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Manfred Wilt und die Rocker

Einführung

1. Kapitel Unfall?

2. Kapitel Bussard

3. Kapitel Burning Bulls

4. Kapitel Conny

5. Kapitel Datura

6. Kapitel Marie

7. Kapitel H18

8. Kapitel Stahlhelm

9. Kapitel Disco Fieber

10. Kapitel Dealer

11. Kapitel Markus

12. Kapitel Offene Karten

13. Kapitel Bootsausflug

14. Kapitel H13

15. Kapitel Schluss

I M P R E S S U M

Manfred Wilt und die Rocker

von Walter Gerten

© 1999 Walter Gerten.

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Walter Gerten

info@smg-gerten.de

Dieses E-Book, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne

Zustimmung des Autors nicht vervielfältigt, wieder verkauft oder weitergegeben werden

Text, Zeichnungen, Bilder und Fotos von Walter Gerten. © 1999 Walter Gerten

Der Autor:

Walter Gerten lebt seit vielen Jahren in der Südeifel und hat sich bei seinen Romanen von dieser Landschaft beeinflussen lassen. Ausnahmen sind „Monte Nudo“ und „Unterwegs mit Tom Kerouac“, welche in Norditalien bzw. Frankreich spielen.

Menschen abseits der üblichen Handlungsmuster, getrieben von tiefgreifenden emotionalen und rationalen Strömungen verlieren sich in existentiellen Verstrickungen, zumeist auf einer psychologisch-kriminalistischen Bühne, auf der sich die Beteiligten an ihren Grenzen bewegen und den Leser einbeziehen.

Weitere Romane:

Manfred Wilt und der Tote am Fluß

Der Bote des Zarathustra

Monte Nudo

Unterwegs mit Tom Kerouac

Das Buch:

Martin Wilt („Man“) der arbeitslose ehemalige Polizist lernt dieses Mal die andere Seite der Südeifel kennen.

Als ein befreundeter Motorradfahrer durch Fremdeinwirkung verunglückt und sein Leben verliert begibt Martin sich undercover in die Bikerszene.

Die Handlung und die Namen der Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

Alle Zeichnungen, Bilder, Photos Walter Gerten; Copyright Walter Gerten

Die Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens:

Manfred Wilt, die erste Hauptperson, ehemaliger Polizeibeamter, in die Südeifel ausgesiedelt

Marie, Manfreds Lebensgefährtin, Goldschmiedemeisterin

Jupp, Manfred's Nachbar, Nebenerwerbs-Landwirt

Markus, die zweite Hauptperson, Manfreds bester Freund, Polizist

Christine, genannt Chris, Maries Geschäftspartnerin und mit Markus befreundet

Gerd, ebenfalls Freund von Manfred, Polizist

Hans Maar, der tödlich verunglückte Motorradfahrer

Konrad Scherf, (Conny), ein Nachbar von Manfred, ehemaliger Rocker

Robert, Rocker, Freund von Konrad

Horst Schönberger, Motorradfahrer, - Bastler

Paul Maar, Bruder von Hans Maar, wohnt in der WG von Horst und Robert

Jenny Schönberger, Drogenopfer

Helmut Schönberger, Jenny's Vater, Bruder von Horst.

Nachbarin, von Helmut Schönberger.

Stahlhelm, Maxi, Schwarzhemd, Neo-Nazis.

Ulli, "Hans-Herbert", Neo-Nazi

Kellnerin, in der "Night-Raver-Disco"

Arzt

1. Kapitel Unfall?

Manfred Wilt war der Verzweiflung nahe. An manchen Tagen zerschellte er wie ein zu schwaches Schiff, das an einem Felsen scheitert, an der isolierten Lage seines einsam gelegenen Hauses in der Südeifel.

Nichts bewegte sich an diesem Sonntag in seiner Umgebung, was seine Langeweile zu unterbrechen in der Lage gewesen wäre.

Sicher, es war reichlich Leben um ihn herum; die Singvögel zwitscherten um die Wette. Ein Schwalbenschwarm fiel in seinen Garten ein und flog einen Angriff nach dem anderen auf die Insektenscharen. Ab und zu unterbrach eine erfrischende Brise die drückende Hitze des Sommers.

Er hob das Glas mit dem Campari-Orange, das neben dem Gartenstuhl im Gras stand, vor den Mund und sog das kühle Getränk durch den Strohhalm.

Nichts zu tun als auszuruhen.

