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Mambés Heimat

I.

Nachdem Mambé zwanzig Jahre in Amerika verbracht hatte, kehrte er in seine Heimat zurück. Er kam, den Gepäckkuli anschiebend, aus der Flughafenhalle. Es war heiß. Mambé ging bis zum Taxistand und nahm seinen Aktenkoffer aus dem Gepäckkarren. Ein Taxifahrer trug den Reisekoffer in das Auto. Mambé setzte sich auf den Rücksitz und zog sich die Jacke aus.

»Fahren Sie mich zu einem Reisebüro, wo ich einen Reisebus nach Yaoundé nehmen kann«, sagte er, als der Taxifahrer ins Auto einstieg. Sie fuhren los.

»Warum wollten Sie nicht nach Yaoundé weiterfliegen? Dort gibt es auch einen Flughafen.«

»Das stimmt, aber der Preisunterschied ist schon beträchtlich. Ich werde eine Menge Geld sparen, wenn ich mit dem Bus fahre.«

»Gute Idee!«, meinte der Fahrer. Er hieß Kodi. Kaum hatte man den Flughafen verlassen, da konnte man schon Häuser sehen. Es waren lauter Holzhäuser. Der Flughafen lag mitten in der Stadt. Mambé fragte sich, wie die Leute, die so nah am Rollfeld wohnten, den tagtäglichen Fluglärm ertragen konnten. War es ihnen nicht möglich, den Wohnort zu wechseln? Weshalb konnte man diesen Flughafen nicht sperren und einen neuen in einem unbewohnten Gebiet außerhalb der Stadt bauen? In diesem Fall wäre es notwendig gewesen, einen Radius zu bestimmen, innerhalb dessen der Wohnungsbau verboten wäre.

»Wenn ich mal fragen darf, woher kommen Sie?«, sagte Kodi.

»Ich komme aus Amerika«, antwortete Mambé.

»Aus Amerika! Es lebt sich gut dort, nicht? Die Bilder sehen wir im Fernsehen und im Kino. Dort gibt es viel Geld! Hier dagegen nagen die meisten Menschen am Hungertuch. Unsere Währung ist abgewertet worden. Eigentlich ist es für Sie von Vorteil, wenn Sie Ihre Währung gegen die unsere wechseln. Denn ein 1 Dollar zum Beispiel kostet fast 515 Francs CFA! Bevor Sie nach Amerika zurückfliegen, werden Sie hier einen wunderbaren Urlaub machen.«

»Ich bin nicht hierher gekommen, um Urlaub zu machen, sondern um für immer zu bleiben«, sagte Mambé gelassen.

»Was? Für immer? Sie werden es bedauern, ja Sie werden es bedau…«, rief Kodi, der plötzlich seine Ausführungen unterbrechen musste, um das Auto von einem Schlagloch wegzusteuern, das auf der Fahrbahn war. Bei solchen Ausweichmanövern konnte ein Auto einen Fußgänger umfahren, denn viele Straßen hatten keinen Bürgersteig. Autos, Zweiräder und Fußgänger benutzten alle die Fahrbahn.

»Ich habe eben gesagt«, fuhr Kodi fort, »dass Sie Ihre Entscheidung bedauern werden. Die Regierung hat uns immer versprochen, dass wir bald das Licht am Ende des Tunnels sehen würden. Aber die Lage der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung wird immer schlimmer. Deshalb wandern viele Menschen in die westliche Welt aus. Die Mehrheit der Bevölkerung träumt nur davon. Ich würde auch nach Amerika emigrieren, wenn ich über die notwendigen Mittel verfügte, und zwar für immer, glauben Sie mir! Wenn Sie zumindest ein alter Mann wären, könnte ich Ihre Entscheidung noch verstehen … Wie gesagt, Sie werden sie eines Tages bedauern.«

»Es gibt zwei Kategorien von Menschen: diejenigen, die selbstsicher sind, und diejenigen, die zu Selbstzweifeln neigen. Ich gehöre zu den Ersteren. Meine Entscheidungen bedaure ich nie, zumal sie immer richtig sind. Nach zwanzig Jahren Aufenthalt in Amerika habe ich das Ziel erreicht, das ich mir gesetzt hatte. Wozu hätte ich dort weiterleben sollen?«

»Sie sagen schon interessante Dinge, aber ich bin nicht überzeugt. Sie sind zu optimistisch, verkennen die Lage, die hierzulande herrscht. Und das kann man jetzt verstehen, denn Sie haben sich mehrere Jahre im Ausland aufgehalten. Spätestens nach zehn Monaten werden Sie Ihren Fehler einsehen!«, sagte Kodi.

»Im Ausland kann man das große Geld machen, aber man fühlt sich dort trotzdem fremd. Geld allein macht nicht glücklich, und nichts kann die Heimat ersetzen«, entgegnete Mambé.

»Ah! Die Heimat! Ich denke, wenn man irgendwohin geht, wo es sich gut lebt, sollte man daraus seine Wahlheimat machen … Die Nomaden zum Beispiel, die Viehzüchter sind, haben ihre Heimat nur dort, wo sie Weide für ihre Herden finden, verstehen Sie?«

»Für mich hat die Heimat mit Herkunft zu tun. Es ist etwas, das einem fehlt, wenn man sich im Ausland befindet. Man ist heimwehkrank«, gab Mambé zur Antwort.

Kurz darauf befanden sie sich in einer Straße, in der es einen Verkehrsstau gab.

