heftiger. Jetzt wirkte sie besorgt. Bonanno beachtete sie nicht weiter und machte Steppani ein Zeichen, er solle in die Versenkung hinabsteigen und das überprüfen, was er schon wusste. Der Brigadiere kletterte die wenigen Holzsprossen der abgetretenen Leiter hinunter und sah sich um. Der Raum war vollkommen dunkel, es war unmöglich, irgendetwas zu erkennen.

»Marescià, ich brauch eine Taschenlampe.«

»Und woher soll ich die nehmen?«

»Keine Ahnung, hier unten sieht man rein gar nichts.«

Bonanno fluchte stumm. Es war nicht daran zu denken, sich von der Signora eine Kerze oder eine Taschenlampe zu leihen. Inzwischen waren beide Kinder aufgewacht und weinten. Er musste das hier schnell zu Ende führen, denn Kinderweinen ertrug er nicht. Außerdem sollten die Kleinen nicht miterleben müssen, wie ihr Vater verhaftet wurde. Deshalb stieg er jetzt selbst in den Kellerraum, bedeutete Steppani, er solle still sein, und wartete, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Eine endlose Zeit. Sogar Nina Favarò sagte nichts mehr.

In der hintersten Ecke hatte jemand eine Matratze an die Wand gelehnt. Darunter sahen zwei nackte Füße hervor. Bonanno musste grinsen und um sich für all die Spuckorgien des Bürgermeisters zu rächen, beschloss er, sich einen Scherz mit Porcufinu zu erlauben.

»Hör mal, Steppani, weißt du was? Da die Signora drauf beharrt, dass hier unten nichts ist außer Mäusen, schieße ich jetzt mal auf diese alte Matratze, vielleicht treffen wir ein paar Mäuse, die sich dort verstecken.«

»Und ich helfe Ihnen dabei, Marescià«, sagte Steppani, der die Anspielung verstanden hatte, und zog seine Waffe. Bonanno schob eine Kugel in den Lauf. Steppani tat es ihm gleich.

Peppino Mangiaracina, genannt Porcufinu, der sich hilflos hinter der alten Matratze zusammengekauert hatte, erfasste die bedrohlichen Absichten dieser beiden Irren in Bullenuniform ganz genau. Seine Beine wurden weich wie Pudding und seiner ausgetrockneten Kehle entwand sich ein gellender Schrei: »Haaalt! Was fällt euch denn ein? Ich bin hier, nicht schießen, ich bin’s doch, Peppino Mangiaracina persönlich, der Sohn von Vastiano, in meinem Haus gibt es keine Mäuse, ich bin sofort oben, ich ergebe mich, es gibt keinen Grund zu schießen, verhaftet mich!«

Als Bonanno seinen Kollegen in der Kaserne erzählte, wie er Porcufinu erwischt hatte, und ein paar pikante Details hinzufügte, bogen sich alle vor Lachen. Porcufinu war nicht grau wie eine Maus, sondern grün vor Schreck geworden. Bonanno tat ebenfalls so, als hätte er das Ganze lustig gefunden, aber es nagte dennoch ein Zweifel an ihm: Wenn durch seinen Geniestreich ein Schuss gefallen wäre, hätte der Vorfall nicht in Gelächter, sondern in einer Tragödie geendet.

Es war wirklich eine Tragödie. Der Maresciallo knabberte die Reste seiner angefressenen kurzen Nägel an den nervösen dicklichen Fingern ab: Was sollte er bloß in den Bericht schreiben?

Wie sollte er die genaue Entwicklung darlegen, die ihn dazu gebracht hatte, Porcufinu zu verhaften? Schon beim bloßen Gedanken daran geriet er in Rage und rauchte unvernünftig viel. Er hatte sich nie mit Papier und Bleistift anfreunden können, geschweige denn mit einem PC. Diesem Schreibkram hier hätte er Dutzende Observierungen in der Kälte oder unter sengender Sonne vorgezogen. Aber auch bei den Carabinieri erforderte die Bürokratie ihren Tribut an Schreibtischarbeiten. Daher beschloss er, mit gezinkten Karten zu spielen. Bonanno nahm den Hörer ab und befahl entschieden: »Cacì, schick mir Steppani ins Büro!«

Zufrieden lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Hände hinter seinem fleischigen Nacken und wartete auf Steppani, während er überlegte, wie er ihm die Sache schmackhaft machen sollte. Drei Minuten später war Steppani da und brachte ihm einen Espresso. Man wusste nie, was dem Maresciallo gerade einfiel. Ein schöner starker, gezuckerter Espresso war die beste Eintrittskarte in sein Büro.

»Sie haben nach mir gerufen, Maresciallo?«

»Setz dich, Steppani, mach es dir bequem. Du hast mir einen Espresso gebracht? Das wäre doch nicht nötig gewesen. Ich sage immer, von solchen wie dir könnten wir hier noch einige gebrauchen, damit alles so läuft, wie ich es will.«

Der Brigadiere riss ein Fenster auf, um Luft hineinzulassen. Er machte sich ernstlich Sorgen: Wenn der Maresciallo sich ohne erkennbaren Grund so freundlich und feierlich gab, musste man auf alles gefasst sein. Das letzte Mal hatte er ihn auf diese Weise dazu gebracht, sich fast eine Lungenentzündung zu holen, weil er sich drei Stunden dem eisigen Nordwind ausgesetzt hatte, um Porcufinu zu verhaften.

