Logo weiterlesen.de
Die Welt des John Sinclairs. Mallmanns letzte Fälle

JASON DARK

Die Welt des JOHN SINCLAIR

MALLMANNS LETZTE
FÄLLE

VIER SPANNENDE KULTGESCHICHTEN

Inhalt

  1. Die Unheimliche vom Schandturm
    (Band 394, 1986)
  2. Die Straße der Gräber
    (Band 417, 1986)
  3. Teufel im Leib
    (Band 569, 1989)
  4. Vampirpest
    (Band 570, 1989)

DIE UNHEIMLICHE VOM SCHANDTURM

Abbildung

Der alte Totengräber konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so starken Sturm erlebt zu haben. Ein Strafgericht Gottes jagte in wüsten Böen auf die Erde nieder, peitschte die Wellen des Flusses hoch, fuhr mit elementarer Gewalt in die Stadt hinein, zerrte an den Bäumen, riss Zweige und Äste ab und knickte morsche Stämme wie Streichhölzer.

Fensterläden lösten sich aus ihren Verankerungen. Mit spielerisch anmutender Leichtigkeit fanden sie ihren Weg bis zum nächsten Hindernis, gegen das sie voll krachten.

Auch über dem Friedhof tobte der Sturm. Er brachte Zweige und Äste mit. Sogar einen Karren schob er vor sich her. Gewaltige Kräfte spielten mit dem Laub und nahmen es mit zu unbekannten Zielen, wie eine ruhe- und rastlose Masse, die nie eine Heimat finden würde …

Der Totengräber hockte in seiner alten Bude und lauschte dem Heulen des Sturms. Man nannte ihn nur Pitter. Der Friedhof war sein Reich. Er gehörte zu ihm wie die Grabsteine und die alten Bäume, deren Kronen durchgeschüttelt wurden.

Das Haus ächzte. Es stöhnte wie unter gewaltigen Schmerzen. An den Ecken und den vorgebauten Dachkanten fing sich der Sturm und heulte dort eine Melodie, die als schauriger Grabgesang zu dem Friedhof passte. Ein Geleit für all die Toten, die ins Jenseits eingingen, wo ihre Seelen für alle Ewigkeiten schmachten würden.

Pitter ging zur Tür. Er hörte die Geräusche, und manchmal war es ein hartes Klopfen, als würden die Hände der Toten gegen seine Tür hämmern, um Einlass zu begehren.

Ein furchtbares Unwetter tobte sich über der Stadt aus. Für die Schiffer wurde der Rhein zu einer tödlich-nassen Falle. Niemand wagte sich mehr hinaus auf den Fluss, wo die Wellen zu gläsernen Bergen anwuchsen, die alles überschwemmten oder mitrissen, was sich ihnen in den Weg stellte. Längst war der Fährbetrieb eingestellt. Vertäut lagen die breiten Kähne am Ufer, wurden von den Wellen erwischt und schüttelten sich mit trägen Bewegungen, weil sie aus ihrer Ruhe gerissen worden waren.

Es war eine Nacht, die man am besten vergaß, wenn man sie heil überstand …

Der Sturm kannte kein Pardon. Er jagte in jede Ritze hinein, als wollte er erkunden, ob es noch Dinge für ihn gab, die es mitzunehmen lohnte.

Manchmal, wenn er durch besonders enge Gassen heulte und gegen Widerstände prallte, hörten sich seine Laute an wie das Schreien von Gefolterten oder das Jammern der allmählich Verhungernden im Schandturm.

Die Zeiten waren hart. Wer sich außerhalb stellte, wurde vernichtet. Das Großbürgertum, der Adel und nicht zuletzt die Kirche regierten in Colonia mit eiserner Strenge.

Pitter, der Totengräber, blieb innen vor der Haustür stehen. Sein skeptischer Blick aus den kleinen Augen traf die Tür, die sich unter den jenseits von ihr tobenden Gewalten nach innen bog, wobei der Totengräber nicht mehr glauben wollte, dass der Holzriegel noch lange standhielt. Er kam zu dem Schluss, etwas tun zu müssen. Die Tür musste einfach verriegelt und verrammelt werden. Dazu brauchte er Werkzeug und eine stabile Holzlatte, am besten einen Pfosten.

Pitter bewahrte so etwas in seinem Schuppen auf, wo auch noch primitive Särge für die ganz Armen standen, die kein Geld für eine Beerdigung hatten.

Der Schuppen war besonders gefährdet. Bei schönem Wetter lugten die Strahlen der Sonne durch das mit Löchern und Ritzen übersäte Dach. Im Winter hielt die knackige Kälte Einzug, sodass man leicht erfrieren konnte, da es keinen Ofen gab, der den Schuppen erwärmte.

Durch den Flur musste Pitter gehen, um die Tür zu erreichen, die den Schuppen mit seinem kaum besseren Wohnhaus verband.

Auf der kurzen Strecke bekam er ebenfalls die Gewalt des Windes mit. Der Orkan erschütterte das Haus in seinen Grundfesten, er wühlte in den Bäumen wie ein wildes Tier und schleuderte abgerissene Äste und Zweige auf das Dach, sodass es sich anhörte, als würde jemand einen wahren Trommelwirbel veranstalten.

Die schmale Tür zum Schuppen war primitiv gearbeitet. Sie erzitterte unter den harten Windstößen, die es irgendwie schafften, auch gegen sie zu hämmern. Bei ihr war es ebenfalls nur noch eine Frage der Zeit, wann sie brechen würde.

Der Totengräber zog sie auf. Er brauchte nicht mal viel Kraft aufzuwenden. Der Wind unterstützte ihn und spielte plötzlich mit der Tür.

»Das gibt es nicht!«, keuchte Pitter im breitesten Kölsch und schüttelte sich. »So ein Mist.« Er hielt die Tür fest, damit sie ihm nicht gegen den Schädel schlug. Sein Blick glitt in den Schuppen.

Nichts stand mehr an seinem Platz. Der Wind hatte das Werkzeug umgerissen. Schaufeln, Spaten, Spitzhacken und andere Dinge waren zu Boden geschleudert worden.

Pitter ärgerte sich. Er überlegte, ob er tatsächlich hineingehen sollte, aber die Vordertür war wichtiger. Wenn sie zerstört wurde, hatte der Wind freie Bahn und würde das Haus regelrecht zerlegen. Deshalb war es besser, wenn er sie sicherte.

Den schweren Hammer sah er nicht gleich, weil er unter einem Spaten verborgen lag. Dafür stach ihm ein breiter Holzstempel ins Auge, der ungefähr die Maße hatte, die er für die Tür benötigte. Mit Holzkeilen wollte er den Stempel schräg befestigen.

