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Marcello und der Lauf der Liebe

Mark David Hatwood

Marcello und der Lauf der Liebe

Roman

Aus dem Englischen
von René Blum

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Für meine wunderbaren Patenkinder und ihre Geschwister:

Timothy, Louis, James, Amy, Francesca, Charlotte, Ella, Anabella, Thomasina und meine Nichte Paula

Ihr werdet alle wahrhaft geliebt

»Ihr seid gelehrt worden, in Angst und Furcht zu leben. Man hat euch gesagt, daß nur die Fittesten überleben, die Stärksten siegen, die Schlauesten Erfolg haben. Sehr wenig wird zum Lobpreis jener gesagt, die am liebevollsten sind. Und so strebt ihr – auf die eine oder andere Weise – danach, die Fittesten, die Stärksten, die Schlauesten zu sein, und wenn ihr dann bemerkt, daß ihr in irgendeiner Situation weniger seid als das, habt ihr Angst vor Verlust, denn man hat euch gesagt, daß weniger sein verlieren bedeutet.

Und natürlich entschließt ihr euch dann zu der Handlung, die euch die Angst eingibt, denn das wurde euch beigebracht. Doch ich lehre euch dies: Wenn ihr euch für die Handlung entscheidet, die euch die Liebe eingibt, werdet ihr mehr als nur überleben, als nur gewinnen, als nur Erfolg haben. Dann werdet ihr in ganzer Herrlichkeit erfahren, wer-ihr-wirklich-seid und wer ihr sein könnt.«

Neale Donald Walsch Gespräche mit Gott, Band 1

Liebe Elena,

Dein Großvater und ich werden an diesem wichtigen Tag nicht bei Dir sein können. Für Nonno Vittorio wäre die Reise zu beschwerlich. Dennoch sollst Du wissen, daß wir an Deinem sechzehnten Geburtstag in unseren Herzen mit Dir feiern. Wir wünschen Dir all das Glück, das wir selbst haben erleben dürfen.

Ich weiß, daß Dein Vater nichts davon wissen will, daß die Zeiten sich ändern. So wird er sicher auch auf der alten Dorftradition bestehen, Dir an diesem Tag jenen jungen Mann für das erste Rendezvous auszusuchen, der mit dem beeindruckendsten Geschenk um Dich wirbt. Mag Dein Vater auch glauben, er könne über Dein Glück bestimmen: Folge immer nur Deinem Herzen.

Du und ich, wir sind uns sehr ähnlich. Daher vertraue ich ganz fest darauf, daß Du für Deine Zukunft immer die richtige Entscheidung treffen wirst. Du mußt nur Dir selbst treu bleiben.

In Liebe

Deine Nonna

Die Fehde

Kaum war die Sonne am Rand des Horizonts aufgetaucht, das erste Versprechen eines neuen, wunderschönen Sommertags über Camogli, da begann ein Hahn so lauthals zu krähen, als gönne er dem idyllischen Küstendorf seine Verschlafenheit nicht.

Hinter dem offenen Fenster im obersten Stockwerk des großen, lehmroten Hauses, das an der höchsten Stelle über dem Dorf thronte, regte sich die rundliche Gestalt von Signor Gamboccini. Ärgerlich warf er seine Decke von sich, sprang auf, hielt die rutschende Unterhose fest und stolperte fluchend zum Fenster.

»Jeden Morgen dasselbe, jeden vermaledeiten Morgen. Soll das denn ewig so weitergehen? … Dieser verflixte Vogel!«

Er stieß die Fensterflügel noch weiter auf und reckte sich so weit hinaus, wie es ihm bei seiner untersetzten Statur möglich war. Der atemberaubende Blick über das Meer und die malerische, noch völlig verwaiste Hauptstraße des Dorfes unter ihm waren an ihn verschwendet. Finster starrte er hinüber zu dem grob zusammengezimmerten Käfig im Garten der Bellinis, aus dem es unverdrossen weiterkrähte, und schrie gegen das verhaßte Gezeter an:

»Bellini … Bellini! Dieser gottverdammte Vogel … Jeden Tag reißt er mich aus dem Schlaf! Bellini!«

