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Man nannte mich Deutschenkind

Erster Teil

*

Das im Geviert eines Lattenzauns stehende weiße Fischerhäuschen ist mit seinen glühbirnenhellen Fenstern schon früh aus dem Dunkel hervorgekrochen. Nur in den schwarzgrünen Schatten der mit Nadelwald überzogenen Berge liegt noch die Nacht. Ihr Schweigen weicht dem Schrei des Morgenrots, das das Land in ein Blutbad taucht. Blutrot entsteigt der Sonnenball dem Meer, seine flammende Zunge leckt den eben noch blauschwarzen Ozean. Die Wolken glühen.

Das sich den Berg hinauf Beißende gleicht dem zu einem schwarzen Block zusammengebackenen Schattenriss einer Prozession. Während der schmale wendige Kopf schon im Berg steht, windet sich der größte Teil des wuchtigen metallischen Leibes noch durch die Wiesen der Ebene. Der Marsch durch die beinkalte Nacht hat es ermüdet.

Die Sonne wirft immer mehr Blut auf Erde und Meer und in die taubenblauen Augen einer jungen Frau. Sie steht wie erstarrt vor dem weißen Haus. Flammen schlagen aus dem Kopf und fallen über ihre Schultern bis tief in den Rücken.

Die Sonne jagt den Morgentau in feinen Schlieren aus Gras und Gebüsch. Wie Elfen tanzen sie zwischen den Grashalmen. Aus den Bäumen greifen Nebelhände ins Licht des neuen Tages. Die winzigen Tautröpfchen, die sich angesichts der sich den Berg hinaufarbeitenden Kolonne von Soldaten auf den hellen Wimpern der rothaarigen Frau niedergelassen haben, sind kein Niederschlag der Nacht, es sind Tränen. Im aufkommenden Licht glitzern sie wie Eiskristalle.

Das Sonnenblut versickert, die im Meer liegenden Blutlachen werden kleiner und kleiner und lösen sich schließlich auf. Die Sonne schält die zarte Haut des auf Meer und Fjord liegenden Seenebels ab und gibt den nächtens erblindeten Wassern ihren Glanz zurück. Die Haare der Frau bleiben orangerot.

Im Licht des noch jungen Tages sehen jetzt auch der gerade vom Nachtfischen heimkehrende Fischer Kasper Nerhus, der Vater der rothaarigen jungen Frau, seine ganz in schwarz gekleidete Gattin Alma und sein Sohn Erik, der ihm beim Einbringen der Fische geholfen hat, die den Berg hinauf marschierenden Soldaten.

Sie tragen feldgraue Uniformen und hohe Stiefel, auf den Köpfen Stahlhelme. Sie marschieren in Dreierreihen, Tornister auf dem Rücken, Gewehre geschultert. Angeführt wird die Kolonne von einer Militärkapelle. Trompeten, Waldhörner und Tuben. Von Zeit zu Zeit setzen die Bläser ihre Instrumente schnell an den Mund und feuern ihre Kameraden mit einem Marsch an. Das wogende Auf und Ab der Helme, deren jedem die Sonne eine kleine Schwester aufgesetzt hat, die wie Stabmagnete streng ausgerichteten im Morgenlicht blitzenden blanken Gewehrläufe und die den Marschierenden folgenden im Schritttempo dahin schleichenden mit dunklen Planen überzogenen LKW geben der Formation die bedrohliche Geschlossenheit eines das blutende Land durchpflügenden prähistorischen Tieres.

Am Ende der Kolonne fährt ein Kübelwagen mit offenem Verdeck. Der Offizier auf dem Beifahrersitz hat seinen angewinkelten Arm auf der Tür abgelegt und blickt gelassen in die Landschaft. Ganz unvermittelt bewegt sich sein Kopf in Richtung der weißen Fischerhütte. Betroffen presst die rothaarige Inger ihre Hände auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Vater Kasper schmaucht in aller Seelenruhe seine Pfeife weiter.

»Das sind die Deutschen, stimmt’s?« unterbricht Erik die Stille.

