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Man nehme: dich und mich!

1. KAPITEL

Ein einzelner harmloser Tropfen war die einzige Vorwarnung für den Sturzbach. Er fiel auf die Monatsabrechnung, die vor Frances Moorehouse auf dem Schreibtisch lag, und zeigte ihr noch deutlicher als die roten Zahlen, wie schlecht es um die Hotelpension White Caps stand.

War das Dach etwa schon wieder undicht? So elegant und verwunschen die alte Villa mit ihren vielen Erkern und Türmchen wirkte, die Dachkonstruktion war ein Albtraum. In den vielen Winkeln und Überständen sammelten sich ständig Feuchtigkeit und Laub, und irgendwo gab es bei Regen immer eine undichte Stelle.

Stirnrunzelnd blickte Frankie aus dem Fenster. Aber es regnete doch gar nicht!

Als sie zur Decke schaute und den riesigen dunklen Fleck sah, blieb ihr gerade noch Zeit für ein entsetztes „Was, zum Teufel …“, bevor an die hundert Liter Wasser über sie und den Schreibtisch hereinbrachen.

Leider war es auch kein sauberes Regenwasser, sondern eine übel riechende Brühe, vermischt mit Gipsbrocken aus der Decke und verrotteten Pflanzenteilen. Als der Sturzbach endlich verebbte, nahm Frankie die Brille ab und hob hilflos die Arme.

Dann hörte sie im Flur Schritte, und sie stand hastig auf und zog die Bürotür von innen zu.

„Hey, Frankie, ist was passiert?“, erklang von draußen Georges unverkennbare Bassstimme. Doch von ihm war leider keine Hilfe zu erwarten. George arbeitete jetzt seit sechs Wochen im White Caps, und manchmal hatte sie das Gefühl, eine Schnecke bewege sich schneller als er.

Eigentlich hatte sie ihn als Hilfskoch eingestellt, aber die meiste Zeit stand er nur herum und den anderen im Weg – was bei seiner Größe von fast zwei Metern bei an die hundertfünfzig Kilo Lebendgewicht kein Wunder war.

Am liebsten hätte Frankie ihn schon am zweiten Tag wieder gefeuert, aber er brauchte den Job nun mal. Außerdem hatte er ein gutes Herz und war nett zu ihrer Großmutter.

„Ist alles okay bei dir?“, fragte er besorgt.

„Ja, alles bestens.“ Es war ihre Standardantwort auf die verhasste Frage. „Kümmere dich um das Brot für die Brotkörbe, ja?“

„Ist gut, Frankie.“

Erschöpft schloss sie die Augen. Von der Decke tropfte es noch immer, und sie freute sich nicht darauf, hier sauber zu machen. Aber zum Glück funktionierte wenigstens der Nasssauger noch, die Aufgabe war also zu bewältigen.

Die finanziellen Probleme von White Caps dagegen schienen nie ein Ende zu nehmen. Die große Hotelpension mit angeschlossenem Restaurant stand am Ufer des Saranac Lake in den Adirondack Mountains. Das Haus befand sich seit dem Bau im Besitz ihrer Familie, und zehn der geschichtsträchtigen Räume dienten als Gästezimmer. Doch seit einigen Jahren lief das Geschäft schleppend. Die Leute reisten nicht mehr so viel, es gab weniger Übernachtungen, und auch das Restaurant warf nicht genug ab, obwohl es fast das einzige in der Gegend war.

Ein Grund für die schlechte Auftragslage war das Haus selbst. Es war im 18. Jahrhundert als Sommerresidenz gebaut worden und musste eigentlich von Grund auf renoviert werden. Ein neuer Anstrich hier und hübsch bepflanzte Blumenkästen dort konnten nicht mehr verbergen, dass überall die Trockenfäule saß, die Dachrinnen sich lösten und die Verandastufen durchhingen.

Und jedes Jahr kam etwas Neues dazu. Entweder leckte das Dach, oder ein Boiler gab seinen Geist auf. Bitter starrte Frankie zur Decke hinauf, wo durch das fußballgroße Loch marode Leitungen zu sehen waren. Dieses Jahr war es dann wohl die Installation.