Erbost schüttelte er die Faust in Richtung der halb geöffneten Schlagläden des Hauses weiter unten am Hang, hinter denen das Schlafzimmer seines ungeliebten Nachbarn lag. In ihrem großen Messingbett hob Signora Gamboccini, vom Schlaf noch benommen und mit wirren Haaren, widerwillig den Kopf und blickte entnervt auf das allmorgendliche Schauspiel. Hinter dem Rücken ihres immer wilder gestikulierenden Mannes machte sie eine abfällige Geste, um schließlich aufseufzend wieder auf das Kopfkissen zu sinken.

»Was, zum Teufel, denkt sich eigentlich dieses dämliche Vieh?« schimpfte Signor Gamboccini und wandte sich hilfesuchend zu seiner Frau um. Bevor sie etwas sagen konnte, ertönte ein neuer Hahnenschrei, noch durchdringender als die bisherigen. »Bellini! Bellini!!« Signora Gamboccini zog sich das Kissen über den Kopf.

Im Nachbarhaus lag die imposante Gestalt von Signor Bellini in tiefem, gleichmäßigem Schlaf. Sein Mund stand weit offen, seine enorme Brust war eingezwängt in das nicht ganz saubere gerippte Unterhemd, ohne das man den Fleischer von Camogli noch niemals gesehen hatte. Überall quollen schwarze, drahtige Haare hervor, und sein massiger Körper hob und senkte sich im Takt zufriedenen Schnarchens. Ein Morgen wie jeder andere in dem schläfrigen kleinen Dorf, in das nicht einmal der Krieg, der nun endlich vorbei war, große Veränderungen gebracht hatte.

Marcello

Die enge, felsige Bucht, die den Fischern von Camogli als Hafen diente, war fast leer. Vielleicht ein halbes Dutzend Boote, die schon bessere Zeiten gesehen hatten, lag hier vertäut. Das kleinste von ihnen hatte etwas abseits geankert, auf seinem himmelblauen Anstrich spiegelte sich das Spiel der Wellen. Ein schlaksiger, braungebrannter Junge in ausgebleichten grauen Shorts und einem weißen Hemd, das ihm hinten aus der Hose gerutscht war, holte ein schweres Tau ein. Das Salzwasser lief ihm dabei die sehnigen Arme hinunter, und von seinen Ellbogen ergoß sich ein stetiges Rinnsal auf die ausgetretenen Turnschuhe und die heruntergerollten Socken. Seine auffallend großen, braunen Augen sahen von alledem nichts. Geistesabwesend folgten sie einem Möwenpärchen, das sich vom Wind über den wolkenlosen Himmel tragen ließ. Ab und zu strich der Junge sich mit einer nassen Hand die widerspenstigen schwarzen Locken aus dem Gesicht, und unaufhörlich murmelte er mit halbgeöffnetem Mund Verse, die er nach dem zu improvisieren schien, was er sah.

»Eure Anmut im Tanz mit dem Wind, unvermutet, voll Glanz und geschwind …«

Am Heck tauchte der Kopf seines Vaters aus der Maschinenluke auf. Sein Haar war noch fast so dicht wie das seines Sohnes und genauso dunkel. Der Dreitagebart mit den wenigen grauen Stellen hatte dem muskulösen Mann in dem ölverschmierten Overall manch verstohlenen Blick der Frauen eingetragen, die am liebsten bei ihm ihren polpo und ihre orata kauften. Doch darum scherte sich Francesco Romero, der beste Fischer des Dorfes, keinen Deut. Mit einem schmutzigen Lappen wischte er sich die Hände und betrachtete mit sorgenvollem Blick seinen Sohn. Dann hangelte er sich über das enge Deck nach vorn.

»He, Bello, was ist los mit dir?«

So nannte er ihn nur, wenn ihm etwas ernsten Kummer machte, das wußte Marcello. Augenblicklich war er zurück in der Wirklichkeit, und peinlich wurde ihm bewußt, was er in den Augen seines Vaters für ein Bild abgeben mußte.

