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Maresciallo Bonanno und das tödliche Gelübde

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel von Roberto Mistretta
  3. Die Serie
  4. Der Ermittler
  5. Über dieses Buch
  6. Über den Autor
  7. Titel
  8. Impressum
  9. Zitat
  10. I
  11. II
  12. III
  13. IV
  14. V
  15. VI
  16. VII
  17. VIII
  18. IX
  19. X
  20. XI
  21. XII
  22. XIII
  23. XIV
  24. XV
  25. XVI
  26. XVII
  27. XVIII
  28. XIX
  29. XX
  30. XXI
  31. XXII
  32. XXIII
  33. XXIV
  34. XXV
  35. XXVI
  36. XXVII
  37. XXVIII
  38. XXIX
  39. XXX
  40. XXXI
  41. XXXII
  42. XXXIII

Weitere Titel von Roberto Mistretta

Maresciallo Bonanno und das falsche Spiel des Fischers

Maresciallo Bonanno und die dunkle Botschaft des Verführers

Maresciallo Bonanno und der kalte Blick der Rache

Die Serie

Maresciallo Saverio Bonanno ermittelt auf Sizilien – ein italienischer Kriminalbeamter mit reichlich Temperament, untrüglichem Spürsinn und etwas Übergewicht.

Die perfekte Urlaubslektüre – für Italien-Liebhaber, Krimileser und Fans von Commissario Caselli und Commissario Montalbano.

Der Ermittler

Saverio Bonanno ist ein temperamentvoller Sizilianer in den besten Jahren. Er lebt mit seiner verwöhnten Tochter Vanessa und seiner herrschsüchtigen Mutter im beschaulichen Örtchen Villabosco in der Nähe von Palermo. Bonanno liebt seinen Job als Maresciallo bei den Carabinieri – und die süßen Dinge des Lebens. Zu seinem Leidwesen sieht man ihm das auch an. Er hasst seine Waage und Diäten, und wenn sein Horoskop ihm Schlechtes prophezeit, vermiest ihm das schon mal den Tag. Sein hitziges Temperament steht ihm mehr als einmal im Weg – er flucht laut und oft –, aber sein Spürsinn und seine eigenwilligen Ermittlungsmethoden verhelfen ihm noch immer zur Klärung des Falls.

Über dieses Buch

Malerische Landschaften, mörderische Taten

Bei der 500-Jahrfeier einer Bruderschaft im sizilianischen Villabosco wird der Präsident des Ordens von einem mächtigen Holzkreuz erschlagen. Ein tragischer Unfall? Das Schweigen der Ordensbrüder spricht Bände. Und so findet Maresciallo Saverio Bonanno von den Carabinieri bald heraus, dass die verschwiegene Gemeinschaft noch ganz andere Leichen im Keller liegen hat ...

Über den Autor

Roberto Mistretta, geb. 1963, ist Journalist und Romanautor und lebt mit seiner Familie in seiner sizilianischen Heimatstadt Mussomeli. Nachdem er zuvor meist Kinderbücher geschrieben hat, von denen einige prämiert wurden, hat er inzwischen das Krimigenre für sich entdeckt: Mit Saverio Bonanno, einem heißblütigen sizilianischen Carabiniere, hat Mistretta eine unverwechselbare, sympathische Ermittlerfigur geschaffen.

Roberto Mistretta

Maresciallo Bonanno und das tödliche Gelübde

Sizilien-Krimi

Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt

Es lebt sich schwer, wenn jeder Tag im Leben gleich ist.
Es lebt sich schwer, wenn kein Tag etwas Gutes verspricht.

(Claudio Lolli)

Die Alten leiden unter der Last der Jahre,
können Wahrheit und Traum nicht mehr unterscheiden.
Die Alten können in ihren Gedanken, in ihren Träumen,
was richtig ist und was falsch, nicht mehr unterscheiden.

(Francesco Guccini)

I

Die Kalender hingen in zwei parallelen Reihen untereinander. Wenigstens ein paar Farbtupfer auf den erst kürzlich getünchten Wänden, denn der neue Kommandant der Kompanie hatte angeordnet, dass die ganze Kaserne einen frischen Anstrich in einem dieser undefinierbaren Grautöne erhielt. Maresciallo Bonanno drehte momentan jedoch den heiß begehrten Carabinieri-Kalendern seinen massigen Rücken zu, weil ihm diese Entscheidung des Capitano, die seiner Vorliebe für lebhafte Farben sehr zuwiderlief, immer noch schwer im Magen lag. Er empfand die neue Wandfarbe geradezu als persönlichen Angriff seitens seines Vorgesetzten, und zwar nur als einen von vielen.

Nachdenklich betrachtete Bonanno das Formular für das Urlaubsgesuch, das er mit peinlicher Sorgfalt genau in der Mitte auf seinem Schreibtisch platziert hatte. Er wog den Stift in seiner Hand. Hielt ihn zwischen den Fingern, spielte mit ihm und legte ihn wieder an seinen Platz. Stand auf, ging zur Balkontür, trat hinaus, zündete sich dort eine Zigarette an und sog hastig den Rauch ein. Der erste Zug beruhigte ihn, der zweite brachte ihn zum Husten, beim dritten gab er auf und warf die angerauchte Zigarette weg. Bonanno war nervös, aber nicht weil er unter Nikotinentzug litt. Nein, er musste endlich eine Entscheidung treffen. Sollte er persönlich mit Capitano Oliva seinen Urlaub abstimmen, wie es hier üblich war, oder lieber ein formelles Gesuch einreichen und den Dingen ihren Lauf lassen? Das Verhältnis zwischen ihm und dem Capitano war angespannt: Seit Anbeginn der Zeit haben Untergebene unter den Launen ihrer Chefs zu leiden. Doch Bonanno musste dringend eine Lösung finden, obwohl es ihm eigentlich nicht lag, den ersten Schritt zu tun, besonders wenn er sich darauf versteift hatte, selbst im Recht zu sein.

Fluchend kehrte er in sein Büro zurück. Nahm den Stift zur Hand und füllte das Urlaubsgesuch aus.

»An den Kommandanten der Kompanie. Hiermit beantrage ich, Saverio Bonanno, im Rang eines kommandierenden Maresciallo des Einsatzkommandos der Carabinieri, zehn freie Tage vom 10. – 20. April wg. Urlaub.«

Er unterschrieb, danach betrachtete er verblüfft die Krakel, mit denen er den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens »verziert« hatte. Das war bestimmt keine Absicht gewesen, nein, er hatte wohl das Zittern seiner Hand nicht unterdrücken können. Bonanno holte tief Luft. Er konnte sich dem Capitano gegenüber nie normal verhalten, nicht einmal wenn er ihm schrieb. Wenn er Oliva nicht vorher informierte, lief er Gefahr, dass der sein Urlaubsgesuch abschlägig beschied, und dann war es aus mit seinem geplanten Urlaub in Nicolosi, einem an den Hängen des Ätna gelegenen Ort. Allerdings hielt sich dieses Risiko durchaus in Grenzen: Bei seinem Rang und seinen Dienstjahren standen ihm pro Jahr vierzig Urlaubstage zu, und er hatte noch drei Wochen aus dem vergangenen Jahr übrig. Der Capitano hätte schon triftige Gründe für eine eventuelle Ablehnung anführen müssen und dazu besaß er keinerlei Handhabe. Seit Monaten hatte es im Montanvalle weder Morde noch andere Kapitalverbrechen gegeben. Also nur den üblichen Routinekram.

