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Mallory und die Nacht der Toten

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. KAPITEL 1
  6. KAPITEL 2
  7. KAPITEL 3
  8. KAPITEL 4
  9. KAPITEL 5
  10. KAPITEL 6
  11. KAPITEL 7
  12. KAPITEL 8
  13. KAPITEL 9
  14. KAPITEL 10
  15. KAPITEL 11
  16. KAPITEL 12
  17. KAPITEL 13
  18. KAPITEL 14
  19. KAPITEL 15
  20. KAPITEL 16
  21. KAPITEL 17
  22. KAPITEL 18
  23. KAPITEL 19
  24. KAPITEL 20
  25. KAPITEL 21
  26. KAPITEL 22
  27. KAPITEL 23
  28. KAPITEL 24
  29. KAPITEL 25
  30. KAPITEL 26
  31. KAPITEL 27
  32. KAPITEL 28
  33. KAPITEL 29
  34. KAPITEL 30
  35. ANHANG 1
  36. ANHANG 2
  37. ANHANG 3
  38. ÜBER DEN AUTOR

Für Carol, wie immer.

Und für Mallorys (und meine) Freundinnen:

Lesley Ainge

Catherine Asaro

Joan Bledig

Cokie Cavin

Linda Donahue

Linda Dunn

Laura Frankos

B. J. Galler-Smith

Paula Goodlett

Adrienne Gormley

Janis Ian

Michaele Jordan

Fiona Kelleghan

Kay Kenyon

Nancy Kress

Yvonne McDonald

Julia Mandala

Maureen McHugh

Heidi Ruby Miller

Debbie Oakes

Kristine Kathryn Rusch

Josepha Sherman

Jane Yolen

und die weibliche Person aus Colorado.

KAPITEL 1

18:30 UHR BIS 18:55 UHR, ABEND VOR ALLERHEILIGEN

Es sah nicht besonders nach einem Detektivbüro aus.

Auf einer Seite stand ein Schreibtisch, darauf befanden sich Zierdeckchen, eine Teekanne, die man nur als edel bezeichnen konnte, Bleistifte und Kulis, die ordentlich neben einem Telefon aufgereiht lagen, sowie die gerahmte Ferrotypie einer molligen Frau, die, das Gewehr in der Hand, mit einem Fuß auf dem Hals einer toten Gorgone posierte.

Die andere Seite des Büros erweckte den Eindruck, dass hier seit Monaten, wenn nicht Jahren nicht mehr aufgeräumt worden war, was auch exakt den Tatsachen entsprach. Zwei vollbusige Playmates klebten an der Wand. Mallorys Partnerin hatte sie per Magic Marker sorgfältig mit Büstenhaltern und Höschen ausgestattet. Rings um einen großen Papierkorb lagen elf zerknüllte Pappbecher, die Mallory ungefähr in diese Richtung geworfen hatte, ohne jemals den Papierkorb zu treffen. In einer Schublade seines Schreibtisches lag die Büroflasche, in einer zweiten ein Stapel ungelesener Romanhefte und in einer dritten Unterwäsche und Socken zum Wechseln.

Die Küche – früher war dies hier eine Wohnung gewesen – enthielt einen uralten Kühlschrank, in dem man derzeit drei Sechserpacks Bier fand, einen Vorrat Zitronenscheiben für den Tee seiner Partnerin und sieben Viertelliter Milch für die Bürokatze.

John Justin Mallory lümmelte auf seinem Bürostuhl und spürte jedes einzelne seiner fünfundvierzig Lebensjahre. Er hatte den Trenchcoat über eine Stuhllehne geworfen, trug aber weiterhin den ramponierten Filzhut. Die Füße hatte er behaglich auf dem Tisch abgestützt. Ein frischer Pappbecher enthielt einen Schuss Old Peculier, und Mallory hielt die Ausgabe der Racing Form so, dass Immergrün, der Zauberspiegel, ihm über die Schulter blicken und darin lesen konnte.

»Was denkst du?«, fragte der Detektiv.

»Du weißt sehr gut, was ich denke.«

»Er muss heute so weit sein«, behauptete Mallory. »Ich fühle es bis tief in die Knochen. Ich meine, wie viele Rennen kann er denn zum Teufel noch mal hintereinander verlieren?«

»Der Form zufolge sind es vierundsechzig, ein Ende nicht absehbar«, sagte Immergrün.

»Aber sieh dir mal die Quoten an«, beharrte Mallory. »Neunundneunzig Billionen zu eins in einem Feld aus fünf Pferden. Wer hat schon jemals von solchen Quoten gehört?«

»Wahrscheinlich reicht das Zählwerk nicht weiter«, entgegnete der Spiegel.

»Oh du Kleingläubiger! Warum sollte es nicht möglich sein, dass ein Pferd, das den Namen Flyaway trägt, nicht hin und wieder mal gewinnt?«

»Möchtest du wirklich, dass ich darauf antworte?«, fragte Immergrün und gähnte.

Eine weibliche Kreatur, die auf den ersten Blick menschenähnlich wirkte – was bei genauerem Hinsehen entschieden weniger der Fall war –, streckte auf dem Kühlschrank lässig ihren katzenhaften Körper. »Sie sollten ihn in Handicap-Rennen an den Start bringen, damit er eher mal eine Chance hat«, sagte sie.

»Heute hat er ein Handicap«, sagte Mallory. »Die übrigen vier Pferde sind ihm zwischen zehn und sechzehn Pfund voraus.«

»Ich meinte ein echtes Handicap«, wandte das Katzenmädchen ein und schnurrte leicht. »Zum Beispiel einen Vorsprung von vierhundert Metern gegenüber einem Feld aus blinden dreibeinigen Pferden.«

»Bleib auf dem Teppich, Felina«, sagte Mallory. »Das steigt mir sonst zu Kopf.«

»Gut«, fand Felina. »Vielleicht treibt es dich ja dazu, auf Flyaway zu setzen, bis hinab zum linken Ellbogen.«

»Nicht sehr wahrscheinlich«, singsangte Immergrün.

Felina wirbelte durch die Luft und landete auf Mallorys Schreibtisch. »Da dein Ellbogen nicht beschäftigt ist, kannst du mir den Rücken schubbern.«

Mallory streckte eine Hand aus und kratzte sie geistesabwesend zwischen den Schulterblättern, während er weiterhin in der Form las.

»Das ist verkehrt!«, protestierte Felina.

»Was ist verkehrt?«

»Du kratzt«, beschwerte sie sich. »Ich möchte, dass du schubberst.«

»Worin besteht der Unterschied?«

»Er ist wie der Unterschied zwischen Nacht und beinahe Nacht«, erklärte sie hilfreich.

»Prima«, sagte Mallory und rieb ihr das Kreuz. »Sag mir Bescheid, wenn ich es richtig mache.«

Sie streckte sich und schnurrte lautstark, und ehe sie ihm eine Antwort geben konnte – nicht, dass er eine gebraucht hätte –, ging die Bürotür auf und Mallorys Partnerin trat ein. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, stellte eine braune Einkaufstüte voller Einkäufe ab, strich sich einige Falten aus dem Kleid und ein Büschel grauer Haare aus dem rundlichen Gesicht und atmete tief aus.

»Man glaubt ja nicht, was da draußen los ist«, erklärte Winnifred Carruthers. »Ich bin richtig fertig! Es hat fast eine Stunde gedauert, einen Krug Räucherwerk zu bekommen, und die Schlange bei den schwarzen Kerzen war endlos. Alle Welt kauft auf den letzten Drücker ein.«

»Ich dachte, das täte man an Heiligabend«, sagte Mallory.