Sie knüllte den durchnässten Computerausdruck zusammen und warf ihn in den Papierkorb. Mutlos zupfte sie sich Gipsbröckchen aus dem Haar. Nicht nur das Haus wurde immer älter und weniger anziehend – auch vor ihr machte die Zeit nicht halt. Mit einunddreißig fühlte sie sich an den meisten Tagen wie Mitte fünfzig. Seit zehn Jahren arbeitete sie nun schon sieben Tage die Woche. Wann war sie das letzte Mal beim Friseur gewesen? Oder shoppen? Ihre Fingernägel brachen ständig ab, die Brille war ein Kassengestell, und sie lebte von Kaffee und Brot, weil ihr die Zeit für richtiges Essen fehlte.

Mit sehr lustlosen Bewegungen machte sie sich ans Aufräumen.

„Frankie?“

Das war Joy, ihre Schwester. Frankie musste sich schwer zusammennehmen, um nicht zu brüllen: Frag jetzt nicht, ob alles okay ist!

„Ist alles okay?“

Seufzend schloss sie die Augen. „Ja, alles bestens.“

Eine Weile blieb es still. Frankie stellte sich vor, wie Joy vor der Tür stand, eine Hand auf den Rahmen gelegt, das wunderschöne, engelhafte Gesicht besorgt.

„Wo ist Grand-Em?“, fragte Frankie. Wenn sie die Sprache auf ihre Großmutter Emma brachte, ließ sich Joy vielleicht ablenken.

„Sie liest das Telefonbuch.“

Sehr schön, das würde sie eine Weile beschäftigen. Die alte Dame litt unter immer schwererer Demenz und brauchte fast ständig Betreuung.

„Ach, Frankie, weshalb ich hier bin …“

„Ja?“

Die Antwort war so leise, dass Frankie mit dem Aufräumen innehielt, um ihre Schwester besser zu hören. „Kannst du etwas lauter reden, ich versteh dich ja kaum.“

„Tja, äh … Chuck hat angerufen.“

Mit Schwung warf Frankie einen größeren Gipsbrocken in den Papierkorb.

„Sag jetzt nicht, dass er wieder zu spät kommt. Heute ist nicht irgendein Freitag, Herrgott, sondern der vorm Feiertagswochenende!“

Frankie hoffte sehr, dass wie schon letztes Jahr zum vierten Juli wieder ein paar Pärchen aus der Stadt zum Abendessen kommen würden. Die vier Übernachtungsgäste mitgerechnet, würden sie vielleicht neun oder zehn Menüs servieren – nicht so viele wie früher, aber doch immerhin mehr als sonst.

Wieder sprach Joy so leise, dass Frankie sie nicht verstand. Entnervt riss sie die Tür auf. „Was sagst du?“

Erschrocken prallte Joy zurück. Ihre blauen Augen weiteten sich, als sie Frankies klatschnasses Haar und das Chaos hinter ihr sah.

„Sag jetzt lieber nichts“, warnte Frankie. „Ich will nur hören, was Chuck wollte, und sonst kein Wort.“

Hastig sprudelte Joy die Nachricht des Kochs hervor: Er und seine Freundin wollten heiraten und nach Las Vegas ziehen. Deshalb würde er nicht mehr kommen – weder heute Abend noch am Wochenende. Also eigentlich überhaupt nicht mehr.

Mit zitternden Knien lehnte sich Frankie an den Türrahmen. Die nassen Kleider klebten ihr am Leib. Als Joy die Hand nach ihr ausstreckte, wehrte sie sie jedoch ab, atmete tief durch und richtete sich auf. „Also schön, dann werde ich jetzt erst mal duschen. Und dann machen wir Folgendes …“

Lucille hauchte mitten auf einer verlassenen Landstraße irgendwo in den Adirondack Mountains im nördlichen Teil des Staates New York ihr Leben aus.

Gerade war der rüstige Saab Baujahr 1987 noch mit achtzig Sachen durch die Berge gekurvt, doch dann gab es einen lauten Knall, der Motor ging aus – und das war’s.

