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Man nehme: Lust und Liebe

1. KAPITEL

Was für eine feige Art, sich zu verabschieden!

Corinna Harris saß in ihrer Garderobe und starrte fassungslos auf den Brief, der vor ihr auf der Konsole aus pinkfarbenem Marmor lag. Eine nette kleine Mitteilung, die sie vor ein paar Minuten erreicht hatte. Andererseits sollte es sie nicht überraschen, dass ihr ehemaliger Verlobter diesen Weg gewählt hatte, um Schluss zu machen. Schließlich war Kevin O’Brien Journalist und daher gewandt im Umgang mit Worten, obwohl diese spezielle Nachricht schlicht und einfach war.

Danke für alles, Corri, aber es ist Zeit, es zu beenden. Den Ring kannst du behalten. Es hat Spaß gemacht.

Spaß? Nachdem sie acht Monate verlobt gewesen waren, sollte man erwarten können, dass er genug Anstand besaß, ihr persönlich zu sagen, dass es vorbei war. Auch wenn das Ende ihrer Beziehung sie nicht überraschte, machte sein feiges Verhalten sie wütend.

Corri riss sich ihren Ring, der mit einem einkarätigen Diamant besetzt war, vom Finger und warf ihn weg. Er prallte gegen die Wand und landete auf dem dicken blauen Teppichboden. Falls das Reinigungspersonal ihn mit dem Staubsauger aufsaugen sollte, Pech. Sie wollte kein Andenken an eine Beziehung, die von Anfang an eine Lüge gewesen war.

Ein Klopfen an der Tür erinnerte sie abrupt daran, was sie zu tun hatte – ihren Job.

„Fünf Minuten, Corri!“, rief jemand aus der Crew.

„Okay. Ich bin bereit.“

War sie das wirklich? Konnte sie vor die Zuschauer treten und so tun, als sei nichts geschehen? Und das ausgerechnet heute, bei ihrem ersten Live-Auftritt in einer Show, die sich um die Zubereitung des perfekten Festtagsmenüs für verliebte Paare drehte. Und dazu noch nur sechs Tage vor Weihnachten.

Natürlich konnte sie das. Kevin mochte vorübergehend ihr Leben aus dem Gleichgewicht gebracht haben, aber sie würde nicht zulassen, dass seine Gleichgültigkeit ihrer Karriere schadete.

Nachdem sie sich eine ihrer Lieblingsschürzen umgebunden hatte, überprüfte Corri schnell noch einmal ihr Makeup und zupfte ihren Pferdeschwanz zurecht. Es ärgerte sie, dass Tränen in ihren sorgfältig geschminkten Augen brannten. Sie war jedoch fest entschlossen, auf keinen Fall zu heulen.

Ihre Wut beflügelte sie geradezu. Sie würde lächelnd vors Publikum treten, auch wenn ihr nicht danach zumute war. Entschlossen betrat sie den Aufnahmeraum, wobei sie einen Blick in Richtung Regiekabine warf. Dort stand Aidan O’Brien, Kevins älterer Bruder, der Eigentümer von AOB Productions.

Seit dem Tag, an dem ihre erste Show aufgezeichnet wurde, war Aidan immer dabei, stand ihr als Fürsprecher und Freund zur Seite. Mit gut eins neunzig war er auch nicht leicht zu übersehen. Aber nicht nur seine Größe erregte Aufmerksamkeit. Er hatte das dichte braune Haar und den gebräunten Teint seiner aus Armenien stammenden Mutter, die unglaublich grünen Augen seines irischen Vaters und eine selbstbewusste Ausstrahlung, die manchen Mann erschreckte. Dazu eine gewisse mysteriöse Aura, die Frauen sich danach sehnen ließ, seine Geheimnisse zu ergründen.

Bei diesem Gedanken überlegte Corri kurz, ob Aidan wohl von Kevins Vorhaben gewusst hatte. Natürlich nicht, sagte sie sich dann. Er hätte es ihr gesagt. Zumindest nahm sie das an. Mehr als einmal war er ihr Vertrauter gewesen, und sie hatten sich oft ausgiebig unterhalten, auch wenn bei solchen Gelegenheiten meistens sie redete. Allerdings war sie nicht ganz aufrichtig ihm gegenüber gewesen, was ihre Beziehung zu seinem Bruder betraf.