»Na, Steppani, ist der Bericht über Mangiaracina fertig?«, ließ der Maresciallo wie nebenbei fallen und nippte an seinem Espresso. Der war so schwarz und heiß, wie er ihn liebte.

Steppani riss die Augen auf: »Es steht Ihnen als Vorgesetztem zu, den Bericht zu schreiben.«

»Sollen wir uns jetzt wirklich um Kompetenzfragen kümmern, Steppani? Du weißt, wie viel Vertrauen ich in deine schriftlichen Fähigkeiten setze. Außerdem hast du an der Verhaftung mitgewirkt, deshalb …«

Er beendete den Satz nicht und sah Steppani eindringlich an.

»Deshalb?«, fragte der.

»Ach, nichts weiter, Steppani. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass du die Fakten kennst. Mach dich also ans Werk und schreib was hin, erklär, dass wir seit Tagen Beobachtungen und Kontrollen durchführten, um der Justiz einen gefährlichen flüchtigen Verbrecher zu überstellen.«

»Porcufinu soll gefährlich sein? Maresciallo, da lachen ja selbst die Hühner! An dem ist höchstens das Ding zwischen seinen Beinen gefährlich: Jedes Mal, wenn er es benutzt, zeugt er ein unschuldiges kleines Wesen.«

»Na gut, streich ›gefährlich‹ und schreib ›lästig‹. Also, Steppani, nimm mir das ab, ja? Allein bei dem Gedanken daran, was ich schreiben soll, kriege ich schon Bauchschmerzen. Sind wir uns einig?«

Steppani konnte Bonanno einen solchen Gefallen nicht abschlagen, seit langem setzte er alle Berichte auf, die der Maresciallo anschließend nur noch unterschrieb. Aber es gefiel ihm, diese Komödie abzuziehen, weil er einfach Spaß daran hatte, den Maresciallo schwitzen zu sehen und ihn sich jedes Mal neue Ausreden ausdenken zu lassen, um seine Abneigung gegen das Schreiben zu verhüllen.

Er nahm die Akte mit der Aufschrift Mangiaracina, Giuseppe und ging. Er hatte schon immer Gefallen daran gefunden, seine Unternehmungen zu Papier zu bringen.

Bonanno fühlte sich deutlich besser, nachdem er sich diese Last von der Seele geschafft hatte. Er schloss das Fenster und trank, ganz mit sich im Reinen, seinen Espresso aus. Dann steckte er sich noch eine Zigarette an und entspannte sich. Dies wäre also auch erledigt.

Nach seiner Verhaftung und den üblichen Formalitäten in der Zentrale hatte man Mangiaracina noch in der gleichen Nacht ins Gefängnis gebracht. Steppani hatte ihn höchstpersönlich begleitet, denn ihn reizte der Gedanke an die Kurven, die er schneiden konnte, wenn er auf der Fahrt nach Caltanissetta Gas gab wie ein Tornado. In der Nacht war so gut wie kein Verkehr auf den Provinzstraßen und Steppani konnte wieder einmal dem verkannten Rennfahrer in ihm freien Lauf lassen.

Der arme Kerl, der während der Überführung neben ihm saß, war ein junger Kollege, der erst seit zwei Wochen in der Kompanie diente. Diese Zeit hatte natürlich nicht gereicht, um mitzubekommen, wie mörderisch der Fahrstil des Brigadiere war. Mangiaracina merkte es jedoch bereits nach vierzig Minuten mit in wahnsinniger Geschwindigkeit geschnittenen Kurven. Als er erschüttert und grün im Gesicht am Ziel ankam, war wohl noch nie ein flüchtiger Verbrecher so froh gewesen wie er, die Schwelle eines Gefängnisses zu überschreiten. Alles war einer Fahrt mit diesem wahnwitzigen Bullen vorzuziehen.

Bonanno kannte die Autoleidenschaft seines Untergebenen genau und hatte keine Einwände wegen dieser außerplanmäßigen Formel-1-Tour erhoben. Allerdings ließ er sich diese Großzügigkeit mit einer kleinen Gegenleistung vergüten, einem schön mit der Maschine geschriebenen Bericht. Während er seinen Überlegungen nachhing, klopfte es an der Tür.

»Herein!« Bonanno war guter Laune, weil er nichts runterkritzeln musste. Doch das Schicksal wollte es, dass sich seine freundliche Einstellung gegenüber seinen Mitmenschen an diesem Morgen schnell erschöpfen sollte.

»Zu Befehl, Maresciallo, Besuch für Sie«, sagte der Wachtposten und stand stramm.

»Wer ist es?«, fragte Bonanno.

»Sehr verehrter Maresciallo, mein Bester, sobald ich die gute Nachricht gehört habe, bin ich zu Ihnen geeilt, um Ihnen höchstpersönlich zu gratulieren, als Bürgermeister dieser Stadt werde ich Ihnen ein offizielles Dankschreiben zukommen lassen und ich bin mir sicher, obwohl das der wertvollen Arbeit, die Sie geleistet haben, um diesen Verbrecher zu verhaften, nicht gerecht wird, wird es Ihnen doch die Anerkennung und den Respekt der gesamten Stadtverwaltung von Villabosco deutlich vor Augen führen, der vorzustehen ich die Ehre habe«, sagte Totino Prestoscendo, ohne auch nur einmal Luft zu holen.

