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Man hat nicht nur Pech im Leben

Inhaltsverzeichnis

Nastasia

Daniels Geburtstagsfeier

Dirks wahres Gesicht

Christopher in Hamburg

Der Weg ins Glück

Die Familie

Nastasia

Völlig aufgeregt sitzt Nastasia mit zwei weiteren Prüflingen in dem Vorraum eines Hörsaales der Universität Essen und wartet darauf, dass sie von den Prüfern hereingebeten wird. Außer den drei Diplomandinnen warteten in dem Vorraum ihre Freundin Micaela sowie Verwandte und Freunde der beiden anderen Diplomandinnen, Clara und Silvia.

Micaela war fast genauso aufgeregt wie Nastasia. Sie hatte dem Diplomvortrag Nastasias, wie auch alle anderen Anwesenden, beiwohnen dürfen. Sie war sehr angetan von dem Vortrag und war sich eigentlich sicher, dass auch die Prüfer diesen positiv beurteilen werden, da gab es bei ihr überhaupt keine Zweifel.

Die wären auch nicht angebracht, zu gut war ihrer Freundin die Präsentation gelungen. Auch ihre Körpersprache während des Vortrages war vortrefflich. Mit sehr sicherem Auftreten, aber keinesfalls arrogant, hatte sie den Inhalt ihrer Diplomarbeit sowie prägnante Kernaussagen zu dem von ihr gewählten Thema vorgetragen.

Micaela war davon überzeugt, dass Nastasia die anschließende mündliche Prüfung bestanden hat. Sie durfte zwar wie alle anderen unbeteiligten Personen während der Prüfung nicht in dem Hörsaal verweilen, aber dem Vortrag hatte sie ja, wie außerdem einige Studentinnen und Studenten, insbesondere aus dem Fachbereich Psychologie, zu dem auch die Prüflinge gehörten, beigewohnt. Sie war von Nastasia restlos überzeugt und konnte mittlerweile wie alle Wartenden eine gewisse Ungeduld, letztendlich auch Unruhe, nicht mehr verheimlichen.

Micaelas bisherigem Eindruck, den sie auch ihrer Freundin vehement vermittelte, konnte Nastasia voll zustimmen. Dazu war sie der Meinung, dass sie die Fragen der drei Prüfer gekonnt und sicher, sowie eindeutig in ihrer Aussage, hat beantworten können.

Es stellte sich somit auch für Nastasia keinesfalls die Frage, ob sie bestanden hat. Nein, es ging eher um die Gesamtnote, die sie letzten Endes erreicht hat. Da Nastasia die Ergebnisse ihres Vortrages einschließlich der Prüfung noch nicht mitgeteilt wurden, auf die Bekanntgabe wartete sie ja ungeduldig, war ihr somit auch die Gesamtnote nicht bekannt.

Sie wusste natürlich, dass die Gesamtnote nicht nur aus den ihr schon bekannten Noten der absolvierten Fachprüfungen und der Benotung ihrer Diplomarbeit ermittelt wird, sondern das auch die Noten Berücksichtigung finden, welche sie für ihre Präsentation des Diplomvortrages und der anschließenden Prüfung erreicht hat.

Dann war es so weit. Nastasia wurde hereingerufen und Professor Dr. Kamach, der sie während der Diplomarbeit betreut hatte, übernahm das Wort.

»Frau Müller, ich darf Ihnen mitteilen, dass Sie einen brillanten Vortrag dargeboten und zudem Ihre Prüfung hervorragend bewältigt haben. So ist es natürlich nicht verwunderlich, dass Sie im Zusammenhang mit Ihren sehr guten Fachprüfungen und der ausgezeichneten Diplomarbeit Ihr Diplom mit Auszeichnung bestanden haben. Herzlichen Glückwunsch! Wir wünschen Ihnen viel Erfolg in Ihrem beruflichen Leben.«

»Oh, vielen Dank.«

Als Professor Kamach des Weiteren einige Punkte aus ihrer Arbeit und zudem noch zusätzliche Bemerkungen zu ihrem Auftreten ansprach, wobei er wiederum voll des Lobes war, konnte Nastasia den Ausführungen des Prüfungsvorsitzenden schon nicht mehr richtig folgen. Zu sehr hatte sie sich über das Ergebnis gefreut und war kurzzeitig in Gedanken versunken.

Als Nastasia etwas später wieder in den Vorraum kam, musste sie gleich einer Kommilitonin, es war Clara, den Auftrag erteilen, nun bitte in den Hörsaal zu gehen. Ihre Vorträge hatten alle Diplomanden schon gehalten, so dass gegenwärtig nur noch die mündlichen Prüfungen der Diplomandinnen Clara und Silvia erfolgen mussten.

Als Nastasia etwas später auf ihre Freundin zuging, sah man dieser die große Erwartungshaltung an.

»Was ist denn? Nun sag doch schon, wie war es?«

»Ach, es ging so, gleichwohl ich bin zufrieden«, wollte Nastasia buchstäblich die Spannung aufrechterhalten. Natürlich nur für Micaela, denn sie selbst war schon wieder ziemlich ruhig, zudem sehr glücklich und irgendwie gelöst. Nastasia versuchte nun, indem sie Micaela anlächelte, recht lässig auszusehen, vielleicht sogar gelangweilt.

»Was, es ging so? Willst du damit andeuten, es war nicht besonders gut? Was sind das denn hier für Professoren? Haben die nicht bemerkt, wie vorzüglich du dich präsentiert hast? Von deiner Diplomarbeit will ich jetzt mal überhaupt nicht reden.«

Nun wollte Nastasia es wahrlich nicht auf die Spitze treiben. Nachher sagt Micaela noch etwas Unbedachtes, das dann zufällig ein Hochschullehrer mitbekommt. Das wäre nicht unbedingt vorteilhaft.

»Nein, es war ein Scherz. Ich habe mit Auszeichnung bestanden.«

»Wirklich? Oh, da freue ich mich total. Komm in meine Arme, das müssen wir feiern!«

»Ja, das werden wir. Lass uns gleich in ein Restaurant gehen und dort ein paar gemütliche und entspannte Stunden erleben, die benötige ich ganz dringend.«

»Oh ja, lass es uns so machen.«

»Aber vorher gibt es hier gleich eine kleine Abschlussfeier, den obligatorischen Sektumtrunk. Allerdings kennst du das ja Micaela, bei dir ist es doch erst ein Jahr her.«

»Das stimmt! Soweit kann ich noch gerade zurückdenken.«

»Du!« Nun schauten sich beide ernsthaft in die Augen und fingen sofort an zu lachen, bevor sie sich umarmten.

Als sie sich wieder voneinander lösten, kam bei Nastasia ein bisschen Wehmut auf.

»Es ist irgendwie schade, dass weder Daniel noch Christopher und auch von meiner Familie heute keiner Zeit hat.«

»Ja, der Termin war unglücklich für sie. Das ist wirklich sehr schade, dass sie nicht dabei sein können.«

»Tja, aber so ist es nun einmal. Das tut sicher allen sehr leid, von meinem Bruder und Christopher weiß ich es aus erster Hand. Beide wären gerade jetzt gerne bei uns. Doch bestimmt auch Daniel, da bin ich mir eigentlich sicher.«

»Davon kannst du mit Sicherheit ausgehen! Daniel war richtig geknickt, als ich ihm deinen Prüfungstermin mitgeteilt hatte und er mit einem Blick auf seinen Kalender feststellen musste, dass er heute einen dienstlichen Termin wahrzunehmen hat und den auf keinen Fall versäumen durfte.«

»Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Es ist einfach blöd, dass sie jetzt nicht hier sein können. Der Termin um zwölf Uhr dreißig ist leider auch ungünstig, aber ich konnte mir den ja nicht aussuchen. Dann machen wir beide uns das nachher gemütlich.«

»Ja Nastasia, auf jeden Fall.«

»Oh sieh mal, da kommt Clara«, bemerkte daraufhin Nastasia aufgeregt, als eine Kommilitonin auf sie zukam.

Tatsächlich, nun kam die nächste Diplomandin, eigentlich auch zufrieden dreinschauend, aus dem Hörsaal. Währenddessen eine weitere Diplomandin, es war Silvia, hineinging, teilte Clara den beiden anderen mit, dass sie mit >sehr gut< abgeschnitten habe. Sie freute sich über ihre Benotung, das konnte man ihr deutlich anmerken.

