Logo weiterlesen.de
Maresciallo Bonanno und das falsche Spiel des Fischers

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel von Roberto Mistretta
  3. Die Serie
  4. Der Ermittler
  5. Über dieses Buch
  6. Über den Autor
  7. Titel
  8. Impressum
  9. Eins
  10. Zwei
  11. Drei
  12. Vier
  13. Fünf
  14. Sechs
  15. Sieben
  16. Acht
  17. Neun
  18. Zehn
  19. Elf
  20. Zwölf
  21. Dreizehn
  22. Vierzehn
  23. Fünfzehn
  24. Sechzehn
  25. Siebzehn
  26. Achtzehn
  27. Neunzehn
  28. Zwanzig
  29. Einundzwanzig
  30. Zweiundzwanzig

Weitere Titel von Roberto Mistretta

Maresciallo Bonanno und die dunkle Botschaft des Verführers

Maresciallo Bonanno und der kalte Blick der Rache

Maresciallo Bonanno und das tödliche Gelübde

Die Serie

Maresciallo Saverio Bonanno ermittelt auf Sizilien – ein italienischer Kriminalbeamter mit reichlich Temperament, untrüglichem Spürsinn und etwas Übergewicht.

Die perfekte Urlaubslektüre – für Italien-Liebhaber, Krimileser und Fans von Commissario Caselli und Commissario Montalbano.

Der Ermittler

Saverio Bonanno ist ein temperamentvoller Sizilianer in den besten Jahren. Er lebt mit seiner verwöhnten Tochter Vanessa und seiner herrschsüchtigen Mutter im beschaulichen Örtchen Villabosco in der Nähe von Palermo. Bonanno liebt seinen Job als Maresciallo bei den Carabinieri – und die süßen Dinge des Lebens. Zu seinem Leidwesen sieht man ihm das auch an. Er hasst seine Waage und Diäten, und wenn sein Horoskop ihm Schlechtes prophezeit, vermiest ihm das schon mal den Tag. Sein hitziges Temperament steht ihm mehr als einmal im Weg – er flucht laut und oft –, aber sein Spürsinn und seine eigenwilligen Ermittlungsmethoden verhelfen ihm noch immer zur Klärung des Falls.

Über dieses Buch

Auf der Müllkippe im sizilianischen Villabosco liegt ein Toter, der in vielerlei Hinsicht ordentlich Dreck am Stecken hatte. Der Mordfall kommt dem temperamentvollen Maresciallo Saverio Bonanno ganz und gar ungelegen: Er muss nicht nur seinen Urlaub mit Tochter Vanessa absagen, sondern ist bei den Ermittlungen auch noch auf sich allein gestellt, da sein Vorgesetzter aufgrund einer kraftraubenden Liebesaffäre nur bedingt einsatzfähig ist. Doch schon bald stößt Bonanno auf ein grausames Spiel, bei dem ihm mehr als einmal die Luft wegbleibt …

Über den Autor

Roberto Mistretta, geb. 1963, ist Journalist und Romanautor und lebt mit seiner Familie in seiner sizilianischen Heimatstadt Mussomeli. Nachdem er zuvor meist Kinderbücher geschrieben hat, von denen einige prämiert wurden, hat er inzwischen das Krimigenre für sich entdeckt: Mit Saverio Bonanno, einem heißblütigen sizilianischen Carabiniere, hat Mistretta eine unverwechselbare, sympathische Ermittlerfigur geschaffen.

Roberto Mistretta

Maresciallo Bonanno und das falsche Spiel des Fischers

Sizilien-Krimi

Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt

Eins

Der Lastwagen der Gemeinde fuhr schleppend dahin und verpestete die Luft. Tanino Rizzo strahlte, während er das Fahrzeug über die schmale, holprige Fahrstraße lenkte, die von Villabosco nach Borgo Raffello führte. Dabei pfiff er ein uraltes Lied, das einzige, bei dem er sich genau an die richtige Melodie und den Rhythmus erinnern konnte. Weder die Frühlingsluft noch der Gestank des Riesenhaufens Müll, den sie transportierten, schienen ihm die leiseste Reaktion zu entlocken. Er fuhr und pfiff ganz zufrieden vor sich hin.

»Schluss mit diesem nervigen Gejaule! Heute Morgen pfeifst du zum Gotterbarmen falsch. Ist doch wahr, oder, Ciccio?«

»Aber hundertprozentig, Kollege. Tanino hat nachts seinen Spaß mit seiner Freundin aus Bonanotti, und wir müssen dann am nächsten Morgen ertragen, dass er sich hier auszwitschert.«

»Ich glaube, er muss sich gar nicht abreagieren«, antwortete Cola. »Wenn der Vogel trällert, dann hat er seinen Schnabel nicht im Wasser und deswegen ...«

Der Schlag traf Cola zwischen Schulterblatt und Hals. Er entlockte ihm ein unterdrücktes Fluchen. Tanino ließ nicht zu, dass man über seine Männlichkeit spottete.

Cola sah ihn düster, beinahe beleidigt an. Ciccio unterstützte ihn bei dieser Komödie. Sie hatten es geschafft. Tanino hatte aufgehört zu pfeifen und quatschte sie jetzt voll. Er zählte die verborgenen Talente seines Piephahns auf. Und wenn er bei dem Thema war, dann hörte er nicht so bald wieder auf.

Es war ein frischer Maitag. Der Nordwind schüttelte die üppig tragenden Mandelbäume und kitzelte die prachtvoll wachsenden Ähren in einem zeitlosen Lauf, regungslos wie die antiken Stätten. Das blühende Montanvalle zeigte sich in verführerischer Schönheit. Schwalben kreisten zwitschernd am blauen Himmel, schwarze lebendige Punkte, die die smaragdgrünen Hügel wie eine Stickerei schmückten.

