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Marcella

Andrea Kochniss

Marcella

Es war einmal 1998


Für meine allerbeste Freundin Hilde Linsel-Ladewig, aus deren Feder Marcella di Lorenzo als Nebenfigur in einer ihrer Romane "geboren" und in meine Hände gelegt wurde, um ihr Leben einzuhauchen. Ich habe dich lieb!


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1

Nachdem ich aufgelegt hatte, atmete ich erst einmal tief durch. Gut, Jacqui konnte mein plötzliches Verhalten Miguel gegenüber nicht verstehen, aber wie sollte sie auch? Sie hatte von den letzten grauenvollen Wochen, die ich mit ihm durchlebt hatte, auch gar nichts mitbekommen.

Jetzt, wo er diesen schweren Autounfall hatte, ging ich diese ganze komplizierte Beziehung, die ich gerade mal drei Monate mit ihm geführt hatte, noch einmal in Gedanken durch.

Ein Paar wurden wir kurz nach einer von Bret Cassidys Partys. Bret ist der Onkel von Jacqui Cassidy, meiner besten Freundin, die ich auf der High-School kennengelernt hatte. Gemeinsam besaßen die beiden das Cassidy’s, einen großes Hotel in Kalifornien, das durch eine Girlie-Band zu Kult-Status gelangt war.

Eine kurze Zeit lang half ich auch dort als Zimmermädchen aus und lernte einige der Mitarbeiter näher kennen. So auch Miguel. Gemeinsam mit Ted und Kevin Page unterlag ihm dort die Bar. So wie Jacqui mir erzählte, hatte Miguel schnell ein Auge auf mich geworfen, doch ich konnte mich nicht sonderlich für ihn begeistern. Er war mir absolut unheimlich und so gar nicht mein Typ. Jacqui zuliebe lernte ich ihn dann doch besser kennen und einige Zeit später wurden wir tatsächlich ein Paar. Die ersten Wochen waren okay, ich dachte wirklich, ich hätte endlich einen Mann gefunden, der mich versteht, der ehrlich zu mir ist und mich so akzeptiert wie ich bin.

Aber damit hatte ich wohl falsch gelegen.

Ich weiß gar nicht, zu welchem Zeitpunkt es zu dieser Wende in unserer Beziehung kam. Ich denke, seine sonderbare Einstellung zu manchen Dingen war schon immer präsent gewesen, aber erst in letzter Zeit richtig zum Ausbruch gekommen.

Er vernachlässigte mich total, ging mir immer öfter aus dem Weg und unternahm lieber etwas mit seinen Latino-Freunden. Dann kam er von diesen Abenden zurück und war regelmäßig sturzbetrunken. Erst ignorierte ich es, dachte, es würde vorübergehen, doch mit der Zeit konnte ich es nicht mehr mit ansehen, und wir gerieten immer häufiger in Diskussionen. Unser letzter Streit endete so heftig, dass ich knapp an einer Ohrfeige vorbeischlidderte. Zwar entschuldigte er sich nach diesem Vorfall bei mir, doch ab diesem Moment war für mich eins klar: Dieser Mann war für mich gestorben!

Alle Gefühle, die ich mit der Zeit für ihn entwickelt hatte, waren auf einen Schlag wie weggeblasen. Dass wir uns also daraufhin so unspektakulär trennten, war ja demnach abzusehen gewesen. Trotzdem war ich wegen seiner Coolness mir gegenüber so aufgebracht, ich hätte ihm alles an den Hals wünschen wollen.

Und dann geschah der Unfall.

Mir wurde mulmig zumute.

Ich wusste, dass es nicht meine Schuld sein konnte, dass er jetzt verletzt dalag. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen deswegen, einem Menschen jemals so etwas gewünscht zu haben.

Ich wollte diese Sache so weit wie möglich von mir wegdrängen, aber das wäre nicht richtig gewesen. Und außerdem hatte ich Jacqui versprochen, Miguel anzurufen und mich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen.