Am liebsten wäre sie zu Aidan gelaufen, hätte sich an seiner breiten Schulter ausgeweint und sich über Kevins schlechtes Timing beklagt. Keine wirklich gute Idee. Sie musste diese Krise allein durchstehen, und anfangen würde sie damit, indem sie hinausging und ihr Bestes für ihre Fans gab.

„Dreißig Sekunden“, rief ihr der Regieassistent zu. Als es nur noch zehn waren, zählte er die Sekunden laut herunter. Corris Herz klopfte heftig.

„Meine Damen und Herren. Bitte begrüßen Sie Houstons Liebling am Herd, Corinna Harris, die Starköchin von Heiß kochen mit Corri!“

Mit wackeligen Beinen betrat Corri die mit Tannengrün geschmückte Bühne, bemüht, Trost im aufbrandenden Applaus zu finden. Sie fühlte sich wie betäubt, bis ihr einfiel, dass sie jedes Mal, wenn sie in den vergangenen Monaten auf dieser Bühne gestanden hatte, über ihre Beziehung mit Kevin gesprochen hatte. Da kehrte ihre Wut zurück. Sie hatte so getan, als sei ihre Beziehung im Himmel geschmiedet worden, während er ihr mehr als einmal die Hölle heißgemacht hatte.

In dem Moment entschied sie, dass es mehrere Möglichkeiten gab, sich zu rächen.

Wehe, wenn eine Frau am Herd in Fahrt geriet! Gleich, als er sie die Bühne betreten sah, merkte Aidan, dass mit Corri etwas nicht in Ordnung war. Sie war eine hochgewachsene, langbeinige Blondine mit viel Energie, und ihre Ausstrahlung war ebenso umwerfend wie die Gerichte, die sie ihrem Publikum servierte. Seit einem Jahr hatte er seine Termine so eingerichtet, dass er bei ihrer beliebten wöchentlichen Show dabei sein konnte. In dieser Zeit hatte er gelernt, jede ihrer Bewegungen einzuschätzen, kannte jedes Detail ihrer Körpersprache. Jedes Detail ihres Körpers.

Vermutlich sollte er ein schlechtes Gewissen haben, weil er so viel Zeit damit verbrachte, Corri eingehend zu begutachten, besonders weil sie mit seinem Bruder verlobt war, doch er hatte keins. Niemand wusste, dass er regelmäßig Fantasien nachhing, in denen sie eine aufregende Rolle spielte. Niemand würde je erfahren, dass er es bereute, sie Kevin vorgestellt zu haben. Doch damals hatte er eine Beziehung, und als die endete, waren Kevin und Corri bereits ein festes Paar, das sich innerhalb weniger Wochen verlobte. Seit Monaten hatte er sie in der Show über seinen Bruder reden hören, und im Gegensatz zu ihren Fans hatte ihm das nie gefallen.

Er war fest davon überzeugt, dass Geschäftliches und Privates zu vermischen zu beruflichen Problemen führen konnte. Aber es gab Tage, da überlegte er, was hätte sein können.

Dreiviertel der Show hatte Corri inzwischen ohne Probleme absolviert, auch wenn sie übertrieben fröhlich klang, doch er machte sich immer noch Gedanken über ihre Stimmung. Normalerweise machte sie ein paar Witze und suchte Kontakt zum Publikum, aber heute hatte er den Eindruck, sie wollte alles nur schnell hinter sich bringen. Wahrscheinlich ist sie einfach übernervös wegen der Live-Sendung, dachte er.

