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Mallorca – süße Küsse und ein brisantes Geheimnis

Danielle Stevens

Mallorca – süße Küsse und ein brisantes Geheimnis

1. KAPITEL

Heiß brannte die Mittagssonne vom wolkenlosen Himmel herab. Die Luft flirrte. Mit einer Hand die Augen gegen die gleißende Helligkeit beschirmend, blickte die dunkelhaarige junge Frau an der sandfarbenen Mauer hinauf. Dann unterdrückte sie einen Fluch.

Auch hier gab es keine Chance, unbemerkt hinüberzugelangen. Das Gebäude, das sie nun mittlerweile bereits zum zweiten Mal umrundet hatte, glich mehr einer alten maurischen Festung als einem Firmensitz. Für jeden, der hineinwollte, schien es nur einen einzigen Weg zu geben: geradewegs durch die Vordertür.

Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Und was nun? Sie konnte doch nicht einfach da hineinspazieren und … nein, unmöglich! Allein der Gedanke erschien ihr völlig abwegig. Es musste einfach eine andere Lösung geben!

Das Geräusch eines sich nähernden Wagens ließ sie zusammenschrecken. Hastig zog sie sich in den Schatten einer knorrigen Steineiche zurück, die dicht an der Mauer wuchs. Dann wartete sie angespannt und mit heftig klopfendem Herzen. Natürlich war es nicht verboten, sich hier aufzuhalten. Doch ihre Anwesenheit würde unbequeme Fragen aufwerfen.

Fragen, die sie lieber nicht beantworten wollte.

Der Wagen verschwand durch das große schmiedeeiserne Tor auf dem Innenhof des Firmengeländes, und sie atmete erleichtert auf. Diese ganze Aufregung war nichts für sie, so viel stand fest. Am liebsten wäre sie umgehend zurück zum Flughafen gefahren, um sich in die nächste Maschine heimwärts zu setzen. Doch das ging nicht.

Sie hatte hier eine Aufgabe zu erfüllen.

Ein leises elektrisches Summen erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie blickte sich um, doch da war es auch schon verstummt, ohne dass sie die Quelle hatte ausfindig machen können. Die kleine Kamera, die an der Krone der Mauer angebracht war, bemerkte sie nicht.

Miguel Valdéz stieg aus seinem silberfarbenen Porsche Cabriolet, einem Oldtimer aus der legendären 356er-Serie, den er neben dem Haupteingang seiner Firmenzentrale abgestellt hatte, und nahm das Handy aus der Freisprecheinrichtung.

„No!“, unterbrach er seinen Anwalt Tómas Nuñez. „Ich bin sicher, dass Jaime keine Gelegenheit hatte, etwas aus dem Haus zu schaffen, ehe er verunglückte. Meine Sekretärin hat ihn ertappt, als er die Papiere gerade aus meinem Safe nahm. Er tischte ihr eine wenig glaubhafte Geschichte auf, woraufhin sie mich sofort anrief. Ihm muss klar gewesen sein, dass seine einzige Chance darin bestand, die Pläne loszuwerden. Als ich ihn ein paar Minuten später im Garten zur Rede stellte, verlor er die Nerven und rannte davon. Bei dem Versuch, über die Begrenzungsmauer des Grundstücks zu entwischen, ist er sehr unglücklich gestürzt. Ich habe natürlich sofort den Notarzt alarmiert, doch seine Verletzungen sind ziemlich schwer. Er ist nicht ansprechbar, und die Ärzte sind nicht sehr zuversichtlich, dass er in absehbarer Zeit das Bewusstsein zurückerlangt. Darauf, dass er uns etwas verraten könnte, brauchen wir also vorerst nicht zu hoffen. Und genau deshalb musst du so schnell wie möglich herausfinden, wer ihn beauftragt hat, uns zu bestehlen. Ich werde in der Zwischenzeit die Pläne suchen lassen. Wir haben zu viel Zeit und Geld in dieses Projekt investiert, um uns jetzt einfach ausbooten zu lassen! Melde dich wieder, sobald du etwas Neues weißt. Adiós!“

Er beendete die Verbindung, ohne seinen Anwalt noch einmal zu Wort kommen zu lassen.

Uno, dos, tres …

Stumm bis drei zu zählen war ein Ritual, das er sich im Laufe der Jahre angeeignet hatte. Es half ihm dabei, seine Gedanken zu sortieren und sein aufbrausendes spanisches Temperament unter Kontrolle zu halten. Im Geschäftsleben kam es darauf an, stets einen kühlen Kopf zu bewahren und im rechten Moment die richtige Entscheidung zu treffen – auch wenn das nicht immer einfach war.