Zaghaft nahm ich den Hörer in die Hand und wählte die Nummer, die mir Jacquis Onkel heute Morgen durchgegeben hatte. Es dauerte nicht lange, da nahm auch schon jemand am anderen Ende ab. Es war Miguels Neffe.

„Hallo Oscar. Ich bin es, Marcella. Könnte ich bitte Miguel sprechen?“

„Das wird nicht möglich sein. Er schläft gerade tief und fest. Endlich. Er hat die ganze Nacht vor Schmerzen kein Auge zu gemacht. Und er hat ständig nach dir gefragt. Warum hast du nicht eher angerufen? Oder bist sogar vorbeigekommen?“

„Oscar, ich...das kann ich dir nicht erklären, es ist...“

„Mir ist es egal, was zwischen euch beiden vorgefallen ist. Aber bitte tu mir einen Gefallen und vergiss euer Problem für einen Moment. Komm her und sprich mit ihm. Er braucht dich jetzt.“

Ich schwieg.

„Bitte!“, hörte ich Oscar wieder nach einer kurzen Pause.

„Okay!“, sagte ich. „Aber nicht für lange.“

Ich spürte Oscars Erleichterung förmlich. Er gab mir noch Station und Zimmernummer durch, und ich legte auf.

Als ich circa fünfundvierzig Minuten später eintraf, schlief Miguel immer noch. Er war allein im Zimmer, selbst Oscar war nicht mehr da. Als ich ihn so hilflos daliegen sah, mit zwei gebrochenen Beinen und der großen Platzwunde am Kopf, wurde mir regelrecht schlecht.

Ich war froh, dass ich mich schnell auf einen der Stühle, die um sein Bett herum standen, setzen konnte, bevor ich eventuell ohnmächtig geworden wäre. Ich hatte einen großen Kloß im Hals, und ich wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich weinen musste. Plötzlich war mir alles egal, was passiert war zwischen uns beiden, und ich sah ihn nur noch als einen Menschen, der einen furchtbar gefährlichen Unfall hinter sich hatte und jeden gebrauchen konnte, der ihm irgendwie zur Seite stand.

Ich nahm seine Hand und streichelte sanft darüber, als er plötzlich wach wurde. Miguel brauchte einige Zeit, bis er mich erkannte, aber das erste, was er sagte, war: „Es tut mir leid!“

„Schon okay. Vergiss es.“ Ich begann zu heulen.

„Nein, ich vergesse es nicht! Es war nicht okay, wie ich dich in letzter Zeit behandelt habe. Und jetzt habe ich die Quittung dafür bekommen. Ich habe es nicht anders verdient.“

„Miguel, hör bitte auf damit! Rede nicht so! Dieser Unfall hat nichts mit unserer kaputten Beziehung zu tun.“ Er schaffte es tatsächlich, mein schlechtes Gewissen zu wecken.

„Doch, es hat wohl etwas mit unserer Beziehung zu tun! Ich hatte gestern Abend nichts anderes im Kopf, als die letzten Worte, die du mir an den Kopf geknallt hast. Nämlich, dass du mich nicht mehr sehen willst.“

Ich schluckte. „Ja, das stimmt.“

„Damit hast du ja auch völlig Recht. Diese Worte haben mich gestern aber trotzdem sehr hart getroffen, auch wenn es vielleicht nicht so aussah. Mir war mit einem Mal klar, dass ich dich verloren habe. Dieser Gedanke und eine ganze Menge Alkohol haben diesen Unfall verursacht. Marcie, es tut mir leid! Bitte verzeih mir! Lass uns wenigstens Freunde bleiben.“

„Miguel, es ist okay. Lass uns die ganze Sache einfach vergessen.“

Ich bekam keine Antwort mehr von ihm, denn Miguel war von einem Moment auf den anderen vor Erschöpfung wieder eingeschlafen.

Ich seufzte und streichelte ihm noch einmal über die Wange, bevor ich leise das Zimmer verließ.

Nach diesem Besuch hielt ich es für besser, mich für einige Zeit nicht bei Miguel zu melden.

