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Manchmal werden Wunder wahr

1. KAPITEL

Lauren Seville parkte ihr Auto am Straßenrand und stieg aus. Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne schien warm vom strahlend blauen Himmel auf die malerische Landschaft Connecticuts hinab. Tief sog Lauren den betörenden Duft der Wildblumen ein und lauschte dem fröhlichen Zwitschern der Vögel. Dann beugte sie sich vor und übergab sich in den nächsten Busch.

Es mochte ja ein traumhafter Tag sein, aber im Moment herrschte in ihrem Leben das gleiche Durcheinander wie in ihrem Magen.

Sie war schwanger.

Schon lange bevor sie den Investmentmakler Holden Seville kennengelernt und geheiratet und ihr Leben als „Frau eines erfolgreichen Mannes“ begonnen hatte, war Lauren von ihrem Arzt eröffnet worden, dass sie keine Kinder bekommen könne. Nachdem sie nun vier Jahre in einer Ehe verbracht hatte, die genauso steril war wie sie scheinbar selbst, war dann doch das Unerwartete geschehen.

Lauren richtete sich wieder auf und strich den leichten Stoff ihres Sommerkleids über dem immer noch flachen Bauch glatt. Sie konnte es nach wie vor nicht fassen, dass sie tatsächlich schwanger war, und es erfüllte sie mit einem nie da gewesenen Hochgefühl, mit Ehrfurcht und freudiger Erwartung. Inzwischen befand sie sich schon fast im dritten Monat. Es war wie ein Wunder.

Ihr Mann allerdings teilte ihre Meinung nicht. Ganz im Gegenteil.

„Ich will keine Kinder.“

Der abweisende Ton klang noch immer in ihren Ohren nach. Doch das war nichts Neues für sie. An seiner Einstellung hatte er schon keinen Zweifel gelassen, als er ihr genau ein Jahr nach ihrem ersten Treffen einen Heiratsantrag gemacht hatte. Seiner Ansicht nach stifteten Kinder nur Unruhe, richteten Chaos an und brauchten viel zu viel Aufmerksamkeit. Sie passten einfach nicht zu den schicken Cocktailpartys und dem gehobenen Lebensstil, den er gewohnt war und den er auch weiterhin genießen wollte.

Lauren dagegen sah das völlig anders, aber damals hatte sie nichts dazu gesagt. Warum diskutieren, wenn sie ohnehin keine Kinder bekommen konnte? Aber das war eben damals gewesen.

Schon wurde ihr wieder schlecht, und sie schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Straßenrand.

„Oh Gott“, stöhnte sie, stolperte ein paar Schritte rückwärts und lehnte sich erschöpft gegen die Beifahrerseite.

Wie hatte sie nur glauben können, dass ihr Mann seine starre Haltung ändern würde, jetzt, wo es eben doch passiert war. Der Schock, dass er von ihr verlangte, das Kind wegmachen zu lassen, steckte ihr immer noch in den Knochen.

„Beende diese Schwangerschaft“, hatte er gesagt. Offenbar schien er sie ganz allein dafür verantwortlich zu machen und fühlte sich in keiner Weise mit dem Leben, das in ihrem Bauch heranwuchs, verbunden.

„Wenn du es nicht tust, lasse ich mich scheiden.“

Gerade einmal vierundzwanzig Stunden nachdem Lauren sich strikt geweigert hatte, seiner Aufforderung nachzukommen, stand sie an einer einsamen Landstraße. Ihr war übel, sie war erschöpft, und sie sehnte sich nach dem gemütlichen Doppelbett in ihrer Wohnung in Manhattan. Irgendwann würde sie zurückgehen.

Sie hatte nur ihre Handtasche und all ihre Enttäuschung mitgenommen. Aber auf den Rückweg konnte sie sich erst machen, wenn sie sich einen Plan zurechtgelegt hatte. Das nächste Mal würde sie Holden mit erhobenem Haupt entgegentreten und ihre hormonbedingten Gefühlsausbrüche unter Kontrolle haben. Und dann war es auch an der Zeit, ihre eigenen Forderungen zu stellen.