So wie jetzt.

Er hatte Aguatec gleich nach dem Studium als kleines Ein-Mann-Unternehmen gegründet. Damals gestand ihm kaum jemand eine Chance zu. Doch mit harter Arbeit und innovativen Ideen war es ihm gelungen, sich zuerst auf Mallorca, dann auf dem spanischen Festland und schließlich auch in den angrenzenden europäischen Nachbarländern als der führende Hersteller von Meerwasserentsalzungsanlagen zu etablieren.

Inzwischen arbeiteten europaweit mehr als einhundert Angestellte für Aguatec, die Firma erwirtschaftete geradezu traumhafte Gewinne, und die Auftragsbücher für die kommenden Monate waren prall gefüllt.

Und doch stand nun alles, was er sich im Laufe der vergangenen Jahre aufgebaut hatte, auf dem Spiel …

Er trat durch den gläsernen Haupteingang in die angenehme Kühle des klimatisierten Gebäudes, nickte der jungen Frau am Empfang knapp zu und durchquerte dann die Eingangshalle. Er war schon beinahe bei den Aufzügen, als er eilige Schritte hinter sich vernahm und sich umdrehte.

Pedro Vayol, einer seiner Mitarbeiter aus dem Sicherheitsteam, sprach ihn an. „Señor Valdéz“, rief er. „Haben Sie einen Augenblick Zeit? Da ist etwas, das Sie sich ansehen sollten!“

Obwohl Miguel eigentlich ganz andere Dinge beschäftigten, wollte er seinen Angestellten nicht vor den Kopf stoßen, also folgte er ihm in den Überwachungsraum. Pedro deutete auf den Monitor, der die Bilder der Außenkamera zeigte, und Miguel trat näher.

Fasziniert betrachtete er das Gesicht der jungen Frau, die ihn geradewegs anzusehen schien. Sie war wunderschön: sinnliche Lippen, hohe Wangenknochen, große, von dichten Wimpern beschattete Augen und langes dunkles Haar, das sich über ihre Schultern ergoss.

„Was tut sie da?“ Er riss sich von ihrem Anblick los und sah Pedro fragend an.

Der zuckte mit den Schultern. „Ich kann es Ihnen nicht sagen, aber sie treibt sich schon seit mehr als einer halben Stunde hier herum, streift um das Gebäude und schaut sich ziemlich auffällig um. Und weil Sie doch wünschten, dass ich Sie informieren soll, wenn irgendetwas Außergewöhnliches passiert …“

Miguel nickte. „Ja, es war absolut richtig, dass Sie mir Bescheid gesagt haben. Ich werde mich um die junge Dame kümmern.“ Er verließ den Überwachungsraum, fest entschlossen herauszufinden, warum die schöne Unbekannte um das Gelände von Aguatec herumschlich.

Ihr Verhalten war mehr als verdächtig. Die Art und Weise, wie sie an der Mauer hinaufgeblickt hatte, die das Firmengelände umgab … So als würde sie nach einem Weg suchen, hinüberzugelangen.

Ob sie etwas mit Jaime zu tun hatte? Steckten die zwei womöglich unter einer Decke? Vielleicht sollte Jaime ihr die Pläne übergeben, und nun wollte sie, da er nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen war, nach dem Rechten sehen …

Er hatte inzwischen das Gebäude verlassen und ging auf das schmiedeeiserne Tor zu, um die Frau zur Rede zu stellen. Doch noch bevor er hindurchgetreten war, drang ein schriller Schrei an sein Ohr.

„Nein!“, hörte er eine verzweifelt klingende Frauenstimme auf Englisch rufen. „Meine Tasche!“

Miguel rannte los.

Señorita? Señorita, hören Sie mich?“

Das Erste, was sie wahrnahm, als sie aufwachte, war diese fremde, aber gleichzeitig ungemein aufregende Stimme eines Mannes, der Englisch mit spanischem Akzent sprach.

Sie versuchte die Augen zu öffnen, schloss sie aber sofort wieder, weil grelles Licht sie blendete.

„Señorita?“

Wieder diese Stimme. Also noch ein Versuch. Es fiel ihr schwer, die Lider erneut aufzuschlagen. Die Versuchung, sich fallen zu lassen und sich dieser finsteren, aber angenehmen Schwerelosigkeit einfach hinzugeben, war groß, dennoch widerstand sie ihr.

