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Mama soll wieder glücklich sein: Roman

Anna Martach

Mama soll wieder glücklich sein: Roman

Cassiopeiapress Unterhaltung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mama soll wieder glücklich sein

 

von Anna Martach

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

 

Der Brief sah teuer aus, edles, geprägtes Büttenpapier, die Adresse mit einer wie gestochen wirkenden Handschrift geschrieben. Und er kam als Einschreiben mit Rückschein. Er war wirklich an sie, Sandra Hökers andressiert. Der Absender war eine Rechtsanwaltskanzlei aus der Nähe von Frankfurt, was der jungen Frau aber auch nichts sagte.

Sie unterschrieb ein wenig verwirrt und ging ins Haus zurück. Die Kinder Jessica und Patrick waren in der Schule, Lars, ihr Mann, der als Oberarzt in der hiesigen Klinik arbeitete, hatte noch Dienst.

Sandra legte die übrige Post auf den Küchentisch, hielt den weißen langen Brief aber nachdenklich in der Hand und starrte darauf. Schließlich entschloss sie sich, ihn zu öffnen.

„Wir schreiben Sie an in der Testamentsvollstreckungssache Alois Hinterleitner und Sarah Bittermann“, begann das Schreiben.

Sandra hielt inne und vergewisserte sich noch einmal, dass der Brief wirklich an sie adressiert war. Sie schüttelte den Kopf, diese Namen sagten ihr nichts. Oder doch?

Irgendwo in ihrem Hinterkopf tauchte ein Gedanke auf. Doch erst einmal las sie weiter.

„Sie werden hiermit gebeten, sich zur Eröffnung des Testaments der verstorbenen Sarah Bittermann einzufinden.“ Uhrzeit und Adresse wurden genannt. Sollte sie etwa eine Erbschaft machen?

Jetzt fiel ihr auch wieder etwas zum Namen Sarah Bittermann ein. Es war die Schwester ihres Vaters gewesen, allerdings das schwarze Schaf, zu dem niemand Kontakt hatte. Bis auf das eine Mal, da Sandra und Sarah eher zufällig aufeinandergetroffen waren und sich auf Anhieb gut verstanden hatten. Das war bei einem der, Gott sei Dank seltenen, Familienfeste gewesen, vor mindestens elf oder zwölf Jahren. Sandra hatte sich anschließend eine Menge böser Worte anhören müssen, weil sie es gewagt hatte, mit der „Ausgestoßenen“, die doch wahrhaftig die Stirn hatte, hier zu erscheinen, freundschaftlichen Umgang zu pflegen.

Und jetzt dieses hier. Offensichtlich war Tante Sarah gestorben. Sandra erinnerte sich wieder an sie, eine offene fröhliche Frau, die so ganz anders war als ihr meist etwas verschlossener Vater.

Die Kinder kamen gerade aus der Schule. Lärmend ließen sie die Tornister fallen, stürmten in die Küche, verlangten etwas zu essen und erzählten wild durcheinander, was ihnen heute widerfahren war.

Sandra war ein wenig geistesabwesend, was den beiden natürlich nicht entging. Jessica war elf, sehr reif für ihr Alter, intelligent, aufmerksam und mit der schon jetzt gut ausgebildeten Gabe, Dinge und Tatsachen in Worte zu fassen. Ihre Aufsätze und Diktate waren fast immer das Klassenbeste, dafür hatte sie zur Mathematik keinen sehr großen Drang, das Fach nahm sie als notwendiges Übel hin.

Patrick, der Neunjährige, war fast das genaue Gegenteil. Noch immer sehr verspielt, hielt er sich meist an seine Schwester, sie würde schon wissen, was gut war, und sie würde auch alles richten. Er war ein guter Rechner, wogegen das geschriebene Wort sein Gegner war, den er zu bekämpfen hatte. Untereinander stritten die Geschwister, wie es wohl alle tun, aber sie hielten dennoch fest zusammen.

Jetzt stieß Jessica ihren Bruder an, und sie deutete auf ihre Mutter, die gedankenverloren aus dem Fenster starrte.

„Mutti, ich habe eine vier im Diktat“, sagte sie und grinste.

„Gut gemacht, mein Schatz.“

Patrick prustete unterdrückt auf.

„Mutti, ich möchte ein Pferd.“

„Ja, bald, warte noch etwas ab.“

Beide kicherten jetzt haltlos.

„Mama, kaufst du mir ein Auto?“, wollte jetzt der Junge wissen, und das riss Sandra aus ihren Gedanken. Sie schaute ihre Kinder an, die sich vor Spaß kaum noch halten konnten.