Friedrich Lange, Nachschubkommandeur, lehnt sich aus dem Mercedes-Kübelwagen. Sein Blick schweift über das sich entlang dem Fjord erstreckende Fischerdorf Støldal. Im warmen rotorangen Morgenlicht erinnert ihn jetzt nichts mehr an den sepiablauen Abgrund, unter dem sich Meer und Fjord während der Morgendämmerung verbargen. Das dem Dunkel entfliehende, rasch dem Licht entgegen eilende Land sieht er von letzten hellvioletten, blutroten, erd- und sandfarbenen Flecken überzogen, die sich nach und nach zu dem in zarten Dunstschleiern verfließenden Grün der Bäume und Büsche, dem erdigen Rot der Brachen und der noch von feinen wolkigen Klecksen zerrissenen Wiese zusammenfügen. Mit zusammengekniffenen Lidern schaut er durch das flimmernde rötlich-violette Strahlengitter, das die tiefliegende Sonnenkugel auf seine Augen legt. Nur einen Wimpernschlag entfernt entdeckt er die junge Frau vor dem weißen Haus.

Sie trägt ein bis zum Boden reichendes weites weißes Kleid, das fest um ihre Taille geschnürt ist. Das Kleid verbirgt ihre Beine unter einer gleißenden Glocke, aus der ein von einem kleinen feinrosigen Gesichtsoval gekrönter zarter Oberkörper emporwächst. Ein Wasserfall orangeroter Haare umspielt dieses Oval, ergießt sich über ihre beiden Brüste, fällt bis zu der Schnürung des Kleides, ganz so, als wolle er die feingeschnittene Silhouette der Frau betonen. Das Rot dieser Haare, die Glockenform des Kleides…Friedrich glaubt, in eine ihm vertraute Szenerie zu blicken. Aber was bedeutet die Hand auf ihrem Mund? Er schaut ganz genau hin, um dieser vermeintlichen Illusion habhaft zu werden, und wird vom Anblick des nur ein paar Schritte hinter der Frau stehenden älteren Mannes aus seiner Träumerei gerissen. Wie versteinert blickt der Pfeife rauchende Mann ihm entgegen.

Jeder Meter Höhengewinn führt Friedrichs Auge weiter in die Ferne, Ebene für Ebene. Als die Helligkeit unerträglich wird, wendet er sich vom Meer ab und seinem Ziel, der Kaserne, zu, deren Tor weit wie ein Riesenmaul geöffnet ist.

Vater Kaspar nimmt seine Pfeife aus dem Mund und blickt nachdenklich in die Asche des im Wind aufglühenden Tabaks.

»Nichts wird mehr so sein wie vordem« brummt er.

Es ist der 25. Mai 1940. Während die meisten Dorfbewohner noch im Schlaf liegen, wird das Fischerdorf Støldal von einem Nachschubbataillon der deutschen Wehrmacht besetzt. Kaum zwei Monate nachdem die Deutschen im Rahmen der Operation Weserübung Oslo eingenommen haben, dringen sie bereits ins Fischerdorf Støldal ein. Dieses Küstendorf ist als Stützpunkt für die Versorgung der deutschen Truppen in Oslo und den umliegenden drei Provinzen ausersehen. Ein Nachschubbataillon mit 800 Mann soll hier fest stationiert werden. Der norwegische Administrationsrat hat die Dorfbewohner vor vollendete Tatsachen gestellt und den Deutschen das Recht erteilt, Støldal militärisch zu nutzen.

*

Vater Kaspers Prophezeiung erfüllt sich.

Ein halbes Jahr nach der Ankunft der Deutschen verschwindet Herr Goldstern, der Fischhändler, ein kleiner schmächtiger alter Mann. Jeden dritten Tag war er aus Oslo herausgekommen, um Fisch einzukaufen. Sein hoher schwarzer Hut, den er anscheinend nur trug, um sich tief zum Boden beugend ihn vor die eingefallene Brust zu halten und den Töchtern von Støldal seine Ehrerbietung zu erweisen, hatte ihn zu einer auffallenden Erscheinung gemacht. Schlaff und kraftlos wie eine Marionette hing er dann über dem Boden.

Die Fischer hatten gut von seinem Geld leben können und so war er im ganzen Dorf ein gern gesehener Gast gewesen. Er hatte unter einer Brustverengung, wie er es nannte, gelitten, einer ständigen Luftnot, die seine Stimme piepsig machte, denn er musste die Sätze regelrecht aus seiner Brust durch den brodelnden Bronchialschleim hinauspressen.