»Verdammt!«, rief Kodi aus und fuhr fort: »Der Stau ist eine der Plagen dieser Stadt. Man kann ihm nie entgehen!«

Die Motorrad-Taxis schlängelten sich mit ihren Fahrgästen zwischen den Autos hindurch. Einige Fahrer beschimpften sich gegenseitig. Es war ein kleiner Krieg. Der Ärger lag in der Luft und vermischte sich mit der Hitze und dem Benzingeruch. Mambé und sein Taxifahrer saßen darin fest wie in einer Falle.

»Mir ist heiß«, sagte Mambé.

»Sie haben Glück, dass Sie nach Yaoundé fahren. Dort ist es warm, relativ angenehm. Aber hier in Douala ist das Klima eher heiß. Wenn die Männer tagsüber zu Hause sind, tragen sie nur kurze Hosen. Sie laufen mit nacktem Oberkörper herum. Frauen haben nur ein Stück Stoff an, das oberhalb der Brüste befestigt ist und bis zu den Schenkeln reicht. Die Leute bleiben lieber vor ihren Häusern, denn darin ist es noch heißer. Und wenn es Nacht ist, gehen sie widerwillig ins Bett, als gingen sie in ein Gefängnis. Dann fangen sie an, mit blutrünstigen Moskitos zu kämpfen, die es ihnen zusätzlich zu der Hitze unmöglich machen zu schlafen. Der Kampf dauert die ganze Nacht. Gott weiß, woher die Leute die Kraft nehmen, um zur Arbeit zu gehen. Ein ungestörter Schlaf ist einer der größten Wünsche der Menschen in dieser Großstadt. Doch dieser Wunsch erfüllt sich nie.«

Die Autos bewegten sich nur ruckartig, als ob sie eine Panne hätten. So fuhren Mambé und Kodi weiter. Nach einer Kreuzung floss der Verkehr wieder. Sie fuhren noch eine Weile und bogen in eine Straße ein, die voller Schlaglöcher war. Der Asphalt war streckenweise gebrochen. Der Fahrer wurde wieder nervös.

»Solche Straßen sind keine Straßen! Sie machen die Wartung der Autos noch teurer. Fast jeden Tag bringe ich dieses Taxi in die Werkstatt. Jeden Monat müssen die Stoßdämpfer gewechselt werden. Dabei sind sie nicht billig. Der schlechte Zustand der Straßen wirkt sich auch negativ auf die Gesundheit der Verkehrsteilnehmer aus, insbesondere auf die der Taxifahrer, denn die Straßen sind unser Arbeitsplatz … Meine Wirbelsäule ist ruiniert. Außerdem habe ich ständig Kreuzschmerzen … Auf diesen Straßen arbeiten ist ein einziges Martyrium, glauben Sie mir! … Ich weiß nicht, was die Leute vom Straßenbauamt tun. Eigentlich sollten sie unsere Straßen instand setzen. Wir Taxifahrer arbeiten viel, doch am Ende erwirtschaften wir keinen Profit. Die Reparaturkosten, die Polizei und nicht zuletzt die hohen Benzinpreise machen uns das Leben schwer. Die Regierung erhöht den Benzinpreis fast jeden Monat, obwohl wir ein Erdöl exportierendes Land sind. Ist das normal?«

»Nein«, antwortete Mambé lapidar.

»Die Führung des Landes wird immer reicher, während die Masse der Armen immer ärmer wird. Es gibt zum Beispiel Tausende Familien in dieser Großstadt, die nicht in der Lage sind, jeden Tag essen zu können. Und wenn sie krank werden, fehlt ihnen das Geld, um zum Arzt zu gehen. So sterben sie langsam. Ist dieses Unrecht nicht himmelschreiend?«

»Sie haben Recht«, sagte Mambé. Dann warf er einen Blick auf die Uhr. Es war fünf vor sechs. Die Sonne sollte in Kürze untergehen.

»Das Reisebüro ist nicht mehr weit. In fünf Minuten sind wir dort.«

»Kann ich Sie in Dollar bezahlen?«, wollte Mambé wissen.

»Haben Sie ihr Geld nicht am Flughafen gewechselt?«

»Nein.«

»Hören Sie, ich kenne einen Kerl, der Ihr Geld zu einem guten Kurs umtauschen kann. Sie haben Glück, denn er wohnt gleich um die Ecke«, schlug Kodi vor und parkte. Mambé gab ihm einen Dollarschein und er verschwand im Zwielicht zwischen den eng nebeneinanderstehenden Häusern.

Nach etwa sechs Minuten tauchte er lächelnd wieder auf. Als er dann des Polizisten gewahr wurde, der inzwischen angekommen war und neben dem Auto wartete, hörte er auf zu lachen.

»Sie wissen, dass Sie nur auf dem Bürgersteig parken dürfen«, sagte der Polizist, sobald Kodi das Auto erreichte.

»Aber wo ist der Bürgersteig?«, fragte Kodi.

»Da!«, antwortete der Polizist, indem er mit dem Finger auf ein Haus zeigte.

»Ihre Papiere!«, forderte er, als Kodi ins Auto eingestiegen war. Letzterer holte seine Dokumente aus einem Kasten hervor, schob etwas zwischen die Seiten und reichte sie dem Polizisten. Dieser blätterte darin. Nach einigen Seiten stoppte er unvermittelt, nahm etwas aus den Papieren und steckte es in seine Tasche. Dann sagte er zu Kodi: »Ihre Papiere sind in Ordnung!«, und gab sie ihm zurück.

»Haben Sie es bemerkt? Der Polizist hat etwas aus Ihren Papieren herausgeholt und in seine Tasche getan. Was war es denn?«, wollte Mambé wissen.

