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Manchmal werden Wünsche wahr

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1. KAPITEL

Hochzeiten hatten Travis Evans schon immer nervös gemacht.

Er stand hinter seinem besten Freund Sebastian Daniels am Altar und hoffte, dass Heiratslust nicht ansteckend war. Das wäre das Ende.

Aber jemand musste ja den Trauzeugen für Sebastian spielen. Eigentlich hätten sie jetzt zu dritt hier stehen und ihm moralischen Beistand leisten sollen, doch Nat Grady arbeitete in irgendeinem vom Krieg zerrissenen Land, dessen Namen Travis kaum aussprechen konnte, und Boone Connor war mit seiner mobilen Hufschmiede in New Mexico unterwegs. Es war unmöglich gewesen, seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.

Blieben also nur er, Travis, und natürlich Gwen, Mattys beste Freundin. Eine vielversprechende Kombination, wie er fand. Zu dumm nur, dass Gwen ihn verabscheute.

In der kleinen Kirche war kein Platz mehr frei. Die Männer hatten zur Feier des Tages ihre Sonntagszüge aus dem Schrank geholt, und die Frauen … Travis seufzte unwillkürlich. Die Frauen in ihren pastellfarbenen, tief ausgeschnittenen Kleidern weckten Frühlingsgefühle in ihm.

Normalerweise hätte er es in vollen Zügen genossen, so viele attraktive Frauen in Reichweite seines Lächelns zu haben. Aber das hier war eine Hochzeit. Hochzeiten waren gefährlich, denn sie brachten junge, unverheiratete Frauen auf die merkwürdigsten Ideen.

Reverend McDowell nickte Sarah Jane Ashfelder zu, die an der Orgel saß, und sie begann zu spielen.

„Hast du den Ring?“, flüsterte Sebastian.

„Ja, ich hab ihn“, erwiderte Travis leise. „Und wie fühlst du ich?“

„Ich habe weiche Knie.“

„Du tust das Richtige, Sebastian.“ Travis glaubte, was er sagte. Er selbst hatte zwar kein Bedürfnis, zu heiraten, doch zu manchen Männern schien die Ehe zu passen. Sebastian war einer davon. Und Matty Lang war die perfekte Ergänzung für ihn.

„Ich weiß“, erwiderte Sebastian. „Aber ich mag keine öffentlichen Auftritte. Außerdem juckt mein Kragen, und meine Smokingjacke ist zu eng. Ich …“

Das laute Schreien eines Babys übertönte die Orgelmusik. Sämtliche Köpfe drehten sich zum Portal, von wo das Geschrei kam.

„Typisch Lizzie, jetzt so ein Theater zu machen“, meinte Travis. „Ich wusste, es war ein Fehler, sie mitzunehmen.“

„Es ist kein Fehler“, protestierte Sebastian.

Inzwischen war es so laut geworden, dass man kaum noch sein eigenes Wort verstand. Alle wollten das Baby sehen, und jeder schien etwas zu dem Thema zu sagen zu haben. Über dieses Baby war schon sehr viel gerätselt worden.

„Sie ist ja noch nicht einmal vier Monate alt“, gab Travis zu bedenken. „Sie ist einfach noch zu klein, um in die Kirche mitgenommen zu werden.“

„Nein, ist sie nicht. Sie ist ganz schön weit für ihr Alter. Außerdem hat sie mich und Matty zusammengebracht. Sie gehört dazu. Wir haben nur ihren Schnuller vergessen, das ist alles. Ich will jedenfalls meine Tochter bei meiner Hochzeit dabeihaben.“

„Sie ist nicht deine Tochter, sondern meine. Das weißt du genau.“ Travis war sich hundertprozentig sicher. Der Brief, den er vor drei Wochen in Utah bekommen hatte, war der Beweis.

Lieber Travis,

ich zähle auf Dich. Bitte sei meiner Tochter Elizabeth ein guter Patenonkel, bis ich sie wieder abholen kann. Ich zähle auf Dich. Deine verspielte, lustige Art ist genau das, was sie jetzt braucht. Im Moment ist sie bei Sebastian. Glaub mir, ich würde das nicht tun, wenn ich nicht in einer verzweifelten Lage wäre.