»Eines schönen Tages wird er mich holen, der Tod«, hatte er oft lachend gesagt. »Friss Tod, friss dein Teil!«

Von einem Tag auf den anderen war Goldstern nicht mehr aufgetaucht. Zunächst wusste niemand, was mit ihm geschehen war. War er seiner Brustverengung erlegen und erstickt, oder hatten sie ihn abgeholt? Alle Fischer in Støldal hatten ihn gekannt, und jeder hatte große Stücke auf ihn gehalten, und so bestimmten sie einen, der nach Oslo fahren und nach Goldsterns Verbleib forschen sollte. Nach drei Tagen war er zurückgekommen, blass, übernächtigt und ausgemergelt. Goldsterns Fischladen sei mit einer schweren Eisenkette verschlossen gewesen, die Auslage zertreten, auf der Schaufensterscheibe in weißer Farbe die Krakelei »Kauft nicht bei Juden!« In Goldsterns direkt über dem Laden liegender Wohnung sei kein Mensch gewesen, Schränke und Schubladen durchwühlt, Bücher und Geschäftspapiere zerrissen, es habe nach kaltem Zigarettenqualm und abgestandenem Urin gerochen, wahrscheinlich hätten sich seine Besucher über seinem Eigentum erleichtert. Seine Nachbarn hätten erzählt, zwei deutsche Polizisten, beide einen Kopf größer als er, hätten ihn, seine Frau und seine beiden Söhne mitgenommen. Sie seien nicht mehr zurückgekehrt.

Goldsterns Fischhandel übernimmt ein hochgewachsener Mann in den Vierzigern. Die Deutschen haben ihn in eine grüne Uniform gesteckt, so dass jedem gleich klar ist, auf welcher Seite er steht. Um überhaupt noch an Geld zu kommen, sind die Fischer gezwungen, ihn mit Fisch zu beliefern. Die Fischhändler sind verpflichtet, zuerst die Deutschen mit Fisch zu versorgen, und zwar zu Preisen, die erheblich unter den in Norwegen üblichen Marktpreisen liegen.

»Alle Leute müssen den Gürtel enger schnallen. Nur die Deutschen rücken in dieser schwierigen Wirtschaftslage überhaupt noch Geld fürs Essen raus«, begründet der neue Fischhändler seine um mehr als die Hälfte reduzierten Einkaufspreise.

Kasper Nerhus lehnt das Angebot des Fischhändlers zunächst ab. Doch als das Geld nicht einmal mehr fürs tägliche Essen reicht, wird auch er zum Kollaborateur und verkauft dem Händler seinen Fisch. Das Schicksal der Familie hängt von nun an vom Wohlwollen der Deutschen ab. Hass steigt in Kasper Nerhus auf, gegen die Deutschen, aber auch gegen sich selbst.

Nach und nach prägen deutsche Soldaten das Bild von Støldal. Überall sind sie zu sehen auf ihren Fahrrädern, Krädern und Militärfahrzeugen. Sie sind nicht unfreundlich. Bei den Kindern sind sie sogar recht beliebt. Diese erkunden gerne ihre Fahrzeuge, hüpfen auf den Sitzen herum und lassen sich mit Scho-Ka-Kola und Bonbons beschenken. Die Deutschen machen sich einen Spaß daraus, die Kleinen auf den Gepäckträgern ihrer Fahrräder durchs Dorf zu chauffieren. Einige einheimische Mädchen schwingen sich gar auf die Oberrohre und lassen sich, die Beine weit ausgesteckt, zum Tanzboden kutschieren, wo sie sich mit den Soldaten vergnügen.

Inger wird auch immer häufiger auf der Straße von Deutschen angesprochen, aber sie senkt sofort ihren Kopf und beschleunigt ihre Schritte. Sie denkt an ihren Freund Leon, den blondgelockten Draufgänger, Geselle des Schmiedes, der vor staunenden Mädchen gerne seine Muskeln spielen lässt und allerlei Kraftmeiereien vorführt.

Leon hat eine Nebenbeschäftigung bei den Deutschen. Wegen seiner kräftigen Statur nennen sie ihn Thor. Sie bewundern Thors Körper und seine Kraft und haben ihn schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Støldal in die Kaserne eingeladen, auf dass er sie mit seinen Kraftkunststücken unterhalte. Nach den Besuchen in der Kaserne scheint Leon häufig ernüchtert und im Dorf kann sich niemand einen Reim darauf machen. Liegt es an der Überanstrengung, oder schämt er sich, weil er für die Deutschen arbeitet?

Mitte April des auf den Einmarsch der Deutschen folgenden Jahres lädt Leon Inger zu einem Strandspaziergang ein. Ihn scheint etwas zu bedrücken. Er bewegt sich nicht wie sonst kraftvoll und beschwingt, sondern er geht vornüber gebeugt, so als trage er ein Geheimnis mit sich.