„Hey. Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Eine tiefe Stimme hinter ihr riss Lauren aus ihren Gedanken. Rasch drehte sie sich um und sah einen jungen Mann aus Richtung des Bauernhauses am Ende der Straße auf sie zulaufen. Hatte er etwa alles beobachtet? Sie wurde ganz rot vor Verlegenheit und traute sich gar nicht, ihm in die Augen zu schauen.

„Alles okay“, erwiderte Lauren.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, ging um den Wagen herum und hoffte inbrünstig, dass er nicht näherkommen würde. Aber er lief mit weit ausgreifenden Schritten geradewegs auf sie zu und hatte ihr Auto erreicht, noch bevor sie die Tür des Mercedes öffnen und sich hineinsetzen konnte.

Jetzt war es dafür zu spät. Das wäre absolut unhöflich gewesen. Und Lauren wahrte immer die Form. Also blieb sie stehen, dasselbe kleine Lächeln im Gesicht, das sie auch auf den langweiligen Cocktailpartys ihres Mann und seiner Kollegen immer parat hatte.

„Sind Sie sicher?“, erkundigte sich der Mann. „Sie sehen immer noch ein wenig blass um die Nase aus. Vielleicht sollten Sie sich besser hinsetzen.“

Lauren schätzte ihn auf Mitte dreißig. Seinen braun gebrannten muskulösen Armen nach zu schließen, war er wohl ziemlich sportlich. Er war groß und hatte zerzauste dunkelbraune Haare, die von der sanften Brise noch mehr in Unordnung gebracht wurden.

„Ich habe die ganze Zeit schon gesessen. Na ja, vielmehr bin ich gefahren.“ Sie deutete vage in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Ich habe Halt gemacht, um … um … mir ein bisschen die Beine zu vertreten.“

„Okay.“ Er sah sie mitfühlend an. „Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht irgendetwas Gutes tun kann? Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?“

„Nein, aber danke der Nachfrage.“

Die Antwort kam ganz automatisch über ihre Lippen. Sie war es so gewohnt, ihre wahren Gefühle zu verstecken, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen und es allen recht zu machen. Schon von Kindesbeinen an war sie immer darauf bedacht gewesen, die hektischen Zeitpläne ihrer Eltern nicht durcheinanderzubringen. Und auch als Ehefrau hatte sie Holden und seinen anspruchsvollen Beruf immer an erste Stelle gesetzt.

Aber sie war jetzt schon zwei Stunden lang ziellos durch die Gegend gefahren. Sie hatte keine Ahnung, wie weit es noch bis zur nächsten Stadt war, und sie musste einfach ganz dringend auf die Toilette. In diesem Moment würde sie sogar ihre teuren Pradaschuhe gegen einen Kaugummi oder noch besser gegen ein paar Tropfen Mundwasser eintauschen.

Bevor sie also ihre Meinung ändern konnte, fügte sie etwas förmlich hinzu: „Aber es wäre sehr nett, wenn ich Ihre … Örtlichkeiten benutzen dürfte.“

Örtlichkeiten. Sie dachte, er würde sie gleich auslachen. Aber das tat er nicht. Stattdessen zeigte er in Richtung Haus und sagte: „Gern. Kommen Sie mit.“

Auf dem Weg dorthin ließ er seine Hand auf ihrem Rücken ruhen, als schien er zu spüren, dass sie etwas wackelig auf den Beinen war. Sie fand das angenehm altmodisch. Allerdings hätte sie so eine Geste nicht von einem Mann erwartet, dessen T-Shirt so verblichen war, dass das Logo schon gar nicht mehr lesbar und dessen Jeans von oben bis unten mit Farbflecken bespritzt war.

Dann aber ermahnte sie sich, ihn nicht anhand seines Äußeren zu beurteilen. Lauren wusste am Allerbesten, dass nicht alles Gold war, was glänzte. In den letzten Jahren hatte sie genug schicke Menschen in Designerkleidung kennengelernt. Leute, die immer genau das Richtige sagten, die richtigen wohltätigen Zwecke unterstützten und auch wussten, welche Gabel zu welchem Gang gehörte. Aber das war alles nur Schau. Mittlerweile konnte sie solche Menschen schon von Weitem erkennen. Wer im Glashaus sitzt, sollte eben nicht mit Steinen werfen.

Ob es überhaupt jemanden gab, der Lauren Seville wirklich kannte?

Dieser Gedanken erinnerte sie sofort wieder an ihre guten Manieren. „Ich bin übrigens Lauren.“

Er lächelte, und zwei charmante Grübchen zeichneten sich unter seinem Dreitagebart ab. „Freut mich. Ich heiße Gavin.“

Als sie das Haus erreicht hatten, führte er sie die Verandatreppen hinauf und öffnete ihr die Tür. Ihre Neugier siegte, und sie schaute sich beim Eintreten diskret um. Hinter dem Flur war das Wohnzimmer zu sehen. Es war komplett leer, abgesehen von dem Sägebock, der neben dem Kamin stand.

„Arbeiten Sie hier?“

„Wie kommen Sie denn darauf?“ Dann fing er an zu lachen. „Das Haus gehört mir. Ich bin dabei, es komplett neu herzurichten.“

„Das sieht man.“

Er stützte die Hände in die Hüften und schaute sich um, einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht. „Die Küche nimmt so langsam Formen an, und das Schlafzimmer auf dieser Etage ist schon fertig. Ich bin jetzt gerade dabei, die Zierleisten an der Decke fertigzumachen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich sie beizen oder weiß streichen soll. Das Gleiche gilt für den Kaminsims, den ich übrigens selbst geschnitzt habe. Was denken Sie?“

Das brachte sie aus der Fassung. Gavin kannte sie doch gar nicht, und trotzdem fragte er sie nach ihrer Meinung. „Sie möchten wirklich wissen, was ich denke?“

Er zuckte mit den Schultern. „Klar. Sie sehen das Haus heute zum ersten Mal und sind noch unvoreingenommen. Abgesehen davon, scheinen Sie einen guten Geschmack zu haben.“ Er musterte sie kurz, was sie aber nicht als abschätzend, sondern im Gegenteil eher als anerkennend empfand. Seltsamerweise fühlte sie sich tatsächlich geschmeichelt.

Und etwas unsicher. „Den Kaminsims haben Sie also auch gemacht? Sie sind wohl sehr geschickt mit Ihren Händen.“

„Das hat man mir schon häufiger gesagt.“

Lauren wurde ganz heiß. Die Hormone, entschied sie. Wahrscheinlich auch die Müdigkeit.

Gavin räusperte sich. „Das Badezimmer ist geradeaus, die erste Tür auf der rechten Seite.“

„Danke.“

Sie machte sich auf den Weg und hörte ihn hinterherrufen: „Achten Sie bitte nicht auf die Unordnung. Der Raum ist noch nicht ganz fertig.“

Das war wohl eine kleine Untertreibung. Zersplitterte Fliesen lagen in einem Haufen auf dem Boden, und eine einzelne Glühbirne hing an einem dünnen Kabel von der Decke herab.

Lauren trat an das Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Eigentlich erwartete sie, dass braunes Wasser herausspritzen würde. Aber es war klar und kühl und fühlte sich wunderbar erfrischend an.

Obwohl sie nicht dazu neigte, in anderer Leute Eigentum herumzuspionieren, öffnete sie den Badezimmerschrank. Sie brauchte unbedingt etwas, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, und der Zweck heiligte bekanntlich die Mittel.

Sie seufzte vor Erleichterung, als sie schließlich eine Tube Zahnpasta fand. Sie verteilte ein wenig davon auf ihrem Zeigefinger und putzte sich so die Zähne. Als sie ein paar Minuten später wieder auf die Veranda trat, fühlte sie sich wie ein neuer Mensch.