Kaum hatte er den Schuppen betreten, als eine neue Bö heranfuhr, durch die Lücke drang und ihn packte. Pitter war ziemlich knochig, die meisten sagten dürr dazu, und so hatte er dieser neuen Bö nichts entgegenzusetzen. Sie warf ihn zurück. Er prallte genau gegen die zufallende Tür, bei der er noch mithalf, sie ins Schloss zu schmettern, wobei dieser Klang so laut durch den Schuppen dröhnte, als hätte jemand eine Muskete abgefeuert.

Pitter duckte sich. So bot er dem Wind nicht zu viel Angriffsfläche.

Den Hammer holte er zuerst. Ein schwerer Eisenklotz war an einem Holzstiel befestigt worden. Wer ihn schwingen wollte, musste schon die nötigen Kräfte aufbringen.

Über die verfügte Pitter.

Man sah es seiner dürren Gestalt nicht an, aber er hatte eine bemerkenswerte Ausdauer, die er sich beim Schaufeln der Gräber geholt hatte. Der Totengräber war davon überzeugt, in den nächsten Tagen wieder mehr Gräber als gewöhnlich ausheben zu müssen, denn ein Orkan wie dieser kostete immer Opfer.

Jetzt brauchte er nur den Balken. Durch das zusätzliche Gewicht des Hammers konnte er sich auch besser auf den Beinen halten. Nicht mehr jeder Windstoß warf ihn um. Er hatte die Augen zusammengekniffen, um sich vor dem hereingewehten Staub zu schützen.

Plötzlich war alles anders geworden. Er hatte genau gesehen, dass sich die Lücke in der Wand verdunkelt hatte, und zwar nicht von einem Gegenstand, sondern von einer Gestalt. Pitter sah nicht viel von ihr, nur die untere Hälfte. Das reichte aus, um erkennen zu können, dass die Gestalt ein Mensch war und ein Totenhemd trug …

Es flatterte im Wind, warf Falten, wurde gegen die Beine geschleudert, dann wieder zurück und bewegte sich hektisch zur linken Seite hin, weil der Wind gedreht hatte und jetzt von rechts kam.

Aus dem Saum des Kleides schauten zwei nackte Beine hervor. Keine Schuhe bedeckten die Füße. Sie verschwanden im Schlamm des aufgeweichten Bodens und wurden von altem Laub umspielt, das der Wind heran- und auch wieder wegwehte.

Welcher Mensch verirrte sich um diese Zeit und bei einem so wütenden Orkan schon auf den Friedhof?

Niemand – aber war die Gestalt überhaupt ein Mensch? Der Totengräber beugte sich vor. Er hatte erkannt, dass die Beine nicht zu einem Mann gehörten. Es musste eine Frau sein, die vor ihm stand. Ihre Haut sah aus wie weißer Marmor.

Als wäre eine Tote aus dem Grab gestiegen …

Selbst Pitter bekam bei dieser Schlussfolgerung eine Gänsehaut. Sie kroch den Rücken hinauf und setzte sich in seinem Nacken fest. Es war normalerweise nicht möglich, obwohl ihm ein Heilkundiger mal gesagt hatte, dass es so etwas geben würde. Aber da war er betrunken gewesen, und Pitter hatte über ihn nur gelacht.

Jetzt war er sich nicht mehr sicher …

Bevor er sich davon genauer überzeugen konnte, erklang in der Ferne ein seltsames Geräusch. Zu diesem unheimlich klingenden Heulen mussten sich Wölfe zusammengerottet haben, anders war es nicht zu erklären.

Und doch gab es eine Erklärung.

Inmitten des über der Stadt tobenden Sturmwirbels hatte sich eine Windhose gebildet, die sich mit rasender Geschwindigkeit voranbewegte und von keinem Hindernis aufgehalten werden konnte, da sie alles zur Seite fegte.

Das Heulen kündigte sie an. Jetzt hätte ein Mensch noch flüchten können, aber der Totengräber blieb. Der Anblick der Beine hatte ihn irgendwie gelähmt. Er stand auf dem Fleck, konzentrierte sich auf das Heulen und vernahm zwischendurch das Knacken der Äste, die mitgerissen wurden, bevor die Windhose sogar Bäume entwurzelte.

Sie jagte heran.

Und das Haus des Totengräbers stand ihr genau im Weg.

In den folgenden Augenblicken hatte der Mann das Gefühl, als würde die Zeit langsamer ablaufen. Er starrte durch die Lücke, sah das Chaos auf seinem Friedhof und schaute dann zu, wie die Beine vor seinen Augen verschwanden. Die Tote war einfach mitgerissen worden. Sie hatte das gleiche Schicksal erlitten, wie es dem alten Schuppen und dem Totengräber noch bevorstand.

Das Krachen mischte sich in seinen entsetzten Schrei. Plötzlich war die Welt um ihn herum eine andere geworden. Die Windhose riss das Haus praktisch entzwei. Bretter, Latten, Dachsparren, Werkzeuge und auch der Mensch gerieten in Bewegung und vereinigten sich zu einem furiosen Wirbeln, dem Pitter aus eigener Kraft nicht entkommen konnte.

Er hatte den schweren Hammer nicht losgelassen. Zusammen mit diesem Werkzeug wurde er in die Höhe gewirbelt und gleichzeitig gedreht. Wo sich sonst die Decke befunden hatte, klaffte eine Lücke, in die er hineingedrückt wurde.

Er schrie.

Schläge trafen ihn an Schultern, Kopf und Rumpf – alles wurde erwischt. Er blutete auch, aber das war ihm egal, wenn er nur wieder festen Boden unter den Füßen bekam.

Das geschah auch.

Plötzlich war alles vorbei. Keine Windhose mehr, keine Kräfte, die an ihm rissen.

Er fiel mitsamt dem Hammer in die Trümmer des Schuppens.

Ein Holzspan jagte schräg in seine Wange und färbte sich sofort rot.

Pitter brach ein. Ein Krachen und Splittern begleitete seinen kurzen Weg. Er schützte sein Gesicht und lag noch immer flach, als alles längst vorbei war.

Pitter lebte.

Es dauerte etwas, bis er sich dessen bewusst geworden war. Unsicher betastete er seine Wange, von der ein besonders starker Schmerz ausging. Er bekam den langen Holzspan zwischen die Finger und zog ihn mit einem heftigen Ruck hervor. Das Blut störte ihn nicht, er war nur froh, noch atmen und sich bewegen zu können.

Pitter wollte aufstehen. Er drückte seine flachen Handteller auf zwei Balken und sank wieder zusammen, weil sie unter seinem Gewicht plötzlich nachgaben.

Nach rechts rutschte er tiefer ab. Dicht an einem rostigen Nagel vorbei, dessen Spitze lauernd nach oben gerichtet war und fast in seinen Handballen gedrungen wäre.