Besser für ihn und auch besser für mich. Ich hoffte, dass er mir diese Einstellung nicht übelnahm. Aber ich war mir sicher, dass er genug andere Freunde hatte, die sich um ihn kümmerten.

In den nächsten Wochen ging ich meinem geregelten Alltag nach. Morgens gegen sechs Uhr dreißig aufstehen, ein kurzes Frühstück ganz allein in meiner kleinen Wohnung. Um neun Uhr musste ich im Büro der Firma sein, in der ich für eine bekannte Modedesignerin arbeitete. Bisher war ich leider nur in ihrem Vorzimmer gelandet, um ihren Schreibkram zu erledigen, also war ich als ihre Sekretärin beschäftigt. Wie gerne hätte ich selbst in ihrem großen Büro gesessen, ihr Talent besessen. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Ich war schon als kleines Kind davon besessen, wunderschöne Kleider zu entwerfen. Früh hatte ich damit angefangen, Entwürfe zu zeichnen, Kleider zu nähen und diese an Freunde und Bekannte zu verkaufen oder zu verschenken.

Nach dem College bin ich dann in dieser Firma hier gelandet. Mehr oder weniger per Zufall.  Ich hatte damals einen kleinen Nebenjob in einer Auslieferungsfirma und wurde damit beauftragt, Unterlagen in die Firma von Mrs Laura Delaine zu bringen. Ich war wahnsinnig aufgeregt, denn ich sah eine Chance auf mich zukommen, die ich irgendwie nutzen musste.

Ich wusste, dass ich diese Unterlagen einfach nur am Empfang hätte abgeben müssen, doch ich wollte mehr.

Mit klopfendem Herzen betrat ich das Gebäude und war nach kurzem Suchen auch schon in ihrem Büro - oder besser gesagt in dem ihrer Sekretärin - gelandet. Die ältere Dame sah mich streng durch ihre Hornbrille an.

„Kann ich irgendetwas für sie tun, Miss?“ Kritisch betrachtete sie meine Flickenjeans und mein ausgeblichenes T-Shirt. Obwohl sie mir von Anfang an unsympathisch war, versuchte ich so nett wie nur irgend möglich zu ihr zu sein: „Wenn es geht, hätte ich gerne mit Mrs Delaine gesprochen.“

„Das wird nicht möglich sein, Mrs Delaine ist in einer Besprechung und wird erst in ein paar Stunden wieder hier sein. Wenn Sie also bitte gehen würden?“

Ich gab nicht auf. „Ich habe hier aber ein paar sehr wichtige Unterlagen für sie, die ich nur persönlich überbringen darf. Ich kann auch hier warten, bis sie wiederkommt.“  Mutig setzte ich mich auf den freien Stuhl neben der Tür, die Unterlagen fest auf meinem Schoß liegen. Ich hatte das Gefühl, diese alte Dame würde jeden Moment aus der Haut fahren, denn sie lief irgendwie verdächtig rot an und schnaubte etwas ärgerlich: „Hören Sie, Miss! Ich bin Mrs Delaines engste Vertraute. Ich bin dazu beauftragt, alles anzunehmen, was für sie hergebracht wird.“ Sie griff nach dem Umschlag auf meinem Schoß, doch ich hielt ihn zurück. „Das stelle ich ja gar nicht in Frage. Dennoch möchte ich ihn ihr lieber persönlich übergeben.“

Verzweifelt ließ sich die hagere Lady mit dem grauen Haarknoten im Nacken wieder auf ihren Stuhl fallen. „Es wird aber nicht möglich sein, dass Sie hier warten. Ich habe jetzt Mittagspause, und die möchte ich ganz gerne genießen. Wenn Sie also die Freundlichkeit besitzen würden und mein Büro verlassen?“

Genau in diesem Moment sah ich meine Chance. „Natürlich, überhaupt kein Problem! Dann komme ich eben ganz einfach später noch einmal wieder.“ Ich sprang auf und bewegte mich schnell Richtung Tür.

„Tun Sie das. Ist mir auch Recht.“  Die alte Hexe schien regelrecht fertig mit den Nerven zu sein.