»Der Schweinehund hat mir wieder Geld weggenommen. Es war eine Banknote. 500 Francs. Haben Sie nicht gesehen? … So sind unsere Polizisten. Im Kopf haben sie immer fiktive Bürgersteige. Nur da darfst du parken! Und wenn du auf dem Bürgersteig in einer Straße parkst, die über einen verfügt, dann heißt es wieder, dass dort Halteverbot sei. Diese Halunken finden immer einen Grund, uns Taxifahrern Geld abzunehmen. Wenn wir ihnen die 500 Francs nicht geben, nehmen sie uns den Führerschein weg, schleppen unsere Autos ab und verhängen gegen uns wegen verkehrswidrigem Benehmen eine Geldbuße in Höhe von 15.000 Francs, die wir im Polizeirevier zahlen müssen. Also ziehen wir es vor, ihnen 500 sofort zu geben, anstatt 15.000 zahlen zu müssen. Pro Tag stößt jeder Taxifahrer mindestens zehn Mal auf diese Scheißkerle. Und jedes Mal kassieren sie Geld von uns, stellen Sie sich das vor! Auf diese Weise kommen diese Schmarotzer über die Runden, denn wie die Mehrheit der Beamten beziehen sie ein kärgliches Gehalt.«

»Die Lage ist wirklich schlecht!«

»Sie fahren ja in die Hauptstadt Yaoundé, das ist auch eine Großstadt. Dort ist die Situation nicht anders als hier. Sie werden schon sehen. Genau wie hier haben die Armut und das Geld die Menschen verändert … Wir sind angekommen. Sehen Sie das Reisebüro da? Hier können Sie einen Bus nach Yaoundé nehmen«, sagte Kodi und stoppte davor. Mambé bezahlte ihn und stieg aus. Ein Gepäckträger in Uniform kam und nahm den Reisekoffer aus dem Auto heraus.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass die Armut einige Menschen in Diebe verwandelt hat. Luxusartikel wie Ihr Aktenkoffer faszinieren sie. Passen Sie also gut auf!«, riet Kodi noch, bevor er davonfuhr.

Mambé ging ins Büro und kaufte sich eine Fahrkarte. Auf dem Hof stand der Reisebus abfahrbereit. Im Bus gab es nur noch einen freien Platz. Mambé stieg ein. Eine Minute später fuhr der Bus ab. Die Sonne war bereits gesunken.

Nach einer Viertelstunde kam der Bus aus der Stadt heraus, deren Lichter bei Anbruch der Dunkelheit anfingen zu leuchten.

»Baguettes mit Salat? Gekühlte Getränke?«, schrie eine Frau, die mit einer Kühlbox und einem durchsichtigen Eimer den Mittelgang zwischen den Fahrgästen entlanglief. Als sie Mambés Platz erreichte, kaufte er sich eine Cola und ein halbes Baguette mit Salat. Der Mann, der neben ihm saß, bestellte nur Wasser. Die Frau gab ihm einen butterweichen Wasserbeutel, als wäre er ein Patient, dem sie einen Tropf anlegen wollte. Mambé trank aus der Flasche. Einige Fahrgäste kauften nichts. Die Autos rasten. Man befand sich mitten im Äquatorialwald. Ab und zu sah man Glühbirnen auf den Veranden scheinen. Außer diesen vereinzelten Lichtern sah man rechts und links nur die Finsternis. Vorn schienen die Scheinwerfer auf die Straße. Der Reisebus überholte ständig die Privatfahrzeuge. Die Fahrgäste hatten die Fenster öffnen müssen, um frische Luft zu bekommen, denn der Bus besaß keine Klimaanlage. Überdies waren die Sitze unbequem. Das Polster war dünn, sodass man den Eindruck hatte, auf dem nackten Eisen zu sitzen. An den Stellen, wo die Straße uneben war, spürte man Schmerzen im Gesäß. Der Abstand zwischen den Sitzen war so klein, dass man meinen konnte, dieser Bus wäre ausschließlich für die Beförderung von Zwergen und kleinen Kindern bestimmt. Die Kniescheiben waren zermürbt. Es konnte ja nicht ausbleiben, dass die Fahrgäste Krämpfe bekamen. Die Reise war eine einzige Qual.

»In diesem Bus vermisst man jeden Komfort, nicht?«, sagte Mambé zu seinem Nachbarn, der Sobi hieß.

»Oh! Mein Lieber, so sind die meisten Busse hier in Kamerun. Diese verdammten Sitze sind hier gebastelt worden. Die Reisebüros lassen sie in ihren Bussen so eng nebeneinander montieren, um so viele Plätze wie möglich zu schaffen und somit den größtmöglichen Profit daraus zu ziehen. Diese Profitjäger pfeifen auf den Sitzkomfort. Wenn ich reich wäre, würde ich mir ein Auto kaufen.«

In einer Kurve setzte der Reisebus wieder zum Überholen an. Da tauchte plötzlich vor ihm ein anderes Fahrzeug auf, das in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Die Straße war nur zweispurig. Der Busfahrer führte ein riskantes Manöver durch, um sich wieder rechts einzuordnen. Damit vermied er einen Frontalzusammenstoß, aber er fuhr zwei Sekunden lang in Schlangenlinien und wäre um ein Haar von der Fahrbahn abgekommen. Die Fahrgäste bekamen Angst.

»Oh mein Gott! Beinahe hätte es einen Unfall gegeben!«, rief Mambé entsetzt.