»Das gilt für das Manhattan, das du verlassen hast, John Justin«, wandte sie ein. »In unserem Manhattan feiert alle Welt All Hallows’ Eve, den Abend vor Allerheiligen.«

»Nenn es ruhig, wie du möchtest, aber da, wo ich herkomme, heißt es Halloween.«

»Die jüngere Generation nennt es so«, räumte Winnifred ein. »Für den Traditionalisten bleibt es jedoch All Hallows’ Eve. Du solltest aufmerksamer sein, John Justin. Die ganze Stadt macht sich bereit zu feiern.«

»Ich hätte eigentlich gedacht, dass dieses Manhattan genug unter Gespenstern und Goblins und nächtlichen Unruhestiftern gelitten hat, ohne auch noch einen Tag einzuplanen, an dem man sie feiert«, bemerkte Mallory trocken.

»Du siehst das ganz falsch, John Justin«, fand Winnifred. »Es ist ein festlicher Anlass.« Sie lächelte glücklich. »Mein Neffe Rupert ist für eine Woche zu Besuch gekommen. Er ist erst gestern eingetroffen. Ich hoffe, ihm gefallen einige der Geschenke, die ich für ihn gekauft habe.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte Mallory. »Soweit ich dich kenne, hast du eine ausreichend große Auswahl für ihn erworben.« Er widmete sich wieder der Form.

»Ach du meine Güte!«, rief Winnifred. »Du liest in der Racing Form!«

»Und?«

»Also läuft dieses arme Geschöpf heute Abend wieder, nicht wahr?«

»Wieder laufen würde ja bedeuten, dass er schon mal gelaufen ist«, sagte Felina.

»In diesem Büro besteht eine Menge Mitgefühl für ein Pferd, das noch nie in Schweiß ausgebrochen ist«, sagte Mallory gereizt, »und nicht viel für den Typ, der immer wieder darauf setzt.«

»Vielleicht, weil das Pferd es nicht besser weiß«, deutete Immergrün an.

»Weiter unten an der Straße hat jemand einen Hund, der seinem Besitzer immer wieder wegläuft«, erzählte Felina. »Vielleicht könnten wir ihn mit Flyaway füttern, damit er langsamer wird.«

»Irgendwann wird er mal gewinnen, und die Gewinnquote wird in die Geschichte eingehen«, behauptete Mallory.

»Wenn du darauf setzt, dass er unter die ersten drei kommt, und er im vierten Lauf antritt und als dritter im neunten Lauf ins Ziel kommt, gewinnst du dann auch?«, fragte Felina.

»Jetzt ist es genug«, sagte Mallory. Er legte die Ausgabe der Form auf den Schreibtisch. »In Ordnung, wir haben so eine Art Feiertag. Ich lasse die Rennbahn aus und lade dich zum Abendessen ein.«

»Es ist der Vorabend von Allerheiligen«, sagte Felina und rieb sich an ihm. »Seien wir großzügig und nehmen das dicke Weib mit.«

»Ich hatte eigentlich mit … meiner Partnerin gesprochen«, sagte Mallory. »Du bleibst hier und bewachst das Büro.«

»Hier findet man doch nichts, was sich lohnen würde zu stehlen!«, protestierte Felina.

»Na, das gefällt mir!«, blaffte Immergrün.

»Wozu ist schon ein Zauberspiegel gut, der nie Katzenfilme zeigt?«, schniefte Felina.

»Es gibt keine Katzenfilme«, wandte Immergrün ein.

»Du zeigst immer nur Frauen, die sich die Kleider ausziehen«, sagte Felina. »Was soll daran Spaß machen?«

»Was?«, fragte Winnifred und funkelte ihren Partner an.

»Das ist gar nicht so«, wehrte sich Mallory. »Manchmal sehe ich mir auch Wrestling an.«

»Nackte Damen, die im Schlamm ringen«, sagte Felina und rümpfte angewidert die Nase.

»Das ist eine Kunstform«, sagte Mallory, »kein Sportwettkampf.«

»Das ist obszön!«, erklärte Winnifred streng.

»Es ist langweilig«, fand Felina.

»Ich könnte dir nackte Damen beim Fallschirmspringen zeigen, falls das mehr deinem Geschmack entspricht«, bot Immergrün an.

»Kannst du nichts anderes zeigen als nackte Damen?«, fragte Winnifred.

»Meine Aufgabe ist es, das Publikum zu erfreuen«, erklärte Immergrün. »Wenn du mich fragst, was ich gern zeigen würde …«

Der Spiegel wurde zur Leinwand, und Charaktere bewegten sich in einer exotisch wirkenden Kneipe.

»Also Casablanca«, sagte Mallory. »Wie toll. Da sitzt Dooley Wilson am Klavier, und hier kommt Peter Lorre mit den Pässen.« Dann: »Nein, ich habe mich geirrt.«

»Du hast recht«, sagte Immergrün.

»Aber das ist nicht Bogart, und das Mädchen ist ganz sicher nicht die Bergman.« Er blickte scharf auf die Leinwand. »Der Typ sieht aus wie Ronald Reagan.«

»Und das Mädchen ist Ann Sheridan«, erklärte der Spiegel.

»Also ist es nicht Casablanca«, folgerte Mallory.

»Doch, ist es. Es ist der Film, den sie gedreht hätten, falls sie die Schauspieler der ersten Wahl für die Rollen bekommen hätten. Wir könnten es als Doppelvorstellung mit Clark Gable und Humphrey Bogart zeigen, John Hustons vorrangigen Kandidaten für Der Mann, der König sein wollte.«

»Vergiss es«, sagte Mallory entschieden. »Wenn Bogey und Bergman nicht dabei sind, ist es nicht Casablanca.«

»In Ordnung«, sagte Immergrün und seufzte melodramatisch. »Ich habe mein Bestes getan. Manche Leute sind fest in ihrer Ignoranz verankert. Sie lehnen es einfach ab, sich kulturell weiterzuentwickeln.«

Reagan und Sheridan wurden sofort durch Bubbles La Tour ersetzt, die so schnell mit den Hüften kreiste, dass Mallory beim Hinsehen fast schwindelig wurde.

»Das ist jetzt aber genug!«, erklärte Winnifred barsch.

»Was immer du sagst«, gab Immergrün nach. Bubbles La Tour wich auf der Stelle dem fünften Inning eines Baseballspiels der American Association von 1938 zwischen den Everglades Einhodern und den Key West Kastraten.

»Wisst ihr«, sagte Mallory wehmütig, »ich erinnere mich noch an die gute alte Zeit, als ich mich nur mit Dieben und Straßenräubern befassen musste. Und ich musste das Büro verlassen, um sie zu finden. In meinem Manhattan fand man keine hochnäsigen Spiegel und keine verzogenen, neunzig Pfund schweren Bürokatzen.«

»Wohl oder übel ist das hier jetzt dein Manhattan, John Justin«, stellte Winnifred fest.

»Aber nur solange er mich füttert und schubbert«, sagte Felina.

»Du bist das wandelnde Gelüst«, beklagte sich Mallory.

»Ich fühle mich zu behaglich, um herumzuwandeln«, erwiderte das Katzenmädchen. »Ich bin ein sich rekelndes Gelüst.«

»Wo wir gerade von Gelüsten sprechen«, sagte Winnifred, »hast du nicht eben von Abendessen gesprochen, John Justin?«

»Ach zum Teufel, wieso nicht?«, fragte Mallory. »Wenn wir wirklich einen Feiertag haben, dann scheint es mir eine Schande, einfach den Pizzadienst zu rufen.«

»Klingt gut, finde ich«, sagte sie. »Wohin gehen wir?«

»Wohin du möchtest. Ich möchte nur unterwegs in Joey Chicagos Kneipe hineinschneien und vielleicht bei Harry dem Buchmacher einen oder zwei Zehner auf Flyaway setzen. Dann können wir, wenn du möchtest, deinen Neffen abholen und alle zusammen zu Abend essen.«

»Rupert hat vor einer Stunde immer noch geschlafen«, sagte sie. »Ich denke, wir stören ihn lieber nicht.«

»Er schläft?«, fragte Mallory. »Der Junge muss ja eine echte Nachteule sein.«

»Er ist ein gesunder junger Mann und neu in der großen Stadt«, stimmte ihm Winnifred zu. »Er war letzte Nacht unterwegs und hat sich alles angesehen.«

Mallory zuckte die Achseln. »Falls er es wieder nach Hause geschafft hat, dann vermute ich, dass er auf sich aufpassen kann.«

»Sobald er sich an vernünftige Zeiten hält, zeige ich ihm mal das Kunstmuseum und die Symphonie«, sagte Winnifred.