Bonanno fühlte sich überrumpelt und erdolchte den armen Wachtposten mit Blicken. Er entließ ihn mit einem »Stehen Sie bequem? Sie können gehen!« und versuchte Totino Prestoscendos Begeisterung zu dämpfen, indem er ihn in der Tür aufhielt.

»Danken Sie mir nicht, Bürgermeister, das ist die Pflicht eines jeden einfachen Staatsdieners.«

»Seien Sie nicht so bescheiden«, antwortete der Bürgermeister, der sich nicht geschlagen gab und den ersten Stuhl belegte, den er fand.

»Ich bin sicher, wenn alle so pflichtgetreu wären wie Sie, hochverehrter Maresciallo, würden die Dinge in unserer heruntergekommenen Gemeinde richtig laufen, wie geschmiert, sage ich! Stattdessen müssen wir jeden Tag kämpfen, um die halbe Stadt zur Legalität, zum Respekt vor der Umwelt und den Mitmenschen zu erziehen. Wissen Sie, was die allseits bekannten Randalierer gestern in den Parkanlagen angestellt haben, die ich erst vor kurzem neu bepflanzen ließ? Sie haben drei Laternen beschädigt und eine dreihundert Kilo schwere Bank aus ihrer Verankerung gerissen. Dreißig Millionen Lire hatte ich dafür ausgegeben! Ich frage mich ernsthaft, weshalb jemand einen Sinn darin sieht, öffentliches Eigentum zu zerstören.«

Vielleicht weil darauf der Name Totino Prestoscendo steht und die Leute auf ihre Art protestieren, dachte Bonanno, aber das sagte er natürlich nicht laut. Er half sich mit einem Satz, den er wie zufällig hinwarf: »Was wollen Sie, Bürgermeister, man muss doch nur sehen, was die mit den Telefonhäuschen anstellen.«

Bonanno hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen und bereute sofort, was er gerade gesagt hatte, denn Prestoscendo fühlte sich nun dazu aufgefordert, ohne Punkt und Komma zu reden, und er schien nicht die Absicht zu haben, so schnell wieder aufzuhören. Jetzt kamen die Lehrer dran, die nur ihre Gehälter verteidigten, anstatt sich den Schülern zu widmen, dann die bigotten Priester, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren, die unaufmerksamen Eltern … Und am Ende die Hörner, die Prestoscendo auf dem Kopf trug, fügte Bonanno stumm hinzu. Er versetzte ihm einen Schlag unter die Gürtellinie, um sich aus dieser unangenehmen Situation zu befreien.

»Verzeihen Sie, Bürgermeister, aber haben Sie im Rathaus nicht ein Amt für soziale Angelegenheiten und sogar einen Assessor, der sich um die Probleme der Jugendlichen kümmert?«

Prestoscendo war wie vom Blitz getroffen. So einen hinterhältigen Angriff hatte er nicht erwartet. Als er wieder anfing zu sprechen, stotterte er heftig, ein Zeichen dafür, dass Bonanno ins Schwarze getroffen hatte. Da klingelte das Telefon.

»Maresciallo Bonanno, wer ist am Apparat?«

»Ich habe Ihnen nichts Bestimmtes mitzuteilen, aber wenn Sie schlau sind, dann nutzen Sie das Gespräch jetzt, um sich von dieser Nervensäge zu befreien, ich hole inzwischen den Jeep«, schlug Steppani vor. Der gute Junge, man sollte ihn heiligsprechen.

Bonanno schaltete blitzschnell und sagte: »Ich komme sofort.«

Dann wandte er sich wieder Prestoscendo zu, der ihn verblüfft anstarrte, sah ihn zufrieden und heuchlerisch an und sagte: »Entschuldigen Sie mich bitte, Bürgermeister, aber die Pflicht ruft, mir wurde ein eiliger Einsatz gemeldet, ich muss Sie jetzt verlassen.«

»Natürlich, natürlich, ich halte Sie nicht auf und hoffe nur, dass es sich um nichts Schlimmes für unsere Gemeinde handelt«, antwortete Prestoscendo mit zusammengepressten Lippen. Es hatte ihm nicht gefallen, welche Wendung das Gespräch genommen hatte, und er wollte das ändern.

»Machen Sie sich keine Sorgen, es handelt sich nur um einen Routineeinsatz«, log Bonanno noch einmal, ohne rot zu werden.

»Dann auf Wiedersehen«, sagte der Bürgermeister und fügte noch hinzu: »Ach, ich vergaß, Ihnen eine gute Nachricht mitzuteilen: Ich habe mich entschlossen, bei den nächsten Wahlen noch einmal zu kandidieren.«

»Noch einmal?«, entschlüpfte es Bonanno. Ganz offensichtlich hatte er zu viel Erstaunen in seine Worte gelegt und zu deutlich gezeigt, wie sehr ihm diese Mitteilung missfiel, denn der Bürgermeister starrte ihm direkt in die Augen und fragte: »Wa … warum, stört Sie das?«

»Aber nein, ich hatte nur vermutet, nach Abschluss Ihres Mandats dächten Sie nicht mehr daran, noch einmal zu kandidieren, aber offensichtlich habe ich mich geirrt.«

»Genau«, fertigte ihn der Bürgermeister eisig ab.

Bonanno verzog sich schnell. Als er am Wachtposten vorbeikam, erdolchte er diesen mit Blicken. Dem verfluchten Bürgermeister gelang es doch stets aufs Neue, ihm die Laune zu verderben, und als ob das noch nicht reichte, dachte der sogar daran, sich wieder zur Wahl zu stellen. Wenn er diesmal wieder gewann, hatte Bonanno fünf weitere schlimme Jahre vor sich.

