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Man muss ein Spiel auch lesen können

Informationen zum Buch

Die DFB-Autorennationalmannschaft hat aus ihrer Wahlverwandtschaft mit Borussia Dortmund ein Buch gemacht. Zu jedem Heimspiel reiste einer der Autoren ins Stadion des BVB, das »beste Stadion Europas« (The Times). Doch zu Saisonbeginn hatte keiner ahnen können, welche Achterbahnfahrt bevorstand: glänzende Champions-League-Abende, der unerklärliche Fall der Helden in der Liga, eine düstere Winterpause auf einem Abstiegsplatz, der Schock des Augsburg-Spiels, ein rauschender Derby-Sieg, der Rücktritt von Jürgen Klopp, die Aufholjagd in der Liga, das kuriose Pokalhalbfinale gegen Bayern München, der große Traum vom Pokalsieg und einem lässig gefeierten Abschied auf dem Borsigplatz. Die Autorennationalmannschaft, die 2010 in Dortmund auf der Kampfbahn Rote Erde Europameister wurde, begleitet Borussia Dortmund auf der vielleicht seltsamsten, in jedem Fall denkwürdigsten Saison der Vereinsgeschichte: mitfiebernd, mitliebend, mitleidend und irgendwie auch immer mitspielend.

»Juve spielt an diesem Abend mit imperialer Dominanz, die Dortmunder hingegen so, wie ich mir griechische Demokratien in ihrer Spätzeit vorstelle: müde, etwas unentschlossen und sich ihrer Schwächen viel zu bewusst. Diese melancholischen Ballverluste von Sokratis…« – Simon Roloff

Ein schwarzgelbes Jahr

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MAN MUSS
EIN SPIEL
AUCH LESEN
KÖNNEN

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Herausgegeben von Moritz Rinke

Mit Illustrationen von Tim Dinter

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Wir sind Fußballliebende, und deshalb war es wie ein Heiratsantrag. Keiner aus meinem Team, der Autorennationalmannschaft, hat je einen richtigen Heiratsantrag bekommen, aber plötzlich fühlte es sich so an. Borussia Dortmund, eine der attraktivsten Mannschaften Europas, machte Ernst, reichte uns die Hand und war bereit für alles: ständige Begleitung, Spiel für Spiel, sogar mit Übernachtung, eine ganze Saison. Und es gab sogar einen Trauzeugen, Markus Langer, Markenchef bei Evonik, dem Hauptsponsor des BVB, ohne den es diese schöne Liaison überhaupt nicht gegeben hätte, denn es war Markus Langer, der die Schriftsteller-Mannschaft mit dem Fußballverein verkuppelt hatte.

Die DFB-Autorennationalmannschaft, wie sie sich offiziell nennt, wurde 2005 gegründet, von der Kulturstiftung des DFB gesponsert und feierte ihren größten Erfolg 2010 in Dortmund auf der Kampfbahn Rote Erde, wo sie Europameister wurde. Was lag also näher, immer und immer wieder nach Dortmund, an den Ort unseres größten Triumphes zu fahren, denn die Rote Erde liegt ja gleich neben dem Stadion, in dem der BVB seit vielen Jahren so atemberaubend die Fußballwelt verzaubert.

Gute, torreiche Tage standen also an. Doch schon Weihnachten saßen wir da: nur fünfzehn Punkte, zehn Niederlagen (meistens 0–1 zu Hause) – und sogar der HSV, Hertha oder Freiburg hatten weniger Spiele verloren. Wir hatten eine Prinzessin genommen, nach der Hinrunde war sie ein Frosch. Nur nachts, in der Champions League, war sie noch schön.

Und dann wurde es mehr und mehr eine turbulente Ehe. Zwar ging es mit unserem Partner erst einmal wie gewohnt weiter, 0–1 zu Hause gegen Augsburg, auch war in der Champions League nach dem Achtelfinale Schluss. Zudem verkündete einen Tag nach dem Tod von Günter Grass Trainer Jürgen Klopp sein Ende nach Saisonschluss bei Borussia Dortmund (daraufhin herrschte doppelte Staatstrauer in Deutschland!), aber in der Liga verwandelte sich Nulleins (so nannten wir mittlerweile den Frosch) zurück in die scharfe Braut, die uns der Trauzeuge vor Saisonbeginn an den Altar geführt hatte. Der BVB kletterte zehn Plätze in der Tabelle nach oben, spielte sich im Pokal bis ins Finale in Berlin und brachte dabei sogar die gigantischen Bayern ins Stolpern.