Nach der letzten Werbepause beantwortete Corri normalerweise Fragen aus dem Publikum. Doch statt die Zuschauer aufzufordern Fragen zu stellen, sagte sie: „Heute werden wir in der verbleibenden Zeit einmal etwas anderes machen.“

Sie trat hinter ihre Kochinsel und stützte sich mit beiden Händen auf. „Nachdem wir nun ein Festtagsmenü besprochen haben, das das Herz Ihres Partners garantiert höher schlagen lassen wird, sollten wir diejenigen nicht vergessen, die über die Festtage keinen geliebten Partner haben. Aber ganz besonders sollten wir an die wenigen Unglücklichen denken, die gerade jetzt, zur denkbar ungeeignetsten Zeit, den Laufpass bekommen haben.“

Als Corri nach zwei Topflappen griff, sah Aidan den hinter der Bühne stehenden Regieassistenten irritiert im Skript blättern. Corri nahm eine Auflaufform aus dem Ofen, stellte sie mit Nachdruck auf den Tresen und sagte: „Ich schlage vor, Sie machen ein Schokoladensoufflé, weil Sie es ganz allein essen möchten, und das ist okay. Aber Ihrer Gesundheit zuliebe sollten Sie vorweg einen Salat zu sich nehmen.“

Nachdem sie die Topflappen beiseitegeworfen hatte, ging Corri zum Kühlschrank.

„Was zum Teufel tut sie da?“, murmelte der Produktionsassistent.

„Keine Panik, Parker“, sagte Aidan. „Corri ist Profi. Lass sie machen.“

Die Antwort schien dem Regisseur nicht zu genügen. „Wir können sie in einer Live-Sendung nicht einfach machen lassen, wenn wir nicht wissen, was sie vorhat.“

Aidan hielt eine Hand hoch, um alle zum Schweigen zu bringen, während Corri mit einem Arm voll Gemüse zum Tresen zurückkehrte und alles dort ablud. Eine Tomate rollte auf den Fußboden, doch das schien sie nicht zu stören.

Sie hielt eine große Gurke hoch. „Lassen Sie uns hiermit beginnen. Vergessen Sie nicht, sie ist anatomisch nicht maßstabsgerecht, auch wenn die meisten Männer Sie das glauben lassen möchten.“

Parker warf Aidan einen verzweifelten Blick zu. „Das hat sie eben nicht gesagt.“

„Doch, hat sie“, erwiderte der Tontechniker.

Irgendetwas sagte Aidan, dass Corri noch nicht fertig war.

Das Publikum lachte amüsiert, und Corri warf die Gurke auf ein Schneidbrett und nahm ein Hackmesser zur Hand. „Wenn Sie an den Armleuchter denken, der Sie sich selbst überlassen hat, stellen Sie sich vor, das hier wäre …“ Sie sah hoch und grinste, und in diesem Moment sah Aidan ihre Tränen. „Also, Sie wissen schon, was ich meine.“

Dann fing sie an, die Gurke wie von Sinnen klein zu hacken, während die Studiogäste verblüfft zusahen.

Der Regisseur verlangte, dass die Szene ausgeblendet wurde, doch ehe der Werbespot anlaufen konnte, rief eine junge Frau aus dem Publikum: „Was machen Sie und Kevin über die Feiertage, Corri?“

Corri sah hoch, das Hackmesser noch in der Hand, und warf der Frau einen vernichtenden Blick zu. „Ich mache gar nichts mit Kevin über die Feiertage, weil der Mistkerl mir den Laufpass gegeben hat.“

Für jemanden, der stolz auf seine Selbstbeherrschung war, hatte Corri eben den absoluten Tiefpunkt auf der Skala für mangelnde Beherrschung erreicht. Sie wusste nicht, was in sie gefahren war, wieso sie sich wegen Kevins Fauxpas womöglich den besten Job ruinierte, den sie je gehabt hatte. Mit dem Zerhacken dieser Gurke hatte sie sich jede Möglichkeit zerstört, über eine Regionalsendung hinauszukommen. Und als es nun jemand an ihre Garderobentür klopfte, erwartete sie, dass die Studiomanager gleich wie hungrige Geier über sie herfallen würden.