Nate Walker fluchte leise vor sich hin. Er hatte den Wagen damals neu gekauft und seitdem gehegt und gepflegt. Doch als er den Zündschlüssel umdrehte, gab nur der Anlasser ein Geräusch von sich, nicht der Motor.

„Ach kommt, Lucy, sei doch nicht so“, bettelte er und strich zärtlich übers Lenkrad. Doch er ahnte schon, dass sich das, was den lauten Knall verursacht hatte, nicht mit gutem Zureden aus der Welt schaffen ließ. Es hatte eher nach einer größeren Reparatur geklungen.

Er stieg aus und streckte sich. Seit vier Stunden war er nun schon unterwegs von New York City nach Montreal in Kanada, aber diese Art von Zwangspause gefiel ihm gar nicht. Die Straße, auf der er stand, war nicht besonders breit, deshalb beschloss er, zuerst einmal Lucille aus dem Weg zu schieben.

Viel Verkehr gab es zum Glück nicht – jedenfalls hatte er schon seit zwanzig Minuten kein anderes Auto mehr gesehen. Über den Wald um ihn herum senkte sich immer schneller die Dunkelheit. Es war bedrückend still.

Nate nahm den Gang raus und stemmte die Schulter in die Türöffnung, wobei er mit der rechten Hand lenkte. Als der Wagen sicher auf dem Randstreifen stand, holte er eine Taschenlampe aus dem Kofferraum, öffnete die Motorhaube und versuchte herauszufinden, wo das Problem lag.

Je älter Lucille wurde, desto mehr hatte er über Autoreparaturen gelernt – sogar, wie man die wichtigsten selbst ausführte. Doch aus dem Motorraum stieg eine Dampfwolke auf, und es zischte. Das deutete auf ein Leck hin, gegen das sich im Moment nicht viel machen ließ.

Nate schlug die Motorhaube wieder zu und lehnte sich dagegen, um seine Situation zu überdenken. Es war jetzt fast ganz dunkel und für Anfang Juli ziemlich kühl. Die letzte Ansiedlung, die er passiert hatte, lag weit zurück, also beschloss er, es lieber in Fahrtrichtung zu versuchen.

Da er sich auf einen längeren Marsch einstellte, fischte er seine alte Lederjacke vom Rücksitz und zog sie über. Dann stopfte er eine Flasche Wasser und den Rest eines belegten Brotes in seinen Rucksack. Damit würde er zur Not durch die Nacht kommen.

Bevor er den Wagen abschloss, griff er noch nach seiner Messertasche. Die schwere Lederhülle, die mit einem breiten Lederstreifen zugebunden war, lag schwer in seiner Hand. Sie enthielt sechs kostbare Küchenmesser mit japanischen Stahlklingen, und er hätte sie niemals zurückgelassen. Wie jeder Spitzenkoch, der etwas auf sich hielt, arbeitete Nate mit seinen eigenen Messern, und wie jeder Spitzenkoch ließ er sie nie aus den Augen – nicht einmal in einem verschlossenen Wagen auf einer Landstraße.

Um den Rest seiner Sachen machte er sich keine Sorgen, viel besaß er sowieso nicht. Seine Messer dagegen waren das Beste vom Besten und mehr wert als seine abgetragenen Klamotten und Lucille zusammen.

Nate hauchte einen Kuss auf die Handfläche, legte sie auf die noch warme Motorhaube und machte sich auf den Weg.

Beim Laufen schob er sich den Rucksack bequem zurecht und schaute zum Himmel hinauf. Die Sterne leuchteten hier unglaublich hell, besonders einer, der direkt über ihm stand und ihn zu begleiten schien.

Nach einer Weile tauchten am Straßenrand die ersten eindrucksvollen Gartentore auf. Vermutlich gehörten sie zu einer der Ferienkolonien aus Viktorianischer Zeit, von denen er gelesen hatte. Reiche Leute aus New York und Philadelphia hatten sich in dieser Gegend Prachtvillen errichtet und die Sommertage im angenehmen Bergklima verbracht, wenn es in den Städten drückend heiß wurde. Auch heute noch waren die Berge und Seen der Adirondacks ein beliebtes Ferienziel für die Gutbetuchten.

