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Manchmal rot

Informationen zum Buch

»Ich habe gerade erst angefangen, jemand zu sein.«

Es ist ein Kurzschluss, der zwei Lebenswelten, die sich sonst kaum berühren, aufeinanderprallen lässt: die eines erfolgsverwöhnten Anwalts und die seiner illegal beschäftigten Putzfrau. Was dann passiert, bedeutet für beide den völligen Verlust von Selbstverständlichkeiten.

Für ihn läuft alles prächtig, er steht vor dem ganz großen Deal. Zwar muss er vorher den Seniorchef seiner Kanzlei ausbooten und nebenbei ein üppiges Schwarzgeldkonto in der Schweiz auflösen, aber auch das wird er in den Griff bekommen.

Seine Putzfrau lernt er nur kennen, weil sie in seiner Wohnung von der Leiter fällt. Als sie im Krankenhaus erwacht, kann sie sich weder an ihren Namen erinnern, noch ihn schreiben. Während sie ungläubig der Frau, die sie einmal gewesen sein soll, nachforscht, erfindet sie sich neu. Dabei entwickelt sie ein Selbstbewusstsein, das ihn zunehmend fasziniert und verunsichert.

Eva Baronsky erzählt in diesem modernen Märchen so warmherzig wie erstaunlich von zweien, denen alle Gewissheiten abhandenkommen und die uns fragen lassen: Wer wäre man, wenn man nicht zu wissen glaubte, wer man ist?

Manchmal rot
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To whom it may concern

»Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.«

Jean Paul

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I

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»I am named Tommy McHugh but my brain doesn’t know Tommy McHugh.«

Tommy McHugh. Der britische Bauarbeiter war drogenabhängig, kriminell und extrem aggressiv, bis er im Alter von 51 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt, in dessen Folge er von einem Tag auf den anderen zu einem empfindsamen, kreativen und philosophierenden Künstler wurde. Tommy McHugh starb 2012.

∙∙∙∙∙∙∙

Sie wartet, dass der Knopf grün wird. Aber obwohl die Bahn längst stillsteht, leuchtet er immer noch rot. Sie drückt trotzdem. Einmal, zweimal. Presst den Daumen ganz fest auf den Knopf. Tut sich nix. Nur ihre Finger fangen zu zittern an. Scheiße, sagt sie lautlos und guckt durch die Scheibe nach draußen, sieht Leute, die vor der Tür haltmachen und sich dann schnell wegdrehen. Ein Mann mit einer schwarzen Brille sieht ihr kurz ins Gesicht, aber sein Blick sagt nichts, vielleicht hat er sie gar nicht wirklich gesehen. In ihr wird alles eng. So eng, dass sie das Gefühl hat, ihr Herz würde von innen gegen die Haut hämmern. Sie drückt den Knopf wie wild, aber die Tür bleibt zu. Jetzt erst merkt sie, dass an der Scheibe ein Zettel klebt, grellorange, muss irgendwas mit der Tür zu tun haben. Bevor sie zur nächsten rennen kann, fährt die S-Bahn an, und sie muss sich festhalten. Die Haltestelle saust an ihr vorbei, sie spürt, wie sie zittert, ich muss raus hier!

Wo sie gesessen hat, sitzt jetzt ein Typ in einer Lederjacke, er kann höchstens vierzehn sein, kommt ihr aber vor wie ein Mann. Es fühlt sich an, als würde er sie anstarren, sie merkt, wie ihr Tränen in die Augen steigen. Schnell dreht sie sich um und geht in den nächsten Waggon. Kann sie niemand beobachtet haben von hier aus. Die Bahn fährt jetzt oberirdisch, keine Ahnung, wohin, sie ist die Strecke noch nie so weit gefahren. In ihr bebt alles, gleichzeitig ist sie ganz leer im Kopf. Sie hockt sich auf die Kante von einer freien Bank, zwei jungen Frauen gegenüber. Vor dem Fenster fliegen Häuser vorbei, die sie noch nie gesehen hat, sie presst die Lippen fest zusammen. Die Sonne schießt ihr Blitze ins Gesicht, zwischen den Häusern durch. Sie macht die Augen zu, stellt sich vor, sie wäre zu Hause im Bett, aber ihr Herzschlag drückt ihr die Luft weg. Als das Blitzen aufhört, blinzelt sie. Nur Sonne. Wasser glitzert, die Bahn fährt über den Main, und auf einmal sieht sie den Turm, der ganz in der Nähe von der gelben Wohnung ist und der ihr am Anfang immer den Weg gezeigt hat. Sie zwingt sich, tief zu atmen. Sucht das Ufer ab, aber bevor sie das Haus entdecken kann, macht das Gleis eine Kurve, und Turm und Ufer sind weg. Kurz darauf hält die Bahn.

Dann steht sie auf dem Bahnsteig. Gibt vier Gleise, welches ist das richtige? Auf der Anzeigetafel steht was, doch die Nummer von der Bahn, mit der sie normalerweise fährt, ist nicht dabei. Ihr ist zum Heulen. Ganz steif steht sie da, hält die Tasche umklammert, wünscht sich weg hier, mit aller Kraft, aber das hilft natürlich nichts. Sie muss irgendwas tun. Jemand fragen? Da sind bloß zwei Männer mit schwarzen Sweatshirtjacken, einer tritt mit voller Wucht gegen den Fahrkartenautomaten; und die Frau auf dem Gleis gegenüber sieht auf den Boden und redet in ihr Handy rein.

Der Turm. Sie ahnt, in welcher Richtung er sein muss. Und in die geht sie jetzt. Nachdem sie zwei Straßen überquert hat, ist sie am Mainufer und kann ihn tatsächlich sehen. Daneben stehen auch die Glashäuser, das linke muss es sein, denn wenn sie aus ihrer Richtung kommt, ist es das rechte. Da wird ihr klar, dass sie jetzt auf der anderen Mainseite steht; genau an der Stelle, die sie immer sieht, wenn sie in seiner Wohnung aus dem Terrassenfenster guckt. Komisches Gefühl.

Sie ist noch nie in dieser Gegend gewesen. Obwohl ziemlicher Verkehr ist, kommt ihr die Straße unbelebt vor. An der gegenüberliegenden Straßenseite ist das Wasser, auf ihrer Seite stehen riesige alte Häuser, die nicht aussehen, als würde jemand normal drin leben. Die meisten haben Riesentreppen, breit wie die Häuser selbst, und vor dem Eingang Säulen. Sie geht schneller, weil sie dauernd das Gefühl hat, dass sie gleich von jemand gefragt wird, was sie hier will. Dabei klammert sie sich mit ihrem Blick an dem Turm fest, erst als sie endlich auf der Brücke ist, kann sie wieder durchatmen und sich ein bisschen an der Sonne freuen. Nur noch ein oder zwei Straßen, dann müsste sie auf dem richtigen Weg sein. Hat sie eine Dreiviertelstunde gekostet.

Fast stolpert sie über den Ständer. Er steht vor dem Eingang von einem kleinen Wollgeschäft. Auf ein Pappschild ist eine große rote Vier gemalt, untendrunter eine schwarze Acht, durchgestrichen. Sie bleibt stehen. Entdeckt sofort zwei Knäuel, wo die Farben so schön ineinanderübergehen, Blau, Türkis und Petrol. Zögernd streckt sie die Hand aus und drückt eins davon zusammen. Fühlt sich total weich an, wie Seide. Für einen Moment ist sie der kaputten S-Bahn-Tür fast dankbar, an dem Laden wäre sie sonst nie vorbeigekommen. Vorsichtig bohrt sie den Daumen in die Wolle, bis er komplett eingeflauscht ist. Bestimmt was ganz Edles, wenn so ein Knäuel vorher acht Euro gekostet hat. Muss ein Traum sein, die zu verstricken. Könnte sie prima ein Dreieckstuch draus machen oder Socken, sie kann die Nadeln in den Fingern spüren, am liebsten würde sie damit sofort heim und aufs Sofa. Aber vier Euro, und man braucht mehr als ein Knäuel. Beim Aldi kosten vier Knäuel Sockenwolle fünf Euro, und sind noch Nadeln dabei, ist aber kein Vergleich mit der hier. Sie lässt das Knäuel los, sowieso höchstens noch drei Euro im Portemonnaie, trotzdem weiß sie genau, dass sie die Wolle nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Vielleicht auf dem Rückweg, dann hätte sie ja den Fünfziger. Aber den muss sie Pit unbedingt ganz geben, der macht sonst wieder ein Gesicht wie neulich, als sie so Lust auf Eis gekriegt hat und ihm dann bloß einen Zwanziger und zwei Zehner in die Hand drücken konnte. Da hat er sie einfach stehengelassen, und sie hat sich vorgenommen, ihm das nächste Mal gar nichts zu geben, es aber dann doch nicht fertiggebracht. Sonst fängt er wieder mit dieser Blonden an, dieser Nadine, an der alles viel besser wäre als an ihr. Wenn sie Glück hat, ist die Wolle am Montag noch da. Wahrscheinlich eher nicht. Besser, sie findet sich gleich damit ab.

Immerhin ist heut der gelbe Schlüssel dran, ihr Lieblingsschlüssel. Ein schönes Gefühl, wenn sie den ins Schloss steckt: wie wenn man den Fernseher anmacht und es kommt was richtig Gutes.