Die Müllkippe kündigte sich mit beißendem Gestank und durchdringendem Modergeruch an, der einem die Kehle zuschnürte. Sie lag in unmittelbarer Nähe der archäologischen Zone von Raffello. Antike Völker waren auf dem einst breiten Wasserlauf gekommen und hatten sich vor vielen Jahrhunderten im nahen Vorgebirge angesiedelt. Dort hatten sie ein Dorf gegründet, von dem wertvolle Überreste und geplünderte Gräber übrig geblieben waren. Die Besucher aus grauer Vorzeit hätten sicher einen anderen Ort gesucht, um dort ihre Knochen bleichen zu lassen, hätten sie gewusst, wie wenig Achtung ihre Nachkommen ihnen entgegenbringen würden. Einen Ort fern von respektlosen Dieben und einer Luft, die durch den Müllgestank verpestet wurde.

Tanino redete immer noch über Länge und Ausdauer seines kleinen Freundes, der angeblich ein unermüdlicher Gefährte bei intimen Erkundungen weiblicher Spalten war. Dabei fuhr er mit dem Lastwagen die staubige Straße hinauf, die zur Mülldeponie führte, und erreichte schließlich deren steil abfallende Grube. Cola und Ciccio sprangen aus dem Führerhaus und hängten sich links und rechts an den Lastwagen, um beim Einparken zu helfen. Tanino musste nämlich im Rückwärtsgang auf der holprigen Straße entlangfahren, die die Grube begrenzte, bevor er die vielen Tonnen Unrat abladen konnte.

Für dieses Manöver waren genau bemessene und vorsichtige Bewegungen nötig. Ein paar Zentimeter zu weit, und die Räder würden nicht auf der Straße, sondern im Nichts landen und der Wagen den darunterliegenden Abhang hinabstürzen.

»Los, Tanino, noch ein paar Meter, ja, genauso, Tanino. Noch mal, ganz ruhig, fahr langsam, du bist fast da. Los, tu einfach so, als wärst du bei Cettina! Vorwärts und keine Angst, zeig uns, was du für ein Mann bist, und lass dich nicht bitten. Los, rückwärts, ja, genauso ... O, verdammt, so eine Scheiße ...!« Cola wurde ganz blass, seine Beine gaben nach, und er lag plötzlich ausgestreckt auf einer Ekel erregenden Unterlage.

»Was ist denn passiert?«, fragte Ciccio atemlos. Der plötzliche Anfall seines Arbeitskollegen hatte ihn überrascht. Auch Tanino war aufgeregt, stoppte den Lastwagen und war mit einem schwungvollen Satz bei seinen Kollegen.

Cola konnte man förmlich beim Blasswerden zusehen. Er wirkte so, als wäre gerade der Teufel höchstpersönlich hinter dem Haufen aus stinkender Asche aufgetaucht. Cola war fertig. Mit zitternder Hand zeigte er auf einen Punkt auf der Müllkippe und konnte nicht mehr sagen als: »Da, da ...«

Dann sank er ohnmächtig in den Armen seiner beiden Kollegen zusammen.

Maresciallo Bonanno trank gerade den dritten Espresso an diesem Morgen. Dampfend und schwarz, so wie er ihn mochte. Doch kaum hatte er den ersten Schluck genommen, fing er an zu fluchen. Seit er beschlossen hatte abzunehmen, war das Leben nur noch zum Heulen. Da er die überflüssigen Pfunde loswerden wollte, die sich auf seine Hüften gelegt hatten – ein Andenken an seinen Heißhunger auf Süßigkeiten –, war der erste Schluck Espresso nicht mehr der magische und glückliche Moment, dem üblicherweise eine weitere Gewohnheit vorausging: sich eine prachtvolle Zigarette anzuzünden und den starken Rauch zu inhalieren. Da war nichts zu machen. Den bitteren Espresso brachte er wirklich nicht hinunter.

»Steppani!«, rief Bonanno ärgerlich.

»Zu Befehl, Maresciallo!«

»Kannst du mir erklären, wer die grandiose Idee hatte, mir dieses fade Gesöff unterzuschieben?«

»Seit zwei Tagen gehen Sie allen hier mit diesem Unfug auf die Nerven. ›Jungs, ab heute mache ich Diät‹, haben Sie gesagt. Und wenn jemand abnehmen will, trinkt er den Espresso ohne Zucker.«

»Jetzt ist Schluss mit dieser Brühe, die nach Gift schmeckt!«

»Wie Sie befehlen, ich kümmere mich sofort darum. Reicht ein Löffel Zucker?«

»Besser eineinhalb. Von jetzt an besorgen wir aber Süßstoff in kleinen Päckchen, verstanden!«

»Zu Befehl, Maresciallo!«

Den neuen Espresso genoss er mit einem glücklichen Lächeln. Seine Gedanken wanderten ruhelos und unkontrolliert über Berg und Tal. Wie wilde Pferde in den Ebenen des Montanvalle. Lästigerweise drängte Steppani sich in diese wunderbare Welt. Wegen seines Berichtes bekam Bonanno den Espresso in die falsche Kehle. Das war nicht sein Tag. Das hatte schon in seinem Horoskop gestanden: Ein kritischer Tag. Ärger im Beruf. Bleiben Sie gelassen, und achten Sie auf Ihr Gewicht.

Cola hatte wieder ein wenig Farbe bekommen. Das Blassgrün seiner Haut wich langsam einem Blutrot, das allmählich seinen ganzen Schädel überzog. Er war vernünftigen Argumenten nicht zugänglich.