Nachdem Nastasia sowie Micaela nun Clara beglückwünscht hatten und diese außerdem noch kurz bei ihren Angehörigen war, machten es sich die drei Frauen anschließend in Sichtweite des Hörsaals, hier waren einige Tische und Stühle platziert, bequem und warteten dort auf den dritten Prüfling des heutigen Tages, auf Silvia.

Als Silvia nach gut einer halben Stunde wieder aus dem Hörsaal kam, war sie nicht annähernd so stürmisch wie vor ihr Clara und blickte auch keineswegs fröhlich drein. Der Grund war schnell ausgemacht. Sie hatte nur, wenn das Wort >nur< hier überhaupt die richtige Bezeichnung war, mit der Gesamtnote >gut< abgeschnitten.

Nachdem Silvia von Nastasia und Clara getröstet wurde, aber auch Micaela und ihre Freunde sprachen ihr aufmunternd Trost zu, obwohl es bei dieser Gesamtnote dazu eigentlich keinen Grund gab, ging es wieder mit ihrer Laune bergauf.

Danach gingen alle drei Diplomandinnen, einschließlich Micaela sowie die anwesenden Freunde und Verwandte von Silvia und Clara, die sich während der Prüfung noch etwas abseits vom Hörsaal aufgehalten hatten, in ein Vorzimmer des Dekanats. Dort hatte die Sekretärin des Dekans schon Sektflaschen und Gläser bereitgestellt.

Der Fachbereich spendierte ein paar belegte Brötchen und dann wurde in einer zweifelsohne ziemlich heiteren und gelösten Runde viel geredet und geflachst, nachdem kurze Zeit später die Prüfer, größtenteils Professoren aus dem Fachbereich Psychologie, in dem Raum eintrafen. Fachsimpeln gehörte in dieser Runde selbstverständlich dazu.

Die Freunde und Verwandte von Clara und Silvia, die den großen Tag der beiden miterleben wollten, hatten da schon so manchmal etwas gedanklich abwesend oder staunend, wie auch immer, daneben gestanden.

Nach etwa einer Stunde löste sich die Gesellschaft langsam auf. Nastasia und Micaela gingen nun, nachdem sie sich von allen Anwesenden verabschiedet hatten, insbesondere natürlich von den Prüfern sowie von Silvia und Clara, zu dem Parkhaus, in dem ihre Autos standen.

Normalerweise benutzt Nastasia öffentliche Verkehrsmittel, um von dem Studentenwohnheim in der Nähe des Klinikums Essen, indem sie zurzeit noch wohnte, zur Universität zu gelangen. Heute aber ausnahmsweise nicht. Nastasia wusste morgens noch nicht genau, wo sie nach der Prüfung mit Micaela hinfahren würde und so ist sie mit dem Auto zur Universität gefahren. Die bevorstehende Prüfung hat zu dieser Entscheidung sicherlich ebenso beigetragen, denn eine lange Busfahrt hätte sie heute Morgen nur äußerst ungern in Kauf genommen.

Sie ließen das Auto von Micaela in dem Parkhaus an der Uni stehen und fuhren mit Nastasias Auto nach Essen-Rüttenscheid. In Essen ist die Parkplatzsuche nicht gerade einfach und erst recht nicht, wenn sich in der Nähe des auserkorenen Zieles kein großer Parkplatz befindet. Die Parkplatzsuche gestaltete sich demnach wie erwartet recht kompliziert, aber letztlich fanden sie doch eine Lücke für Nastasias kleines Auto und begaben sich kurz darauf in eine ihnen bekannte Pizzeria.

Sie hatten Glück, denn sie konnten an einem Tisch für zwei Personen Platz nehmen. Um die Mittagszeit ist es hier nicht ganz so überfüllt, abends wäre es weitaus schwieriger gewesen, einen freien Tisch vorzufinden.

Es kam sofort ein Ober zu ihnen an den Tisch und nahm ihre Bestellungen auf. Gut, das war schnell geklärt. Beide konnten der Bedienung ihre Wunschpizza mitteilen, ohne vorher noch einmal in die Speisekarte zu schauen. Dazu bestellten sich Nastasia und Micaela jeweils ein alkoholfreies Getränk.

Direkt nachdem der Ober ihren Tisch verlassen hatte, konnte Micaela ihre Neugier nicht mehr zurückzuhalten und sprach Nastasia an.

»Ich habe den Eindruck, dass du jetzt sehr entspannt und gelöst bist, zumindest wirkst du auf mich so.«

»Ja, das hast du gut erkannt. Ich fühle mich momentan wirklich total entspannt, allerdings etwas müde. Wahrscheinlich so, wie sich ein Sportler nach einem gelungenen Wettkampf fühlt. Müde, aber glücklich und zufrieden.«

»Das verstehe ich. Da fällt einem irgendwie eine Last von den Schultern und man hat das Gefühl, dass man zehn Kilogramm leichter geworden ist, aber auch ausgepowert.«

»Das stimmt. Obwohl ich wusste, dass mir die Diplomarbeit hervorragend gelungen war, so war ich doch vor dem Vortrag und der anschließenden Prüfung sehr angespannt. Das ist in der Tat nicht ganz unbegründet, wie ich es in der letzten Woche bei einer Kommilitonin, es war Ute, mitbekommen habe. Sie hatte mit >sehr gut< ihre Arbeit abgeschlossen, aber letztlich bei der Prüfung und schon bei dem Vortrag voll danebengegriffen.

Sie war dazu dermaßen nervös, sodass sie kaum einen Satz folgerichtig ausformulieren konnte. Ich spreche jetzt von dem Vortrag, dem konnte ich ja noch beiwohnen. Über den Ablauf ihrer Prüfung hatte sie uns hinterher berichtet. Ich denke, alles lässt sich auf ihre sehr große Nervosität zurückführen.«

»Und was bekam sie für eine Gesamtnote?«

»Sie hat mit >befriedigend< abgeschlossen, das ist aber nicht besonders günstig für eine Bewerbung. Zudem haben ihr die Prüfer hinterher gesagt, dass sie froh sein kann, dass sie die mündliche Prüfung noch so gerade akzeptieren konnten.

Sie haben Ute bei der Notenvergabe noch zu verstehen gegeben, dass im Prüferteam gehörige Zweifel bezüglich ihrer selbstständig verfassten Diplomarbeit artikuliert worden sind. Einige Prüfer konnten aufgrund ihres Auftretens bei dem Vortrag und der Prüfung nicht so recht glauben, dass sie die Arbeit allein verfasst hat. Insbesondere, weil ihr viele der in der Arbeit beschriebenen grundlegenden Kenntnisse überhaupt nicht geläufig wären. Das war schon kaum zu verkraften für Ute.«

»Oh die Ärmste, dann hatte sie ja noch Glück im Unglück.«

»Genau, aber lass uns von etwas anderem reden. Das trübt jetzt doch meine Stimmung.«

»Gut, du hast recht.«

Folglich unterhielten sich Nastasia und Micaela, während sie genüsslich ihre Pizzen aßen, ausschließlich über Privates. Insbesondere war jetzt die Tochter von Micaela, Mona, im Fokus der Unterhaltung. Mona wurde heute Morgen von Daniels Eltern versorgt, da dieser ja betrieblich unabkömmlich war.

Nachdem sie bereits zwei Stunden in der Pizzeria saßen, es war mittlerweile kurz vor fünfzehn Uhr, wollten sie diese nun verlassen. Da fiel Micaela etwas ein, was sie noch unbedingt wissen wollte.

»Nastasia, wie gehst du denn bei der Stellensuche vor? Beschränkst du dich auf die nähere Umgebung oder lässt du das offen?«

»Ich würde es gerne auf die nähere Umgebung beschränken, damit ich Kontakt zu meiner Familie und zu meinen Freunden und Bekannten, insbesondere natürlich zu dir, halten kann. Aber ich glaube, das wird nicht funktionieren, leider. Ich muss mich in ganz Deutschland bewerben und selbst dann weiß ich immer noch nicht, wann und ob ich überhaupt eine Arbeit bekommen werde.«

»Du hast recht, anders kannst du gar nicht vorgehen. Da wünsche ich dir alles Gute, vielleicht bekommst du ja doch in der Nähe eine passende Arbeit. Ich würde eigentlich auch ganz gerne wieder arbeiten. Aber das werde ich erst machen, wenn Mona alt genug ist. Im Moment wäre das nur auf Kosten unserer Tochter zu bewerkstelligen, das wollen aber weder Daniel noch ich.«

»Da verstehe ich euch, ich würde genauso handeln. Ich muss jedoch meinen Lebensunterhalt allein finanzieren, daher benötige ich eine Arbeit. Aber ich finde es gut, dass du dich zurzeit besonders um Mona kümmerst.«

»Ja, das ist schon okay so. Wir beabsichtigen schon, wenn Mona drei Jahre alt ist, sie für ein paar Stunden in einer Kita unterzubringen. Insbesondere natürlich, um Mona den Kontakt zu anderen Kindern zu ermöglichen. Gleichzeitig werde ich mich dann um ein paar Stunden Arbeit bemühen.«

»Das passt doch prima. Mona ist in der Zeit versorgt, hat Kontakt zu anderen Kindern und du bist wieder in deinem Beruf tätig. Oh schau einmal, das Restaurant wird geschlossen. Ich glaube, nun müssen wir wirklich gehen.«

Da sie schon bezahlt hatten, verließen Nastasia und Micaela die Pizzeria und gingen zu Nastasias Auto. Nachdem diese Micaela noch zu ihrem Auto, das ja in dem Parkhaus an der Universität Essen stand, gebracht hatte, verabschiedeten sich beide voneinander und fuhren nach Hause.