Er fluchte. Alle Knochen taten ihm weh. Jede Bewegung fiel ihm schwer. Die Muskeln zitterten, wenn sie belastet wurden.

Aber er musste hier weg.

Mühsam gelang es ihm, seine Lage zu verändern und auch den Kopf nach rechts zu drehen.

Dort hätte eigentlich sein Haus stehen müssen. Es stand da auch, aber nur noch zur Hälfte. Die Windhose hatte es fast in der Mitte geteilt. Nur seine Schlafkammer war zu sehen, und dieser Anblick erheiterte ihn so sehr, dass er seine Schmerzen für einen Augenblick vergaß und anfing zu lachen. Ja, er konnte nicht anders. Er musste einfach lachen, das Bild war zu komisch. So schnell das Lachen aufgebrandet war, so rasch verstummte es wieder, denn ihm war etwas eingefallen.

Die Gestalt!

Himmel, er hatte die Gestalt doch gesehen! Kurz bevor die Windhose das Haus getroffen hatte. Noch sehr deutlich erinnerte er sich an die beiden nackten Frauenbeine, die aus dem unteren Saum des Kleides hervorgeschaut hatten.

Ja, das war keine Täuschung gewesen!

Sein Magen zog sich zusammen. Plötzlich bekam er wieder das große Zittern, denn er dachte über die unheimliche Gestalt nach. Sie hatte wie ein Mensch ausgesehen und war trotzdem wie ein Spuk erschienen. Als wäre sie auf dem Friedhof zu Hause.

Aber das waren nur die Toten und er!

Pitter stand auf. Der Wind war stark abgeflaut. Er wehte nur mehr Blätter heran und kleinere Zweige sowie Wolken von sich drehenden Staubschleiern.

Und einen Schatten!

Pitter stand vor den Trümmern auf einem Brett, das knarrte, weil es nur an einer Seite belastet wurde. Er merkte es kaum, denn er hatte nur Augen für die Frau.

Sie kam näher.

Der Wind musste sie gepackt und weit auf den Friedhof geweht haben. Dort war sie vielleicht gegen einen Baum gekracht oder hatte sich in den Zweigen irgendeines starken Buschs verfangen, jedenfalls war ihr nichts passiert, sonst wäre sie nicht näher gekommen.

Sie lebte, obwohl sie tot war.

Eine lebende Tote!

Pitters Gesicht verzerrte sich. Er erinnerte sich sehr deutlich daran, die Frau erst vor gut einer Woche begraben zu haben. Sie hieß Gertrude und war mit einem reichen Kaufmann verheiratet gewesen.

Und jetzt stand sie vor ihm. Nein, sie kam näher. Ihr Blick, tot und leer, war starr auf den alten Pitter gerichtet. Die Bewegungen glichen denen einer Puppe, wenn diese von einem kleinen Kind geführt wird. Die Arme schlenkerten vor und zurück, und das Totenhemd flatterte im Wind.

Sie wollte zu ihm!

Pitter bekam das Zittern. Er wollte sie mit Worten aufhalten, doch das schaffte er nicht. Es gelang ihm nur, einen Arm auszustrecken, wobei er gleich wusste, dass sie sich um diese Bewegung nicht kümmern würde.

Die lebende Tote ging weiter.

Bisher hatte er ihr Gesicht noch nicht richtig erkennen können. Erst als sie so nahe war, dass sie über umherliegende Latten stolperte und sich soeben noch fangen konnte, schaute er in die Züge der lebenden Leiche und entdeckte in ihnen überhaupt nichts.

Glatt und steif waren sie.

Pitter bewegte sich. Das Brett schwankte. An der linken Seite wurde es in die Höhe gehoben, und Pitter fiel ein, dass er es als Waffe benutzen konnte.

Blitzschnell bückte er sich.

Pitters Kräfte waren nicht von schlechten Eltern. Deshalb schaffte er es auch beim ersten Versuch, das Brett in die Höhe zu hieven, sich zu drehen und mit dieser Waffe zuzuschlagen.

Der Totengräber erwischte die lebende Leiche am Kopf und an der Schulter. Zum zweiten Mal schien sie in eine Windhose geraten zu sein, denn sie kippte nicht nur um, sie wurde auch zur Seite geschleudert und prallte weiter entfernt zu Boden, wo sie sich noch überschlug, bevor sie endgültig liegen blieb.

Der Mann ließ das Brett fallen, als wäre es plötzlich glühend geworden. Mehr hatte er nicht gewollt. Plötzlich drehte er sich um und rannte davon, als wären tausend Teufel hinter ihm her.

Er sah nicht mehr, dass die lebende Leiche aufstand und ihren Weg fortsetzte …

Er hatte das blonde Mädchen aus der Backstube geholt und zu seiner Geliebten gemacht. Zärtlich nannte er sie Gretchen, und sie fühlte sich bei ihm wohl. Seit drei Wochen ging es ihr gut, trug sie schöne Kleider, wurde zwar von den reichen Frauen schief angesehen, aber von ihresgleichen immer höflich gegrüßt, und manche ihrer alten Freundinnen fragten sie auch, wie es denn so war, die Geliebte eines reichen Bürgers zu sein, der seit kurzem Witwer war und das Verhältnis nun nicht mehr so geheim halten musste wie zu Zeiten seiner Ehe.

Sie hatte stets mit einem Lächeln geantwortet und einen gewissen Glanz in die Augen bekommen.

In dieser Nacht war ihr das Lächeln vergangen.

Über Colonia tobte ein Unwetter.

Es war grausam. Am Himmel spielten sich gewaltige Szenen ab. Der Regen war sintflutartig, und ein gewaltiger Orkan fiel über Köln her wie ein wildes Ungeheuer.

Gretchen stand am obersten Fenster des hohen Turmes und hatte von dieser Stelle aus einen fantastischen Ausblick über die große Stadt am Rhein.

Sie beobachtete, wie Häuser zusammenkrachten und Bäume entwurzelt wurden. Angst hatte sie keine.

»Dieser Turm ist sicher!«, hatte ihr Rudolph immer wieder gesagt, damit sie sich keine Sorgen machte.

Sie glaubte ihm, aber sie hätte es gern gehabt, wenn er jetzt bei ihr gewesen wäre. Er hatte versprochen, noch vor Mitternacht zu kommen, um sich in den folgenden Stunden nur um sie zu kümmern.

Als einige vom Boden her hochgewirbelte Zweige bis fast an das Turmfenster prallten, zuckte Gretchen zurück und blieb erst dort stehen, wo das Bett begann.

Fast wäre sie auf das breite Lager gefallen. Sie musste mit den Armen wedeln, um sich zu halten.