Sie blinzelte – und schaute direkt in das Gesicht eines ihr unbekannten Mannes.

Eines äußerst attraktiven Mannes.

Sein olivfarbener Teint wies ihn eindeutig als Südländer aus. Aus dunklen, fast schwarzen Augen musterte er sie eindringlich – ob argwöhnisch oder besorgt konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. Kurz hielt sein Blick sie gefangen, und ihr Herz begann, heftiger zu pochen. Zugleich spürte sie sofort, dass von diesem Mann mit dem leicht herrischen Zug um den Mund Gefahr ausging. Er …

Aufhören! Sofort aufhören!

Sie schnappte nach Luft und zwang sich, den Kopf abzuwenden, bereute es jedoch schon in der nächsten Sekunde, als ein hämmernder Schmerz in ihren Schläfen einsetzte, der für einige Sekunden die Welt vor ihren Augen verschwimmen ließ.

Als sie wieder einigermaßen klar sehen konnte, zwang sie sich, ruhig und tief durchzuatmen.

Etwas stimmte nicht mit ihr, das fühlte sie deutlich, sie konnte nur nicht genau festmachen, um was es sich handelte. Und die Nähe dieses umwerfend gut aussehenden Mannes machte es ihr auch nicht unbedingt leichter, einen klaren Gedanken zu fassen.

Noch einmal unternahm sie einen Versuch, sich aufzusetzen, doch der Fremde drückte sie sanft, aber bestimmt zurück.

„Nichts da, Señorita! Sie bleiben schön ruhig liegen, bis ich Ihnen erlaube, aufzustehen.“

„Wie bitte?“, begehrte sie auf, doch das kontinuierliche Pochen hinter ihrer Stirn hielt sie davon ab, seine Anweisung zu missachten, auch wenn sie sich über seine Bevormundung ärgerte.

„Seien Sie vernünftig, es ist zu Ihrem Besten. Sie haben sich böse den Kopf angeschlagen.“

„Den Kopf?“, fragte sie verwirrt. „Aber … wobei denn?“

Er sah sie irritiert an. „Na, als Sie bei dem Versuch, dem Dieb Ihre Reisetasche wieder zu entreißen, gestürzt sind. Mit so einer Verletzung ist nicht zu spaßen!“ Seine Miene nahm einen leicht spöttischen Ausdruck an – und er fügte auf Spanisch hinzu: „Lernt man dort, wo Sie herkommen, denn nicht, dass man bei einem Überfall besser keine Gegenwehr leistet?“

„Überfall? Dieb? Ich …“ Sie schluckte hart und kämpfte gegen die aufsteigende Panik an. „Ich wurde angegriffen?“

„Sie sprechen also meine Sprache“, stellte er fest. „Gut, das vereinfacht vieles. Und an den Überfall erinnern Sie sich nicht?“

Sie horchte in sich hinein und musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie sich nicht nur an keinen derartigen Vorfall erinnerte. Nein, es war, als gliche ihr Gedächtnis einem Schrank mit vielen Hundert Fächern, und jedes Mal, wenn sie eines öffnete, fand sie es leer vor.

Der Schock musste ihr ins Gesicht geschrieben stehen, denn der Fremde runzelte die Stirn. „Ein Arzt ist bereits verständigt und wird in wenigen Minuten eintreffen, um Sie gründlich zu untersuchen. Die Polizei wurde ebenfalls informiert. Würden Sie mir Ihren vollständigen Namen verraten und mir sagen, in welchem Hotel Sie gebucht haben, damit ich dort Bescheid geben kann?“

„Meinen Namen?“ Angestrengt versuchte sie, diese Information abzurufen, Ordnung in das Chaos zu bringen, das in ihrem Kopf herrschte. Doch sosehr sie sich auch bemühte, das Erste, woran sie sich erinnern konnte, war sein Gesicht, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachte.

Alles, was sich davor in ihrem Leben ereignet haben mochte, war wie ausgelöscht. Sie konnte sich an absolut überhaupt nichts erinnern – und diese Erkenntnis raubte ihr schier den Atem.

O nein, o nein, o nein!