„Ihr Schlingel“, schalt sie gutmütig. „Es ist nicht recht, eure arme, alte Mutter aufs Glatteis zu führen, wenn sie mit den Gedanken ganz woanders ist.“

„Was beschäftigt dich denn so?“, fragte Jessica jetzt ernst.

„Du kleines Fräulein Naseweis bist ganz schön neugierig. Warte es ab, mein Schatz. Wir werden noch früh genug sehen.“

Das Mädchen zog eine Flunsch. Immer waren es die Erwachsenen, die glaubten, dass sie noch zu klein und zu jung für alles war.

Nach dem Essen gingen die Kinder an ihre Hausaufgaben. Und danach stürmten sie hinaus, um zu spielen. Ihnen war etwas langweilig, weil die meisten ihrer Freunde wesentlich länger brauchten, um ihre Hausaufgaben zu erledigen.

So heckten sie an diesem Tag mal wieder einen Streich aus. Patrick besorgte aus dem Werkzeugkasten einen Handbohrer, und Jessica holte den Gartenschlauch. Sie wollten eine eigene Autowaschanlage bauen, das würde ihren Eltern sicherlich viel Geld ersparen, und praktisch war es ja auch, wenn man so etwas zuhause hatte. Eifrig bohrten sie in möglichst regelmäßigen Abständen Löcher in den Schlauch, dann holten sie einige Kisten und stellten sie an den Rändern der Garageneinfahrt auf. Jessica lief dann, um das Wasser anzustellen, und beide jubelten, als ihre Erfindung doch recht gut funktionierte. Was machte es schon, dass die Löcher nicht alle gleichmäßig gebohrt waren, und einige Wasserstrahlen in alle Himmelsrichtungen sprühten? Sie würden gleich ihrem Vater stolz die neue Errungenschaft zeigen.

Es dauerte auch gar nicht mehr lange, und bald darauf kam Lars von seinem Dienst nach Hause. Er bemerkte das technische Wunderwerk seiner Kinder nicht sofort, stellte seinen Wagen direkt unter der „Waschanlage ab“ und stieg aus. In diesem Auenblick drehte Jessica wieder das Wasser auf, und ein kräftiger Sprühregen ergoss sich nicht nur über das Auto, sondern auch über Lars. Für einen Moment blieb er verblüfft stehen, dann sah er die strahlenden Gesichter seiner Kinder, die sich in diesem Augenblick veränderten, als sie bemerkten, dass ihr Vater klatschnass war.

Lars hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war wirklich nicht in der Laune, für dieses Machwerk auch noch ein Lob zu finden.

„In zwei Minuten ist das hier wieder verschwunden“, schimpfte er.

Dann nahm er die letzten Reste seiner Würde zusammen und stapfte ins Haus. Hinter seinem Rücken grinsten sich die Geschwister dennoch an.

Sandra hatte vom Fenster aus den Zwischenfall beobachtet, und auch sie hatte lachen müssen. Das waren ihre Kinder, niemals würden sie jemanden wissentlich oder bösartig verletzen. Aber ein Streich konnte doch soviel Spaß machen. Nur Lars sah das nicht immer ein. Und so verbarg sie, dass sie sich amüsierte, bedauerte ihren Mann ein wenig und schickte ihn hinauf, damit er sich umzog. Dann kam er wieder herunter und ließ sich erschöpft in einen Sessel fallen.

Sandra ließ ihn erst einmal etwas in Ruhe entspannen, bevor sie ihm den Brief übergab und dann in wenigen Worten über die Tante sprach. Lars las den Brief durch und lächelte seine Frau an.

„Dann hast du also etwas geerbt? Wie schön für dich. War deine Tante denn reich?“

Sandra zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, so gut habe ich sie nicht gekannt. Nach der Feier damals haben wir uns noch ein paarmal geschrieben, dann brach der Kontakt aber ab. Keine Ahnung, ob sie Geld hatte.“

„Dann wird es vielleicht gar nicht soviel sein. Aber lass dir bitte keine Schulden anhängen, das kann nämlich auch ein Erbe sein.“

„Kommst du denn nicht mit?“, fragte sie etwas hilflos.

Er schüttelte den Kopf. „Da habe ich Dienst. Und ich bin ja auch nicht geladen. Du machst das schon.“

Du machst das schon; ein Satz, den Sandra im Verlauf ihrer Ehe häufig gehört hatte. Immer war es so, dass Lars sich vor allem drückte, was auch nur entfernt mit Arbeit und Verantwortung zu tun hatte, immer schob er seine Frau vor. Du machst das schon! Manchmal fragte sich Sandra, wieso sie überhaupt verheiratet war, wenn sie ohnehin alles allein machen musste.