»Ja, das wird einem netten, gesunden jungen Mann gefallen«, sagte Mallory, bemüht, jeden Sarkasmus im Ton zu vermeiden. Er zögerte. »Also, wohin führe ich dich zum Abendessen aus?«

»Weißt du, ich hatte seit Jahren kein Einhornsteak mehr.«

»Wird so etwas in New York serviert?«

»Ich kenne genau den richtigen Laden«, sagte Winnifred. »Der Mystische Bratspieß. Er liegt an der Ecke Trägheit und Völlerei.«

»Dann lass uns gehen«, sagte Mallory und reichte ihr den Arm. Sie streckte die Hand danach aus und schwankte auf einmal, als stünde sie kurz davor, in Ohnmacht zu fallen.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er besorgt, während er ihr half, das Gleichgewicht zu halten.

»Nur ein leichter Schwindelanfall«, antwortete Winnifred und lehnte sich an ihn. »Wahrscheinlich habe ich mich beim Einkaufen überanstrengt.«

»Ich weiß nicht recht«, wandte Mallory ein. »Ich habe dich noch nie müde gesehen.«

»Wir werden alle älter, John Justin. Es fällt mir selbst schwer, es zu glauben, aber ich bin in den Sechzigern.«

»Genau genommen«, fuhr Mallory in besorgtem Ton fort, »habe ich dich noch nie so blass gesehen. Vielleicht sollten wir zur Sicherheit einen Arzt aufsuchen.«

»Ich komme klar«, versicherte ihm Winnifred. Sie befreite sich aus seinen stützenden Armen. »Ich musste mich nur kurz ausruhen. Ich bin jetzt bereit zu gehen.«

»Bist du sicher?«

Sie nickte. »Ich bin sicher.«

»Mach das noch mal!«, verlangte Mallory scharf.

»Was denn?«

»Noch mal so nicken«, sagte er und musterte sie konzentriert.

»Stimmt irgendwas nicht, John Justin?«

»Mach es einfach!«

Sie zuckte die Achseln und nickte.

»Scheiße!«, brummte Mallory. »Komm mal herüber, wo es heller ist.«

»Was ist denn los?«, wollte Winnifred wissen und klang jetzt selbst besorgt.

»Wenn ich es dir sage, hältst du es für eine Art Halloweenscherz«, sagte Mallory. »Felina, sieh dir die Stelle an, auf die ich zeige, und sag mir, was du siehst.«

»Zwei kleine Löcher«, sagte das Katzenmädchen.

»Und wo sind sie?«

»An ihrem Hals.«

»Meint ihr das wirklich ernst?«, fragte Winnifred.

»Warum zum Teufel sollte ich dich anlügen?«, wollte Mallory wissen. »Seit wann hast du diese Schwindelanfälle?«

»Erst seit heute«, antwortete sie. »Beim Einkaufen musste ich mich einmal setzen und warten, bis es vorüber war, und dann gerade eben. Aber wie du ja siehst, dauern sie nicht sehr lange an.«

»Keine weiteren?«, erkundigte er sich.

»Nein.«

»Denke lieber gründlich nach.«

Sie runzelte die Stirn. »Na ja, nur einen.«

»Um welche Uhrzeit vergangene Nacht war das?«

Sie machte vor Überraschung große Augen. »Woher wusstest du das?«

»Weil dein Neffe erst gestern Nachmittag eingetroffen ist.«

»Du möchtest doch sicher nicht andeuten, dass Rupert …«

»Was hat sich seit gestern Nachmittag noch in deinem Leben verändert?«, fragte Mallory. Er blickte zum Fenster hinaus. »Das Essen kann warten. Sogar Flyaway kann warten. Wir müssen sofort in deine Wohnung.«

»Wozu die Eile?«, fragte Winnifred. »Er wird später immer noch dort sein, und wir können mit diesem Unfug aufhören. Er sagte mir, dass er nicht vor sieben oder acht Uhr losziehen wollte, um zu feiern.«

»Ich mache mir keine Sorgen darum, dass er ausgehen könnte.«

»Worum dann?«

»Ich möchte sicherstellen, dass wir ihm begegnen, ehe es dunkel wird.«

KAPITEL 2

18:55 UHR BIS 19:22 UHR

Winnifreds Wohnung lag drei Häuserblocks vom Büro entfernt in einem der robustesten Häuser, das Mallory je gesehen hatte. Ein uniformierter Türsteher – dessen Schwanz immer mal wieder unter dem langen Mantel hervorlugte – öffnete die Tür für sie, und einen Augenblick später standen sie im Fahrstuhl. Winnifred erlitt einen kurzen Schwindelanfall, als sie sich der siebten Etage näherten, aber als der Fahrstuhl anhielt, ging es ihr wieder gut.

»Warum starrst du mich so an, John Justin?«, fragte sie beim Aussteigen.

»Ich versuche zu entscheiden, ob du zu Hause bleiben und dich ausruhen oder ins Krankenhaus gehen und eine Bluttransfusion erhalten solltest.«

»Ich denke weder an das eine noch an das andere«, sagte sie. »Wir haben All Hallows’ Eve. Das ist ein Abend, an dem man feiert.«

»Fang damit an, indem du nicht hinfällst«, sagte Mallory. »Du kannst dich später noch in Feierlaune steigern.«

»Du betrachtest das aus einem ganz falschen Blickwinkel, John Justin«, fand Winnifred. »Falls mich wirklich ein Vampir gebissen hat, dann ist heute die beste Nacht des Jahres, um den Schuldigen zu finden. Alle Nachtgeschöpfe strömen vor Allerheiligen ins Freie.«

»Du wurdest gebissen«, versicherte ihr Mallory. »Und wir brauchen auch nicht nach transsilvanischen Grafen mit schlechtem Akzent zu suchen. Das Ding, das dich gebissen hat, schläft dort drüben in deiner Wohnung.«

»Rupert ist kein Ding!«, erklärte sie barsch. »Er ist mein Neffe, und ich bin sicher, dass es für all das eine logische Erklärung gibt.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte er zweifelnd. »Falls ich in meinen zwei Jahren hier etwas gelernt habe, dann, dass man in diesem Manhattan logische Erklärungen nicht gerade in Hülle und Fülle findet.«

»Unfug!«, erklärte sie entschieden und wirkte jetzt wieder ganz wie früher. »Wir sprechen mit Rupert und dringen zum Kern der Sache vor.«

Sie blieben vor einer Tür stehen.

»Ist sie das?«, fragte Mallory.

»Ja.«

»Gib mir deinen Schlüssel.«

»Ich kann meine Wohnungstür selbst aufschließen, John Justin.«

»Gib ihn her! Du gehst nicht als Erste dorthinein. Ich weiß nicht, was hinter dieser Tür lauert.«

»Na ja, ich weiß es«, sagte sie. »Das ist mein Zuhause, um Himmels willen!«

»Um eine blonde Granate zu zitieren, nach der ich mich als kleiner Junge verzehrte: Ich denke nicht, dass der Himmel viel damit zu tun hat.«

Er nahm ihr den Schlüssel ab, steckte ihn ins Schlüsselloch, drehte ihn und öffnete langsam die Tür.

»Es ist hier drin dunkel wie in einem Grab«, beklagte er sich.

»Ich spare Strom, bis wir unseren nächsten Fall bearbeiten«, erklärte Winnifred. Sie streckte die Hand aus und drückte einen Wandschalter, und auf einmal war das Zimmer in Licht getaucht.