„Ich … kann Ihnen meinen Namen nicht sagen, weil ich ihn nicht mehr weiß“, stieß sie heiser hervor. Tränen der Verzweiflung traten ihr in die Augen. „Es ist alles weg! Wer ich bin, woher ich komme, was geschehen ist … An nichts von alldem kann ich mich erinnern!“

Er musterte sie für einen Moment mit einer Mischung aus Erstaunen und offenem Misstrauen. „Sie wollen mir weismachen, dass Sie nicht einmal mehr wissen, wie Sie heißen?“

Sie blinzelte die Tränen fort. War er wirklich so unsensibel, dass er sich nicht vorstellen konnte, wie es gerade in ihr aussah? „Es tut mir leid, ich …“ Sie setzte sich wieder auf und ignorierte den Schmerz in ihrem Kopf, der sofort wieder anschwoll. „Es ist wohl besser, wenn ich jetzt geh…“ Sie versuchte aufzustehen, sackte jedoch augenblicklich in sich zusammen, weil ihre Beine sie nicht trugen.

Der Unbekannte reagierte blitzschnell und fing sie auf, als ihr schwarz vor Augen wurde. Sie war ihm jetzt so nah, dass ihr der herb-männliche Duft seines Aftershaves in die Nase stieg, und ihre Knie wurden noch weicher, als sie es ohnehin schon waren.

„Concho!“, stieß er ärgerlich hervor, doch die Art und Weise, wie er ihr dabei half, sich wieder zu setzen, war angesichts seines wütenden Ausrufs überraschend sanft. „Habe ich mich irgendwie unklar ausgedrückt, als ich Ihnen sagte, Sie sollen liegen bleiben?“

Es vergingen ein paar Sekunden, ehe das heftige Schwindelgefühl in ihrem Kopf ein wenig nachließ. Dann sah sie sich zum ersten Mal in den Raum, in dem sie aufgewacht war, um.

Sie saß auf einer Couch, deren weiches cappuccinofarbenes Leder sich wie Samt auf ihrer Haut anfühlte. Riesige Panoramafenster, die vom Fußboden bis zur Decke reichten, gestatteten einen freien Blick hinaus auf einen geradezu unwirklich blauen Himmel. Die Einrichtung bestand aus einer edlen Mischung aus modernen Einzelstücken und kostbar aussehenden Antiquitäten und erweckte den Eindruck, dass es sich hier um ein Arbeitszimmer oder Vorstandsbüro handelte.

„Was habe ich Ihnen eigentlich getan, Señor …“ Sie stockte. „Wie heißen Sie überhaupt?“

„Valdéz“, erwiderte er. „Mein Name ist Miguel Valdéz. Und um Ihre Frage zu beantworten: Sie haben mir gar nichts getan. Ich kann es nur nicht ausstehen, wenn man meine Anweisungen infrage stellt, das ist alles.“

Sie holte tief Luft. „Ich würde jetzt gern sagen, dass es mir eine Freude ist, Sie kennenzulernen, Señor Valdéz, aber das wäre gelogen.“ Hilflos zuckte sie die Schultern. „Diese ganze Situation …“ Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Aufschluchzend barg sie das Gesicht in den Händen.

„Nicht doch“, sagte er, und sie war überrascht, wie beruhigend seine Stimme auf sie wirkte. „Ich bin sicher, es kommt alles wieder in Ordnung. Wahrscheinlich ist Ihr Gedächtnisverlust nur eine Folge des Sturzes. In ein paar Stunden werden Sie sich bestimmt wieder erinnern können. Und selbst wenn nicht – die Polizei wird alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um Ihre Identität herauszufinden.“

Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und schaute ihn an. „Glauben Sie das wirklich, Señor?“

„Miguel“, korrigierte er sie. „In unserer augenblicklichen Situation erscheinen mir Förmlichkeiten eher unangebracht, finden Sie nicht? Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich Sie einfach Samantha nennen.“

Sofort war er wieder da, dieser forschende Blick. Es erschien ihr fast so, als würde er auf eine Reaktion ihrerseits warten, doch sie musste ihn enttäuschen.

„Samantha?“, wiederholte sie nachdenklich. Nein, der Name sagte ihr nichts. Gut möglich, dass sie so hieß, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. „Heiße ich so?“

„Ich hoffte eigentlich, das könnten Sie mir beantworten.“ Er seufzte. „Ich habe das hier in Ihrer Jackentasche gefunden.“ Er reichte ihr einen teuer aussehenden Kugelschreiber, auf dessen Kappe ein Name eingraviert war: Samantha. „Da der Dieb mit Ihren übrigen Habseligkeiten flüchten konnte, ist dies leider der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Ihre Handtasche mit den Papieren hatten Sie vermutlich der Einfachheit halber im Reisegepäck deponiert, denn Sie trugen, soweit ich feststellen konnte, keine bei sich.“ Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Touristen! Im Grunde kann man es den Gaunern und Betrügern auf dieser Insel nicht einmal verübeln, dass sie eine kriminelle Karriere einschlagen, wenn man bedenkt, wie einfach Leute wie Sie es ihnen machen. Die Diebe müssen lediglich in einer Gegend wie dieser hier, in der ein paar halbwegs berühmte Personen der Insel leben, abwarten – früher oder später wird schon eine lohnende Beute auftauchen.“