»Scusa, Papa!«

Francesco Romero packte seinen Sohn an den Schultern und schüttelte ihn leicht.

»Glaubst du vielleicht, du kannst die Fische mit deinen Gedichten so bezaubern, daß sie in unsere Netze springen? Komm zu dir, Junge.« Er ließ Marcello los, schnippte noch einmal mit den Fingern in seine Richtung und kehrte dann zurück in den Maschinenraum.

Der Junge wandte sich erneut seiner Arbeit zu und verfluchte sich selbst, weil er sich wieder einmal hatte ertappen lassen. Als er das letzte Stück Tau eingeholt hatte, schien hinter ihm die Maschine zu explodieren. Er fuhr herum und blickte in das skeptische Gesicht seines Vaters, der am Führerstand lehnte und voller Zweifel an dem Erfolg seiner Reparatur die dicke, dunkle Dieselwolke betrachtete, die aus der Maschinenluke quoll. Dann kam er wieder zu Marcello nach vorn.

»Cello, du bist ein guter Junge, du hilfst deinem Vater, wo du kannst«, sagte er liebevoll. »Aber du bist ein Träumer.« Er gab ihm einen Klaps auf das Haar. »Dein Kopf steckt den ganzen Tag in den Wolken oder in diesem Buch da.«

Er zeigte auf Marcellos Hosentasche, in der ein kleines, abgenutztes Notizbuch steckte und ein Stift – beides Dinge, ohne die Marcello keinen Schritt hätte tun mögen.

»Ich mache mir Sorgen, Cello. Was wird mit der Schule? Gedichte haben noch nie ihren Mann ernährt. Das sind alles nur Illusionen, und die …«

Der Satz blieb unvollendet, und an dem traurigen Blick, den sein Vater auf den Bug des Bootes warf, erkannte Marcello, welcher Schmerz ihn übermannt hatte. Francesco Romero hatte seinen ersten eigenen Kutter nach seiner Frau benannt, nach Marcellos Mutter. Bis heute konnte er nicht verwinden, daß sie die beiden vor drei Jahren verlassen hatte, ohne sich noch einmal umzudrehen.

»Illusionen sterben irgendwann, Cello, glaub mir …«, setzte er schließlich hinzu und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie verletzt er immer noch war.

Dann wandte er sich brüsk um und warf den ölgetränkten Lappen, den er die ganze Zeit in den Händen geknetet hatte, aufs Deck. Er stapfte zurück zum Führerstand und rief seinem Sohn über die Schulter zu:

»Cello, hol den Anker ein. Ich muß arbeiten.«

Gehorsam kurbelte Marcello die schwere Ankerwinde, bis sein Vater das Boot manövrieren konnte, fort vom Liegeplatz und dicht an die Hafenmauer, die aus marmorgrauen, unbehauenen Felsen bestand. Mit natürlichem Geschick sprang Marcello vom Bug auf den Wellenbrecher, ohne noch nassere Füße zu bekommen, und wandte sich um. Er winkte aufmunternd hinter seinem Vater her und rief ihm nach: »Ciao, Papa! Und denk dran, nur die ganz dicken Fische!«

Marcello breitete weit die Arme aus, und ohne sich umzudrehen, erfüllte Romero seinen Teil ihres allmorgendlichen Rituals, indem er beide Arme hochreckte, als wolle er Marcellos Geste nachmachen.

»Nur die ganz dicken, Cello«, drang der Ruf seines Vater über das laute Tuckern des alten Dieselmotors, während sich das Boot immer mehr im glitzernden Blau des Meeres verlor.

Liebevoll blickte ihm Marcello noch eine Weile nach, um sich schließlich umzuwenden und hastig die Straße hochzulaufen. Kurz vor der Biegung zum Dorfplatz kam er an zwei freundlich aussehenden alten Jungfern vorbei, die trotz der morgendlichen Hitze zwei völlig identische, knöchellange schwarze Kleider trugen, deren einzigen Zierat die feine weiße Spitze an Ärmeln und Kragen darstellte: die Schwestern Calonne.

»Buon giorno, Rosetta! Buon giorno, Leonora!« rief er ihnen im Vorüberlaufen zu.