»Ich gehe da nicht runter, nicht einmal, wenn ihr mich sonst erschießt. Macht das selbst, genau da gegenüber, auf der rechten Seite. Man sieht es schon von hier. Ihr könnt es gar nicht verfehlen. Aus dem stinkenden Müll schauen zwei Schuhe hervor, die an zwei hellen Hosenbeinen hängen. Wie der ganze Rest. Von hier sieht er ganz wie ein Christenmensch aus, aber ich würde es nicht beschwören. Mein Gott, mir dreht sich der Magen um. Heilige Mutter Gottes, was für ein Anblick! Ab morgen melde ich mich krank. Durch den Sturz habe ich mir einen Bluterguss geholt. Ich habe aufsteigende Hitze, schlimmer als jedes Weib.«

Bonanno brauchte nicht sehr viel, um auch noch den letzten Rest an Geduld zu verlieren, die ihm nach der Autofahrt geblieben war. Zehn Kilometer lang nichts als Kurven. Wenn Steppani fuhr, rutschte einem der Magen bis in den Hals hinauf, und es gab so schnell keine Möglichkeit, ihn wieder zum Landen zu bringen. Stundenlang hielt dann jedes Mal sein Drang an, zu fluchen und sich zu übergeben. Und von hinten auf seinen Untergebenen zu schießen.

»Wenn du nicht sofort deinen fetten Arsch bewegst und uns zu der Stelle bringst, wo du diesen Mann inmitten eines Meeres aus Unrat hast liegen sehen, dann lasse ich dich den ganzen Tag hier festhalten, Cola Turco. Also spiel ja nicht den Witzbold!«

»Ich zeige Ihnen den Toten, Maresciallo, kommen Sie bitte mit!«, meinte Tanino, der Fahrer des Müllwagens, versöhnlich.

Gefolgt von Steppani, seinen anderen Mitarbeitern aus der Abteilung und den Leuten von der Funkstreife, begann Bonanno, sich die gewundene Straße entlangzuschleppen. Es war nicht einfach, an der Straßenböschung hinunterzugehen. Der Müll stank erbärmlich und setzte sich in den Sohlen der Halbstiefel unter den Uniformhosen fest. Die verpestete, faulig riechende Luft hätte man mit dem Messer schneiden können. Da lag wirklich ein Toter, zwischen Müll und Kleidungsstücken verborgen. Auf den ersten Blick schien es sich um die Leiche eines Mannes zwischen fünfundfünfzig und sechzig Jahren zu handeln. Er war groß und kräftig.

»Habt ihr die Zentrale verständigt?«, fragte Bonanno.

»Selbstverständlich, Maresciallo, wir haben es Ihnen doch direkt mitgeteilt, wissen Sie das nicht mehr?«

»Ich meine, ob ihr dem Capitano Bescheid gegeben habt, dem Kommandanten der Station. Der Kerl ist wirklich tot. Los, an die Arbeit, wir müssen die Beamten verständigen! Und findet mir den Gerichtsmediziner! Ist Lacomare fertig mit den Fotos?«

»Ein paar fehlen noch, damit wir den Toten aus allen Blickwinkeln haben«, gab Steppani zurück.

»Hat Lacomare ihn so hingelegt?«, brummte Bonanno.

Steppani blieb sich treu. Leichen stimmten ihn fröhlich, sie brachten Abwechslung in den Alltag, zogen ihn an. Bonanno verbarg eine Grimasse des Abscheus. »Leitender Brigadiere Steppani, du hast jetzt die Ehre, den Toten zu durchsuchen. Stell fest, ob er Papiere bei sich hat.«

»Wer soll den Toten durchsuchen? Etwa ich?«, stotterte Steppani.

»Nein, dein Großvater«, antwortete Bonanno.

Bonanno telefonierte gerade mit dem Handy seines Untergebenen. Er selbst konnte diese klingelnden Dinger nicht ausstehen.

»Nein, Dottor Panzavecchia, keine Papiere. Absolut nichts. Man hat ihn gründlich ausgeräumt. Bis jetzt konnten wir den Toten noch nicht identifizieren. Wir können jedoch mit Bestimmtheit ausschließen, dass er von hier kommt. Die drei Arbeiter der städtischen Müllabfuhr behaupten, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Und mir ist das Gesicht auch völlig fremd. Ja, der Gerichtsmediziner ist angekommen, aber es gibt da ein Problem: Er weigert sich, in die Müllgrube zu steigen.

Wenn Sie uns ermächtigen, die Leiche wegzutragen, wird alles viel einfacher. Wir haben schon die Feuerwehr alarmiert. Die Männer sind bereits am Tatort. Ihn da hochzuholen wird sicher kein Spaziergang, doch wenigstens können wir dann von hier verschwinden. Der Gestank beißt uns allen in die Lungen ... Ja. Vielleicht kommt der Capitano gleich. Er ... äh ... war außer Haus. Hatte ein Problem mit seinem Wagen. Er wird ein paar Stunden bis zu uns brauchen. In Ordnung, Dottor Panzavecchia, wir sprechen später wieder. Selbstverständlich informiere ich Sie. Auf den ersten Blick weist der Tote keine weiteren Verletzungen auf, außer dass sein Kopf wie eine Melone gespalten wurde. Ja, bis später.«

Bonanno beendete das Gespräch. »Dann wollen wir mal, ihr bindet ihn an Seilen fest und zieht ihn aus dem Loch!«

Feuerwehrleute und Carabinieri schauten angeekelt drein und warfen ihm vernichtende Blicke zu. Bonanno drehte ihnen den Rücken zu und tat so, als hörte er ihr Fluchen nicht.

»Sie haben es erraten, Dottor Panzavecchia, keine Schuss- oder Stichwunde. Der Gerichtsmediziner Dottor Paternò meint, hundert zu eins sei der Tod durch den Schlag auf den Kopf verursacht worden. Der Mörder muss mit einer schweren Waffe und mit viel Kraft zugeschlagen haben«, berichtete Bonanno dem Untersuchungsrichter.

»Der Schlag traf den Ermordeten von hinten. Mit so viel Kraft, dass sein Schädel zertrümmert wurde. Dottor Paternò will sich vor der Autopsie noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, doch anscheinend war der Mann sofort tot. Man hat ihm Geld, Papiere und Wertgegenstände abgenommen, falls er welche bei sich trug. Alles hat man ihm weggenommen. Vielleicht war er zufällig hier, hat jemanden im Wagen mitgenommen, und dann ... Wer weiß, was dann passiert ist.