Nastasia war noch nicht ganz in ihrem Zimmer, das sie zurzeit in dem Studentenwohnheim bewohnte, angekommen, da klingelte das Telefon.

»Nastasia Müller«, meldete sie sich sofort.

»Hallo Nastasia, hier ist Mama. Ich dachte eigentlich, du würdest mal anrufen und uns Bescheid geben, wie es heute gelaufen ist?«

»Mama, was soll das denn? Vertreibe hier nicht meine gute Stimmung. Ich habe vor genau einer Minute mein Zimmer betreten. Hättest du noch fünf Minuten gewartet, wäre mein Anruf erfolgt.«

Umgehend bekam die Laune von Nastasia einen Dämpfer, denn das mag sie gar nicht. Ständig das vorwurfsvolle Auftreten ihrer Mama, wie auch jetzt. Und das, obwohl sie in diesem Moment gar nicht wusste, warum Nastasia sich noch nicht gemeldet hatte.

»Entschuldige mein Schatz, das konnte ich wirklich nicht wissen. Ich habe …«

»Eben, du konntest das nicht wissen. Gewöhne dir bitte dieses vorwurfsvolle Auftreten ab.«

Nastasia war sich bewusst, dass sie dieses Verhalten ihrer Mama viel besser tolerieren könnte, wenn es seltener vorkommen würde. Da ihre Mama dieses Vorgehen indes permanent praktiziert, war sie sofort gereizt. Besonders, wenn ihre Mama sie wieder mit unberechtigten Vorwürfen konfrontierte, anstatt sich vorher erst einmal zu informieren.

Und jetzt, wo sie in prächtiger Stimmung war und immer noch ihre hervorragende Note im Hinterkopf hatte, empfand sie es als doppelt ärgerlich, auf diese Weise konfrontiert zu werden. Sie konnte sich dennoch sehr schnell wieder beruhigen und die Unterhaltung fortführen.

Bevor sie allerdings erneut etwas zu ihrer Mutter sagen konnte, kam diese ihr zuvor, wobei sie aber auf den Vorwurf ihrer Tochter überhaupt nicht mehr einging.

»Dann erzähl doch mal, wie war es denn?«

»Mama, das lief hervorragend. Dass es so fabelhaft funktionieren würde, damit hätte ich niemals gerechnet. Am Anfang des Vortrages war ich etwas nervös, aber je länger ich meine Ausführungen ohne Probleme darbringen konnte, umso ruhiger wurde ich.«

»Oh, das ist ja großartig! Konntest du denn die Fragen der Professoren alle beantworten?«

»Ja Mama, das lief alles wie am Schnürchen. Ich bin sehr happy. Aber nicht nur wegen der guten Note, sondern obendrein, weil ich jetzt alles hinter mir habe und mich nun um eine Anstellung bemühen kann.«

»Hast du denn schon deine Diplomurkunde ausgehändigt bekommen, damit du dich bewerben kannst?«

»Nein, die bekomme ich in den nächsten vierzehn Tagen zugeschickt. Ich habe eure Adresse angegeben, weil ich innerhalb von sechs Tagen aus dem Studentenheim ausziehen muss.«

»Gut, das passt dann auf jeden Fall. Aber sag mir einmal, kannst du dich denn schon ohne Zeugnis bei einer Arbeitsstelle bewerben?«

»Ja, das könnte ich, aber ich werde es trotzdem nicht machen. Ich warte noch, bis ich meine Zeugnisse und die Diplomurkunde habe. Außerdem muss ich erst einmal eine passende Arbeitsstelle finden und daraufhin die Bewerbungen schreiben. Nein, es passt schon so mit den vierzehn Tagen, das geht alles nahtlos ineinander über.«

»Prima. Aber jetzt sag doch mal, was hast du denn für eine Note bekommen?«

»Meine Note ist vergleichbar mit >summa cum laude< bei einer Promotion. Das finde ich wirklich sensationell, damit habe ich nicht gerechnet.«

»Hm, das sagt mir leider gar nichts. Kannst du das auch für einen Normalsterblichen ausdrücken. Also ich meine, kannst du mir eine vergleichbare Note angeben, so wie ich sie noch aus meiner Schulzeit kenne.«

»Natürlich Mama, entschuldige bitte. Ich habe mit Auszeichnung bestanden, eine bessere Note kann man nicht erreichen. Ein >sehr gut< mit Sternchen, sage ich es einmal so.«

»Oh, das ist fürwahr exzellent! Da freue ich mich aber. Kommst du denn am Wochenende vorbei?«

»Ja Mama, ich komme morgen. Jetzt muss ich mich ein bisschen ausruhen. Genauer gesagt, nachdem ich mich umgezogen habe. Ich sitze hier immer noch in meiner Festkleidung. Zum Umziehen bin ich ja noch nicht gekommen. Übrigens, das sollte kein Vorwurf sein. Ich denke, wir machen Schluss oder hast du noch etwas Wichtiges zu besprechen?«

»Nein, über alles andere können wir uns später unterhalten. Dann bis morgen.«

»Gut Mama, bis morgen.«

Nach dem Gespräch mit ihrer Mama tauschte Nastasia schnell ihre Festtagskleidung mit einem Freizeitanzug und legte sich anschließend auf ihr Bett. Sie hatte nun das Verlangen etwas abzuschalten. Allerdings nicht, bevor sie den Tag noch einmal Revue passieren ließ. Das konnte sie aber nicht lange aufrecht halten und schlief nach einigen Minuten ein. Zu ihrem Erstaunen wachte sie erst gegen einundzwanzig Uhr wieder auf. Sie schaltete ihren Laptop ein und setzte sich gemütlich aufs Bett. Ein bisschen im Internet herumstöbern, insbesondere den Arbeitsmarkt begutachten und nach einer passenden Arbeitsstelle Ausschau halten, das wollte sie noch tun.

In den nächsten Tagen oder vielleicht Wochen wird das ihre Hauptaufgabe sein. Sie fand aber auf die Schnelle nichts, was mit ihren Vorstellungen übereinstimmte und machte sich schließlich gegen zweiundzwanzig Uhr für die Nachtruhe zurecht.

Direkt nach dem Frühstück packte Nastasia am nächsten Morgen ihre Sachen und trug sie zu ihrem Auto. Sie war froh, dass sich in den letzten Jahren, abgesehen von ihrer Kleidung, nur Kleinigkeiten in ihrem Zimmer angesammelt hatten. Da die Zimmer in dem Studentenwohnheim vollmöbliert sind, wäre allerdings demzufolge gar nicht viel mehr möglich gewesen. Nachdem sie alles mühelos in ihrem Auto verstaut hatte, ging sie noch einmal ins Studentenwohnheim zurück. Sie wollte ihr Zimmer nicht ohne eine vorherige Grundreinigung übergeben. Als sie das mühevoll nach über zwei Stunden erledigt hatte, gab sie anschließend die Schlüssel von dem Zimmer, dem Briefkasten sowie von der Haustür des Studentenwohnheimes beim Hausmeister ab.

Nachdem sie alles erledigt hatte, verabschiedete sie sich noch von den Kommilitoninnen und Kommilitonen, die sich gerade im Wohnheim aufhielten und ging dann zu ihrem Auto und fuhr los.

Ein bisschen Wehmut kam nun doch bei ihr auf, als sie von dem Studentenwohnheim wegfuhr, in dem sie über vier Jahre gewohnt hatte. Sie wusste natürlich, dass das ein unwiderruflicher und auch notwendiger Schritt in ihrem Leben war. Während sie losfuhr, warf sie noch kurz einen Blick auf das Wohnheim, bevor sie sich dann notgedrungen auf den regen Verkehr konzentrierte.