Ich verabschiedete mich noch überschwänglich und verließ ihr Büro. Allerdings nur das Büro. Nicht die Etage Zu meiner Rettung stand etwas weiter auf dem Flur ein überdimensional großer Gummibaum, hinter dem ich mich dreimal hätte verstecken können. Ich stellte mich also dahinter und lugte zwischen den einzelnen Blättern hindurch über den langen Flur Richtung Bürotür, in der Hoffnung, dass die gute Frau dieses verließ, wen auch nur für einen kurzen Moment.

Es vergingen fünf Minuten, zehn Minuten. Die Türe blieb verschlossen. Das konnte doch nicht sein! Gab es denn in diesem Gebäude keine anständige Kantine, wo sie sich zum Mittagessen hätte hin verziehen können? Oder musste sie nicht mal auf die Toilette, wie jeder andere normale Mensch auch?

Gerade, als ich die Hoffnung aufgeben wollte, geschah das Wunder: schnellen Schrittes verließ die Lady ihr geheiligtes Büro. Dazu muss sie ein sehr dringendes Bedürfnis getrieben haben, denn sie schloss die Türe nicht einmal ab.

Als sie außer Sichtweite war, flitzte ich mutig durch ihr Zimmer in das Büro von Mrs Delaine.

Ich hatte das Gefühl, im Paradies der Designer gelandet zu sein. Ihr Büro war so wahnsinnig geschmackvoll eingerichtet:

Helle pastellfarbene Wände und Vorhänge, ein flauschiger, pfirsichfarbener Teppich und in der Mitte des Zimmers ein Mahagoni-Schreibtisch, an seiner linken Seite eine Staffelei.

Fast schon vorsichtig wandelte ich über den Teppich und legte auf dem Schreibtisch die Unterlagen ab, um mich dann der Staffelei zuzuwenden.

Auf ihr war ein halbfertiger Entwurf zu sehen, der mir nach längerem Betrachten so viele Ideen einfallen ließ, dass ich nicht anders konnte, als den danebenliegenden Stift zur Hand zu nehmen und zu beginnen, an dem Entwurf weiter zu zeichnen.

Nach kurzer Zeit war ich so sehr vertieft, dass ich nichts mehr um mich herum wahrnahm. So wie immer, wenn ich ein neues Kleid entwarf. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon da stand und zeichnete, als plötzlich jemand hinter mir stand und mir über die Schulter lugte.

„Gefällt Ihnen mein Entwurf nicht, oder warum haben Sie das Gefühl, Sie müssten an ihm arbeiten?“

Vor lauter Schreck ließ ich den Bleistift fallen und drehte mich ruckartig um. „Entschuldigen Sie, Mrs Delaine! Aber ich... Es tut mir Leid... Ich verschwinde sofort!“, stammelte ich. Panikartig wollte ich die Flucht ergreifen. Mein ganzer Mut war jetzt dahingeflogen, als ich meinem großen Vorbild leibhaftig gegenüberstand. Ich schämte mich in Grund und Boden. Wie konnte ich auch nur an ihrem Entwurf herumzeichnen? Das war eine Sünde, das wusste ich aus eigener Erfahrung.

„So einfach kommen Sie mir nicht davon, junge Frau! Setzen Sie sich bitte“, sagte sie streng.

Mit zitternden Knien ließ ich mich auf den von Mrs Delaine zugewiesenen Stuhl fallen. Ich hatte ein schreckliches Gefühl. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie mich dem Sicherheitspersonal ihres Gebäudes übergeben. Sie würde mich anzeigen und all meine Chancen in der Designerbranche zu Nichte machen.

„Sie haben Talent“, hörte ich sie stattdessen sagen.

„Bitte?“, fragte ich ungläubig.