»So sind die Fahrer der Reisebüros«, sagte Sobi und fügte hinzu: »Sie rasen und überholen immer auf dieser Straße, obwohl sie wissen, dass sie nicht breit ist. Wissen Sie, die haben keinen festen Lohn, sondern werden nach der Zahl der Hin- und Rückfahrten, die sie machen, bezahlt. Die Draufgänger fahren so unvernünftig, um die normale Fahrtdauer zu unterschreiten, und so spielen sie mit unserem Leben. Es kommt oft vor, dass sie am Steuer dösen, weil sie überanstrengt sind. Das gilt auch für die meisten Fernfahrer. Deshalb kommt es ständig zu Verkehrsunfällen. Es vergeht keine Woche, ohne dass es Unfälle gibt! Und sie fordern fast immer viele Menschenleben! Diese Strecke Douala – Yaoundé wird zu Recht ›die Straße des Todes‹ genannt!«

Bald erreichte Mambés Bus die Stadt Edéa. Man überquerte den Sanaga, einen Fluss, auf dem ein Staudamm errichtet wurde. Kurz danach fuhr man eine Allee entlang und sah wieder viele Häuser und Menschen. Der Bus hielt nicht an. Nach einiger Zeit kam man aus der Stadt heraus und tauchte erneut in die Dunkelheit des Regenwaldes ein. Bisher hatte der Bus nur an den Mautstellen angehalten. Kurz bevor er die Häuschen, in denen die Personen saßen, die die Gebühren einnahmen, erreichte, musste er jeweils über mehrere konvexe Betonstangen fahren. Sie glichen halben Baumstämmen, die man quer über die Straße gelegt hatte. Während er diese Hürden nahm, spürten die Fahrgäste starke Schmerzen im Rücken. Die meisten von ihnen schrien sogar. Wenn der Fahrer gezahlt hatte, entfernten die Polizisten ein mit Nägeln beschlagenes Brett von der Fahrbahn. Damit war der Weg frei für die Weiterfahrt.

Plötzlich hielt der Bus mitten im Regenwald an und schaltete die Scheinwerfer aus. Man sah keine Betonstangen, keine Lichter, keine Häuser. Kein Auto fuhr vorbei. Man sah nichts, nicht einmal die Hand vor Augen. Die Dunkelheit hüllte alles ein. Die Fahrgäste wunderten sich darüber, dass der Fahrer ohne Grund angehalten hatte. Wie hieß der Ort, wo sie sich befanden? Sie hatten Angst. Aber konnten sie fliehen? Wohin in der Schwärze der Nacht? Was hatte der Fahrer vor? Man stellte ihm Fragen, aber er hüllte sich in Schweigen. Die Insassen des Busses hatten den Eindruck, in einem Kinosaal ohne Licht zu sitzen und voller Spannung die Vorführung eines Überraschungsfilms zu erwarten. Minutenlang verharrten sie so … Dann gingen auf einmal die Lichter auf beiden Straßenseiten an. Was für eine Überraschung! Man war in einem Dörfchen! Viele Frauen kamen aus der Nacht hervor und boten den Fahrgästen Mandarinen, Orangen, Kokosnüsse, Wassermelonen, gekühltes Wasser, Maniokstangen, Erdnüsse, Jamswurzeln und Wild an. Ein reichhaltiges Angebot. Die Mehrheit der Fahrgäste kaufte sich etwas. Man teilte sich sein Essen gern mit denjenigen, die nichts kaufen konnten, sodass niemand mit leerem Magen blieb. Man ergriff auch die Gelegenheit, um seine Notduft zu verrichten. Die Männer pinkelten in die Rinnen und die Frauen ins Gras. Es roch penetrant nach Urin. Eine öffentliche Toilette gab es nicht. Nirgends. Jeder war froh, seine Beine zu entspannen. Zehn Minuten lang waren alle gut gelaunt, sie vergaßen die Schmerzen, die sie während der zurückgelegten Strecke erlitten hatten. Aber als der Fahrer sie bat, in den Bus einzusteigen, wurden sie wieder traurig. Mit gesenktem Kopf schlurften sie ins Auto. Wenn man sie sah, konnte man leicht glauben, dass es sich um einen Trauerzug handelte. Sie hätten sich gern länger in diesem Dörfchen aufgehalten.

Die Fahrt ging weiter. Die zurückzulegende Fahrstrecke war lang. Der Bus mit seinen unbequemen Sitzen raste wie zuvor durch den Regenwald. Man begegnete einigen Privatfahrzeugen. Mambé döste schon vor sich hin, als Sobi ihn wachrüttelte und ihm etwas zeigte, das er bisher noch nicht gesehen hatte. Die Szene, die sich da draußen abspielte, war beeindruckend. Sattelfahrzeuge fuhren in einer Kolonne in die entgegengesetzte Richtung, jedes davon mit drei Holzklötzen beladen. Innerhalb von fünfzehn Minuten fuhren ungefähr dreißig vorbei.

»Ach du liebe Güte!«, rief Mambé erstaunt.

»Was Sie jetzt sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs«, sagte Sobi. »Denn die Holzklötze werden jeden Tag zum Hafen Doualas transportiert. Ein Teil davon wird auf dem Schienenweg befördert. Unsere Regierung ist dabei, den Regenwald abzuholzen. Das ist ein verantwortungsloser Umgang mit der Natur. Wir wissen, dass der tropische Regenwald die Lunge der Erde ist.«

»Ja, wir haben in der Schule gelernt, dass die Bäume das Kohlendioxid in Sauerstoff verwandeln.«

»Sehen Sie? Dies bedeutet, die massive Holzwirtschaft im Regenwaldgebiet wirkt sich negativ auf das Weltklima aus. Bei dem Tempo, in dem die Dinge sich entwickeln, wird der Regenwald hier in Kamerun in zwanzig Jahren komplett verschwunden sein. Das würde einen verheerenden Effekt auf das Leben der Menschen haben.«

»Wenn unsere Regierung so viele Bäume fällt, forstet sie die entwaldeten Gegenden wieder auf?«, erkundigte sich Mambé.