Je länger sie unterwegs war, umso mehr freute sie sich auf die nächsten Herausforderungen. Insbesondere dachte sie da an eine Arbeitsstelle und an eine neue Wohnung. Da sie nicht wusste, wie schnell und vor allen Dingen, in welcher Stadt sie eine Arbeit bekommen wird, wollte sie zurzeit keine Wohnung mieten, sondern während ihrer Arbeitssuche bei ihren Eltern in Essen-Heisingen wohnen. Streng genommen hätte sie erst am Ende des Monats, also in fünf Tagen, das Studentenwohnheim verlassen müssen, aber es war ihr wichtiger dieses Wochenende mit der Familie zu verbringen. Danach noch einmal für drei Tage ins Wohnheim zurückzukehren, das ergab für Nastasia keinen Sinn.

Nach einer Dreiviertelstunde fuhr sie auf den Hof ihres Elternhauses in Essen-Heisingen. Es sah so aus, als hätten ihre Eltern schon auf sie gewartet, denn sie standen auf dem Rasen vor ihrem Haus und beobachteten die Straße. Als Nastasia ausgestiegen war, kamen Balduin und Carmen auf sie zu und umarmten ihre Tochter ganz herzlich.

»Hallo Mama, hallo Papa, wie geht es euch?«

»Uns geht es gut oder sage ich etwas falsches Carmen?«

»Ausnahmsweise nicht Balduin. Ist auch schön, dass du mal nett bist und meine Meinung berücksichtigst, das machst du ja sonst nie!«

»Hör mal, was soll denn das jetzt? Deine seltsamen Wahrnehmungen sind mir vollkommen unverständlich.«

»Bitte hört sofort auf! Ich darf gar nicht an die Streitigkeiten in der vorigen Woche denken. Ich dachte, ihr hättet mittlerweile diese Zankphase beendet und euch wieder beruhigt.«

»Leider nicht ganz, aber das kann ja noch kommen. Aber bitte lassen wir das jetzt Carmen. Ich denke, heute ist unsere Tochter im Mittelpunkt.«

»Da hast du ausnahmsweise einmal recht.« Dieses Mal ging Balduin nicht auf die Wortspiele seiner Frau ein und richtete die ganze Aufmerksamkeit auf seine Tochter.

»Schatz komm, lass dich noch einmal umarmen und zu deinem hervorragenden Abschluss beglückwünschen! Wirklich, das finde ich toll, was du da geschafft hast und ich habe mich auch sehr darüber gefreut.«

»Danke Papa, ich war natürlich auch sehr glücklich darüber. Mama hatte ich ja schon am Telefon kurz davon berichtet. Ich muss dazu feststellen, am meisten freut man sich, wenn man viel investiert hat und dann dermaßen belohnt wird.«

»Ja mein Schatz, das ist so!«

»Was haltet ihr davon, wenn wir hineingehen und Kaffee trinken. Bernhard und Gabriella kommen gleich mit den Kindern.«

»Oh, darauf freue ich mich. Na schön, gehen wir ins Haus.«

Kurz darauf saßen sie in der Essecke an dem großen Tisch, tranken schon einmal eine Tasse Kaffee und warteten auf Bernhard und Gabriella.

»Eines muss ich dich noch fragen, Nastasia. Du hast doch jetzt bestimmt große Chancen, eine führende Position in einer Firma einzunehmen?«

»Selbstverständlich Papa! Ich werde sofort eine leitende Position bekommen, darunter fange ich erst gar nicht an.«

Während Carmen und Nastasia nun herzhaft lachten, fand Balduin das gar nicht lustig. Balduin musste nun tief durchatmen, aber bevor er reagieren konnte, gab Carmen noch etwas zum Besten.

»Balduin, unsere Tochter wird sofort als Chef in einer großen Firma anfangen, das ist doch wohl mit diesem Abschluss selbstverständlich.«

»Carmen, ich bitte dich! So war es natürlich nicht gemeint. Aber mit diesem Abschluss, also mit einem Diplom, wird sie mutmaßlich wohl kaum zur Briefsortierung eingestellt werden oder meinst du doch?«

Carmen wollte gerade etwas erwidern, da griff Nastasia ein. Schließlich sollte gleich noch ein gemütliches Zusammensein stattfinden, aber wirklich gemütlich. Wenn sich jedoch ihre Eltern erst einmal verbal so richtig hochgeschaukelt haben, was ihnen auch überwiegend grandios gelingt, würde es wohl eher ungemütlich.

»Ihr beiden, jetzt hört sofort auf! Papa, prinzipiell hast du natürlich recht, aber auch mit einem Diplom fange ich nicht sofort in der Betriebshierarchie irgendwo weit oben an, da fehlt mir zumindest Berufspraxis. Ich bin im Prinzip aktuell nichts anderes als ein Lehrling auf hohem Niveau.

In vielen großen Betrieben muss man sogar zu Beginn der Tätigkeit ein spezielles, sogenanntes Ausbildungsjahr absolvieren. Manchmal sind es sogar zwei Jahre, in denen man durch alle Abteilungen, zumindest aber durch einige, geleitet und dort angelernt wird. Man muss zudem kleinere Aufgaben unter Anleitung durchführen und wird somit an die eigentliche Tätigkeit und an den zugedachten Aufgabenbereich herangeführt. Nur in kleineren Betrieben wird man sofort ins kalte Wasser geworfen.«

»So läuft das ab? Das hätte ich nie und nimmer gedacht.«

»Papa, deshalb hat man aus diesem Grund bei kleineren Betrieben oft ohne Betriebspraxis keine Chance auf eine Anstellung, auf jeden Fall nicht in den gehobenen Positionen.«

»Aber du hast doch einen tollen Abschluss. Hilft der dir nicht, eine Anstellung in einer gehobenen Position zu erlangen? Es wird doch bestimmt nicht jeder Absolvent so einen Abschluss hinbekommen?«

»Das stimmt Papa, aber ohne Praxis hilft er dir nicht weiter. Deshalb springe ich trotzdem nicht sofort in der Hierarchie nach oben. Ehrlich gesagt, das will ich gar nicht. Ich weiß selbstverständlich auch, dass sich Theorie und Praxis oft voneinander unterscheiden und daher möchte ich schon die Chance bekommen, mich intensiv einzuarbeiten und nicht sofort eine hohe Verantwortung tragen zu müssen. Dieser sehr gute Abschluss verbessert aber meine Chancen, überhaupt eingestellt zu werden. Das ist doch auch etwas.«

»Ja das stimmt. Du wirst schon etwas Passendes finden.«

Bevor sie weiterreden konnten, kamen plötzlich Bernhard, Nastasias Bruder, seine Frau Gabriella sowie ihre Kinder Lea und Dennis ins Wohnzimmer.

Nach einem vielzähligen »Hallo«, dazu noch die sehr herzlichen Glückwünsche für Nastasia zu ihrem hervorragenden Abschluss, saßen kurz darauf auch die Neuankömmlinge am Tisch und es wurde eine heitere Gesprächsrunde bei Kaffee und Kuchen.

Ab und zu wollten die Kinder auf ihre Kosten kommen, das heißt im Mittelpunkt stehen. Das erfreute auch die Erwachsenen. Die Zeit ging für alle viel zu schnell vorbei und scheinbar plötzlich war es achtzehn Uhr. Nun wollte Gabriella wieder nach Hause fahren, da die Kinder morgen in die Schule müssen. Lea ging in die zweite Klasse und Dennis war noch in der ersten Klasse unterwegs.

»Nastasia, halte uns doch bitte darüber auf dem Laufenden, wie es demnächst bei dir weitergeht! Insbesondere, wenn du eine Anstellung gefunden hast und weißt, wo du anfangen kannst. Wir helfen dir dann beim Umzug, falls es notwendig wird.«

»Das mache ich auf jeden Fall. Aber ich muss selbstverständlich eine unabdingbare Reihenfolge einhalten. Eine Wohnung kann ich erst suchen, wenn es feststeht, in welcher Stadt ich eine Arbeitsstelle bekomme. Sobald ich das weiß, melde ich mich spätestens bei euch. Daniel und Christopher werden bestimmt auch mithelfen und dann sind wir genügend Personen für meinen Umzug. Dieser wird natürlich auf jeden Fall notwendig, da ich zurzeit keine Wohnung habe. Aber zuerst muss ich mal eine Arbeit finden.«

»Das ist mir klar. Dann wünsche ich dir viel Glück bei deiner Stellensuche. Hoffentlich findest du eine Arbeitsstelle, die deinen Vorstellungen entspricht. Wir hören voneinander.«

»Ja, tschüss.«

Nachdem sich Bernard, Gabriella und die Kinder von Nastasia, Carmen und Balduin verabschiedet hatten, fuhr Bernard mit seiner Familie los.