Kraftlos lässt sich Leon auf einen der am Meer liegenden Findlinge fallen. Inger schaut ihn an, doch er erwidert ihren Blick nicht. Er hat sich dem Meer zugewandt, das grau-silbrig abweisend in seiner Wanne schwappt.

»Inger, ich gehe bald nach Schweden.«

»Was? Nach Schweden? Was willst du denn dort? Machst du dort Urlaub?«

»Ich fahre doch nicht in Urlaub. Schweden ist nur eine Zwischenstation. Von Schweden geht’s dann weiter nach England. Aber das bleibt unter uns. Nicht mal meine Eltern wissen es.«

»Nach England, wo unser König ist?«

»Genau, dort will ich hin! Zu unserem König!«

»Was willst du denn dort machen? «

»Ihn um ein Foto bitten!«

»Um ein Foto?«

»Entschuldige meinen dummen Witz, Inger. Aber den wirklichen Grund meines Gehens kann ich dir nicht verraten. Ich kann dir nur soviel sagen, dass…, ja, dass ich mich hier in diesem besetzten Norwegen nicht mehr besonders wohl fühle. Diese Scheißkerle, diese Halunken…«

»Du meinst die Deutschen?«

»Ja. Ich hasse diese verbrecherischen Hakenkreuzler.«

»Aber die machen uns doch nichts…außer…, außer dass es immer knapper wird mit den Lebensmitteln und mit dem Geld, seitdem die da sind.«

»Die Lebensmittelknappheit ist noch das geringste Übel. Der Magen kann ruhig leer bleiben, aber wenn man sich selbst verleugnen muss, ist es kein Leben mehr! Diese Hakenkreuzler nehmen uns doch jede Freiheit. Hast du denn nicht bemerkt, dass die Zeitungen und der Rundfunk zensiert werden? Selbst Wetterberichte werden keine mehr veröffentlicht. Die Küstenbefeuerung wurde abgeschaltet, und abends müssen wir unsere Fenster abdichten, damit kein Licht nach außen dringt. Das ist doch kein Leben mehr!«

Während Leon redet, wird sein Rücken hart und abweisend. Ingers Füße suchen Halt im weichen Boden. Dann wendet sie sich um und sieht, dass er seinen Kopf in den Händen vergraben hat.

»Du kannst doch nicht so einfach weggehen. Das Sankt-Hans-Fest steht schon vor der Tür. Mit wem soll ich tanzen, wenn du nicht da bist?« Vor Ingers geistigem Auge tauchen die Bilder auf, wie Leon sie beim letzten Mittsommerfest am Strand hochgeworfen und wieder aufgefangen hat, wie das halbe Dorf dort versammelt war, um sie für ihre Tanzfiguren zu bewundern.

Leon hebt den Kopf. »Ach Inger, was wurmt mich das Sankt-Hans-Fest? Für mich gibt’s jetzt Wichtigeres als zu feiern. Du brauchst dir doch keinen Kopf wegen des Sankt-Hans-Festes zu machen. Du findest doch an jeder Ecke einen, der mit dir dorthin tanzen geht!«

Inger schaut bedrückt zu Boden.

»Wenn dieser deutsche Alptraum zu Ende ist, werden wir nächtelang durchtanzen.«

»Versprichst du es mir?«

»Ja, das verspreche ich dir!«

Leon legt seine Hand in die ihre und schaut sie fest an.

»Das Meer ist unser Zeuge.«

Doch das Meer schweigt.

*

Eine Nacht im Mai 1941.

Die erloschene Küstenbefeuerung hat Land und Meer eins werden lassen. Nur sehr vereinzelt recken die trüben Lampen wuchtiger Strandkiesel ihre graugrünlichen, rot- und blauviolett melierten Köpfe in die Schwärze. Ferne Gestirne wirken das feine Gewebe schweigender Helle der nordischen Nacht.

Eine gebeugte Silhouette erscheint auf der Bühne der Finsternis, ein Gezeichneter aus dem Schattentheater der Gescheiterten. Er ist den traumschweren Abwinden des Schlafes entronnen und steht nun in dem von Sternenfeuern lichten Saal der Nacht.