»Fahr schnell los, Steppà, nichts wie weg«, sagte Bonanno. »Zu Befehl«, antwortete Steppani, fuhr wie üblich mit quietschenden Reifen ab und ließ auf dem Asphalt zwei Finger breite Abriebspuren zurück.

»Was halten Sie davon, wenn wir eine Runde durch alle Kommandos im Montanvalle drehen?«, schlug der Brigadiere freudig vor, in Gedanken an Hunderte Kurven, Kehren und unbefestigte Wege, die sie fahren würden.

»Ich schmeiß dich nur nicht raus, weil ich dir noch was schuldig bin. Fahr direkt zur ersten Bar, wir gehen frühstücken, und fahr ordentlich, sonst lenke ich den Wagen auf dem Rückweg«, drohte Bonanno.

Der Maresciallo war doch so lästig wie eh und je.

In der Bar gönnten sie sich zwei köstliche Espressos und zwei genauso beachtliche Hörnchen. Als sie wieder in den Wagen stiegen, schien Bonanno wie vom Blitz getroffen. Er blieb plötzlich stehen und schnappte nach Luft. Rosalia Santacroce, wunderschön und ernst wie die Madonna der sieben Wunder, fuhr mit ihrem auffallenden Kleinwagen über die Hauptstraße. Dem Maresciallo stieg das Blut von den Fußsohlen hoch, den Hals hinauf und in den Kopf. Eine Hitzewelle schoss ihm die Wirbelsäule hinauf und verursachte ein ungewohntes Kribbeln im Unterleib. Die Sozialarbeiterin gefiel ihm ausgezeichnet.

Er winkte schüchtern, hin- und hergerissen zwischen den Komplexen, die er mit sich herumschleppte, und dem Wunsch, sich bemerkbar zu machen. Irgendein Heiliger war mit ihm: Als er schon glaubte, Rosalia hätte ihn nicht bemerkt und führe einfach weiter, stoppte sie ihren Y 10, bog elegant nach rechts ein und hielt auf dem Parkplatz. Dann stieg sie aus.

»Wie schön, dich hier zu treffen, Saverio«, sagte Rosalia lächelnd, während sie mit wiegenden Hüften, die sich bei jedem Schritt nach einer schmeichelnden Melodie zu bewegen schienen, auf ihn zukam. Dabei hingen ihre Arme weich am Körper herab und begleiteten schwingend den natürlichen Rhythmus ihrer Bewegungen. Vor lauter Verzückung verharrte Bonanno reglos und starrte sie einfach nur an. Steppani genoss dieses Schauspiel. Wenn der Maresciallo Rosalia Santacroce begegnete, brachte er kaum ein Wort heraus und seine Wangen liefen feuerrot an.

»Beinahe hätte ich dich nicht gesehen, Saverio. Wie geht es dir?«, sagte Rosalia, beugte sich vor und küsste ihn auf die erhitzte Wange.

»Jetzt besser.«

»Man hat mir erzählt, was letzte Nacht passiert ist. Endlich habt ihr diesen Kerl gefasst, es wurde auch Zeit.«

»Glaube schon.«

Bonanno brachte keine vollständigen Sätze heraus, so gebannt war er von dem reizenden Anblick. Sein Gesicht glühte.

»Nur nicht so bescheiden, du weißt doch, wie ich darüber denke: Bescheidenheit ist etwas für Leute, die auch hier oben beschränkt sind«, sagte Rosalia und deutete auf ihre Stirn.

Bonanno überkam eine Welle des Wohlbehagens, die schnell von einem Haufen kribbelnder, bissiger Ameisen abgelöst wurde. Das hätte ein grüner Junge besser gemacht. Er stellte sich sehr ungeschickt an.

Steppani, der immer noch am Steuer des Wagens saß, winkte Rosalia zu und genoss den Anblick des tödlich verlegenen Bonanno. Er konnte sich nur mühsam das Lachen verkneifen.

»Ich denke schon eine Weile daran, aber irgendwie war nie der passende Moment, es dir zu sagen. Was hältst du davon, wenn wir uns heute Abend treffen? Natürlich nur, wenn du Zeit und Lust hast. Dann könntest du mir alles erzählen. Also, was meinst du, gefällt dir mein Vorschlag?«

Und ob! Aber wie konnte er ihr das sagen, ohne dahinzuschmelzen?

»Ich weiß noch nicht, wie das mit meinem Dienst ist.«

»Dann rufe ich dich einfach am Nachmittag noch mal an. Jetzt musst du mich allerdings entschuldigen, ich muss nämlich wieder zurück an meine Arbeit«, sagte die Sozialarbeiterin, verabschiedete sich und ging. Sie war einfach wunderbar.

»Die Kleine ist eine Wucht«, meinte Steppani lässig.

Bonanno sah ihn unfreundlich an.

»Einer wie der, mit den Kurven am richtigen Fleck, laufen die Männer bestimmt scharenweise hinterher«, meinte Steppani provozierend.

Bonanno tat so, als wäre nichts, aber seine Hände bewegten sich ziemlich nervös. Wortlos bedeutete er dem Brigadiere, auf den Beifahrersitz umzusteigen, und setzte sich selbst ans Steuer.

»Ich fahre«, zischte er mit zusammengepressten Lippen.