Ich habe bereits Kontrollen und Polizeisperren veranlasst, aber meiner Meinung nach verschwenden wir nur Zeit. Jedenfalls durchsuchen wir Villabosco und die angrenzenden Dörfer. Ja, ich gebe Ihnen Bescheid.« Bonanno beendete das Gespräch. Er ließ zu, dass die Hügel in der Ferne, auf denen sich türkisblaue Bäche spiegelten, seine Augen erfüllten, die durch so viel Schmutz ermüdet waren.

»Dann mal los«, ermunterte er sich selbst, paffte eine Zigarette und merkte, wie das Gift ihm die Lungen zerfraß.

»Also noch mal von vorn!«

Die drei Müllmänner Tanino, Cola und Ciccio waren am Ende ihrer Kräfte. Die Carabinieri hatten sie in die Zentrale bestellt, und dort litten die drei Männer seit zwei Stunden Höllenqualen und wiederholten immer wieder die gleiche Geschichte. Die Beamten konnten sich trotzdem nicht entschließen, sie nach Hause gehen zu lassen.

»Jetzt hört endlich auf, uns auf die Eier zu gehen. Nachher beschwert ihr euch wieder, dass die Leute nicht mit euch zusammenarbeiten wollen. Natürlich ist das so, denn wenn ihr hier so einen Aufstand macht, wer, glaubt ihr, wird euch noch rufen, wenn was passiert ist? Das nächste Mal machen wir auf dem Absatz kehrt und schließen beide Augen, damit ihr lernt, brave Bürger nicht wie Verbrecher zu behandeln.«

»Immer mit der Ruhe! Arbeiten Sie weiter mit uns zusammen, und das Ganze wird sich schnell aufklären«, entgegnete Brigadiere Steppani scharf. »Sobald der Maresciallo da ist, redet ihr mit ihm, und dann könnt ihr nach Hause gehen.«

»Noch länger warten? Das ist ja Folter, ich will sofort meinen Anwalt sprechen!«

»Hör auf, dich wie ein Idiot zu benehmen, Cola, das kommt überhaupt nicht infrage!«

»Was für ein beschissener Tag!«

»Genau, und was für ein Gestank!«

»Wer wohl der arme Teufel war?«

»Wer weiß das schon? Und was für ein widerlicher Tod! Nicht nur ermordet, sondern auch noch mitten im Müll abgeladen zu werden. Bastarde! Mann, hab ich mich erschreckt!«, murmelte Cola.

»Brigadiere, können wir vielleicht erfahren, was wir jetzt noch tun sollen?«

Steppani schaute sie mit dem wütenden Gesichtsausdruck an, den er sich für besondere Gelegenheiten aufhob. Es war ihm nicht ganz klar, was zum Teufel der Maresciallo damit gemeint hatte, als er ihn gebeten hatte, die Zeugenaussagen aufzunehmen, sie den Akten beizulegen und seine Rückkehr abzuwarten. Und um nicht Bonannos Zorn zu erwecken, weil noch kein Geständnis vorlag, tat er gut daran, den Akten nicht nur die Zeugenaussagen, sondern auch die Müllmänner selbst beizulegen.

Zwei

»Maresciallo, fangen Sie nun auch noch an? Reicht die Quälerei von heute Morgen etwa noch nicht? Dürfen wir vielleicht endlich mal erfahren, was für einen Scheiß ihr jetzt noch von uns wollt?«

»Versuchen wir alle, ganz ruhig zu bleiben. Ich bin mindestens genauso genervt wie ihr, verstanden?«

Es war fünf Uhr nachmittags. In Bonanno brodelte es wie in den heißen Quellen von Aragona. Er war gar nicht erst auf die Idee gekommen, Steppanis Protokolle über die Zeugenaussagen zu lesen. Bonanno hatte den drei armen Müllmännern erlaubt, nach Hause zu gehen, um etwas zu essen. Später sollten sie dann wieder in die Kaserne kommen. Um seiner »Einladung« etwas mehr Nachdruck zu verleihen, hatte Bonanno Steppani geschickt, der die Männer mit dem Dienstwagen von zu Hause abgeholt hatte.

Er ahnte nicht, dass seine Leute die Sirene auf volle Lautstärke gestellt hatten und mit ordentlich quietschenden Reifen vorgefahren waren. Nachdem die drei Müllmänner eingestiegen waren, hatte Steppani einen Blitzstart hingelegt und war auf seine gewohnte Art gefahren. In den Wohnvierteln war deshalb das Gerücht entstanden, man hätte die drei verhaftet. Bonanno hatte schon den Eindruck gehabt, dass irgendetwas vorgefallen sein musste, als er die verdatterten Gesichter der Müllmänner gesehen hatte. Die Bestätigung dafür bekam er, als sein Freund Tonio ihn anrief, um ihm irgendeine saftige Neuigkeit zu entlocken, die er dann mit seinen Freunden in der Bar bequatschen konnte.

»Also, Cola Turco, Tanino Rizzo und Ciccio Vullo, verschwenden wir hier keine Zeit. Am besten, ihr beantwortet mir einfach alle Fragen. Haben wir uns verstanden?«

»Was soll das? Haben wir vielleicht den armen Teufel ermordet? Übrigens, Maresciallo, weiß man schon, wie er gestorben ist?«

»Man hat ihm den Schädel gespalten. Jemand mochte ihn wohl richtig gern, hat ihm einen Schlag auf den Kopf verpasst, und das wars.«

»Verdammt, der arme Kerl!«

»Was für ein schlimmes Ende!«

»Wer hätte für möglich gehalten, dass er nie wieder einen Sonnenstrahl erblicken würde!«

»Keine Schwafeleien. Jetzt wieder zu euch: Wie oft am Tag ladet ihr den Müll ab?«, kam Bonanno direkt zur Sache.

»Zweimal, Maresciallo, manchmal dreimal, aber nur wenn Markt ist.«

»Vormittags oder nachmittags?«, fragte Bonanno.