Friedrich ist auf den Balkon seines Arbeitszimmers getreten. Er ist einem bösen Traum entflohen. Er ist sich selbst begegnet, und seinem Vater. Heilige Nacht. Sein Vater hatte »Es ist ein Ros entsprungen« auf der Gitarre gespielt und jetzt war er dran mit seinem Gebet:

Lieber Heiland sei so gut,

lasse doch Dein teures Blut

in das Fegefeuer fließen,

wo die armen Seelen büßen.

Ach, sie leiden große Pein,

wollest ihnen gnädig sein.

Höre das Gebet der Deinen,

die sich alle hier vereinen;

Nimm die armen Seelen doch

heute in den Himmel noch.

Plötzlich hatte sein Vater einen Hammer in der Hand und schlug ihm einen langen rostigen Nagel in den Kopf. Der Vater war gerade dabei einen weiteren Nagel in seine Stirn zu treiben, als Friedrich mit schrecklichen Kopfschmerzen erwacht.

Was für eine erbärmliche Kreatur er doch ist! Vor drei Jahren hatte er seine Vergangenheit weggeworfen. In der Hoffnung, den Berliner Maskeraden zu entkommen, hat er sich Hals über Kopf ins Soldatenleben gestürzt.

Der Neid und die Niedertracht der Berliner Boheme hatten in ihm schon lange einen Ekel vor der Zivilisation hervorgerufen, der im Laufe der Jahre in einen regelrechten Lebensüberdruss übergegangen war. Er hatte nur noch dieser Zügellosigkeit, diesem ihn einschnürenden Moloch entfliehen wollen und hatte sich in einer Mischung von Neugierde und Abenteuerlust beim Militär beworben. Im Soldatischen hatte er plötzlich seine Berufung gesehen.

»Haben wir in Berlin nicht alle Masken getragen? Bin ich nicht hier in Norwegen erst zu dem geworden, der ich immer hatte sein wollen?« fragt er sich.

Eine leichte Brise kommt übers Meer und erst jetzt nimmt Friedrich wahr, dass er barfüßig und nur mit einem Schlafanzug bekleidet auf dem Balkon steht. Rasch tritt er in sein dunkles Büro zurück. Er schiebt die schweren Vorhänge zusammen, so dass kein Licht nach außen dringen kann. Dann knipst er die schwarze Schreibtischlampe an. Er setzt sich an den Schreibtisch, stützt sich mit den Ellenbogen darauf ab, und legt seinen Kopf in die Hände.

»Jetzt bin ich bereits ein Jahr hier in Støldal. Von Berlin nach Hamburg und dort auf ein Schiff verfrachtet. Erst nach dem Auslaufen erfahren, dass es nach Norwegen geht. Nun bin ich in der Landschaft Edvard Munchs«, sagt er zu sich selbst.

In Berlin hatte er in einer Gründerzeitvilla gelebt, direkt am Wannsee. Er war in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Porträtmaler geworden. Fast täglich saß er in seinem Atelier in der Potsdamer Straße und malte die Licht- und Zwielichtgestalten der Berliner Bohème, und ab und an war auch ein hohes Parteimitglied sein Modell, oder Kriegsveteranen, stolz auf ihre Arm-und Beinprothesen oder ihre Glasaugen. Wenn ihre belegten Zungen um die nikotingelben Zahnreihen schlingerten und ihre Worte vom Siegeszug Großdeutschlands kündeten, träumte er sich groß und sah seine Bilder in den staatlichen Kunstausstellungen in Berlin und München.

Friedrichs Gedanken kreisen um sein letztes Gemälde.

»Wie war das noch, als ich dieses unsägliche handwerklich perfekte Gruppenporträt der Kriegsblinden und Zitterer, das ein Nazibonze bei mir bestellt hatte, malte?« Er hatte sie mit reichlich Alkohol ausgestattet und als sie hörten, dass das Bild »Lob des Krieges« heißen sollte, sangen sie ein Loblied auf den Krieg 1914/18, aus dem sie als Krüppel zurückgekehrt waren. Sie sangen von Leichenhaufen und dem Duft von Aas über den Schlachtfeldern, der allerlei Getier anlockte, das sich daran gütlich tat.

Der Krieg, der führt zum Sieg,

Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil.

Die Verbrecher von Versailles

Hat schon geköpft des Henkers Beil.

Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil.

Wie war das 14/18 noch

Da saßen wir im Schützenloch

und schossen mit der Artillerie

Franzosen ab wie´s liebe Vieh.

Wie Hasen sind die Kerls gelaufen,

mitten in die Leichenhaufen.