Lächelnd blickten sie ihm hinterher. »Buon giorno, Marcello! Immer langsam mit den jungen Pferden, gib dem Tag doch erst mal die Chance, dein Freund zu werden!« Leonora lachte in sich hinein, und beide schüttelten amüsiert den Kopf, genau im gleichen Takt.

»Dieser Junge ist immer in Eile. Da wird man ja schon schwindlig vom bloßen Zuschauen!« meinte Rosetta und sah Marcello um die Ecke verschwinden. Dann setzten beide kopfschüttelnd ihren Weg fort.

Endlich hatte Marcello das Haus der Gamboccinis erreicht. Er ließ sich auf seinen Lieblingsplatz fallen, einen abgewetzten Feldstein, der so glänzte, als sei er schon oft vom Boden seiner Hosen poliert worden. Kaum hatte er das Notizbuch hervorgeholt und begonnen, gedankenverloren an dem Radiergummi seines Bleistifts zu kauen, schien die Welt um ihn herum nicht mehr zu existieren: Fast sah er aus, als meditiere er. Dabei spürte er nur dem Schmerz nach, der seinen Vater immer zuerst tieftraurig und dann furchtbar wütend machte. Auch in ihm gab es widerstreitende Gefühle, aber er hatte schon früh den Drang gespürt, seine eigenen Empfindungen als Quelle poetischer Inspiration zu nutzen.

»Traurigkeit erfüllt das Herz, salzloser Traum fährt meereswärts, wenn Liebe am Gestad zerschellt …« Kritzelnd fuhr der Bleistift über das Blatt, als eine stark nach Lavendelparfum duftende, hochtoupierte Blondine um die Fünfzig auf Pumps mit gefährlich hohen Stilettabsätzen vorbeigeklappert kam. Sie trug ihr blaues Kattunkleid eine Nummer zu eng, und ihr dickes Make-up ließ ihren abweisenden Gesichtsausdruck nicht freundlicher wirken. Marcello erwachte auf der Stelle aus seinem Tagtraum.

Schau an, da kommt ja unser Vamp, dachte er und mußte lächeln. Höflich grüßte er die Frau, die schon fast an ihm vorbei war.

»Buon giorno, Signora Talanto!«

»Marcello«, kam die kühle Antwort, ohne daß er eines Blickes gewürdigt wurde.

Während Signora Talanto sich klappernd und in ständiger Gefahr umzuknicken über das glatte Pflaster entfernte, radierte Marcello die letzte Zeile seines Gedichtes wieder aus. Er sann noch über eine Verbesserung nach, als aus der kleinen Seitengasse ein blitzend roter Lancia in die Hauptstraße einbog. Der Fahrer, ein Mann um die Dreißig, mit weit aufgeknöpftem weißem Hemd und hochgerollten Ärmeln, bremste ab, kurbelte sein Fenster herunter, pfiff Signora Talanto hinterher und machte eine anerkennende Gebärde.

»Ma che bella, la bionda«, rief er.

Signora Talanto blickte sich nach dem Fahrer um, tat überrascht, lächelte und winkte in seine Richtung. Als der Wagen vorbeigefahren war, strich sie ihren engen Rock glatt, als müsse sie eine Falte beseitigen, und stöckelte dann mit neuem Elan weiter.

Marcello schüttelte amüsiert den Kopf und versuchte, sich wieder in sein Gedicht zu vertiefen. Doch gleich wurde seine Aufmerksamkeit aufs neue abgelenkt, als er im oberen Stockwerk des Gamboccini-Hauses eine Bewegung wahrnahm. Ohne zu auffällig den Kopf zu heben, versuchte er angestrengt, aus den Augenwinkeln mitzubekommen, was sich hinter dem linken oberen Fenster tat. Die Gardinen bewegten sich leicht, und Marcellos Herz schien zu stolpern. Hinter der dünnen Gaze glaubte er ein Paar tiefbrauner Augen zu erahnen, die zu ihm herunterschauten … Elena Gamboccini. Das Mädchen, wegen dem er neuerdings keinen Sonntag die Messe versäumte, da er ihr nur dort bis auf wenige Meter nahe zu sein vermochte. Er konnte nicht anders, er mußte hinaufsehen. Nichts regte sich mehr. Aufseufzend wendete er sich wieder seinem Notizbuch zu, und im Handumdrehen war die Seite vollgekritzelt.