»Teufel auch!«, rief Mallory. »Das ist jetzt aber mal eindrucksvoll!«

»Ich bin sehr stolz darauf.«

»Das solltest du auch«, sagte Mallory, der nach wie vor an die Wand zu seiner Linken starrte. Daran waren die Köpfe einer Gorgone, einer Chimäre, einer Banshee, eines Einhorns, eines Drachen und eines halben Dutzends weiterer Tiere montiert, die er nicht kannte. Darunter stand ein Waffenständer voller durchschlagskräftiger Gewehre verschiedener Fabrikate und Kaliber. »Das solltest du dem Museum vermachen.«

»Das habe ich schon.« Sie unterbrach sich. »Das Einzige, was fehlt, ist der Yeti. Ich habe ihn zwei Jahre lang im Himalaya gejagt. Ein paarmal bin ich auf seine Fährte gestoßen, habe ihn jedoch nie tatsächlich gesehen. Die Waffen sind natürlich nicht mehr im Gebrauch – Andenken an ein aufregenderes Leben. Ein Leben, das ich für immer ad acta gelegt wähnte, bis ich dir begegnete.«

»Hallo, Winnifred«, wurde eine Stimme vernehmbar. »Willkommen zu Hause!«

Mallory prallte zurück und musterte forschend die Wand, um festzustellen, welcher Kopf da gesprochen hatte.

»Wer hat das gesagt?«, wollte er wissen.

»Ich war das«, antwortete die Stimme, und plötzlich flog ein leuchtender Vogel, dessen Färbung ständig wechselte, über all die mit Zierdeckchen verschönerten Sessel und Sofas hinweg und hockte sich auf Winnifreds Schulter.

»Das ist Dolzetta, mein Singvogel«, erklärte Winnifred.

»Sorge nur dafür, dass Felina sie niemals zu sehen bekommt.«

Winnifred lächelte. »Warum denkst du, dass ich sie hier aufbewahre und nicht im Büro?«

»Ich glaube nicht, dass ich jemals so einen Vogel gesehen habe«, sagte Mallory, von den ständig wechselnden Farben des Tieres fasziniert.

»Sie wurde aus Italien importiert«, erklärte Winnifred. »Sing etwas für meinen Partner, Dolzetta.«

Der Vogel stimmte eine trällernde Arie aus Madame Butterfly an.

»Ist es nicht wunderschön?«, fragte Winnifred.

»Sehr nett«, antwortete Mallory. »Etwas hochgestochen für meinen Geschmack.«

Dolzetta stimmte sofort ein anderes Lied an. »Das ist Amore.«

»Das genügt fürs Erste, danke«, sagte Winnifred, und der Vogel verstummte.

»Was ist das?«, fragte Mallory und betrachtete einen kleinen Glaskasten, der einen Seidenschleier und eine zerdrückte Rose enthielt.

»Das stammt aus einer Zeit, die lange zurückliegt«, antwortete sie unbehaglich und wandte sich sofort anderen Dingen zu. »Oh, ich habe vergessen, Essen hinauszustellen!«

»Verdammt, wie viele Bettler kommen an deinem Türsteher vorbei und schaffen es bis in die siebte Etage?«, fragte Mallory und folgte ihr an Regalen vorbei, die dicht bepackt waren mit Liebesromanen, DVDs von Liebesfilmen und CDs jedes sentimentalen Liebeslieds, das Mallory jemals gehört hatte, plus einiger Hundert, die ihm glücklicherweise entgangen waren.

»Es ist nicht für Bettler«, sagte sie, eilte in die Küche und holte einige Sachen aus dem Kühlschrank. »Na ja«, korrigierte sie sich, »jedenfalls nicht für die Art Bettler, von der du sprichst.« Sie ging zu einem Fenster, öffnete es lange genug, um die Lebensmittel auf einen breiten Fenstersims zu stellen, und schloss es wieder. »Das ist für die Harpyien. Sie sind in dieser Jahreszeit so hungrig. Und seit zwei Wochen zeigt sich hier auch ein süßer Minipegasus.«

Mallory runzelte die Stirn. »Das ist irgendwie widersprüchlich, oder?«

»Ich kann dir nicht folgen, John Justin.«

Er deutete erst auf die Köpfe und dann auf den kleinen Pegasus, der sich gerade auf den Fenstersims setzte. »Schießt du sie nun oder fütterst du sie?«

»Jede Kreatur an dieser Wand war darauf erpicht, mich zu zerfleischen«, antwortete sie. »Trotzdem gab ich jeder eine sportliche Chance. Diese armen kleinen Schätzchen jedoch …« Sie deutete auf drei anfliegende Harpyien. »… möchten nicht mehr, als etwas zu fressen und eine sichere Stelle, wo sie es fressen können.«

Unvermittelt streckte sie die Hand aus und stützte sich an der Wand ab.

»Verdammt!«, sagte Mallory. »Ich war noch nie hier und finde es so interessant, dass ich beinahe vergessen habe, warum wir gekommen sind. Wo steckt dein Neffe?«

»Er schläft.«

Mallory blickte zum Fenster hinaus. »Es dämmert«, stellte er fest. »Er dürfte jetzt aufwachen.«

Und wie aufs Stichwort öffnete ein schlanker junger Mann, ein paar Zoll kleiner als Mallory und mit zerzausten braunen Haaren, eine Schlafzimmertür und kam ins Wohnzimmer, angetan mit einem Pyjama, einem Bademantel und Pantoffeln.

»Ich hatte Stimmen gehört«, sagte er und blinzelte, als versuchte er, scharf zu sehen.

»Rupert, das ist mein Partner John Justin Mallory«, sagte Winnifred. »John Justin, das ist mein Neffe Rupert Newton.«

»Nennen Sie mich nur nicht Feigenbaum«, sagte Rupert. »Ich hasse es, wenn die Leute mich so nennen.«

»Gibt es sonst noch Anredeformen?«, fragte Mallory und trat auf ihn zu.

»Welche zum Beispiel?«, fragte der junge Mann verwirrt.

»Oh, keine Ahnung«, entgegnete der Detektiv achselzuckend. »Vielleicht Vlad. Oder Nosferatu.«

Rupert prallte zurück, als wäre er gestochen worden. »Woher wissen Sie das?«

»Ich bin ein geschulter Detektiv«, gab Mallory trocken zu bedenken. »Außerdem ist deine Tante blass wie ein Gespenst und versucht immer wieder hinzufallen.«

»Es tut mir leid, Tante Winnifred«, sagte Rupert. »Ich wollte das nicht.«

»Dann bist du ein Vampir?«, fragte sie überrascht.

»Noch nicht, vermute ich«, sagte Mallory, während er den jungen Mann forschend betrachtete. »Aber er kennt einen Vampir, nicht wahr, Rupert?« Er deutete auf Ruperts Hals. »Siehst du? Ganz wie deine, nur hat er sie offensichtlich schon viel länger.«

»Seit einer Woche«, gestand Rupert kläglich.

»Wie kam es dazu?«, wollte Mallory wissen. »Bist du mit einem Mädchen ausgegangen, das für seine fantastischen Liebesbisse bekannt war?«

»Sie machen sich über mich lustig!«, protestierte Rupert.