»Fast immer vormittags.«

»Wann ladet ihr das erste Mal ab?«

»Um halb zehn, dann wieder gegen ein Uhr und, wenn Markt ist, noch einmal am Nachmittag.«

»Und in der Zwischenzeit ist die Müllkippe abgeschlossen? Überwacht das jemand?«

»Soll das ein Witz sein? Warum sollten wir den Müll bewachen lassen? Wer sollte den denn klauen?«

»Der Maresciallo nimmt uns auf den Arm. Natürlich, er scherzt gern!«

»Hört mal, Jungs, entweder ihr hört damit auf, oder ich werde richtig wütend. Nur einen Katzensprung entfernt liegen die archäologischen Ausgrabungen. Ein Brand auf der Müllkippe könnte die antiken Grabstätten beschädigen. Außerdem werden in unmittelbarer Nähe Getreide, Bohnen und Tomaten angebaut, also lasst den Quatsch. Sehen wir lieber zu, dass wir fertig werden.«

»Niemand überwacht das.«

»Nicht einmal nachts?«, hakte Bonanno nach.

»Nicht mal vor und an Feiertagen, Maresciallo.«

»Ich lasse sie schließen!«

»Ach, du großer Gott! Und wer soll das dem Bürgermeister sagen ...«

»Das kümmert mich einen Dreck.«

»Und wo laden wir jetzt den Müll ab?«

»Auf den Hörnern, die ihr auf dem Kopf tragt!«

Der Espresso, den Bonanno hastig ausgetrunken hatte, wirkte bei ihm wie ein Abführmittel. Während er sich ächzend erleichterte, versuchte er, nicht daran zu denken, welchen Ärger er nun am Hals hatte. Und das gerade jetzt, da er geplant hatte, sich einen Kurzurlaub zu gönnen. Was würde Vanessa dazu sagen? Er musste die richtigen Worte finden, um es ihr beizubringen. Bonanno kannte sie aber gut genug, um zu wissen, dass es nicht einfach sein würde.

Es kam überhaupt nicht infrage, den Fall dem Capitano zu überlassen. Seit diesen Frauenhaare kitzelten, schaute er nur noch in der Station vorbei, wenn es ihm gerade passte. Bonanno hatte so ein Gefühl: Dieser Ärger war allein seine Sache. Das wusste er. Er schob seine persönlichen Angelegenheiten beiseite und ertappte sich dabei, wie er mit sich und seiner empfindsamen Seite haderte, damit ihn nicht andere Gedanken überwältigten. Er mochte sich nicht vorstellen, was für ein Mensch der Mann gewesen war, dessen geschändeten Körper man auf den Müll geworfen hatte. Ein Mensch, der für immer aufgehört hatte zu atmen, weil ihm ein oder mehrere Mörder das Leben genommen hatten, indem sie ihm den Schädel zertrümmerten.

Tod und Leben gehörten in seinem Beruf zusammen. Wenn der Tod plötzlich und gewaltsam eintrat, dann waren sie dran. Sie traten auf den Plan, zu allem bereit, Diener eines weit entfernten, etwas zerstreuten Staates. Nach Vergeltung dürstende Geisterjäger. Die Gerechtigkeit rief ihre Wächter.

»Nun, Maresciallo, gibt es etwas Neues?«

»Capitano, Sie sind also wieder da? Ich war in Gedanken und hätte nicht erwartet, dass Sie es heute noch hierher schaffen. Haben Sie das Problem mit Ihrem Antrieb gelöst?«

»Ja, das war kaum der Rede wert, nur ein kleines Problem mit dem Auspuff. Aber ... wie ... hm ... Automechaniker eben nun mal sind ... Man hat mich länger als geplant aufgehalten, bevor man mich wieder ans Steuer ließ.«

»Ach ja«, meinte Bonanno und nickte verständnisvoll.

Statt des Mechanikers sah Bonanno die heißblütige Witwe vor sich, wie sie sich halb nackt auf den Capitano warf, um auf ihre Weise Auspuff und Verteiler zum Leben zu erwecken. Sizilianische Frauen waren schädlich. Der Capitano würde es bald merken.

Fimmina chi t’abbrazza e strinci o t’ha tinciutu o cerca mi ti tinci. Eine Frau, die dich umarmt und dich an sich drückt, hat dich schon betrogen oder wird es tun.

Sprichwörter lagen selten daneben. Das wusste Bonanno aus eigener Erfahrung.

»Wie ist denn nun der Stand der Ermittlungen, Bonanno?«

»Wir arbeiten dran. Das Opfer wurde heute Morgen von drei Müllmännern gefunden. Um zehn nach zehn. Gestern war Markt in Villabosco, deshalb haben sie ihre letzte Fuhre zur Müllkippe um achtzehn Uhr gemacht. Danach war die Müllkippe die ganze Nacht unbewacht. Jeder konnte dahin fahren und dort abladen, was er wollte, auch eine Leiche. Ich glaube, der oder die Täter unternahmen ihre kleine Fahrt im Schutz der Dunkelheit. Bei ihrer ersten Fuhre heute Morgen haben die drei Müllmänner den Toten gesehen und uns gerufen.«

»Spuren?«

»Auf dem Weg? Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen!«

»Welcher Untersuchungsrichter ist für den Fall zuständig?«

»Dottor Panzavecchia.«

»Ein äußerst tüchtiger Mann.«

»Ja.« Der geht einem wenigstens nicht auf die Nerven, dachte Bonanno.