Wieder schaute Nate zum Himmel hinauf. Dieser Stern blinkte wirklich besonders hell. Vielleicht war es gar kein Stern, sondern ein Satellit, aber dann hätte er sich bewegen müssen …

Als er mit der Stiefelspitze hängen blieb und kopfüber in den Graben flog, stieß Nate einen lauten Fluch aus. Er rollte sich im Fallen so gut es ging zusammen und machte sich auf eine harte Landung gefasst. Zum Glück war der Graben dicht bewachsen, was den Sturz abdämpfte, doch im letzten Moment schoss ein scharfer Schmerz durch seinen umgeknickten Knöchel. Verflixt, der war bestimmt verstaucht!

Vorsichtshalber blieb er erst mal liegen, bis er die Orientierung wiedergewann. Seinen Stern konnte er von hier aus nicht mehr sehen, aber er hatte gute Sicht auf die Schlucht, in die er beinahe gerollt wäre. Langsam setzte er sich auf und streifte sich ein paar Blätter von der Jacke. So weit fühlte er sich unverletzt. Doch als er aufstand und sein linkes Bein belastete, war der Schmerz im Knöchel sofort wieder da.

Na wunderbar. Mitten in der Nacht mit einem verstauchten Knöchel über die Landstraße zu humpeln, entsprach nicht gerade seiner Vorstellung von einem angenehmen Abend. Aber was blieb ihm anderes übrig?

Er biss die Zähne zusammen und ging weiter. Mehr als ein paar hundert Meter würde er es allerdings nicht schaffen, das merkte er gleich. Also konzentrierte er sich darauf, den nächsten Briefkasten zu erreichen. Mit etwas Glück war jemand zu Hause und würde ihn telefonieren lassen, damit er sich ein Nachtquartier besorgen konnte. Morgen würde es seinem Knöchel schon wieder besser gehen, dann konnte er sich um Lucille kümmern.

Frankie hielt schnuppernd die Nase in die Luft und stürzte dann panisch zum Herd. Sie war so darin vertieft gewesen, Birnen für den Nachtisch zu schälen, dass sie die Hähnchen im Ofen völlig vergessen hatte.

Als sie die Klappe öffnete, quoll eine Rauchwolke hervor. Hastig griff sie nach zwei Geschirrtüchern, um das heiße Blech herauszuziehen und auf der freistehenden Edelstahlarbeitsplatte abzustellen.

Da gleichzeitig auf dem Herd mit lautem Zischen die Kartoffeln überkochten, waren Frankies Flüche kaum zu hören.

Aus dem Speisesaal kam Joy in die Küche gerannt. „Die Littles sind ziemlich sauer. Sie warten jetzt seit einer Dreiviertelstunde und wollen auf der Stelle – oh.“

Frankie atmete tief durch. Die lieben Littles. Sie waren heute angereist und hatten seitdem eigentlich an allem etwas auszusetzen. Nicht nur eine klemmende Schranktür hatte sie – verständlicherweise – gestört, sondern auch die zu flachen Kopfkissen, die fleckigen Fensterscheiben und die Tatsache, dass im Schrank nur einfache Drahtbügel hingen. Nicht auszudenken, welchen Aufstand sie veranstalten würden, wenn sie ein fast schwarzes Huhn serviert bekämen.

„Und was jetzt?“, fragte Joy.

Frankie streckte die Hand aus, um den Ofen auszuschalten, und sah, dass sie die Temperatur viel zu hoch eingestellt hatte. Was für ein dummer, unnötiger Fehler …

„Frankie?“

Sie spürte, dass Joy und George sie hoffnungsvoll anstarrten, als könne sie mit einer Handbewegung ein perfekt gebratenes, saftiges Huhn herbeizaubern. Widerwillig hob sie den Kopf. „Ja, schon gut“, murmelte sie. „Lasst mich nachdenken.“

Sie brauchten Ersatz für die Hähnchen. Hatten sie noch eins in der Kühlkammer? Nein, nur große Rinderstücke, die erst filetiert werden mussten. Und tiefgefroren? Zum Auftauen blieb keine Zeit. Reste. Was gab es an Resten? Ließ sich daraus etwas …

Ein plötzliches, lautes Klopfen an der Hintertür unterbrach ihre Gedanken.