Auf dem Küchentresen liegt wieder ein Zettel. Sieht sie schon beim Reinkommen. Scheiße. Er klemmt, zusammen mit dem Fünfziger, unter der silbernen Schale, wo die Pistazien drin sind, und macht, dass aus dem schönen Gefühl kaltes Herzklopfen wird. War ja klar. Sie guckt erst gar nicht drauf, sondern stellt ihre Handtasche neben dem Zettel ab, zieht die Jacke aus und hängt sie in den Putzschrank. Oben hin, an einen von den Haken für die Besen. Dann holt sie ihr Handy aus der Tasche und hält die Kamera so über den Zettel, dass er ganz aufs Bild passt. Sie drückt auf den Auslöser, danach auf Senden und tippt Mandys Nummer ein. Jetzt hört das Herzklopfen auf, aber das kalte Gefühl bleibt. Da hilft es auch nichts, dass die ganze Riesenwohnung voller Sonne ist. Blendet richtig auf dem spiegelglatten Marmor oder Granit oder was das ist. Auch die Küchenarbeitsplatte ist aus dem Zeug. Wenn man ganz nah rangeht, sieht man in dem Schwarz kleine Goldsprenkel glitzern.

Mit der Küche wird sie schnell fertig heute, da steht nur ein kleiner Kochtopf in der Spüle, milchige Brühe drin, und über dem Rand ist eine Bandnudel festgetrocknet. Als sie dranstößt, kracht sie in zwei Teile. Sie zieht Gummihandschuhe an, kippt den Topf aus und stellt ihn in die Spülmaschine. Lohnt sich eigentlich nicht, sie anzustellen, nur ein paar Gläser, Tassen und Besteck drin. Kein einziger Teller. Sieht aus, als hätt er die Nudeln direkt aus dem Topf gegessen. Bis vor ein paar Wochen hat sie die Maschine meistens zweimal laufen lassen, hat über eine Stunde allein für die Küche gebraucht. Auch sonst findet sie bloß benutzte Gläser, im Schlafzimmer ist eins umgekippt und unters Bett gerollt, da ist jetzt ein Rotweinfleck auf dem hellen Teppichboden. Wein aus Wassergläsern, das ist auch neu, das war vorher auch anders.

Sie zieht das Bett ab, beide Seiten, ist zwar totale Verschwendung, weil eine Seite überhaupt nicht benutzt aussieht, aber irgendwie hat sie das Gefühl, dass es ihn tröstet. Selbst wenn sie ihn gar nicht kennt und keine Ahnung hat, was da überhaupt los ist bei denen, aber das geht sie ja auch nichts an, mit einer Bettseite wird die Waschmaschine eh nicht voll. Sie rafft die Schmutzwäsche zusammen, stopft alles in einen Kissenbezug und fährt mit dem Aufzug in den Keller, wo sie als Erstes Hemden und Unterwäsche in die Maschine steckt.

Als sie wieder raufkommt, merkt sie erst, wie warm es in der Wohnung ist. Kommt von den vielen Fenstern. Bis auf die Seite, wo das Nachbarhaus angebaut ist, sind die Außenwände aus Glas, da knallt die Sonne voll rein, aber an die Schalter für die Jalousien traut sie sich nicht. Also schiebt sie die Terrassentür weit auf, damit kalte Luft in die Wohnung fegt, und sie muss dran denken, wie sie sich beim ersten Mal gefragt hat, ob es hier oben nachts überhaupt dunkel wird. So richtig dunkel. So, dass man stolpern würde, wenn jemand irgendwo was rumliegen gelassen hat. Wie lange ist das jetzt her? Anderthalb Jahre, mindestens. Damals hat auch die Sonne geschienen, als sie das Vorstellungsgespräch gehabt hat. Eigentlich geht immer Mandy mit bei so was, aber da war sie allein. Sie weiß noch, wie sie sich nicht raufgetraut hat. Eine Ewigkeit hat sie im Treppenhaus gestanden und sich gewünscht, sie wäre zu Hause geblieben. Fast wär sie wieder umgekehrt. Hätte sie wahrscheinlich auch gemacht, wenn oben nicht die Tür aufgegangen wäre und jemand sie hochgerufen hätte. Richtig gezittert hat sie, als sie der Frau die Hand gegeben hat, dabei war die eigentlich ganz nett, und als sie dann die Wohnung gesehen hat, hat sie sogar angefangen, sich über den Job zu freuen, weil alles so durcheinander war. Aufräumen tut sie nämlich am liebsten, vor allem, wenn so schöne Sachen wegzuräumen sind, und hier war irgendwie alles schick und elegant, sogar die Unordnung. Und die Frau sowieso. Die hat gar nicht viel gefragt, sondern nur gesagt, was sie alles gemacht haben will und worauf man aufpassen muss und dass sie absolute Zuverlässigkeit erwarten würde, weil sie viel unterwegs wäre und ihr Mann auch. Das war das einzige Mal, dass sie die Frau gesehen hat. Na ja, und wie’s aussieht, auch das letzte Mal. Ist schon komisch, wo sie doch so viel von ihr weiß: was sie gern isst, was sie für Unterwäsche anhat, wo sie heimlich Sachen aufhebt und sogar, wann sie ihre Tage hat – logisch, wenn man wem anders seine Wäsche wäscht. Einmal hat sie beim Gießen eine goldene Armbanduhr im Übertopf von der großen Zimmerpflanze gefunden. Hat sich nicht getraut, sie rauszuholen. Ein paar Tage später hat die Frau sie angerufen, mit so einem ganz scharfen Ton, ob sie wüsste, wo ihre Uhr ist. Wie sie gesagt hat, dass die im Blumentopf ist, hat sie keine Antwort gekriegt, sondern nur Schritte durchs Telefon gehört, klack-klack, Pumps mit dünnen Absätzen, dann hat man gehört, wie sie die Uhr aus dem Topf gefischt hat. »Und wieso um Himmels willen haben Sie die Uhr dort drinnen gelassen?«

»Weiß nicht, ich …« Weil das das Schlimmste ist, was passieren kann: dass was mit Schmuck ist, weil man immer schuld ist. »Hab gedacht, die ist extra da drin«, hat sie leise gesagt.

»Na, Sie sind ja drollig.« Und dann hat sie gelacht. »Die hatte ich in Gedanken an einen Zweig gehängt, sie muss heruntergefallen sein. Na, welch ein Glück, dass Sie sie entdeckt haben.«

Als sie das nächste Mal in der Wohnung war, lagen zwanzig Euro extra da. Mit einer Schleife drum, und an der hing ein Schlüsselanhänger mit einer Uhr, Werbegeschenk von einer Bank. Hat sie Mama gegeben.

Eine Tür knallt. Irgendwo ist Durchzug, der Zettel segelt vom Küchentresen und bleibt auf dem Boden liegen. Sie hebt ihn auf und klemmt ihn wieder unter die Silberschale. Dann holt sie ihr Handy raus und guckt aufs Display. Bittebittebitte. Mit dem Zeigefinger durchsucht sie die Pistazien, sammelt die leeren Schalen raus und schmeißt sie in den Mülleimer. Danach ist der Fußboden dran. Sieht nicht so aus, als wäre seit letzter Woche jemand drauf rumgelaufen. Wenn die Gläser und der Topf nicht wären, könnt man denken, dass er übers Wochenende weg gewesen ist. Sie weiß, dass er wirklich oft verreist, meistens liegt dann ein halbausgepackter Koffer auf dem Boden im Schrankzimmer. Daran, was drin ist, merkt sie, ob er privat weg war oder geschäftlich. Das letzte Wochenende war er aber in der Wohnung. Allein. Über zwei Monate geht das jetzt schon so. Hängen zwar immer noch ein paar Kleider und Röcke in dem Schrank ganz links, aber sie hat trotzdem Angst, dass sie hier demnächst nur noch einmal die Woche gebraucht wird. Wenn überhaupt. Sie beißt sich auf die Lippe. Nicht dran denken, dann passiert’s auch nicht. Bloß der Flügel, der ist total verschmiert. Überall Fingerabdrücke und Schlieren auf dem schwarzen Lack, sieht aus, als wär jemand stundenlang um das Ding rumgewandert und hätte dabei die ganze Zeit mit seiner Hand drangetatscht. Nur auf den Tasten sieht man nix. War früher genau andersrum.

Nachdem sie das Bad geputzt hat, fährt sie in den Keller und stopft die Wäsche in den Trockner. Als sie später den Fleck aus dem Teppich scheuert, vibriert das Handy in ihrer Jeans.

Mandy klingt genervt. »Du sollst seine Hemden nicht waschen. Die bringt er in die Wäscherei.«

»Scheiße! Die hab ich jetzt grad in den Trockner.«

Mandy schnauft. Fühlt sich an, als würde sie vor ihr stehen, sich mit der Hand an die Stirn schlagen und dabei den Kopf schütteln.

»Was mach ich denn jetzt?« Sie sieht die Hemden vor sich, unten im Keller, wie sie sich durch die Heißluft drehen.