In den nächsten Tagen war Nastasia nahezu ausschließlich damit beschäftigt, im Internet eine passende Arbeitsstelle zu finden. Sie fand auch einige geeignete Stellen, zumindest hielt sie die jeweiligen Stellenbeschreibungen für vielversprechend. Sie schrieb daraufhin ihre Bewerbungen, insgesamt waren es zwölf in Frage kommende Stellenangebote, und schickte die Bewerbungsschreiben per Post zu den jeweiligen Personalverwaltungen. Da traf es sich auch optimal, dass ihr mittlerweile alle Zeugnisse und ihre Diplomurkunde zur Verfügung standen.

Sie hob je nach Spezialisierung des Stellenangebotes bestimmte Kenntnisse, die sie sich während ihres Studiums angeeignet hatte, in den jeweiligen Anschreiben gezielt hervor und hoffte damit insbesondere die Personal- und Fachleiter direkt anzusprechen und bei ihnen Interesse zu erwecken. Dabei vergaß sie auch nicht auf die verschiedenen Praktika, die sie innerhalb ihrer Studienzeit absolviert hatte, hinzuweisen.

Während sie binnen einer Woche von jeder Firma eine Eingangsbestätigung erhalten hatte, dauerte es darüber hinaus nicht einmal zwei Wochen und sie bekam drei Termine für Vorstellungsgespräche.

Das erste Vorstellungsgespräch hatte Nastasia in Hamburg bei einer großen Firma, die im sozialen Bereich tätig war. Sie konnte hier einen guten Eindruck hinterlassen, ihre Zeugnisse waren ohnehin untadelig, sodass sie sofort einen Vertrag angeboten bekam. Im ersten Halbjahr sollte sie in einem Team an ihre spätere Tätigkeit herangeführt werden, dennoch schon bestimmte Aufgaben selbstständig bearbeiten. Danach war vorgesehen, dass sie die stellvertretende Leitung einer Arbeitsgruppe für mindestens ein weiteres halbes Jahr bekommt, bevor sie anschließend in leitender Stellung einen Bereich übernimmt. Da Nastasia nicht abgeneigt war die Stelle anzunehmen, wurde es im Laufe des Vorstellungsgespräches immer konkreter.

Nachdem die grundlegenden Angelegenheiten, auch die für Nastasia nicht unwichtige Probezeit, die ein Jahr betragen sollte, sowie die Arbeitszeiten geregelt waren, verließen die Damen und Herren von der Personalleitung und vom Betriebsrat das Besprechungszimmer und es verblieben außer Nastasia nur noch der zukünftige Fachbereichsleiter, Herr Dr. Ganz, in dem Raum.

»Frau Müller, sind Sie denn mit den formalen Dingen wirklich zufrieden? Es hilft uns nicht, wenn Sie genau genommen unzufrieden sind und sich nach kurzer Zeit wieder um eine andere Arbeitsstelle bemühen, weil Sie dort beispielsweise mehr Geld verdienen können. Das dient uns, glaube ich, beiden nicht.«

»Da kann ich Ihnen zusichern, dass ich vollends zufrieden bin. Ich weiß selbstverständlich, dass ich mich in die Praxis erst einarbeiten muss und da kann ich nicht gleich Unsummen erwarten. Das verstehe ich und stimme daher vollkommen mit Ihnen überein. Außerdem haben Sie mir in dem Vertrag, sollte ich die Probezeit bestehen, doch schon eine gehörige Lohnerhöhung zugesichert.«

»Das hört sich vielversprechend an, darauf können wir aufbauen. Ich kann Ihnen auch mitteilen, dass Ihre Einarbeitungsdauer, wie wir sie zurzeit noch vorgesehen haben, nicht unumstößlich ist. Wenn wir beide der Meinung sind, dass innerhalb einer vorgesehenen Einarbeitungsphase in einem der angedachten Bereiche die ursächlich vorgesehene Dauer der Einarbeitungszeit bei Ihnen nicht erforderlich ist, gehen wir sofort einen Schritt weiter und fangen mit dem nächsten Bereich an, in den Sie sich noch einarbeiten sollten.«

»Das hört sich sehr gut an. Ich bin sogar froh, dass Sie mir eine Einarbeitungsphase zugestehen und ich so quasi eine praktische Zusatzausbildung, das ist es zweifelsohne, erfahren darf. In der Autoindustrie beispielsweise wird das bei Hochschulabsolventen ohne praktische Erfahrung genauso durchgeführt und wird dort als Traineeprogramm bezeichnet. Schließlich komme ich direkt von der Universität in die Praxis und das ist hier meine erste Arbeitsstelle.«

»Ich muss Ihnen kundtun Frau Müller, Ihre Ansichten hören sich für mich sehr gut an, allerdings haben Sie das auch schon bei dem Vorstellungsgespräch deutlich gemacht. Ich glaube, wir werden uns gut verstehen und ich bin auch davon überzeugt, dass Sie hier in unserer Firma gut einschlagen werden.«

»Oh, vielen Dank für Ihr Vertrauen, ich werde uns bestimmt nicht enttäuschen. Natürlich habe auch ich an mich gewisse Erwartungen.«

»Davon bin ich überzeugt. In Ordnung, wir sollten das Gespräch jetzt beenden, Sie fangen dann übernächste Woche Montag bei uns an.«

»Ach, noch etwas! Ich darf doch wohl davon ausgehen, dass Sie so schnell keine Bleibe in Hamburg bekommen werden oder haben Sie hier Verwandte oder Bekannte wohnen, bei denen Sie unterkommen können. Das heißt, bis Sie eine Wohnung gefunden haben?«

»Leider nein. Ich denke ebenfalls, dass die Wohnungssuche nicht so einfach wird. Ich muss zunächst in einer preiswerten Pension unterkommen, am besten etwas außerhalb von Hamburg.«

»Den Vorgang der Wohnungssuche können wir vielleicht beschleunigen. Unsere Firma hat gute Kontakte zu einigen Wohnungsbaugesellschaften und aufgrund unserer Betreuungsangebote auch einen sehr guten Kontakt zu verschiedenen Wohnungsverwaltungen. Bei einigen Wohnungen haben wir sogar Erstverfügungsrecht. Ich schreibe Ihnen einmal die Kontaktadresse unserer Koordinierungsstelle auf. Genauer gesagt die Telefonnummer der Dame, die alles koordiniert. Mit ihr könnten Sie sich zeitnah in Verbindung setzen. Vielleicht haben Sie Glück und es ist gerade eine Wohnung Ihren Anforderungen entsprechend frei.«

»Oh, das wäre schön, wenn es recht schnell gehen würde.«

»Ich werde auf jeden Fall die Dame, es ist Frau Konzei, anrufen und mit ihr sprechen. Vielleicht gewinnen wir dadurch noch ein paar weitere Prozentpunkte in der Wahrscheinlichkeit, dass wir Ihnen eine Wohnung vermitteln können. Versprechen kann ich natürlich nichts. Ich werde heute noch mit ihr telefonieren und Ihre Telefonnummer angeben. Falls sie eine geeignete Wohnung zur freien Verfügung hat, ich denke schon, dass Sie mit zweieinhalb bis dreieinhalb Zimmern zurechtkommen, kann Frau Konzei Sie anrufen. Was halten Sie davon?«

»Das wäre sehr nett und mit der Wohnungsgröße haben Sie recht, das ist für mich vollkommen ausreichend.«

»Gut, dann würde ich sagen, bis übernächste Woche. Ach so, Sie bekommen von uns in den nächsten Tagen einen unterschriebenen Vertrag zugeschickt. Bitte senden Sie uns ein Exemplar des Vertrages von Ihnen unterschrieben unverzüglich zurück. Den benötigt unsere Personalabteilung, bevor sie weitere Schritte einleiten kann, beispielsweise die Entgeltmodalitäten.«

»Ja, das mache ich. Dann bis übernächste Woche und noch einmal herzlichen Dank für Ihre Bemühungen, danke.«

Dann gaben sich Nastasia und Herr Dr. Ganz die Hand und verabschiedeten sich.