Vielleicht war es die kurioseste, die verrückteste Saison, die eine Bundesligamannschaft je erlebt hat und die wir mit unserer Evonik-Wortsport-Kolumne auf der offiziellen Homepage des BVB begleiten durften. Eine Saison, die vielleicht sogar unserer Arbeit, dem Schreiben, gar nicht so fremd schien, denn offensichtlich war sie dominiert von einem Thema: der mentalen Blockade! Tippen und Querpässe sind das eine, aber was, wenn der Kopf nicht mehr mitmacht? Schreibblockaden sind wie Spielblockaden, wenn plötzlich Metaphern und Gegenpressing nicht mehr funktionieren. (Schließlich stimmt die Metapher, dass der BVB eine Frau ist, ja auch nicht so wirklich.)

Der BVB wurde uns dadurch nur noch sympathischer. Natürlich war es beim BVB nicht nur der Kopf, sondern auch die Verletzungsmisere, aber auch damit kennen wir uns aus, denn wir haben einen Kader von 35 Autorenspielern, fit sind aber meistens nur 13.

Ständige Verletzungen und mentale Probleme! Natürlich kam uns irgendwann in der Hinrunde der Gedanke, ob die Krise des BVB vielleicht mit uns, dem neuen Partner an der Außenlinie, zu tun haben könnte. Einer aus unserem Team, ein leidenschaftlicher BVB-Fan, schlug sogar vor, die Zusammenarbeit augenblicklich zu beenden, denn der BVB würde mittlerweile spielen wie wir!

Man kann wirklich sagen: Wir sind auch durch diese Krise gegangen. Viele unserer Autoren sind von Hause aus Anhänger von Bayern München, von Werder Bremen, Eintracht Frankfurt oder dem 1. FC Köln. Las man in der Sportpresse spätestens nach dem Null-eins gegen Augsburg viele hämische Berichte, findet sich derlei in keinem unserer Texte. Im Gegenteil: zu Beginn Verwunderung, Unglauben, schwarze Magie (einer unserer Autoren meinte sogar, der von Schwarzalgen befallene Rasen in Dortmund sei der Grund, denn in seiner Heimat an der Ostsee stünden die Schwarzalgen für das Unheil und die Pest) – und mehr und mehr wurde unsere Anteilnahme ein ständiges Mitleiden, bis hin zur Panik.

Der Autor, der zum besagten Augsburg-Spiel reiste, ist sogar Anhänger des FC Augsburg, aber freute er sich? Nein, er kam mit Tränen in den Augen zum Training und berichtete uns, wie er und der BVB gelitten hatten. Bei Goethe sagt der Dichter Torquato Tasso, frei zitiert: Wenn ein Club in seiner Qual verstummt, gab uns ein Gott zu sagen, wie er leidet. Ja, wir wurden mehr und mehr die Torquato Tassos des BVB.

Es gibt eine bezeichnende Stelle in diesem Buch. Einer der Autoren, Fan der Stuttgarter Kickers, nimmt seine kleine Tochter mit ins Stadion nach Dortmund, weil sie eines Tages aus der Kita gekommen war und aus heiterem Himmel verkündet hatte, BVB-Fan zu sein. In der 80. Minute des Spiels gegen den HSV (es stand natürlich null-eins) sagte die Tochter: »Die müssen jetzt auch mal ein Tor schießen!« In der Nachspielzeit (90. + 6) sagte sie dann: »Wir haben verloren.«

Irgendwie erging es uns wie diesem Mädchen. Erst waren wir Beobachter, aber irgendwann gehörten wir dazu. »Wir haben verloren«, sagte ich oft zu meiner Frau. »Wie? Bremen hat schon wieder verloren??«, fragte sie nach. »Nein, nein, Dortmund!«, entgegnete ich, ich hatte ja plötzlich zwei Vereine, die immer verloren.

Es gab natürlich auch verzaubernde Momente. Das Heimspiel gegen Schalke, der Dropkick-Siegtreffer von Sebastian Kehl im Pokalviertelfinale gegen Hoffenheim oder jener von Marco Reus im Spiel gegen Mainz 05 mit dem rechten Außenrist von links geschlagene Pass auf Aubameyang. Es war einer dieser Pässe, für die wir dieses Spiel lieben. Der Pass war wie einer jener Sätze, die manchmal gelingen, wenn der Satz, scheinbar aus dem Fußgelenk geschrieben, sofort an Höhe gewinnt und mit Effet den Leser erreicht. Unser Autor, ein begnadeter Mittelfeldspieler, schrieb dann voller Bewunderung: »Da ist ein Pass geschehen, den wir Weltlichen niemals spielen können.«