Lars schaffte es immer hervorragend, seinen Dienst oder eine Tagung vorzuschieben. Natürlich war sein Beruf wichtig, anstrengend und auch unregelmäßig, aber das hieß doch nicht, dass es ihn von allem anderen abhalten musste. Mehr als einmal hatten sie schon heiße Diskussionen um dieses Thema geführt, aber irgendwie war es Lars immer wieder gelungen, sie regelrecht ins Abseits zu stellen. Sandra fühlte sich ihm unterlegen, was vielleicht auch daran lag, dass sie damals ihr Kunststudium abgebrochen hatte und deshalb keinen rechten Beruf besaß, der ihr etwas Unabhängigkeit garantiert hätte, als Jessica unterwegs war. Jemand musste sich schließlich um das Kind kümmern. Und dieser Jemand war Sandra, wie immer, wenn es etwas zu erledigen gab. Wie auch jetzt.

Sandra fuhr sich durch die blonden, kurzgeschnittenen Haare, strich sich dann durch das schmale, ebenmäßige Gesucht. Ihre braunen Augen nahmen einen entschlossenen Ausdruck an, und ihre vollen roten Lippen pressten sich aufeinander.

Nun gut, sie würde allein zu diesen Anwälten gehen und herausfinden, was es gab – wenn es denn etwas gab.

 

*

 

Dominic Westermeier war ein ausgesprochen gutaussehender Mann. Er mochte Mitte bis Ende dreißig sein, hatte braune, lockige Haare, leuchtend blaue Augen und trug eine Brille auf der geraden Nase, die aber nicht unbedingt nötig zu sein schien, denn er nahm sie häufig ab und spielte mit den Bügeln herum. Sein Mund, sein ganzes Gesicht machte den Eindruck, als ob er viel lächelte.

Sandra fasste sofort Vertrauen zu ihm, als er von seinem Schreibtisch aufstand und ihr entgegenkam, um sie zu begrüßen. Die junge Frau mit dem blonden Bubikopf fühlte sich dennoch unsicher, so als wäre sie hier völlig fehl am Platze.

Dominic Westermeier lächelte sie strahlend an. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Frau Hökers. Die verstorbene Sarah Bittermann hat mir viel von Ihnen erzählt. Mein Beileid zu Tod Ihrer Tante.“

„Ich habe Tante Sarah nicht besonders gut gekannt“, gestand Sandra. „Trotzdem tut es mir leid, dass sie gestorben ist. Aber sie war doch noch gar nicht so alt, woran ist sie denn...?“

„Ein Autounfall“, sagte Dominic knapp. „Und hier kommen wir auch gleich zu einer Besonderheit in der Erbnachfolge. Ihre Tante Sarah und ihr Lebensgefährte Alois Hinterleitner hatten sich gegenseitig als Universalerben eingesetzt. Bei diesem tragischen Unfall geschah es jetzt, dass Herr Hinterleitner sofort an der Unfallstelle starb, ihre Tante erst etwa eine Woche später in der Klinik, wobei sie noch längere Zeit das Bewusstsein erreichte. Damit war Ihre Tante die rechtmäßige Erbin des beträchtlichen Vermögens des Frankfurter Unternehmers, zusätzlich zu dem, was sie selbst schon besaß. Und damit erben Sie jetzt alles.“

Wortlos ließ sich Sandra in einen Sessel fallen. „Ich?“, fragte sie dann verstört.

Dominic lächelte sie verständnisvoll an. Dann bestellte er über die Sprechanlage bei seiner Sekretärin Kaffee und Cognac. Er nahm einen Aktenordner vom Tisch und öffnete ihn.

„Ich habe hier das vollständige Testament Ihrer Tante wie auch noch einen persönlichen Brief an Sie, denn sie mir diktierte, als sie bereits im Krankenhaus lag. Das Testament wurde hier in der Kanzlei, bei meinem damaligen Seniorpartner Günther Fischer, aufgesetzt und von anwesenden Zeugen gegengezeichnet. Soll ich es Ihnen vorlesen?“

„Wenn das genauso verdreht klingt, wie Sie bisher reden, lieber nicht“, entfuhr es Sandra respektlos.

Dominic lachte auf. „Verzeihen Sie bitte. Mein Beruf bringt es mit sich, eine etwas andere Sprechweise zu benutzen. Ich werde mir Mühe geben darauf zu achten.“

„Oh, nicht meinetwegen, bitte. Das war eine taktlose Bemerkung von mir“, wehrte Sandra ab. Sie fand diesen Anwalt ausgesprochen sympathisch. Er wirkte gar nicht so gestelzt, wie sie es bei einigen Freunden von Lars festgestellt hatte, und sie fragte sich, ob er auch vor Gericht eine so positive Ausstrahlung hatte, dann konnte er ja wohl kaum einen Fall verlieren.