Ja, dieses Bett!

Was hatte es nicht schon alles erlebt? Gretchen und ihr Freund hatten sich oft wie die Wahnsinnigen geliebt, manchmal war es wie ein Rausch über sie gekommen, und dann wiederum hatte es Zeiten gegeben, wo beide die Zärtlichkeit gebraucht hatten.

Wie es heute sein würde, wusste sie nicht. Ihr war es egal. Sie stellte sich jedes Mal auf beide Dinge ein.

Gretchen drehte sich um. Sie ging dorthin, wo über der Kommode der Spiegel an der Wand hing. Rechts und links von dem Spiegel standen Kerzen und leuchteten das Zimmer aus.

Die Frau, noch sehr jung, gerade mal zwanzig, betrachtete sich im Spiegel. Sie sah irgendwie lieb aus, mit den Zöpfen, dem runden Gesicht und den vollen, rötlich schimmernden Wangen. Ihre Augen waren groß und hellblau. Gretchen gehörte nicht zu den schlanken Mädchen, vielleicht hätte Rudolph sie dann auch nicht geliebt. Er stand auf dralle Frauen, wie Rubens sie gemalt hatte.

Gut gepolstert war sie, und diese Rundungen zeichneten sich auch unter ihrem schlichten Nachthemd ab, denn sie trug nichts drunter. Ganz so, wie es ihr Geliebter mochte.

Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu und wusste, dass ihr Gesicht dabei den puppenhaften Ausdruck bekam, den Rudolph so sehr liebte.

Sie ging zurück.

Ihr Gang war etwas plump und wenig damenhaft. Da musste sie noch üben, um neben den Damen von hohem Stande bestehen zu können.

Zum Fenster wollte sie nicht mehr, das Bett lockte. Sie ließ sich darauf fallen und versank in den weichen Kissen, die fast wie Wellen über ihr zusammenschlugen.

So wollte sie warten.

Die Kerzen brannten ruhig. Durch die dicken Wände des Turms wehte kein Luftzug. Nur draußen tobte und heulte das Unwetter, als hätte jemand eine wilde Meute von Untieren von der Leine gelassen.

Gretchen lag auf dem Rücken. Ihr Blick war gegen die Decke gerichtet, wo sich das zuckende Kerzenlicht spiegelte.

Der Turm gehörte zum Haus. Ob ihr Geliebter sich noch in den unteren Räumen befand, wusste sie nicht. Er hatte nur Angst um seine Waren gehabt, die in einem angrenzenden Schuppen lagerten. Darunter befanden sich edle Stoffe, die keinesfalls vernichtet werden sollten. In Venedig hatte Rudolph Ricardis sie eingekauft, und sie waren für einen hohen Geistlichen gedacht, der sich aus ihnen neue Gewänder schneidern lassen wollte.

Der Sturm tobte weiter.

Gretchen, die eingeschlafen war, wurde plötzlich wach, als ein besonders hohl klingendes und hohes Pfeifen durch die Luft schnitt und wie eine Warnsirene klang.

Sie lauschte dem Pfeifen, das ebenso schnell verklang, wie sie es gehört hatte. Außerdem musste es vom Friedhof her gekommen sein, wo auch Gertrude, Rudolphs Frau, begraben lag.

Sie war vergessen …

Schon zu ihren Lebzeiten hatte er sich nicht mehr viel aus seiner Gattin gemacht und sich lieber eine junge Geliebte gesucht. Gertrude hatte davon erfahren, ihm aber nach außen hin keine Szene gemacht.

Plötzlich fiel Gretchen auf, wie still es geworden war. Zwar wehte noch immer der Wind, aber er war im Vergleich zu dem vergangenen Orkan nur noch ein laues Lüftchen.

Eine richtige Erholung …

Es tat gut, zu liegen, in die Ruhe hineinzulauschen und sich auf das vorzubereiten, was auf sie in Gestalt ihres Geliebten zukommen würde.

Da war er schon!

Sie hörte die Schritte auf der Treppe durch die geschlossene Tür des Turmzimmers. Aber war das überhaupt ihr Geliebter, der sich da näherte?

Rudolph ging viel forscher und voller Tatendrang. Diese Schritte aber waren lahm und völlig gleichmäßig. Nein, das musste ein anderer sein, es sei denn, Rudolph war sehr müde oder verletzt.

Man würde sehen.

Mit fiebernden Blicken schaute das Mädchen auf die Tür. Nur noch wenige Stufen, dann stand der Besucher vor dem Zimmer, würde die Tür aufdrücken, den Raum betreten und …

Die Klinke bewegte sich.

Sehr langsam wurde sie nach unten gedrückt. Auch das war nicht Rudolphs Art, bei ihm lief dieser Vorgang viel rascher und forscher ab. Am Druckpunkt blieb die Eisenklinke für einen Augenblick in dieser Stellung, bevor sie heftig aufgestoßen wurde.

Freie Bahn für den Besucher!

Gretchen saß im Bett. Sie starrte auf das offene Rechteck und sah die Gestalt auf der Schwelle stehen. Es war nicht Rudolph! Trotzdem schrie sie nicht. Sie vergaß zu atmen, denn die Frau, die ihr da einen Besuch abstattete, lebte nicht mehr.

Es war Gertrude Ricardis, eine Tote!

Gretchen saß starr im Bett, die andere stand auf der Schwelle. Sie hatte den Schädel mit dem bleichen Gesicht ein wenig vorgeschoben und glotzte wie aus toten Fischaugen in den Raum. Das Haar war in den letzten Jahren grau geworden. Jetzt klebten noch Dreckkrumen zwischen den Strähnen und fielen ab, wenn die Frau den Kopf bewegte.

Sie trat langsam vor.

Den ersten Schritt, den zweiten. So hatte sie Platz, die Tür zu schließen.

Diese knallte mit einem lauten Schlag ins Schloss. Genau dieses Geräusch war es, das Gretchen aus der Erstarrung riss.

»Wer bist du?«, flüsterte sie, noch immer unfähig, einen Hilfeschrei auszustoßen.

Eine Antwort bekam sie nicht. Stattdessen trat die lebende Leiche ans Bett und nahm ein dünnes Laken auf, das sie zusammendrehte. Dabei wurde sie von Gretchen mit weit aufgerissenen Augen beobachtet, denn das junge Mädchen ahnte, was ihr bevorstand.

So fertigte man eine Würgeschnur an …

Auch bei den nächsten Schritten der lebenden Leiche drang nur ein röchelndes Atmen über Gretchens Lippen. Sie schaute zu, wie die Untote weiterging und dabei ihren Blick nicht von der Blonden ließ.