Bonanno verließ sein Büro und trug sein Gesuch in die Liste ein. Als er danach vor dem Kaffeeautomaten stand, stellte Steppani sich ihm plötzlich in den Weg und fragte: »Möchten Sie den neuesten Witz hören oder lieber erst Ihren Kaffee haben?«

Ob er wollte oder nicht, Bonanno musste einfach lachen, so dreist sah ihn sein Erster Brigadiere an. Steppani schaute so zufrieden wie eine Katze, die gerade eine Maus gefangen hatte. Bonanno nahm ihm den Kaffee ab und trank ihn genießerisch. Er war heiß und stark, ganz nach seinem Geschmack.

»Jetzt erzähl mir deinen Witz, Steppani«, sagte der Maresciallo dann.

»Also, ein übereifriger Capitano will jeden Morgen die Lokalzeitung haben, deshalb schickt er den Wachtposten los, der soll sie ihm an einem einen Kilometer entfernten Kiosk kaufen. Weil der Wachtposten keinen Führerschein hat, muss er den ganzen Weg zu Fuß gehen. Schließlich hat er die Nase voll von der täglichen Lauferei und kauft dreimal die gleiche Zeitung, die er dem Capitano jeden Morgen auf den Schreibtisch legt. Am dritten Tag stürzt der Capitano fuchsteufelswild aus seinem Büro, baut sich mit der Zeitung in der Hand vor dem Wachtposten auf und sagt zu ihm: ›Komm mal her!‹ Der Mann wird ganz blass und denkt, verdammt, jetzt bin ich dran. Der Capitano mustert ihn, dann deutet er auf die Zeitung und sagt: ›Es heißt doch immer, wir Carabinieri seien die Dümmsten, aber der Bürgermeister hier im Ort ist ein noch viel größerer Trottel, der fährt mit seinem Wagen drei Tage hintereinander jeden Morgen gegen denselben Laternenpfahl.‹«

Bonanno zog nur eine Augenbraue hoch und fragte: »Soll ich darüber vielleicht auch noch lachen?«

»Dazu sind Witze da, Marescià.«

»Hast du so was etwa bei mir gelernt?«

»Aber es ist doch nur ein Witz.«

»Merk dir ein für alle Mal, Steppani: Über die Carabinieri macht man keine Witze; es gibt schon zu viele, die uns mit Kommt-ein-Carabiniere-Geschichten und -Anekdötchen durch den Kakao ziehen, aber niemand sagt den Kindern, worauf es bei uns wirklich ankommt.«

»Und wen oder was meinen Sie damit?«, fragte Steppani spöttisch. Er genoss es unglaublich, Bonanno auf die Palme zu bringen.

»Alle Carabinieri, die für unser schönes Italien gefallen sind«, sagte Maresciallo Bonanno mit stolzgeschwellter Brust und klang dabei sehr überzeugt.

»Hast du schon mal von Giuseppe Plado Mosca gehört?«, fragte er dann.

»Nein, wer ist denn das?«, antwortete Steppani, der diesen Schlagabtausch immer mehr genoss.

»Einer von uns. Er war etwa in deinem Alter, als er im Dezember 1942 im Tal von Arbusow in Russland fiel, während er auf seinem Pferd versuchte, die feindlichen Reihen zu durchbrechen. Er war ein Vorbild, und unsere Leute, die halbtot vor Kälte und Angst waren, fassten angesichts seines leidenschaftlichen Einsatzes wieder Mut und folgten ihm in die Schlacht auf Gedeih und Verderb. Plado Mosca wurde hier geboren, in Bonanotti. Nach seinem Tod hat man ihm die goldene Tapferkeitsmedaille verliehen.«

»Capperi, das wusste ich nicht«, sagte Steppani in dem vergeblichen Versuch, sizilianisch zu klingen.

»Dann informier dich das nächste Mal genauer, bevor du solchen Unsinn erzählst.«

»Woher kennen Sie denn diese Geschichte?«, fragte Steppani schlau.

»Plado Moscas Schwester lebt noch hier in Bonanotti. Du solltest mal mit ihr reden, so ein Dummkopf wie du könnte noch einiges von ihr lernen.«

»So, dann also mal danke für den Kaffee, Maresciallo«, sagte Steppani eingeschnappt und wollte verschwinden. Wenn Bonanno in einer derartigen Laune war, widersprach man ihm besser nicht.

»Wo willst du denn hin?«, rief ihn Bonanno zurück.

»Ich habe Wache, Brandi wartet schon auf mich.«

»Vorher bringst du das aber noch zum Capitano«, sagte Bonanno und gab ihm sein Urlaubsgesuch.

Steppani warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Löcher mich jetzt bloß nicht mit Fragen oder du kannst gleich heute wieder Nachtdienst haben!«

»Zu Befehl«, sagte Steppani und machte sich auf den Weg zum Büro des Capitano.

Sichtlich erleichtert wandte sich Bonanno dem Ausgang zu. Doch bevor er zur Tür hinaus war, hielt ihn Steppani noch einmal auf. »Was soll ich dem Capitano eigentlich sagen, wenn er mich nach diesen seltsamen Schnörkeln bei Ihrer Unterschrift fragt?«, sagte er bissig, verschwand dann aber lieber schnell aus Bonannos Blickfeld.

Der ließ ihm das diesmal durchgehen, denn im Moment wollte er sich mit niemandem streiten. Dazu war der Tag einfach zu schön und sonnig. Doch die drohende Auseinandersetzung mit dem Capitano regte seinen Appetit an. Zum Teufel mit der Diät! Bonanno setzte sich in seinen Punto und fuhr zur Pasticceria »Cannoloricco«. Dort verputzte er eines der köstlichen gefüllten Teigröllchen, nach denen die Pasticceria benannt war. Diese Spezialität wurde hier seit drei Generationen hergestellt. Dazu verwendeten die Konditoren einen zart schmelzenden Ricotta aus den Sikanischen Bergen, die ihnen zwei Hirten jeden Morgen ganz frisch lieferten. Der Ricotta wurde dann mit Zucker und anderen Gewürzen gemischt, sodass daraus eine himmlische Köstlichkeit entstand. Bonanno biss mit geschlossenen Augen hinein und kostete jeden Happen genießerisch aus. Trotzdem war das Cannolo viel zu schnell in seinem Magen verschwunden. Um nicht gleich der Versuchung nachzugeben, ein zweites zu verspeisen, las er lieber sein Horoskop. Seit einigen Jahren hielt sich die Pasticceria, die man inzwischen zu einer Bar und Gelateria erweitert hatte, auch Zeitungen. Das erhöhte die Kundenzufriedenheit. Bonanno musste jedoch Folgendes lesen: »Erforschen Sie Ihr Gewissen. So werden Sie herausfinden, welche Fehler beide Seiten begangen haben. Auf diese Weise werden Sie ›ihre‹ Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ob in Liebe, Beruf oder Geschäft, fangen Sie es richtig an.«

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte Bonanno und wollte schon nervös aufbrechen, doch dann überlegte er es sich anders und ging zu dem Tisch zurück, an dem er gesessen hatte. Mit einer raschen Bewegung entriss er einem jungen Barbesucher die Zeitung, die der sich gerade geholt hatte, weil er sich die Lokalnachrichten durchlesen wollte, während er seinen Cappuccino trank.

»Du bekommst sie gleich zurück«, sagte er im Befehlston. Der Junge warf ihm einen scheelen Blick zu, doch Bonannos Uniform schüchterte ihn ein, und deshalb wagte er nicht zu protestieren.

Bonanno las noch einmal sein Horoskop: »Erforschen Sie Ihr Gewissen. So werden Sie herausfinden, welche Fehler beide Seiten begangen haben.«

»Na, dann erforschen wir mal unser Gewissen«, sagte er laut und handelte sich dadurch einen weiteren scheelen Blick des jungen Mannes ein.