»Was können Sie mir über die Autopsie sagen?«

»Nicht mehr, als man bereits vermutet hat. Der arme Kerl wurde mit einem schweren Gegenstand erschlagen. Der erste Schlag hinter der Schläfe hat ihn wahrscheinlich betäubt. Der zweite Schlag, der mit noch mehr Kraft als der erste ausgeführt wurde, hat ihm den Schädel gespalten. Kleine Knochenteile drangen ins Gehirn ein und verursachten einen großen Blutverlust, der nach kurzer Zeit zum Tode führte. Andere Verletzungen haben wir nicht gefunden. Der Tod trat zwölf bis achtzehn Stunden, bevor die Leiche entdeckt wurde, ein.«

»Was folgern Sie daraus, Maresciallo?«

Bonanno musterte den Offizier. Vom Hals Capitano Basilio Colombos hoben sich die violetten und purpurroten Spuren der heißen Küsse der Witwe ab. Er wurde wütend. »Es ist noch zu früh, um etwas Stichhaltiges zu sagen. Auf jeden Fall ... äh ... schließe ich einen geplanten Selbstmord aus«, schloss er in der Absicht, den anderen zu provozieren.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung.«

Verdammt, das war ja noch schlimmer, als er angenommen hatte! Die Witwe sog ihm nicht nur die Haut, sondern auch die grauen Zellen aus. Er sollte es kurz machen. »Ich bin der Ansicht, dass man ihn woanders getötet und sich dann nachts seiner entledigt hat. Jetzt müssen wir nur noch begreifen, welches verdammte Motiv sie hatten, ihn umzubringen. Raub könnte ein gutes Motiv sein, aber warum sollte jemand das Risiko eingehen, dabei überrascht zu werden, wie er eine Leiche bis auf den Müllplatz bringt? Und damit sind wir bei der zweiten Hypothese: Es handelt sich um eine Abrechnung. An der Leiche sind allerdings keine anderen Verletzungen zu entdecken, abgesehen von ein paar Kratzern im Gesicht, aber das könnten auch wildernde Hunde gewesen sein, die auf der Müllkippe nach Nahrung gesucht haben.

Oder, und das wäre die dritte Hypothese, es handelt sich um eine Botschaft, eine Warnung in der typischen knappen Sprache der Sizilianer an jemanden, der bei der Auftragsvergabe für die Abfallbeseitigung einem anderen auf die Füße getreten ist. Hier macht man noch aus Ziegenscheiße Gold. Sobald wir den Toten identifiziert haben, wissen wir mehr darüber. Für den Moment müssen wir uns mit ein paar Vermutungen begnügen.«

»Zeugenaussagen? Hat ihn jemand gesehen?«

»Capitano, ohne Sie beleidigen zu wollen, gestern war Markttag; in Villabosco wimmelte es von Fremden. Außerdem, zum Teufel, zeigen wir jetzt etwa die Fotos der Leiche herum?«

»Sie haben Recht, Bonanno. Also, wie wollen wir weiter vorgehen?«

»So wie immer. Wir nehmen Fingerabdrücke und verständigen alle Bahnhöfe. Ich habe sogar die Kommandantur gebeten festzustellen, ob in den anderen Orten eine Vermisstenmeldung vorliegt. Bis jetzt Fehlanzeige, aber ich gebe nicht auf.«

»Sehr gut, Bonanno. Also warten wir auf Neuigkeiten.«

Bonanno beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. »Capitano, mit Ihrer Erlaubnis, da dieser Fall meiner Meinung nach nicht besonders bedeutend ist, möchte ich Sie daran erinnern, dass ich in ein paar Tagen Urlaub habe. Wenn Sie also lange Fahrten mit Ihrem Auto nach außerhalb vermeiden könnten ... Sie wissen ja, ein Auspuff geht oft kaputt ...«

»Daran ist gar nicht zu denken, Bonanno. Das ist ein typisch sizilianischer Mord, das haben Sie doch selbst gesagt. Sie kennen diese Gegend und die Leute besser als jeder andere. Sie sind in Zeiten wie diesen ab-so-lut unabkömmlich für die Truppe. Für den Urlaub ist später noch Zeit genug.«

Bonanno verfluchte im Stillen sein Lästermaul und seine verdammten Vermutungen. Er versuchte es noch einmal, denn er hatte keine Lust, sich Vanessas Wut auszusetzen. »Der Erste Brigadiere Steppani könnte den Fall betreuen.«

»Keine Diskussion mehr, Sie sind am besten geeignet für solche Fälle. Ich übertrage Ihnen die Ermittlungen, denn ich weiß, Sie werden mich nicht enttäuschen. Sind Sie zufrieden?«

»Das ist wie Weihnachten!«

Steppani hing über die Schreibmaschine gebeugt. Er war dabei, die Zeugenaussagen der Müllmänner neu zu formulieren. Ein einziger Blick des Maresciallo hatte ihm schon gesagt, dass mit seiner Niederschrift irgendetwas nicht stimmte.

Bonanno schloss sich in sein Zimmer ein und zerbrach sich den Kopf darüber, wie er das Problem Vanessa angehen sollte. Die Woche Urlaub auf Ustica war wieder einmal geplatzt. Sie hatten ihn seit langer Zeit geplant, eine Woche Flucht aus dem Alltag. Eins mit der Natur sein, das saubere Meer genießen und frisch gefangenen Fisch essen. Bonanno konzentrierte sich lieber auf den Fall und beschloss, sein Problem zu vertagen.

Ein Mann zwischen fünfundfünfzig und sechzig Jahren wird durch einen Schlag auf den Kopf ermordet. Man findet ihn auf dem Müll. Die Autopsie ergibt keine weiteren Verletzungen. Bis auf ein paar Kratzer und eine alte Narbe auf der Brust. Vielleicht eine Operationsnarbe oder eine alte Verletzung? Wer weiß! Was verbirgt diese Leiche? Wer war der Tote? Woher kam er?

Obwohl er sich sehr anstrengte, schaffte er es nicht, darüber nachzudenken. Vor seinen Augen tauchte einzig und allein das Gesicht von Capitano Colombo auf, umgeben von Zigarettenqualm. Er brachte ihn ganz langsam um, Stück für Stück. Nur die Witwe würde sein Tod bekümmern.

Bonanno stand plötzlich auf. Wie eine Furie stürzte er in das Zimmer seines Untergebenen. »Steppani!«, donnerte er.

Er wurde von einem heftigen Krach überrascht. Steppanis Stuhl kippte um, er fiel nach hinten, in der Hitze des Gefechts riss Steppani die Schreibmaschine mit sich.