Rosalia stieg in ihren Wagen und fädelte sich in den Verkehr ein. Aber vorher hatte sie ihn angelächelt, und solch ein Lächeln hätte die halbe Stadt erstrahlen lassen können.

»Dieses verführerische Lächeln, am liebsten möchte man sie anhalten, um sie einer Leibesvisitation zu unterziehen«, sagte Steppani und setzte sich neben Bonanno.

Bonanno sagte nichts, aber er fuhr mit quietschenden Reifen los. Steppanis boshafte Kommentare ärgerten ihn, umso mehr, weil der Maresciallo nur zu gut wusste, dass Steppani längst mitbekommen hatte, wie sehr ihm diese Frau gefiel. Das würde genug Gesprächsstoff für die nächsten Tage bieten.

Zwei

Bonanno fuhr mehr als beschwingt, über ihm schwebte eine rosa Wolke, und er träumte sich in einen türkisfarbenen Himmel. Welch herrliches Gefühl! Er fühlte sich so leicht und unbeschwert, zu allem fähig.

Die gleiche Verwirrung hatte er empfunden, als er seinerzeit jenen unangenehmen Fall um einen Ring von Pädophilen abschloss, der als Operation Wiedehopf in die Akten eingegangen war. Damals hatte Rosalia ihm spontan zärtlich über die Wange gestrichen. Danach hatte es an Gelegenheiten für ein Wiedersehen gemangelt, die Arbeit, die Familie und tausend Alltagsprobleme hatten eine neuerliche Begegnung immer wieder vereitelt. Plötzlich verwandelte sich die rosa Wolke in eine dicke, düstere Gewitterwolke. Bonanno betrachtete sich voller Selbstmitleid, aber auch unbarmherzig und gnadenlos: ein Provinzpolizist, fast vierzig, übergewichtig, um nicht zu sagen dick, mit einer halbwüchsigen Tochter, einer Ex-Frau, die mit einem Trapezkünstler durchgebrannt war, einer gebieterischen Mutter, die sich – öfter als ihm lieb war – in sein Leben einmischte, und schließlich noch zwei schlecht erzogenen Hunden: Welche Hoffnungen konnte er da schon haben? Rosalia war eine umwerfende Frau. Wenn sie sich umsah, konnte sie tausend bessere Männer finden als ihn, da brauchte er sich gar nichts vorzumachen. Abgesehen davon hatten ihm Frauen in seinem bisherigen Leben immer nur Unglück gebracht.

Und doch keimte in seinem Herzen eine Hoffnung: Er hätte beschwören können, dass in Rosalias Blicken und warmen Gesten mehr lag als offene Sympathie. Etwas, das er fürchtete und nach dem er sich gleichzeitig sehnte. Und die Einladung zum Abendessen war doch eine Tatsache. Er fing mit seinen Überlegungen von vorn an.

Die Wolke färbte sich noch einmal rosarot und er schwelgte in seinen Träumen, ohne auf den Verkehr und Steppanis spitze Bemerkungen zu achten. Bonanno war abwesend. Sein Blick verlor sich in einer Unmenge schwarzer Erdschollen, auf denen die Saat grünte und die Bergminze spross, zwischen Iris und Alraunwurzeln, die diesen weit entfernten, unergründlichen türkisen See säumten, der so friedlich dalag. Eine Klaue, die einst in einer mondlosen Nacht vom Himmel herabgefahren war, hatte ihn geschaffen.

Einer lang tradierten Geschichte der Hirten gemäß hatte man in einer Nacht vor jeder Zeitrechnung einen langen düsteren Schrei gehört. Schafe und Lämmer blökten laut und anhaltend. Als die Schäfer kamen, um nachzusehen, fanden sie nur mehr eine dunkle Spur, die sich auf der Oberfläche ausbreitete. Im Nu hatte das Nichts Felsen und Tiere verschlungen und aus diesem teuflischen Strudel war ein wunderschöner See entstanden. Bonanno hätte Rosalia gern dorthin gebracht und sich mit ihr ins sonnenwarme Gras gelegt. Er hätte ihr ein Bett aus wilden Orchideen bereitet, die dort in großer Zahl am Ufer des Sees blühten, und sie würden in aller Ruhe die Wolken betrachten und in ihnen Formen erkennen, die nur für ihre traumversunkenen Augen existierten.

Bonanno verlor sich in seinen schwelgerischen Gedanken und lächelte glücklich bei dieser Vorstellung, bis plötzlich vor seinen Augen in aller Deutlichkeit ein boshaftes Gespenst mit all seiner verheerenden Wirkung erschien: das Bild seiner Ex-Frau. Es quälte ihn und brachte ihn immer wieder aufs Neue dazu, sich schwach und hilflos zu fühlen. Wie hätte er Rosalia von seinem Kummer erzählen können, immer angenommen, dass sie ihm tatsächlich Zuneigung entgegenbrachte? Wie sollte er sich von dem Stachel befreien, der solche Macht über sein Leben hatte?

Der Maresciallo löste sich aus diesen unangenehmen Überlegungen und konzentrierte sich lieber aufs Fahren. Er nahm die Südumgehung, um nach Villabosco zu gelangen. Neben dem Heiligtum der Madonna mit der Dornenkrone überwucherte eine wilde Mülldeponie weite Teile der Fahrbahn: recycelbare Rohstoffe, Reifenmäntel und alte Haushaltsgeräte schändeten und verschmutzten die Landschaft, die nach Villapetra hin abfiel.