„Das Testament kurz zusammengefasst besagt“, fuhr er jetzt fort, „dass Sie als Alleinerbin alles erhalten, abgesehen von zwei Legaten an gemeinnützige Organisationen.“

„Was heißt das jetzt – alles?“, fragte Sandra betont nüchtern.

„Ein großes Haus in der Nähe von Frankfurt, voll möbliert, und eine Geldsumme, die zum größten Teil sicher angelegt ist. Nach Abzug der Erbschaftssteuer dürften wohl annähernd noch einige Millionen übrig sein.“

Sandra schnappte nach Luft.

 

*

 

„Du willst damit sagen, du hast all das allein geerbt?“ Lars starrte seine Frau verblüfft an. Die Kinder hatten die Ankündigung jubelnd aufgenommen, dass Mutter eine Menge Geld geerbt hatte.

„Dann kriege ich jetzt doch ein Pferd“, freute sich Jessica etwas voreilig.

„Und ich das Flugzeug mit Fernsteuerung“, beharrte Patrick.

„Langsam, Freunde, ich glaube, wir haben erst einmal etwas anderes vor“, bremste Sandra und schaute ihren Mann an.

Der war gerade damit beschäftigt, den Brief von Tante Sarah zu lesen, der Sandra nicht nur zum Weinen gebracht, sondern sie auch mehr als nur etwas nachdenklich gemacht hatte.

„Mein liebes Mädchen, wenn du diesen Brief in Händen hältst, werde ich tot sein, und du die Erbin eines nicht unbeträchtlichen Vermögens. Ich habe unser Zusammentreffen von damals nicht vergessen und festgestellt, dass du dich von deinem Vater ebenso sehr unterscheidest wie ich selbst. Mein Bruder ist ein bedauernswerter Mensch, wie ich finde, denn was das Leben an Freude, Überraschungen und Humor bereithält, wird er wohl nie erfahren. Ich hasse ihn nicht, egal, wie er über mich denkt. Aber ich wollte wissen, ob du es zu schätzen weißt, wenn ich dich zu meiner Erbin mache. Und auch, als unser Kontakt leider wieder abbrach, habe ich mich in unregelmäßigen Abständen über dich und dein Wohlergehen kundig gemacht. So weiß ich, dass du einen Mann und zwei reizende Kinder hast. Und doch glaube ich einfach nicht, dass du glücklich bist. Nun, vielleicht wird das besser, wenn du jetzt durch das Vermögen ganz andere Möglichkeiten hast. Wie schon im Testament verankert, stelle ich ein paar Bedingungen, die auf jeden Fall von dir einzuhalten sind. Ich bin sicher, der Notar, mein guter Freund, Günther Fischer, oder sein Sozius Dominic werden dir beistehen, wo immer es nötig ist. Sie sind die Testamentsvollstrecker und bleiben es für mindestens fünfundzwanzig Jahre. Dazu kommt, dass ich wünsche, dass du in mein Haus einziehst, in dem Alois und ich glücklich waren. Und als letztes, meine Liebe, verfüge ich, dass du von dem angelegten Geld nichts einfach für fragliche neue Anlagen ausgeben darfst. Es kommt von den Zinsen und Dividenden mehr als genug zusammen, um euch ein Leben in Wohlstand zu garantieren, außerdem wird die Firma von Alois von einem Konsortium weitergeführt und bringt ebenfalls erhebliche Einkünfte. Sieh dies bitte nicht als Schikane an, liebe Sandra, ich möchte nur vermeiden, dass du auf gewiefte Leute hereinfällst und du so teure und auch schmerzhafte Erfahrungen machst wie ich. Verlass dich voll und ganz auf Fischer und Dominic, sie werden immer das richtige wissen und dich niemals falsch beraten.

Und jetzt, liebe Sandra, möchte ich zum Schluss kommen. Ich wünsche dir für dein Leben alles Gute, und soviel Glück, wie ein einzelner Mensch haben kann. Umgibt dich nicht mit falschen Freunden, bleib so natürlich und fröhlich, wie du es immer warst. Die besten und liebsten Grüße von deiner Tante Sarah.“

Lars ließ den Brief sinken und schaute seine Frau an. „Das ist kaum zu glauben, mein Schatz. Ich habe eine Frau, die reich ist.“

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