»Zu Befehl, Maresciallo!«

»Wenn du wieder aufgestanden bist, leite eine Kopie dieses Fotos an alle Kommandanturen der Provinz weiter. Dann häng dich ans Telefon und erkundige dich, ob es Vermisstenmeldungen gibt. Und zwar sofort!«

»Aber wir haben doch ein Schreiben geschickt; irgendjemand wird uns schon informieren. Ich habe nachdrücklich darum gebeten.«

»Häng dich sofort an dieses verfluchte Telefon!«

»Zu Befehl!«

Siebenunddreißig Minuten später klopfte Steppani mit dem Lächeln eines Engels ganz sachte an die Tür des Leiters seiner Einsatzgruppe, außerdem Vizekommandant der Station, beinahe immer im Dienst. »Darf ich eintreten?«

»Willst du mich auf den Arm nehmen, Steppani?«

»Das würde ich mir nie erlauben, Maresciallo!«

»Also, warum machst du so viel Umstände? Komm rein und erzähl. Bevor du anfängst, geb ich dir aber einen Rat, Steppani. Hör auf, wie die Mona Lisa zu grinsen, wenn du nicht noch mal hinfallen willst.«

Steppani gehorchte sofort. »Wir haben ihn. Eine Frau aus Cefalù hat einen gewissen Pietro Cannata als vermisst gemeldet. Er ist seit zwei Tagen verschwunden. So wie ihn die Kollegen beschrieben haben, scheint es tatsächlich unser Mann zu sein.«

»Ach!«

»Gesundheit, Maresciallo!«

Drei

Teresa läuft mit kleinen Schritten durch den Wald. Kurz zuvor hat es geregnet. Vom Boden steigt ein angenehmer Geruch auf. Die Pflanzensäfte vereinigen sich mit den taubenetzten Farben des frühen Morgens. Teresa hat lange rötliche Zöpfe, die von einem türkisblauen Band zusammengehalten werden. Sie trägt ein dünnes Kleid und ein rotes Jäckchen, um sich vor Feuchtigkeit zu schützen. Sie läuft und lacht dabei. Hört die Vögel singen und freut sich. Von den Wipfeln der Bäume und den schneebedeckten Berggipfeln lacht ihr das Leben zu. In ihrer Welt besteht das Glück aus kleinen Dingen, wie dem Blau des Himmels. Sie beobachtet die niedrig hängenden Wolken, die sich auf den fernen Berggipfeln widerspiegeln und von dort rosarote Farbtöne annehmen. Es ist ein Tag im Herbst. Die ersten Pilze kommen im Wald zum Vorschein. Teresa liebt es, zwischen Farnen und Büschen umherzulaufen, die Gräser zur Seite zu biegen und sich über die fleischigen Schirme zu beugen. Ihre Mutter kocht ausgezeichnete Pilzgerichte. Teresa läuft weiter und lacht glücklich. Die Landschaft verändert sich. Kein blätterreicher Wald mehr, sondern lange goldene Strände. Das Meer stöhnt unter dem Mistral. Die Wellen kräuseln sich am Ufer, sie sprühen Schaum auf die Rillen im Sand wie Salz auf Wunden.

Plötzlich fühlt sie, wie etwas ihren Rücken durchbohrt.

Nadeln stechen sie. Sie dreht sich um. Da ist niemand. Ihre Unruhe wird greifbar, wird körperlich spürbar. Glühende Augen beobachten sie, verborgen hinter den Dünen. Augen aus Feuer. Teresa bemerkt die Gefahr. Sie mag nicht mehr singen. Sie läuft weg, das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Ein umgeworfenes Körbchen und ein türkisblaues Band bleiben am Strand liegen. Sie möchte zurückgehen und sie holen. Die Augen unter den buschigen Augenbrauen lauern.

Teresa zögert, sie möchte ihrer Mutter nicht missfallen.

Sie keucht, ihr kleiner Brustkorb hebt und senkt sich. Jetzt ist ihr warm, sie knöpft ihr rotes Jäckchen auf. Ihr Hals ist feuerrot und schweißnass.

In den Augen, die im Versteck lauern, blitzen Funken auf. Sie beobachten und warten ab. Sie genießen die Unentschlossenheit des Mädchens, wittern seine Angst.

Teresa macht einen Schritt. Dann noch einen. Und noch einen.

Die Augen im Versteck glühen stärker. Die raue Zunge hinterlässt einen Strom widerlichen Speichels auf der Oberlippe.

Teresa bleibt stehen, sie fühlt wieder das Wesen dort im Dunkeln. Jetzt rennt sie verängstigt weg. Sie dreht sich nicht um. Sie flieht nach Hause, läuft hinein und wirft sich in die beschützenden Arme ihrer Mutter.

Bonanno zögerte lange, ehe er sich entschloss, aus dem Fiat Punto auszusteigen. Die Aussicht, Vanessa gegenübertreten zu müssen, bereitete ihm Magenschmerzen; er wusste nie, wie er mit ihr umgehen sollte. Also verschob er die Auseinandersetzung mit ihr auf später und verwandelte den Innenraum des Kleinwagens in eine Räucherkammer. Im Aschenbecher türmten sich die Zigarettenkippen. Seine Zunge schmeckte bitter und fühlte sich pelzig an. Die Zähne waren von zu viel Nikotin mit einem Belag überzogen. Er unterbrach diesen ewigen Kreislauf mit einem Pfefferminzbonbon.

Bonanno stieg aus dem Auto und wusste dabei genau, welchem ungleichen Kampf er sich gleich aussetzen würde. Er ging die wenigen Stufen hinauf und öffnete die kleine Tür.