»Oh, das wäre schön! Sie denkt nicht an die Wiederaufforstung. Sehen Sie, jeder dieser riesigen Bäume, die zum Hafen befördert werden, wird innerhalb von nur fünf Minuten abgesägt. Aber bevor ein Baum so groß wird, braucht er mindestens neunzig Jahre! Stellen Sie sich das vor!«

»Hat das Volk jemals gegen diese fabrikartige Abholzung seines Waldes protestiert?«, wollte Mambé wissen.

»Das Volk? Welches Volk? Was kann es gegen den Moloch Staat tun? Nur er verfügt über das Bajonett.«

»Ich spreche nicht von einem Aufstand des Volkes. Es kann zum Beispiel eine Friedensdemonstration veranstalten, denn dieses Recht ist durch die Verfassung garantiert, nicht?«

»Neulich ist eine Dörflergruppe auf die Straße gegangen, um gegen die massive Abholzung ihrer Gegend zu demonstrieren. Wissen Sie, was ihnen passiert ist?«

»Nein.«

»Die Regierung hat die Demonstranten durch die Polizei niederknüppeln, festnehmen und direkt ins Gefängnis stecken lassen.«

»Mein Gott! Was für eine Ungerechtigkeit!«, rief Mambé entsetzt.

»Harte Strafen erwarten jeden Bürger, der das Handeln des Staates öffentlich kritisiert. Der Holzhandel, den dieser betreibt, wirft viel Gewinn ab. Das gilt auch für andere Rohstoffe. Ferner exportiert das Land Erdöl, Erdgas, Gold, Bauxit, Eisen, Zinn, Baumwolle, Gummi, etc. Aber nur der Staat zieht Profit aus dem Handel mit diesen Produkten. Kamerun ist so reich an Naturschätzen, dass es gemeinhin als ›Afrika in Miniatur‹ bezeichnet wird. Doch lebt die Mehrheit seiner Bevölkerung in bitterer Armut. Es ist traurig, dass viele Eltern es zum Beispiel nur mit großer Mühe schaffen, Schulhefte für ihre Kinder zu kaufen, und das in einem Land, das Holz exportiert …«

»Man hat uns auch in der Schule gelehrt, dass die Pygmäen, deren Lebensraum der tropische Regenwald ist, Jäger und Sammler sind. Sie sind unmittelbar bedroht, wenn so viele Bäume gefällt werden, nicht wahr?«, fragte Mambé.

»Genau! Wir wissen, die Pygmäen leben bis heute nur von der Jagd und dem Pflücken. In der Tat sind viele von ihnen angesichts der intensiven Ausbeutung des Regenwaldes dazu gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen. Manche lassen sich woanders im Wald nieder, während andere in die Städte gehen, wo sie meist ein kümmerliches Dasein fristen müssen … Der Regenwald ist nicht zuletzt der Lebensraum von vielen Tierarten und medizinischen Pflanzen. Er ist letztendlich ein Gut der Menschheit«, betonte Sobi.

»Was kann man Ihrer Meinung nach tun, damit dieser Wald gerettet wird und damit die Bevölkerung am Gewinn des Exports des Holzes und anderer Rohstoffe beteiligt wird?«

»Ich denke«, sagte Sobi, »eine Gruppe oder das Volk allein kann die Regierung nicht umstimmen. Da der tropische Regenwald die Lunge des ganzen Planeten darstellt, sollte sich die Weltöffentlichkeit in diese Angelegenheit einmischen. Sie sollte Druck auf unsere Regierung machen, damit diese verantwortungsvoll mit der Umwelt umgeht und ihren Verpflichtungen gegenüber dem Volke nachkommt.«

»Ich pflichte Ihnen in allen Punkten bei«, sagte Mambé.

II.

Nach über drei Stunden Fahrt kam der Bus in Yaoundé an. Es war Viertel vor zehn, als Mambé ausstieg. Wie die anderen Fahrgäste reckte er sich, während die Gepäckträger das Gepäck aus dem Fahrzeug ausluden. Ganz in der Nähe fuhren Autos vorbei. Mambé zog seinen Rollkoffer bis zum Bürgersteig, auf den die Laternen schienen. Man konnte auch Fußgänger vorübergehen sehen. Durch ein Handzeichen ließ Mambé ein Taxi anhalten und bat den Fahrer, ihn zu einem Mittelklassehotel zu bringen.

Sie fuhren ganze zehn Minuten, ohne ein einziges Schlagloch auf der Fahrbahn zu sehen. Auf jeder Seite gab es einen Bürgersteig. Hin und wieder konnte man Menschen in Kneipen flüchtig wahrnehmen. Bald erreichten sie eine Gegend, wo die Fahrbahn wellig war. Die Fahrt wurde unangenehm. Die Straßenverhältnisse waren auch hier in der Hauptstadt schlecht. Man wurde tüchtig durchgeschüttelt. Im Gegensatz zu Douala, wo das Relief flach war, lag Yaoundé in einem hügeligen Gebiet. Der von den Autos aufgewirbelte Staub drang in großen Mengen durch die Fenster, sodass Mambé einen Hustenanfall bekam. Dieser Straßenabschnitt war nur stellenweise asphaltiert. Wenn der untere Teil des Autos die Buckel berührte, stieß der Fahrer ein Wutgeschrei aus. Plötzlich kam man auf eine breitere Straße, deren Zustand gut war. Sie stieg an. Nach einiger Zeit bog das Taxi dann wieder in eine Straße ein, die nicht asphaltiert war. Das Scheinwerferlicht schien durch den in der Luft liegenden Staub. Als das Auto endlich in den Hotelhof einfuhr, atmete Mambé auf. Er stieg aus.