Völlig glücklich und zufrieden ging Nastasia zu ihrem Auto und fuhr los. Sie kam nun leider in einen dichten Berufsverkehr und benötigte fünf Stunden für die Fahrt nach Essen. Aufgrund des glücklichen Umstandes, dass sie wider Erwarten schon eine Arbeitsstelle gefunden hatte, konnte sie diese Belastung gut verkraften. Obwohl sie sich auch eingestehen musste, gehofft hatte sie schon, die Stelle zu bekommen. Dass es nun tatsächlich auf Anhieb geklappt hat, machte sie sehr relaxt. Es war mittlerweile schon sechzehn Uhr dreißig, als sie auf das Grundstück ihrer Eltern fuhr. Sie wollte gerade aus dem Auto aussteigen, da klingelte ihr Handy.

»Nastasia Müller.«

»Hallo Frau Müller, hier ist Annemarie Konzei.«

»Hallo Frau Konzei.«

»Frau Müller, ich habe soeben mit Herrn Dr. Ganz gesprochen. Er hat mir von Ihren Wohnungsvorstellungen berichtet und ich möge bitte etwas für Sie diesbezüglich tun.«

»Ja, das hatte Herr Dr. Ganz mir im Gespräch angedeutet.«

»Nun, da haben Sie aber großes Glück. Ich hätte nämlich eine Dreizimmerwohnung für Sie, da könnten Sie sofort einziehen. Eine Mitarbeiterin hat geheiratet und ihr wurde die Wohnung zu klein. Die Wohnung hat zusätzlich einen Balkon und kostet neunhundertfünfzig EURO warm. Geht das für Sie?«

»Das ist ja sehr erfreulich. Es ist nicht billig, aber das ich kann mir noch leisten. Ich weiß natürlich, dass die Wohnungen in Hamburg nicht am unteren Ende der Preisskala liegen.«

»Da haben Sie leider recht. Na prima, also reserviere ich die Wohnung für Sie und lasse mir Anfang nächster Woche die Schlüssel geben. Wenn Sie nach Hamburg kommen, müssten Sie diese bei mir abholen. Bezüglich der Vertragsmodalitäten werde ich mich mit der Wohnungsgesellschaft sofort in Verbindung setzen. Wie gefällt Ihnen das?«

»Das wäre sehr gut. Ich kann es noch gar nicht fassen, wie viel Glück ich in der letzten Zeit habe. Zuerst habe ich sofort die erste Stelle bekommen, auf die ich mich beworben hatte, das war schon der helle Wahnsinn, und nun bekomme ich fast zeitgleich in Hamburg eine Wohnung angeboten, was nicht minder sensationell ist. Vielen Dank für Ihre Bemühungen, ich würde gerne Dienstagmorgen vorbeikommen. Wäre Ihnen das recht?«

»Selbstverständlich, ich erwarte Sie. Ich muss Ihnen aber noch etwas mitteilen, und das betrifft die Dauer Ihres Mietvertrages. Während der Probezeit gilt der Vertrag zunächst für ein halbes Jahr und wird anschließend um ein weiteres Jahr verlängert. Sind Sie bei Ablauf dieses Zeitraumes noch in der Firma beschäftigt, verlängert sich der Vertrag automatisch um ein weiteres Jahr. Es sei denn, Sie kündigen vorher die Wohnung. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja natürlich, das ist in Ordnung. Ich sehe ein, dass Sie Ihre Wohnungen nicht mit Personen blockieren wollen, wenn diese nicht mehr bei Ihnen beschäftigt sind. Ich denke jetzt an die Wohnungen, worüber die Firma Verfügungsrechte besitzt.«

»Danke für Ihr Verständnis, dann bis Dienstagmorgen, tschüss.«

»Tschüss, bis Dienstagmorgen.«

Nastasia stieg aus dem Auto und ging langsam auf das Haus ihrer Eltern zu. Diese hatten ihre Tochter auf den Hof fahren sehen und standen schon eine geraume Weile vor ihrer Haustür.

»Hallo Nastasia, hast du gerade schon mit deinem neuen Arbeitgeber telefoniert?«, und dabei lächelte Balduin seine Tochter an und umarmte sie.

»Balduin, lass das! Sie wird doch wohl nicht schon nach dem ersten Gespräch sofort eingestellt worden sein. Dass du immer so provozieren musst.«

»Mama, was ist los mit dir? Wieso machst du Papa hier so an? Hör endlich damit auf. Du weißt doch gar nicht, ob er vielleicht richtig liegt mit seiner Vermutung. Außerdem war das ungeachtet dessen ganz freundlich gesagt, auf keinen Fall provozierend.«

»Dass du immer zu Papa halten musst, das finde ich nicht nett.«

»Mama, bitte nicht so! Wenn ich meine, dass jemand von euch ungerecht zu dem anderen ist, werde ich mich für denjenigen von euch einsetzen, der meiner Meinung nach ungerecht behandelt wurde.«

»Ist schon gut. Aber du hast doch bestimmt mit deiner Freundin oder mit deinem Freund gesprochen?«

»Schätzchen, gewiss mit Christopher oder nicht?«

»Papa, Christopher ist ein sehr guter Freund von mir. Ich mag ihn sehr, aber wir sind kein Paar, was du vielleicht gerne sehen würdest. Also kein Liebespaar. Ich habe in der Hinsicht keinen Partner, glaubt mir das endlich.«

»Ehrlich nicht? Da war ich ausnahmsweise einmal mit deinem Papa einer Meinung!«

»Mama, versuche nicht immer, mich in etwas hineinzudrängen, das es im Moment nicht gibt. Übrigens, was haltet ihr davon, wenn ihr mich mal danach fragt, wie es in Hamburg gewesen ist, anstatt hier wieder euren Kleinkrieg zu führen. Na, wie wäre das? Danach werde ich euch auch sagen, mit wem ich gerade telefoniert habe.«

»Entschuldige, du hast ja recht. Aber vielleicht können wir das im Haus besprechen? Ich glaube, dort ist es etwas gemütlicher als hier auf dem Hof zu stehen.«

»Ja Papa, das ist eine gute Idee. Lasst uns hineingehen!«

Im Wohnzimmer angekommen stellte Carmen einige Plätzchen auf den Tisch und Balduin ging währenddessen in die Küche und kochte Kaffee. Nastasia wollte sich erst einmal umziehen und etwas frisch machen. Eine Viertelstunde später saßen alle am Wohnzimmertisch, tranken Kaffee und dazu gab es Plätzchen. Jetzt konnte Carmen ihre Neugier aber nicht mehr zurückhalten.

»Nun sag doch schon, wie war es denn in Hamburg bei dem Gespräch?«

»Oh, das war ausgezeichnet, ich kann es immer noch nicht richtig glauben. Es war ein sehr gutes Gespräch mit dem Fachbereichsleiter und dem Leiter der Personalabteilung, das muss ich schon sagen. Ach ja, jemand vom Betriebsrat war außerdem noch dabei, aber die Dame hatte sich überhaupt nicht geäußert. Sie notierte sich ununterbrochen etwas, was auch immer.«

»Bist du denn fachlich ausgefragt beziehungsweise geprüft worden?«

»Überhaupt nicht Papa, es ging nur um Betreuungskonzepte im Allgemeinen. Das heißt, es ging insbesondere um meine Vorstellungen zu der Thematik und ansonsten wurde ich gefragt, welche Praktika ich während meines Studiums absolviert habe und was ich dabei im Einzelnen gemacht habe.«

»Wirklich? Oh, das wundert mich aber schon. Na ja, vielleicht wollten sie dich bei dem Gespräch einfach nur kennenlernen und das andere haben sie schon deinen Zeugnissen entnommen?«

»Das ist möglich Papa. Ich denke, das ist sogar wahrscheinlich.«

»Es ist ja alles schön und gut, aber mich interessiert insbesondere, ob die Firma dich eingestellt hat.«

»Du hast recht Mama, das ist das Entscheidende. Und ich darf euch verkünden, ich habe die Arbeit tatsächlich bekommen.«

»Oh, das ist fürwahr fabelhaft. Da freue ich mich aber für dich. Obwohl ich bemerken muss, dass ich nicht nur ein lachendes Auge habe. Nein, ich habe zudem ein weinendes Auge, wie man in solch einer Situation zu sagen pflegt.«

»Aber Balduin, wieso denn? Gönnst du deiner Tochter nicht, dass sie diese Arbeitsstelle bekommen hat? Also wirklich!«

»Ja weißt du Carmen, ich habe noch etwas anderes bemerkt, was mit dieser Arbeitsstelle zu tun hat und das macht mich schon traurig. Aber dir scheint es mitnichten etwas auszumachen, dass wir unsere Tochter demnächst nicht mehr oft sehen können.«