»Bist du es, Saverio?«

»Ja, Mama.«

»Ich habe mir schon Sorgen gemacht, es ist bereits acht Uhr. Seit einer Stunde warte ich auf dich!«

»Ich bin spät dran, wir hatten in der Station zu tun.«

»Geht es um den Toten, den ihr im Müll gefunden habt?«

»Woher weißt du davon?«

»Das haben sie im Fernsehen gebracht.«

»Diese Journalisten ... Was die immer für Lügen erfinden. Lass hören!«

»Was sollten sie schon sagen? Sie haben über den Ermordeten berichtet, haben die Müllkippe gezeigt und dann gesagt, dass die Carabinieri ermitteln. Und dass ihr vielleicht die drei Müllmänner verhaften wollt. Was haben diese Unglücksmenschen sich denn zu Schulden kommen lassen? Haben sie sich in Schwierigkeiten gebracht?«

»Ganz ruhig, Mama, reg dich nicht auf. Das Ganze war ein Missverständnis.«

»Red doch mal so, wie du isst, mein Sohn.«

»Da war nichts, Mama. Es ging etwas drunter und drüber, weiter nichts. Sie hatten die Informationen vom Capitano, und der, ganz beschäftigt mit Autos und Mechanikern, wusste nicht, wie die Sache tatsächlich abgelaufen war, und da hatten wir die Bescherung!«

»Willst du damit sagen, die im Fernsehen haben Unsinn berichtet? Dann erzähl du mir, was wirklich passiert ist.«

»Lassen wir das. Vanessa ist noch nicht zurück?«

»Sie hat Katechismusstunde. Die ist in einer halben Stunde zu Ende. Soll ich schon auftragen?«

»Was gibt es heute Abend?«

»Ditalini mit ausgebackenen frischen Bohnen und Pecorino mit Pfefferkörnern. Wartest du nicht auf Vanessa?«

»Wenn ich nicht sofort esse, bin ich vielleicht nicht mehr in der Lage dazu. Es ist dicke Luft im Anzug.«

»Hattest du nicht angefangen abzunehmen?«

Bonanno antwortete nicht. Er stürzte sich auf die heißen Bohnen, bestreute sie mit reichlich Ricotta salata, und für einige Minuten war er wieder mit der ganzen Welt versöhnt. Das Geräusch der sich öffnenden Tür ließ ihn zusammenzucken und beeinträchtigte seine Verdauung.

»Ich gehe ins Bad.«

»Und wir sind hier, Saverio!«

Zunächst sagte Vanessa nichts. Sie war wie betäubt. Bonanno war mehr als aufgeregt. Vielleicht war es doch zu viel für sie gewesen, so unvermittelt zu erfahren, dass der Urlaub ins Wasser fiel. Dann flogen plötzlich Stofftiere durch das Zimmer, gefolgt von Schreien und anderen lauten Geräuschen. In seiner Wut stieß das Mädchen eine Plastikschüssel, zahlreiche Bücher und einen Stapel Zeitungen um. Am Ende dieses Wutausbruchs fing Vanessa an zu weinen und warf sich schluchzend auf ihr Bett.

»Ich wusste es doch, ich wusste es!«, rief sie unter Tränen. Bonanno näherte sich dem Bett, setzte sich, strich seiner Tochter über die Haare und hielt ihr ein Taschentuch hin. »Es tut mir leid, meine Kleine, diesmal ist es nicht meine Schuld. Glaub mir doch bitte! Ich habe alles versucht, aber es gab keinen Ausweg. Ich verspreche dir, ich ...«

Vanessas Schrei traf ihn unvermittelt und brachte ihn ins Wanken. Unter den Beschimpfungen seiner Tochter, die ihn wie ein Wasserschwall trafen, trat Bonanno den Rückzug an. Nachdem Vanessa ihre Wut an ihm ausgelassen hatte und über ihn hergefallen war wie ein wildes und verletztes Kätzchen, überkam Bonanno ein Gefühl von Traurigkeit und Wut zugleich.

Wenn ich diese Witwe zu fassen kriege, der baue ich den Auspuff dahin, wo ich will, dachte Bonanno noch zornig, bevor er sich in sein Zimmer zurückzog.

Einen Großteil der Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Seine Tochter hatte Recht. Wann würden sie wieder ein paar freie Tage im Mai haben, um in Urlaub zu fahren? Schließlich wurden nicht jedes Jahr in der Provinz Wahlen abgehalten. Und die Schulen schlossen sonst immer im Juni.

Er wälzte sich herum, stand auf, holte Wasser aus dem Kühlschrank und trank es. Dann zündete er sich die x-te Zigarette an, spielte mit der Fernbedienung herum. Auf dem Bildschirm zwinkerten ihm mit dem Po wackelnde, grell geschminkte Frauen zu. Dazu wurden Telefonnummern eingeblendet, die zu horrenden Preisen gewählt werden konnten.

Angeekelt schaltete Bonanno ab. Er ging wieder ins Bett. Das aufgedunsene Gesicht des Toten tauchte vor ihm auf. Bonanno empfand Mitgefühl mit dem von Tod und Unrat geschändeten Körper. Trotz seiner zwanzig Dienstjahre bei den Carabinieri hatte Bonanno noch nicht gelernt, Ermordete als das anzusehen, was sie waren. Eben als Tote, denen man ihren Frieden wiedergeben konnte, indem man erfolgreich war und ihren Mördern Handschellen anlegte.

Aber er war nicht immer erfolgreich. Und dieser Fall versprach, unangenehm zu werden. Es gelang ihm fast nie, all die Gedanken abzustellen, die jeden Tod umgaben. Ein Fehler, für den er sich schämte. In der Öffentlichkeit redete er nie darüber, um nicht den Eindruck von Schwäche zu vermitteln. Doch wenn er allein war, in einem dunklen Raum zwischen den Bettlaken lag, dann krochen die Gespenster hervor, die er tagsüber in einem dunklen Eckchen abgestellt hatte.

Die Ermordeten nahmen Gestalt an. Er sah sie, wie sie auf baumbestandenen Wegen liefen und mit ihren Kindern spielten oder wie sie im Kino Liebesszenen und Popcorn genossen, sich am Strand von der glühenden Sonne Siziliens ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Maresciallo Bonanno und das falsche Spiel des Fischers" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen