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Mami, geh nie wieder fort

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1. KAPITEL

„Ihr Zwei-Uhr-Termin ist Klasse!“

Anne Baker schaute ihre Sekretärin verwundert an. „Klasse?“

„Ja.“ Heather lehnte sich gegen den Türrahmen. „Hoch gewachsen, dunkle Haare, braune Augen, in denen man versinkt, ehe man sich’s versieht …“, sagte sie träumerisch. Doch dann richtete sie sich auf. „Sie scheinen nicht besonders begeistert zu sein.“

„Es ist unwichtig für mich, wie er aussieht. Wichtig ist, dass er hier ist. Was soll ich nur mit ihm machen?“, fügte Anne müde hinzu.

„Was halten Sie von einem Gespräch?“ Heather grinste. „Sie haben Angst vor ihm, nicht wahr?“

Anne seufzte. „Schreckliche Angst.“

„Soll ich ihn wieder fortschicken?“

Anne wünschte, es wäre möglich. Nein, das stimmte nicht. Sie wollte ihn nicht fortschicken. Im Gegenteil, sie musste unbedingt mit Jake Masters sprechen. Dieser Mann hatte mit einem Telefonanruf und ein paar sorgfältig gewählten Worten ihr Leben auf den Kopf gestellt. Die letzten zwei Tage hatte sie nur über diesen Anruf nachgedacht. Und nun war Jake Masters hier und wartete darauf, sie zu sehen. Obwohl sie seit Langem gehofft hatte, dass sie zu den Masters einmal Kontakt würde aufnehmen können, um in irgendeiner Weise die Vergangenheit ungeschehen zu machen, ging es ihr nun viel zu schnell.

Sie warf einen Blick auf ihre goldene Armbanduhr. Sie hatte sie sich letzten Monat zum Geschenk gemacht. Zum einen, weil sie den wichtigen Vertrag mit dem Elektronikkonzern unter Dach und Fach gebracht, und zum anderen, weil sie Geburtstag gehabt hatte. Ihren einunddreißigsten. An jenem Tag hatte sie an vieles denken müssen, vor allem jedoch an ihren achtzehnten Geburtstag. Komisch, dass Jake Masters sich jetzt gemeldet hatte. Hatte sie eine Art Vorahnung gehabt? Sicher nicht. Sie dachte bei jedem Geburtstag daran.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ist er wirklich so beeindruckend?“

„Mehr als das. Groß, schlank und zum Anbeißen!“

„Sie sind eine lasterhafte Frau, Heather!“

„Das ist eine meiner besten Eigenschaften …“ Heather zwinkerte ihr zu. „Er marschiert auf und ab wie ein Löwe im Käfig. Soll ich ihn hereinschicken?“

Anne verspürte eine leichte Übelkeit. „Warten macht alles nur noch schlimmer.“ Sie holte tief Luft. „Also, dann! Bitten Sie Mr. Masters herein.“

Heather nickte und verließ den Raum. Anne setzte sich aufrecht hin und legte die Hände auf den Schreibtisch, um sich kurz zu sammeln. Als es an der Tür klopfte, erhob sie sich aus ihrem Sessel und zog sich die Kostümjacke zurecht.

„Kommen Sie herein, bitte.“

Heather stieß die Tür auf. „Mr. Masters, Miss Baker.“

Das Herz schlug Anne bereits heftig in der Brust, aber beim Anblick des breitschultrigen, dunkelhaarigen Mannes, der nun ihr Büro betrat, machte es förmlich einen Satz.

Die Aufregung, die in ihr aufschoss, hatte weniger mit dem Anlass seines Besuches zu tun, als vielmehr mit seiner Aufmachung: Lederstiefel, Jeans, ein weißes Hemd mit hochgerollten Ärmeln, schwarzer Stetson – den er allerdings abgenommen hatte, als er den Raum betrat. Jake Masters war ein Cowboy. Anne mied Cowboys unter allen Umständen – keine leichte Sache in Houston, Texas.

Eigentlich sollte es keine Rolle spielen, was er trägt, oder womit er sein Geld verdient, ermahnte sie sich dann. Aber musste er ausgerechnet ein Cowboy sein …?