»Mann, weiß ich doch nicht. Was gehen mich dem seine Hemden an?«

»Meinst du, das merkt der, wenn ich die einfach wieder in die Schmutzwäsche tu?«

»Mensch, mach es oder lass es, du warst doch so scharf auf den Job. Ich hab jetzt echt kein Kopf für so ’n Scheiß. Bin ich dein Babysitter oder was?«

Sie fühlt, wie sich ihr Hals verstopft, und weiß, dass sie gleich weinen muss.

»Jetzt flenn auch noch! Mann, mir wird das langsam echt zu viel mit dir. Wenn du mal eine Woche ohne mich zurechtkommst, dann biste doch auf dem Friedhof.«

Es dauert, bis sie Luft holen kann. »Ich komm wohl ohne dich klar«, presst sie leise raus und kriegt von ihren eigenen Worten einen Schreck. »Wirst schon sehen, aber auf dem Friedhof bin ich deswegen noch lange nicht.«

»Glaubste selber nicht.« Dann hört sie’s tuten.

Sie wird noch eine Weile still an seinem Schlafzimmerfenster stehen und zusehen, wie die Sonne sich so grellweiß im Fluss spiegelt, dass es in den Augen brennt. Sie wird die Hemden aus dem Keller holen und sie mit noch mehr Sorgfalt bügeln als sonst, damit sie besser aussehen als die aus der Wäscherei, und dabei wird der Fluss immer dunkler werden, und die Sonnenflecken drauf werden erst gelb, dann orange, und zum Schluss wird sie das Licht anschalten müssen. Sie wird den Zettel unter der Schale rausziehen und ratlos damit in der Küche stehen, ehe sie ihn auf die Arbeitsplatte legen und draufpusten wird. So, dass er unter den Toaster flattert. Den Müllbeutel schon in der Hand, wird sie feststellen, dass im Eingang eine Glühbirne kaputt ist. Sie wird auf die Uhr vom Backofen schauen und zögern, aber wenn sie die Birne noch wechselt, ist die S-Bahn weg.

∙∙∙∙∙∙∙

Noch während die Economies sich durch den Mittelgang quetschen und mit ihren Koffern gegen seinen Sitz rempeln, spürt er, dass ihm der Schweiß ausbricht. Kalter Schweiß; von der Sorte, die ein jagender Pulsschlag so unvermittelt durch die Poren presst, dass einem übel davon wird. Was ist los mit dir? Zu viel Kaffee? Zu viel Advil? Nein, nichts dergleichen. Einen doppelten Espresso mit einer Portion heißer Milch hat er sich zum Frühstück aufs Zimmer kommen lassen, weil die Engländer das mit der Latte macchiato noch immer nicht auf die Reihe bekommen; ihn nach dem Duschen, vor dem Zähneputzen getrunken, wie immer. Sonst nichts. Er versucht, seinen Atem bis zum Zwerchfell zu zwingen, aber unterhalb des Schlüsselbeins ist Schluss. Umso schneller muss er atmen und lässt die Zeitung sinken, weil das Papier nun unübersehbar zittert, ohnehin hat er den Blick nur noch mechanisch über die Zeilen gleiten lassen, ohne wahrzunehmen, was dort steht. An den Stellen, an denen er das Blatt gehalten hat, ist das Papier klamm geworden. Er knickt es zusammen und stopft es in das Netz am Vordersitz.

Christian spürt, dass sein Sitznachbar ihn beobachtet, mit Glück hält er dich bloß für einen Alkoholiker. Er überlegt, zur Bestätigung gleich nach dem Start einen doppelten Wodka zu bestellen, auch wenn das seinen Prinzipien zuwiderläuft, aber irgendjemand hat gesagt, dass man eine Wodkafahne nicht riecht, und vielleicht ist Alkohol jetzt tatsächlich das Richtige für dich. Tief durchatmen. In seinem Aktenkoffer wartet der Geschäftsbericht von Brownman-Smith, den er bis Frankfurt durchgesehen haben wollte, morgen früh ist Partnersitzung. In der Kanzlei wirst du nicht mehr die Zeit dazu haben, die Maschine hat bereits Verspätung, und womöglich – nein: bestimmt – ist sein Termin schon vor ihm da. Der hat ja nichts anderes mehr zu tun, jetzt.

Er versucht, alles auszublenden und sich vorzustellen, dass sie neben ihm sitzt und wortlos ihre Hand auf seine legt. Ihm einen verständnisvollen Blick zuwirft, ein kleines Lächeln der Verbundenheit; so eines, bei dem die Lippen schmaler werden. Dabei weiß er ganz genau, dass sich stattdessen ihre Augenbrauen heben würden.

Als die Maschine auf die Startbahn rollt und die Beschleunigung ihn in den Sitz presst, verliert er die Kontrolle: Die Hände um die Armlehnen gekrallt, durchfahren ihn Hitze und Kälte gleichzeitig, der Brustkorb vibriert; es ist die Hölle. Durch den halbgeöffneten Mund ringt er nach Luft.

»Keine Sorge, runter geht’s immer.«

»Was?« Mehr keuchend als sprechend wendet er den Kopf zu seinem Sitznachbarn, versucht, nicht an ihm vorbei aus dem Fenster zu sehen.

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, glauben Sie mir. Ich fliege seit Jahren mindestens zweimal pro Monat, und es ist mir noch nie was passiert.«

»Mir auch nicht«, erwidert er, so scharf er kann. »Und ich fliege mindestens zweimal pro Woche.« Arschloch, fügt er in Gedanken hinzu. Der Horizont kippt schräg zur Seite weg.

»Entschuldigung. War ja bloß gut gemeint.« Kopfschüttelnd wendet der Nachbar sich seinem Computermagazin zu.

Er nimmt die Unterlippe wie ein Beißholz zwischen die Zähne und starrt stur auf die Kopfstütze des Vordersitzes. Im Geist sieht er das startende Flugzeug aus der Entfernung, 18° Steigung, Beschleunigung 350 km/h. Lenk dich ab. Auf der Titelseite des Bordmagazins steht etwas von einem Kiwi. Vogel. Neuseeland. Sein Herz pumpt einen Technobeat. Nie, nie in seinem ganzen Leben hat er Flugangst gehabt, seit Jahren ist er praktisch auf Flughäfen zu Hause. Was zum Teufel ist mit dir los? Mit unkontrolliertem Griff zerrt er das Bordmagazin aus dem Netz, irgendeine Bewegung, in die sich diese Panik hineinschütten lässt, überblättert die Seiten, fixiert das Bild jenes plumpen Tiers, das ihn tatsächlich an eine Frucht erinnert, keine Flügel, keine Krallen, kein Schwanz; Versager, denkt er, dennoch ist ihm dieses Viech irgendwie sympathisch. Dann: Turbulenzen im Steigflug, wie immer auf dieser Strecke, tausendfach erlebt, aber jetzt beißt ihn mit jedem Absacken der Tod, er schließt die Augen, das Wort Luftloch verkeilt sich in seinem Kopf. Erst als der helle Glockenton anzeigt, dass die Flughöhe erreicht ist, wagt er einen vorsichtigen Blick auf die Zuckerwattehaufen vor dem Fenster. Weich leuchtend liegen sie im Sonnenlicht, ein absolut vertrautes Bild. Darunter liegen circa fünfzehn Kilometer freier Fall. Eine absolut neue Sichtweise. Schau nicht raus.

Mit unermesslicher Willensanstrengung öffnet er seinen Aktenkoffer, zieht den Geschäftsbericht heraus und stiert minutenlang auf das Deckblatt, quält sich Absatz für Absatz durch Tabellen, Diagramme und Zahlenkolonnen, einatmen, ausatmen, eine Wahnsinnsbilanz, aber statt der fälligen Euphorie spürt er nur ein schmerzhaftes Klopfen am Hals. Als die Stewardess an seinem Sitz vorüberkommt, macht er ihr ein Zeichen, muss sich räuspern, ehe er mit halbwegs fester Stimme einen Wodka-Lemon ordern kann, kurz darauf verlangt er einen zweiten, was tatsächlich hilft, zumindest bekommt er besser Luft, und sein Puls schaltet einen Gang zurück. Doch sobald das Fahrstuhlgefühl in seinem Bauch den Sinkflug ankündigt, wird ihm wieder flau, und die Sekunden vor dem Aufsetzen machen ihn sicher, nie, nie wieder ein Flugzeug besteigen zu können. Als einer der Ersten hastet er aus dem Flieger: Das metallische Klopfen seiner Schritte auf der Fluggastbrücke, die vertrauten Gänge in Gelb und Grau, die Security, die Shops; Vehmann, sein Chauffeur, der auf ihn wartet, alles genau wie immer. Er beschließt, diese idiotische Angst zu ignorieren wie einen irgendwann geträumten unnützen Traum. Doch als er in der Limousine sitzt, geht sein Herzschlag, als hätte er gerade einen Tausendmetersprint hinter sich gebracht. Er hält sich die zitternde hohle Hand vor den Mund, haucht hinein, aber alles, was er riecht, ist Limette, die ganze Hand riecht danach, weil er den Limettenschnitz vom Glasrand genommen und hineingebissen hat, gegen die Übelkeit. Sicherheitshalber schiebt er sich zwei Pfefferminzdrops in den Mund.