Gavin saß draußen auf der Hollywoodschaukel. Er hatte sein Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt und hielt in jeder Hand eine Wasserflasche. Als sie auf ihn zukam, beendete er das Gespräch, nahm umständlich eine der Flaschen von einer Hand in die andere, verstaute das Handy in seiner Tasche und stand auf.

„Fühlen Sie sich jetzt besser?“, fragte er und reichte Lauren das eine Wasser.

„Ja. Vielen Dank.“

„Das ist schön. Setzen Sie sich doch.“ Er deutete auf die Schaukel, auf der er eben noch gesessen hatte.

Das Ding sah sehr behaglich aus, wenn auch die Kissen etwas alt und abgenutzt waren. Behaglich und einladend, diesen Eindruck vermittelte ihr auch irgendwie dieser Mann. Ihr größter Wunsch war es, sich einfach hinzusetzen. Doch Lauren schüttelte den Kopf. „Ich sollte mich wirklich langsam auf den Weg machen.“

„Wieso? Sind Sie spät dran?“, erkundigte er sich.

„Nein. Ich meine … ich möchte Sie nicht von irgendetwas abhalten. Sie haben sicher wichtigere Dinge zu erledigen.“

„Nichts Dringendes. Na ja, am Haus sollte ich weiterarbeiten. Aber da gibt es immer etwas zu tun.“ Gavin lachte. „Das kann warten.“ Als sie zögerte, fügte er hinzu. „Kommen Sie schon, Lauren. Leisten Sie mir Gesellschaft. Sehen Sie es als Ihre gute Tat für den heutigen Tag an. Wenn Sie jetzt gehen, muss ich zurück an die Arbeit. Ich könnte die Pause wirklich gut gebrauchen.“

„Wenn es so ist …“ Sie lächelte, und obwohl es sonst gar nicht ihre Art war, sich mit einem wildfremden Mann in einer wildfremden Gegend zu unterhalten, setzte sie sich.

Die Schaukel knarrte leise unter ihrem Gewicht und schwang dann sacht hin und her. Der Klang eines Windspiels ertönte in der sanften Brise. Es hörte sich angenehm und so friedlich an. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu seufzen und die Augen zu schließen.

Gavin lehnte sich gegen das Verandageländer und sah sie an. „Wohin sind Sie denn unterwegs, wenn ich fragen darf?“

Lauren öffnete die Flasche und trank einen Schluck. „Ich habe eigentlich kein bestimmtes Ziel. Ich mache nur eine Spritztour.“

„Dafür haben Sie sich aber einen schönen Tag ausgesucht.“

„Das stimmt.“ Da er sie wieder beobachtete, senkte sie ihren Blick. „Es ist wunderschön hier.“

„Das ist noch gar nichts. Sie hätten meinen Garten im Frühjahr sehen sollen, als alles geblüht hat.“

„Ihren Garten?“

„Ein Apfelgarten mit etwas mehr als einem Hektar Apfelbäume“, antwortete er und deutete hinter sie.

Sie drehte sich um und konnte gerade noch die faustgroßen grünen Äpfel ausmachen, die jetzt anstatt der Blüten in den Bäumen hingen. Lauren hatte ihr ganzes Leben in Großstädten gewohnt. Erst in Los Angeles und dann in New York. Sie war nie für längere Zeit auf dem Land gewesen. Sogar die Ferien hatte sie in Städten verbracht … Paris, London, Venedig, Rom. Aber irgendwie war dieser Ort etwas ganz Besonderes.

Es ist so friedlich hier, dachte sie erneut. Nur zehn Minuten auf Gavins Veranda hatten den gleichen beruhigenden Effekt wie eine ganze Stunde bei ihrem Masseur.

„Leben Sie schon lange hier?“, fragte sie.