»Jungchen, nichts ist lustig daran, zu den Untoten zu gehören«, sagte Mallory. »Ich würde ja gern sagen, dass ich dir helfen möchte, aber ich weiß nicht, wie. Meine vorrangige Aufgabe ist es, deine Tante zu beschützen.«

»Ich möchte ihr gar nichts tun!«

»Das glaube ich dir«, sagte Mallory. »Aber noch fallen ein paar Sonnenstrahlen vom Himmel. Wie wirst du dich in zwei Stunden fühlen, was das angeht?«

»Ich würde Tante Winnifred nie verletzen!«

»Woher wusste ich wohl, wonach ich Ausschau halten muss?«, wollte Mallory wissen. »Winnifred, dreh mal den Kopf.« Sie tat wie geheißen, und er deutete auf die zwei Löcher an der Halsseite. »Erinnerst du dich überhaupt daran, das getan zu haben?«

Rupert starrte seine Tante aus großen Augen an. »Nein«, sagte er. Dann fügte er hinzu: »Ich dachte, es wäre ein Traum.«

»Okay«, sagte Mallory, »sobald also der Drang oder Hunger oder wie immer man es nennen möchte, einsetzt, weißt du nicht mehr, was du tust, und erinnerst dich anschließend auch nicht daran.« Er wandte sich an Winnifred. »Wie ich schon sagte, er kann nicht in deiner Nähe bleiben.«

Winnifred schien Einwände erheben zu wollen, überlegte es sich dann aber anders und blieb still.

»Du möchtest deiner Tante nicht wehtun«, sagte Mallory. »Ich möchte nicht, dass ihr jemand wehtut. Lässt du zu, dass ich dich in einem Hotel unterbringe, bis ich jemanden finde, der dir helfen kann?«

Rupert nickte. »Wie möchten Sie mich dort festhalten? In meinem Traum werde ich nachts stärker.«

»Wir sorgen dafür, dass du keinen Grund hast zu gehen«, sagte Mallory.

»Wie?«

»Die Goblins spielen heute Abend im Garden gegen die Gremlins, und es wird im Fernsehen übertragen«, antwortete er. »Wenn ich dich mit einer Flasche Blutplasma und einem Strohhalm vor den Fernseher setze, wüsstest du dann einen Grund, warum du nicht dort bleiben solltest?«

Rupert geiferte leicht, als Blutplasma erwähnt wurde. »Nein«, sagte er und wischte sich mit dem Ärmel des Bademantels den Mund ab. Dabei fiel Mallory auf, dass Ruperts Eckzähne etwas länger waren als durchschnittlich. »Nein, ich wüsste keinen.«

»Woher willst du das Blutplasma holen, John Justin?«, erkundigte sich Winnifred.

»Aus der örtlichen Blutbank.«

Rupert sabberte aufs Neue. Sein linkes Augenlid zuckte.

»Ich beteilige mich nicht an Diebstahl«, erklärte Winnifred entschieden.

»Ich stehle nichts«, wandte Mallory ein. »Ich habe vor, das Blut mit dem Zwanziger zu kaufen, den ich auf Flyaway setzen wollte.«

»Sie verkaufen das niemals an einen Privatmann.«

»Doch, das werden sie.«

»Was bringt dich auf diese Idee?«

»Weil Rupert mich begleiten wird«, antwortete Mallory und deutete auf den geifernden, zuckenden jungen Mann. »Ich werde ihnen erklären, dass sie mir das Blut entweder jetzt verkaufen oder lieber hoffen sollten, dass Rupert in ein oder zwei Stunden, wenn es draußen ganz dunkel ist, nicht mehr weiß, wo sie sich aufhalten werden.« Der Detektiv lächelte. »Er hat vielleicht nicht die Durchschlagskraft deiner.550er Nitro Express, aber es bringt gewisse Vorteile mit sich, wenn man einen angehenden Vampir in seinem Arsenal hat.«

KAPITEL 3

19:22 UHR BIS 19:52 UHR

»Im Grunde werde ich nachts gar nicht stärker«, sagte Rupert, während er und Mallory der Second Avenue folgten.

Mallory blieb stehen, als ein gelber Elefant mit Treiber und zwei Passagieren in der Sänfte die Straße entlangkam. »Ich gewöhne mich nie an das, was hier als Taxi durchgeht«, brummte er.

»Hier?«, wiederholte Rupert neugierig. »Woher kommen Sie, Mr Mallory?«

»Ich empfinde das drängende Bedürfnis zu sagen, dass ich mich nicht mehr in Kansas befinde«, antwortete Mallory. Er zuckte die Achseln. »Oh, na ja. Könnte schlimmer sein. Könnten Checker-Taxis sein.«

»Um wieder auf die Blutbank zu sprechen zu kommen, Mr Mallory …«

»Ja?«

»Wie ich schon sagte, im Grunde werde ich nachts nicht stärker.«

»Okay, du weißt das, und jetzt weiß ich es auch. Sorgen wir dafür, dass es unser Geheimnis bleibt, und solange man es dort nicht weiß, bekommen wir vielleicht, was wir brauchen.«

»Ich fühle mich einfach schrecklich deswegen.«

»Kein Grund zur Sorge«, sagte Mallory. »Ich erinnere mich nicht allzu gut an meine Groschenhefte und B-Filme, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es mehr als einen Biss erfordert, um dich oder deine Tante in einen Vampir zu verwandeln.« Er starrte den jungen Mann an. »Wer zum Teufel hat dich gekrallt?«

Der Junge schauderte. »Draconis.«

»Draconis?«

»Aristoteles Draconis.«

»Ist er ein Vampir?«

»Er muss einer sein. Ich bin gerade rechtzeitig aufgewacht, um zu sehen, wie er meine Kabine verließ.«

»Deine Kabine?«, wiederholte Mallory. »Du bist nicht von Europa hierher geflogen?«

Rupert schüttelte den Kopf. »Ich leide unter Höhenangst, also habe ich eine Passage auf der Untergehenden Seekuh gebucht.«

»Etwas ergibt hier keinen Sinn«, fand Mallory. »Ich dachte immer, Vampire könnten Wasser nicht überqueren.«

»Das dachte ich auch«, sagte Rupert. »Ich schätze, wir haben uns beide geirrt«, ergänzte er kläglich.

»Wie sieht dieser Draconis aus?«, fragte Mallory.

»Groß«, antwortete Rupert. »Sehr groß, etwas über zwei Meter. Und dürr wie ein Skelett. Und er ist ganz in Schwarz gekleidet.«

»Glatt rasiert?«

Der junge Mann nickte. »Ja. Mit dunklen, brennenden Augen.«

»Könntest du das genauer schildern?«, bat Mallory. »In meinem Manhattan wüsste ich, was es bedeutet, aber hier könnte es buchstäblich bedeuten, dass seine Augen in Flammen standen oder Funken schlugen.«

»Sie sahen aus, als könnten sie das«, sagte Rupert schaudernd. »Und da war noch etwas.«

»Ja?«

»Ich sah ihn am ersten Tag auf dem Deck spazieren gehen, und er war so bleich, dass ich glaubte, er könnte jederzeit zusammenbrechen. Ich meine, ich weiß, dass Sie auch Tante Winnifred für bleich hielten, aber das war nichts, verglichen mit ihm. Er war beinahe kalkweiß.«

»In Ordnung«, sagte Mallory. »Groß, ausgemergelt und kalkweiß. Das merke ich mir.«

»Nein«, sagte Rupert.

Mallory runzelte die Stirn. »Aber du hast gerade gesagt …«

»Er war beim ersten Mal bleich, als ich ihn sah«, erklärte Rupert. »Als er jedoch meine Kabine verließ, war seine Farbe normal. Sogar dunkler als normal.«

»Ich denke, wir gehen mal davon aus, dass es nicht am Besuch eines Sonnenstudios lag«, sagte Mallory. »Weißt du sonst noch etwas von ihm?«

»Ich habe ihn sagen hören, dass er sich darauf freue, Amerika zu erkunden. Ich hatte den Eindruck, dass er noch nie dort gewesen war.«

»Gut.«

»Gut?«, wiederholte der Junge.

»Wenn er kein besonderes Ziel hatte, können wir durchaus davon ausgehen, dass er sich nach wie vor in Manhattan aufhält. Die Stadt ist in jedem Reiseführer ein paar Tage wert. Das heißt, dass ich ihn vielleicht finden kann.«

»Glauben Sie mir, Sie möchten ihn gar nicht finden«, sagte der junge Mann ernst.