Sie nahm sich ein Papiertaschentuch und wischte sich so gut sie konnte die verschmierte Wimperntusche ab. „Kommen Sie herein.“

„Was ist los mit dir?“

Corri war nicht allzu überrascht, im Spiegel Aidan in der Tür stehen zu sehen. Er war der Boss des Studios, was bedeutete, er war ihr Boss.

Sie drehte sich auf ihrem Stuhl um und zuckte mit den Schultern. „Ich habe mich eben komplett zum Narren gemacht.“

Er trat ein, die Hände in den Hosentaschen, und betrachtete sie schweigend.

„Nur zu, Aidan. Sag mir, dass ich gefeuert bin. Sag mir, dass du die Show absetzen wirst. Sag mir, dass ein Team von Zensoren draußen wartet, um mir ordentlich den Kopf zu waschen. Sag irgendwas.“

Er kam ein paar Schritte auf sie zu und hielt dann inne, als fürchte er, sie würde gleich mit der Nagelfeile, die auf dem Frisiertisch lag, auf ihn losgehen.

„Zuerst sagst du mir, was Kevin dir angetan hat.“

Sie hielt ihm den Brief hin. „Das hier wurde etwa zehn Minuten vor der Sendung gebracht.“

Aidan überflog die Nachricht und murmelte dann: „Dieser Dreckskerl.“

Corri löste ihren Pferdeschwanz und begann ihr Haar auszubürsten. „Ich wusste, dass das unvermeidlich war. Ich hätte nur nicht gedacht, dass er auf diese Art und Weise Schluss machen würde.“

Aidan legte den Brief beiseite und lehnte sich an den Toilettentisch. „Hattet ihr beide Probleme?“

Sie warf die Bürste in eine Schublade und schloss sie etwas heftiger als nötig. „Unsere ganze Beziehung war ein einziges großes Problem, Aidan. Aber darüber möchte ich jetzt wirklich nicht reden. Ich möchte über die Konsequenzen reden, die ich durch mein Verhalten zu erwarten habe.“

„Das werden wir erst in ein paar Tagen wissen. Was auch passiert, ich werde mich darum kümmern.“

Das bezweifelte sie nicht, zumindest würde er es versuchen. „Ich nehme an, das bedeutet, du wirst herausfinden, welcher Teil meines Publikums am meisten gekränkt ist. Die eher konservativen Zuschauer oder die Männer.“

„Ich würde sagen, deine männlichen Zuschauer. Alle Männer in der Regiekabine verschränkten automatisch die Beine, als du dich über diese Gurke hergemacht hast.“ Er bedachte sie mit einem kleinen Lächeln.

Er war ein Schatz, weil er ihre Stimmung zu heben versuchte. „Das war mit Sicherheit kein besonders guter Einfall, aber ich war derart wütend auf Kevin, dass ich nicht klar denken konnte. Es tut mir leid.“

„Wenn du dich dadurch besser fühlst, ich bin auch nicht begeistert von ihm.“ Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Innentasche seiner Jacke. „Weißt du, wo er im Moment ist?“

„Wenn ich mich recht entsinne, sollte er sich um diese Zeit auf den Weg zum Flughafen machen. Er wollte um sechs nach Baltimore fliegen, um einen Bericht über einen Footballspieler für sein Magazin zu schreiben.“

Aidan sah auf seine Armbanduhr. „Es ist jetzt vier, und Kevin ist nie pünktlich. Wenn ich gleich losfahre, erwische ich ihn vielleicht noch in seiner Wohnung. Wenn nicht, fahre ich zum Flughafen.“

Für Corri hörte sich das nicht besonders klug an. „Was hast du vor, Aidan?“

„Ich will mit ihm reden.“

Sie stand auf und wurde sich bewusst, wie zierlich sie sich in Aidans Nähe fühlte. Bei ihrer Größe von eins fünfundsiebzig gab es nicht viele Männer, in deren Gegenwart sie dieses Gefühl hatte. „Falls du glaubst, du könntest wegen der gelösten Verlobung irgendwie seine Meinung ändern, vergiss es. Das war von Anfang an vorherzusehen.“