„Nein. Ich habe das Haus letztes Jahr gekauft.“ Er trank einen Schluck Wasser, bevor er hinzufügte: „Nach meiner Scheidung.“

„Das tut mir leid.“

„Das braucht es nicht. Mir tut es nicht leid.“

Die Antwort kam schnell und klang recht nüchtern. Allerdings meinte Lauren, Bitterkeit heraushören zu können. Sie wusste nicht genau, was sie darauf antworten sollte, und erwiderte nur: „Aha.“

Gavin schien auch nichts Besonderes zu erwarten. Er wechselte einfach das Thema. „Ich mag Herausforderungen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich dieses Haus gekauft habe. Nachdem ich ein paar Monate daran gearbeitete hatte, wurde mir das Pendeln am Wochenende von der Stadt hierher allerdings zu anstrengend. Deshalb habe ich mich für eine Weile beurlauben lassen.“

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Holden sich je eine Auszeit nehmen würde, weder beruflich noch privat. Ihr Mann lebte geradezu für die Börse. Sogar im gemeinsamen Urlaub wusste er immer genau, was gerade im Büro vor sich ging. Auf einmal wurde ihr klar, dass selbst wenn ihr Mann sich für das Baby entscheiden sollte, sie es im Prinzip trotzdem alleine großziehen müsste.

„Sie machen plötzlich so ein finsteres Gesicht.“

„Oh, Entschuldigung. Ich habe gerade nur an etwas gedacht …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wichtig.“ Da er sie immer noch beobachtete, fragte sie: „Sie haben also früher in New York gelebt?“

Er trank einen Schluck Wasser. „Die letzten zwölf Jahre.“

Irgendwie hatte sie Schwierigkeiten, ihn sich zwischen all den Wolkenkratzern, den hektischen Menschen und dem dichten Verkehr vorzustellen. Obwohl sie ihn überhaupt nicht kannte, schätzte sie ihn als einen Mann ein, der das weite Land und die Ruhe liebte. Orte wie diesen eben. Lauren war zwar immer ein Stadtkind gewesen, aber sie konnte seine Entscheidung gut nachvollziehen.

„Ich komme auch aus New York“, sagte sie.

„Da stammen Sie aber nicht ursprünglich her, oder?“

Sie blinzelte überrascht. „Nein. Ich bin von der Westküste. Los Angeles, um genau zu sein. Wie kommen Sie darauf?“

Gavin schaute sie genau an. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Irgendwie schien ihm Lauren zu weich, zu unsicher für das harte Stadtleben. Vom Aussehen her vermittelte sie eigentlich genau das Bild einer mondänen New Yorkerin. Er ließ den Blick unauffällig von den perfekt frisierten Haaren zu den modischen Highheels wandern. Er kannte Frauen wie Lauren, die in Manhattans teuersten Läden shoppen gingen und sich dann mit einer Stretchlimousine vor ihrer schicken Wohnung an der Park Avenue absetzen ließen. Trotzdem …

„Sie sind kein typischer New Yorker“, meinte er schließlich.

Sie überraschte ihn mit ihrer Antwort. „Das Gleiche habe ich gerade von Ihnen gedacht.“

„Ich komme auch nicht aus der Gegend“, gab er zu. „Ich bin in einer kleinen Stadt in der Nähe von Buffalo geboren und aufgewachsen. Merkt man das etwa noch?“

„Nein, das ist es nicht.“

Aber wahrscheinlich war sie einfach nur höflich. Wenn man bedachte, wie er angezogen war und wo sie gerade saßen, machte ihre Schlussfolgerung sogar Sinn. Hätte er sie zufällig vor der Met, dem berühmten Opernhaus von New York, getroffen, in einem seiner neuen Anzüge aus Mailand, würde sie ihn vielleicht mit anderen Augen sehen. Merkwürdig. In diesem Moment wünschte er sich das fast. Es war schon lange her, dass er sich in der Gegenwart einer Frau so wohlgefühlt hatte.

„Gefällt Ihnen New York?“, wollte sie wissen.