»So wie der Vorhang wogt, so wogt mein Herz. Dein Blick, umhüllt von lichter Seide, füllt meine Adern mit dem Schmerz, den ich voll tiefer Zweifel leide …«

»Marcello!«

Drei Jungen liefen die Straße herunter: seine besten Freunde Riccardo, Tito und Paolo. In jedem anderen Moment hätte er sich gefreut, sie zu sehen. Aber mußten sie ausgerechnet jetzt kommen?

Fröhlich umringten ihn die drei, alle stolze sechzehn Jahre alt wie er und in der gemeinsamen Schuluniform aus grauen Shorts und weißem Hemd. Nur war diese Kluft bei ihnen in weit besserem Zustand. Sie sahen aus wie junge Männer, die es kaum erwarten konnten, aus der Schule ins richtige Leben zu gelangen, zu den Antworten auf all ihre Neugier und ihre Sehnsüchte.

»Es wird Zeit, Cello!« Sein allerbester Freund Riccardo sah ihn mit seinen fast schwarzen Augen prüfend an und klopfte ihm dann aufmunternd auf die Schulter. »Wir wußten, daß wir dich hier finden würden. Wo solltest du auch sonst sein?«

»Dein Auge so blau, so golden dein Haar …« Tito hatte sich theatralisch in Pose geworfen und deklamierte mit übermütigem Pathos. Paolo spendete fröhlich Beifall.

»Die sind braun«, murmelte Marcello so leise, daß ihn keiner der drei verstehen konnte. Schnell schob er das Büchlein in die hintere Tasche seiner Hose, stand auf und umarmte seine Freunde. Dann sah er mit gespielter Bewunderung Tito an und sagte: »Du bist ja ein Dichter, ein wahrer Magier des Wortes!«

Lachend verbeugte sich Tito, denn seine Schwäche in allen sprachlichen Fächern war sprichwörtlich. Schließlich meinte er mit gespielter Reue: »Ich gelobe Besserung, kannst du mir noch einmal verzeihen?« Dann setzte er ernsthafter hinzu: »Aber sieh den Tatsachen ins Auge: Der Sohn eines Fischers hat bei dem Gamboccini-Mädchen nicht den Hauch einer Chance. Du träumst, wenn du denkst, du könntest es am kommenden Wochenende auch nur versuchen!«

Beim Anblick von Marcellos Gesicht verstummte er. Sein Freund sah aus, als sei er wirklich verletzt, obwohl er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Unwillkürlich mußte Marcello zum Fenster hochblicken. Konnte womöglich Elena alles mitbekommen haben?

»Armond wird sich so einen guten Fang nicht entgehen lassen. Wenn er sich doch nur einmal auf faire Weise mit uns messen müßte!« fügte Paolo mit plötzlichem Ärger hinzu, denn ihm war unvermittelt bewußt geworden, daß es genau so ablaufen würde, wie es immer abgelaufen war.

Riccardo, der nicht wollte, daß dies Marcello ebenfalls schmerzlich klar würde, legte den Arm um dessen Schultern und brachte ihn mit sanftem Druck endlich dazu, sich gemeinsam auf den Weg in Richtung Schule zu machen. Dennoch konnte er seinen Freund nicht daran hindern, sich verstohlen ein letztes Mal umzuschauen, in der Hoffnung, doch noch hinter dem Fenster irgendein Lebenszeichen auszumachen. Und schlimmer noch: Er ertappte sich dabei, wie er das gleiche tat. Schnell blickte er unauffällig zu Marcello hinüber, ob er etwas bemerkt hatte. Nein, dazu war er viel zu tief in seine eigenen Gedanken versunken. Dennoch schalt sich Riccardo innerlich für den Verrat an seinem Freund. »Was würde ich von so einem Freund halten? Das ist Marcellos Mädchen, also keine sehnsüchtigen Blicke, nicht einmal sehnsüchtige Gedanken!« Den Rest des Schulwegs bemitleidete er sich insgeheim für die doppelte Unerreichbarkeit des schönsten Mädchens von Camogli, und er bewunderte sich zugleich für die stille Größe seines Verzichts, aus Loyalität zu seinem besten Freund