Sie bekam kaum mit, was er sagte, dazu war sie viel zu durcheinander. Samantha …

Erst kurz darauf wurde ihr die Bedeutung seiner Worte bewusst. „Sagten Sie gerade Insel?“, fragte sie überrascht. „Wo sind wir denn?“

„Auf Mallorca – genauer gesagt in meinem Büro in der direkten Umgebung von Sóller an der Nordwestküste. An den Flug nach Palma und die Weiterfahrt hierher erinnern Sie sich demnach auch nicht? Allzu lange können Sie sich ja noch nicht hier aufgehalten haben, da Sie noch Ihre Reisetasche mit sich herumtrugen.“

Sie atmete tief durch, dann schüttelte sie den Kopf. Forschend blickte sie an sich herab. Sie trug Ballerinas, kakifarbene Leinenshorts und ein helles ärmelloses Top. Offenbar gehörte sie zu den Frauen, die praktische Garderobe bevorzugten. Daran, diese Kleidungsstücke gekauft und am Morgen angezogen zu haben, konnte sie sich allerdings nicht erinnern.

Und dann wurde ihr auf einmal klar, dass sie nicht einmal wusste, wie sie aussah, und ihr Herz fing an, heftiger zu klopfen.

„Haben Sie vielleicht einen Spiegel?“

Er runzelte die Stirn. „Wozu das denn?“, fragte er eindeutig genervt. „Hören Sie, ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Gesicht bei dem Überfall keinen Schaden genommen hat. Sie sehen tadellos aus und …“

„Ich …“ Sie schluckte hart. „Ich möchte wissen, ob ich mich selbst erkenne.“

Seine leicht spöttische Miene wurde schlagartig ernst. „Naturalmente, einen Augenblick, bitte!“

Er stand auf und verließ den Raum. Kurz darauf kehrte er mit einer Puderdose zurück, die er ihr überreichte. „Por favor – mit den besten Wünschen meiner Sekretärin Sofia. Wenn Dr. Hernández Sie nachher durchgecheckt hat, können Sie sich in einem der Waschräume in all Ihrer Pracht begutachten. Für den Moment muss das hier reichen.“

Ihre Hände zitterten, als sie den Deckel des Döschens öffnete, dann ließ sie es sinken und kämpfte darum, den Mut aufzubringen, ihr eigenes Spiegelbild zu betrachten.

Sie atmete tief durch und hob die Dose. Das Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war ein wenig blass, aber durchaus als hübsch zu bezeichnen. Leicht herzförmig, mit hohen Wangenknochen, wurde es von langen, fransig geschnittenen Haaren umrahmt, die in einem dunklen Bronzeton schimmerten. Die großen Augen waren von einem klaren Graublau, und sie wurden von langen, dichten Wimpern beschattet.

Alles in allem sah sie durchaus passabel aus. Der Haken an der Sache war nur: Sie kannte dieses Gesicht nicht, und es fiel ihr schwer zu akzeptieren, dass sie selbst es war, die sie da sah.

„Na, zufrieden?“

Erschrocken zuckte sie zusammen, als Miguels Stimme sie abrupt in die Realität zurückholte. Er hatte sich ein paar Schritte entfernt, lehnte lässig am Rahmen der nur angewinkelten Tür und betrachtete sie von dort aus. Sein Anblick büßte auch aus der Entfernung nichts von seiner anziehenden Wirkung ein.

Sofort spürte sie wieder, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sie verstand sich selbst nicht. Hatte sie denn keine anderen Sorgen?

Sie hob die Schultern. „Es ist das Gesicht einer Unbekannten“, entgegnete sie mutlos.

„Einer äußerst attraktiven Unbekannten“, erwiderte er lächelnd, und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er auch nur ansatzweise nachvollziehen konnte, wie ungemein schwierig diese Situation sich für sie anfühlte.

Sie musterte ihn unauffällig, doch seine Miene war so undurchschaubar wie er selbst. Wer bist du? Und warum glaube ich zu wissen, dass du gefährlich bist, obwohl ich mich doch an sonst nichts erinnere?