„Ich bin beeindruckt von dem, was Sie aus meinem Entwurf gemacht haben. Bei welchem Designer sind Sie angestellt?“

„Bei niemandem.“

„Gut, dann sind Sie es ab morgen. Und zwar bei mir. Ich hoffe, es ist möglich, dies einzurichten?“

„Aber natürlich! Nichts lieber als das!“

„Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Sie werden erst ganz unten anfangen, das ist Ihnen ja wohl hoffentlich klar?“

„Natürlich, Mrs Delaine!“

„Gut, dann möchte ich Sie morgen früh um zehn Uhr hier in meinem Büro wieder sehen. Alles Weitere besprechen wir dann.“

So kam es dazu, dass ich erst im Stofflager landete, ein paar Wochen später aber schon im Vorzimmer als Sekretärin von Mrs Delaine, da die hagere alte Lady in Rente gegangen war.

Seither hatte sich noch nichts Weiteres ergeben. Aber ich dachte, dass ich meine Hoffnung so schnell nicht aufgeben würde und irgendwann in Mrs Delaines Fußstapfen trete.

2

Zwei Monate nach meinem Besuch bei Miguel kam mich nach langer Zeit noch einmal Jacqui besuchen. Ich freute mich wahnsinnig, als sie plötzlich ohne Ankündigung vor meiner Haustür stand.

„Jacqui! Was machst du denn hier? Mit dir habe ich ja überhaupt nicht gerechnet.“

„Dankeschön! Eine sehr nette Begrüßung!“

„Tut mir leid. Aber es ist doch so. Du hast dich gar nicht zurückgemeldet nach deinem Urlaub. Wie war es denn eigentlich, erzähl doch mal.“

Wir setzten uns in mein kleines Wohnzimmer, und ich schenkte ihr eine Tasse Tee ein.

„Es war eigentlich sehr schön in Irland. Seans Eltern sind unheimlich nett. Aber um dir das zu erzählen, bin ich gar nicht hier.“ Jacqui klang sehr ernst, und das gefiel mir überhaupt nicht.

„Was ist passiert?“  Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

„Kannst du dich noch an unser Telefongespräch erinnern, das wir beide geführt haben, als ich noch mit Sean in Irland war?“

„Ja, natürlich. Das war einen Tag nach Miguels Unfall. Du hattest mich deswegen angerufen. Wie geht es Miguel eigentlich?“

„Darum geht es, Marcie. Du hast mir versprochen, dich bei ihm mal sehen zu lassen, während er im Krankenhaus lag.“

„Richtig. Das habe ich ja auch gemacht.“

Jacqui sah mich eine Weile verstört an, bis sie sagte: „Nein, hast du nicht. Du hast nur einmal kurz im Krankenhaus angerufen und mit Oscar telefoniert. Du hast auch ihm versprochen, Miguel zu besuchen, aber du bist nie wirklich gekommen. Ich bin schwer enttäuscht von dir, Marcie. Und jetzt lügst du mich auch noch an.“

Ich war so sprachlos, mir fiel zu meiner Verteidigung so schnell gar nichts ein.  „Aber Jacqui! Das muss ein Missverständnis sein!“, versuchte ich es.

Doch sie ließ mich kaum zu Wort kommen. „Marcie, ich weiß, du hattest ein paar kleine Probleme mit Miguel. Aber das du wegen solch Kleinigkeiten so kalt ihm gegenüber sein könntest, das hätte ich eigentlich nicht gedacht.“

Mit einem Mal kam ich mir von meiner besten Freundin nur noch ungerecht behandelt vor, und so platzte mir vor lauter Wut der Kragen. „Kleinigkeiten? Du weißt doch gar nicht, was passiert ist! Du hattest nur noch Augen für deinen Sean und hast meine Probleme gar nicht mitgekriegt. Du hast überhaupt keine Ahnung, wie er mit mir umgegangen ist!“, schrie ich heraus, und mit meiner Wut kamen die ersten Tränen.