Die Haut über den Knochen wirkte wie ein schwammiger Teig. An einigen Stellen zeigte sie schon gelbe Flecken, das alles bekam Gretchen mit, die wie zur Abwehr ihren linken Arm vorstreckte.

»Wer bist du?«, schrie sie noch einmal.

Als Antwort warf sich die andere vor. Ihr Körper fiel schwer auf die hockende junge Frau und drückte sie zurück. Gretchen spürte das Gewicht dieser lebenden Leiche, und sie merkte auch die kalte Totenhand, die über ihren Körper kroch, die Kehle erreichte und sich dann auf ihre Lippen presste.

Nun konnte sie erst recht nicht mehr schreien und auch nicht mehr fliehen. Sie wehrte sich nicht mal, auch dann nicht, als die lebende Leiche ihr die Würgeschnur um den Hals legte und zuzog.

Und die Tote schaute mit leeren Blicken zu, wie die junge Geliebte ihres Mannes starb …

Der Wind schlug die Tür so heftig zu, dass der Mann nicht mehr ausweichen konnte und den schweren Riegelbalken gegen die Stirn bekam. Wie vom Blitz getroffen, brach der Helfer zusammen, und es war nur ein Zufall, dass Rudolph Ricardis in diese Richtung schaute, sodass er die Katastrophe kommen sah. Wenn der Wind die Tür weiter öffnete, würde er in das Lagerhaus fahren und ein Chaos anrichten.

Der Kaufmann rannte los. Er sprang über den Bewusstlosen hinweg, brüllte mit Stentorstimme nach Hilfe, und aus dem Hintergrund lösten sich zwei Gestalten, die ihn bei seinen Bemühungen unterstützten, die Tür wieder ins Schloss zu drücken.

Es war eine verdammte Quälerei. Auch zu dritt hatten sie Mühe, gegen die heranjagenden Orkanwellen anzukommen. Hinzu kam die Schwere der Eichentür, aber sie schafften es, den gewaltigen Kräften zu trotzen. Die beiden starken Helfer pressten sich mit ihren Rücken gegen die Tür und stemmten die Hacken ein. So bekam Ricardis Gelegenheit, den schweren und breiten Holzriegel von innen her festzuklemmen.

Das musste halten.

Aufatmend trat er zurück. Rudolph Ricardis war ein dunkelhaariger, breitschultriger Mann mit einem flächigen Gesicht, gewaltigen Händen und einem Hammerkinn. Man sah ihm an, dass er sich hochgearbeitet hatte, und auch jetzt, wo es ihm gut ging und er als Kaufmann anerkannt war, scheute er schwere Arbeit nicht.

Mit dem Hemdsärmel wischte er sich über die Stirn, grinste den beiden Helfern scharf zu und sagte schwer atmend: »Das hätten wir geschafft.«

»Aber er nicht.«

Der Bewusstlose war gemeint. Ricardis kniete neben ihm, untersuchte den Mann und wies die anderen beiden an, ihn tiefer ins Lager zu schaffen, um ihn dort auf den Säcken niederzulegen. Da würde er schon irgendwann zu sich kommen.

»Wenn alles vorbei ist, spendiere ich ein Fass Bier«, erklärte er.

Das war etwas für die Helfer. Wenn sie ihr Kölsch trinken konnten, ging für sie die Sonne auf.

Ricardis wandte sich wieder seiner eigentlichen Arbeit zu. Dieser Sturm passte ihm überhaupt nicht. Eines seiner Schiffe war unterwegs nach Straßburg, und wenn der Kahn kenterte, riss der Verlust der Ladung ein großes Loch in seine Kasse.

Hier hatten sie getan, was getan werden musste. Alle Waren waren festgezurrt, die Türen des stabilen und aus Stein errichteten Lagerhauses fest verschlossen und verriegelt.

Mehr konnte man nicht machen.

Im Schein der Kerzen schaute sich Ricardis um. Ja, es war alles so weit in Ordnung. Mochte der Sturm andere Hausdächer abdecken oder zerstören, sein Lager würde ebenso bleiben wie das Wohnhaus.

Dann erschrak er doch.

Das hohe Pfeifen und Heulen war Warnung genug. Von der Welt hatte er einiges gesehen, und er wusste auch, dass sich mit solchen und ähnlichen Geräuschen eine gefährliche Windhose näherte, die alles zertrümmerte oder mit sich riss, was sich ihr in den Weg stellte. Wenn sie direkt auf das Wohnhaus zubrandete, konnte er für nichts garantieren.

Doch der Kelch ging vorbei.

Die Windhose richtete bei ihm keinen Schaden an, und ein flüchtiges Lächeln huschte über das breite Gesicht. Sie war auch der Höhepunkt gewesen, denn danach flaute der Sturm stark ab.

Jetzt erst erinnerte sich Rudolph daran, was er seiner Geliebten versprochen hatte. Er zog die Taschenuhr aus der Weste und stellte fest, dass Mitternacht seit neun Minuten vorbei war. Das machte nichts. Gretchen würde auf ihn warten. Sie benötigte ihn ebenso wie er sie. Und deshalb sagte er seinen Helfern Bescheid, dass für ihn Feierabend war.

Der Fehltritt ihres Chefs hatte sich herumgesprochen, und sie grinsten verständnisvoll hinter ihm her, als er sich auf den Weg zu seinem Wohnhaus machte, das praktisch in einem Turm lag, aber einen Verbindungsgang zum Geschäft besaß.

Dieses blonde Gretchen war genau nach seinem Geschmack. Temperamentvoll, immer bereit, Liebe zu geben und zu empfangen, genau wie er, denn das hatte er gebraucht.

Es war schon ein glücklicher Zufall gewesen, der ihm dieses junge Blut beschert hatte.

Unterwegs konnte er sich von den letzten Strapazen erholen. Forsch stieg er die Wendeltreppe in dem sechseckigen Turm hoch.

Rudolph Ricardis war stolz auf den Turm und auch auf sein kleines Liebesnest unter dem Dach. Dort hatte er herrliche Stunden mit dem sinnlichen Gretchen verbracht. Noch sehr jung war sie, aber unwahrscheinlich erfahren. Ein Naturtalent in Sachen Liebe. Wenn er an seine eigene Frau dachte, die ja nun verstorben war, nein, die hatte ihm in den letzten Jahren nicht mehr viel Freude bereitet. Nicht, dass sie krank gewesen wäre, höchstens seelisch, aber daran war sie auch selbst schuld, denn sie hatte sich in ihrem Leben fast nur gegrämt und über andere Frauen geschimpft.

Noch ein paar Treppen, dann hatte er das vorläufige Ziel seiner Wünsche erreicht. Die Steinstufen waren außen breit und liefen nach innen hin schmaler zu. Wenn es dunkel wurde, musste ein Diener durch den Turm gehen und die in den Wandnischen stehenden Kerzen anzünden. Es waren besonders gute Kerzen, die nicht so schnell abbrannten und die ganze Nacht über Helligkeit spendeten.