Er blickte in den stahlblauen Himmel. Die Rotation der Welt schien mit einem knirschenden, rostigen Ächzen zum Stillstand zu kommen.

Aus den beiden Nachbarhäusern neben dem kleinen Aussiedlerhof war nicht ein einziges Lebenszeichen zu hören. Keine menschliche Stimme, kein Türenschlagen, kein Motorgeräusch; rein gar nichts.

Manfred fühlte sich wie gelähmt. Er wollte sich entspannen. Die Werkstatt kostete ihn sehr viel Energie. Jetzt nervte ihn diese entschlußlose Untätigkeit noch mehr als die tägliche Arbeit.

Sollte dies etwa die Quintessenz seines Daseins sein? Tag für Tag arbeiten, einen Auftrag nach dem anderen erledigen; immer zur Stelle sein für Anrufe, Nachfragen, weitere Aufträge? Und dann, am Wochenende, wenn er zu sich selbst kommen wollte, hatte das Universum plötzlich keinen Mittelpunkt mehr, um den es sich drehen konnte; keinen Sinn.

Ausweglose Gedanken zogen wie übel riechende Schwaden durch seinen Kopf. Eine kühle Brise aus dem Tal trug das entfernte Geräusch des Verkehrs von der Sauertalstraße herauf in seinen Garten. Man konnte die dahinrollenden Autos am hellen Sirren der Reifen und dem dunklen Motorbrummen erkennen. Die Motorräder erzeugten ein aggressives Klangspektrum, speziell wenn sie hordenweise unterwegs waren, wie jetzt am Wochenende.

Manfred erinnerte sich daran, was sein Nachbar ihm heute Morgen erzählt hatte.

"Hast du schon von dem schweren Motorradunfall gehört?", hatte Jupp gefragt. "Unten auf der Sauertalstraße ist einer gegen die Mauer an der Bahnunterführung gerast. Er muß direkt tot gewesen sein. Sein Helm war aufgeplatzt wie eine Kokosnussschale. Ich verstehe nicht, wie man die Kurve übersehen kann.

Der muß viel zu schnell gewesen sein. Mein Schwager war an der Unfallstelle, kurz nachdem es passierte, heute Morgen. So ca. 9:00 Uhr. Die Polizei meinte wohl, es könnte noch ein anderes Fahrzeug daran beteiligt gewesen sein."

Jupp war wie immer über alle Ereignisse in der Umgebung früher und besser informiert als Manfred. Er kannte die Stelle, sie lag gleich unten im Sauertal nahe dem Ortsrand von Neumühl. Die Straße verlief dort in einer längeren Geraden parallel zur Sauer, dem kleinen Grenzfluß zwischen Deutschland und Luxemburg. Dann knickte sie in einer scharfen Linkskurve ab, unter der stillgelegten Bahnstrecke durch, um danach wieder in einer Rechtskurve daneben entlang zu führen. Genau im Kurvenscheitel wurde sie rechts und links von den breiten Brückenpfeilern aus Sandstein begrenzt.

Manfred fuhr selbst Motorrad; er war die Strecke schon einige hundert Mal gefahren. Unter normalen Umständen, also Blutalkoholspiegel nicht zu hoch, Fahrer weder nachtblind noch ohne Scheinwerfer fahrend, gab es keine Probleme, die Kurve zu bewältigen. Zudem war ja der Unfall am Tag passiert. Vielleicht konnte Markus, Manfreds Freund bei der Trierer Polizei, Genaueres berichten.

Manfred lehnte sich zurück und nahm einen Schluck von seinem Campari. Welchen Grund gab es, mit dem Leben unzufrieden zu sein? Sein Blick fiel auf die Naturstein-Terrassen in seinem Garten. Die großen Terrakottatöpfe davor, mit den Oleandern, dem Eukalyptusbäumchen und den kleinen Feigen, die Stauden und Blumenbeete bildeten ein südliches Arrangement. Überhaupt konnte man sich hinter dem alten Bauernhaus nach Südfrankreich versetzt fühlen. Marie kümmerte sich um den Garten; sie lebte für die Farben und Gerüche, die Lust der Sinne, die ihr das Gleichgewicht gaben.