Bonanno ließ sich noch zwei Cannoli einpacken und wollte gerade zu seinem Fiat Punto zurückgehen, als plötzlich hinter ihm jemand rief: »Gott zum Gruß, Maresciallo. Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?«

Bürgermeister Totino Prestoscendo stand inmitten seines üblichen Gefolges, darunter auch Ingegnere Riccobono, der ehemalige Assessor, den Bonanno nur allzu gut kannte.

»Danke, ich hatte schon einen.«

»Sie bringen uns doch jedes Mal um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft«, bemerkte der Bürgermeister voll Falschheit.

Obwohl ihre letzten Begegnungen eher stürmisch verlaufen waren, ließ sich Prestoscendo als mit allen Wassern gewaschener Politiker in der Öffentlichkeit nichts davon anmerken.

»Vom Gesetz hält man sich besser fern, Bürgermeister«, meinte Bonanno eisig. Das konnte sich Prestoscendo hinter die Ohren schreiben, dachte er, während er die Pasticceria verließ. Das Zusammentreffen mit dem Bürgermeister hatte ihn aufgeregt.

Als Bonanno in seinen Wagen stieg, brauchte er mehr denn je Ruhe und Frieden. Eigentlich konnte er die beiden Cannoli doch auch gemütlich an seinem Lieblingsplatz auf dem kahlen Hügel verspeisen, während er sich ausgiebig der Gewissenserforschung widmete, um die besagten »Fehler« aus seinem sibyllinisch formulierten Horoskop zu finden. Versäumnisse, für die er zu hundert Prozent Capitano Oliva verantwortlich machte.

Während er durch die historische Altstadt fuhr, rief ihn jemand: »He, Saverio!«

Er bremste.

»Ciao, Tonio, hast du frei?«

»Ich habe zwei Tage Urlaub genommen. Und was hast du vor?«

Sollte er ihm das verraten, ja oder nein? Bonanno entschied sich für Ja. Schließlich waren er und Tonio, der in der Apotheke Cusumano arbeitete, alte Freunde.

»Ich habe eine Verabredung mit diesen beiden Cannoli an einem ruhigen Plätzchen«, sagte er und deutete auf das Päckchen in seiner Hand.

»Ist das eine Einladung?«, fragte Tonio interessiert.

»Warum nicht? Wenn du nichts Besseres vorhast.«

»Angesichts eines Cannolo kann alles andere auf der Welt warten«, philosophierte Tonio und stieg in Bonannos Punto.

»Die Welt kümmert sich nicht um Leute wie dich und mich, die Cannoli inbegriffen«, antwortete Bonanno harsch, legte den Gang ein und beschleunigte.

»Wie schaffst du es nur, so früh am Morgen eine derartige Freundlichkeit an den Tag zu legen?«, fragte Tonio ironisch.

»Ich komme gerade aus der Kaserne, also los, schnall dich an.«

»Probleme im Job?«, fragte Tonio und gehorchte.

»Wer hat die nicht.«

»Du kannst dich aber darüber prima hinwegtrösten. Ich habe gehört, du fährst mit Rosalia weg. Ein Kurzurlaub am Ätna. Na, du lässt es dir ja gut gehen«, fuhr Tonio fort.

Bonanno ärgerte sich. Dieses Dorf war wie ein Handschuh mit tausend Löchern, durch jedes schaute ein Paar neugieriger Augen. Hier wusste jeder über jeden Bescheid. Der Punto schoss über die Straße. Als sie Villabosco verließen, hakte Bonanno nach: »Wer hat dir das erzählt?«

»Du weißt doch, Gerüchte machen schnell die Runde, und wenn es dabei auch noch um Rosalia geht …«

»Hör mal, Tonio, wechseln wir lieber das Thema, sonst ist mir der ganze Tag verdorben«, unterbrach ihn der Maresciallo.

»Einen klugen Mann erkennt man, sobald er den Mund aufmacht, aber einen eifersüchtigen auch«, erwiderte Tonio und ergänzte rasch: »Und du scheinst mir sehr eifersüchtig zu sein. Sobald jemand Rosalia auch nur erwähnt, ziehst du ein Gesicht … Du bist bis über beide Ohren verknallt, mein Lieber, so ist das!«

»Sei doch mal still, Tonio«, sagte Bonanno, bremste abrupt und klang plötzlich ganz ernst. Tonio erstarrte.

»Entschuldige, Savè, das war doch nur Spaß«, flüsterte er erschrocken und wurde ganz blass.

»Sei still und schau mal dahin.«

»Wohin?«

»Der Kerl dort kommt mir verdächtig vor, schau mal, wie der rennt. Er ist gerade aus dem kleinen Haus dort gekommen. Siehst du es?«

»Ach ja«, sagte Tonio daraufhin und war schon nicht mehr ganz so blass. Er hatte schon befürchtet, er wäre mit seinen Bemerkungen zu weit gegangen.

»Sieh mal, da steigt sogar Rauch aus dem Haus. Das müssen wir uns mal genauer anschauen«, meinte Bonanno, beschleunigte und fuhr auf das Haus zu, das sie keine zwei Minuten später erreichten. Durch die offen stehende Vordertür sahen sie sofort, dass es drinnen brannte. Möbel, Vorhänge und der gesamte Hausrat standen schon in Flammen.

»Verdammt, hier brennt ja alles«, fluchte Bonanno.

»Ich rufe die Feuerwehr«, sagte Tonio und zog sein Handy heraus.

»Ich seh mir das mal genauer an.«

»Spinnst du, dabei kommst du noch selbst in den Flammen um.«

»Ich will nachsehen, ob noch jemand drin ist«, meinte Bonanno, hielt sich ein Taschentuch vor Mund und Nase und betrat die Flammenhölle. Der Brand war in der Wohnküche ausgebrochen. Bonanno durchsuchte laut rufend ein Zimmer nach dem anderen.

»Da ist niemand«, sagte er, als er mit ausgetrockneter Kehle und tränenden Augen wieder herauskam.

»Die Feuerwehr ist unterwegs«, antwortete Tonio.

»Ruf ruhig auch die 112 an; sie sollen meine Leute herschicken. Du wartest hier, und ich schaue nach, wo unser Brandstifter abgeblieben ist«, sagte Bonanno, während er wieder in seinen Punto stieg und in die Richtung fuhr, in die der Kerl verschwunden war. Zwei Kilometer später wurde er fündig. Bonanno stellte den Punto quer und versperrte dem Mann so den Weg. Dann stieg er aus und packte ihn.

»Keine Bewegung«, sagte er, hielt ihn fest und zog seine Beretta.

»Wenn Sie mich verhaften müssen, dann tun Sie es doch einfach, dazu brauchen Sie keine Waffe«, sagte der Mann und hob den Kopf. Bonanno erkannte ihn, es war Pietro Caramazza, Besitzer eines beliebten, gut besuchten Supermarkts, in dem auch seine Mutter Donna Alfonsina gern einkaufte.

»Sie?«, fragte Bonanno bestürzt und steckte seine Waffe weg.