»Warum befreit der Bürgermeister nicht lieber die Stadt von diesem Dreck, statt nur an seine Wiederwahl zu denken?«, setzte Bonanno seine Gedanken weiter fort.

»Weil die Politiker sich für solche Ärgernisse nicht interessieren. Sie kleben lieber mit dem Hintern am Sessel und verteidigen uns zum Trotz ihre Privilegien«, antwortete Steppani. Da merkte Bonanno, dass er laut vor sich hin gesprochen haben musste.

In der Ferne wurde der grüne Teppich der Felder von himmelblau schimmernden Hügeln begrenzt, die sich im Licht des Tages verloren und am Horizont die mächtige Silhouette des Ätna nachzeichneten, dessen Gipfel von Schnee bedeckt waren. Die Landschaft zog friedvoll an ihnen vorbei, während Bonanno innerlich fluchend zur Kaserne fuhr. Dort überzeugte er sich erst davon, dass Prestoscendo nicht mehr in der Nähe war, parkte dann den Wagen und erteilte Steppani klare Anweisungen, bevor er wieder in sein Büro ging. Er hatte nicht einmal Zeit, sich zu setzen, da war Cacici schon bei ihm.

»Guten Tag, Maresciallo, ich hab eine telefonische Nachricht für Sie höchstpersönlich entgegengenommen.«

Bonanno sah ihn erwartungsvoll an: Cacici sagte kein Wort. »Cacì, hast du plötzlich eine Stimmbandlähmung oder muss ich diese blöde Botschaft etwa selbst lesen?«

»Nun, entschuldigen Sie, Maresciallo, wenn Sie wünschen, kann ich sie Ihnen natürlich hier und jetzt wiedergeben.«

»Ist sie nun für mich oder nicht?«

»Zu Befehl, für Sie persönlich, Maresciallo.«

»Dann lass dich nicht bitten, Cacici, das ist nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Aber es ist doch nie der richtige Zeitpunkt und das beunruhigt mich.«

»Was heißt das?«

»Mannaggia o’Vesuvio, wenn Ihnen die Nachricht, die ich Ihnen ausrichten muss, nicht passt, bestrafen Sie bitte nicht mich dafür. Ich habe nämlich heute Abend schon was vor und möchte nicht die ganze Nacht Dienst schieben müssen. War das deutlich genug?«

»Cacì, wenn du mir nicht sofort sagst, wer angerufen hat, dann lasse ich dich Dienst schieben, bis du schwarz wirst.« »Das war mir klar. Wie ich es hasse, in der Telefonzentrale zu arbeiten! Hier, ich hab’s Ihnen auf einen Zettel geschrieben, dann muss wenigstens nicht der Bote dafür büßen«, beendete Cacici seinen Satz und übergab Bonanno ein mehrfach gefaltetes Blatt Papier. Danach suchte er schleunigst das Weite.

Bonanno verfluchte stumm alle bekannten und unbekannten Planeten, vor allem den verdammten Uranus, der seit einer Woche wieder in sein Zeichen eingetreten war und dessen ungünstige Wirkung direkt auf Villabosco ausstrahlte. Er war sich ganz sicher, dass er wieder einmal die gesammelte Ladung abbekam. Konnte es so weitergehen? Auf dem Zettel stand in Schönschrift: »Anruf von Colonnello Latella. Er lässt ausrichten, Sie sollen ihn anrufen, sobald Sie zurück sind.«

Mit dem Provinzkommandanten der Carabinieri war Bonanno nie so recht warm geworden. Ihre sporadischen Begegnungen waren eher von der offiziellen förmlichen Atmosphäre gekennzeichnet, wie sie zwischen Offizieren und Unteroffizieren herrscht.

Bonanno hob den Hörer ab. Cacici war sofort dran.

»Außer dem, was auf dem Zettel steht, hat dir der Colonnello nichts gesagt, Cacì?«

»Er fragte, wo Sie hin sind.«

»Und was hast du gesagt?«

»Dienstlich außer Haus.«

Manchmal wusste Cacici genau, was er zu tun hatte.

»Sehr gut, Cacici, verbinde mich in zehn Minuten mit dem Provinzkommando, mal sehen, was uns der Vormittag noch bringt.« Zehn Minuten später klingelte das Telefon. Aus dem Hörer schallte die Stimme Latellas: »Bonanno?«

»Zu Befehl, Signor Colonnello.« Wie er diese Unterwürfigkeit hasste.

»Genau mit Ihnen wollte ich sprechen. Ich habe heute Morgen unser Rundschreiben erhalten und es war mir besonders wichtig, Sie so bald als möglich anzurufen, um Ihnen für dieses herausragende Beispiel von Mut und Verachtung von Gefahr meinen lebhaftesten Beifall auszusprechen, dafür also, dass es zwei tapferen Angehörigen unserer Carabinieri nach langen, komplizierten Beobachtungen gelungen ist, einen gefährlichen Verbrecher mit Namen Mangiaracina, Giuseppe zu fassen, der seit Monaten gesucht wurde.«

Der Colonnello redete wie ein Buch.

»Zu gütig, Signor Colonnello, Sie hätten sich doch nicht bemühen müssen.«

»Das war keine Mühe, Bonanno. Ehre, wem Ehre gebührt. Ich habe mich höchstpersönlich damit befasst, die Presseorgane von der vorgenommenen Festnahme zu unterrichten.«

Und so würde die traurige Geschichte Mangiaracinas, Spitzname Porcufinu, morgen mit Glanz und Gloria in der Zeitung stehen. Durch den Einfluss der Kommandantur und Prestoscendos.