Darauf lasst uns saufen.

Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil.

Und biss der böse Feind ins Gras,

entstieg dem Feld der Duft von Aas.

Drum hebet auf den Sieg das Glas.

Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil.

Was bleibt diesen armen besoffenen Kerlen anderes, als den Krieg zu loben, immerhin hat er ihnen ihr Leben gelassen. Friedrich dachte an seinen Vater, der so stolz darauf war, zu den Mitbegründern der Künstlergruppe »Berliner Sezession« gehört zu haben. Er hatte sich für Edvard Munch eingesetzt, und mit dafür gesorgt, dass dessen Bilder in Berlin ausgestellt wurden. Das war lange vorbei. Warum hatte er ihm eben einen Nagel in den Kopf getrieben? Wollte er ihn darauf aufmerksam machen, dass dieser Hitlerkrieg auch ihn, Friedrich, verkrüppeln, geistig verkrüppeln, wird?

Friedrich löscht das Licht und tritt noch einmal hinaus in die Nacht. Sein Auge schwimmt durch das Sternenmeer, unter sich den schwarzen Fjord und das unsichtbare Støldal, mit seinen freundlichen Einwohnern, einfachen ehrlichen Leuten, die keine Masken tragen, die nur Erde, Scholle und Meer verbunden sind, eins mit dem Land, in dem sie aufwuchsen und leben. Versonnen dringt sein Blick in das hohe Gewölbe der Nacht und es ist ihm, als stehe er zwischen zwei Welten, der soldatischen, die ihn zur Erfüllung seiner vaterländischen Pflichten ruft und der Welt der Kunst, zu der er den Kontakt zu verlieren droht. Er darf sich nicht festnageln lassen und ein ungelebtes Leben vor sich her schieben. In einem Monat, am 23. Juni, findet das Fest zur Sommersonnenwende statt. Leute aus dem Dorf, die in der Kaserne arbeiten, haben ihm davon erzählt. Hier in Norwegen heißt es das Sankt-Hans-Fest. Der längste Tag des Jahres, an dem auch zur Mitternacht die Sonne nicht untergehen will, wird mit der Verbrennung einer Strohhexe, mit Tanzen und Bootsfahrten gefeiert. Friedrich ist fest entschlossen, das Sankt-Hans-Fest zu besuchen.

*

Als Inger am Strand ankommt, lodert dort bereits der große Scheiterhaufen. Eine Strohhexe ragt aus seiner Spitze hervor und das Feuer züngelt um ihre Beine. Sie steht für das Böse, das Unheilkündende, das in dieser Nacht der Sommersonnenwende eingeäschert werden soll. Das prasselnde Rot des Feuers schwimmt im sanft gekräuselten Wasser der See bis zu der sehr niedrig am violettblauen Horizont stehenden mattglühenden Sonnenscheibe. Eine rötlich-gelb vibrierende Nabelschnur fällt von der Sonne ins Meer, folgt der Spur des Feuers bis zum Strand, um dort den Scheiterhaufen zu nähren. Himmel, Wasser, Erde und Feuer sind Paten des heraufbrechenden Winterhalbjahres.

Drei Fiedeln spielen zum Tanz auf. Junge Frauen in langen weißen und roten Kleidern und Männer mit schwarzen Anzügen und weißen Hemden fassen sich bei den Händen und bilden einen Kreis, der sich entlang der melodischen Linien, die die Fiedeln ziehen, wie ein Herz pulsierend zusammenzieht und wieder expandiert. Der Kreis wird so weit, dass er an einer Stelle aufbricht und die Tanzenden wie eine rotweiße mit schwarzen Schleifen verzierte Blumengirlande im Wind der Melodien wehen. Schließlich zerfällt die Girlande in ihre weißen und roten Blüten und jede Blüte findet eine schwarze Schleife. Die Paare tanzen jetzt so eng umschlungen, dass sie zu vierbeinigen zweiköpfigen Wesen zusammenzuschmelzen scheinen.

Einige Paare lösen sich plötzlich aus ihrer Umarmung und laufen zum Meer, wo kleine über und über mit Blumen geschmückte Ruderboote auf sie warten. Jedes Paar findet ein Boot und sie schaukeln kleinen Mondsicheln gleich hinaus aufs Meer, der Sonne entgegen. Die Männer ziehen ihre Ruder kraftvoll durchs Wasser und schaufeln glitzernde Tropfen aus dem Meer, die in der Sonne wie Sternennebel glühen. Von Zeit zu Zeit fallen Blumen ins Wasser, torkeln anfangs in der Fahrrinne und verlieren sich dann im Gegenlicht, das die Farben der Boote löscht und nur schwarze Silhouetten übrig lässt, die schließlich ganz in der Sonnenscheibe verschwinden.