„Marcie, es tut mir leid. Entschuldigung.“ Jacqui legte den Arm um mich.  „Was ist denn zwischen euch vorgefallen?“ Jacqui reichte mir ein Taschentuch, und nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte, sagte ich: „Wir hatten fast nur Streit! Ich weiß auch gar nicht genau, wie es immer wieder dazu kommen konnte. Du weißt doch ganz genau, dass ich kein streitsüchtiger Mensch bin. Aber er hatte es in den letzten Wochen immer wieder geschafft, mich bis aufs Blut zu reizen. Einmal bin ich dann so ausgerastet, dass er mich fast geschlagen hätte! Jacqui, er wollte mir wehtun! Er hat die Hand gegen mich erhoben! Hast du eigentlich eine Ahnung, was das für mich bedeutet?“

Jacqui streichelte mir übers Haar und nickte. „Ich denke, diese Situation wird dich sehr an Michael erinnert haben. Stimmt es?“

Ich nickte und schluchzte. „Wir mussten uns einfach trennen! Das verstehst du doch, oder?“

„Das verstehe ich, ja. Allerdings hätte ich Miguel so etwas nie zugetraut.“

„Ich kann ja auch nicht ihm die alleinige Schuld zuschieben. Wir haben beide einen großen Teil dazu beigetragen, dass diese Beziehung in die Brüche gegangen ist. Ich glaube, wir beide hätten gar nicht erst zusammenkommen dürfen. Ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl bei der ganzen Sache. Wir sind halt ganz einfach zu verschieden.“

„Das kann schon sein. Trotzdem hätte Miguel sich bestimmt gefreut, wenn du ihn mal im Krankenhaus besucht hättest. Er hat oft nach dir gefragt.“

„Aber ich war doch bei ihm! Gleich einen Tag nach seinem Unfall. Ich verstehe gar nicht, warum er erzählt, ich wäre nicht da gewesen.“

„Du warst wirklich da?“ Jacqui sah mich ganz verwirrt an.

„Natürlich war ich da! Das sage ich doch die ganze Zeit. Wieso sollte ich dich denn anlügen? Das habe ich noch nie gemacht, und das weißt du auch. Jacqui, ich schwöre, ich war bei ihm, und wir haben uns sogar ausgesprochen. Ich bin seit zwei Monaten der Meinung, wir hätten alles geklärt und unsere Probleme aus der Welt geschafft. Warum erzählt er euch allen etwas anderes?“

„Wenn ich das wüsste, wäre das alles einfacher für mich zu verstehen. Vielleicht ist es sinnvoll, ihn mal anzurufen. Dann klärt sich bestimmt alles auf.“

Doch der Meinung war ich ganz und gar nicht. „Nein, ich denke ja überhaupt nicht daran! Was soll das denn? Ich finde das nicht okay, wenn er sich so verhält. Er ist und bleibt einfach ein Mistkerl! Wenn er meint, er hätte was zu klären, dann soll er sich bei mir melden. Ich habe vor zwei Monaten den ersten Schritt gemacht. Und nun tut er so, als wäre dieses Gespräch nie gewesen. Ich weiß nicht, was er damit bezwecken will.“

Jacqui sah mich nur an und seufzte nachdenklich. Ich glaube, sie war in diesem Moment genauso ratlos wie ich.

Nach Jacquis Besuch war ich noch wochenlang damit beschäftigt, über unser Gespräch nachzudenken. Das Schlimme jedoch war, das diese Unterhaltung die Erinnerungen an Michael wieder aufleben ließen. Und das war eigentlich das letzte, was ich gewollt hatte.

Michael hatte ich etwa zeitgleich mit meinem ersten Job in der Modefirma kennengelernt. Er arbeitete nämlich als Lieferant dort, und wir hatten uns auf dem Betriebsfest an Weihnachten zum ersten Mal getroffen. Er gefiel mir auf Anhieb, und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit, denn schon an Silvester waren wir ein Paar. Ich war noch niemals so verliebt gewesen und ließ es daher auch zu, dass er gleich zwei Wochen später bei mir einzog. Eigentlich ungewöhnlich für mich, da ich sonst kein Mensch war, der gleich jeden so nah an seine Gefühle ließ. Aber nach dem großen Kummer, den ich damals wegen meiner Eltern gerade hatte, war ich froh, dass mir Michael über den Weg lief. Seit meinem Auszug von zu Hause war ich plötzlich so einsam in meiner kleinen Wohnung. Nun hatte ich ihn und musste nicht mehr alleine sein. Doch schon bald entpuppte sich der angebliche Glücksfall als der größte Fehler, den ich in meinem ganzen bisherigen Leben gemacht hatte.