»Papa, jetzt fang du nicht auch noch so an wie Mama, bitte! Natürlich wird mich Mama auch vermissen.«

»Natürlich mein Schatz, daran habe ich überhaupt nicht gedacht, dass du dann überwiegend in Hamburg bist.«

»Tja, denken war noch nie deine große Stärke.«

»Papa, hörst du augenblicklich auf!«

»Das will ich dir aber auch raten, sonst ist hier gleich was los.«

»Schon gut, war doch nur eine flapsige Bemerkung, kann schon mal vorkommen. Was ich dich aber noch fragen wollte, wann fängst du denn in Hamburg an?«

»Ihr werdet es nicht glauben, aber ich fange schon übernächste Woche in der Firma an. Sensationell, oder nicht? Aber das ist noch nicht alles. Ich habe …«

»Wie bitte. Was kommt denn noch?«

»Mama, lass mich doch ausreden!«

»Das schafft Carmen nicht, die lässt mich auch nie ausreden.«

»Du, nun aber mal halblang. Reiß dich jetzt zusammen!«

»Ihr beiden, hört bitte auf, euch mit provokativen Äußerungen zu überbieten! Ich würde euch auch gerne noch eine weitere Neuigkeit erzählen. Natürlich nur, falls Interesse vorliegt?«

»Aber natürlich interessierst du uns, mich auf jeden Fall.«

»Mama, bitte! Gut, ich wollte euch noch mitteilen, dass ich auch sofort eine Wohnung bekommen habe, das heißt durch die Vermittlung meiner neuen Firma. Ich kann Dienstag in der Firma die Schlüssel von der Person abholen, die alles diesbezüglich koordiniert. Das war übrigens die Frau, mit der ich eben im Auto noch telefoniert hatte. Sie hatte mir die Neuigkeit sofort mitgeteilt.«

»Oh, das ist aber praktisch. Da ersparst du dir möglicherweise eine zeitaufwendige Wohnungssuche?«

»Papa, genauso ist es. Könntest du denn mit mir Dienstag nach Hamburg fahren und eventuell ein oder zwei Zimmer mit Raufasertapete tapezieren?«

»Natürlich helfen wir dir. Sollte dein Vater dazu keine Lust haben, tapezieren wir beide die Zimmer. So schwer wird das doch nicht sein.«

»Mama, gleich muss ich aber energisch werden. Außerdem, seit wann kannst du tapezieren? Wenn Papa keine Zeit hat, werde ich eine Firma beauftragen. Das ist doch wohl selbstverständlich!«

»Natürlich habe ich Zeit und außerdem würde ich alles für Nastasia machen. Du redest mal wieder Blödsinn Carmen!

Übrigens, warum sollte ich keine Lust haben, Nastasia zu helfen? Hör mal, willst du mich wieder provozieren? Ich glaube es nicht.«

Bevor ihre Mama darauf etwas erwidern konnte, angesetzt zum Sprechen hatte sie schon, meldete sich Nastasia zu Wort.

»So ihr beiden, das reicht für heute! Ich werde jetzt in mein Zimmer gehen und ein paar Anrufe tätigen, denn ich möchte Samstag in acht Tagen umziehen. Natürlich nur, wenn ihr nichts dagegen habt, Zeit und Lust wären allerdings auch vorteilhaft. Ich werde nun noch Bernhard, Daniel und Christopher fragen, ob sie an diesem Samstag ebenfalls Zeit haben.«

»Natürlich werden sie dich auch unterstützen.«

»Da bin ich ausnahmsweise mit dir einer Meinung.«

»Mama!«

Nastasia wollte die Auseinandersetzung nun auf ihre Art beenden und ging in ihr altes Kinderzimmer, in dem sie noch bis zum Umzug wohnen wird. Sie rief zuerst ihren Bruder an und erzählte ihm ohne Umschweife von ihrer Anstellung.

Bernhard war total überrascht, dass das erste Vorstellungsgespräch Nastasias sofort zu einer Anstellung geführt hatte, freute sich jedoch riesig. Bevor Nastasia nach gut zehn Minuten das Gespräch beendete, weil ihr Bruder gleich seine Frau und die Kinder von den Schwiegereltern abholen muss, fiel ihr noch etwas ein.

»Ach, was ich noch fragen wollte, jetzt hätte ich das doch fast vergessen. Hast du vielleicht nächsten Samstag Zeit mir beim Umzug zu helfen? Papa und Mama kommen ebenfalls mit. Mit den Eltern fahre ich auch schon am Dienstag nach Hamburg. Dann bekomme ich die Wohnungsschlüssel ausgehändigt und Papa tapeziert die Wohnung, falls es notwendig sein sollte. Für den Umzug werde ich noch Daniel und Christopher fragen, ob sie an diesem Tag Zeit haben.«

»Was, du hast schon eine neue Wohnung? Wie hast du denn das gemacht? Sensationell!«

»Ja, es ist wirklich sensationell. Eigentlich habe ich dazu nichts beigetragen. Das hat mein zukünftiger Chef eingefädelt und eine Mitarbeiterin der Firma hat das sofort mit einer Wohnungsbaugesellschaft klargemacht. Die Firma hat aus dienstlichen Gründen viel Kontakt zu Wohnungsbaugesellschaften beziehungsweise zu deren Hausverwaltungen.

Ich habe da sehr viel Glück gehabt, weil eine andere Mitarbeiterin aus der Firma soeben umgezogen ist und die Wohnung noch nicht wieder vermietet war. Daher konnte ich sofort vermittelt werden und schon heute Nachmittag hatte mich die besagte Mitarbeiterin angerufen und gefragt, ob ich die Wohnung haben möchte.«

»Und das wolltest du auch, wenn ich dich jetzt richtig interpretiere. Ist die Wohnung denn nach deinem Geschmack?«

»Eigentlich habe ich sie noch gar nicht gesehen, ich muss mich da ganz auf die Aussagen der Kollegin verlassen. Es ist eine Dreizimmerwohnung mit Balkon. Allerdings ist es in Hamburg wahnsinnig schwer eine Wohnung, insbesondere eine preiswerte Wohnung zu finden und deshalb habe ich sofort zugesagt. Wenn sie mir nicht gefällt, kann ich mich immer noch in Ruhe um eine andere Wohnung bemühen.«

»Da muss ich dir zustimmen und ich helfe dir natürlich beim Umzug.«

»Damit wir diese Frage klären können, habe ich dich eigentlich hauptsächlich angerufen. Wir wollen, wie ich schon erwähnte, den Umzug nächsten Samstag über die Bühne bringen und ich wollte dich fragen, ob du an diesem Tag nichts anderes geplant hast?«

»Nein! Natürlich habe ich Zeit und das mache ich doch gerne. Um wie viel Uhr soll es denn losgehen?«

»Wir wollten gegen sechs Uhr in der Früh starten. Ist dir das recht?«

»Kein Problem, ich bin um sechs Uhr bei euch.«

»Das freut mich. Ich würde mal sagen bis Samstag in einer Woche um sechs Uhr. Nun werde ich noch Daniel und Micaela sowie Christopher anrufen und nachfragen, ob sie auch mitmachen.«

»Schön, dann bis Samstag.«

»Ja tschüss, bis übernächsten Samstag.«

Nach dem Telefongespräch mit ihrem Bruder wählte sie sofort die Handynummer von Christopher.

»Hallo Süße, wie geht es dir?«

»Hallo du! Weißt du denn, wer ich bin?«

»Aber natürlich. Außerdem hätte ich dich spätestens an deiner Stimme erkannt. Allerdings habe ich deine Telefonnummer und dazu ein Bild von dir in meinem Handy gespeichert, sodass es nicht schwer ist, dich zu erkennen.«

»Ehrlich, ein Bild von mir?«

»Gewiss doch, ein bisschen mag ich dich schon!«

»Du! Pass auf, ärgere mich nicht! Da ist für heute mein Bedarf erfüllt, dafür haben schon meine Mama und mein Papa gesorgt.«

»Hahaha. Wirklich? Ich glaube, dann halte ich mich diesbezüglich lieber ein bisschen zurück. Jetzt erzähl doch mal, was du auf dem Herzen hast!«

»Das mache ich umgehend. Ich würde dich aber auch ohne besonderen Grund anrufen, einfach so.«

»Oh, darauf freue ich mich schon.«

»Na gut, dass ich mich um eine Stelle beworben habe, das weißt du bestimmt?«

Da ließ Christopher Nastasia aber nicht weiterreden und platzte sofort dazwischen.