Joy schaute sie fragend an.

„Mach auf!“, befahl sie ihrer Schwester. „George, du bringst den Littles noch mehr Brot.“

Sie selbst ging in die Kühlkammer und durchsuchte hektisch die Regale, in der Hoffnung, Ersatz für die Hähnchen zu finden.

Als Joy ein überraschtes „Hallo!“ hören ließ, sah Frankie über die Schulter – und erstarrte.

Ein Riese hatte die Küche betreten.

Der Mann war mindestens so groß wie George, wenn auch nicht so breit. Ganz im Gegenteil: Wo George nur Masse war, schien der Fremde Muskeln zu haben – und auch sonst war er unglaublich attraktiv.

Mit seiner abgetragenen schwarzen Lederjacke und dem abgenutzten Rucksack sah er aus wie ein Wanderarbeiter, doch er wirkte ziemlich selbstsicher.

Sein dichtes schwarzes Haar trug er relativ lang, und sein etwas abgerissener Aufzug passte nicht so recht zu seinen geradezu aristokratischen Gesichtszügen, die man sonst eher bei Marmorskulpturen von Michelangelo sah. Das Faszinierendste aber waren seine Augen: groß und dunkel, umrahmt von langen Wimpern.

Und der Blick aus diesen Augen ruhte auf ihrer Schwester.

Joy war außerordentlich zierlich und schaute zu diesem Riesen auf wie ein staunendes Kind. Frankie konnte sich das strahlende Lächeln ihrer Schwester nur zu gut vorstellen, es war also kein Wunder, dass der Fremde wie vor den Kopf gestoßen dastand. Jeder Mann, der diese Bezeichnung verdiente, musste einfach hingerissen sein, wenn eine blonde, engelhafte Frau ihn so anhimmelte.

Na wunderbar. Das hatte ihr gerade noch gefehlt: ein verirrter Tourist, der nach dem Weg fragte – oder, noch schlimmer, ein Wanderarbeiter, der einen Job suchte. Es war schon schlimm genug, Joy und George bei der Stange zu halten. Noch ein planloser „Helfer“, und sie würde sich die Kugel geben.

„Guten Abend, Engelchen“, sagte der Fremde. Er wirkte etwas verwirrt, als hätte er noch nie ein Geschöpf wie Joy gesehen.

„Also, eigentlich heiße ich Joy.“ Frankie hörte an der Stimme ihrer Schwester, dass sie tatsächlich lächelte.

Besser, sie ging dazwischen, bevor der Fremde noch mitten in der Küche dahinschmolz.

„Können wir was für Sie tun?“, fragte sie scharf.

Stirnrunzelnd wandte sich der Mann von Joy ab und Frankie zu. Als er sie ansah, traf sie der Blick aus diesen unglaublichen Augen unvorbereitet, und sie musste schlucken. Dieser Mann war weder langsam noch schwer von Begriff. Ganz im Gegenteil. Sie hatte das Gefühl, dass er sie unverhohlen taxierte – und er ließ sich alle Zeit der Welt dabei.

Peinlicherweise wurde sie rot – doch dann machte sie sich klar, dass sie irgendwie ein Abendessen auf den Tisch bringen, ihre wenig nützlichen Mitarbeiter motivieren und ihr Restaurant führen musste. Im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester konnte sie sich nicht den Luxus erlauben, tagelang einen Wildfremden anzustarren.

Auch wenn der es wirklich wert war …

„Nun?“, fragte sie kühl.

„Ich bin etwa drei Kilometer von hier mit dem Wagen liegen geblieben und müsste mal telefonieren“, sagte er.

Also war er nur auf der Durchreise. Sehr gut.

„In meinem Büro ist ein Telefon. Ich zeig’s Ihnen.“ Frankie schloss die Tür zur Kühlkammer hinter sich.