Das Hotel war von einer Mauer umgeben. Die Fassade des zweistöckigen Gebäudes war blau gestrichen. Ein Hotelboy in Livree kam und trug Mambés Reisekoffer hinein. Das Taxi fuhr davon. Der Angestellte am Empfang zeigte Mambé eine Preisliste der verschiedenen Zimmer. Die des zweiten Stocks waren mit einer Klimaanlage und Badewanne ausgestattet. Deshalb waren sie teurer als die des ersten Stocks und des Erdgeschosses, die je einen Ventilator und eine Duschkabine besaßen. Mambé entschied sich für ein Zimmer in der ersten Etage. In der Hotelbar, wo das Licht gedämpft war, sahen einige Leute fern und tranken Bier dabei.

»Guinness … Und die Kraft ist in Ihnen«, hörte man im Werbespot.

Der Hotelboy trug den Reisekoffer auf dem Kopf und führte Mambé hinauf. Als sie das Zimmer erreicht hatten und der Boy den Schlüssel in das Schloss steckte, kam es zu einem Stromausfall. Er nahm sofort eine Taschenlampe heraus und schloss die Tür auf. Der Schlüsselanhänger war aus Holz, darin war die Zimmernummer eingekerbt. Auf der Nachtkonsole lagen zwei Kerzen, ein Feuerzeug und eine Bibel. Der Boy zündete eine Kerze an und verzog sich gleich danach. Mambé schloss die Tür ab. Dann ging er unter die Dusche. Da er müde war, legte er sich ins Bett. Es war ein Doppelbett. Mambé lag auf dem Rücken. Von Zeit zu Zeit hörte er Schritte auf der Treppe. Bald blies er die Kerze aus. Eine Viertelstunde später schlief er ein. Aber um zwei Uhr dreißig riss ihn ein Moskitostich aus dem Schlaf. Er kratzte sich unwillkürlich an der Stelle, die juckte. Er drückte dann auf den Lichtschalter, um zu sehen, ob der Strom inzwischen wiederhergestellt worden war. Leider war das nicht der Fall. Um sich vor den Moskitos zu schützen, hüllte er sich in die dicke wollene Decke ein. Nun hörte er zwei Moskitos summen, aber sie konnten ihm nichts mehr tun. Nach einer Weile schlief er wieder ein.

Um halb neun wachte er auf. An der Wand hing das Gemälde einer nackten Frau. Mambé stand auf, um zwei Anschläge zu lesen, die an der Tür angebracht waren. Beide Texte waren vom Hoteldirektor unterzeichnet. Im ersten wünschte er den Gästen einen angenehmen Aufenthalt; im zweiten teilte er ihnen die Hausordnung mit. In einer Ecke des Zimmers gab es einen Mülleimer. Neben dem Fenster standen ein Schreibtisch und ein Stuhl. Ein alter Ventilator stand am Fuße des Bettes. Die Toilette hatte keine Tür. Aus Angst vor Dieben hatte man sämtliche Toilettensitze im Hotel abmontiert. Und ohne diese waren die Toiletten genauso unbequem wie die Sitze des Busses, mit dem Mambé am Vortag gereist war.

Im Untergeschoss des Hotels gab es einen Raum, der früher als Restaurant gedient hatte. Die Bar dagegen florierte nach wie vor. In einer Stadt, in der viele Menschen trinklustig waren, konnte eine Bar unmöglich Pleite gehen. Mambé machte sich fertig. Bevor er hinausging, verschloss er die Tür und gab den Schlüssel an der Rezeption ab. Das war Vorschrift. Eine Dame und ein Boy hatten ihre Kollegen von letzter Nacht abgelöst. Draußen schien die Sonne.

Mambé lief die unasphaltierte Straße entlang. An der Kreuzung bog er nach rechts ab und folgte der ansteigenden breiten Straße bis nach oben. Dort gab es eine andere Kreuzung. Viele Leute standen am Straßenrand, um ein Taxi zu nehmen. Es gab auch private Kleinbusse, die einen Teil der Menschen zum Markt oder an ihre Arbeitsstätten brachten. In den Autos waren die Leute zusammengepfercht wie Heringe. Yaoundé war eine Großstadt, die nicht über ein Straßenbahnnetz verfügte. Früher gab es eine Gesellschaft für öffentlichen Nahverkehr, die mit Hunderten von Bussen die Mehrheit der Armen täglich transportierte. Die Fahrkarte war halb so teuer wie eine Taxifahrt. Vor einigen Jahren hatte diese staatliche Gesellschaft jedoch Konkurs angemeldet.

Es gab zwar einige Privatpersonen, die nach dem Konkurs Busse zur Verfügung gestellt hatten, aber deren Anzahl war so gering, dass sie nicht einmal zwei Tausendstel der Stadtbewohner zu befördern vermochte. Das war lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie hatten keinen Fahrplan und keine Haltestelle. Trotzdem waren sie immer brechend voll. Wenn man sie nahm, kam man immer halb tot an seinem Ziel an. Jedoch zogen die Armen aus Kostengründen die Bus- der Taxifahrt vor. Wäre die Anzahl der Busse nicht so klein gewesen, wären sie alle nur damit gefahren.

Die Reichen hingegen bewegten sich nach wie vor mit ihren Pkws fort.