Rudolph atmete schwer. Das Laufen hatte ihn angestrengt. Er öffnete noch zwei weitere Knöpfe an seinem Hemd und wollte seine Hand schon auf die Klinke legen, als er zurückzuckte, denn ihm war etwas aufgefallen.

Gretchen rief ihm nichts zu!

Das war ungewöhnlich, denn sie musste ihn doch gehört haben. Sonst rief sie und lockte ihn mit ihrer seidenweichen Stimme. In dieser Nacht blieb es ruhig. Dass sie schon schlief, konnte sich Ricardis nicht vorstellen, denn das Unwetter mit dem furchtbaren Sturm lag noch nicht lange zurück, und da hatte Gretchen bestimmt nicht geschlafen.

Ausnahmen gab es immer, deshalb rechnete Rudolph auch damit, dass seine Geliebte eingeschlafen war und er sich vornahm, sie auf eine besondere Art und Weise zu wecken.

Behutsam öffnete er die Tür. Auch als er seinen Körper über die Schwelle drückte, entstand kein Geräusch.

In den Leuchtern zu beiden Seiten des Wandspiegels standen die brennenden Kerzen. Ihre feurigen Finger spiegelten sich in der Scheibe wider und gaben ein romantisches Bild, zu dem die im Bett liegende Frau einfach nicht passte, weil sie zu hoch zugedeckt war.

Zudem wurde das Bett vom Schein nicht erreicht. Es verschwamm etwas in der Düsternis.

Der Eintretende lächelte. Er hatte die Person im Bett gesehen und ging davon aus, dass seine Geliebte letztendlich doch eingeschlafen war. Auf Zehenspitzen schlich er zum Bett. Kein Geräusch sollte ihn verraten. Er wollte Gretchen überraschen.

Sie lag auf der Seite. Dabei wandte sie ihm den Rücken zu. Das Laken war auf eine unnatürliche Weise hochgezogen worden, da es sogar den Kopf der Schlafenden bedeckte, die linke Schulter aber freiließ und der Mann die helle Haut schimmern sah.

Rudolph überlegte, ob er sich schon jetzt ausziehen sollte. Nein, er wollte Gretchen erst wecken.

Lächelnd und mit einem gespannten Ausdruck im Gesicht schritt er um das Bett herum, um seiner Geliebten einen Kuss zu geben und dann die Hände über ihren wohlgeformten Körper wandern zu lassen, denn wie es aussah, hatte sie sich bereits entkleidet.

Draußen war der Himmel klar geworden. Durch die Fensterscheibe konnte Rudolph das blanke Firmament und ein Heer von Sternen sehen, sowie die fast volle Scheibe des Mondes, der sein fahles Licht auf den großen Strom schickte.

Vor dem Bett verhielt er seinen Schritt und ließ sich auf die Knie nieder. Das Gesicht der Geliebten war nicht zu sehen. Sie lag gekrümmt da und hatte eine irgendwie unnatürliche Haltung eingenommen. Und noch etwas störte den Mann.

Es war der Geruch nach Erde und Grab, als befänden sie sich nicht in einem Zimmer, sondern mitten auf dem Friedhof, der für Gerüche dieser Art so typisch war.

Rudolph zeigte sich irritiert, war aber gleichzeitig versessen darauf, bei seiner Geliebten zu sein, deshalb schleuderte er seine Bedenken über Bord. Er riss die Decke hoch.

»Hallo, Rudi!«

Mit einem röhrenden Schrei auf den Lippen fuhr der Mann in die Höhe. Nicht Gretchen hatte gesprochen, und sie lag auch nicht im Bett. Die Person, die sich da vor ihm versteckt gehalten hatte, war seine verstorbene Frau!

Bis zum Fenster lief der Mann und prallte dort so heftig gegen die Scheibe, dass man befürchten musste, sie würde zerbrechen. Er breitete die Arme aus, seine Augen glichen unbeweglichen Kugeln, und er starrte die Frau an, als wäre sie ein Geist.

War sie ein Geist?

Nein, sie lebte, sie richtete sich auf und verzog den Mund zu einem bösen Grinsen.

So starrte sie ihn an.

Rudolph Ricardis holte Luft und hatte dabei das Gefühl, unsichtbare Finger würden seine Kehle umklammern. Er spürte das Kratzen, räusperte sich, zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf, als er zum Bett starrte und das schreckliche Bild in sich aufnahm.

Es war keine Täuschung, kein Gemälde, denn Gertrude bewegte sich und schwang ihre Beine aus dem Bett. Bleiche Totenfüße, ebenso blass wie ihre Hände und natürlich das Gesicht, in dem die Haut viel dünner erschien als sonst.

Sie saß da und strich durch ihr Haar, wie sie es früher auch immer getan hatte. Nur waren damals keine Erdkrumen aus den Strähnen gerutscht. Jetzt rollten sie aus den Strähnen, berührten die Schultern, tickten dort weg, fielen auf die angezogenen Beine und von dort zu Boden.

Gertrude trug ihr Totenhemd. Ihr Mann hatte es bei einem Schneider anfertigen lassen. Es bestand aus Linnen, war jetzt zerknittert und schmutzig, wie die Frau, die aus dem Grab gekrochen war.

Rudolph ächzte. »Du bist ein Geist«, stöhnte er und schüttelte sich. »Du bist ein verdammter Geist, du kannst nicht zurückkehren. Das ist unmöglich …«

»Ich bin da.«

»Neiinnn! Ich habe dich tot gesehen. Ich habe dich selbst beerdigt. Das geht einfach nicht.«

»Ich bin es trotzdem, Rudolph. Ich bin zurückgekehrt, um dich zu sehen, Geliebter. Ich erinnerte mich an die Worte, die du mir auf dem Sterbebett gesagt hast. Du wolltest mich immer lieben, auch über den Tod hinaus. Darüber habe ich mich gefreut, Rudi. Denn jetzt kannst du mich lieben.« Sie streckte ihm die Arme entgegen und zeigte ihm die offenen Handflächen. »Komm her und liebe mich, Rudi.«

Der Mann war überrascht. Er holte Luft und verschluckte sich dabei. »Ich soll …?«

»Ja, du sollst herkommen und mich lieben. Oder ist das zu viel verlangt, Rudi?«

»Ja, nein …«

»Hast du etwa gelogen?«, fragte sie. »Hast du eine Sterbende belogen, Rudi?«

Ihre Stimme klang so anders, wie aus einem Verstärker. Überhaupt konnte sie gar nicht seine Frau sein, die lag unter der Erde. Das musste eine andere …

»Du bist es nicht, Gertrude! Verdammt, du bist es nicht! Ich kann dir einfach nicht glauben.«

»Doch ich bin es. Ich kehrte zurück, um dich zu überraschen. Außerdem will ich, dass du dein Versprechen einlöst.«

Rudolph Ricardis merkte, wie seine Knie anfingen zu zittern. Er hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. In seinem Kopf tobte das Blut, und hinter den Schläfen hämmerte es. Das Pochen spürte er ebenfalls hinter den Augen, sodass er das Gefühl hatte, sie würden aus den Höhlen quellen und auch die Höhlen verlassen.