„Danke.“ Als er auf sie zukam, verzog er schmerzerfüllt das Gesicht, doch dann fiel sein Blick auf die verkohlten Hähnchen, und er lachte. „Ach je, arbeitet Ihr Koch in der Freizeit als Brandstifter? Oder ist es andersrum?“

Wortlos von zehn rückwärts zählend fixierte Frankie seine Halsschlagader und stellte sich vor, was ein wohlgezielter Messerstich dort anrichten konnte. Dieser unverschämte Mensch wagte es, ihre kostbare Zeit mit dummen Witzen zu verschwenden!

Mühsam beherrscht wollte sie ihn gerade ins Büro abdrängen, als die Tür zum Speisesaal aufflog und George mit noch immer vollem Brotkorb hereinkam. Er war den Tränen nahe.

„Sie haben Hunger. Großen Hunger, Frankie“, erklärte er kläglich. „Und sie wollen kein Brot mehr, haben sie gesagt.“

Frankie presste die Lippen aufeinander. Armer George. Schon für sie war das mäkelige Ehepaar schwer zu ertragen.

„Ich hab’s versucht“, stammelte George. „Ich habe gesagt, dass es nicht mehr lange dauert, aber …“

„Schon gut, schon gut. Du kannst nichts dafür. Warum nimmst du dir nicht einen Keks?“ In Stresssituationen war das die beste Methode, um den Jungen zu beruhigen.

Finster starrte sie auf die Hähnchen, als könne sie es durch strenge Blicke in etwas Essbares verwandeln. Halbherzig griff sie nach einem Messer. Wenn man die schwarze Haut abzog … Aber was dann?

Erst als sie einen dumpfen Schlag hörte, fiel ihr der Fremde wieder ein. Er hatte den Rucksack abgestellt und war gerade dabei, sich die Jacke auszuziehen. Mit Schwung warf er sie quer durch den Raum, und sie landete zielgenau auf einem Stuhl in der Ecke.

Frankie betrachtete den Mann verstohlen. Sein schwarzes T-Shirt saß eng und war ziemlich verwaschen, sodass sich seine beeindruckenden Muskeln deutlich abzeichneten. Entschlossen riss sie sich von dem Anblick los – und landete wieder bei seinen Augen. Aus der Nähe erkannte sie, dass sie gar nicht so dunkel waren, sondern dass in dem warmen Braun Fünkchen von Grün und Gold tanzten.

Unglaublich anziehend, dieser Blick. Wenn so ein Mann einen leidenschaftlich ansah …

Frankie schüttelte heftig den Kopf, um die ungebetenen Bilder zu verscheuchen. Was wollte dieser Kerl überhaupt in ihrer Küche?

„Verzeihung“, sagte sie. „Zum Telefon geht’s durch diese Tür und dann rechts ins Büro. Ach ja, und machen Sie sich nichts aus dem Wasser.“

Der Mann sah sie lediglich stirnrunzelnd an und schob sie dann ganz sanft zur Seite, bis er selbst vor den Hähnchen stand.

Sprachlos schaute Frankie zu, wie er in seinen Rucksack griff und ein Lederfutteral hervorzog. Mit einer schnellen Handbewegung entrollte er es, und sechs lange, glänzende Messer kamen zum Vorschein.

Entsetzt sprang Frankie zur Seite. Vielleicht sollte sie jetzt zum Telefon stürzen und die Polizei anrufen?

„Wie viele?“, fragte er streng.

„Wie bitte?“

Mit hochgezogenen Brauen schaute er sie an und wiederholte gelangweilt: „Wie viele?“

Langsam dämmerte es ihr, was der Mann, der sich jetzt über das Geflügel beugte, vorhatte.

„Sie sind Koch?“, fragte sie.

„Nein, Chirurg.“

Er nahm sie offenbar nicht ernst – aber blieb ihr denn eine Wahl? Entweder verließ sie sich auf ihre eigenen miserablen Kochkünste – oder sie vertraute diesem Fremden und seinen blitzenden Messern.