Manfred Wilt hielt inne im Grübeln. Der Stillstand der Welt erhielt plötzlich eine andere Qualität. Dieser Topf mit dem Zitronenbäumchen, der rote Ton mit den grünen Flechten und den Kalkausblühungen am Rand, hatte Leben bekommen. Die verwitterten Terrassen, die gelbroten, unregelmäßigen Steine mit den weichen Mooskissen an ihrer Wetterseite; sein Blickfeld, der kleine Bereich seiner Umgebung war ein Kunstwerk. Kein zweidimensionales Bild, keine starre Skulptur, sondern eine atmende Manifestation des Lebens.

Manfred ließ den Blick über das Gras und die Blüten der kleinen Gänseblümchen zum Bambus neben dem Teich wandern. Alles war erfüllt von diesem Leben. Die Geräusche drangen in sein Bewußtsein. Es war wie das Entfernen eines Korkens.

Die Schwalben und Amseln sangen ihr Lied, selbstvergessen und hundertprozent präsent. Die Brise brachte die Blätter der Buchenhecke zum Schwingen. Von keinem Gedanken gestört empfand Manfred die Gegenwart. Die Frustration war weggeblasen, er war dankbar. Er dankte der abwesenden Marie, das war der erste Gedanke, der entstand. Sie zeigte ihm auch in ihrer Abwesenheit ihr Wesen durch die Schönheit des Gartens.

Er tadelte sich. Wozu dieses Strampeln nach Zufriedenheit und Glück? Das hatte er fast vergessen, einfach aufzuhören und offen zu werden; offen für die Natur, für die Mitmenschen. Es hatte etwas Erotisches.

Manfred hörte das Telefon im Haus klingeln. Er rappelte sich hoch aus seinem bequemen Stuhl und eilte durch die Gartentür nach unten ins Treppenhaus.

"Hi, Man!", begrüßte ihn Markus am anderen Ende der Leitung. "Ich wollte mal hören, ob du morgen zu Hause bist. Ich hab' in der Gegend zu tun und würde gerne mal kurz vorbeikommen. Vielleicht hast du ja schon von dem Motorradunfall auf der Sauertalstraße gehört. Es ist zwar schon alles von der Verkehrspolizei aufgenommen, aber die Kripo hat noch ein paar Fragen zu klären. Deshalb soll ich morgen nochmal zur Unfallstelle. Vielleicht hast du zu der einen oder anderen Frage 'ne Idee."

"Ja klar, Markus", antwortete Manfred. "Komm' einfach vorbei. Ich arbeite sowieso den ganzen Tag in der Werkstatt. Für 'ne Unterbrechung bin ich dankbar. Von dem Motorradunfall hab' ich schon von Jupp, meinem Nachbarn gehört. Du kennst ihn ja; er weiß immer alles zuerst."

"Man vermutet Fremdbeteiligung. Die Bremsspuren deuten darauf hin. Ob es weitere Hinweise gibt, soll ich morgen erkunden. Also, wir sehen uns dann im Laufe des Vormittags."

2. Kapitel Bussard

 

Montag Morgen. Manfred stand in seiner Werkstatt vor einer neuen Figur. Mit Stechbeitel und Schlegel bearbeitete er einen etwa 80 cm hohen Kirschholzblock. Es sollte ein Bussard werden.

Der Kunde wollte einen Greifvogel haben, der soeben von der Sitzhaltung in den Flug übergeht. Die Flügel bereits leicht angehoben, der Körper schon nach vorne gebeugt, Kopf und Augen auf das Ziel gerichtet, die Krallen noch auf dem angedeuteten Felsblock.

 

 

Manfred liebte die Greifvögel, speziell die Bussarde, seit seiner Kindheit. Bei seinen Verwandten im Eifeldorf hatte er sie in den Ferien beobachten können, zu Hause in Trier gab es dazu keine Gelegenheit. Jetzt, nachdem er mit Marie das Häuschen in der Südeifel besaß, sah er sie täglich und hörte ihre Rufe, die die Thermik ankündigten.

Er hatte ein schlechtes Gewissen den Bussarden gegenüber, weil er als Kind einen getötet hatte.

 

Sein Onkel hatte einen Mäusebussard im Hühnerstall gefangen, der unter den Hühnern räubern wollte und sich dabei in einem schmalen Käfig verfangen hatte. Der Onkel hatte ihn in einen Sack gesteckt und Manfreds Vater gegeben, weil er von Manfreds Interesse an diesen Vögeln wußte. Sie wollten ihm eine Freude bereiten und drängten ihn, gleich am nächsten Tag zum Präparator zu fahren.