Meine Angewohnheit, einfach alles für ihn zu tun, wurde mir zum Verhängnis. Durch meine Abhängigkeit wurde Treue zum Betrug, Zärtlichkeiten zu Schlägen, kurz gesagt: der Himmel zur Hölle!

Nicht selten endete eine Auseinandersetzung für mich mit blauen Flecken und Tränen.

Erst nach drei Monaten kam ich aus dieser Hölle heraus, und das auch nur dank Jacqui, die mich eines Abends zufällig mit einer Platzwunde am Kopf und zwei gebrochenen Rippen am Boden meines Schlafzimmers vorgefunden und ins Krankenhaus gebracht hatte. Nach diesem Erlebnis brachten mich meine beste Freundin und ihre Familie endlich dazu, Anzeige gegen Michael zu erstatten. Er bekam ein paar Monate auf Bewährung, mehr weiß ich nicht. Ich hatte ihn glücklicherweise danach nie wieder gesehen. Und hatte den Gedanken an ihn auch erfolgreich verdrängt. Aber dieses Erlebnis hat einige Nebenwirkungen hinterlassen. Nämlich, dass ich anderthalb Jahre lang nach dieser Erfahrung keinen Mann mehr in meine Nähe ließ.

Bis Miguel auftauchte.

Wie sich am Ende herausstellte, war ich wohl für eine neue Beziehung doch noch nicht so weit. Natürlich durfte ich Miguel keinesfalls mit Michael vergleichen, aber mir war klar geworden, dass ich noch lange nicht für eine neue Beziehung bereit war. Mit niemandem.

3

Es war der erste Samstag im April, als ich ins Einkaufszentrum fuhr, um meinen allwöchentlichen Einkauf zu erledigen.

Ich stand noch ganz nachdenklich vor dem Obststand und überlegte krampfhaft, ob ich in meinen Obstsalat lieber Melonen oder Mangos einplanen sollte, als mich plötzlich jemand auf die Schulter tippte.

„Hallo! Das sieht aber nach einer schwerwiegenden Entscheidung aus.“

Erschrocken drehte ich mich um und schaute Scotty Davis in die Augen.  „Scotty! Hallo, was machst du denn hier?“

Eigentlich kannten wir uns so gut gar nicht. Kennengelernt hatte ich Scotty auf der Party von Bret Cassidy, wo es auch zwischen Miguel und mir gefunkt hatte. Doch dann hatten wir uns irgendwie wieder aus den Augen verloren. Leider. Deshalb freute ich mich umso mehr, ihn hier so überraschend wiederzutreffen.

„Na ja, ich wollte eigentlich nur etwas einkaufen...“,  bekam ich zur Antwort.

„Ach, du Spinner! So meinte ich das doch nicht. Was machst du hier in Los Angeles?“

„Sagen wir mal so: Der Beruf hat mich hierher verschlagen. Ich arbeite seit einer Woche im Cassidy’s als Fitnesstrainer. Was kaufst du denn da gerade leckeres ein?“

„Ich habe mich letztendlich doch für die Melone entschieden. Bei mir gibt es heute Abend Obstsalat.“

„Aha. Du bekommst wohl Besuch, was?“

„Nein, eigentlich nicht. Ich bin alleine zu Hause. Das ist übrigens nicht ungewöhnlich für mich.“ Ich bezahlte die Melone, und Scotty und ich gingen ein Stück gemeinsam wie selbstverständlich weiter.