„Ich werde nicht versuchen, ihm irgendetwas auszureden. Denn ich persönlich finde, ohne ihn bist du viel besser dran.“

„Er ist immer noch dein Bruder, Aidan.“

„Und sein Benehmen hat eines der wertvollsten Produkte des Studios negativ beeinflusst.“

Corri begrüßte seine Unterstützung, auch wenn sie sich nicht sicher war, wie sie es fand, als Produkt bezeichnet zu werden. Corri, das Produkt. Das passte. Genau das war sie auch für Kevin gewesen. „Wenn ich dich nicht davon abhalten kann, ihn zur Rede zu stellen, dann versprich mir wenigstens, dass du keine Dummheiten machst. Ich habe für einen Tag genug angerichtet, das reicht für uns beide.“

„Ich werde sicherstellen, dass sich keine scharfen Gegenstände in Reichweite befinden.“ Er beugte sich vor und küsste sie flüchtig auf die Wange. „Jetzt fahr nach Hause. Ich rufe dich später an.“

Nachdem Aidan gegangen war, berührte Corri mit den Fingerspitzen die Stelle ihrer Wange, die eben noch seine Lippen berührt hatten. Sie war völlig überrascht, denn Aidan war nicht der Typ Mann, der ständig Küsschen verteilte. Er neigte nicht dazu, beiläufig seine Zuneigung zu demonstrieren. Er war nicht der Typ, der offen Emotionen zeigte, es sei denn, es ging um Kritik. Selbst dann war sein Tonfall beherrscht und sein Blick kühl. Das wusste sie, obwohl er sie noch nie so angesehen hatte. Er hatte auch noch nie Grund dazu gehabt – bis heute. Doch statt mit ihr zu schimpfen, hatte er sie auf die Wange geküsst.

Plötzlich erinnerte Corri sich an jenen Tag im März. Erinnerte sich an einen anderen Kuss. Seit Monaten hatte sie ihn aus ihrem Gedächtnis verbannt. Doch jetzt musste sie wieder daran denken.

Es hatte alles damit angefangen, dass sie dieses alberne T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich bin keine Irin, du darfst mich trotzdem küssen“ zur jährlichen Party bei Lucine und Dermot O’Brien zum St. Patrick’s Day angezogen hatte. Kevin und sie waren sich damals gerade nähergekommen. Sie hatte von allen Brüdern der O’Briens freundschaftliche Küsschen auf die Wange bekommen – außer von Aidan. Doch schließlich war sie mit ihm in der Küche gelandet –der Küche seiner Mutter noch dazu – allein.

Und dann war es passiert. Sie hatten sich geküsst. Ungeplant, unerwartet und alles andere als unschuldig. Sie hatte ein derart schlechtes Gewissen gehabt, dass sie anschließend praktisch zu Kevin ins Wohnzimmer gerannt war und Kopfschmerzen vorgetäuscht hatte, damit er sie nach Hause brachte. Das Wochenende darauf hatte sie Kevin nach Jamaika begleitet und war als seine Verlobte zurückgekehrt, aus Gründen, die außer ihnen beiden niemand kannte. Kurz darauf hatte sie erfahren, dass Aidan und seine Freundin sich getrennt hatten, aus Gründen, die sie immer noch nicht kannte.

Eines allerdings wusste Corri. Männer mit viel Sex-Appeal bedeuteten nur eins – Ärger. Aidan O’Brien gehörte auf jeden Fall in diese Kategorie. Und das Letzte, was sie brauchte, war noch mehr Ärger.

Glück für Aidan, Kevins Wagen stand noch in der Garage seiner Wohnung. Pech für Kevin. Aidan war nicht zu einem freundschaftlichen Besuch aufgelegt. Er wusste nicht genau, was er seinem Bruder sagen würde, aber mit Sicherheit nichts Nettes.

Er musste dreimal an die Tür klopfen, bis Kevin endlich erschien. Er sah zerzaust aus und hatte kein Hemd an, als sei er eben erst aus dem Bett gekrochen. Den im Zimmer verstreuten Kleidungsstücken nach zu urteilen, traf das vermutlich zu.