Manfred mußte am nächsten Tag mit dem Bus von dem Trierer Vorort, in dem sie wohnten, in die Innenstadt fahren. Die Menschen im Bus wunderten sich über seinen Sack, in dem sich hin und wieder etwas bewegte. Es war ihm peinlich, daß sie andauernd zu ihm herüber sahen.

Schließlich stieg er an der Haltestelle aus und ging mit seinem Sack die letzten Straßen entlang zu dem Präparator. Der Vogel hatte seit drei Tagen nichts mehr gefressen und getrunken und war sicherlich ziemlich entkräftet. Manfred fühlte sich äußerst unwohl auf diesem Weg. Am liebsten hätte er ihn frei gelassen. Er wußte, oder ahnte, es wäre richtig gewesen. Aber sein Vater; was würde er dazu sagen? Sie erwarteten doch alle, daß er das Tier präparieren ließ. Der Druck war zu groß. Der Präparator im Geschäft sah wohl seine Bedenken und sagte zu ihm: "Er wird nichts spüren."

 

 

Er hatte danach keine Freude mehr an dem toten Vogel, genau wie an allen Tierpräparaten, die er sah. Seine Tat verfolgte ihn durch sein ganzes bisheriges Leben; nicht ständig, aber doch hin und wieder, wenn er sich daran erinnerte. Er hatte desöfteren darüber nachgedacht, ob er es wiedergutmachen konnte, aber es war ihm kein Weg dazu eingefallen. Immerhin liebte er die lebendigen Bussarde umso mehr.

Vielleicht werde ich in einem künftigen Leben als Bussard wiedergeboren, dachte er scherzhaft, ohne wirklich an eine solche Möglichkeit zu glauben. In Wirklichkeit war es nicht wichtig, was nach seinem Tod sein würde, er versuchte, jetzt richtig zu leben.

 

 

Er erinnerte sich an sein Erlebnis vom Vortag im Garten, als ihm die "Lebendige Gegenwart" begegnet war. Dann fiel ihm die Geschichte mit dem Motorradunfall ein und im gleichen Augenblick sah er Markus vorfahren.

 

 

Markus war ein langjähriger Freund von ihm, sie kannten sich bereits von der Schule und hatten im Laufe der Zeit einige gemeinsame Phasen erlebt. Er war bei der Polizeibehörde Trier geblieben, als Manfred damals seine Laufbahn dort beenden mußte. Er stieg aus seinem Auto aus und trat durch die Werkstatttür ein. Sie begrüßten sich freundschaftlich und beschlossen, in der Küche eine Kaffeepause einzulegen.

 

 

Markus war gut gelaunt, wie immer. Er setzte sich auf die Bank am Küchentisch und drehte sich eine Zigarette, während Manfred den Kaffee bereitete.

Erstaunlich, daß er immer so ausgeglichen wirkt, dachte Manfred. Er selbst war manchmal grantig und schlecht gelaunt und wußte, daß die anderen das auch merkten und entsprechend reagierten. Markus dagegen machte auf ihn immer den gleichen Eindruck innerer Harmonie. Er hatte ein fein gezeichnetes Gesicht, das Intelligenz und Optimismus ausstrahlte. Manfred erlebte ihn hin und wieder auch ernst und ruhig; sie führten oft tiefschürfende Gespräche, aber richtig niedergeschlagen hatte er ihn noch nie gesehen, auch nicht in schweren Zeiten.

 

Er beobachtete ihn beim Drehen der Zigarette. Sie waren etwa gleichaltrig, um die vierzig. Markus war das, was man vielleicht einen Frauentyp nennen konnte, sofern das von einem Mann zu beurteilen war.

Groß, gutaussehend, dunkle, etwas längere Haare und ein schmales, kluges Gesicht mit warmen, braunen Augen. Kein Macho-Typ, eher sogar leicht feminin in der Körpersprache und der Art der Kommunikation. Genau das, was Frauen gut tut. Nur seine Schüchternheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber war wohl der Grund für sein langjähriges Single-Dasein. Seit ein paar Monaten lebte er allerdings mit Christine zusammen, einer Freundin von Manfred und Marie.

"Wie geht's euch?", fragte Manfred, während er die Tassen mit dem dampfenden Kaffee auf den Tisch stellte.

"Gut, danke", antwortete Markus. "Chris ist im Moment wieder halbtags mit Marie im Schmuckladen; weißt du ja wahrscheinlich. Wir wollen uns eine größere Wohnung suchen, am liebsten mit Garten. Für uns beide ist mein Appartement auf Dauer doch etwas zu klein. Ich würde ja am liebsten so ein Häuschen suchen wie Eures hier. Auf'm Dorf, weißt du, und mit viel Platz rundherum. Vielleicht sogar kaufen. Zusammen könnten wir uns so was leisten, wenn's nicht zu teuer wäre."