„Darf ich Ihnen vielleicht einen Kaffee bringen, Mr. Masters?“, fragte Heather.

„Nicht für mich, danke.“ Seine Stimme klang dunkel und beherrscht und verriet nur durch einen leichten Akzent die texanische Herkunft ihres Besitzers.

Als Heather sie fragend anblickte, schüttelte Anne den Kopf, und gleich darauf schloss sich die schwere Eichentür hinter der Sekretärin.

Anne wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Besucher zu. Er betrachtete sie. Seine braunen Augen verrieten nichts. Kein Lächeln um den festen Mund. Breite Schultern, schmale Hüften. Jünger, als sie erwartet hatte. Mitte dreißig. Gut aussehend? Es spielte keine Rolle. Ihr Blick schweifte zu seinem Gesicht zurück, und sie sah, dass er sie ebenfalls musterte. Was sah er? Sie widerstand dem Bedürfnis, sich die Haare glatt zu streichen.

„Mr. Masters?“, fragte sie.

Er nickte. „Es freut mich, dass Sie Zeit für mich erübrigen konnten, Miss Baker.“ Erneut dieser kühle Blick. „Ich habe immer noch das Foto, das Sie uns gaben. Sie sehen jetzt anders aus.“

Anne errötete und wusste, ihre Wangen würden ihre Verlegenheit verraten. So senkte sie rasch den Kopf und deutete auf den Ledersessel vor ihrem Schreibtisch. „Es ist schon lange her.“

„Dreizehn Jahre.“ Er setzte sich und legte seinen Hut auf die Schreibtischkante. Sein Haar war kurz geschnitten, berührte kaum den Kragen seines Hemdes.

Anne setzte sich ebenfalls wieder. „Ich weiß, wie viel Zeit vergangen ist“, sagte sie dann. „Es handelt sich nicht um eine Angelegenheit, die ich vergessen könnte.“

Er kniff die Augen halb zusammen, und sein Mund wurde noch schmaler. „Ihr Wort muss mir genügen.“

Sie beugte sich vor. „Sie wissen nichts über mich oder die damaligen Umstände, Mr. Masters. Sie haben kein Recht, mich zu verurteilen. Wenn Sie deswegen gekommen sind …“

„Nein.“ Er fuhr mit Daumen und Zeigefinger über seinen Nasenrücken. „Wissen Sie, es war ein höllischer Sommer. Zuerst der Umzug und dann die ganze Sache mit Laurel.“

„Laurel?“ Ihre Stimme bebte, als sie den Namen aussprach.

„Ja, meine Tochter.“ Er ließ seine Hände auf die Armlehnen sinken.

Laurel. Anne hatte sich oft gefragt, wie sie ihr Kind wohl nennen würden. Nun wusste sie es. Laurel. Sie sah ein flachsblondes Baby in einem pinkfarbenen Strampler vor sich. Nein, das Bild stimmte nicht mehr. Dreizehn Jahre waren vergangen. „Es ist ein wunderschöner Name.“

„Meine Frau hat ihn ausgewählt.“

„Ist sie mit Ihnen gekommen?“

„Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Das tut mir leid. Aber ich meinte eigentlich … Ihre Tochter.“

Er bemerkte ihr kurzes Zögern. „Ich dachte, wir sollten zuerst einmal allein miteinander sprechen.“

Anne hatte bis zu diesem Augenblick nicht gewusst, wie sehr sie gehofft hatte, ihr Kind kennenzulernen. Die Chance war ihr nun genommen, und sie hätte vor Enttäuschung am liebsten geweint. Sie erhob sich, stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Houston breitete sich vor ihr aus. Die Doppelfenster hielten die Augusthitze fern, die über den Straßen waberte.