»Wieso nicht?«

»Er ist furchterregend«, sagte Rupert. »Wie hoch ist die Chance, dass er sich unter all den Menschen in New York ausgerechnet Tante Winnifred aussucht? Sie werden viel länger leben, wenn Sie ihm nie begegnen.«

»Und was, wenn er sich dich erneut vornimmt?«, fragte Mallory.

Ruperts Augen wurden groß vor Schreck. »Warum sollte er?«

»Vielleicht mag er deinen Geschmack. Vielleicht muss er dich noch ein paarmal beißen, um dich in einen Vampirgefährten oder auf ewig in seinen Diener zu verwandeln. Vielleicht ist er ein schwuler Vampir und findet dich hübsch. Man könnte ein halbes Dutzend Bücher mit all dem füllen, was ich nicht über Vampire weiß. Ich denke, dass sogar verdammt viele Romanzenschreiber in meinem Manhattan das bereits getan haben.«

»Denken Sie wirklich, dass er mir auf den Fersen sein könnte?«

»Ich denke, es wäre möglich.«

Die Hand des jungen Mannes zuckte vor und packte Mallory am Ärmel. »Dann nehme ich alles zurück. Sie müssen ihn erwischen!«

»Als Erstes muss ich dich von der Bildfläche verschwinden lassen«, sagte Mallory, während sie sich der Blutbank näherten. »Dann sehe ich erneut nach Winnifred, um sicherzugehen, dass sie okay ist, und dann zerbrechen wir uns den Kopf über Aristoteles Draconis.«

»Aber …«

»In dieser Reihenfolge!«, betonte Mallory und schritt schneller aus. Rupert betrachtete ihn kurz, bemerkte dann, dass er allein stehen geblieben war, und lief los, um den Detektiv wieder einzuholen.

Eine Minute später hatten sie die Blutbank erreicht. Mallory trat an den Empfangsschalter.

»Verzeihen Sie«, sagte er, um eine Schwester auf sich aufmerksam zu machen.

»Das hängt ganz davon ab, was Sie angestellt haben«, antwortete die Schwester.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Mallory verwirrt, »aber ich weiß nicht recht, wovon Sie reden.«

»Davon, Ihnen zu verzeihen«, erklärte die Schwester. »Wir können einen hohen Alkoholpegel und schlechte Cholesterinwerte verzeihen, aber wir können kein Blut akzeptieren, das infiziert ist mit Masern, Mumps, Mandelentzündung, Hexenschuss, Rheumatismus, Arthritis, Tennisarm, Zahnfleischentzündung, Plattfüßen, Sodbrennen …«

»Stopp!«, verlangte Mallory, ehe sie dreißig weitere Ausschlusskriterien herunterrasseln konnte. »Wir sind nicht hier, um Blut zu spenden.«

»An Feiertagen kaufen wir keines«, setzte sie ihm streng auseinander.

»Sie missverstehen mich. Wir sind hier, um Blut oder zumindest Blutplasma für den jungen Mann zu kaufen.«

»Welche Gruppe?«

»Das ist egal.«

»Wir müssen die Blutgruppe kennen, ehe wir es injizieren können«, beharrte die Schwester.

»Er möchte es nicht injizieren«, sagte Mallory. »Er möchte es trinken.«

Die Krankenschwester starrte den blassen jungen Mann an. »Ah ja«, sagte sie. »Jetzt erkenne ich es: die Blässe, die geweiteten Pupillen, die Andeutung verlängerter Eckzähne und natürlich die fehlenden Haare auf den Handrücken.«

»Sollten dort welche sein?«

»Nur wenn er von einem Werwolf gebissen wurde«, erklärte die Schwester, »in welchem Fall Sie besser beraten wären, eine Metzgerei aufzusuchen anstelle einer Blutbank.«

»Da wir das jetzt geklärt haben, wie wäre es mit, oh, keine Ahnung, einer halben Gallone Blut?«

»Das kommt nicht in Frage«, sagte die Schwester. »So viel können wir nicht erübrigen.«

»Wir sind bereit, dafür zu zahlen – vorläufig«, sagte Mallory vielsagend. »Ich kann nicht für später sprechen, wenn er erst mal verzweifelt ist.«

Sie starrte Rupert an, der inzwischen wieder sabberte. »Er sieht jetzt schon recht verzweifelt aus.«

»Ich weiß nicht, ob ich ihn im Griff behalte«, sagte Mallory.

Sie holte ein Kreuz und eine Kette Knoblauch aus einer versteckten Schublade unter dem Tresen. »Kein Grund zur Sorge«, beruhigte sie den Detektiv. »Wir können ihn im Griff behalten.«

Rupert hielt die Hände vors Gesicht. »Nehmen Sie das weg!«, schrie er.

Sie legte Knoblauch und Kreuz in die Schublade zurück. »Was sagten Sie noch gerade?«, fragte sie freundlich lächelnd.

»Nichts«, antwortete Mallory. »Komm schon, Junge – wir müssen es anderswo finden.«

»Warten Sie mal«, sagte die Schwester.

»Ja?«

»Es geht wirklich nicht an, dass Ihr junger Freund Fremde auf der Straße anfällt. Er könnte an den Falschen geraten und ernsthaft verletzt werden.« Sie schlug einen vertraulichen Ton an. »Es ist nicht allgemein bekannt, aber die meisten Lebensmittelgeschäfte verkaufen in dieser besonderen Nacht im Jahr Blut, da so viele Kreaturen unterwegs sind und feiern. Es ist nicht legal, aber die Polizei kümmert sich in der Regel nicht darum.«

»Danke«, sagte Mallory.

»Sie wissen es nicht von mir.«

»Meine Lippen sind versiegelt. Komm, Rupert.«

Er verließ die Blutbank in Begleitung des jungen Mannes, der die Abendluft einsaugte und tief seufzte. »Ah! Das ist schon besser!« Er wandte sich an Mallory. »Ich bin schon mein Leben lang gegen Knoblauch allergisch.«

»Dann lag es nicht daran, dass du dich in einen Vampir verwandelst?«

»Ich konnte das Zeug nie ausstehen. Mir tränen dabei die Augen.«

»In Ordnung«, sagte der Detektiv. »Ich denke, ich bringe dich in meiner Wohnung unter. Wozu das Geld an ein Hotel verschwenden? Falls Draconis nach dir sucht, wird er in meiner Wohnung auch nicht eher nachsehen als in einem Hotelzimmer. Er kann unmöglich von deiner Verbindung zu Winnifred wissen, und selbst wenn er es herausfände, wüsste er immer noch nicht, dass sie meine Partnerin ist.« Er zögerte. »Ein Lebensmittelmarkt liegt von meiner Wohnung aus gleich um die Ecke. Wir besorgen das Blut dort. Und sobald du erst mal in meiner Wohnung versteckt bist, setze ich mich mit Winnifred zusammen, und wir klamüsern unseren nächsten Schritt aus.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mr Mallory«, sagte Rupert. »Ich habe Vampire von jeher gehasst. Jetzt sieht es danach aus, als könnte ich selbst zu einem werden.«

»Das ist auch etwas, worum wir uns kümmern müssen – mal sehen, wie man die verdammte Geschichte rückgängig macht und dich wieder in einen normalen jungen Mann verwandelt. Deine Tante ist viel besser in Recherche als ich. Ich denke, diese Aufgabe übertrage ich ihr, während ich nach Draconis suche.«

»Pssst!«

Mallory blieb stehen und sah einen grünhäutigen Goblin, der ihm zwischen zwei Mietshäusern hervor zuwinkte. »He, Mister – hübsche Goblinmädchen!«

»Ich heiße Mister Mallory«, sagte der Detektiv gelangweilt. »Mister Hübsche Goblinmädchen wohnt im nächsten Häuserblock.«

»Ein Spaßvogel!«, murrte der Goblin. Er wandte sich an Rupert. »Hübsche Goblinmädchen, spottbillig.«

»Kein Interesse«, sagte Rupert.