Die gesamte Fahrt über zerrt die Möglichkeit an ihm, Vehmann umzudirigieren, den lästigen Termin einfach platzen zu lassen. Je konkreter er sich Laßner in seinem Büro vorstellt, desto unvorstellbarer wird ein Gespräch mit ihm. Er nimmt sein Handy hervor, sieht auf die Uhr, ohnehin über eine halbe Stunde Delay, ruf Sylvia an und sag ihr, sie soll ihn abwimmeln, doch ehe er ihre Nummer wählen kann, beginnt das Telefon zu vibrieren, und der Name des Mandanten, den er gerade besucht hat und von dem er dringend eine Entscheidung braucht, erscheint im Display. Das Gespräch dauert bis zum Eintreffen in der Kanzlei.

Das Durchqueren des Vorzimmers folgt einer routinierten Choreografie mit Sylvia aus Kopfbewegungen und vielsagender Mimik. Schließlich tippt Christian an seine Uhr. »Zwanzig, max«, sagt er leise und hält sich die Hand als symbolischen Telefonhörer an die Wange.

Laßner sitzt exakt so da, wie er es sich ausgemalt hat: Mit gebeugtem Rücken, den Kopf gesenkt, pult er an den Fingernägeln herum. Christians Eintreffen scheint er nicht zu bemerken. Erst als die Tür ins Schloss schnappt, fährt Laßner herum und springt auf. »Herr von Söchting! Christian!« Wie ein Patient, kommt es ihm in den Sinn, ein Todkranker, der bereit ist, sich an jede erdenkliche Therapie zu klammern. Ich kann dir nicht helfen.

Er reicht Laßner nur knapp die Hand, als könne er sich anstecken, sucht unwillkürlich in dessen Gesicht nach Spuren jener Glorie, die ihn bis vor kurzem noch umgab: Bankvorstand, eigener Chauffeur, das Jahreseinkommen eines Industrieerben. Vor Jahren, als Griechenland-Anleihen noch Triple-A waren, hat er ihn stolz als einen seiner ersten Mandanten betreut, damals war Laßner on top gewesen, jetzt hält er den Kopf so tief zwischen den Schultern, als achte er darauf, nicht größer als Christian zu wirken. Persönliche Haftung. Laßner befingert die Kante seines Jacketts. Er war es gewesen, der Christian damals an den Herrenschneider in St. James verwiesen hat, mit einem jovialen Lächeln, an das er sich noch genau erinnern kann. Sie sollten sich mit nichts Geringerem zufriedengeben, von Söchting, man wird Sie daran messen, merken Sie sich das gut. Mit einem raschen Blick fährt er Laßners Outfit ab. Ob er bereits begonnen hat, seine Anzüge zu verkaufen?

Er setzt sich, sieht dabei demonstrativ auf die Uhr. »Mein Flieger hatte Verspätung. Und ich muss leider in einer halben Stunde wieder los.«

Ein Lächeln der Beherrschung auf Laßners Gesicht, ein Nicken mit kleinen, zittrigen Bewegungen. »Ja, natürlich, kein Problem, ich bin ja froh, dass Sie es überhaupt einrichten konnten.«

»Na, dann erzählen Sie mal.« Und dann lehnt er sich zurück und lässt Laßners Version jener Geschichte über sich ergehen, die er hinreichend aus der Fachpresse kennt, seine Unschuldsbeteuerungen und sein Selbstmitleid: Ihm, ausgerechnet! Dabei habe er doch so viel für die Bank getan, gleichsam sein Leben habe er ihr geopfert, und das sei nun der Dank! »Sie wissen, Christian, dass ich Ihre Hilfe brauche.«

Ich weiß. »Wasser?«

Auf Laßners Nicken greift er nach einer der kleinen Flaschen, die auf einem Tablett bereitstehen, schenkt in zwei Gläser ein, trinkt. Mit der Kohlensäure steigt der Geschmack des Wodkas wieder auf und mit ihm die Panik. Schweigend und mit sinnlos spürbarem Pulsschlag hört er seinem Gegenüber weiter zu, nickt dann und wann mechanisch, es muss Medikamente dagegen geben, aber die Vorstellung, mit diesem Anliegen eine Apotheke zu betreten, erscheint ihm undenkbar.

»Sie kennen mich, Christian.« Laßners Ton wird eindringlicher, beinahe flehend.

»Hm, ich will sehen, was ich tun kann.« Er schaut, so versonnen er kann, auf die Uhrzeitangabe der Telefonanlage. »Hätte da auch schon eine Idee. Einen Mandanten mit einem Geschäftskonzept, der jemanden mit Ihrem Know-how brauchen könnte. Lassen Sie mir ein bisschen Zeit, mich darum zu kümmern.« Ostentativ fährt er mit dem Stift über seinen Schreibblock. Noch während er gedankenlos Worte auf das Papier kritzelt, die ihm gerade einfallen – Legislaturperiode, Kugelschreiber, Hochdruckzone –, erlöst ihn das Klingeln des Telefons.

»Ist er schon da? Gut, Sylvia, ich komme sofort.« Mit angedeutetem Bedauern erhebt er sich.

»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, Christian, ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann.«

»Keine Ursache, eine Hand wäscht die andere.« Während der Verabschiedung steigt eine verwirrende Rührung in ihm auf. Dies ist das letzte Mal, dass du diesen Menschen siehst. Noch lange nachdem Laßner verschwunden ist, steht er an der Tür, die Klinke in der Hand, und starrt auf seine Finger: Vollkommen unbewegt umklammern sie das Metall, dabei spürt er ohne jeden Zweifel, dass sie zittern. Jäh lässt er die Klinke los, schaut auf seine Armbanduhr. Wie der verwässerte Rest eines Longdrinks auf Eis steht vor ihm, was vom Arbeitstag übrig ist – zu dürftig, um noch ernsthaft etwas damit anfangen zu können; zu beträchtlich, um sich bereits in den Feierabend zu verabschieden. Auf dem Schreibtisch wachsen die Aktenstapel, als handele es sich um organisches Material. Dabei kommt ihm das, was da liegt, grau und leblos vor. Er versucht sich vorzustellen, dass zwischen den Schnellhefterdeckeln etwas Lebendiges, Großartiges auf ihn wartet, doch es gelingt ihm nicht, sich damit zu motivieren, wie er das früher einmal gekonnt hat. Noch immer steckt die verdammte Flugangst in ihm wie eine Überdosis Koffein. Und dann ist er wieder da, der Drang, jetzt und sofort aufs Klo zu gehen und sich hastig einen runterzuholen, was er aber sein lässt, stattdessen nimmt er den Hörer und tippt Daniels Durchwahl.

»Any plans for tonight?«

Daniel klingt unschlüssig. »Boris ist nicht da, und Wellert hat Klarinette, aber ich glaube, Phillip wollte mal kurz in den Tower.«

»Wellert hat WAS?«

»Unterricht. Der spielt jetzt Klarinette.«

»Klarinette?« Unfassbar. Er versucht sich in Erinnerung zu rufen, wie eine Klarinette aussieht, bis ihn Zweifel anfallen, ob er über eine derartige Erinnerung verfügt.

»Ja, der ist irgendwie auf der Sinnsuche, seit ihm der Deal mit OO&E geplatzt ist. Also was ist jetzt mit dem Tower? Sollte man machen bei dem Wetter, oder?«

Gleißende Reflexionen auf den Fassaden der umliegenden Gebäude, sie erinnern ihn an die milde Luft, die ihn vorhin, beim Verlassen des Terminals, wie eine Verheißung angeweht hat. Und dann weiß er, dass er genau dorthinein muss: in den letzten, ausglühenden Rest dieses beinahe sommerlichen Tages.

∙∙∙∙∙∙∙

Bevor sie heimgeht, bringt sie Mama noch die Einkäufe vorbei. Sie klingelt wie immer dreimal, dann schließt sie die Haustür auf. Im Treppenhaus hört sie Stimmen, zwei junge Frauen kommen ihr entgegen. Sie bleibt an der Wand stehen und tut, als würde sie in der Tüte kramen, bis die beiden vorbeigegangen sind. Dabei presst sie die Beine fest gegeneinander, so nötig muss sie aufs Klo.

Mama sitzt auf dem Sofa und hat den wehen Fuß hochgelegt. »Muss ganz dringend«, ruft sie ihr zu und rennt ins Bad. Schon beim Einkaufen hat sie sich fast in die Hose gemacht, aber sie kann nur zu Hause aufs Klo, oder halt bei Mama, weil die Klotür immer aufbleiben muss. Als kleines Kind hat sie sich mal in der Toilette eingesperrt. Sie kann sich noch genau an den Schlüssel erinnern, damals, wie er in der Tür gesteckt hat und ihre Faust drumrum, die ganz rot geworden ist und gebrannt hat, so sehr hat sie versucht, ihn rumzudrehen. Aber er hat sich kein Stück bewegt. Da hat sie kapiert, dass sie nicht mehr rauskommt aus dem Klo. Vielleicht nie mehr. Tränen sind ihr übers Gesicht gelaufen, und sie hat nach Mama geschrien, obwohl sie gewusst hat, dass die nicht da war. Weggefahren, ins Krankenhaus. Wann kommst du wieder? Wenn es dunkel wird. Das Klo hat kein Fenster gehabt. Und der Lichtschalter war außen. Sie weiß noch genau, was für eine Riesenangst sie gehabt hat, dass ein Monster kommt oder ein Dieb und das Licht ausmacht. Und sie findet. Ewig lang muss sie geschrien haben. Irgendwann ist sie vor Erschöpfung auf dem kalten Fliesenboden eingeschlafen.

Sie wäscht sich die Hände, holt sich ein Glas aus der Küche und geht ins Wohnzimmer, gibt Mama einen Kuss und schenkt sich Cola ein. Mama streicht ihr mit der Hand übers Gesicht. »Ich hab zwei Lasagnes rein, bleibst doch, oder?«

Sie guckt auf die Uhr an der Wand. Gleich sechs. Und wenn er kommt, bevor sie daheim ist? Bei dem Gedanken spürt sie wieder dieses Hämmern in ihr drin. Heute kommt er bestimmt, war ja die ganze Woche nicht da. »Muss eigentlich heim.«

»Aber essen tust du doch wenigstens noch?« Mama sieht so enttäuscht aus, dass sie nicht anders kann, als zu nicken. Sie lächelt Mama an. »Na ja, wenn du extra gekocht hast. Ich räum schnell die Sachen weg.«

Sie geht in die Küche, guckt in den Backofen. Der Käse auf den beiden Aluschalen ist noch nicht mal verlaufen. Braucht mindestens noch eine Viertelstunde. Vor sieben schafft sie es auf keinen Fall. Sie packt die Einkäufe in den Kühlschrank und legt das Restgeld neben Mamas Portemonnaie in den Flur.

»Kannste doch behalten, mein Schatz.«

»Schon gut, ich hab noch.«

Sie hockt sich auf die Vorderkante vom Sessel, trinkt an ihrer Cola, alle paar Minuten steht sie auf und geht zum Backofen. Sie essen vor dem Fernseher, damit Mama nicht aufstehen muss. Nach der halben Lasagne legt sie die Gabel weg. »Hab nicht so viel Hunger heut. Kannste dir ja morgen warmmachen.«

»Bleib doch noch, Kind. Kommt ein schöner Film heut.«

»Nee, muss noch so viel machen.«

»Was denn?«

Sie trägt die Teller in die Küche, spült schnell ab und küsst Mama, bevor sie geht. »Bis Dienstag.«

Fast halb acht, als sie heimkommt. Sie wäscht sich, kämmt sich die Haare und zieht den beigen Pulli an. Den hat sie ein bisschen zu eng gestrickt, aber er findet ihn schön. In ihr drin ist so ein Ziehen, das kommt von der Stunde, die sie bei Mama war und in der er vielleicht geklingelt hat. Sie setzt sich aufs Sofa, zündet Teelichter an und strickt an dem grauen Pullover weiter, das hilft ein bisschen gegen das Ziehen; das Telefon hat sie vor sich auf den Couchtisch gelegt. Halb neun. Im Fernsehen läuft der Spielfilm, den Mama sich auch anguckt. Um zehn sind die Teelichter runtergebrannt, und sie zündet neue an. Sie guckt noch ein Stück vom Spätfilm, um elf macht sie aus. Morgen ist Samstag, da kommt er bestimmt.

∙∙∙∙∙∙∙

»Wasser?« Skeptisch betrachtet Phillip das Glas in Christians Hand. Die Icecubes funkeln, als befände man sich in einer Beachbar auf Barbados und nicht im zweiundzwanzigsten Stock eines mitteleuropäischen Wolkenkratzers. Christian stutzt, ehe ihm klar wird, dass es tatsächlich wie Wasser aussieht, wieso bist du da nicht früher drauf gekommen? Und schmeckt nicht mal schlecht. Gleichgültig hebt er die Schultern und trinkt aus, stellt das leere Glas auf den Tresen. »Noch mal dasselbe«, ruft er dem Barkeeper zu. Wodka scheint genau das Richtige zu sein, er spürt, wie sich der Alkohol in seinem Kopf in einen angenehm sentimentalen Optimismus verwandelt. Kleine Neonlämpchen pendeln über dem Tresen, deren Licht man kaum wahrnimmt, so hell scheint die Abendsonne in den rundum verglasten Raum, was ein jetlagartiges Gefühl falscher Uhrzeit hinterlässt. Allmählich füllt sich der Laden, überwiegend Männer, einige haben das Jackett ausgezogen. Er hört Heldberg und Phillip die Relevanz von Autositzkühlungen diskutieren, sieht Daniel am entgegengesetzten Ende der Theke, ins Gespräch vertieft mit einem Fondsmanager von FYS Capital, dessen Name ihm gerade nicht einfällt. An einem der Fenstertische sitzen zwei Frauen, eine davon ziemlich gutaussehend, sie macht jedoch keine Anstalten, sich umzuschauen.

»Aber Söchting hat nie Probleme mit seinem gehabt, oder?« Heldberg sieht fragend in Christians Richtung.

»Womit?«

»Bordelektronik vom 911er.«

Er schüttelt den Kopf. »Mit dem alten niemals. Aber der neue. Schon nach zwei Monaten. Ich, abends aus der Garage raus: kein Mucks mehr. Tot.«

»Und was war?«

»Vollkommen strange. Sie haben zwei Tage gebraucht, um es herauszufinden: liegt an der Uhr. Wenn du die von Sommer- auf Winterzeit umstellst, machst du das gesamte System platt.« Er hat es noch immer nicht richten lassen, der komplette Bordcomputer müsste ausgetauscht werden, und stets kommt ihm etwas dazwischen. Erst gestern hat er, der bevorstehenden Zeitumstellung wegen, daran gedacht, aber auch dieses Mal wird er die Uhr nicht umstellen, sondern so lange eine Stunde zurückrechnen, bis sich das Problem Ende Oktober für ein weiteres halbes Jahr erledigt haben wird.

»Achtzigtausend neu, oder? Unfassbar.«

»Krollmann hat so was Ähnliches bei seinem SLK gehabt, da ist mit der Zündung immer die Hupe losgegangen. Sie haben es nicht repariert gekriegt, irgendwann ist einer draufgekommen, dass es die Kupplung war – wenn man vor dem Starten den Gang rausgenommen hat, ist er problemlos angesprungen. Und wisst ihr, was das Beste war? Der Monteur meinte, er solle sich freuen, wäre doch eine ideale Diebstahlsicherung.«

Das Gespräch tröpfelt in ihn hinein und versickert in seinem Inneren; er sucht nach dem Optimismus, der ihn nach dem ersten Glas überkommen hatte und überlegt, ein drittes zu ordern, aber Daniel zahlt bereits, und wie er Heldberg kennt, muss der nach Hause zu seiner Frau. Mechanisch holt er sein Telefon aus der Tasche: keine Messages, automatisch tippt er den Code ein, checkt seine Mails, aber alles, was einläuft, ist das Sitzungsprotokoll einer Mandantin, der Newsletter einer Weinhandlung und ein Link zur Monatsabrechnung seiner Kreditkarte. Essen, du musst etwas essen, seit dem Sandwich in Heathrow hat er nichts zu sich genommen. Er spießt eine Olive aus einem Schälchen, greift sich ein paar Macadamias und scannt die Bar ab. Die Frau am Fenster hat den Winkel ihres Sessels verändert und schaut sich ab und zu im Lokal um, er sieht eine Weile in ihre Richtung, und tatsächlich streift ihr Blick den seinen, kehrt zu ihm zurück und verharrt für den Bruchteil eines Moments, herausfordernd, und jetzt endlich gerät etwas in Bewegung, als hätte ihm jemand Treibstoff eingefüllt. Während er auf den nächsten Blick lauert, trifft ihn ein fester Knuff an seinem Oberarm.

»Hey, wieso erfahre ich nichts davon?« Daniel ist aufgetaucht und deutet mit dem Kopf dorthin, wo eben noch der FYS-Typ gestanden hat. Unmöglich zu sagen, ob Missbilligung oder Begeisterung in seinem Gesicht stehen.

»Wovon?«

»Weißt du, wie der mich angesehen hat?« Daniel verzerrt seine Stimme: »O, leaks in der corporate communication? Oder ist das policy? He, ich hab dagestanden wie ein Trottel!«

Für einen Augenblick ist Christian ratlos, schließlich beginnt er zu ahnen, worum es geht: Die Fusionspläne der Kanzlei, von denen bisher nur der inner circle weiß und über die, bis zur morgigen Partnersitzung, absolute Diskretion zu wahren ist. Nur mit einer Bewegung der Brauen versucht er, Daniel zum Schweigen zu bringen, doch da hat sich Heldberg schon eingeschaltet: »Hab ich was nicht mitgekriegt?«

»Kann man wohl sagen.« Daniel weist mit dem Kinn zu Christian. »Die planen seit Wochen einen Merger mit Brownman-Smith. Alle Welt weiß Bescheid, nur wir nicht!«

»Mit Brownman-Smith? Wir?« Phillip starrt ihn sekundenlang an, dann geht in seinem Gesicht schlagartig das Licht an. »Wow!«

Irgendwer hat seinen Mund nicht halten können, und er kann sich denken, wer. Wichser. »Wartet es ab, morgen erfahrt ihr alles.«

»Ist das fix?«

Christian atmet tief ein. »Es gab Vorgespräche, das ist alles.«

»Die machen M&A und viel Litigation, oder? Na, dann sehn wir ja goldenen Zeiten entgegen!«

»Der Wahnsinn!« Phillip schlägt mit der Faust einen imaginären Gegner nieder.

Er spürt Heldbergs skeptischen Blick. »Aber was sagt der Alte dazu?«

Der Alte. Christian hebt die Schultern. Sein ehemaliger Mentor Johannes ist längst nicht der älteste Kanzleipartner, doch von Beginn an Senior-Partner und der Einzige, der dieses Wort deutsch ausspricht. Niemals würde er sich mit Amerikanern einlassen. Als Aaron Anfang des Jahres seine Fusionsidee vorgebracht hatte, war Johannes’ Reaktion scheinbar gleichgültig ausgefallen. Doch Christian kennt ihn lange genug, um zu wissen, dass seine Ungerührtheit nichts als ein stilles Beobachten ist, ehe er, in einem knappen Akt der Autorität, alle Pläne zunichtemachen wird.

Seine drei Kollegen sehen ihn erwartungsvoll an, und eine jähe Beklemmung überfällt ihn: Die setzen darauf, dass du Johannes umstimmst. Er hebt sein Glas an den Mund, Eiswürfelreste placken gegen seine Lippen, und was er schluckt, ist dieses Mal tatsächlich kaum mehr als Wasser. Seit er, vor Jahren, als Johannes’ Mentée in die Kanzlei eingetreten ist, gilt Christian als dessen engster Vertrauter und mittlerweile auch, unausgesprochen, als sein Nachfolger. Vor allem die jüngeren Kanzleipartner verlassen sich auf Christians guten Draht zum Alten.

»Abwarten.« Er winkt dem Kellner. »Mehr kann ich euch nicht sagen, morgen in der Sitzung werdet ihr über alles informiert.« Demonstrativ sieht er auf die Uhr. »Ich muss los.« Lächeln. »Charlotte.« Dann reicht er dem Kellner seine Kreditkarte.

In der Wohnung ist es unwirklich warm – verfluchte Rollos, wieso fahren die nicht automatisch herunter? –, dennoch überkommt ihn beim Eintreten ein Gefühl, als hätte jemand die Heizung abgedreht. Er schiebt den Rollkoffer durch die Tür und tastet nach dem Lichtschalter. Mit einem kaum wahrnehmbaren Surren leuchten die Halogenlampen auf. Irritiert schaut er nach oben, spürt das Ziehen im Nacken, das ihn seit einiger Zeit begleitet, du solltest endlich zur Massage gehen. Zwischen Eingang und Küche ist ein Spot dunkel geblieben. Ob das Geräusch daher rührt? Oder war es schon immer da? Er nimmt sich vor, die Glühlampe zu wechseln, wirft Jackett und Aktentasche auf einen Sessel und die Post auf den Küchentresen. Dann öffnet er den Kühlschrank.

Es ist kein Weißwein mehr drin. Shit.

Er durchsucht sämtliche Küchenschränke – neulich erst hat er doch zwei Kisten gekauft, sind die schon leer? –, findet aber nur Rotwein, lauwarm natürlich, trotzdem schenkt er sich ein Glas davon ein, trinkt und nimmt sich vor, einen großzügigen und vor allem gekühlten Weißweinvorrat anzulegen, solange es sonst niemand tut. Während er die Post durchsieht, bricht er ein paar Pistazien auf und wirft die Kerne in den Mund, immer mehrere auf einmal. Normalerweise würde er jetzt auf einen Teller Antipasti zu Gaspare gehen, was er aber nicht fertigbringt, nicht mehr, seit dieser Mensch ihm dort aufgelauert hat. Und dann sieht er den Typen wieder vor sich, wie er sich, unaufgefordert und grußlos, an seinen Tisch setzt. Sein Name tue nichts zur Sache, hat er erklärt und Christian dabei unverwandt angesehen, lediglich der seines Auftraggebers, und den kenne Christian bereits. Da hat ihm gedämmert, mit wem er es zu tun hatte: dem offenbar unter Druck stehenden Verkäufer eines Büroturms, dessen potentiellen Käufer Christian vertritt. Wie es aussah, suchte der Verkäufer den Deal auf seine Weise abzukürzen. Schweigend hat Christian ihm zugehört, wobei sein Blick immer wieder auf dessen abgrundtief hässliche Krawattennadel mit dem Bernstein gerutscht ist. Kein ernstzunehmender Mensch trägt heutzutage Krawattennadeln, aber diesen hier würde er dennoch ernst nehmen müssen. So schnell, wie er aufgetaucht ist, war er wieder verschwunden.

Christian beschließt, sich die Antipasti liefern zu lassen, dabei fällt ihm ein, dass noch immer etliche Dokumente für die Due Dilligence dieses Deals fehlen, den er im Geist nur noch Bernsteindeal nennt, und er setzt eine kurze Nachricht an Sylvia ab, sie möge sich umgehend darum kümmern. Anschließend checkt er seine Mails und zappt dann, am Tresen der offenen Küche lehnend, durch die Fernsehkanäle. Eine Weile bleibt er beim Nachrichtensender und schließlich in einem Footballspiel der NFL hängen, irritiert durch die unpassende Samtigkeit des Weins, die eine Behaglichkeit und Wärme suggeriert, mit der er jetzt nicht klarkommt, weil er spürt, dass eine Stellung aus dem Hinterhalt ihn mit emotionalem Zündstoff zu attackieren versucht. Denk nicht an sie. Er schiebt die Terrassentür auf und tritt hinaus. Während der Himmel im Westen noch leuchtet, hebt sich die Skyline auf der gegenüberliegenden, schon nachtschwarzen Seite des Horizonts nur noch durch flirrende Lichter ab, und die Stadt wird zu einer ausgebreiteten Landkarte. Seine Bezugspunkte darin sind Tiefgaragen, die er im Transit ansteuert wie die Stecknadelfähnchen auf dem Spielbrett der Europareise, die er als Kind so gern gespielt hat: zu Hause – Kanzlei – Supermarkt – Kanzlei – zu Hause. Des schnellstmöglichen Transportmittels hat er sich versichert.

Als es klingelt, geht er zur Tür, zahlt, nimmt den mit Alufolie abgedeckten Porzellanteller und den Brotkorb entgegen, schenkt sich Wein nach und stellt alles auf dem Terrassentisch ab; seine Fingerknöchel wischen helle Streifen in die Dreckschicht, die sich darauf abgelagert hat – seit dem letzten Sommer hat ihn niemand mehr benutzt. Mit einem Zahnstocher schiebt er sich eingelegte Tomaten und luftgetrockneten Schinken in den Mund, während gelegentliches, mit Musikfetzen vermischtes Brummen sich entfernender Autos zu ihm heraufdringt, hie und da hört er auflachende Stimmen: Nachhall jener Verheißungen vom Nachmittag, die ihm nun vorkommen, als hätten sie sich auf der anderen Seite der Erdkugel erfüllt.

Wenn sie jetzt da wäre, würde sie sich an ihn lehnen, ihr Glas leise gegen seines klirren lassen und mit ihm auf den Fluss hinunterschauen. Sie ist aber nicht da, sondern lehnt vermutlich gerade an diesem Kulturwichser, und er braucht noch ein Glas, um wieder davon überzeugt zu sein, dass sie zurückkommen wird. Er gibt der gläsernen Brüstung einen Tritt, spürt, wie ihm der Schmerz in die Zehen fährt, flucht, seine Schuhe hat er vor dem Kühlschrank ausgezogen. Er reibt den Fuß an der Wade. Was soll’s. Er wird sich eine CD einlegen und Musik hören. Wein, Lichter, Musik. Jetzterstrecht.

Mit dem frisch gefüllten Glas in der Hand geht er zum Regal, lässt den Blick über die Cover gleiten. Überall klaffen Lücken; planlos, wie es scheint, hat sie ihre Auswahl getroffen, dabei hätte sie genauso gut alles mitnehmen können, schließlich hast du selbst in den letzten Jahren keinerlei Musik mehr gekauft. Er fragt sich, ob sich in dem, was sie zurückgelassen hat, eine Botschaft versteckt, eine letzte, schweigende Demonstration ihrer kulturellen Überlegenheit. Streitlust und Weltschmerz treffen in ihm zusammen wie Luftmassen unterschiedlicher Temperatur; er ahnt, dass es die letzte, noch spürbare Besänftigung des Weines ist, die alles in Schach hält.

Ganz unten im Regal liegt ein Stapel seiner uralten CDs. Die Hüllen sind matt vor Kratzern, damals hatte er sie immer auf dem Beifahrersitz liegen, wie lange ist das her? Er legt eine ein, hört der schmachtenden Stimme einer Popsängerin aus den späten Neunzigern zu. Manchmal läuft der Song noch im Radio, er könnte ihn jederzeit mitsingen, aber jetzt kommt er ihm erbärmlich vor. Wahllos nimmt er etwas aus den oberen Reihen heraus, das Cover sagt ihm nichts, nur das Stück glaubt er schon einmal gehört zu haben: Jazz, von der Sorte, die ihm immer unzugänglich und verworren vorkam, aber nun dreht er laut auf, trinkt und stellt sich hinaus in die Nacht. Und dann vermisst er sie. Plötzlich und absolut, und die Stadtlichter ziehen lange Schlieren vor seinem Blick. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Augen, was es nur schlimmer macht. Ausgerechnet jetzt klingelt drinnen das Telefon, er zuckt zusammen wie jedes Mal, weil ihm für einen Sekundenbruchteil möglich scheint, dass sie es sein könnte. Hör auf zu heulen. Er braucht ein Taschentuch, und er braucht mehr Wein. Da ist kein Tuch in seiner Hose, hol Klopapier, das Klingeln hat aufgehört, aber als er das Glas auf den Tresen stellt, findet er dort ein Stück sauberes Küchenkrepp unter der Pistazienschale, exakt zum Dreieck gefaltet. Als er hineinschnäuzt, hört er ein dumpfes Brummen. Er erschrickt, bis er merkt, dass es sein Handy ist, das gegen die Weinflasche vibriert. Der Name seines Vaters leuchtet auf dem Display, er räuspert sich und drückt auf Annehmen, irgendwann musst du ja mal rangehen; den üblichen Vorwürfen, dass er sich nicht melde, wird er mit dem Hinweis auf Arbeitsüberlastung begegnen, dem einzigen Grund, den sein alter Herr für derlei Versäumnisse uneingeschränkt gelten lässt. Dass sie am Samstag rechtzeitig beim Clubhaus erscheinen sollen, mahnt sein Vater, Shotgun um neun. Man wolle sich vorher gemeinsam einspielen.

Shit, denkt er, schenkt Wein nach und bremst mit dem Küchentuch den Tropfen, der am Flaschenhals herabrinnt. Das Golfturnier, das hat er vollkommen vergessen, irgendeine Charity-Geschichte der Rotarier, bei der seine Eltern mit unumstößlicher Selbstverständlichkeit erwarten, dass die Familie vollständig teilnimmt. Einschließlich zukünftiger Schwiegertochter.

»Deine Mutter würde sich übrigens freuen, wenn ihr bis Sonntag bleibt.«

Wir bleiben gar nicht, denkt er, weil es nämlich kein Wir mehr gibt, aber das sagt er nicht, so wie er es seit Wochen nicht sagt, und das Nichtgesagte türmt sich mit jedem Nichtsagen noch höher vor ihm auf und ist längst nicht mehr mit ein paar Worten abzutragen. »Charlotte ist nicht da dieses Wochenende, sie hat in Berlin zu tun.« Das ist wenigstens nicht gelogen.

Im Seufzer seines Vaters schwingt Missbilligung, nach wie vor ist er nicht bereit, seinen Respekt vor den Tüchtigen auch den Frauen entgegenzubringen. Nur ein lautes Ausatmen ist zu hören, doch er kennt sie längst, diese Codierung für: Heirate sie endlich, damit dieser Unfug ein Ende hat. »Das habt ihr doch wirklich rechtzeitig gewusst, Christian.« Er kann das Kopfschütteln seines Vaters durch das Telefon spüren. »Wir haben euch ausdrücklich gemeinsam angekündigt, du weißt genau, wie wichtig …«

»Ja, ja, ich weiß, es tut mir leid, das war nicht anders machbar.« Natürlich ist es wichtig, wirklich wichtig sogar, letztendlich hat er seine mit Abstand lukrativsten Mandate allesamt auf den heimatlichen Golfplatz angebahnt – und du bräuchtest dringend wieder einen richtig guten Deal. Aber der Gedanke, dass ihn jeder zweite dort auf Charlotte ansprechen wird, ist mehr, als er im Augenblick aushalten kann, zumal er weitaus lieber seine Freeclimbing-Ausrüstung in den Wagen lädt als die Golfschläger.

»Ich erwarte, dass wenigstens du hier erscheinst. Und bis Sonntag bleibst, wir haben schließlich etwas zu besprechen. Es muss jetzt gehandelt werden.«

»Ich habe dir doch erklärt, dass …«

»Nicht am Telefon«, fällt sein Vater ihm ins Wort. Als könne allein die Wortkombination aus Geld und Schweiz einen Alarm bei der Steuerfahndung auslösen. Kann sie, das weißt du doch selbst am besten.

»Ich werde sehen, was ich tun kann.« Vreede. Vreede macht Private Clients, wenn einer Bescheid weiß, dann er. Aber auch Vreede, so viel ist klar, kennt keine sicheren europäischen Steueroasen mehr. Weil es nämlich keine sicheren europäischen Steueroasen mehr gibt. Wann kapiert er das endlich? Doch wenn er ehrlich ist, kann er es selbst nicht kapieren.

Als er am nächsten Morgen seinen Parkplatz in der Tiefgarage der Kanzlei ansteuert, sieht er Johannes gerade aus dem Wagen steigen. Der Alte hebt die Hand zum Gruß, stellt seine Aktentasche auf dem Wagendach ab und bleibt wartend stehen. Sie ist aus speckigem dunkelbraunem Leder, Christian vermutet, dass sie ursprünglich einmal hell gewesen ist. Seit er Johannes kennt, also quasi schon immer, gehört diese Tasche zu ihm. Vor Jahren, zu Johannes’ Sechzigstem, hat Christian ihm angeboten, sie durch einen angemessenen modernen Lederkoffer zu ersetzen, aber Johannes hat nichts davon wissen wollen, bringt lieber die Tasche zur Reparatur, wenn etwas daran schadhaft ist, und wird sie vermutlich mit ins Grab nehmen. Christian grüßt ihn mit einem Kopfnicken: »Hast du gewusst, dass Brownman-Smith das Mandat für General Mecanics hält?«

Gemeinsam betreten sie den Aufzug. Mindestens drei große deutsche Konzerne fallen ihm ein, die hundertprozentige Töchter von General Mec sind. Goldene Zeiten, oder wie hat es Phillip ausgedrückt? Die Kabine setzt sich in Bewegung. Johannes schaut ihn nicht an, sondern sieht geradeaus auf die geschlossene Tür. »Wir sind uns ja einig, mein Junge«, sagt er, und so, wie er es sagt, ist es keine Frage, sondern eine unumstößliche Feststellung. »Wir verkaufen unsere Werte nicht. Und unsere Seele schon gar nicht.«

Ohne sein Zutun stellt sich ein zustimmendes Kopfschütteln bei ihm ein. »Keinesfalls, Johannes.« Die Türen öffnen sich, er ist erleichtert, Johannes den Vortritt gewähren zu können, weil er ihm so nicht ins Gesicht sehen muss. Wortlos gehen sie den Gang entlang, bis Phillips Sekretärin ihn am Empfangscounter abpasst. Du weißt genau, was sie von dir will, und irgendwo unterhalb seines Halses zieht sich etwas zusammen. »Guten Morgen, Herr Doktor von Söchting. Mir fehlt noch Ihre Anmeldung für die Partnerreise. Ich kann Sie und Frau von Racz doch bestimmt wieder auf die Liste setzen?«

Er vergewissert sich, dass Johannes in sein Büro verschwunden ist. »Wann ist das noch mal?« Er kennt den Termin genau, sein Timer ist mit der Kanzlei vernetzt. Traditionell findet jene Reise, an der sämtliche Kanzleipartner teilnehmen, am letzten Maiwochenende statt, und es wird erwartet, dass die Ehepartner mitreisen. Im vergangenen Jahr ist er zum dritten Mal dabei gewesen, für ein verlängertes Wochenende sind sie in die Karibik geflogen, BVI, British Virgin Islands, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und Spesen für eine SPV-Company zu dokumentieren, und Christian hat deutlich gespürt, dass an ihrem Familienstand auf Dauer Anstoß genommen würde, auch wenn Charlotte, wie zu erwarten, einen perfekten Eindruck hinterlassen hat. Nichts ist in dieser Branche wichtiger als Seriosität. In jeder Hinsicht. Undenkbar, was geschähe, wenn Charlotte dieses Mal überhaupt nicht dabei wäre.

»Sechsundzwanzigster bis neunundzwanzigster. Ist frei bei Ihnen, Sylvia hat nachgesehen.«

Er nimmt die Unterlippe zwischen die Zähne, als müsse er überlegen, spürt, wie sein Kiefer schon wieder zu zittern droht. Für einen Augenblick durchfährt ihn der Gedanke, sie einfach zu bitten, mitzukommen, doch sofort wird ihm die Absurdität dieser Idee bewusst. »Na wunderbar, dann werden wir wohl teilnehmen.« Zwei Monate. Lange hin. Bis dahin ist sie wieder da. Doch er spürt, dass sich der Gedanke an diese Reise wie eine Eisschicht auf seinen Weg legt.

Sylvia begrüßt ihn mit der Nachricht, dass die fehlenden Mietverträge für die Due Dilligence nun in Zürich bereitstünden.

»Wieso in Zürich? Was zum Teufel soll das heißen? Warum schicken die das Zeug nicht hierher?«

»Es sind drei Umzugskisten.« Sie hebt die Schultern.