»Nun …«

»Geh zum Teufel!«, schrie er plötzlich.

Die lebende Tote lachte. »Spricht man so mit seiner geliebten Frau, Rudolph? Oder sollten deine Worte Lügen gewesen sein? Warst du froh, dass ich starb?«

Er hätte ihr ein »Ja« ins Gesicht schreien sollen, doch er brachte es einfach nicht übers Herz. So blieb er am Fenster stehen und starrte den weiblichen Zombie an.

»Gib mir eine Antwort!«

»Geh weg!«, ächzte der Mann.

»Nein, ich bleibe!«

»Dann muss ich dich umbringen!«

Da lachte sie ihm entgegen. Gertrude sah das schweißnasse Gesicht ihres Gatten, und sie fragte mit einer blechern und höhnisch klingenden Stimme: »Willst du eine Tote töten?«

»Du bist schon …?«

»Ich bin gestorben und lebe trotzdem. Nimm ein Messer und stich es mir in den Körper. Es kann mir nichts anhaben. Ich lebe, mein werter Gatte. Ich lebe wirklich, um mit dir mein zweites Leben zu beginnen, das für mich ewig dauern wird. Ich will sehen, wie du alterst, wie du allmählich gebrechlich wirst und der Schönheit, der Kraft und dem vitalen Leben der Jugend nur noch nachtrauern kannst. Du schaust hinter den Mädchen her, aber du wirst zu schwach sein, um dir eine Geliebte nehmen zu können. Das brauchst du auch nicht, denn du hast ja mich. Ich werde dich dann beerdigen und weiterleben …«

»Hör auf, verdammt! Hör auf!« Der Mann drehte fast durch. Er hielt sich die Ohren zu. Nichts wollte er mehr hören. Sie sollte den Mund halten, aber sie sprach weiter und bewegte sich dann.

Rudolph ließ die Hände sinken. »Was ist los?«

»Hast du meine letzten Worte nicht verstanden?«

»Nein!«

»Dann will ich sie für dich wiederholen. Ich zeige dir jetzt deine Geliebte. Du kennst sie doch – oder?«

»Gretchen?«

»Ja, so heißt das blonde Pummelchen. Oder so hieß es. Es wollte sich bei dir einnisten.«

»Was hast du getan, Gertrude?«

Da lachte sie laut und irre. »Was ich getan habe, ist ganz einfach. Zudem habe ich es tun müssen.« Mehr sagte sie nicht, stattdessen drückte sie ihren Oberkörper vor, streckte auch die Arme aus und griff unter das Bett.

Ricardis ahnte etwas, allein er tat nichts, aber er hörte das Schleifen, als die lebende Tote das gefunden hatte, was sie suchte.

Und dann sah er die Hand.

»Lass es!« Der Mann hörte sich selbst schreien und kam sich dabei vor wie ein Tier.

»Wieso?«

»Lass sie los!«

Endlich gehorchte Gertrude. Sie ließ den Arm einfach aus ihrem Griff rutschen. Gretchens leblose Hand klatschte auf den Boden.

»Es war gut, dass ich das getan habe, Geliebter!«, flüsterte Gertrude. »Das letzte Hindernis ist aus dem Weg geräumt worden. Jetzt kann uns keine mehr trennen.« Dann leckte sich die lebende Tote mit ihrer bläulichen Zunge über die Lippen.

Der Mann war noch einen halben Schritt zurückgegangen. Ekel zeichnete sich in seinem Gesicht ab, als wollte er das wegwischen, was ihm entgegenwehte.

Den Geruch von Verfall, Moder und Friedhof. Noch immer dachte er über die Tatsache nach, dass vor ihm eine Tote stand und mit ihm redete. Dieses Weib war dazu noch seine verstorbene Frau.

»Hast du dich jetzt damit abgefunden?«, fragte Gertrude leise.

»Nein!«

»Was muss ich noch tun?«

»Ich glaube nicht, dass du lebst. Nein, ich glaube es nicht. Das ist ein Spuk, Blendwerk des Teufels. Du bist ein Geist, der über mich gekommen ist …«

»Können Geister töten?«

»Wie?«

»Ich habe getötet, mein lieber Gatte. Ich brachte deine Geliebte um. Ich vernichtete sie, raubte ihr durch eine Schlinge den Atem, bis ihr Körper erschlaffte und …«

»Hör auf zu reden!«

Gertrude lächelte noch einmal schmal und hielt tatsächlich den Mund. Dafür stand sie auf.

Rudolph schaute zu. Der Tod hatte sie nicht allein äußerlich verändert, auch ihre Bewegungen waren anders geworden. Nicht mehr fließend, eher stockend, quälend und dabei auch sehr langsam. Schließlich blieb sie vor dem Bett stehen, die Arme ausgebreitet. Ein Wesen, das Grauen abstrahlte und als Tote über die Lebenden herrschen wollte.

Für eine kurze Zeitspanne hatte Ricardis die Hoffnung, dass seine Frau verschwinden würde, den Gefallen tat sie ihm noch nicht. Ihre Arme pendelten leicht, als sie fragte: »Wolltest du nicht einen Beweis von mir haben?«

»Wie …?«

»Dass ich tatsächlich zurückgekehrt bin und den Namen Gertrude Ricardis führe, der auch auf meinem Grabstein steht. Ich werde es dir beweisen. Was soll ich tun, damit du mir glaubst?«

»Du sollst mir aus den Augen gehen, Verdammte!«

»Ich werde dich verlassen, aber ich komme wieder, und ich werde dir einen Beweis mitbringen. Sag, was du von mir verlangst. Los, sprich, mein geliebter Gatte!«

Rudolph verengte die Augen. »Willst du wirklich einen Beweis für deine Existenz beibringen?«

»Ja!«

Er nickte. »Dann ist es gut. Geh nach unten in den Stall und hol deine beiden Reitpferde, die du schon zu deinen Lebzeiten so geliebt hast.«

»Das ist alles?«

»Ja, mehr verlange ich nicht.«

Sie nickte ihm zu. »Ich werde dir den Gefallen erweisen. Warte nur, ich komme zurück.«

Sie drehte sich um und ging zur Tür. Ihre Schritte waren steif, die nackten Füße klatschten bei jeder Berührung auf den Holzboden, und als sie die Klinke umklammert hielt, drehte sie sich um, wobei sie ihren Gatten noch einmal anschaute.