„Sie haben in dieser Sache den Vorteil auf Ihrer Seite, Mr. Masters.“

„Weshalb?“

„Ich weiß nicht, warum Sie hier sind oder was Sie von mir wollen. Als Sie anriefen, erklärte ich mich einverstanden, weil …“ Sie machte eine Pause. Das schmerzliche Gefühl verstärkte sich, und sie holte tief Luft. Sie musste diese Sache durchstehen. „Weil ich nicht Nein sagen konnte. Ich habe mich dreizehn Jahre lang gefragt, was wohl aus ihr geworden ist. Sie hätten jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen können. Warum ausgerechnet jetzt?“

„Sie wollte, dass ich mich mit Ihnen treffe.“

Der Schmerz schlug in Freude um. Ein Glücksgefühl überkam Anne, verjagte die Dunkelheit und die Furcht. Bis jetzt zurückgehaltene Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie stieß einen unterdrückten Laut aus und bedeckte den Mund mit der Hand. Vor ihren Augen verschwamm die Stadt, als sie sich an jenen Tag vor dreizehn Jahren erinnerte.

Es war auch Sommer gewesen, aber Juli statt August. Paradise war zu klein für ein eigenes Krankenhaus, also hatte ihre Mutter sie in das nächste, sechzig Kilometer entfernte Krankenhaus gefahren. An ihrem achtzehnten Geburtstag, umgeben von wildfremden Menschen, während die Mutter ihre Hand hielt, hatte sie ihre Tochter zur Welt gebracht. Sie erinnerte sich nur noch schwach an den Schmerz, obgleich der Geruch des Krankenhauses ihr für immer gegenwärtig sein würde – ebenso wie die kalten Blicke der Krankenschwester, die dem Arzt das Baby abnahm und nach draußen trug. Als sie dann später wiederkam, waren ihre Arme leer. Anne hatte weinend darum gebeten, ihre Tochter noch einmal zu sehen. Aber man hatte es ihr verweigert. „Wenn Sie es fortgeben, dürfen Sie es nicht sehen. Es ist gegen die Vorschriften.“

Sie hatte stundenlang gebettelt. Vergebens. Von der mitleidigeren Nachtschwester hatte sie dann erfahren, dass ihr Kind, ihre Tochter, bereits abgeholt worden war. Von den Adoptiveltern.

Anne wischte sich die Tränen ab. „Sie will mich sehen …“, flüsterte sie und vermochte ihr Glück kaum zu fassen.

„Ich halte das für einen Fehler.“

Sie fuhr herum. Während sie mit ihren Gedanken in der Vergangenheit gewesen war, musste er sich erhoben haben und zu ihr herübergekommen sein. Nun stand er dicht vor ihr. Kälte ging von ihm aus. Und Ärger.

„Warum?“, fragte sie und zwang sich, nicht zurückzuweichen.

„Laurel hat im Moment ein paar Probleme und …“

„Was ist es? Ist sie krank? Sagen Sie mir, was ich tun kann.“

„Es geht Sie nichts an.“

„Aber natürlich tut es das. Ich bin ihre …“

Er packte sie bei den Schultern. „Wagen Sie nicht, es auszusprechen. Sie sind nicht ihre Mutter!“

Sie wollte widersprechen, wusste aber, er hatte recht. Sie hatte den Anspruch auf diese Bezeichnung verwirkt, als sie ihr Kind fortgegeben hatte. Eine weitere Träne lief ihr übers Gesicht.

Sein Griff wurde kurz noch fester, dann gab er sie frei und fluchte leise. „Miss Baker …“

Sie wandte sich ab und tastete nach der Schachtel mit den Papiertüchern in der Schreibtischschublade. Dann sah sie ihn an.

Jake Masters sah ebenso verwirrt und durcheinander aus wie sie sich fühlte. „Ich brauche einen Drink.“

Anne wischte sich die Tränen ab. „Ich auch.“ Sie deutete auf den kleinen, im Bücherregal eingebauten Schrank. „Schenken Sie mir bitte auch ein Glas ein. Ich bin gleich zurück.“

Sie floh in das angrenzende Bad. Dort stützte sie sich am Waschbecken auf und atmete mehrmals tief durch. Ihr Körper schmerzte, als hätte man sie windelweich geprügelt. Ihre Augen brannten und ihre Hände zitterten. Und sie hatte geglaubt, auf dieses Treffen vorbereitet zu sein.