»Na ja, dann außergewöhnlich hässliche und unverschämt teure Goblinmädchen, wenn das mehr eurem Geschmack entspricht.«

»Nein danke.«

»Vielleicht Goblinjungs?«, fragte der Goblin.

»Verschwinde!«, verlangte Mallory.

»Goblins in den Achtzigern?«

Mallory und Rupert schritten schneller aus.

»Blinde taubstumme vierfach amputierte Goblins?«

»Hast du wirklich einen?«, fragte Mallory.

»Sicher«, sagte der Goblin. Er holte ein Beil und einen Vorschlaghammer unter seinem Mantel hervor. »Gib mir fünf Minuten.«

»Vergiss es«, sagte Mallory. »Ich war nur neugierig.«

»Neugier bringt die Katze um«, sagte der Goblin. Auf einmal schnippte er mit den Fingern. »Wie wäre es mit einer toten Katze?«

Mallory ging weiter.

»Na gut!«, schrie ihm der Goblin nach. »Aber sei nicht überrascht, wenn sich der Preis bis Mitternacht verdreifacht!«

»Ich wäre nur überrascht, wenn überhaupt jemand zahlt«, sagte Mallory, als sie außer Hörweite des Goblins waren. »Wie hältst du dich, Junge? Es ist nur noch einen Block weit.«

»Ich komme schon klar«, sagte Rupert.

»Da ist das Schild«, sagte Mallory, nachdem sie weitere dreißig Meter zurückgelegt hatten.

»Noodniks Markt«, las Rupert.

»Lass dich von ihm nicht aus der Fassung bringen«, sagte Mallory. »Er ist ein ganz netter Kerl, aber er liebt Herausforderungen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Das wirst du noch.«

Sie gingen weiter, vorbei am Alten Ehrwürdigen Altbuchladen, wo man nur antiquarische Bücher verkaufte; an Ming Toy Yinglemans Echten Griechischen Speisen; dem eleganten Kartell für Industriespionage, dessen abgedunkelte Fenster im Schutz verstärkter Titaniumgitter lagen; und Herbals T-Laden, der eine riesige Auswahl an T-Shirts verkaufte, entworfen vom berühmten Hollywooddesigner Morris K. Herbal.

Endlich erreichten sie den Lebensmittelmarkt und traten ein. Seymour Noodnik kam ihnen sogleich entgegen.

»Hallo, Mallory«, sagte er. »Wir haben All Hallows’ Eve. Ein Mordsabend, um einem Fall nachzugehen.«

»Das tue ich nicht.«

»Du bist nicht auf der Suche nach einem Serienmörder oder, noch besser, drei unanständigen weiblichen Exhibitionisten?«, fragte Noodnik und versuchte, seine Enttäuschung zu verhehlen.

»Nee. Ich bin nur hier, um etwas zu kaufen.«

»Krokodilflügel«, schlug ihm Noodnik vor. »Ich habe sie im Sonderangebot.«

»Krokodile haben keine Flügel«, wandte Mallory ein.

»Jetzt nicht mehr«, stimmte ihm Noodnik zu und wischte ein Fleischermesser ab. »Ich kann dir einen Preis für ein Dutzend machen.«

»Kein Interesse.«

»Okay – dann Kanarienvogelzähne.«

»Vergiss es.«

»Man kann es dir nur schwer recht machen, Mallory. Wie wäre es mit einem Paar Kampffischen?«

»Lass mich raten«, sagte Mallory. »Es gibt sie komplett mit Pistolen und Messern.«

»Nein, sie heißen Ethel und Wilbur, und sie hassen einander. Sie nörgelt, und er betrügt sie mit einem Kaiserfisch, wann immer sie zu ihren Clubversammlungen geht.«

»Hältst du bitte mal eine Minute lang die Klappe und ermöglichst mir, dir zu erzählen, was ich möchte?«, fragte Mallory.

»Du bringst dich unrechtmäßig in meine Position«, fand Noodnik. »Mein Job ist es, an dich zu verkaufen.«

»Dann lass mich dir erklären, was du mir verkaufen sollst.«

Noodnik runzelte die Stirn. »Das gehört aber nicht zum Berufsbild. Wie wäre es mit einem Lederhelm mit Schutzbrille für eine Flugschlange?«

»Verdammt, Seymour, wirst du endlich die Klappe halten und mir zuhören, oder soll ich ein Stück weiter zu Gregory dem Grünzeughändler gehen?«

»In Ordnung, in Ordnung«, gab Noodnik nach. Dann setzte er im Vertrauen hinzu: »Früher war er Gregory der Braunzeughändler, ehe er diese schlechten Rigatoni verspeist hat.«

»Ich brauche eine halbe Gallone Blut«, sagte Mallory.

»Von welcher Art?«

Mallory schien verwirrt. »Der üblichen – rot.«

»Elfenblut? Libellenblut? Gorgonenblut?«

»Was trinkt ein Vampir?«

»Kommt darauf an«, antwortete Noodvik.

»Worauf?«

»Von welcher Art Vampir du sprichst. Ist er Republikaner? Ein Demokrat? Ein Royalist? Wie viele Arme hat er? Grob geschätzt?«

»Warum siehst du ihn dir nicht selbst an?«, fragte Mallory.

»Du meinst, er ist hier?«, wollte Noodvik wissen. »In der Nähe meiner Kunden?«

»Er ist harmlos.«

»Ich wette, das haben auch die ganzen Hadrosaurier vom T. R e x behauptet.«

»Er ist noch ein Junge. Er wurde gerade erst vergangene Woche gebissen.«

»Wie oft?«

»Woher zum Teufel soll ich das wissen?«, fragte Mallory gereizt. »Rupert, komm mal her.«

Er erhielt keine Antwort.

»Rupert!«, brüllte Mallory. Er blickte sich um. »Wohin ist er verschwunden?«

Ein kleiner Mann mit angehender Glatze und Eckzähnen von beinahe zweieinhalb Zentimetern – was ihn einer molligen Bulldogge ähnlich erscheinen ließ – näherte sich ihnen.

»Ich mische mich nur ungern ein, aber ich glaube, dass der junge Mann, nach dem Sie suchen, vor einer Minute ins Freie gerannt ist.«

»War ihm jemand auf den Fersen?«, fragte Mallory.

»Oder war er jemandem auf den Fersen?«, warf Noodnik ein.

»Ich glaube, er lief vor Entsetzen davon«, sagte der kleine Mann.

»Ach kommen Sie!«, sagte Noodnik. »So hoch sind meine Preise nun auch wieder nicht. Vielleicht habe ich sie für den Allerheiligenabend um ein paar Hundert Prozent heraufgesetzt, aber trotzdem …«

»Haben Sie gesehen, in welche Richtung er gelaufen ist?«, erkundigte sich Mallory.

»Ich fürchte, nein.«

»Verdammt!«, brummte Mallory. »Wo sucht man mitten in Manhattan nach einem entlaufenen Vampir?«

»Vielleicht kann ich dabei helfen«, sagte der kleine Mann.

»Ich dachte, Sie wüssten nicht, welche Richtung er eingeschlagen hat«, sagte Mallory.

»Das ist vollkommen richtig, Sir. Ich verlor ihn aus dem Blick, ehe er auch nur fünf Meter zurückgelegt hatte.«

»Also, wie dann?«

»Er ist doch ein entlaufener Vampir, oder?«

»Ja, ist er.«

»Und ich hörte, wie Mr Noodnik Sie fragte, ob Sie in Verfolgung eines Falles hier sind, was Sie eindeutig als Detektiv ausweist.«

»Worauf möchten Sie hinaus?«

»Nur darauf, dass wir, Sie und ich, uns zusammentun sollten – falls Sie mir das Blut kaufen, das Sie für den jungen Mann erwerben wollten.«

»Aber Sie wissen doch nicht, wo er steckt«, wandte Mallory ein. »Warum zum Teufel sollte ich Ihnen irgendetwas kaufen, und warum sollten wir uns zusammentun?«

»Wir brauchen einander. Sie wissen alles über Ausreißer, aber nichts über Vampire.« Der Mann lächelte zähnebleckend. »Ich andererseits weiß nichts über Ausreißer, aber ich weiß fast alles Wissenswerte über Vampire.«

Mallory blickte den kleinen Mann an.