„Ein etwas weniger attraktives Gesicht, das ich dafür im Spiegel wiedererkenne, wäre mir im Augenblick sehr viel lieber“, entgegnete sie mit bebender Stimme. „Im Übrigen fühle ich mich schon besser, es wird daher nicht nötig sein, Ihre Gastfreundschaft noch länger in Anspruch zu nehmen.“

Sein Blick nahm einen spöttischen Ausdruck an. „Nur zu, ich werde Sie gewiss nicht zurückhalten, schließlich sind Sie nicht meine Gefangene. Ich an Ihrer Stelle würde diese Entscheidung allerdings noch einmal gründlich überdenken. Sie haben weder einen Cent Bargeld noch Papiere, um sich auszuweisen. Es dürfte also schwierig werden, irgendwo auf Mallorca ein Zimmer zu bekommen.“

In diesem Moment wurde ihr zum ersten Mal wirklich bewusst, in was für einer ausweglosen Situation sie steckte, und die Panik, die schon die ganze Zeit unter der Oberfläche gelauert hatte, brach nun mit aller Macht über sie herein. Sie musste hier raus. Auf der Stelle!

„Vielen Dank für Ihre Hilfe – muchas gracias“, stieß sie heiser aus, „aber ich bin sicher, dass ich von nun an allein zurechtkommen werde.“

Sie sprang von ihrem Platz auf und ignorierte den Schmerz, der wie ein Blitz durch ihren Schädel zuckte.

Doch sie kam nicht weit.

Sie hatte die Tür kaum erreicht, als ihr schwarz vor Augen wurde. Sie spürte noch, wie starke Arme sie umfassten und verhinderten, dass sie zu Boden sank – danach nichts mehr.

2. KAPITEL

Als Samantha die Augen wieder aufschlug, blickte sie in das Gesicht eines freundlich lächelnden älteren Mannes. „Ah, die Señorita ist endlich aufgewacht“, sagte er und half ihr, sich aufzusetzen. „Mein Name ist Dr. Hernández, Señor Valdéz hat mich gerufen, um Sie zu untersuchen. Wie geht es Ihnen?“

Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Sie stellte fest, dass sie sich noch immer in Miguels Büro befand. Neben der Couch stand die aufgeklappte Arzttasche des Doktors. Sie horchte in sich hinein. Da war noch ein leichtes Pochen hinter den Schläfen, doch das stellte kaum mehr als ein Echo des Schmerzes dar, den sie bei ihrem ersten Erwachen verspürt hatte. Außerdem blieb das Schwindelgefühl aus, und ihr wurde auch nicht übel.

„Es geht schon besser“, antwortete sie. „Aber erinnern kann ich mich immer noch an nichts.“

, Señor Valdéz unterrichtete mich bereits darüber, dass es Schwierigkeiten mit Ihrem Gedächtnis gibt. Aber ich würde mir an Ihrer Stelle keine Gedanken machen. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich alles ganz von allein wieder einrenkt.“

„Vermutlich?“ Sie sah ihn fragend an. „Heißt das, Sie können nichts Genaues sagen?“

Der Arzt blickte sie bedauernd an. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer die Situation für Sie sein muss. Allerdings trifft leider genau das zu: Ich kann nicht mehr sagen und vor allem nichts weiter tun. Da Sie sich an nichts aus Ihrer Vergangenheit erinnern, handelt es sich bei Ihrer Art der Gedächtnisstörung offenbar um eine totale Amnesie, die sämtliche Erinnerungen betrifft, also auch jene, die identitätsbezogen sind. Sie kommt nur sehr selten vor und hält so gut wie nie dauerhaft an.“

„Und wie lange kann so etwas schlimmstenfalls anhalten? Ich meine, sprechen wir hier von Stunden, Tagen, Wochen oder Jahren?“

„Es tut mir leid, aber das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann“, erklärte Dr. Hernández. „Ob und wann eine Besserung eintrifft, wage ich nicht vorauszusagen. Die einzige Medizin lautet jetzt: abwarten. Allerdings schlage ich vor, dass Sie sich in einem Krankenhaus noch einmal genauestens neurologisch untersuchen lassen.“

„Das ist alles?“ Sie spürte, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. „Ich soll einfach abwarten und darauf hoffen, dass mir wieder einfällt, wer ich bin und woher ich komme?“

„Haben Sie ein wenig Geduld mit sich selbst.

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