„Wie gut, dass er Laurel nicht mitgebracht hat“, murmelte sie, als sie die geröteten Augen, die verwischte Wimperntusche und die Spuren des Lippenstifts auf ihren Lippen sah. „Wenn sie mich so gesehen hätte, wäre sie vor Schrecken sehr wahrscheinlich wieder zurück nach …“

Sie brach mitten im Satz ab. Wohin? Sie wusste nicht, wo ihre Tochter wohnte. Wusste nicht, wo sie aufgewachsen war, wie sie aussah.

Sie schloss die Augen. Sie zu sehen, sie zu halten, nur ein einziges Mal. Ihr ins Gesicht zu sehen. Zu wissen, dass alles in Ordnung war …

Anne schluckte und drängte die erneut aufsteigenden Tränen zurück. Mit bebenden Händen machte sie sich daran, ihr Make-up auszubessern.

Jake starrte auf seinen Brandy, fluchte leise und stürzte ihn dann in einem Schluck herunter. Er brannte in der Kehle. Dann füllte er sich noch einmal ein, stellte das Glas aber auf den Couchtisch neben das, das er für Anne Baker gefüllt hatte. Er sah sich im Raum um. Die Einrichtung sprach deutlich von einer erfolgreichen Karriere.

Sie hatte einen langen Weg von dem winzigen Nest bis hierher zurückgelegt. Sehr wahrscheinlich hatte sie längst ihr kleines Missgeschick auf der Highschool vergessen. Sein Anruf musste sie durcheinandergebracht haben, deswegen eben diese tränenreiche Szene. Er schüttelte den Kopf. Wenn es nach ihm ginge, würde er auf der Stelle verschwinden und niemals wiederkommen. Sie verdiente es nicht, seine Tochter kennenzulernen. Aber Laurel ließ ihm keine Wahl.

Warum nur beharrt sie so eisern darauf, ihre leibliche Mutter kennenzulernen? fragte er sich zum hundertsten Mal. Sie ließ einfach nicht mit sich darüber reden. Natürlich war sie noch nicht erwachsen, aber immerhin war sie auch kein kleines Mädchen mehr. Beging er einen Fehler?

Rastlos wanderte er auf und ab. Sie war seine Tochter. Und Ellens. Aber Ellen war tot. Nun musste er allein entscheiden, was richtig war und Laurel beschützen. Besonders vor Anne Baker.

Die Tür öffnete sich und sie kam zurück. Abgesehen von der leichten Röte um ihre Augen, war ihr nichts mehr anzusehen.

„Wir müssen uns erst besser kennenlernen“, sagte sie und trat auf ihn zu. „Dass Laurel mich sehen möchte, muss auch für Sie ein Schock gewesen sein. Ich weiß, ich gehöre nicht in ihr Leben, aber Sie müssen mir glauben, ich will nur das Beste für sie. Lassen Sie uns einen neuen Anfang machen.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Jake starrte auf die schmalgliedrigen, schlanken Finger. Anne Baker reichte ihm kaum bis ans Kinn. Er wollte selbst diese kleine freundliche Geste nicht, sondern nur so rasch wie möglich von hier verschwinden.

Er zögerte lange genug, dass sie sich unwohlfühlen musste. Aber sie zog die Hand nicht zurück. Ihre hellblauen Augen wichen seinem Blick nicht aus.

Es war nicht Höflichkeit, die ihn schließlich doch ihre Hand ergreifen ließ. Es war die Erinnerung an Laurel, wie sie ihn anstarrte, verwirrt, verängstigt und verzweifelt auf der Suche nach etwas und nach jemandem, zu dem sie gehörte.

Als sich ihre Hände berührten, lief ihm ein Schauer über die Haut. Dieses Gefühl traf ihn so unerwartet, dass er ihr augenblicklich die Hand entzog und einen Schritt zurücktrat.

Anne Baker setzte sich auf die Ledercouch, und Jake ließ sich in einen der Sessel sinken und griff nach dem Brandy. Er starrte auf die hellbraune Flüssigkeit.