Kevin fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „He, großer Bruder, was machst du denn …“

Aidan schob ihn beiseite, ging ins Wohnzimmer und zog den Brief aus der Tasche. „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“

Kevin ließ sich auf die Couch fallen. „Corri schickt dich.“

Aidan baute sich vor ihm auf. „Corri wollte nicht, dass ich herkomme. Aber ich bin hier, und du bist mir eine Erklärung schuldig. Du solltest also verdammt schnell damit anfangen.“

Nachdem er die nackten Füße auf den Couchtisch gelegt hatte, lehnte Kevin sich zurück und verschränkte die Hände im Nacken. „Ich habe nicht viel Zeit für Einzelheiten. Mein Flieger geht in drei Stunden, und ich musste wegen eines anderen Termins bereits einmal umbuchen. Zudem geht dich das Ganze absolut nichts an.“

Aidan wäre jede Wette eingegangen, dass der sogenannte andere Termin seines Bruders nichts mit dessen Job zu tun hatte. „Ich mische mich aber ein, Kevin. Du hättest wenigstens Manns genug sein können, persönlich Schluss zu machen.“

„Ich mag keine unschönen Abschiedsszenen. Es ist sehr viel einfacher, einen klaren Schlussstrich zu ziehen, ohne jemandem gegenübertreten zu müssen.“

Diese Bemerkung machte Aidan nur noch ärgerlicher. „Du bist ein Feigling, Kevin. Du verdienst Corri nicht. Das hast du nie.“

Kevin lächelte selbstgefällig. „Ich nehme an, du wirst mir gleich sagen, dass du sie verdienst.“

„Ich weiß nicht, was zum Teufel du damit meinst.“

„Natürlich weißt du das, Aidan. Du hast sie immer gewollt, und seit Monaten bist du stinksauer, weil ich vor dir am Ziel war. Aber jetzt gehört sie dir, falls es dir nichts ausmacht, mit meinen abgelegten Frauen vorlieb zu nehmen.“

Aidan klammerte sich an seinen letzten Rest Selbstbeherrschung und erwiderte in gemäßigtem Ton: „Du glaubst nicht im Ernst, dass ich mich dazu äußern werde.“

Kevin erhob sich. „Und du glaubst sicher nicht, dass ich einfach hinnehmen werde, was Corri heute in ihrer Show über mich gesagt hat. Die Frau meines Chefs hat die Show gesehen und mir davon berichtet. Ich bin gerade zum Chefreporter befördert worden. Falls meine Position durch Corri gefährdet ist, werde ich sie und das Studio wegen Verleumdung und übler Nachrede verklagen. Und es ist mir egal, dass es dein Studio ist.“

Gerade als Aidan sagen wollte, dass jemand, der schon einen schlechten Ruf hat, eigentlich niemanden wegen übler Nachrede belangen konnte, erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Etwas, das aussah wie ein Cheerleader-Kostüm. Es hing über der Rücklehne eines Stuhls. Er nahm das Oberteil zur Hand und sah das Abzeichen eines Profi-Basketballteams darauf. „Falls du nicht dabei bist, deiner weiblichen Seite zu frönen, würde ich sagen, die Besitzerin dieses Teils hier befindet sich hinter deiner Schlafzimmertür.“

Kevin entriss ihm den Sweater. „Verschwinde, Aidan.“

Aidan ballte die Hände zu Fäusten, widerstand jedoch dem heftigen Verlangen, seinem Bruder einen Kinnhaken zu verpassen. Als sie Kinder waren, hatte es die üblichen Rangeleien zwischen ihnen gegeben, doch keinen seiner Brüder hatte er je geschlagen. Ihm fiel etwas Wirkungsvolleres ein. Etwas, das Kevin schlimmer treffen würde, ein Schlag gegen seinen Ruf als Reporter. „Falls du noch ein Wort darüber verlierst, Corri verklagen zu wollen, werde ich persönlich mit deinem Boss reden. Ich werde ihm sagen, dass du mehr daran interessiert bist, mit den Jubelmäuschen ins Bett zu gehen als daran, deine Arbeit zu machen.“

Ohne Kevins Antwort abzuwarten, eilte Aidan hinaus. Statt den Aufzug zu nehmen, lief er die vier Treppen hinunter, um seine Wut abzureagieren. Er hoffte, seine Drohung half, sonst fand sich Corri womöglich in einem Rechtsstreit mit ihrem ehemaligen Verlobten wieder. Das war die einzig gute Nachricht des Tages.