»Nur weiter, Maresciallo, ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren.«

»Haben Sie das Feuer gelegt?«

»Ja, und es tut mir leid, dass dieser Bastard nicht da war, sonst hätte ich ihn gleich mitverbrannt.«

»Von wem reden Sie?«

»Von Domenico Infantino.«

»Wer ist das? Von dem habe ich noch nie gehört.«

»Ich auch nicht … jedenfalls vorher nicht.«

»Und warum sollte er in seiner Wohnung verbrennen?«

»Weil er meine …«

Das Heulen der Polizeisirene übertönte den Rest seiner Worte. Ein Streifenwagen bog mit überdrehtem Motor pfeilschnell um die Ecke, dass die Reifen über die Gartenerde schlitterten. Am Steuer saß natürlich Steppani. Neben ihm Carabiniere Antonino Brandi. Hinten musste auch noch jemand sitzen, Bonanno konnte jedoch nicht erkennen, wer die dunkle Gestalt auf dem Rücksitz war. Der Alfa geriet vor ihnen ins Schleudern, wobei der Fahrer bravourös mit Gas und Bremse spielte und den Wagen nach riskanten Fahrmanövern mit der Perfektion eines kriminellen Irren etwa sieben Millimeter vor Bonannos und Caramazzas Füßen zum Halten brachte.

»Da wären wir, Marescià«, sagte Steppani und stieg mit entsicherter Waffe aus dem Wagen. Brandi war nur noch ein grünliches Häufchen Elend und brachte kein einziges Wort heraus. Steppanis Fahrstil hätte selbst das Orakel von Delphi zum Verstummen gebracht. Kurz darauf kam auch der zweite Streifenwagen mit ziemlichem Tempo herangefahren. An dessen Steuer saß Vito Cantara, der jedoch längst nicht so unvernünftig fuhr wie Steppani. Cacici war bei ihm.

Im gleichen Augenblick öffnete sich die hintere Wagentür. Toni stolperte heraus, ein Taschentuch auf den grünlich verschmierten Mund gepresst und sagte: »Tut mir leid, aber ich habe die Polster versaut.« Als Steppani bei dem brennenden Haus ankam, war Tonio in dessen Wagen gestiegen, um ihm die Richtung zu zeigen, in die Bonanno verschwunden war. Er hatte ja auch nicht gewusst, was ihn erwartete.

»Ich habe ihn vorher gewarnt«, meinte Brandi.

»Steppà, wir beide sprechen uns noch«, drohte Bonanno.

Rosalia sah verführerisch aus und roch aufregend weiblich. Wenn sie an seiner Seite war, fühlte sich Bonanno wie im siebten Himmel. Die Straße lief geradeaus, es war wenig Verkehr und der Maresciallo fuhr langsam, um den Ausblick und die Fahrt zu genießen. Das blühende und grünende Sizilien roch nach Frühling. Sie hatten Caltanissetta bereits hinter sich gelassen, die Umgehungsstraße genommen und waren dann auf die Autobahn Palermo–Catania in Richtung Ätna gefahren. Capitano Oliva hatte Bonannos Urlaubsgesuch anstandslos unterschrieben. Und Mimmo Carnemolla vom Fernsehsender Tele Alto Platani hatte ganz groß über den Brandanschlag berichtet. Bonanno war der Held des Tages, weil er einen potenziellen Mörder auf frischer Tat ertappt hatte.

»Jetzt erzähl mir doch mal genau, warum dieser Kaufmann das Haus des Buchhalters angezündet hat«, sagte Rosalia und kraulte Bonanno den Nacken. Der schnaubte glücklich.

»Ein Eifersuchtsdrama.«

»Komm, erzähl schon, lass dich nicht erst lange bitten.«

»Der Kaufmann, wie du ihn nennst, heißt Pietro Caramazza. Ihm gehört dieser große Supermarkt, du weißt schon, welchen ich meine. Heute Morgen fand eine seiner Kassiererinnen ein Portemonnaie, das wohl jemand verloren hatte. Die Kleine war ehrlich, holte Caramazza und übergab es ihm. Der durchsuchte es nach Ausweispapieren, damit er es dem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben konnte. Und das war sein Untergang.«

»Durfte er das nicht? Ist das etwa gesetzlich verboten?«

»Natürlich durfte er das, Rosalia, aber er fand in der Brieftasche etwas, was er nicht hätte finden dürfen.«

»Sprich nicht in Rätseln«, sagte sie, kniff ihn leicht und zog ihn zärtlich an den Haaren.

»Wie er nach dem Ausweis suchte, fand Caramazza zwei Briefe. Er erkannte die Schrift sofort. Es war die seiner Frau. Sie und Infantino hatten eine Affäre. Und zwar schon seit ein paar Monaten. Glücklicherweise war die Signora einen Tag vorher zu ihrer Schwester nach Palermo gereist, sonst hätte die Geschichte ein schlimmes Ende nehmen können. Rasend vor Eifersucht fuhr Caramazza zu Infantinos Haus, wo er ihn zum Glück nicht antraf. Um sich abzureagieren, stapelte Caramazza die Möbel aufeinander und legte aus Wut Feuer. Ich kam dort gerade mit Tonio vorbei, und den Rest kennst du ja.«

»Der arme Kerl tut mir leid.«

»Mir auch, denn er ist fleißig und ein braver Familienvater.«

»Heute gibt es keine Familien mehr, wusstest du das nicht? Und ehrliche Arbeit ist nicht mehr modern«, stichelte Rosalia.

»Meinst du wirklich?«, fragte Bonanno verwundert.

»Ja, das meine ich«, antwortete sie und küsste ihn auf den Hals.

Bonanno überlief es eiskalt, und er fragte sie: »Du wirst mich doch nie betrügen?«

»Niemals«, bestätigte sie und knabberte zärtlich an seinem Ohrläppchen.

»Wir fahren gleich gegen den nächsten Baum, wenn du nicht aufhörst.«

»Das war nur ein Vorgeschmack, die Fortsetzung folgt, wenn wir da sind«, sagte sie verführerisch.

Bonannos Fuß trat schon aufs Gas, ehe diese verführerische Einladung überhaupt in seinem Verstand angekommen war. Die Reifen des Punto verkrallten sich heulend in den Asphalt. Vor ihnen erhob sich die schneebedeckte Silhouette des Ätna.

Dieser Urlaub begann wirklich vielversprechend.

II

Die Sonne gleitet über die kahlen Berggipfel. Purpurrote Strahlen breiten sich über dem grünen Montanvalle aus. Der alte Mann starrt auf dieses flammende Rot und schüttelt seinen blank glänzenden Schädel. Tiefe Falten haben sich in sein verwittertes Gesicht eingegraben, hinter denen sich die Leiden eines ganzen Lebens verbergen. Wütend und fluchend spuckt er sie dem Nordwind entgegen und dem glühend heißen Hauch, der von Afrika in diese Täler weht.

»Schlimmes wird sich bald ereignen, Mimmuzzu. Wenn der Himmel Blut weint, steht den Christenmenschen dieser Welt Böses ins Haus.«

Der Junge, von Geburt an taubstumm, nickt ihm zu. Er kann von den Lippen ablesen, was die anderen sagen. Das hat ihm der alte Mann beigebracht. Wie so vieles andere in den Jahren ihres Zusammenlebens, bevor dieser Wahnsinn aus lauten Explosionen und Blitzen, Staub und Tod den Zauber gebrochen hat. Sie sind Großvater und Enkel und teilen das gleiche Schicksal: Einsamkeit.

Der alte Mann wirft noch einen Blick voll bitterer Zärtlichkeit auf das Tal und die Gipfel im roten Abendlicht. Seine knochigen Hände kramen in den Jackentaschen. Dann zieht er ein Stückchen Süßholz heraus, mit einem Schabmesser putzt er die Wurzel, schneidet sie in zwei Teile und bietet dem kleinen Jungen ein Stück davon an. Nun murmelt er wieder leise vor sich hin, während er mit seinen wenigen verbliebenen Zähnen auf der Süßwurzel herumkaut. Plötzlich hat er Angst. Der Junge merkt das, weil sich seine aufgesprungenen Lippen plötzlich so langsam bewegen, wenn er spricht, und an den Tränen in seinen Augenwinkeln.