»Seymour, gib meinem Freund hier eine Flasche Blut.« Er streckte eine Hand aus. »Ich heiße Mallory.«

»John Justin Mallory?«, fragte der kleine Mann aufgeregt. »Der Mann, der das Einhorn gefunden und all diese anderen Fälle gelöst hat? Es ist mir eine Ehre!« Er ergriff Mallorys Hand und schüttelte sie kräftig. »Bats McGuire heiße ich, und Blutsaugen ist mein Metier!«

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist, Mallory?«, wollte Noodnik wissen.

»Ich komme schon klar«, entgegnete Mallory. Er wandte sich an Bats McGuire. »Vergeuden wir lieber keine Zeit. Bist du bereit loszuziehen?«

»Klar doch.« Der kleine Vampir drehte sich zu Noodnik um. »Stellen Sie das Blut für mich kalt. Ich hole es mir, sobald wir unseren Einsatz abgeschlossen haben.« Er führte Mallory zur Tür.

»Ich habe Särge zum Sonderpreis!«, lauteten Noodniks Abschiedsworte.

KAPITEL 4

19:52 UHR BIS 20:26 UHR

»Wer hat ihn gebissen?«, fragte McGuire, während sie die Straße entlanggingen.

»Ein Typ namens Draconis«, antwortete Mallory. »Je von ihm gehört?«

Der kleine Vampir schüttelte den Kopf. »Nein. Und ich kenne die meisten Vampire in der Stadt. Er muss aus Chicago oder Kansas City gekommen sein.«

»Probiere es mal mit Europa.«

»Warum? Ich bin hier glücklich.«

»Ich meine, Draconis ist gerade aus Europa eingetroffen.«

»Na ja, das macht die Sache leichter«, fand McGuire.

»Wirklich?«, fragte Mallory. »Inwiefern?«

»Diese europäischen Vampire sind traditionsbewusste Leute. Wahrscheinlich hat er seinen Sarg mitgebracht, angefüllt mit Erde aus seiner Heimat.« McGuire verzog bei diesem Gedanken das Gesicht. »Ich persönlich schlafe viel lieber auf Satindecken im Plaza oder Waldorf. Jedenfalls ist der Fall gelöst.«

»Wovon redest du da?«

»Du bist ein Detektiv. Spüre einfach Draconis’ Sarg auf und warte dort auf ihn. Er glaubt wahrscheinlich an diesen ganzen Quatsch, dass man nicht ins Sonnenlicht hinausgeht.«

»Verstehe ich es richtig, dass du das anders siehst?«

»Ich gerate leicht in Brand, werde aber nicht zu Staub«, antwortete McGuire. Er blieb vor einer Kneipe stehen. »Na ja, da der Fall gelöst ist, gehen wir doch mal hinein und trinken auf unseren Sieg. Geht auf deine Rechnung.«

»Der Fall ist nicht gelöst«, erwiderte Mallory. »Zu wissen, dass sein Sarg irgendwo in einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern steht, und ihn auch zu finden, das sind zwei Paar Schuhe.«

»Nicht so verschieden wie vollbusige nackte Damen und schwedische Tempel oder wie 78er-Schallplatten und Golfschläger für Linkshänder«, wandte McGuire ein. »Aber ich lasse es mal durchgehen. Denken wir bei einem Drink über unseren nächsten Schritt nach.«

»Mir dämmert allmählich, dass du zwar alles Mögliche über Vampire weißt, aber dieses Wissen mich keinen Deut weiterbringt«, bemerkte Mallory trocken.

»Du solltest ein bisschen mehr Anerkennung zeigen«, wehrte sich McGuire. »Ich habe dir schon etwas über Draconis verraten, was du noch nicht wusstest, und dabei bin ich erst seit neunzig Sekunden an dem Fall dran.« Er zögerte. »Gönnen wir uns jetzt diesen Drink.«

»Achmed Hamibs Wüstenoase«, las Mallory das flackernde Neonschild über der Tür ab. »Ich habe so ein Gefühl, dass man hier gar kein Blut serviert.«

»Ist mir auch recht«, sagte McGuire. »Ich hasse das Zeug.«

»Ich dachte, du wärst ein Vampir.«

»Das bin ich.«

»Na also!«

»Als du noch klein warst, hat deine Mutter nicht darauf bestanden, dass du dein Grünzeug isst?«

»Was hat das mit irgendetwas zu tun?«

»Du hast das Zeug nicht gemocht, aber es war gut für dich. Ich mag nun kein Blut, aber dann und wann muss ich ein wenig trinken. Ich habe festgestellt, dass ich meinen Körper tagelang täuschen kann, indem ich Bloody Marys trinke.«

»In Ordnung«, sagte Mallory, »aber nur einen.«

Sie betraten die Kneipe, durchquerten einen Torbogen und kamen dabei an einer eindrucksvollen Ausstellung von Schwertern vorbei, von denen einige nicht aus Japan stammten. Sie fanden einen kleinen Tisch in der Ecke, und ein turbantragender Kellner trat an sie heran.

»Ein Bier und eine Bloody Mary«, sagte Mallory.

»Sehr gut, Sahib«, antwortete der Kellner. »Und was möchte Ihr Freund?«

»Ich nehme das Bier; er nimmt die Bloody Mary.«

»Und eine Prise von der speziellen Zutat«, ergänzte McGuire.

»Das macht fünf Dollar extra«, erklärte der Kellner.

»Inshallah«, sagte McGuire.

»Inshallah, von wegen!«, blaffte der Kellner. »Du bezahlst im Voraus, oder du kriegst gar nichts! Wir kennen dich hier schließlich, Bats McGuire!«

McGuire wandte sich an Mallory. »Ich erwähne es nur ungern, aber du bezahlst.«

Mallory brachte einen Fünfer zum Vorschein und hielt ihn hoch. Der Kellner entriss ihm den Geldschein, stopfte sich diesen in eine Tasche und ging los.

»Was für eine spezielle Zutat kostet so viel wie das verdammte Getränk?«, erkundigte sich Mallory.

»Autsch!«, rief der Kellner aus dem Hinterzimmer. »Verdammt noch mal, tut das weh!«

»Was zum Teufel war das denn?«, fragte der Detektiv erschrocken.

»Die spezielle Zutat«, erklärte McGuire. »Er sticht sich in den Zeigefinger und mischt ein paar Tropfen Blut in das Getränk. Das reicht mir dann bis morgen.«

»Wieso in den Zeigefinger?«, wollte Mallory wissen. »Mir scheint, am Daumen wäre es leichter oder zumindest ein bisschen weniger schmerzhaft.«

»Mich zwacken die Daumen sehr, etwas Böses kommt daher«, intonierte McGuire. »Da bleibe ich doch lieber bei Zeigefingern, danke auch.«

Der Kellner tauchte mit verbundenem Zeigefinger aus dem Hinterzimmer auf und brachte ihre Getränke.

»Ich hoffe, du erstickst daran«, brummte er, als er McGuire die Bloody Mary hinstellte.

»Mach nur so weiter, wenn du fünf Cent Trinkgeld haben möchtest«, feuerte der Vampir zurück.

Auf einmal veränderte sich die Haltung des Kellners. »Bitte tausendmal um Verzeihung, Sahib«, sagte er und verbeugte sich tief vor Mallory. »Ich hoffe, dass ich nichts getan habe, was Euch kränkte.«

»

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