Deutlich hatte er die Anziehung gespürt. Schon als er den Raum betreten hatte. Und er kannte dieses heiß aufschießende Gefühl, das sich vom Bauch her in ihm ausbreitete. Ellen war nun zwei Jahre tot. In diesen beiden Jahren hatte er nicht ein einziges Mal sexuelles Verlangen empfunden, hatte niemals mit einer Frau …

Er blickte Anne Baker an. Sie saß an einem Ende des Sofas. Der helle Pfirsichton des Leders unterstrich ihre rötlichen Haare und ihren frischen Teint.

„Wie viel muss ich Ihnen zahlen, damit Laurel Sie sehen kann?“, fragte er abrupt.

Fassungslos sah sie ihn an. „Wie bitte?“ Ihr Blick verfinsterte sich. „Mr. Masters, Sie scheinen nicht zu wissen, was Sie sagen! Ich habe zugestimmt, mich mit Ihnen zu treffen, weil mir meine … Ihre Tochter am Herzen liegt, und ich verstehe absolut nicht, was Geld damit zu tun haben soll!“ Ihr voller Mund zitterte leicht. „Ich wollte sie nur sehen und mit ihr sprechen.“

„Erwarten Sie, dass ich das glaube?“

„Warum sollte ich lügen?“

„Das letzte Mal haben Sie das Geld nur zu gern genommen.“

Anne errötete. „Es war notwendig. Ich musste meinen Krankenhausaufenthalt bezahlen. Meine Mutter konnte sich keine Krankenversicherung leisten.“

Das arme Mädchen mit einer um die Existenz ringenden Mutter. Diese Lüge wollte er ihr nicht abkaufen. Tatsache war, sie hatte eine große Geldsumme angenommen. Er versuchte sich an den damaligen Bericht über Anne Baker zu erinnern. Darin hatte gestanden, dass der Vater des Kindes sie sitzen gelassen hatte. Wahrscheinlicher erschien ihm, dass sie sich von jemanden für eine Nacht hatte aufgabeln lassen und nicht Nein gesagt hatte.

Er beugte sich vor. „Damit wir uns richtig verstehen: Ich habe mit meinem Rechtsanwalt gesprochen. Sie können keinerlei Rechte weder mir noch meinem Kind gegenüber geltend machen.“

Sie griff nach ihrem Glas. Ihre Hand zitterte so sehr, als sie es hochnahm, dass der Brandy darin schwappte. Sie stellte es zurück und sah ihn mit einem schmerzerfüllten Ausdruck an. „Ich weiß.“

„Und?“

„Und was, Mr. Masters? Sie haben zu mir Kontakt aufgenommen, nicht umgekehrt.“ Anne strich sich ihren marineblauen Rock glatt und stellte dann ihre Finger gegeneinander, damit sie nicht mehr so zitterten. „Bislang aber waren Sie nur reichlich grob zu mir und haben mir unterstellt, ich wolle Geld von Ihnen. Gibt es sonst noch etwas, was Sie loswerden müssen, ehe Sie mir von Ihren Problemen mit Laurel erzählen, damit ich Ihnen vielleicht helfen kann?“

Er erhob sich wortlos und ging hinüber ans Fenster. „Ich sagte bereits, dass meine Frau vor zwei Jahren gestorben ist“, begann er dann.

Anne wartete darauf, dass er weitersprach.

„Laurel hat unter ihrem Tod sehr gelitten. Sie hatte immer ein besonders inniges Verhältnis zu ihrer Mutter. Laurel geriet in Kreise, die ich für schlechten Umgang hielt.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir sind vor Kurzem umgezogen. Es schien mir für uns beide die beste Lösung zu sein. Noch ist Laurel in unserem neuen Zuhause nicht heimisch geworden. Sie vermisst ihre Freunde. Ich bin sicher, dass sie deswegen in den letzten Monaten angefangen hat, von ihrer leiblichen Mutter zu sprechen. Sie möchte Sie kennenlernen.“

„So einfach ist das?“ Anne erhob sich und ging zu ihm. „Warum kann ich Ihnen das nicht abnehmen? Es sind dreizehn Jahre vergangen. Mit mir in Verbindung zu treten, ist offensichtlich das Letzte, was Sie wollen. Warum haben Sie ihrem Wunsch trotzdem zugestimmt?“