Armond

Das Anwesen der Familie Cessero, ein Gebäude wie ein Palazzo aus dem Novecento, lag auf einem Hügel gleich außerhalb des Dorfes. Mit seinen kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Balkongittern, den aus stattlichen Quadern bestehenden Hausmauern, an denen sich alter Wein fast bis zum Dach emporrankte, und vor allem dem majestätischen Blick über die gesamte Bucht war es das angemessene Domizil für Signor Domenico Cessero, den Eiscremekönig von Camogli und Umgebung.

Der Mann, der als erster auf die Idee gekommen war, sein Eis industriell herstellen und von reizvoll uniformierten Mädchen verkaufen zu lassen, saß am Kopf einer enormen Tafel und las die Morgenzeitung. Alles in dem Frühstücksraum war riesig: der Kronleuchter aus Muranoglas, die Stilleben an den Wänden und die schwere, alte Anrichte neben der Tür, die überladen war mit allem, was man sich für ein Frühstück wünschen konnte. Nur der alte Diener, der mit seinem kleinen silbernen Tablett beflissen zwischen Tisch und Anrichte hin- und herlief, wirkte fast wie ein Zwerg in schwarzweißer Uniform.

Signor Cessero, der einen tadellosen grauen Anzug mit einem perfekt gebügelten weißen Hemd trug, bedurfte seiner Dienste nicht; er nippte lediglich ab und zu achtlos an einer Tasse mit tiefschwarzem Espresso. Sein Sohn Armond dagegen, der in seiner wie maßgeschneidert wirkenden Schuluniform weit entfernt an einer Seite des Tisches saß, hatte den Teller vollgehäuft mit unterschiedlich belegten Brötchen und Hörnchen, die er angebissen und dann liegengelassen hatte. Mißmutig starrte er über den Tisch seine Mutter an, eine noch recht attraktive, zarte Frau Ende Vierzig, die gerade dabei war, ihm aus einem silbernen Kännchen dickflüssige Schokolade in eine mit Rosen bemalte Porzellantasse zu gießen.

»Mama, nun mach doch schon. Ich will los!«

Nervös trommelte er mit der Hand auf das spitzenverzierte Tischtuch. Seine Mutter lächelte ihn verständnisvoll an.

»Verzeihung, mein Liebling, hier hast du deinen Kakao.«

Armond nahm ihr die Tasse so abrupt aus den Händen, daß ihr für die Jahreszeit viel zu warmes Tweedkostüm einen kleinen Schwall Schokolade abbekam. Immer noch lächelnd tupfte sie die Stelle mit einer Damastserviette ab, während ihr Sohn die Tasse einfach auf das Tischtuch stellte und in einen Marmeladentoast biß. Dann versuchte er, die Aufmerksamkeit seines in die Zeitung vertieften Vaters auf sich zu ziehen und fragte, immer noch kauend: »Papa, meinst du nicht auch, daß es Spaß machen würde, am Wochenende das neue Boot auszuprobieren?«

Vor Nervosität begann er mit dem Fuß zu trommeln. Die einzig merkliche Reaktion seines Vaters bestand im Umblättern der Zeitung. Signora Cessero nickte ihrem Sohn aufmunternd zu und meldete sich dann mit fast flehend klingender Stimme zu Wort: »Ach ja, das wäre sicher nett, meinst du nicht auch?«

»Mmmh?« ertönte es hinter der Zeitung, und für einen kurzen Moment war das irritierte Gesicht Signor Cesseros zu sehen.

»Du und Armond … Ihr könntet doch zusammen hinausfahren, nur ihr beide!« schlug sie hoffnungsvoll vor.