Wir sind der Mannschaft sehr nahe gekommen. Mitfiebernd, mitliebend, ja, eben mitleidend wie Tasso und irgendwie auch immer mitspielend, weil wir beim Training meist Gegentore analysierten und nachstellten. Aber auch – und das wird Kloppo im Nachhinein hören dürfen – mittrinkend! Die legendäre Nummer 5 des BVB, Sebastian Kehl, hat uns bei seiner Abschiedsfeier regelrecht unter den Tisch getrunken, Frau Weidenfeller (sehr hübsch) hat Zigaretten gereicht, Herr Schmelzer auf Nachfrage Feuer. Wir sind auch mit den Sportwagen der Spieler durch das Ruhrgebiet geheizt; mit einem Spieler, Oliver Kirch, bin ich sogar zu den Ruhrfestspielen, wir haben die Theateraufführung Antigone besucht und danach mit Juliette Binoche, die die Titelrolle spielte, geflirtet.

Ja, mit einer Mannschaft wie dem BVB scheint so etwas alles zu gehen. Ehrlich gesagt, das ist schon ein sehr, sehr geiler Club.

Natürlich flogen auch mal die Fetzen. Als einer unserer Autoren in einem Interview erklärt hatte, der BVB sei eine »Sekte«, weil er sich zu sehr vom Trainer abhängig gemacht habe, war für den Geschäftsführer der Rubikon überschritten. Aber so ist das nun mal, eine Ehe muss das aushalten. Und sie hat es.

Das Buch endet mit einer Niederlage im Pokalfinale, aber es beginnt mit einem Triumph. Und wenn man noch heute vom Pokalfinale 1989 so erzählt, dramatisiert und schwärmt, wie das unser prominenter, schwarzgelber Gastautor tut – ja, was wird man dann irgendwann von dieser irren Saison berichten?

Der Fußball hat ein fast unschlagbares Gedächtnis. In der Erinnerung finden die Spiele, Siege, die entscheidenden Tore oder Niederlagen immer noch statt. Das ist das Schöne am Fußball. Wenn wir ihn lieben, bleiben wir immer Kinder und können ewig spielen. Und keiner weiß, wo diese Liebe hinfällt. Unsere hohe Gastdichterin aus Berlin nimmt 2014 ihren Enkel mit zum Pokalhalbfinalspiel nach Dortmund. Der BVB spielt gegen den VFL Wolfsburg und siegt 2–0, seitdem ist es um ihren Enkel geschehen. Ein Jahr später sitzt er in Berlin nach dem Pokalfinale, wieder gegen Wolfsburg, am Ende noch lange mit Tränen auf seinem Sitz, die Großmutter kriegt ihn kaum aus dem Stadion.

Liebe, Tränen und nicht aus dem Stadion wollen – vielleicht ist das der Grund, warum wir Fußballbücher schreiben.

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Frauen wissen, warum Männer einen anderen Mann »Schöni« nennen. Wahrscheinlich um sich auf diese Weise ein wenig an dem von den Göttern in Sachen Aussehen Begünstigten zu rächen.

Egal.

Dies ist Schönis Geschichte.

Aber nicht nur.

Es ist auch die Geschichte eines wunderbaren Ausflugs.

Dortmund, Dienstag, der 9. Mai 1989.

DFB-Pokalhalbfinale Borussia Dortmund gegen den VfB Stuttgart, tief in der zweiten Halbzeit.

Ecke Möller.

Jürgen Klinsmann, der Körperlose, verschraubt sich in eine seiner extravagantesten Pirouetten, Frank Mill verpasst Nils Schmäler mit beiden Fäusten ein Ding in den Rücken, steigt, Kopfball, Tor. 2–0.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.

Die Südtribüne bebt. Gelbe Karten, Platzverweise, böse Grätschen, Schlusspfiff, aus. Borussia Dortmund stand im Finale um den deutschen Fußball-Pokal 1989. Das Stadion – ein Tollhaus.

Für mich war das Spiel eine Art Comeback.

Habe damals wenig Zeit in Dortmund verbracht, aber nie den Kontakt zu meinen Freunden aus den frühen Achtzigern verloren, Halbfinale, guter Anlass, alte Verbundenheit aufzufrischen.

Auf dem Weg ins Stammlokal umringt von zigtausend euphorisierten Borussenfans, übelste Beschimpfungen durch die mitgereisten tapferen Schwaben.

Und glauben Sie mir, von Schwaben beschimpft zu werden, hat für unsere Ohren erst einmal etwas Komisches.

Es geht hin und her, doch es bleibt im Rahmen.