»Noch einmal meinen Glückwunsch, Bonanno. Ich nehme dieses Gespräch zum Anlass, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass in den nächsten Tagen Ihr neuer Kommandant der Kompanie den Dienst antreten wird, dann können Sie ein wenig aufatmen. Es handelt sich um einen hochmotivierten pflichtbewussten Offizier, der wegen seines großen Verantwortungsgefühls und seiner ermittlerischen Fähigkeiten geschätzt wird. Ich bin sicher, ich kann auf Sie zählen, wenn es darum geht, ihn mit seinem neuen Verantwortungsbereich vertraut zu machen.«

Na endlich, hätte Bonanno am liebsten erwidert. Er war es leid, Dienstpläne aufzustellen und sich um all die anderen Verwaltungsaufgaben zu kümmern, die seit der Kündigung des letzten Kompaniekommandanten auf seinen Schultern lasteten.

»Ach, ehe ich es vergesse, noch ein Letztes: Ist Ihnen bekannt, ob Mangiaracina in der Zentrale irgendetwas Gesundheitsschädigendes geschluckt hat? Was weiß ich, Pillen oder Tropfen?«

»Bestimmt nicht. Warum?«

»Die pure Neugier: Gestern Nacht, nachdem er angekommen war, hat man ihn schnellstens auf die Krankenstation des Gefängnisses bringen müssen. Der hat eine unglaubliche Menge von sich gegeben. Der Direktor fragte sich, ob er vielleicht den Schlauen spielen wollte und deshalb etwas eingenommen hat, um die Haft hinauszuzögern.«

Nein, das waren weder Tabletten noch Tropfen gewesen. Bonanno wusste nur zu genau, was Mangiaracina hatte schlucken müssen: vierzig nicht enden wollende Kilometer voller Haarnadelkurven, Serpentinen und Kehren und das alles bei hundertzehn Stundenkilometern!

Nach dem Gespräch mit dem Colonnello fühlte Bonanno sich deutlich besser. Zur Feier des Tages genehmigte er sich eine Zigarette. Die Dinge wendeten sich zum Guten. Wenn der neue Capitano kam, würde Bonanno wieder seine gewohnte Aufgabe als Leiter der Carabinieristation übernehmen und wäre endlich die lästigen Verwaltungspflichten los.

Er stand auf, um sich die Beine zu vertreten. Dabei ging er ans Fenster und sah auf die Straße. Eine schwarze Katze, die in einem Müllcontainer wühlte, hob den Kopf und sah zu ihm herauf. Sie schien ihm direkt in die Augen zu starren. Ein schönes Tier, mit glänzendem Fell so dunkel wie Kaffeesatz. Schwarze Katzen machten Bonanno nervös. Er inhalierte den Rauch und behielt ihn lange in der Lunge. Die Katze saß immer noch reglos da.

»Du fieser Unglücksbringer«, sagte er und zielte mit dem zusammengeknüllten Zigarettenpäckchen auf die Katze.

Die sprang in einem eleganten Satz auf und entfernte sich mit erhobenem Schwanz. Sogar die Katzen, die als schlechtes Vorzeichen galten, mischten sich jetzt noch ein.

Um sich zu beruhigen, unterzog er eine Cracker-Packung einer gründlichen Inspektion. Die Schachtel war ziemlich groß, aber Bonanno arbeitete sich mühelos in Rekordzeit durch. Und plötzlich nahm wieder wie selbstverständlich das Bild der schönen Rosalia vor seinem geistigen Auge Form an. Er genoss schon die Vorfreude auf das gemeinsame intime Abendessen und auf einmal wurde ihm ganz leicht ums Herz: Sie beide im verführerischen Licht einer Kerze, die verschwenderischen Köstlichkeiten, die ihn erwarteten, ein bisschen von dem guten Roten aus Montacino und dann … wer konnte schon sagen, wie sich der Abend danach entwickeln würde?

Bonanno sah auf die Uhr. Es war erst zehn vor elf. An Arbeiten war gar nicht zu denken, dazu war er zu aufgekratzt. Er wusste nicht, ob er seiner Neugier nachgeben sollte, da der Abend so vielversprechend schien, doch endlich entschloss er sich, Uranus herauszufordern, und schaute in der Zeitung nach dem Horoskop für sein Sternzeichen. Er fuhr vom Stuhl hoch und wäre fast hingefallen. Zum ersten Mal, seit er Horoskope las, sagte man ihm keine Katastrophen voraus, vielmehr klang die Botschaft geradezu verheißungsvoll: Legen Sie Ihre kommunikativen Fähigkeiten, mit denen Sie Sympathien gewinnen, in die Waagschale und nehmen Sie eventuelle unerwartete Einladungen ruhig an, wer weiß, ob nicht eine wichtige Begegnung dabei herauskommt. Doch Vorsicht, statt sich jetzt blind ins Abenteuer zu stürzen, lassen Sie es mit der nötigen Ruhe angehen.

Sein Selbstvertrauen erreichte schwindelnde Höhen.

Er griff hastig nach dem Telefonbuch und wählte die Nummer des ersten Blumenladens, der ihm unterkam. »Blumen Verdefiore, guten Tag, was kann ich für Sie tun?«, fragte eine Stimme höflich.