Mambé ging in eine Cafeteria, um zu frühstücken. Sie bestand aus vier in die Erde eingetriebenen Pflöcken, auf denen ein Wellblechdach befestigt war. In der Mitte stand die Theke, hinter der zwei Kellner arbeiteten. Es gab drei Bänke für die Kunden: Zwei davon standen links und rechts neben der Theke. Die dritte, die auch die längste war, befand sich davor. Mambé nahm einen Kaffee mit Milch, zwei hart gekochte Eier und ein Baguette.

Dann ging er an einigen Geschäften und Bars vorbei. Das größte Geschäft war ein Baumarkt. Davor stand ein mit Zementsäcken beladenes Sattelfahrzeug; drei Männer mit muskulösen Armen waren dabei, es zu entladen. Einer von ihnen war oben auf dem Lastwagenanhänger. Jeder seiner beiden Kollegen bekam von ihm einen 50 Kilo schweren Sack auf den Kopf geladen, ging ihn in dem Geschäft abstellen und kam schnell zurück. Eine Stunde lang blieb Mambé wie angewurzelt dort stehen und sah ihnen zu. Sie machten keine Pause, obwohl sie müde waren. Ihre Körper waren mit Zementstaub bedeckt, sodass man sie nicht erkennen konnte. Ihre Arbeitskraft wurde ausgebeutet, das war klar. Aber sie protestierten nicht. Wie lange konnten sie noch schweigen? Irgendwann würden sie unter der Last zusammenbrechen, die Armen. Warum ließ man den Menschen solche Lasten tragen, wenn man wusste, dass ein Gabelstapler und Paletten ihm diese Schinderei erspart hätten?

Mambé überquerte die Straße. Es wehte eine schwache Brise. Es gab deutlich weniger Leute auf der Straße als vorher. Man konnte schon einige Frauen vom Markt kommen sehen. Dort hatten sie viel gefeilscht, wie immer. Aus den Einkaufstaschen, die sie auf dem Kopf trugen, ragten jeweils drei Stück Brennholz, die sie für 100 Francs gekauft hatten. Das reichte für einen Tag, genau wie die Lebensmittel. Die Reichen dagegen kauften nur einmal pro Woche, aber viel. Sie kochten weder mit Brennholz noch mit Sägemehl, denn diese verursachten viel Rauch, der den Köchinnen in den Augen brannte. Die Frauen der Reichen kochten ausschließlich mit Gas. Der Preis einer Flasche schwankte zwischen 5.500 und 6.000 Francs!

Mambé nahm ein Taxi in Richtung Innenstadt. Er saß vorn neben dem Fahrer. Auf dem Rücksitz gab es drei Fahrgäste. So fuhr man bis zu einer Kreuzung, an der der Fahrer einen Mann vorn einsteigen lassen wollte. Mambé protestierte.

»Wo soll er sich denn hinsetzen?«, fragte er den Fahrer.

»Auf Ihren Sitz, wohin denn sonst?«, sagte dieser.

»Aber Sie wissen, dass der Beifahrersitz für eine Person konzipiert wurde, oder?«, gab ihm Mambé zu bedenken.

»Sind Sie kein Kameruner?«, wollte der Fahrer wissen.

»Doch«, antwortete Mambé.

»Er ist Kameruner, aber er ist bestimmt kein Städter«, meinte Konso, einer der drei Fahrgäste, die auf dem Rücksitz saßen.

»Er kann unmöglich vom Dorf sein, denn dort nimmt ein Auto wie dieses mindestens zehn Personen an Bord! Ich denke, er ist lange im Ausland gewesen«, vermutete Lasan, der zweite Fahrgast.

»Das stimmt. Ich bin erst gestern aus Amerika zurückgekehrt. Dort habe ich zwanzig Jahre gelebt«, bestätigte Mambé. Inzwischen hupten einige Taxis schon hinter dem von Mambé. Der Fahrer forderte ihn auf, die Tür zu schließen. Während das Taxi sich entfernte, sah Mambé im rechten Rückspiegel, wie der Mann, den er nicht hatte einsteigen lassen wollen, immer kleiner wurde. Nach einer Weile war er nur noch ein Punkt. Dann verschwand er …

»Herr Fahrer, auf Ihrem Taxi steht geschrieben, dass es fünf Plätze hat«, bemerkte Mambé.

»Richtig. Auf allen Taxis kann man das lesen. Das ist die Theorie, die Vorschrift. Die Praxis sieht anders aus. Wir sind immer zu sechst an Bord. Wenn zwei Fahrgäste den Beifahrersitz teilen, klagen sie nicht. Sie finden es normal. Manchmal fahren wir mit vier Personen auf dem Rücksitz. Und das akzeptieren die Leute auch. Nur selten trifft man jemanden wie Sie, der dagegen ist.«

»Ich habe für meinen Platz gezahlt, also habe ich das Recht, bequem zu sitzen«, argumentierte Mambé.

»Ich stimme Ihnen zu, aber unseren Fahrgästen geht es nicht primär um ihr Recht oder um die Bequemlichkeit, sondern darum, am Zielort anzukommen. Vor allem zu den Hauptverkehrszeiten, wenn die Nachfrage das Angebot übertrifft, müssen die Leute lange am Straßenrand warten, bevor sie ein Taxi finden. Sie müssen sich glücklich schätzen, wenn es ihnen gelingt, eines zu finden. In diesen Zeiten müssen sie außerdem ein bisschen mehr als den normalen Tarif vorschlagen, um ihre Chancen zu erhöhen. Solange die Taxis fast die einzigen öffentlichen Verkehrsmittel in dieser Stadt bleiben, wird sich die Lage nicht ändern … Monsieur, ich möchte Ihnen etwas empfehlen. Wenn Sie wirklich immer bequem sitzen und von niemandem gestört werden wollen, sollten Sie sich ein eigenes Auto zulegen. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag, Monsieur? Sie können sich das leisten, nicht wahr? Sie kommen ja von Amerika!«, sagte der Fahrer.