In tiefer Dankbarkeit, Jessica

Lizzie war also sein Kind. Okay, er konnte sich an die Einzelheiten, wie es passiert war, nicht mehr erinnern, aber er war einfach der Einzige, der als Vater infrage kam.

Sebastian, Boone und er hatten mit Jessica den Tag gefeiert, an dem sich das heil überstandene Lawinenunglück jährte, und im angesäuselten Zustand hatten alle drei Männer wie verrückt mit Jessica geflirtet. Diese war gutmütig genug gewesen, die Freunde zurück zu ihrem Blockhaus zu fahren und jeden von ihnen ins Bett zu verfrachten. Travis erinnerte sich noch daran, dass sie sich lächelnd über ihn gebeugt hatte. Offenbar hatte er sie dann einfach zu sich herabgezogen, und dabei war Lizzie wohl gezeugt worden.

Zugegeben, Sebastian hatte einen ähnlichen Brief bekommen, als Jessica ihm das Baby vor die Tür gelegt hatte. Aber Sebastian war nicht der Typ, der sich dazu hinreißen ließ, ungeschützt mit einer Frau zu schlafen. Auch er selbst hatte das nie zuvor getan, aber bei ihm war es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen, so wie bei Sebastian.

Wie auch immer, Sebastian hatte die Verantwortung für dieses Baby übernommen und ließ sich nicht mehr davon abbringen. Jetzt warf er Travis einen wütenden Blick zu. „Sie ist mein Kind. Sie hat die Nase der Daniels’.“

„Das hättest du wohl gerne. Sie sieht genauso aus wie meine Mutter, als sie ein Baby war.“

Sarah Jane stimmte gerade den Hochzeitsmarsch an. Sie zog dabei sämtliche Register, um das Geschrei des Babys zu übertönen.

„Ach, ja?“, zischte Sebastian. „Ich habe dir wohl noch nie ein Bild meiner Mutter gezeigt, als sie ein Baby war. Sie …“

„Meine Herren.“ Reverend McDowell hob missbilligend die Brauen. „Ich glaube nicht, dass dies der richtige Moment ist, um über Vaterschaftsfragen zu streiten.“

Sebastian schluckte und blickte den Mittelgang hinab.

Travis folgte seinem Blick. Da kam Gwen. Sie schob den mit Schleifen und Bändern verzierten antiken Kinderwagen, den sie irgendwo aufgestöbert hatte. Die Leute reckten die Hälse, weil jeder einen Blick auf das Baby erhaschen wollte, auf das gleich zwei Männer Anspruch erhoben.

Bei den Proben für die Hochzeit hatte das Baby nie geschrien. Aber heute gefiel es ihr hier wohl aus irgendeinem Grunde nicht.

Auch in Travis herrschte Aufruhr, doch aus einem ganz anderen Grund. Er brauchte nur einen Blick auf Gwen zu werfen, und schon erwachte sein Verlangen.

Ihr hellgrünes Kleid betonte den bronzefarbenen Schimmer ihrer Haut. Er erinnerte sich daran, einmal gehört zu haben, dass sie indianische Vorfahren hatte. Das würde erklären, woher sie ihr tiefschwarzes Haar hatte, das sie heute zu einer komplizierten Frisur hochgesteckt und mit Perlen verziert hatte. Sie sah aus wie eine indianische Prinzessin.

Travis leckte sich unwillkürlich die Lippen. Er war davon überzeugt, dass Frauen sich nur deshalb die Haare hochsteckten, um bei Männern den Wunsch zu wecken, die Hände in dieser Pracht zu vergraben und sie von sämtlichen Haarnadeln zu befreien.

Das Kleid hatte altmodische, lange Manschettenärmel, aber der Ausschnitt war alles andere als altmodisch. Ein so verführerisches Dekolleté hatte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr bestaunt. Er unterdrückte einen Seufzer und spekulierte, ob er es wohl jemals schaffen würde, sich an diesen Reizen zu erfreuen. Gwen war die einzige unverheiratete Frau im ganzen Tal, die seinem Charme noch nicht erlegen war.

Und das frustrierte ihn, besonders in diesem Augenblick, als Gwen langsam auf ihn zu schritt. Frustriert zu sein war etwas, das Travis nicht oft erlebte, jedenfalls nicht in Bezug auf Frauen. Da er daran gewöhnt war, immer schnell zu bekommen, was er wollte, hatte er nie zuvor bemerkt, was für ein starkes Aphrodisiakum Zurückweisung sein konnte.

Gwen hielt den Kopf hoch und lächelte, während das Baby schrie. Aber Travis entging nicht der angespannte Ausdruck in ihrem Blick. Und dann, für einen kurzen, elektrisierenden Augenblick, trafen sich ihre Blicke. Vielleicht war es ihr nicht bewusst, dass ihr Blick Hilfe suchend war. Jedenfalls reagierte Travis, ohne zu zögern.

Er ging einfach zu Gwen, die gerade den Altar erreicht hatte. Verblüfft sah sie zu, wie er Lizzie einfach aus dem Wagen hob und an sich drückte, sodass ihr Köpfchen an seiner Schulter lag.

Sie hatten das Baby mit einem weißen Kleidchen und weißen Wollschühchen ausstaffiert, dagegen war ja nichts zu sagen. Aber irgendein Idiot hatte ihr auch noch ein Gummiband mit einer weißen Schleife über den Kopf gestreift. Kein Wunder, dass sie so schrie. Travis nahm das Band ab und küsste die Kleine auf die tränennasse Wange.

Gwen räusperte sich. „Travis …“

„Geh nur auf deinen Platz“, murmelte Travis und schob die Schleife in die Tasche. „Ich mach das schon.“

„Aber …“

„Geh schon.“ Tatsächlich hatte Elizabeth schon aufgehört zu weinen. Und sie hielt das Revers seiner Smokingjacke in den Fäustchen, als wolle sie es nie wieder loslassen. Er strahlte Gwen an. „Siehst du?“

Gwen schüttelte den Kopf. „Unfassbar“, murmelte sie.

„Tja, Frauen mögen mich nun mal.“ Mit einem Augenzwinkern kehrte er an seinen Platz zurück.

Gwen wehrte sich gegen das Gefühl der Rührung. Schlimm genug, dass Travis einfach umwerfend aussah in seinem Smoking. Männern wie ihm sollte es verboten sein, so etwas zu tragen.

Um ihre Hormone unter Kontrolle zu halten, hatte sie sich eingeredet, Travis sei eitel wie ein Pfau. Bestimmt stand er stundenlang vor dem Spiegel und kämmte sein volles dunkles Haar, bevor er zufrieden sein Haus verließ, um sich seinen weiblichen Fans zu präsentieren. Aber ein solcher Pfau würde nicht zulassen, dass ihm ein Baby auf den Smoking sabberte. Er würde nicht zusehen, wie ihm das gleiche Baby an seiner Fliege zerrte, bis sie völlig aus der Form geriet. Er wäre Gwen und Lizzie überhaupt gar nicht erst zu Hilfe gekommen.

Schließlich zwang sich Gwen, den Blick von Travis zu lösen, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Braut.

Matty schritt den Mittelgang hinab auf den Altar zu. Sie sah königlich aus in dem schlichten weißen Kleid, zu dem Gwen sie überredet hatte. Auf einmal hatte Gwen einen ganz dicken Kloß im Hals, so glücklich war sie für ihre Freundin, so stolz, aber auch ein klein wenig neidisch.

Noch nie war Matty ihr so strahlend erschienen. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht weckte in Gwen eine Sehnsucht nach etwas, das zu wünschen sie sich eigentlich schon lange nicht mehr gestattete: nach der großen Liebe. Beide, sie und Matty, hatten in der Wahl ihres ersten Partners keine glückliche Hand gehabt, doch Matty hatte deswegen nie aufgehört zu träumen. Jetzt hatte sie den Mann ihres Lebens gefunden.

Tapfer schluckte Gwen den dicken Kloß, der in ihrer Kehle saß, hinunter. Männer wie Sebastian waren eben rar. Er sah so gut aus, dass er reihenweise Herzen brechen könnte, doch er war so rührend ahnungslos, was seine Wirkung auf Frauen betraf. In der Hinsicht war er das genaue Gegenteil von Travis, der nur zu gut wusste, dass Frauen weiche Knie bekamen, wenn er nur in ihre Nähe kam.

Rasch riskierte sie einen kurzen Blick in seine Richtung. Er wirkte etwas zerzaust, also noch attraktiver. Unaufhörlich bemühte er sich, Lizzie zu unterhalten. Jetzt drückte er gerade seine Nasenspitze an ihre. Lizzie brabbelte vergnügt vor sich hin. Kein Zweifel, Travis hatte ein Händchen für Frauen aller Generationen.

Gwen sah sich in der Kirche um. Die Männer folgten aufmerksam der Zeremonie. Aber, und Gwen hatte es nicht anders erwartet, die Frauen, von acht bis achtzig, betrachteten Travis. Wahrscheinlich würde er den ganzen Sommer über ausgebucht sein infolge dieser kleinen Szene.

Umso besser. Je beschäftigter er war, desto geringer wäre die Chance, dass sie ihm begegnete. Gwen wollte mit Travis nichts zu tun haben. Auf keinen Fall. Das erotische Prickeln, das sie verspürte, wenn sie auch nur einen Blick auf ihn warf, würde mit der Zeit schon nachlassen. Dieser Tag würde schwierig werden, aber danach wäre sie außer Gefahr.

Heute jedoch war ihre Selbstbeherrschung gefordert. Ständig ertappte sie sich dabei, wie sie zu Travis hinübersah, genau wie alle anderen Frauen.

Vielleicht war es ihm ja bewusst, dass das Baby seine Attraktivität noch verstärkte. Gwen fand diesen Gedanken beruhigend, denn das bedeutete, dass er berechnend war. Und sie hatte keine Verwendung für solch einen Mann. Ja, bestimmt hatte er Hintergedanken, wenn er sich so hingebungsvoll um die Kleine kümmerte.

„Gwen“, flüsterte Matty.

Sie sah ihre Freundin fragend an.

„Der Ring.“ Es klang belustigt.

Gwen errötete vor Verlegenheit. Sie hatte tatsächlich ihren Einsatz verpasst. „Sofort“, murmelte sie und holte die kleine Schachtel aus dem Kinderwagen. Verflixt, daran war nur dieser Cowboy im Smoking schuld. Zum Teufel mit ihm!

Entschlossen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Brautpaar. Da sie ein wenig größer war als Matty, konnte sie über deren blonde, mit weißem Tüll bedeckte Lockenmähne hinweg auf Sebastians Gesicht blicken.

Wie er seine Braut ansah! Sein Blick drückte alles gleichzeitig aus: Liebe, Zärtlichkeit, Respekt, Verlangen, Hingabe und noch vieles mehr. Gwen musste sich eingestehen, dass niemand sie jemals mit diesem Blick angesehen hatte. Ob sie dieses Glück wohl niemals erfahren würde?

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. War sie denn nicht glücklich? Lebte sie nicht in einem wahren Kleinod von Haus? Ein original viktorianisches Haus, in dem sie seit ihrer Scheidung eine kleine Pension führte. Manchmal fragte sie sich schon, ob ihr diese Pension nicht deshalb so viel Spaß machte, weil die Gäste für sie so eine Art Ersatzfamilie waren. Jedenfalls gab dieses Haus ihr Wurzeln. Zu oft hatte sie als Kind, dessen Eltern beide Archäologen waren, umziehen müssen. Jetzt war sie stolz auf jedes Jahr, das sie am selben Ort verbrachte.

Es mochte zutreffen, dass eine Pension zu führen nichts Besonderes war im Vergleich zu den international anerkannten Leistungen ihrer Eltern oder dem Erfolg ihres Bruders, der ein Museum in Boston leitete. Es mochte zutreffen, dass sie trotz ihrer neunundzwanzig Jahre noch nichts Richtiges mit ihrem Leben angefangen hatte, aber dieses Haus würde sie nicht aufgeben, was immer andere sagen mochten.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen“, erklärte der Reverend.

Ein Raunen ging durch die Gemeinde, als Sebastian Mattys Schleier hob und ihr Gesicht mit den Händen umrahmte.

Der zärtliche Augenblick dauerte gerade lange genug, um Gwens Augen feucht werden zu lassen. Dann begann Lizzie zu strampeln und zu krähen.

So stiehlt man anderen die Show, dachte Gwen und war nicht sicher, ob sie damit Lizzie meinte oder Travis. Sie fragte sich, was wohl aus dem Baby werden würde. Ihre Mutter, Jessica Franklin, schien vor irgendjemandem auf der Flucht zu sein und wollte ihre Tochter außer Gefahr wissen. Sie war inzwischen schon seit sechs Wochen von ihrer kleinen Tochter getrennt, lange genug für Matty und Sebastian, um eine tiefe, emotionale Bindung an dieses Baby zu entwickeln.

Gwen neigte eher zu der Ansicht, dass Travis der Vater des Kindes war, und nicht Sebastian. Aber falls Jessica nicht zurückkommen würde, wäre die Kleine sicher besser bei Sebastian und Matty aufgehoben als bei dem leichtfertigen Travis. Sogar er selbst war dieser Meinung. Andererseits erhob er einen Anspruch auf das Baby und stritt sich jedes Mal aufs Neue mit Sebastian, wenn dieser sein Recht geltend machen wollte.

Doch keiner von beiden würde jemals herausfinden, wer wirklich Elizabeths Vater war, solange Jessica es ihnen nicht sagte. Sie hatte ein paar Mal angerufen, um zu fragen, ob mit ihrer Tochter alles in Ordnung sei, aber sie hatte bei jedem Telefonat die Verbindung abgebrochen, bevor man ihr Fragen stellen konnte.

Gwen fand das alles sehr merkwürdig, aber vielleicht hatte Jessica wirklich gute Gründe für ihr Handeln. Auf jeden Fall war Elizabeth sicher und geborgen hier. Sie wurde von allen geliebt. Und Travis konnte wirklich gut mit dem Baby umgehen, das musste man ihm lassen. Trotzdem, er war kein Mann, auf den eine Frau zählen konnte. Zumindest nicht auf Dauer.

„Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, verkündete Pete McDowell.

Die Gemeinde applaudierte begeistert, und Sarah Jane griff enthusiastisch in die Tasten.

Gwen zwinkerte ein paar Tränen fort, als Matty und Sebastian Arm in Arm den Gang hinabschritten. Sie war so glücklich für ihre Freundin, und vielleicht ein bisschen neidisch, aber darüber würde sie hinwegkommen.

Besorgt blickte sie hinüber zu Travis. Sie war jetzt überhaupt nicht in der Verfassung, mit ihm zu sprechen, aber es musste sein.

Es wäre ja nicht für lange. Sie mussten nur Arm in Arm hinter dem Brautpaar herschreiten, und auf der Party einmal zusammen tanzen, das wäre alles. Eine reine Formsache.

Sie begann den Kinderwagen zu schieben und nickte Travis zu, er solle Lizzie doch hineinlegen.

„Das will ich lieber nicht riskieren“, murmelte er.

„Wie du willst.“ Sie brauchte beide Hände, um den Kinderwagen zu schieben, und Travis konnte ihr nicht dabei helfen, solange er das Baby auf dem Arm hatte. Also konnten sie nicht Arm in Arm gehen. Ihr war es recht.

Doch Travis nahm Lizzie einfach auf den rechten Arm, während er den Linken um Gwens Taille legte. Sofort begann ihr Herz wie wild zu rasen.

„Das ist nicht nötig“, sagte sie und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. Aus allen Richtungen erntete sie neidvolle Blicke.

„Ist es doch.“

„Ist es nicht.“ Sie versucht, sich ihm zu entziehen. Diese Nähe – sie spürte den Duft seines Rasierwassers – war mehr, als sie jetzt ertragen konnte.

„Ist es doch.“ Er verstärkte seinen Griff. „Es soll so aussehen, als gehörten wir zusammen.“

„Aber deshalb müssen wir nicht aneinander kleben.“ Gwen versuchte, sich ihm zu entziehen. Wenn nur seine Hand sich nicht so gut anfühlen würde!

„Entspanne dich, Sweetheart.“

„Ich bin ganz bestimmt nicht dein Sweetheart.“ Aber es war lange her, dass sie jemand so genannt hatte.

„Schade. Also gut, ich weiß, dass du mich hasst und dass das hier eine Qual für dich ist, aber wir haben es ja fast geschafft.“

Oh, ja. Es war eine Qual. Aber Gwen wünschte, es wäre wirklich Hass, was sie für diesen Mann empfand.

2. KAPITEL

Travis hatte ganz spontan gehandelt, als er Gwen an sich gezogen hatte. Aus reiner Boshaftigkeit, da er ja wusste, wie sehr sie ihn verabscheute. Merkwürdig nur, dass sie schon bei der kleinsten Berührung anfing, zu zittern.

Er kannte diese Reaktion von anderen Frauen, doch von Gwen hätte er sie tatsächlich nicht erwartet. Also drückte er sie versuchsweise noch ein bisschen fester an sich, und prompt verstärkte sich das Zittern. Und er sah, dass ihre Wangen sich röteten.

Wenn eine Frau sich dafür entschied, einen solch tiefen Ausschnitt zu tragen, musste sie in Kauf nehmen, dass ein Mann sich dem Genuss dieses Anblicks hingab. Dennoch hielt er sich zurück, so gut er konnte.

Als er sich zwang, woandershin zu sehen, zitterte er selbst ein wenig und fragte sich, wie es wohl wäre, den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen und ihre wundervollen Brüste von dem BH zu befreien. Unwillkürlich atmete er schneller.

Auch Gwens Atem hatte sich beschleunigt, und das exotische Parfum, das sie trug, schien plötzlich intensiver zu duften. Als sie den Ausgang der Kirche erreichten, beschloss Travis, ein wenig Zeit und Anstrengung zu investieren, um die Mauer zu durchdringen, die Gwen um sich herum errichtet hatte.

Was machte es schon, dass er nicht zum Ehemann taugte? Er hatte schon mehr als eine Frau davon überzeugt, dass guter Sex nicht unbedingt gleichbedeutend war mit lebenslanger Liebe.

Seine letzten Zweifel an seiner Wirkung auf Gwen räumte sie schließlich selbst aus, indem sie, kaum dass sie aus der Kirche traten, vor ihm zurückwich, als ob sie sich verbrannt hätte. Wäre sie gleichgültig ihm gegenüber, dann hätte sie niemals so heftig reagiert.

Sie vermied seinen Blick, ließ den Kinderwagen los und umarmte Matty. „Ich bin so glücklich für dich“, sagte sie, und es entging ihm nicht, dass ihre Stimme bebte. Matty sah ihn über Gwens Schulter hinweg prüfend an. Er hob nur in gespielter Ahnungslosigkeit die Schultern. Dann zog er Lizzis Finger von seinem Ohrläppchen und schüttelte Sebastian die Hand. „Tja, jetzt ist es zu spät zum Umkehren, Kumpel.“

Sebastian lächelte breit. „Wir haben’s tatsächlich geschafft, was?“

„Ich denke schon. Herzlichen Glückwunsch. Du hast eine gute Wahl getroffen“, erwiderte Travis und sah dann Matty an. Er hatte sie noch nie so glücklich gesehen, und er kannte sie schon sehr lange. Schließlich arbeitete er jeden Sommer auf ihrer Ranch, er war sozusagen ihr erster Cowboy. Er hatte sie in ihren schwersten Tagen erlebt, nachdem Butch, ihr erster Mann, mit seinem Flugzeug abgestürzt war. Genau genommen war sie sein Boss, aber ihr Verhältnis war eher geschwisterlich. Er war wirklich glücklich, dass sie und Sebastian endlich gemerkt hatten, dass sie füreinander geschaffen waren.

„Hoffentlich bist du dir im Klaren, dass du den größten Dickkopf aller Zeiten geheiratet hast.“ Travis gab Matty einen Kuss auf die Wange. „Wenn er dir Schwierigkeiten macht, ruf mich an. Ich gebe ihm einen Tritt in den Hintern.“

Matty zwinkerte ihm zu. „Ich werde daran denken.“

„Das hast du ja prima hingekriegt, Travis.“ Sebastian schlug ihm auf die Schulter. „Ich hatte Matty so weit, dass sie glaubte, ich sei perfekt, und jetzt kommst du und machst alles kaputt.“

„Es war mir ein Vergnügen.“ Travis lächelte und stöhnte auf, als Lizzie ihn plötzlich an der Nase packte und kräftig zwickte. „Dieses Kind hat Instinkte wie ein Stierkämpfer“, sagte er und schob wieder die kleinen Finger von seiner Nasenspitze fort.

Matty lachte. „Alles, was sie kann, habe ich ihr beigebracht. Ich hoffe, den Nasentrick hat sie perfekt drauf, bis sie achtzehn ist.“ Sie streckte die Arme nach Lizzie aus. „Gib sie ruhig mir, du hast schon genug gelitten.“

„Das ist Ansichtssache“, bemerkte Gwen trocken.

Travis wandte den Kopf. Ihr Blick war wieder voller Ablehnung, aber jetzt beeindruckte ihn das nicht mehr. Hinter all ihrer Spitzzüngigkeit verbarg sich eine Frau, die sich danach sehnte, geküsst zu werden, und zwar richtig. Ob er es wohl schaffen würde, bevor der Morgen dämmerte?

„Na, komm schon, gib sie mir. Ich vermisse sie schon die ganze Zeit“, drängte Matty.

Travis betrachtete Mattys kostbares Kleid. „Lass sie lieber bei mir. Mein Smoking ist sowieso schon voller Sabberflecken. Wäre doch schade um dein Kleid.“

Matty sah an sich herab. „Da hast du auch wieder recht. Ich vergesse dauernd, dass ich heute ja besonders auf mich aufpassen muss.“ Sie lächelte dankbar. „Danke, dass du dich so aufopferst. Damit rettest du diesen Tag.“

„Aufopfern nennst du das?“, empörte sich Gwen. „Er genießt das in vollen Zügen. Er …“

„Da ist ja dieses unglaublich süße Baby!“, schrie Donna Rathbone. Sie arbeitete als Erzieherin im Kindergarten und war eine von Travis’ ehemaligen Freundinnen. Sie und mit ihr alle anderen weiblichen Gäste kamen auf Travis zu. Alle machten einen riesigen Wirbel um das Baby auf seinem Arm.

Die Hochzeitsparty fand auf Sebastians Ranch in einem riesigen Zelt stand. Gwen hatte das Gefühl, als sei ganz Huerfano hier zu Gast. Das Buffet war schon eröffnet, und die Luft war erfüllt von allen möglichen köstlichen Düften.

Auch hier war Travis von Frauen umringt. Dennoch fand er alle paar Minuten die Zeit, kurz zu Gwen hinüberzublicken und ihr zuzulächeln.

Sie versuchte, nicht davon beeindruckt zu sein – vergeblich. Es konnte einen schon nervös machen, wenn ausgerechnet der Mann mit einem flirtete, der das Objekt der Begierde sämtlicher anwesender Frauen zu sein schien. Bald würde man anfangen zu tanzen. Nach dem Brautpaar mussten Travis und Gwen aufs Parkett. Dann durfte sie auf keinen Fall schwach werden. Sie durfte seinem Charme nicht erliegen, und wenn die Atmosphäre noch so erotisch aufgeladen war.

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