Er sah deutlich den Schmerz in ihren Augen, und er schien ihm echt zu sein. Da entschloss er sich, die Wahrheit zu sagen. „Ich bin mit Ellens Tod nicht besser fertiggeworden als Laurel“, sagte er rau. „Wir vermissen sie sehr. Ich dachte, ein Umzug würde es ein wenig leichter machen, ihren Tod zu ertragen, Laurel von diesen jungen Leuten fortbringen und uns beide einander wieder näher.“

„Aber das war nicht der Fall?“

„Nein. Es wurde sogar noch schlechter, falls das überhaupt möglich war. Sie wollte nicht fortziehen, und nun hasst sie ihr neues Zuhause. Vor ungefähr zwei Monaten gab es im Fernsehen eine Serie über adoptierte Kinder, die ihre leiblichen Mütter suchen und finden.“ Er schob beide Hände in die Hosentaschen und ging hinüber zum Bücherbord.

„Sie wusste also damals bereits davon?“

„Ja. Wir haben schon sehr früh damit begonnen, darüber zu sprechen. Auf jeden Fall begann sie nach dieser Serie davon zu reden, Sie finden zu wollen.“ Er studierte die Buchtitel, sah die Buchstaben, verstand aber nichts. Die Angst, Laurel zu verlieren, beherrschte sein ganzes Fühlen und Denken. Aber sie entglitt ihm immer mehr. Tag um Tag zog sie sich mehr von ihm zurück. Er ertrug kaum den Gedanken, sie irgendwann gar nicht mehr erreichen zu können.

„Sie scheint ein junger Mensch zu sein, der unbeirrbar seine Entscheidungen trifft“, erklang Annes Stimme hinter ihm.

Er drehte sich nicht herum. „Sie lief davon.“

Schweigen.

„Sie war eine Nacht verschwunden. Versteckte sich im Heuschober eines Nachbarn. Als wir sie fanden, begriff ich, sie meinte es ernst. Da setzte ich mich mit meinem Rechtsanwalt in Verbindung.“ Er strich über einen der Buchrücken. „Treffen Sie sich mit ihr. Einmal. Das ist alles, was sie will. Dann verschwinden wir wieder aus Ihrem Leben.“

„Ich werde alles tun, um zu helfen.“

„Wie wäre es mit einem Essen morgen Abend?“

„Wo …“ Sie räusperte sich. „Wo möchten Sie, dass wir uns treffen?“

Nicht in meinem Hotel, dachte Jake spontan.

„Wie wäre es bei mir zu Hause?“, schlug Anne vor.

Warum nicht? überlegte er. Zumindest würde ich dann sehen, wie sie lebt. Vielleicht gibt es ein paar Hinweise auf ihre Persönlichkeit. Obwohl Laurel behauptete, sie nur einmal sehen zu wollen, sah er die Sache realistischer. Er konnte nur hoffen, dass die beiden sich nicht gleich auf Anhieb mochten.

„Einverstanden.“

Sie schrieb ihm ihre Adresse auf ein Blatt Papier und gab es ihm. Sorgsam achtete er darauf, sie nicht zu berühren, als er es nahm. Aber sie ließ ihn nicht so leicht davonkommen, sondern legte ihm die Hand auf den nackten Unterarm. Er versuchte die Gefühle zu ignorieren, die diese zarte Berührung in ihm auslöste, trat einen Schritt zurück. Er wollte dies nicht, nicht von einer Frau wie dieser.

Ihre Blicke trafen sich, und auf einmal durchdrang nur noch ihr Atmen das Schweigen. Ihr Duft stieg ihm in die Nase. Er riss den Blick von ihr los und richtete ihn auf ihre rötlichen Haare. Er konnte die Sommersprossen auf Nase und Wangen sehen. Er mochte keine Sommersprossen. Hatte sie nie gemocht. Aber er konnte nicht den Gedanken unterdrücken, ob diese Sommersprossen nun an ihrem Kinn aufhörten oder sich tiefer hinabzogen …

Hastig zog er den Arm zurück. Hör auf! befahl er sich. Es liegt nicht an Anne Baker, sondern daran, dass sie eine Frau ist. Nach zwei Jahren Enthaltsamkeit war es kein Wunder, dass er so reagierte.