 

"Und wie läuft die Arbeit bei der Polizei?", fragte Manfred.

"So weit ganz o.k. Es gäbe natürlich hin und wieder was zu meckern, aber warum soll man sich das Leben mit Ärger versauen? Ach ja, ich soll dich von Gerd grüßen."

Gerd war ein guter Freund der beiden, der auch bei der Polizeibehörde Trier arbeitete.

"Gerd ist übrigens auch mit dem Motorradunfall unten auf der Sauertalstraße beschäftigt. Sieht auf den ersten Blick wie'n astreiner Unfall wegen zu hoher Geschwindigkeit und Unaufmerksamkeit aus. Beim näheren Hinsehen ergeben sich aber einige Hinweise auf andere Zusammenhänge; wahrscheinlich sogar Fremdverschulden. Deshalb bin ich auch hier, abgesehen davon, dass ich dich natürlich gerne besuche.", grinste er. Er schlürfte den heißen Kaffee und überlegte.

 

"Der Tote hieß Hans Maar; er war bei uns als Drogendealer bekannt. Das ist der erste Punkt, der eine Besonderheit darstellt. Er wurde zweimal mit etwas zuviel Haschisch erwischt. Einmal hat er deshalb in Untersuchungshaft gesessen. Wir wissen aber, dass er auch mit härteren Drogen gehandelt hat; bisher hat's allerdings noch nicht zu 'ner Verurteilung gereicht. Ich hab' hier ein Foto von ihm dabei; es stammt aus seiner Wohnung, in der wir übrigens noch geringe Mengen Haschisch und Kokain gefunden haben."

 

Manfred sah sich das Foto an, es zeigte einen jungen Mann, etwa 30 Jahre alt, ohne irgendwelche Merkmale, die man bei einem Drogendealer eventuell erwartet. Ein unscheinbarer Mensch; kurze, dunkle Haare mit normalem Schnitt, schmale Augen und unsicherer Blick, glatt rasiert.

"Nie gesehen", sagte er und gab Markus das Foto zurück. "War der hier aus der Gegend?"

"Sein Motorrad ist in Bitburg angemeldet. Hat auch da in der Nähe gewohnt, zumindest zeitweise. In seiner Scheune war ein Motorrad-Treffpunkt für die Biker aus der Umgebung. Deshalb dachten wir, du könntest dich vielleicht ein bißchen umhören in der Szene.

Du fährst ja Motorrad, du wohnst in der Gegend. Vielleicht kennst du ja sogar den einen oder anderen von denen.

Überleg's dir; du wirst natürlich dafür bezahlt, dass du als verdeckter Ermittler Informationen für uns beschaffst. War meine Idee, dich dafür vorzuschlagen, weil du früher mal bei der Polizei gearbeitet hast. Ich wäre deine Kontaktperson. Ich fahre ja selbst privat auch Motorrad; wenn ich damit bei dir aufkreuze, ist das unverdächtig, falls jemand von denen hier sein sollte.

Du mußt nicht gleich was dazu sagen. Ich wollte erst nochmal zur Unfallstelle fahren, um mir den Weg neben der Straße anzusehen. Wir haben ihn von beiden Seiten gesperrt, damit niemand da durchläuft und die Spuren zerstört. Wenn du Zeit hast, dann komm mit. Gestern haben wir diesen abgerissenen Blinker gefunden. Er stammt nicht von Hans Maar's Maschine."

 

 

Er zog aus seiner Jackentasche eine Plastiktüte mit einem Motorradblinker und reichte sie Manfred, der sie sich von allen Seiten genau ansah.

"Was für ein Motorrad fuhr der Mann?", fragte er.

"Eine Kawasaki VN 15. Ein japanischer Chopper."

"Ja, kenn' ich. Aber das ist kein Kawasaki-Blinker."

"An der Kawa waren noch alle Blinker dran", erwiderte Markus. "Der Blinker muss von einem anderen Motorrad stammen."

"Das hier ist kein Original-Blinker. Das ist ein Nachrüst-Teil von einem Zubehör-Händler. Mit solchen Design-Elementen geben viele Motorradfahrer ihren Maschinen die individuelle Note. Man kann überhaupt nicht sagen, von welcher Marke die Maschine war, an der dieser Blinker angebaut war."