»Guten Tag auch, ich möchte einen schönen Strauß langstieliger roter Rosen bestellen. Je länger, desto besser. Habt ihr welche?«

»Natürlich. Wie viele dürfen wir für Sie zusammenstellen?«

»Dreißig Stück.«

»Sollen wir die Lieferung übernehmen oder kommen Sie selbst vorbei?«

Was für eine verdammte Frage – und wie sollte er sich jetzt aus der Affäre ziehen? Sein Selbstvertrauen sank augenblicklich in den Keller.

Er ließ sich schwer auf den Stuhl fallen und versank erst mal in tiefes Schweigen. Sein Dilemma war beachtlich: Wenn er die Rosen vom Laden liefern ließ, würde in höchstens ein paar Stunden halb Villabosco wissen, dass der Maresciallo mit der Sozialarbeiterin anbandelte. Das Gleiche passierte, wenn er sich mit einem großen Rosenstrauß zu Rosalias Wohnung aufmachte. Rosalia liebte romantische Orte, fernab vom städtischen Trubel, und hatte eine Wohnung im historischen Zentrum von Villabosco gefunden, ganz in der Nähe der beeindruckenden kleinen Kirche Santa Lidia Purpuraria. Um dorthin zu gelangen, musste man ein gutes Stück zu Fuß laufen, da man diesen Bereich nicht mit dem Wagen befahren durfte.

Während er immer noch überlegte, was er tun sollte, wiederholte die höfliche Stimme am Hörer mehrfach: »Hallo, hallo, sind Sie noch dran?«

Er wollte es eigentlich nicht tun, es war eine feige, aber instinktive Bewegung. Bonanno legte den linken Zeigefinger auf die Gabel, drückte sie runter und unterbrach die Verbindung. Im gleichen Moment sah er die Lösung glasklar vor sich.

Er griff zu seinem Schreibblock. Ohne lange zu überlegen, schrieb er impulsiv mit ungelenken Buchstaben: »Für die, in deren Himmelsaugen sich das Meer spiegelt.« Verbarg sich unter der harten Schale des Bullen etwa ein Dichter?

Beflügelt von seiner poetischen Leistung riss er die Tür auf und brüllte: »Cacì!«

Der Erste Brigadiere Giovanpaolo Cacici, geboren und aufgewachsen am Fuße des Vesuv, bevor er sich bei den Carabinieri eingeschrieben hatte und auf die Insel versetzt worden war, eilte keuchend herbei.

»Tu mir einen Gefallen, Cacì, geh zum ersten Blumenladen, den du findest, und bestell dreißig rote Rosen, aber langstielige! Lass sie zu einem hübschen Strauß binden und sag, sie sollen mit diesem Brief an die Adresse geliefert werden, die draufsteht. Alles klar, Cacici?«, fragte Bonanno. Cacici starrte ihn verwirrt an.

»Hast du noch einen Lähmungsanfall?«, fragte Bonanno ernstlich erstaunt.

»Mannaggia o’Vesuvio, Maresciallo, also, was soll da schon klar sein? Sie schreien aus Leibeskräften nach mir, sodass ich fast eine Herzattacke kriege, beinahe hätte ich mir in der Eile noch alle Knochen gebrochen und, na, aus welchem Grund?«

In Cacicis Worten lag ein gewisser Vorwurf, und Bonanno konnte zugeben, wenn er im Unrecht war, besonders wenn er die Mitarbeit eines seiner Männer benötigte. Zumal es sich um eine »Angelegenheit allerhöchster Priorität« handelte, wenn auch eher um eine private.

»Ich bitte um Entschuldigung, Cacì, das war mir nicht bewusst«, rechtfertigte sich der Maresciallo und schloss die Tür. Jetzt hatte nämlich auch er bemerkt, dass sein Gebrüll die Aufmerksamkeit anderer Kollegen erregte.

»Haben wir uns verstanden, Cacì? Dreißig rote Rosen. Ach, das hätte ich fast vergessen: Also bitte, äußerste Diskretion, sprich mit niemandem darüber, das ist eine Sache zwischen uns beiden. Beim Blumenhändler darf auf keinen Fall mein Name genannt werden.«

»Und wer geht ans Telefon, während ich den Rosenkavalier spiele?«

»Darum kümmere ich mich schon«, fertigte Bonanno ihn ab und sah ihn finster an. Er gab ihm das Geld und den Brief, den er in einen sorgfältig zugeklebten Umschlag gesteckt hatte.

Bonanno setzte Brandi an Cacicis Platz und beschäftigte sich mit den weiteren Vorbereitungen für den Abend.

»Ist da die Konditorei ›Profumo di Cannoli‹? Hier ist Maresciallo Bonanno. Ich brauche Ihren Rat: Was für ein Dessert empfehlen Sie mir für ein Geburtstagsfest, wenn schon jemand anders die Torten mitbringt?«

»Das liegt ganz bei Ihnen: Sie könnten Cannoli mitbringen, Petit Fours, Plätzchen, eine Eistorte mit Schokoladenüberzug, Sahnetörtchen, Mandelparfait …«

Schon beim Gedanken an all diese Köstlichkeiten hatte Bonanno das Gefühl, gleich vier Kilo zuzunehmen.

»Also dann das Mandelparfait. Wann kann ich es abholen?«

»Wie viel soll es denn sein?«

»Zwei Kilo genügen.«

»Kommen Sie, wann Sie möchten. Wir halten es für Sie bereit.«

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