Der alte Mann umfasst die Handgelenke des kleinen Jungen, wie um ihn zu beschützen, und das Kind lässt es geschehen. Ein kalter Schauder streift den Rücken des alten Mannes, wie eine eisige Liebkosung. Der alte Mann spürt, wie sich der Wind im Montanvalle erhebt. Jener Wind, den er leider nur zu gut kennt. Er starrt auf das Pfarrhaus, und der Schauder verstärkt sich. Nun weiß er, es wird wieder geschehen. Heute wird sich der Tod sein Festgewand anziehen.

Das Licht der Abenddämmerung verlängert den Schatten des Pfarrhauses. Die Sonne umgibt das Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einem Strahlenkranz.

Der Governatore trägt ein prunkvolles, mit purem Gold durchwirktes Gewand, feierlich schreitet er auf das Holzkreuz der heiligen Veronika zu und liebkost es mit begehrlichen Blicken. Gespannte Erwartung liegt in der Luft. In der Kapelle hat sich die gesamte Führung der Bruderschaft »Purissimo e Preziosissimo Volto di Nostro Signore« (Unseres Herrn Jesu Christi reinstes, kostbarstes Angesicht) versammelt. Sie tragen ihre traditionellen, wertvollen Gewänder, darunter die allein ihnen vorbehaltenen Schuhe, der ganze Stolz dieser religiösen Vereinigung. In der ersten Reihe stehen der Vizepräsident, der Lehrer der Novizen, die beiden Boten und der Kaplan. Dahinter der Schatzmeister, die Berater und eine dichte Traube von Mitbrüdern.

Weiter vorn stimmen die »Sänger der heiligen Veronika« ihre schmerzlichen Klagelieder an, die von langen, gellenden Trompetenstößen begleitet werden. Auf die hohen Trompetentöne folgen jeweils drei Paukenschläge, in einer Lautstärke, dass man beinahe taub davon wird. Ganz ähnliche Klänge begleiteten früher Menschen auf ihrem letzten Gang zum Schafott.

Es ist ein feierlicher Augenblick: Die Generalprobe der prunkvollen Zeremonie zur Fünfhundertjahrfeier der Bruderschaft, die 1507, in der Übergangszeit vom Mittelalter zur Renaissance, gegründet wurde und bis heute in Villabosco aktiv ist. Mit kluger Hand hat ihr Präsident Nofrio Falsaperla in letzter Zeit ihrem Verein durch Eingehen von religiösen Partnerschaften, durch kulturelle Initiativen, soziale und politische Aktivitäten mehr Ansehen verschafft. Und das alles im Zeichen des Holzkreuzes, auf dem sie die Statue der heiligen Veronika befestigen und während der Prozession tragen, der ganze Stolz und das eifersüchtig gehütete Symbol ihrer Bruderschaft.

Governatore Nofrio Falsaperla schreitet vorwärts und ist sich dabei der Feierlichkeit des Augenblicks genau bewusst. Die Goldstickereien auf seinem Gewand glänzen im Sonnenlicht, das durch die Glasfenster in den Türen der Kapelle hereinfällt. Vor dem Holzkreuz bleibt er stehen, atmet einmal tief durch, während die Sonnenstrahlen seinen angedeuteten Dreitagebart golden sprenkeln. Den hatte er sich stehen lassen, weil er sich einbildete, dass auch Christus so ausgesehen hatte.

Nofrio und dieses Holzkreuz – ein Kapitel für sich.

Die Gründer der Bruderschaft hatten dieses Kunstwerk von seltener Schönheit gestiftet, das die barmherzige Geste der Veronika darstellte. Ein Holzrelief zeigte die Heilige, während sie sich über Christus beugte und ihm mit einem Tuch das blutüberströmte Gesicht abwischte. Eine Art volkstümliche Pietà, das Symbol der Bruderschaft.

Nofrio Falsaperla kniet sich unter das schräg aufgestützte Kreuz, als hinge das Schicksal der ganzen Schöpfung von ihm ab. Dies ist sein großer Moment, er hat jedes Detail akribisch genau geplant und möchte ihn bis ins Letzte auskosten. Die schwere Konstruktion, die schon einmal in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts und ein zweites Mal erst kürzlich restauriert wurde, wird von einem kräftigen Stahlseil gehalten, das über ein System von Antriebsscheiben, die an Metallplatten gekoppelt sind, bis zur Decke der Kapelle reicht und unten im Boden verankert ist. In dem engen Winkel unter dem Holzkreuz nimmt der Governatore halb kauernd seine Stellung ein. Er betrachtet die Mitbrüder mit vor Spannung fiebrigem Blick und kostet die Vorfreude auf das aus, was gleich geschehen wird: Diesen ungebildeten Flegeln wird es die Sprache verschlagen!

Er ist so in seine Rolle vertieft, dass er ein anderer zu sein scheint, derjenige, der die Sünden der gesamten Menschheit auf seinen Schultern trägt. Sein Blick begegnet den kalten Augen seines Stellvertreters Vicio Spata, dann den feindselig zu Schlitzen zusammengezogenen des Schatzmeisters Fofò Scibetta. Beide würden ihn gern sofort unter dem Kreuz begraben sehen. Doch das kümmert Nofrio nicht, schließlich ist er es gewöhnt, gehasst zu werden.

Noch ein weiteres Augenpaar scheint sich glühend in seinen Rücken zu bohren. Nofrio dreht seinen Kopf ein wenig und begegnet Minicas Blick. Sie zerknüllt ein altes Tuch in den Händen wie jemand, der eine namenlose Qual im Herzen trägt. Sie ist erst zwanzig Jahre alt und hat den melancholischen Blick eines Menschen, der stumm leidet. Durch diese Aura der Trauer, die ihre anmutige Gestalt umgibt, ist sie wie geschaffen dafür, in diesem festlichen Jahr, das in die Annalen der Geschichte der Bruderschaft eingehen wird, die Rolle der heiligen Veronika zu übernehmen. Sie ist die Tochter eines der ältesten, inzwischen verstorbenen Mitbruders, und das Direktorium hat sie einstimmig gewählt. Nur der Governatore hatte sich der Stimme enthalten. Und gegen ihn richtet sich auch eindeutig Minicas Groll, der ihr Ähnlichkeit mit einem wütend knurrenden Hund verleiht, der hasserfüllt zuschnappen will.

Die ganze effektvolle Inszenierung mit dem Holzkreuz verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Sie soll Christus’ Fall und die barmherzige Geste der heiligen Veronika ein weiteres Mal zum Leben erwecken. Diese Heilige ist seit fünfhundert Jahren Gegenstand der Anbetung für die Bruderschaft, die ihre ebenso alte Statue in einer Prozession alljährlich durch die Straßen trägt. Und wer könnte den leidenden Christus besser verkörpern als der Governatore selbst?

Die Holzkonstruktion in Form eines Kreuzes scheint wie für Nofrio geschaffen. Minica kennt ihn nur zu gut. Es überläuft sie heiß, wenn sie ihn ansieht: Niemand wird ihr mehr das Vergnügen ihrer Rache nehmen können; sie wird Nofrio vor aller Augen den lang ersehnten Augenblick verderben und ihn so zeigen, wie er wirklich ist. Man sollte sich eben hüten, eine Sizilianerin zu beleidigen.

Falsaperlas Stellvertreter ist genauso wütend auf ihn und hat mehr als eine Rechnung mit ihm offen. Der Schatzmeister ebenfalls. Und viele andere werfen ihm finstere Blicke zu. Der Governatore hat sich viele Feinde gemacht.