„Zwei Zweiertische, eine Sechsergruppe“, antwortete sie rasch.

„Okay.“ Er wandte sich an Joy, und sofort wurde seine Stimme wieder sanft. „Engelchen, bitte nimm einen von den Töpfen da drüben und setz ihn mit einem Viertelliter Wasser auf, ja?“

Joy reagierte sofort und tat, wie ihr geheißen.

„Und du bist George, richtig?“

George nickte eifrig, nach der überstandenen Krise und dem Keks sichtlich entspannter.

„Schnapp dir den Salatkopf da drüben und wasch ihn unter fließendem kalten Wasser ab. Du musst jedes einzelne Blatt streicheln wie eine Katze. Verstanden?“

Strahlend ging George an die Arbeit.

Währenddessen machte sich der Fremde über die Hähnchen her und zog ihnen mithilfe eines Messers die verkohlte Haut ab. Er arbeitete so geschickt und schnell, dass Frankie nur wie gebannt zusehen konnte.

Joy hatte den Topf aufgesetzt und blickte erwartungsvoll zu dem Fremden auf.

„Sehr schön, Engelchen.“ Wieder diese sanfte Stimme. „Jetzt bring mir bitte Butter, Sahne und Senf. Draußen habe ich eine Estragonpflanze gesehen – davon brauche ich ein paar Stängel. Und habt ihr tiefgefrorenes Gemüse da?“

Frankie kam sich langsam überflüssig vor und warf trotzig ein: „Wir servieren hier nur frisches. Wir haben Brokkoli, Rosenkohl …“

„Ich brauche etwas Kleines, Engelchen“, unterbrach er sie, an Joy gewandt. „Erbsen vielleicht? Oder geschnittene Karotten?“

„Mais hätten wir, glaube ich“, antwortete Joy eifrig.

„Sehr gut. Dann bring mir den – und ein Stück Bindfaden.“

Missmutig machte Frankie ihr Platz. Ich sollte auch etwas tun, dachte sie. Aber mich fragt ja keiner.

George kam mit dem gewaschenen Salat an, und wider Willen war Frankie beeindruckt. Unter Chuck, dem früheren Koch, hatte George es nie geschafft, irgendetwas richtig zu machen – aber jetzt stand er stolz mit perfekt gewaschenen Salatblättern da.

„Gut gemacht, George“, lobte der Fremde und reichte ihm ein Messer. „Jetzt schneid die Blätter in daumenbreite Streifen. Du musst aber nicht jedes Mal nachmessen, es braucht nicht genau zu sein. Mach es hier drüben, wo ich dich sehen kann, okay?“

Joy kam mit einem Beutel tiefgefrorenem Mais und Bindfaden zurück. Sie lächelte selig und war offenbar bereit, alles zu tun, um dem Fremden eine Freude zu machen. „Soll der Tiefkühlmais ins Wasser?“, fragte sie.

„Nein.“ Er hob sein linkes Bein leicht an. „Den bindest du bitte um meinen Knöchel, sonst werd ich noch verrückt vor Schmerzen.“

2. KAPITEL

Keine zehn Minuten später konnte Frankie die Salate servieren. George waren perfekte, knackige Streifen gelungen, und das nicht nur beim Eisbergsalat, sondern auch noch bei den roten und gelben Paprika. Das Dressing hatte der Fremde aus Olivenöl, Zitronensaft und ein paar Gewürzen gezaubert.

Inzwischen waren die sechs Besucher aus der Stadt allerdings wieder gegangen – schließlich hatten sie es nicht weit zu ihren eigenen Küchen. Die Pensionsgäste dagegen sahen aus, als würden sie Frankie vor Hunger gleich anfallen. Deshalb machte sie sich wegen des Essens auch keine großen Sorgen – egal, wie es schmeckte, Hauptsache, es kam bald auf den Tisch.

Die Littles starrten sie vorwurfsvoll an, als sie den Salat servierte.

„Wie schön, dass Sie es doch noch geschafft haben“, bemerkte Mr. Little bissig. „Mussten Sie erst warten, bis die Blätter groß genug waren, oder wie?“

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