»Ich kann mir nicht erlauben, mit irgendwelchen Bootsausflügen meine Zeit zu verschwenden«, fuhr ihr Mann sie an. Dann blickte er mit gerunzelter Stirn zu seinem Sohn hinüber. »Und du redest gefälligst nicht mit vollem Mund!« Er nahm einen Schluck von seinem kaltgewordenen Espresso, hielt die Tasse angewidert dem herbeieilenden Diener entgegen und verschwand wieder hinter seiner Zeitung.

Armond warf den angebissenen Toast zu den übrigen Essensresten auf seinem Teller, und sein Fuß trommelte in immer schnellerem Takt. Seine Mutter blickte ihn verzeihungheischend an und sagte: »Du weißt ja, um was sich dein Vater im Moment alles kümmern muß!«

Dann reichte sie über den Tisch, um tröstend seinen Arm zu streicheln. Doch bevor sie ihn berühren konnte, zog Armond heftig den Arm weg, stieß seinen Stuhl zurück und zischte sie an: »Um mich ja ganz offensichtlich nicht!« Hastig lief er aus dem Raum, wobei er fast mit dem Diener zusammengestoßen wäre, der mit dem frisch aufgebrühten Espresso für seinen Vater aus der Küche kam.

»Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag in der Schule«, flötete seine Mutter ihm hinterher, während die Tür ziemlich laut ins Schloß fiel.

Signor Cessero blickte kurz über den Rand der Zeitung zu seiner Frau hinüber und knurrte: »Was dieser Bengel für Manieren hat … Ich habe keine Ahnung, wo er das her hat. Ganz bestimmt nicht von meiner Seite der Familie.«

Signora Cessero lachte nervös und wußte, daß ihr Blutdruck ihr wieder großen Kummer machen würde. Unbehaglich räusperte sie sich, dann sagte sie zögernd: »Vielleicht könntest du ja wirklich ein bißchen mehr Zeit mit dem Jungen verbringen …«

Barsch schnitt ihr Mann ihr das Wort ab. »Eine anständige Tracht Prügel, das ist alles, was der Kerl braucht.« Er faltete die Zeitung zusammen und warf sie auf den Tisch. Einen Moment später stand er auf, nahm im Stehen noch einen Schluck von dem frischen Espresso und wandte sich zum Gehen. Ohne noch einmal zurückzublicken, knöpfte er sein Jackett zu und sagte im Hinausgehen zu niemand Bestimmtem: »Es wird heute wieder spät werden.« Dann nickte er dem Diener kurz zu und war verschwunden.

»In Ordnung, Liebling. Ich wünsche dir einen schönen Tag …«, sagte Signora Cessero zu der Tür und sank dann auf ihrem Stuhl zusammen. Allein die stumme Anwesenheit des Dieners hielt sie davon ab, aus vollem Halse loszuschreien, bis ihr der Atem verginge.

Signor Selinas

Signor Selinas saß in würdevoller Haltung hinter seinem pompösen dunklen Schreibtisch und telefonierte. Das durch das hohe Schulfenster hereinfallende Sonnenlicht ließ die Staubkörnchen vor ihm munter tanzen und seinen korrekten schwarzen Anzug an einigen Stellen verräterisch glänzen. Bei diesem Licht war nicht zu übersehen, daß der Direktor von Camoglis Gabriele-D’Annunzio-Oberschule für Knaben schon länger keinen neuen Zweireiher hatte kaufen können.

»Selbstverständlich, ich verstehe«, sagte er in sehr förmlichem Ton und hielt dabei den altmodischen Hörer so weit von seinem Kopf entfernt, als wolle er respektvollen Abstand wahren. »Ich werde persönlich dafür Sorge tragen, daß unser diesjähriger Kandidat seinen Aufsatz morgen für Sie fertigstellt, so daß Sie ihn spätestens am Montagmorgen in Händen halten sollten.«

Signor Selinas erhob sich und nahm noch mehr Haltung an. »Ja, Herr Kanzler, ich kenne die Termine Ihrer Universität. Haben Sie noch einmal besten Dank für Ihren Anruf. Auch Ihnen einen guten Tag.«