„Wieso kommt Miguel denn nicht vorbei?“

„Oh, bitte! Hör mir mit Miguel auf! Wir sind schon lange nicht mehr zusammen, und das ist auch besser so. Ich möchte aber auch nicht darüber reden, wenn du nichts dagegen hast.“

Scotty zuckte lächelnd mit der Schulter. „Ist schon okay. Was ich aber überhaupt nicht gut finde, ist, dass du deinen Salat heute Abend ganz alleine essen willst. Bist du sicher, du schaffst diese Melone hier? Die ist doch ganz schön groß.“ Scotty klopfte auf das Fußball-große Stück, und ich musste lachen. „Könnte es vielleicht sein, dass du darauf wartest, dass ich dich zum Essen einlade?“

„Was, ich? Niemals! Aber wenn du es so gerne möchtest, dann komme ich natürlich vorbei.“

„Okay. Aber du höhlst dieses Musterstück hier aus. Klar?“ Ich drückte Scotty die Melone in die Hand und gemeinsam zogen wir los.

 

Nach diesem ersten gemeinsamen Abend wurde mir gleich bewusst, dass ich einen Freund fürs Leben gefunden hatte.

Wir hatten viel Spaß miteinander, trafen uns so oft es ging und telefonierten regelmäßig miteinander. Mir war klar, dass mir in dem Moment nichts besser bekam, als eine völlig unkomplizierte Freundschaft zu einem Mann, der genauso war wie der große Bruder, den ich leider nie hatte. Ich bekam das Gefühl, endlich eine Familie zu haben.

 

Eines Abends klingelte unverhofft mein Telefon. Ich war gerade aus der Badewanne gestiegen und wollte es mir auf der Couch gemütlich machen.

„Hallo Kleine! Ich bin’s, Scotty.“

„Oh, Hallo! Was ist los? Wir haben doch erst gestern Abend miteinander telefoniert. Gibt es etwas Besonderes?“

„Na ja, eigentlich schon! Ich muss dich um etwas bitten. Aber fall nicht gleich aus allen Wolken, ja?“

„Worum geht es? Ich bin schon total gespannt.“

„Ich habe mir heute Morgen beim Training eine Verletzung zugezogen. Mir ist eine Hantel auf den Brustkorb gefallen.“

„Was? Das ist ja schrecklich!“ Ich machte mir gleich wahnsinnige Sorgen.

„Es ist halb so schlimm, Süße. Ich bin bloß für ein paar Wochen krankgeschrieben und wollte dich fragen, ob ich so lange zu dir ziehen kann. Ich brauche so was wie eine Krankenschwester.“

„Natürlich kannst du hier wohnen, das ist überhaupt kein Problem. Aber was sagt deine Freundin dazu? Wieso hat sie keine Zeit für dich?“

„Ich glaube, ich muss dir was gestehen. Pam ist vor ein paar Tagen ausgezogen. Und zwar wegen dir.“

„Was? Wegen mir? Das ist doch nun wirklich lächerlich!“

„Ich weiß das. Aber sag das mal ihr. Sie glaubt, wir hätten was miteinander. Dass das nicht so ist, konnte ich ihr leider nicht beweisen. Ich denke sowieso, dass sie einfach nur nach einem Grund gesucht hat, mich zu verlassen. Und das schon lange. Meine intensive Freundschaft zu dir kam ihr da wohl ganz gelegen als Ausrede. Sie war schon immer gut darin, mir die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben.“

„Scotty, das tut mir Leid für dich.“ Das tat es wirklich. Ich wusste genau, wie sehr er Pam liebte, und nun startete sie so eine gemeine Aktion.

„Schon okay, Mäuschen. Ich werde es überleben. Ich komme ja jetzt zu dir, und dann kannst du dich um mich kümmern.“

„Das mache ich doch gerne. Das weißt du. Wann soll ich dich abholen?“

„Morgen früh schon. Ich hoffe, das geht in Ordnung?“

„Aber klar! Das passt sogar sehr gut. Ich habe mir nämlich zwei Wochen Urlaub genommen. Wir haben also eine Menge Zeit füreinander.“

 

Am nächsten Morgen stand ich um Punkt neun Uhr vor Scottys Haustür. Wir begrüßten uns mit einem Kuss und ich nahm ihn in den Arm.

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