Nofrio Falsaperla achtet nicht auf diese hassverzerrten Blicke, später ist immer noch Zeit, abzurechnen und Probleme aus dem Weg zu räumen. Jetzt zählt einzig seine große Stunde. Auf die Begegnung mit den fünfhundert Jahren Geschichte seiner Bruderschaft hat er sich seit Monaten vorbereitet. Gemeinsam mit dem Architekten Abramo Calaciore, einem wahren Meister auf seinem Gebiet, hat er diese ideale Konstruktion entwickelt, um dem einfachen Volk die qualvolle Anstrengung vor Augen zu führen, die es kostet, dieses Holzkreuz aufzurichten. Mithilfe des über Antriebsscheiben laufenden und am Boden mit einer Federkonstruktion verbundenen Stahlseils ist er in der Lage, nur mit Muskelkraft unter den bewundernden »Ahs« und »Ohs« der Zuschauer mehrere Zentner Gewicht hochzustemmen.

Nofrio hat weder Kosten noch Mühe gescheut. Neben wichtigen Politikern wird auch der Monsignore, der Bischof, der Zeremonie beiwohnen. Und mit ihnen viele, viele Gläubige, einschließlich der anderen Bruderschaften, die seit jeher mit der seinen konkurrieren: »Santissima Spina di Cristo« (Der Heiligste Dorn Christi), »Maria Ss. Incoronata« (Maria, die Himmelskönigin) und »Vergine Ss. Della Montagna« (Unsere Liebe Frau vom Berge).

Sein hübscher Einfall wird die anderen Präsidenten vor Wut platzen lassen. Doch abends werden sich dann alle wieder mit Kutteln und Kapaun den Wanst vollschlagen, süffigen neuen Roten in sich hineinschütten und zotige Witze über die körperlichen Vorzüge der hübschen Mädchen reißen.

Nofrio Falsaperla ist ein guter Christ – auf seine Weise.

Er blinzelt leicht und korrigiert seine Position unter dem Holzkreuz noch ein wenig, dann atmet er ein letztes Mal tief durch, stemmt seinen Rücken dagegen und spannt seine Muskeln an. Auf diesen Moment hat er Jahre gewartet. Die Erinnerung an die prallen Brüste und die nackten, wohlgeformten Schenkel Minicas, die das Holzkreuz umklammert, stachelt seine Begierde an. Er blickt sich suchend nach der Kleinen um und entdeckt sie schließlich. Minica starrt ihn mit ihren goldenen Augen unverwandt an. Sie funkeln smaragdgrün. Am liebsten würde sie daraus auf der Stelle tödliche Blitze auf ihn schleudern.

Nofrio bemerkt es, und es erregt ihn. Er mag widerspenstige Frauen, sie erinnern ihn an die wilden, feurigen Stuten von einst. Er stemmt seinen Rücken noch stärker gegen das Holz. Das ungeheuer schwere Kreuz hebt sich langsam, Zentimeter für Zentimeter.

Der Governatore schwitzt in einer Mischung aus Anstrengung und Erregung. Auf einmal steht er aufrecht, das Kreuz auf dem Rücken. Man benötigt eigentlich die Kraft von mindestens acht Männern, um es aufzurichten, und er schafft es ganz allein. Seine Mitbrüder starren stumm auf dieses physikalische Wunder, so etwas haben sie noch nie gesehen. Das Stahlseil spannt sich, rutscht quietschend über die Antriebsscheiben und wickelt sich um die Feder am Boden wie die Schlange um den Baum der Erkenntnis.

Die »Sänger der Veronika« sind verwirrt, sie versuchen diesen besonderen Augenblick so effektvoll wie möglich mit ihren Stimmen zu untermalen. Die Trompetenstöße zerteilen die Luft in schneller Abfolge. Töne so scharf wie Messer.

Wie zwei scharfe Messer wirken auch Minicas Augen, während sie das Tuch in ihren Händen zerknüllt. Auf ein Zeichen hin soll sie sanft Nofrios Gesicht abtupfen und – nachdem sie das Tuch umgedreht hat – die Züge des neuen Messias, natürlich die Falsaperlas, zeigen, die von der Hand der besten Schneiderin darauf gestickt wurden. Noch so ein hübscher Einfall von Nofrio, der seiner Eitelkeit entspringt.

Minica freut sich über ihre Rolle. Unabsichtlich haben ihr die Mitbrüder Gelegenheit gegeben, sich an Nofrio zu rächen. In ihrem schwarzen Kleid, mit verhülltem Haupt, wartet sie auf das Zeichen, um dann die wenigen Meter zwischen den in zwei Reihen aufgestellten Mitbrüdern bis zu ihm zurückzulegen. Sie fasst nach ihrer Tasche und vergewissert sich noch einmal, dass das Fläschchen mit der durchsichtigen Flüssigkeit an seinem Platz ist. Sie drückt es kräftig in ihrer Hand. In wenigen Minuten wird der Governatore in dessen Genuss kommen.

Nofrio gibt das Zeichen. Der Moment ist gekommen.

Minica zittert und ist einen Augenblick lang wie gelähmt. Sie hat so sehr darauf gewartet, aber jetzt, wo ihr Einsatz gekommen ist, rührt sie sich nicht vom Fleck, und dieses Zögern rettet ihr das Leben. Plötzlich übertönt ein lauter Krach die Klagerufe. Minica verschlägt es den Atem. Mit einem schrecklichen Knall schnellt das Drahtseil hoch wie eine Giftschlange, und das nun haltlose Holzkreuz fällt. Fünf Zentner krachen auf den Governatore nieder. Von Nofrio Falsaperla sieht man nur noch purpurrot hervorsprudelndes Blut, das sich in einer Pfütze unter dem Holzkreuz ausbreitet.

III

Der Erste, der zu Falsaperla hineilt, ist Kaplan Padre Bartolomeo Sanguedolce, dann folgen die Sänger der Veronika, vier ältere und zwei junge Männer. Nun drängen sich auch sein Stellvertreter Vicio Spata, der Schatzmeister Fofò Scibetta und alle anderen um den Governatore. Nur Minica bleibt regungslos stehen, das Tuch noch in der schweißnassen Hand. Ihr Herz hämmert laut. Instinktiv lassen ihre Finger das Glasfläschchen los, das daraufhin in der Tiefe ihrer Tasche versinkt. Bestürzt über den Vorfall stellen sich die Sänger und einige weitere herbeigeeilte Mitbrüder an die vier Seiten des Holzkreuzes, wo die langen Stangen eingesteckt waren, und heben es mit einiger Mühe an. Nofrio Falsaperla liegt reglos da, sein starrer Blick scheint auf das edle Angesicht der heiligen Veronika gerichtet. Dies muss sich als letztes Bild in seine nun blicklosen Augen eingebrannt haben.

Padre Sanguedolce, ein kräftiger Mann, dreht den Governatore vermeintlich mühelos auf den Rücken. Nofrio wirkt schlaff wie eine Lumpenpuppe, sein großer Kopf mit dem dichten Haar hängt nach hinten. Der Kaplan legt sein Ohr an die Brust des Governatore. Niemand wagt, ein Wort zu sagen.

»Schnell, ruft einen Krankenwagen, jetzt zählt jede Minute, schnell!«, beschwört er die Umstehenden.

»Oh heilige Muttergottes, wie geht es ihm? Sagen Sie jetzt bloß nicht, er …«, sagt ein Mitbruder.

»Man hört keinen Herzschlag! Er atmet nicht! Schnell, um Himmels willen, helft mir, ihn aufzuheben«, antwortet der Priester.