Er legte auf, lief einmal um seinen Schreibtisch und rieb sich dabei unentwegt die Hände. Schließlich ließ er sich wieder auf den hölzernen Drehsessel fallen und starrte das Telefon an. Sollte er seinen Rivalen anrufen? Die Vorfreude ließ ihn kurz lächeln, dann nahm er den Hörer wieder auf und tippte ein paarmal auf die Gabel. Sobald er eine Verbindung hatte, sagte er: »Hallo? Geben Sie mir bitte Portofino 612.«

Dann lehnte er sich bequem in seinem Schreibtischsessel zurück und legte die Füße auf die Tischplatte. Seine Augen wanderten über die staubigen Bücherregale an der Wand gegenüber. Plötzlich nahm er die Füße wieder vom Tisch und setzte sich kerzengerade auf, so als fühlte er sich ertappt.

»Ah, Kollege Sangorino, einen schönen guten Morgen. Hier ist Selinas von der Gabriele-D’Annunzio-Oberschule in Camogli. Ich weiß nicht, ob Sie schon gehört haben, daß …«

»Ja, verehrter Kollege Selinas, uns hat der Herr Kanzler bereits gestern angerufen«, drang eine sonore Stimme aus dem Hörer. »Wollen Sie es tatsächlich dieses Jahr noch einmal versuchen? Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber Ihre letzten Kandidaten ließen doch einiges zu wünschen übrig, das müssen Sie schon zugeben.«

In Signor Selinas’ linkem Augenlid zuckte es. Diese grenzenlose Arroganz! Vielleicht waren die Kandidaten, die er in den letzten Jahren für das einzige Stipendium der Universität in der Provinzhauptstadt hatte ins Rennen schicken können, ja wirklich nicht die allerstärksten gewesen. Man konnte schließlich nur mit dem Material arbeiten, das einem zur Verfügung stand. Aber mußte dieser verdammte Sangorino immer darauf herumreiten, daß seine eigenen Kandidaten fast schon ein Abonnement auf diesen begehrten Studienplatz hatten? Nun, dieses Jahr sollte er sich nur nicht zu sicher fühlen. Signor Selinas atmete tief durch, legte seine Füße wieder auf den Schreibtisch und sagte so freundlich, wie er es vermochte: »Nun, Dabeisein ist alles, wie man so sagt. Es wäre ja auch ein zu herber Schlag für so eine große, traditionsreiche Schule wie die Ihre, wenn sie im Wettstreit ausgerechnet mit unserer kleinen, unbedeutenden Lehranstalt unterlegen wäre, nicht wahr, Herr Kollege?«

»Ich denke, schlaflose Nächte muß ich da kaum befürchten, mein bester Selinas. Sagen Sie, hatten Sie noch etwas auf dem Herzen? Sie wollen sich doch gewiß für den Unterricht vorbereiten. Und dann müssen Sie doch sicher jede Minute, die Sie erübrigen können, darauf verwenden, Ihren Kandidaten für seinen Aufsatz zu präparieren. Ich möchte Sie nicht abhalten, guten Tag also.«

»Richtig, richtig. Auch Ihnen einen guten Tag.« Dann knallte Signor Selinas den Hörer auf die Gabel, sprang auf und lief so lange in seinem Büro auf und ab, bis er sich wieder beruhigt hatte. »Was hat dieser Kerl nur, daß er es immer wieder schafft, mich in Rage zu bringen?« fragte er in den leeren Raum hinein, blieb am Fenster stehen und blickte gedankenverloren hinaus auf den Schulhof.

Im nächsten Moment bog Marcello mit seinen Freunden um die Ecke, vier junge Männer, die nur noch ein halbes Schuljahr vor sich hatten. Was würde aus ihnen werden? Schon zum zweiten Mal an diesem Morgen lächelte der Schuldirektor. Er blickte Marcello nach, wie er und seine Freunde in tiefes Gespräch versunken in einem Winkel des Schulhofs verschwanden, und rieb sich versonnen das Kinn. »Abwarten, Signor Sangorino. Wir werden ja sehen …«

Marcello hatte sich mit seinen drei Freunden in ihre übliche Ecke zurückgezogen.

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