Keine Fäuste fliegen. Es bleibt bei den wunderbaren schwäbisch-folkloristischen Verbalinjurien, bis Jupp Schmiedeskamp, 300-prozentiger Borussen-Fan und im Späteren »der Reiseleiter« genannt, die richtigen Worte findet.

»Halt die Schnauze, Schwabe, komm mit, Freibier.«

So kriegt man jeden Schwaben, und so erklärt sich vielleicht auch unsere schöne Fanfreundschaft mit den Kelten von Celtic Glasgow, Schottland. Anyway. Stammlokal, Verbrüderung, Fangesänge. Und bei jeder neuen Runde flehte irgendeiner:

»Beschimpf mich, Schwabe!« Wir haben Tränen gelacht.

Ungefähr um diese Zeit muss der Entschluss gefallen sein, natürlich mitzufahren, dabei zu sein, in Berlin, Berlin.

Gesagt, geplant.

Ich musste gegen Morgen mit dem ersten Zug nach Köln, wo ich damals schon lebte – Jupp Schmiedeskamp, der Reiseleiter:

»Alles klar, mach dir keine Sorgen, du hörst von uns.«

Tage vergehen, der Mai ist vorbei. Man weiß mittlerweile, dass uns Werder Bremen in Berlin erwartet, als mein Telefon klingelt.

»Schmiedeskamp, Reiseleitung, wir erwarten dich Samstag, den 24.06., elf Uhr bei mir zu Hause, Reisepass nicht vergessen.«

»Wer denn alles?«

»Alle von neulich.«

Der Reiseleiter war mir damals schon ein Begriff, zum Beispiel als Kunde der kleinen Kneipe, die ich einst mit Freunden in Dortmund betrieben hatte. Aber so richtig kennenlernen sollten wir uns erst in den folgenden 48 Stunden.

Aufbruch in Köln etwa 9:30 Uhr, Ankunft Treffpunkt pünktlich 11 Uhr.

Und als ich die kleine Wohnung des Reiseleiters im Dortmunder Norden, unweit des Borsigplatzes, betrat, ereignete sich der erste magische Moment, von denen in den nächsten zwei Tagen noch etliche folgen sollten.

Diese kleine Wohnung, eher ein Borussia-Dortmund-Museum, hatte eine kleine Küche, und auf dem Küchentisch in dieser kleinen Küche stand ein Pils.

Ein Pils um 11 Uhr morgens.

Ein Pils, gezapft mit unglaublicher Vorbildlichkeit.

Jedes Pils aus dem Werbefernsehen ist ein Scheißdreck dagegen.

»Bitteschön!«

DEPUTATE, durfte ich lernen.

Mir war der Begriff bekannt aus dem Bergbau. Mein Vater, als Kohlenhauer, hatte Anspruch auf eine gewisse Menge Kohle für den Hausbrand. Deputat.

Jeder in der Nachbarschaft hatte das.

Der Reiseleiter war Angestellter der Dortmunder Actien-Brauerei. Auf seinem kleinen Balkon blitzte eine piekfeine Zapfanlage, und bevor wir uns auf den langen Weg gen Osten machten, musste das Fässchen »besser wech!«. So fing das an.

Nachdem sich die Reisegruppe Schmiedeskamp nun komplett versammelt hatte, um sich gemeinsam um des Reiseleiters Deputate zu kümmern, war ich Zeuge, wie ein mir damals unerschöpflich erscheinender Vorrat an Dosenbier in den hässlichen blauen Buchbinder-Bus verklappt wurde, der uns nach Berlin tragen sollte.

Überflüssig zu erwähnen, dass mindestens einer seinen Reisepass vergessen hatte. Wahrscheinlich Schöni. Aber ausgestattet mit neuen Passbildern, die am Bahnhof noch schnell gemacht wurden – für harte D-Mark bekam man an der innerdeutschen Grenze ein einmaliges Ein- und Ausreisevisum – ging es endlich los.

Ich habe den Dosenbiervorrat erwähnt, also muss ich nicht erwähnen, dass ich seit damals jede bewirtschaftete und unbewirtschaftete Raststätte zwischen Dortmund und Berlin kenne.

Mindestens einer musste immer.

Aufgehalten durch etliche Staus – halb Westfalen war auf dem Weg nach Osten – und die Versammlung der humorlosesten Grenzer aus Sachsen, erreichten wir gegen Abend Westberlin und beschlossen, erst einmal ein Bier trinken zu gehen.

Der mir schier unerschöpflich erscheinende Dosenbiervorrat war erschöpft. So wie wir alle.