Die Frage fand er komisch, aber Gavin beantwortete sie trotzdem. „Früher habe ich die Stadt geliebt.“ Er trank einen Schluck Wasser und erinnerte sich zurück. Anfangs war alles so aufregend gewesen, und er hatte gerade seinen ersten Großauftrag an Land gezogen. „Und Ihnen?“

Sie zögerte, antwortete aber dann: „Ja, natürlich. Was soll man an der Stadt auch nicht mögen? Es gibt wundervolle Restaurants, unzählige Unterhaltungsangebote und ein unglaublich vielfältiges Kulturprogramm.“

Ihre Antwort klang in seinen Ohren fast schon einstudiert. Wie aus einem Reiseführer über New York und nicht wie ihre eigene Meinung. Er schaute sie neugierig an und nickte dann nur.

Die Unterhaltung versiegte, aber die Pause war nicht unangenehm, sondern eher friedlich. Die Schaukel schwang leise knarrend hin und her und durchbrach die Stille. Die sanfte Brise, die auch leise raschelnd durch die Blätter der großen Eiche fuhr, entlockte dem Windspiel melodische Klänge.

Hatte Lauren eben geseufzt? Das war ein gutes Zeichen. Sie machte einen sehr angespannten Eindruck und konnte wohl dringend etwas Ruhe gebrauchen. Gavin kannte das Gefühl. Vor nicht allzu langer Zeit war es ihm genauso gegangen.

„Warum sind Sie hierhergezogen?“, fragte sie nach einer Weile.

„Ich brauchte einen Tapetenwechsel.“ Er hatte damals sechzig, manchmal sogar siebzig Stunden die Woche gearbeitet und war völlig am Ende seiner Kräfte gewesen. „Ich hatte ein Burnout. Ich konnte einfach nicht mehr.“

Hatte er das gerade wirklich laut ausgesprochen? Und dazu noch vor einer fremden Person? Sogar seiner Familie gegenüber hatte er die Wahrheit beschönigt.

„Das Leben hier scheint um einiges langsamer zu verlaufen“, bemerkte sie. „Es ist ein wunderbarer Ort zum Nachdenken.“

Genau das hatte Gavin getan. „Ja, das ist es.“

„Hier gibt es keinen Verkehr, keine schrillen Sirenen, keine stinkenden Abgase. Keine … Hektik.“ Ihre Stimme klang sehnsüchtig, als ob ihre jetzige Situation sie die Ruhe und das idyllische Landleben erst recht wertschätzen ließ.

Bevor er es sich versah, fragte er: „Suchen Sie eine Bleibe auf dem Land?“

„Ich? Nein. Ich …“ Sie schüttelte den Kopf und fragte aber dann: „Wieso? Gibt es hier in der Nähe etwas?“

„Dieses Haus hier wird verkauft, wenn ich damit fertig bin. Aber bei meinem Tempo wird es wahrscheinlich erst in einem Jahr soweit sein.“

Überrascht hob sie die Augenbrauen. „Sie wollen das Haus verkaufen?“

„Sicher. So verdiene ich mehr oder weniger meinen Lebensunterhalt.“ In Wahrheit waren die Immobilien, die er geschäftlich erwarb, um ein Vielfaches größer und mehrere Millionen Dollar wert. Allerdings übernahm er normalerweise die Sanierung und die Umbauarbeiten nicht selbst, sondern delegierte sie an seine Mitarbeiter.

„Dann ist das hier also nur ein weiterer Auftrag für Sie?“ Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.

Gavin zuckte mit den Schultern. „Das könnte man so sagen.“

Lauren kratzte nachdenklich an der abblätternden Farbe der Armlehne. „Sie scheinen aber viel Liebe in die Renovierung zu stecken.“

Liebe? Er fand körperliche Arbeit beruhigend. Er arbeitete einfach so lange und so hart, bis sein Kopf einfach abschaltete und er nicht mehr an die unschönen Erinnerungen zurückdachte. Aber als Gavin jetzt an die ganzen Zierleisten und den Kaminsims dachte und die Befriedigung, die ihm die Arbeit gegeben hatte, gab er Lauren recht. Er würde aber trotzdem das Haus verkaufen, wenn es fertig war. Schließlich hatte er nie vorgehabt, für immer auf dem Land zu leben.

Irgendwann würde er wieder nach New York und somit zu Phoenix Brothers Development, der Firma, die er sich mit seinem Bruder Garrett aufgebaut hatte, zurückkehren müssen. Er konnte sich nicht länger vor seinen wohlmeinenden Freunden und seiner Familie in Connecticut verstecken und erwarten, dass irgendjemand all seine Pflichten bei Phoenix für ihn übernahm.

„Dann suchen Sie also nichts zur Miete oder zum Kauf?“, fragte er.

Lauren runzelte die Stirn und blickte in die Ferne. „Doch. Ich glaube schon.“ Sie zeigte auf das Haus. „Allerdings darf es ruhig kleiner sein, und ich bräuchte es … nun ja, ziemlich bald.“

Kleiner. Das war nicht gerade die Beschreibung, die er erwartet hatte. Ziemlich bald. Gavin kam eine Idee. Eine verrückte Idee. Er schob sie von sich.

„Sie möchten sich also hier … niederlassen?“ Beinahe hätte er „vorübergehend“ gesagt. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass sie vor etwas davonlief.

„Erst einmal, ja.“ Sie nickte bekräftigend, als ob sie gerade einen Entschluss gefasst hatte. „Wissen Sie, ob irgendetwas in der Nähe gerade leer steht?“

„Sie meinen in Gabriel’s Crossing?“

Gabriel’s Crossing.“ Sie lächelte, als sie den Namen der kleinen Stadt wiederholte. Gavin beschlich das Gefühl, dass Lauren bis gerade eben keine Ahnung gehabt hatte, wo sie sich überhaupt befand.

Seine Idee von vorhin drängte sich ihm wieder auf. „Vielleicht.“

„Ist es in der Nähe?“, hakte sie nach.

„Ja. Fünfzig Meter von hier. Hinter dem Haus steht ein kleines Cottage. Es ist gleich neben dem Garten, und man hat von allen Fenstern eine tolle Aussicht. Ich habe selbst dort gewohnt, bis der Strom in meinem Haus endlich angeschlossen war.“

„Und es steht zur Vermietung?“

Eigentlich nicht. Gavin hatte bis zu diesem Moment nicht im Traum daran gedacht, das Cottage zu vermieten. Auf das Geld war er nicht angewiesen, und er hatte auch keine Lust auf den Aufwand, der immer mit Mietern verbunden war. Trotzdem nickte er, fügte allerdings hinzu: „Es ist nicht sehr groß.“

„Ich brauche nicht viel Platz.“

Er warf einen Blick auf Laurens teure Kleidung. Das gesamte Cottage würde in das Wohnzimmer seiner New Yorker Wohnung passen. Und das Gleiche galt wahrscheinlich auch für ihre Wohnung. Also sagte er: „Die Kleiderschränke sind recht klein.“

Er war sicher, dass sie es sich noch einmal anders überlegen würde. Er wünschte es sich fast, denn er war schon wieder viel zu impulsiv gewesen. Dieser Zug seines Charakters, hatte ihn in der Vergangenheit schon oft in Schwierigkeiten gebracht. Aber selbst diese Aussicht schien Laurens Begeisterung nicht bremsen zu können. Hoffnung und Vorfreude standen ihr ins Gesicht geschrieben.

„Meinen Sie, ich könnte es vielleicht anschauen?“

„Sie haben tatsächlich Interesse?“ Jetzt wurde Gavin selbst ganz nervös. Er hatte nämlich auch Interesse, aber nicht an der Vermietung seines Anwesens. Die Frau war einfach wunderschön, und sie gab ihm Rätsel auf. Zu gern hätte er ihr Geheimnis gelüftet.

Dann fiel ihm auf einmal ein, auf ihre linke Hand zu schauen, und er sah sofort den riesigen Diamanten an ihrem Ringfinger. Verheiratet. Fast fing er an zu lachen.

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