Markus zog das Teil aus dem Plastikbeutel und zeigte Manfred eine zerkratzte Stelle an der Außenseite.

"Hier in der abgeschliffenen Fläche am Aluminiumgehäuse sind Lackspuren, die vom Tank der Unfallmaschine stammen, dunkelrot. Am Tank sind Kratzspuren, die zu denen am Blinker passen.

Das ist der eine Hinweis auf Fremdbeteiligung. Der andere sind die Bremsspuren. Aber das kannst du ja gleich selbst sehen. Hast du eine halbe Stunde Zeit?"

"Ja klar, so lange kann ich weg." antwortete Manfred.

 

Fünf Minuten später standen sie an der Unfallstelle unter der Bahnunterführung. Manfred blickte die lange Gerade parallel zur Sauer entlang. Am anderen Ende konnte er das Dorf Frommen sehen. Mit einem schnellen Motorrad erreichte man auf dieser Strecke bei voller Beschleunigung sicherlich 150 km pro Stunde. An der rechtwinkligen Kurve, die unter der alten, stillgelegten Bahnstrecke durchführte, zweigte ein Weg ab, der weiter an der Sauer entlang führte.

Eventuell könnte man, wenn man merkte, dass man zu schnell für die Kurve war, in den Weg hinein ausweichen, das wäre auf jeden Fall angenehmer als die Mauer unter der Bahnstrecke.

 

Markus machte ihn auf die Bremsspuren aufmerksam.

"Siehst du hier die Reifenspuren, Manfred? Normalerweise hat ein Motorrad, wenn es hart abbremst, so dass beide Räder blockieren, nur eine, gerade verlaufende Bremsspur. In diesem Fall sind es aber zwei, die parallel im Bogen verlaufen. Außerdem sind sie nicht vor der Kurve, sondern mitten drin. Der Fahrer hat also nicht vor der Kurve eine Vollbremsung durchgeführt, als er merkte, dass er zu schnell war, sondern er ist in Schräglage im Kurvenscheitel ins Rutschen gekommen. Hier, die kurze Spur ist vom Vorderrad, die andere, längere und gebogene ist vom Hinterrad. So, als ob das Vorderrad zuerst blockiert hätte. Die Maschine ist dann vorne weggerutscht und zuerst gegen den Bordstein und dann gegen die Mauer geprallt. Der Fahrer wurde vom Sitz geschleudert und gegen die Mauer katapultiert.

 

 

Die Spezialisten von der Verkehrspolizei haben aufgrund der Reifenspuren und des Motorradzustands ermittelt, dass die Geschwindigkeit gar nicht übertrieben hoch war. Die Maschine ist relativ unversehrt, abgesehen von den Schleifspuren und Beulen am Tank und an den Kotflügeln.

Aber selbst bei Tempo 70 ist ein Aufprall auf diese Mauer lebensgefährlich. Der Mann hat einen Genickbruch erlitten; er war sofort tot.

Da drüben, neben der Straßenmitte siehst du noch eine Bremsspur, die eventuell von einem beteiligten Fahrzeug stammen könnte. Die Breite läßt ebenfalls auf ein Motorrad schließen. Der Blinker, den ich dir gezeigt habe, ist der einzige Hinweis; falls wir da drüben am Weg sonst nichts finden."

 

Sie gingen zur Abzweigung des Weges und stiegen über das Absperrband der Polizei. Es war ein unbefestigter, sandiger Weg zwischen eng stehenden Büschen und Bäumen, die sich auch den Bahndamm hinauf und über die alte Bahntrasse erstreckten. Die weiche Erde zeigte eine ganze Menge Abdrücke von schmalen Fahrradreifen und Fußspuren. Eine breitere, grobstollige Spur verlief über den anderen, war also später entstanden. Markus ging in die Hocke und zeigte auf die tiefen Abdrücke der quadratischen Stollenblöcke.

 

"Sieh mal hier, Man. Das ist sicherlich die letzte Spur, sie kreuzt die älteren und ist noch schön scharfkantig. Das könnte ein Geländemotorrad gewesen sein, was meinst du?"

"Ja, ich glaube auch. Ein straßentaugliches Geländemotorrad, eine Enduro. Hier vorne, wo der Weg an der Straße endet, hat sie scheinbar gewendet. Das sieht man gut, weil es hier kein Gras gibt.

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