Inger ist mit Mutter Alma zum Sankt-Hans-Fest gekommen. Sie trägt ein weißes bis zum Boden reichendes Kleid mit kleinen gelben Blümchen, das ihre Mutter extra zu diesem Anlass für sie genäht hat. Der leichte Sommerwind hat ihr orangerotes Haar entfacht, so dass es zu brennen scheint. Wie eine Fackel steht sie da und wartet, dass jemand sie zum Tanzen auffordert. Aber alle Männer haben schon eine Tanzpartnerin. Enttäuscht sieht sie zu ihrer Mutter hinüber, die sich gleich nach der Ankunft auf die unweit des Scheiterhaufens aufgestellte aus schmalen Brettern gezimmerte Bank zurückgezogen hat und jetzt eingenickt ist.

In ihrem dunkelblauen überaus weiten Kleid, unter dem sie ihre Hände verborgen hält, wirkt die Fünfzigjährige wie ein achtlos zurückgelassener Haufen Stoff. Ihr Gesicht hat im diffusen Sonnenlicht einen dunkelgelben Ton angenommen. In die dunkelbraun gesäumten mattvioletten Augenhöhlen und die tiefen auf ihrer Stirn sich abzeichnenden und von ihren Mundwinkeln nach unten ziehenden Täler, die jahrzehntelange körperliche Arbeit und die stete Sorge um ein auskömmliches Leben auf der Bühne ihres Antlitzes hinterlassen haben, fällt kein Licht. Nur wenn die mittsommernächtlichen Flammen sich einen noch jungfräulichen Holzscheit greifen, das in diesem verbliebene Harz grell aufleuchtet und die tief im Holz verborgenen Wasserspeicher prasselnd und knallend detonieren, zaubert sich die Helle des Feuers, kleinen wetterleuchtenden Blitzen gleich, auf dem Auf und Ab der Landschaft ihres Gesichts eine bewegende Szenerie, die die Abgründe aufhellt, für Augenblicke die Verzweiflung vor sich herjagt und die feinen zerbrechlichen Züge einer schönen Frau zum Vorschein bringt, die, wenn die Flammen sich den Holzscheit einverleibt haben, gerade den Tiefen entrissen, schon wieder verbleichen und die vergrämten Züge einer verbrauchten Frau zurücklassen. Inger erschrickt angesichts dieses Wechselspiels auf dem Gesicht ihrer Mutter. Es ist ihr, als schaue sie in einen Spiegel.

Einige Paare verlassen torkelnd das Fest. Ihr Ziel ist der Tannenwald auf dem sanft ansteigenden Berg. Am Fuße stehen die Bäume nur vereinzelt, weiter oben werden sie immer dichter, bis sie ganz von einem dunklen Blauschwarz aufgesogen werden. In dieses Blauschwarz bewegen die Paare sich schwankend hinein, bis man sie nicht mehr sieht, sondern nur noch ihr ausgelassenes Lachen und Juchzen hört.

»Darf ich Sie zum Tanz bitten?« fragt einer Inger. Er hat einen starken ausländischen Akzent.

Erschrocken wendet Inger ihren Kopf dem Mann zu, der von Niemand-weiß-woher neben ihr aufgetaucht ist: ein deutscher Offizier in Uniform.

»Ich muss jetzt leider nach Hause. Meine Mutter ist schon sehr müde. Dort sitzt sie, sehen Sie?« Inger zeigt auf die Bank, wo ihre Mutter sitzt.

»Das ist sehr schade. Beim nächsten Mal vielleicht«, antwortet der Deutsche. Seine Enttäuschung kann er kaum verbergen.