»Wir sollten ihn lieber selbst ins Krankenhaus bringen, denn wenn wir erst den Krankenwagen rufen, können wir lange warten«, rät einer der Sänger.

»Jesusmaria, der bewegt sich nicht.«

»O Gott, oh Gott, was für ein schlimmes Ende, der Ärmste!«

»Jetzt ist jede Minute kostbar!«

Nachdem die Mitbrüder eben noch starr vor Erstaunen beobachtet haben, wie ein einzelner Mann das zentnerschwere Holzkreuz angehoben hat und der Wagemutige dann plötzlich darunter zerquetscht wurde, sind sie plötzlich beunruhigt.

Mahnt denn nicht seit Jahrhunderten die Prophezeiung, die in das Holzkreuz eingeritzt ist: »Die Hand Gottes fährt vom Himmel herab und zermalmt die falschen Götzen. Und Sein Zorn wird wie ein Blitz die lügnerischen Propheten zerschmettern.«? Erst gestern hatte der Schatzmeister Nofrio Falsaperla daran erinnert, doch der ließ sich nicht einschüchtern. Er war bestimmt kein Waisenknabe gewesen, das wusste jeder hier, doch niemand dachte jetzt an diese alte Warnung. Und eigentlich hatte auch nie jemand wirklich daran geglaubt.

»Wir sollten besser nichts überstürzen, sonst können wir ganz schön in die Bredouille geraten. Ich sage, wir warten besser auf den Krankenwagen«, setzt sich der Schatzmeister vehement ein.

»Um Himmels willen, was redest du da? Wir müssen ihn sofort ins Krankenhaus bringen, komm, hilf mir«, widerspricht ihm Padre Sanguedolce.

»Haben Sie nicht selbst gesagt, sein Herz schlägt nicht mehr? Das bedeutet, der arme Nofrio hat uns für immer … verlassen … und in solchen Fällen, da dieses schreckliche Unglück geschehen ist, und das Holzkreuz ihn erschlagen hat, müssen wir den Krankenwagen rufen und die Polizei, bevor wir ihn auch nur einen Zentimeter bewegen. Wer übernimmt sonst die Verantwortung dafür? Sie, Padre Sanguedolce, oder etwa unser Vizepräsident? Mit mir dürft ihr dabei nicht rechnen. Ich habe Nofrio wieder und wieder gesagt, das sei unpassend, aber er mit seinem Sturkopf … Er wollte immer alles ganz groß aufziehen … Aber wie ihr euch selbst überzeugen konntet, hat etwas an dem Mechanismus nicht funktioniert, und das ist dabei herausgekommen. Das hat er nun von seinem Größenwahn. Ich rühre ihn nicht an. Hört auf mich und lasst uns einen Krankenwagen rufen, wenn wir mit unserer Bruderschaft Ärger aus dem Weg gehen wollen«, meint Fofò Scibetta abschließend.

Die anderen Mitbrüder schauen einander nur an, niemand traut sich, ein Wort zu sagen. Es kommt ihnen vor, als sei Nofrio schon ewig tot. Der Schatzmeister hat ihnen aus der Seele gesprochen.

»Das gibt’s doch nicht! Unser Präsident liegt dort zerquetscht auf dem Boden und ihr … was soll’s, macht doch, was ihr wollt, aber ich nehme die Verantwortung auf mich und bringe ihn jetzt ins Krankenhaus«, erregt sich Padre Sanguedolce und beugt sich zu Nofrio Falsaperla hinunter, um ihn hochzuziehen. Der harte, entschlossene Griff knochiger Finger hält ihn zurück.

»Hier drinnen entscheidet die Bruderschaft, was geschieht«, zischt Vicio Spata drohend. Padre Sanguedolce sieht ihn überrascht an. Das Gesicht des Vizepräsidenten zeigt keine Regung und der Kaplan begreift, dass er niemals zulassen wird, dass jemand Nofrio aus der Kapelle bringt.

»Nofrio bleibt, wo er ist«, sagt der Stellvertreter des Toten abschließend.

»Ihr seid mir vielleicht schöne Freunde! Ach, macht doch, was ihr wollt«, grollt der Kaplan und durchbohrt sie mit wütenden Blicken. Dann spricht er einen Segen über Falsaperla und zieht sich kopfschüttelnd zurück, wobei er sich mehrfach bekreuzigt.

Nur wenige Minuten später zerreißt eine heulende Sirene die Stille in den Straßen der Altstadt. Der Krankenwagen biegt in das verwirrende Labyrinth kleiner Gassen ein und erreicht schließlich die Kapelle der Veronika. Zwei Krankenpfleger und ein Arzt, der wirkt, als sei dies sein erster Einsatz, steigen aus. Die drei sehen einander an und schütteln nur den Kopf. Sie denken nicht im Traum daran, den Präsidenten von der Stelle zu bewegen. Dessen Haut verfärbt sich bereits langsam bläulich, in der Farbe des Todes, wenn das Blut nach einer starken Blutung schnell gerinnt. Das Holzkreuz hat ihn genau getroffen.

»Die Hand Gottes fährt vom Himmel herab und zermalmt die falschen Götzen. Und Sein Zorn wird wie ein Blitz die lügnerischen Propheten zerschmettern.«

»Zu spät, der arme Kerl ist längst hinüber«, sagt der Arzt und nimmt das Stethoskop ab. »Keine Herztöne, keine Atemtätigkeit, keine Reflexe. Er war auf der Stelle tot.«

»Wir dürfen ihn nicht anfassen und müssen den Gerichtsmediziner informieren«, fügt einer der Krankenpfleger hinzu.

Das junge Doktorlein beantwortet die fragenden Blicke der Mitbrüder nur mit einem Kopfschütteln. Jetzt strömen die Schaulustigen in Scharen herbei, weil sie gehört haben, dass hier ein Unglück passiert ist. Sie wirken wie ein schwarzer Schwarm Fliegen auf einem Misthaufen.

»Tut mir leid, da ist nichts mehr zu machen. Hier braucht man nur noch einen Sarg«, doziert der Jungdoktor.

Einer der Krankenfahrer informiert die Carabinieri. In der Zentrale spüren sie den Gerichtsmediziner Dottor Nino Paternò auf.

Er ist gerade in der Nähe und trifft daher sehr schnell in der Kapelle ein. Fünf Minuten später erscheinen auch die Carabinieri. Der Gerichtsmediziner stellt den Tod des Präsidenten fest. Die Ursache: der eingedrückte Brustkorb und ein Schädeltrauma aufgrund des Schlages. »Die Knochensplitter der zertrümmerten Rippen werden ihm die Lunge durchbohrt und dadurch einen ungeheuren Blutsturz ausgelöst haben. Genaueres nach der Autopsie. Dieser arme Kerl ist jedenfalls mausetot«, beendet Paternò seine Ausführungen.

Die Carabinieri des Einsatzkommandos sichern Spuren, sperren das Gebiet ab, nehmen die ersten Zeugenaussagen auf und notieren sich die Namen aller Anwesenden.

Minica schleicht sich unbemerkt aus dem Gotteshaus, dann macht sie sich eilig aus dem Staub. Später schleudert sie zornig das Fläschchen gegen die Mauer eines alten Hauses. Das Glas zerspringt in tausend Scherben, und die klare, scharf riechende Flüssigkeit spritzt über die Lavasteine des Pflasters.

Niemandem außer dem stellvertretenden Vorsitzenden fällt die zierliche Gestalt auf, die sich hastig entfernt. Vicio Spata folgt ihr stirnrunzelnd mit den Augen, bis sie nicht mehr zu sehen ist.