„Sieben Uhr?“

„Sieben Uhr.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Mr. Masters?“

Jake blieb stehen, die Hand auf der Türklinke.

„Haben Sie ein Bild von ihr?“

Eine einfache Frage. Zu verstehen. Aber irrationalerweise kehrte sein Ärger zurück. Er wollte nicht, dass sie wusste, wie Laurel aussah. Er wollte diesen Augenblick so lange wie möglich hinauszögern. Doch dann dachte er an seine Tochter und holte ein Foto von ihr aus der Brieftasche.

„Hier.“ Er wandte sich ihr halb zu und hielt es ihr hin.

Anne trat einen Schritt vor und nahm es. Nun kann ich gehen, solange sie es sich ansieht, dachte Jake. Ich sollte sie nicht in diesem intimen Augenblick beobachten. Aber er tat es trotzdem.

Er starrte auf ihre schmale Hand. Sie bebte leicht. Jake hob den Blick. Sie starrte auf das Foto. Ihr Mund zitterte kaum merklich, und sie biss sich auf die Unterlippe.

Eine Träne fiel auf das Foto. Vorsichtig wischte sie sie fort. „Sie ist sehr schön.“

„Ja.“

„Sie hat die Augen meiner Mutter.“

Diese simple Feststellung traf ihn wie ein Fausthieb. Er griff hastig nach seinem Stetson, stieß blind die Tür auf und stürzte hinaus. Er hörte Anne noch seinen Namen rufen, aber er blieb nicht stehen. Rannte vorbei an der Sekretärin, in den Eingangsbereich, zum Fahrstuhl. Als die Türen sich nicht sogleich öffneten, lief er die Treppe hinunter auf die Straße hinaus.

2. KAPITEL

„Wie sieht sie aus, Daddy?“ Laurel stolperte vor Aufregung fast über ihre eigenen Füße, als sie die Straße entlanggingen.

Jake schob ihr die Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Du musst zum Friseur.“

„Dad!“ Laurel schüttelte den Kopf. „Du weichst mir aus. Ist sie hübsch? Sieht sie aus wie ich?“

Jake schaute seiner Tochter ins Gesicht. Sie ging ihm inzwischen fast bis zur Schulter.

Sie hat die Augen meiner Mutter. Er dachte an Anne Bakers Worte. Seit er das Büro verlassen hatte, waren sie ihm immer und immer wieder durch den Kopf gegangen.

Er blieb stehen, hielt Laurel am Arm fest und hinderte sie am Weitergehen. Dann nahm er ihr Gesicht in beide Hände und betrachtete es. Studierte ihren vollen Mund und die Sommersprossen auf der Nase, ihr langes dunkles Haar. Am liebsten hätte er gelogen, aber es ging nicht.

„Ob du aussiehst wie sie? Ein klein wenig, denke ich“, sagte er. „Sie sagte, du hättest die Augen ihrer Mutter.“

„Du hast ihr ein Foto von mir gezeigt?“

Er nickte und hätte seine Worte gern wieder zurückgenommen.

Laurels Lächeln verblasste. „Habe ich ihr gefallen?“

„Das weiß ich nicht. Ich ging gleich nachdem ich ihr das Bild gegeben hatte.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und drückte sie an sich. „Sie wird gar nicht anders können, als dich zu mögen, Laurel.“

„Ehrlich?“ Mit ihren wundervollen Augen sah sie ihn an, und er musste daran denken, dass sie diese Augen von einer anderen Frau, einer anderen Familie hatte. Rasch verdrängte er diesen Gedanken.

„Ehrlich, Laurel.“ Noch einmal drückte er sie kurz, dann gab er sie frei.

Als sie das Hochhaus erreichten, reckte Laurel den Hals und sah nach oben. „In welchem Stockwerk sie wohl wohnt? Meinst du, sie kann uns sehen?“

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