»Ja, beim nächsten Mal. Auf Wiedersehen!«

Inger hat bemerkt, dass sie während des Gesprächs mit dem Deutschen von hinten beobachtet wurde. Nachdem der Deutsche weg ist, wendet sie ihren Kopf, um zu sehen, wer der Beobachter ist. Ein Mann in derselben Militäruniform, also auch ein deutscher Offizier! Seine dunkelbraunen rechts gescheitelten Haare zeichnen auf seinem glatten im matten Licht wächsern glänzenden Gesicht eine rasiermesserscharfe Kontur. Er sitzt auf einem Stein. Sein linkes Bein ausgestreckt, hat er seinen rechten Fuß auf dem linken abgelegt. Auf den Oberschenkeln liegt ein großer Zeichenblock, darauf seine linke Hand. Seine Rechte, die einen Stift hält, lässt er fast bis zum sandigen Boden sinken. Der Mann hat sehr große und doch feine, gepflegte Hände. Um das Gleichgewicht zu halten, hat er sich leicht nach vorn gebeugt.

Inger erkennt in ihm sofort den Offizier, der sie beim Einmarsch so angestarrt hat. Als warte er schon die ganze Zeit auf Ingers Blickkontakt, schaut er sie fest an, so fest, als wolle er sie mit seinem Blick an Ort und Stelle bannen. Sonst verzieht er keine Miene, zeigt keinerlei Regung, ein Gesicht, das nichts verraten will. Nur die Augen liegen wie zwei unverrückbare Leuchtfeuer in dieser Leere.

Der feste Blick macht Ingers Beine schwer wie Blei, so dass sie sich nur mit Mühe auf ihre Mutter zu bewegen kann.

»Mama, lass uns nach Hause gehen. Es ist fast Mitternacht!« Inger weckt ihre Mutter und fasst sie unter dem Arm.

»Oje, ich habe vollkommen die Zeit vergessen. Man weiß das ja auch nicht, die Sonne geht heute doch gar nicht unter!« Die Mutter lacht und steht auf.

Inger weiß nicht, wie lange der Blick des Mannes sie festgehalten hat. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Als sie geht, spürt sie seinen Blick immer noch in ihrem Genick, wie er sich in ihre Haut einbrennt.

*

Herbst 1941.

Inger ist nur schwer durch die Nacht gekommen. Der neue Tag steht vor ihr wie eine undurchdringliche Wand. Als sie aus dem Fenster auf das unter dem schmutziggrauen Nebel verborgene leise stöhnende Meer blickt, ahnt sie, dass etwas geschehen ist. Und als sie die Stiege zur Küche hinabsteigt, weiß sie, was geschehen ist.

Erik ist verschwunden.

Vater Kasper ist nicht aufs Meer gefahren. Er hat die ganze Nacht auf seinen Sohn gewartet. Die ganze Nacht hat er am Küchentisch gesessen und stumm auf seinen Teller gestarrt. Dort sitzt er immer noch, und neben ihm Mutter Alma, die sich die Tränen aus dem Gesicht wischt.

Erst vor ein paar Tagen hatte Erik Inger anvertraut, dass er am liebsten zu den Deutschen gehen würde. Der Fischfang bringe doch nichts mehr ein, und er könne die Verarmungsängste des Vaters nicht mehr mit ansehen. Bei den Deutschen könne er richtig was verdienen und damit die Familie unterstützen.

»Papa, mach dir keine Sorgen wegen Erik. Er hat sicher nur eine Stelle in der Stadt angenommen.«

»Was für eine Stelle? Und wieso hat er mir nichts davon erzählt?«

»Er will dich bestimmt überraschen.«

»Ich weiß wo er ist. Er ist zu den Deutschen gegangen. Er hängt schon die ganze Zeit mit den Schweinen da herum.«

Inger schweigt.

»Du schweigst, also liege ich richtig. Dann soll er ruhig zu denen hingehen und ich scheiße auf seine Leiche!«

Inger schießen Tränen in die Augen.

Sie hat schon geahnt, dass ihr Bruder verschwinden würde. Schon beim Einmarsch der Deutschen hatte sie den Eindruck gehabt, dass er diese Menschen bewundert und dass sie in ihm bisher verborgene Sehnsüchte wachrufen. Mit seinen rötlich blonden Haaren, den hellen Augen, die, zwei klaren kalten Gebirgsseen gleich, immer die Farbe des Himmels angenommen hatten und einmal grünlich, einmal azurblau, dann wieder gelblich oder grau schimmerten, hatte Erik den Eindruck eines verträumten großen Kindes gemacht, das nie ganz im Hier und Jetzt, sondern irgendwo in einer Ferne weilte. Wenn er nicht mit dem Vater auf Fischfang war, kletterte er auf das Trockengerüst, um dort von Inger ausgenommene nur von ihrer Schwanzflosse zusammengehaltene Fische zum Trocknen aufzuhängen, oder er kümmerte sich um das ...

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