»Nein, das wusste ich bis jetzt noch nicht. In dem Zusammenhang fällt mir im Moment etwas ein. Wie war es denn mit deiner Prüfung? Ich meine, wie hast du sie bestanden? Die Frage, ob du bestanden hast, kann ich mir doch fürwahr schenken.«

»Richtig. Das war vorauszusehen nach meinen vorherigen Noten. Ich habe mit Auszeichnung bestanden. Toll, nicht wahr?«

»Oh ja, da freue ich mich für dich. Das ist wirklich hervorragend, da gratuliere ich dir sehr herzlich.«

»Danke dir, aber es kommt noch besser. Ich hatte heute Morgen in Hamburg bei einer großen Firma ein Vorstellungsgespräch und kann übernächste Woche dort anfangen. Was sagst du dazu?«

»Nein, das kann ich aber kaum glauben. Da freue ich mich für dich noch einmal. Ich stelle allerdings gerade fest, dass ich dich dann unweigerlich noch seltener sehen werde als in der letzten Zeit. Das ist wiederum sehr schade für mich. Aber es ist natürlich wichtiger, dass du eine Arbeit bekommst und wenn möglich, sollte sie dir noch gefallen.«

»Das sehe ich genauso und ich kann dir auch mitteilen, sie gefällt mir tatsächlich. Na ja, soweit ich das zurzeit sagen kann, ich habe ja noch keinen Tag dort gearbeitet. Und was uns betrifft, da bin ich auch traurig, aber genauso wegen meiner Familie sowie Micaela und Daniel. Es war hier in der Nähe leider nichts für mich zu finden. Das ist schon ein Wermutstropfen. Aber von Hamburg nach Essen oder Dortmund ist es doch nicht so weit.«

»Das stimmt, dann schauen wir mal.«

»Ja, lassen wir es auf uns zukommen. Aber der Hauptgrund, weshalb ich anrufe, ist noch ein anderer. Ich habe auch sofort eine Wohnung bekommen und wollte dich fragen, ob du mir nächste Woche Samstag beim Umzug helfen kannst?«

»Oh, das ging wirklich flott. Natürlich helfe ich dir sehr gerne. Es spricht auch nichts dagegen, an dem Tag habe ich keinen Termin. Zumal es auch Wochenende ist. Das müsste dann grundsätzlich ein unaufschiebbarer dienstlicher Termin sein, ansonsten hast du natürlich Priorität.«

»Oh, das freut mich aber zu hören, im doppelten Sinne sogar. Kommst du dann am nächsten Samstag um sechs Uhr früh zu meinen Eltern? Daniel und mein Bruder werden auch da sein.«

»Das ist schön, dann sehe ich sie alle mal wieder. Selbstverständlich bin ich um sechs Uhr bei euch.«

»Da danke ich dir schon mal. Ich würde sagen, bis Samstag in einer Woche.«

»Ja, bis dahin. Mach es gut.«

Nach einer kurzen Pause rief Nastasia noch Micaela an, dieses Gespräch dauerte erfahrungsgemäß etwas länger. Daher hatte sie es auch als Letztes vorgesehen. Nachdem Micaela kurz mal Daniel fragte, ob er denn Samstag Zeit hätte Nastasia beim Umzug zu helfen, war er natürlich sofort bereit. Das Gespräch mit Micaela dauerte bis zum späten Abend, sodass Nastasia sich danach sofort ins Bett legte.

Das Wochenende verbrachte sie noch ziemlich entspannt bei ihren Eltern, bevor es dann etwas hektisch wurde. Schon am Montag suchte sie mit ihren Eltern mehrere Möbelgeschäfte auf. Dabei mussten es aber Geschäfte sein, die es den Kunden ermöglichen, die ausgesuchten Möbel sofort mitzunehmen. Da Nastasias Vater einen großen Kombi und dazu einen Anhänger besaß, war sie sich im Vorfeld sicher, dass es kein Problem darstellen wird, die ausgesuchten Möbel zu transportieren.

Tatsächlich konnten aber nicht alle Möbel, die Nastasia in einem der ausgewählten Möbelgeschäfte gekauft hatte, sofort in einem Schub mitgenommen werden, so groß war der Anhänger wiederum nicht. Sie vereinbarten daher mit einem Verkäufer des Möbelhauses für Mittwoch einen Termin, an dem sie die restlichen Möbel abholen wollten.

Dienstagmorgen, um sechs Uhr, fuhr Nastasia mit ihren Eltern nach Hamburg. Sie wollten schauen, welche Umzugsvorbereitungen erledigt werden müssen, bevor am Samstag der Umzug erfolgen kann. Außerdem musste Nastasia die Wohnungsschlüssel von Frau Konzei abholen. Vorsichtshalber hatten sie mehrere Pakete Raufasertapete, Kleister sowie einige Hilfswerkzeuge, die man zum Tapezieren benötigt, mitgenommen.

Die Fahrt nach Hamburg konnten sie zügig in dreieinhalb Stunden bewerkstelligen und holten dann zuerst die Wohnungsschlüssel von Frau Konzei. In Nastasias Wohnung angekommen sah diese sofort, dass tatsächlich zwei Zimmer tapeziert werden müssen, was aber ihr Vater in nicht einmal vier Stunden bewerkstelligen konnte. In der Zwischenzeit hatten Carmen und Nastasia, wenn sie mal gerade keine Handreichungen für Balduin beim Tapezieren ausführen mussten, die restliche Wohnung geputzt.

Balduin führte anschließend noch einige Reparaturen in dem sanitären Bereich durch und im weiteren Verlauf konnten sie ihre Arbeit beenden. Das heißt, nachdem Carmen und Nastasia obendrein alle Tapezierreste entfernt und die Zimmer gesäubert hatten, in denen Balduin neue Tapeten angebracht hatte.

Nastasia sah sich noch die Zimmer bezüglich notwendiger Lampen an, denn es waren in der Wohnung nur in der Küche und im Badezimmer welche angebracht. Sie versuchte nun, indem sie an ihre Möbel dachte, sich vorzustellen, welche Lampen in den jeweiligen Zimmern gut aussehen würden. In der kommenden Woche wollte sie dann nach geeigneten Lampen Ausschau halten.

Gegen fünfzehn Uhr hatten sie alles so weit vorbereitet, nun konnte der Umzug am Samstag erfolgen. Sie fuhren auch sofort los und waren sogar nach dreieinhalb Stunden Fahrtzeit in Essen angelangt. Anschließend ließ Nastasia den Tag einfach nur entspannt ausklingen, ohne noch irgendetwas zu unternehmen.

In den nächsten Tagen war sie hauptsächlich damit beschäftigt, ihre Sachen in Kartons zu packen sowie mit ihrem Vater die restlichen Möbel abzuholen. Das Geld für die Möbel hatten ihr die Eltern geliehen. Zum Glück war in ihrer neuen Wohnung eine Einbauküche integriert und daher musste sie nach einer Küche keine Ausschau halten. Das fand sie sehr vorteilhaft, besonders aus finanzieller Sicht. Abgesehen von der vielen Arbeit, die dadurch noch auf sie zugekommen wäre, wenn in der Wohnung zusätzlich eine neue Küche hätte eingebaut werden müssen.

Und dann war es so weit. Als Samstag um fünf Uhr dreißig ihr Wecker klingelte, sprang sie regelrecht aus dem Bett. Die hohe Anspannung, vielleicht auch die freudige Erwartung auf ihre neue Wohnung, ließ sie die üblichen Schwierigkeiten beim Aufstehen am heutigen Morgen vergessen. Sie war nun bereit, eine neue Lebensepisode zu beginnen.

Damit der Umzug reibungslos durchgeführt werden kann, hatte sie mit ihren Eltern schon einige Vorkehrungen getroffen. Da sie die Möbel mit PKWs und dem Anhänger von Nastasias Vater nicht mit einer Tour nach Hamburg transportieren können, hatte Balduin schon Freitagnachmittag einen Möbeltransporter mittlerer Größe für das Wochenende ausgeliehen. Leichtere Gegenstände sowie einige Kartons hatten Nastasia und ihre Eltern schon am Freitagabend in den Transportwagen gepackt, damit das Einladen am Samstagmorgen möglichst schnell vonstattengehen kann. Da diese Sachen aber in der Garage standen, somit auch keine Treppen zu überwinden waren, schafften sie alles noch so gerade.

Bei dem Transport der schweren Gegenstände wollten sie hingegen auf die Hilfe von Daniel, Christopher und Bernhard bauen.

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