Corri war nicht länger mit Kevin zusammen, und das bedeutete, es stand ihr frei zu tun, was sie wollte, und er würde kein Problem damit haben, ihr zu helfen, über seinen Bruder hinwegzukommen. Endlich konnte er seine Fantasien Wirklichkeit werden lassen, auch wenn er langsam vorgehen musste. Sonst würde sie womöglich erneut weglaufen, ehe er seine Chance ergreifen konnte.

2. KAPITEL

Seit drei Stunden ging Corri ziellos in ihrer Wohnung umher und räumte hier und da auf, etwas, das sie wochenlang nicht getan hatte. Sie war nie eine perfekte Hausfrau gewesen, obwohl ihre Küche immer ziemlich sauber war. In ihrem Schlafzimmer dagegen lagen ihre Sachen meistens so lange herum, bis sie sie in die Waschmaschine steckte. Auch mehrere Paar Schuhe konnten herumliegen, manchmal sogar unter dem Bett. Sie war in einer derart sterilen Umgebung aufgewachsen, wo sich alles immer genau an seinem Platz befand, dass sie die Freiheit genoss, so lange Unordnung um sich zu haben, bis sie sie nicht mehr ertragen konnte. Und im Moment ertrug sie sie nicht. Sie musste eine gewisse Ordnung in ihr Leben bringen.

Zum Glück hatte Kevin bei seinen wenigen Besuchen in ihrer Wohnung keine Erinnerungen hinterlassen. Es war, als sei er nie hier gewesen. Oder in ihrem Leben überhaupt. Wahrscheinlich, weil er es tatsächlich nicht war.

Als es an der Tür klingelte, fürchtete Corri, es könnte Kevin sein, um sich auf Aidans Drängen hin mit ihr zu versöhnen. Falls er es wirklich war, würde sie ihn hochkantig hinauswerfen, wie sie es schon vor Monaten hätte tun sollen. Doch als sie durch den Türspion schaute, sah sie nicht Kevin, sondern seinen Bruder draußen stehen, und das war in der Tat eine Überraschung. Aidan hatte sie noch nie besucht.

Corri öffnete und bedauerte augenblicklich, dass sie nicht für Besuch hergerichtet war. „Was machst du denn hier?“

Aidan hielt ihr eine braune Papiertüte entgegen. „Ich habe eine Flasche Wein mitgebracht. Ich dachte, du könntest einen Drink gebrauchen.“

Das konnte sie wirklich. „Aber ja, komm rein.“

Aidan folgte ihr ins Wohnzimmer und zog sein Jackett aus. „Nette Wohnung. Ziemlich lange Fahrt von der Innenstadt.“

„Ich mag die ruhige Umgebung.“ Und sie mochte es, wie er im Moment aussah in seinem dunkelblauen Sweatshirt, den verwaschenen Jeans und den Slippern. Nicht dass sie je erlebt hatte, dass er nicht hinreißend ausgesehen hätte. „Weißt du, ich bin so daran gewöhnt, dass du Anzüge trägst, dass es mich fast blendet, dich in Freizeitkleidung zu sehen.“

„Dann sind wir wohl quitt.“ Er warf seine Jacke über eine Stuhllehne. „Ich habe dich selten ohne Bühnen-Makeup gesehen oder mit offenem Haar.“

Sofort griff sie sich in ihr zotteliges Haar. Sie hatte sich nach dem Duschen nicht die Mühe gemacht, es zu föhnen. Sie hatte es nicht einmal ausgebürstet. Ganz zu schweigen von ihrem T-Shirt und der ...

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