»Dem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten!«, ergänzte Obani, der dritte Fahrgast.

»Ich könnte schon ein Auto erwerben, nur möchte ich nicht jeden Tag allein an Bord sein. Das würde mir keinen Spaß machen. Ich habe immer gedacht, es ist besser, wenn ich zuerst heirate und dann ein Auto kaufe! Ja, meine Herren, zuerst die Frau, dann das Auto!«, sagte Mambé. Alle lachten.

»In Ihrem Alter sind Sie noch ledig? Ich habe mit siebzehn geheiratet«, sagte Konso.

»Ich denke schon ernsthaft an die Heirat. Es ist so, dass ich zuerst eine solide Grundlage im Leben haben wollte … Das hat viel Zeit in Anspruch genommen … Mehrere Jahre … Jetzt bin ich schon vierzig Jahre alt! … Die Zeit verfliegt … Man kommt in die Jahre, und dagegen kann man nichts tun … Aber man muss etwas gegen die Einsamkeit tun … Bevor ich heirate, möchte ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel nicht verzichten … Vielleicht lerne ich irgendwann eine Göttin im Taxi kennen, man kann nie wissen!«, argumentierte Mambé. Die Männer waren froh, dass er die Diskussion auf ihr Lieblingsthema gebracht hatte.

»Ach, machen Sie sich keine Sorgen! In dieser Stadt gibt es mehr Frauen als Männer. Sie finden schon eine. Sie haben Geld und sehen auch noch gut aus. Das wollen doch alle Frauen«, bemerkte der Taxifahrer.

Lasan stellte daraufhin klar: »Er wird gewiss sehr bald eine Frau kennen lernen. Aber er muss Glück haben, um auf die Richtige zu treffen. Denn heutzutage sind die Frauen in den Großstädten sehr materialistisch geworden. Wenn du nicht aufpasst, ruinieren sie dich in kürzester Zeit und lassen dich dann im Stich. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich kenne viele Opfer … Wissen Sie, wo man in diesem Land Frauen finden kann, die noch nicht moralisch verdorben sind?«

»Auf dem Land?«, erriet Konso.

»Genau! Deshalb würde ich unserem Herrn zuraten, in ein Dorf seiner Wahl zu reisen, um eine Frau zu suchen. Je kleiner das Dorf, desto besser«, sagte Lasan.

Durch einen Pfiff ließ ein Polizist das Taxi anhalten.

»Ihre Papiere!«, brüllte er. Er hatte einen dicken Bauch. Das kam vom vielen Trinken. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Man sah ihm an, dass er nicht imstande gewesen wäre, einem flüchtigen Dieb hinterherzulaufen. Nach zwei Minuten wäre er bereits außer Atem und müsste aufgeben. Er glich jenen Wesen, die ständig in den Kneipen und Spielzimmern herumzogen. Und wenn sie spät in der Nacht in volltrunkenem Zustand nach Hause torkelten, verprügelten sie ihre Frauen, bevor sie sich ins Bett fallen ließen.

»Hier haben Sie sie, Chef!«, sagte der Taxifahrer, indem er dem Beamten seine Autopapiere reichte. Dieser nahm den Fünfhundertfrancschein heraus und schob ihn sich in die Hosentasche. Dann reichte er die Dokumente zurück. Das Taxi fuhr weiter.

Diese Szene brachte die Fahrgäste dazu, zu einem anderen Thema überzugehen.

»Die Korruption ist eines der großen Übel dieses Landes«, sagte Obani.

»Nicht umsonst ist unser Land schon zweimal das korrupteste Land der Welt gewesen. Wir brillieren nur als schlechtes Beispiel, versinken weiterhin in der Korruption. Diejenigen, die in der Regierung sitzen, erzählen uns, dass sie dagegen kämpfen. Aber das ist nur Augenwischerei. Die ganze Verwaltung ist korrupt. Die Polizei wird nicht nur auf der Straße bestochen. Wenn du zum Revier gehst, um ein Dokument beglaubigen zu lassen, wird von dir Trinkgeld verlangt. Du musst immer die Behörden in den Ministerien schmieren, sonst wird dein Fall nicht bearbeitet. Um als Beamter befördert zu werden, musst du Bestechungsgeld zahlen. In den Krankenhäusern verlangen viele Ärzte Trinkgeld, bevor sie die Patienten überhaupt untersuchen. An der Zollstelle wird bestochen. An jedem Schulanfang legen sich die Leiter der Gymnasien neue Autos zu. Das ist allgemein bekannt. Sie werden von den Eltern bestochen, deren Kinder die Aufnahmeprüfung nicht bestanden haben. Die Sündenböcke dieser Situation sind die Lehrer, die dann in überfüllten Klassen arbeiten müssen. Auch die Direktoren von Elite- und Hochschulen erhalten Schmiergeld von den Eltern während der Aufnahmeprüfung. Alles kann man in diesem Land kaufen. Deshalb hat unser Land in der übrigen Welt einen schlechten Ruf. Wer kann uns noch für voll nehmen, wenn wir unser Verhalten nicht ändern?«, sagte Lasan.

Das Taxi erreichte eine Kreuzung, der Verkehr wurde nun dichter.

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