»Was hat die Kleine bloß zu verbergen?«, fragt er sich verwundert.

Die Ermittlungen dauern über eine Woche. In ganz Italien wird über die Tragödie berichtet und die auf die lokalen Besonderheiten eingehende Reportage von Mimmo Carnemolla wird sogar von landesweiten Fernsehsendern übernommen. Die Medien informieren über die Bruderschaften. Ihre Geschichte, Traditionen, Bräuche und Statuten stehen einige Tage im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, doch sehr bald interessiert sich niemand mehr für den Tod des selbstverliebten Präsidenten. Die Welt der Medien dreht sich schwindelerregend schnell und sucht sich neue Opfer, die sie auf dem Altar der Information darbringen kann.

Man legt die Sache zu den Akten, schließlich handelt es sich ja nur um Tod durch Unfall. Natürlich besteht ein klarer Zusammenhang mit dem Mechanismus der Metallplatten, die die Zugscheiben nicht gehalten haben, wodurch die Drahtseile mit dem ganzen Gewicht des Holzkreuzes belastet waren. Doch da Nofrio Falsaperla, der von Beruf Zimmermann war, sie selbst montiert hat, geben diese Umstände keinen Anlass zu irgendeinem Verdacht. Niemand hat den geringsten Zweifel, dass es sich um einen Unfall gehandelt hat. Wenige geben es offen zu, die meisten reden nur heimlich darüber, doch alle Leute glauben, dass der Präsident Nofrio Falsaperla seinem eigenen Ehrgeiz zum Opfer fiel.

Alle, außer dem Menschen, der mit zitternder Hand einige Worte an Maresciallo Saverio Bonanno, Kommandant der Carabinieri-Einsatztruppe von Villabosco, schreibt. Worte, die in Tränen schwimmen.

IV

Crocifissa Vaccarella war eine kleine, verschrumpelte alte Frau mit hellblauen, wässrigen Augen. Während sie wie ein Maschinengewehr auf Saverio Bonanno einredete, wackelte sie unablässig mit dem Kopf. Der Maresciallo hörte der reizenden alten Dame gottergeben zu und grübelte insgeheim betrübt darüber nach, dass auch er eines Tages so aussehen würde: schlaff herunterhängende Haut, die Hände von der Arthritis verkrümmt, wässrige Augen und ein leichtes Zittern, das einen schüttelte wie der Wind einen kahlen Ast, der weder Blätter noch Früchte mehr trägt.

Dann erschießt man sich doch besser gleich, dachte er und zündete sich zum Ausgleich für seine philosophischen Grübeleien die x-te, zerdrückte Zigarette an. Die Selbstgedrehte, aus der Tabakkrümel heraushingen, sah genauso zerknittert aus wie der überaus liebenswürdigen Seniorin faltiger Hals, den Bonanno ihr am liebsten umgedreht hätte. Jedenfalls spürte er einen Moment lang diesen bösartigen Wunsch, während er an seiner Zigarette zog und das Inhalieren des Rauchs seinen mächtigen Brustkorb anschwellen ließ.

»Signorina Vaccarella, ich wiederhole jetzt zum hundertsten und hoffentlich letzten Mal: Haben Sie das Gesicht des Angreifers nun gesehen oder nicht? Hat er sie überfallen oder nicht? Wir sitzen hier schon seit zwei Stunden, und ich verstehe nur Bahnhof.«

»Also, Signor Maresciallo, glauben Sie etwa, ich erzähle Lügengeschichten? Ich lag auf Knien, glühend versunken in die Läuterung meiner armen Seele, habe vor unserem Herrgott gebeichtet, und er hat mich von einer Sünde nach der anderen reingewaschen.«

Bonanno hob eine Braue und musterte sie nachdenklich.

Das bemerkte die alte Frau und erklärte hastig: »Natürlich waren es nur Kleinigkeiten, so wie das bei alten Leuten eben ist, aber er hat doch befohlen: ›Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein‹, und ich möchte mein Gewissen von jeder Sünde entlasten, bevor … ich dahingehe.«

Daraufhin schlug sie drei Kreuze.

Bonanno platzte der Kragen. Er sprang auf, zog heftig den vom vielen Rauchen vergilbten Vorhang beiseite und riss die Balkontür auf. Dann stellte er sich in die offene Tür und füllte seine Lungen mit der frischen, prickelnden Luft, die schon etwas von der Wärme des Spätfrühlings mitbrachte. Schwalben flogen zwitschernd umher, die vor dem blauen Himmel wie schwarze, in ständiger Bewegung befindliche Punkte wirkten. Zusammen mit der strahlenden Sonne flößten sie Bonanno romantische Gefühle und Hoffnung ein.

Der Maresciallo atmete zweimal tief durch, dann ließ er schweren Herzens Hoffnung und Romantik hinter sich, kehrte an seinen Schreibtisch zurück und starrte die Alte entnervt an.

Am liebsten hätte er dieses Knochengestell, das sich nur noch mühsam auf den Beinen hielt, einmal richtig durchgeschüttelt. Aber sein Horoskop hatte ihm schließlich ganz klar und pünktlich diesen Ärger vorhergesagt. »Beruf: Geben Sie am Morgen Versuchungen und Provokationen nicht nach, Stress ist schädlich für Sie, behalten Sie also die Nerven. Ein Verwandter, von dem Sie lange nicht gehört haben, meldet sich wieder.«

Als Crocifissa Vaccarella ihn zurückkommen sah, ergoss sich wieder ihr heftiger Redeschwall über ihn, wobei sie sich durch ihre in künstlichem Weiß schimmernden dritten Zähne nicht im Geringsten behindern ließ. Sie ratterte wie ein Maschinengewehr. Und schwatzte den unglücklichen Bonanno in Grund und Boden, der unschlüssig war, ob er lieber sie erwürgen oder sich selbst ohrfeigen sollte.

»Er schlich sich leise, wie die böse Schlange, hinter mich und griff sich meine Tasche. Um zwei ganze Monatsrenten hat er mich bestohlen, Maresciallo, eine heimtückische Schlange, die sich an armen wehrlosen Frauen bereichert.«

Resigniert beschloss Bonanno, auf sie einzugehen, und fragte: »Wo stand denn Ihre Tasche?«

»Auf einem Bänkchen in der Nähe des Beichtstuhls. Die Kirche war menschenleer. Heute gehen nur noch Alte wie ich jeden Tag dorthin; die anderen, die Jugend von heute und gewisse weibliche Unschuldsengel, die ich kenne, besuchen sie nur noch an den Feiertagen, dann aber so aufgedonnert, damit sie auch ja gesehen werden und die lüsternen Blicke einiger Männer, die ihre Freude an so was haben, auf sich ziehen … Ach, das sollte ich wohl besser nicht sagen …«

Bonanno seufzte schicksalsergeben, er war am Rand der Verzweiflung. Seine Hände bewegten sich schon nervös, als wollte er Violine spielen, und insgeheim streichelte er seine Waffe im Halfter. Trotzdem fragte er so höflich wie möglich: »Wer befand sich außer Ihnen noch in der Kirche?«

»Das hab ich Ihnen doch schon gesagt, nur ich und Padre Sanguedolce, der mir schon die Absolution erteilt hatte und mir gerade sagen wollte, wie viele Ave-Maria und Vaterunser ich zur Buße beten sollte.«

»Dann haben Sie also das Gesicht des Diebs gar nicht richtig gesehen?«

»Das habe ich Ihnen doch gesagt!«

»Sie standen mit dem Rücken zu ihm, sahen den Priester an, und außerdem war es dunkel in der Kirche, richtig?&

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