»Wie bitte? Sind die etwa nicht digitalisiert?«

»Nur ein ganz kleiner Teil, fürchte ich.«

»Ach du Sch…« Drei Umzugskisten voller Verträge, die noch vor dem Signing durchgesehen werden müssen, wieso kann nicht ein einziges Mal etwas ohne Komplikationen funktionieren? Sylvias Telefon klingelt, sie sieht auf das Display. »Mortensen.«

»O. k.« Er seufzt laut. »Stellen Sie ihn rein, und schicken Sie Linda nach Zürich, gleich am Montag, sie soll sich um diese Verträge kümmern.«

Den Vormittag, den er dringend für anderes benötigt hätte, verbringt er telefonierend und in einer endlosen Videokonferenz, aus der er sich nur mit dem Hinweis auf wichtige Termine retten kann, ein Call folgt auf den nächsten. Als er endlich alle abgewimmelt hat, starrt er minutenlang auf den Telefonhörer in seiner Hand, als müsse der ihm die Erlaubnis erteilen zu wählen. Er weiß, dass niemand abheben wird, trotzdem hat er Herzklopfen, und es durchfährt ihn eine skurrile Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung, als er das Annahmegeräusch des Anrufbeantworters hört. Dann, endlich, ihre Stimme! Noch bevor der Pfeifton erklingt, presst er den Finger auf die Gabel, nur um anschließend die Wahlwiederholung zu drücken. Drei-, viermal vollführt er dieses Ritual, saugt ihre Stimme in sich auf, als spräche sie nur für ihn. Sieht sie vor sich, am Regal stehend, wie sie sich über das Mikrofon beugt und mit einer unbewussten Bewegung ihre Haare hinter das Ohr streicht, während sie den Ansagetext aufspricht, wie lange ist das her? Wir können im Augenblick nicht ans Telefon gehen, ein Satz, in dem er damals eine Pikanterie mitschwingen hörte, die ihn noch nach ihrem Auszug mit Genugtuung erfüllt hat, bis er eines Tages die Nummer des Kulturprofessors herausfand und feststellen musste, dass ihre Stimme längst auch dessen Bandansage annektiert hat, mit nahezu identischem Text.

Ein Klopfen unterbricht seine Gedanken, und jähes Unbehagen überfällt ihn, als er sieht, dass es Linda ist, die Referendarin, die es nicht fertigbringt, die Tür weit genug zu öffnen, sondern sich stattdessen quer durch einen schmalen Spalt in den Raum quetscht. Sie drückt die Tür wieder ins Schloss, indem sie sich mit dem Rücken gegen das Türblatt lehnt. »Störe ich?«

»Wir haben gleich Partnersitzung.« Das weiß sie doch, zum Teufel.

»Es ist nur wegen Zürich.« Sie rückt von der Tür ab, lächelt provokant und bohrt ihren Blick in seinen. »Ich meine … wenn ich da jetzt schon früher hin soll, wegen dieser Akten, na ja, dann – könnte ich ja vielleicht schon am Wochenende hinfahren. Oder …« – jetzt macht sie einen Schritt auf ihn zu, und ihr Blick wird unleugbar kokett – »WIR könnten. Soll ja sehr schön sein, Zürich.«

Shit. Christian schließt für einen Moment die Augen, weil die Katastrophe, von der er gehofft hatte, dass sie nicht eintreten würde, mit Wucht auf ihn einprallt. Idiot! Ein paar Sätze oder Worte nur, die er ihr an jenem Abend im Chambers ins Ohr geraunt hat, so viel weiß er noch, aber offenbar waren es doch die falschen gewesen. Was hast du dir da eingebrockt? Mit Mühe zwingt er Gelassenheit in sein Gesicht. Kein Mensch, der bei Verstand ist, prahlt mit illegalen Provisionen, aber an diesem Abend muss der Teufel mit ihm durchgegangen sein; der und ein paar Gläser Wein zu viel müssen alles, was sich in ihm angestaut hatte, aus ihm heraus und in Lindas zugegebenermaßen niedliche Ohrmuschel gepresst haben.

Spät war es geworden, nur ein paar Kollegen noch, die sich allesamt darin überboten hatten, ihre Zweifel an Lindas Intellekt mit Alkohol auszuräumen, und Christian fühlt noch den Triumph, als er allen Balzversuchen der Kollegen den Garaus gemacht hat, mit diesem kleinen, komplizenhaften Hinweis an Linda, auf einen besonders lohnenden Mandanten. Erfolgreich, wie er dachte, denn für den Rest des Abends hatte sie ihre Aufmerksamkeit nur ihm geschenkt. Bis er am Ende doch allein ins Taxi gestiegen ist. Vollidiot. Sein Blick wandert ihre Beine hinab, sie hat scharfe Beine, keine Frage, aber du musst trotzdem raus aus diesem Spiel. Allerdings mit Bedacht, nach allem, was sie über diesen Deal weiß, doch dafür fehlt ihm jetzt die Geduld. Nötigenfalls erledigst du das mit ein paar Scheinen, aber die muss man sich verdienen, weswegen sie zuerst ihren verdammten Job zu erledigen hat. Der darin besteht, sämtliche in Zürich wartenden Mietverträge auf Change of Control Clauses zu prüfen, ehe dieses siedend heiße Signing endlich über die Bühne gebracht werden kann.

»Sehr schön, Linda.« Er lächelt so wohlwollend er kann. »Ich weiß dein Engagement zu schätzen. Ist bei dem Aktenvolumen vielleicht gar keine schlechte Idee, mehr Zeit einzuplanen. Wende dich also bitte an Sylvia, sie wird das organisieren.« Mit Genugtuung sieht er Irritation und einen Schmollmund Lindas Lächeln verkleistern. Im Aufstehen stellt er das Telefon um und kommt hinter seinem Schreibtisch hervor. Als er an Linda vorbeigeht, fährt er sachte mit der Hand über ihren Oberarm und dämpft seine Stimme: »Alles Weitere sehen wir dann.« Dass er Anfang der kommenden Woche weder in der Kanzlei noch in Zürich, sondern erst mal in London sein wird, braucht sie ja nicht zu wissen.

Trotz aller Beklemmung überfällt ihn, wie immer beim Eintreten in den Board Room, die Erinnerung an das erste Mal, als er hier gewesen ist; jenes Mal, da alle Partner sich seinetwegen in diesem Besprechungsraum mit dem riesigen ovalen Tisch versammelt hatten. Er hört noch das Klingen der Gläser, schmeckt das warme, holzige Aroma des Sherrys, mit dem traditionell die Aufnahme eines neuen Partners besiegelt wird. Johannes’ Platz am Kopfende des Tisches ist noch frei. Während Christian sich in den Sessel gegenüber setzt, lässt er verbissen ein weiteres Ereignis auftauchen, das er sich in seiner Phantasie so oft ausgemalt hat, dass es ihm so realistisch erscheint wie eine tatsächliche Erinnerung. Wieder wird Sherry im Spiel sein, wieder werden Hände geschüttelt und Schultern geklopft werden, und irgendwie kommt ihm auch der Lorbeerkranz um seinen Hals, den er in seiner Vorstellung hinzuaddiert, absolut richtig vor. Bleibt nur die Frage, wie lange noch. Seine Kanzleianteile hat Johannes schon vor Jahren begonnen, sukzessive auf ihn zu übertragen, mit der Übertragung von Kompetenzen ist er in geradezu patriarchalischer Weise zurückhaltend. Jetzt lässt er auf sich warten. Ein Zeichen seiner Missbilligung, die er mit Worten nicht effektvoller ausdrücken könnte. Am liebsten würde Christian auch fernbleiben. Er lässt den Blick über die Kollegen schweifen, überlegt, wirklich zu verschwinden, bleibt an Vreede hängen, der konzentriert in sein iPhone tippt, und jäh fällt ihm das Gespräch mit seinem Vater wieder ein. Er wartet, bis Vreede aufsieht, und deutet mit einer Handbewegung an, dass er ihn sprechen müsse, lotst ihn außer Hörweite des Tischs.

»Ich brauche ein bisschen Input. Es geht um einen Mandanten mit einem B-Geld-Problem.«

»Hm. Privatvermögen?«

Christian nickt. »Schweiz.«

»Aha.« Vreedes Gesichtsausdruck gleicht dem eines Hausarztes während einer Schnupfenepidemie. Du bist der Fünfzigste heute. »Hat er es in den letzten Jahren bewegt?«

»Nein, vermutlich nicht.«

»Das ist schon mal sehr gut. Ist wie im Manöver – nur wer die Deckung aufgibt, wird erwischt. Kommt auch auf das Institut an. Welches ist es denn?«

»Keins von denen mit bekannt undichten Stellen. Eins von den kleinen, privaten. Soweit ich weiß«, schickt er hinterher.

»Wenn es inhabergeführt ist, gibt es überhaupt kein Problem, die sind absolut diskret. Hat in der Regel nur der Patron das Dossier, braucht er sich absolut keine Sorgen zu machen.«

»Er möchte dennoch …« Transferieren, will er sagen, doch da tritt Johannes ein, und der abrupt sinkende Geräuschpegel lässt Christian unwillkürlich verstummen. Er spürt Vreedes Hand an seinem Oberarm.

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