»Bleib im Zimmer«, erklärte sie. »Es nutzt dir nichts, wenn du verschwindest. Du brauchst auch nicht die Tür zu verriegeln. Ich würde sie immer eintreten können, denn ich bin stärker als normale Menschen …«

Rudolph konnte nichts mehr sagen. Er senkte den Kopf und bekam kaum mit, dass seine Frau verschwand.

Ihre Rückkehr hatte ihn furchtbar geschockt.

Der Kaufmann wusste nicht, wie lange er unbeweglich auf dem Fleck gestanden hatte. Er hatte nachzudenken versucht. Selbst das war misslungen, weil sich seine Gedanken überschlugen. Sie bildeten den totalen Wirrwarr.

War das der Anfang vom Ende der Welt?

War nicht schon in der Bibel angekündigt worden, dass sich die Gräber öffnen und die Toten aus der Erde steigen würden?

Rudolph Ricardis glaubte, dass seine Frau diesen Neubeginn eingeleitet hatte.

Der Regen, der Orkan, der Donner, die fernen Blitze, sie waren bereits die Vorboten gewesen. Die Strafe des Herrn würde über die Sünder kommen und sie vernichten.

»O Grauen«, flüsterte der Mann. »O Grauen.« Er rang die Hände. Aus ihm war in den letzten Minuten ein Wrack geworden, ein gebrochener Mensch, der sich auf eine herrliche Nacht gefreut hatte und miterleben musste, wie nah beieinander Glück und Grauen waren.

Er bückte sich.

Die Hand hatte er gesehen. Irgendwie wollte es ihm nicht in den Kopf, dass Gretchen nicht mehr lebte. Sie war so jung und feurig gewesen, sie konnte man doch nicht so einfach töten. Die Hand hätte auch einer anderen gehören können, sagte er sich, überwand sich, fiel auf die Knie und schaute unter das Bett.

Er sah die Hand, den Arm. Er schaute auf die gekrümmten Finger, und er sah noch mehr.

Ein bleiches Gesicht mit weit aufgerissenen, gebrochenen Augen, die ihn anstarrten. Der Kopf lag schief, die beiden kindlich geflochtenen Zöpfe wirkten wie ein makabrer Zusatz.

Das Gesicht des Mannes verzog sich. Er konnte nicht mehr anders. Plötzlich musste er weinen, und seine Trauer war echt. Er hatte Gretchen viel Sympathie entgegengebracht, und sie hatte ihm auf ihre Art das Gleiche gegeben.

Nun lag sie unter dem Bett.

Bleich, kalt, tot …

Umgebracht von einem Wesen, das selbst nicht mehr leben durfte und trotzdem durch die Nacht geisterte.

Rudolph ballte die Hände zu Fäusten, während Tränen aus seinen Augen rannen und er die Tür wie durch einen dichten Schleier sah. »Ich hasse dich, Gertrude! Verdammt, ich hasse dich! Ich will dich nicht mehr sehen! Und wenn doch, dann werde ich dich …«

Das letzte Wort sprach er nicht mehr aus, weil er aus dem Innern des Turms Geräusche hörte. Jemand kam die Treppe hoch.

Nicht irgendeiner, nein, das war ein Wesen, das vier Beine und beschlagene Hufe hatte.

Ein Pferd!

Gertrudes Tiere. Sie hatte dafür gesorgt, dass die beiden Pferde aus dem Stall geholt wurden, so wie sie es versprach. Jetzt kam sie mit den Tieren die Wendeltreppe hoch, um ihm den lebenden Beweis vorzuführen und gleichzeitig zu erkennen zu geben, dass er tatsächlich keinen Traum erlebte und seine Frau noch existierte.

Er schaute auf die Tür, die ihm direkt gegenüberlag. Auf einmal konnte er am Fenster nicht mehr bleiben. Mit zwei Schritten zog er sich zurück, um in einer der sechs angedeuteten Ecken stehen zu bleiben und von hier aus zu beobachten.

Dann waren sie an der Tür. Er hörte das Schlagen der Hufe deutlicher, auch das Schnauben der Tiere, und vernahm im nächsten Augenblick die Schläge, die gegen das Holz hämmerten.

Wuchtige, hämmernde, dröhnende Laute, die wahrscheinlich nicht von der lebenden Leiche stammten, sondern von einem Huftritt, unter dem das Holz erzitterte und vibrierte.

Dann brach die Tür ein.

Auch sie hatte der vehementen Wucht der harten Tritte nichts mehr entgegensetzen können. In der Mitte splitterte das Holz, und an den Seiten wurde sie aus den Angeln gerissen, sodass die freie Bahn hatten, die hinter ihr standen.

Es war Gertrude mit ihren Lieblingstieren, zwei prachtvollen Schimmeln.

Obwohl der Raum zwischen den zwei Pfosten ziemlich eng war, stand sie dort und hielt die Zügel der Tiere fest, die sie links und rechts einrahmten.

Die Pferde tänzelten unruhig. Auch sie spürten, dass hier jemand gekommen war, der nicht mehr zu den Lebenden zählte. Sie hatten einen besonderen Instinkt für diese Dinge, aber die Kraft der lebenden Leiche zwang sie, sich nicht mehr zu bewegen, als unbedingt nötig war.

Das hässliche Lachen schallte dem Kaufmann entgegen. »Sieh her, geliebter Gatte. Ich habe dir den Beweis geliefert. Es sind meine beiden Pferde, die nur mir gehorchten. Sie waren den anderen zu wild, wollten sich nicht anfassen lassen, und nur ich konnte ihnen Gehorsam aufzwingen, der sich auch über das Grab hinweg gehalten hat.«

Er nickte. »Ja, ja, ich sehe es. Du hast den Beweis erbracht. Es sind deine Tiere.«

»Und ich werde mit ihnen ausreiten, Rudolph. Die Leute werden mich anstarren, wenn ich auf den Schimmeln durch die Straße reite. Ich bin zurückgekehrt, für immer …«

Da zerrten die beiden Tiere an den Zügeln. Sie hatten den Griff etwas gelockert. Das schrille Wiehern der Pferde tönte durch den Raum, und Rudolph bekam vor diesen trompetenähnlichen Klängen eine höllische Angst. Sie schüttelten die Köpfe, die Mähnen flogen, hätte nur noch gefehlt, dass sie Feuer und Schwefeldampf spuckten.

Das trat nicht ein, dafür rasten sie los, als hätte ihnen jemand ein glühendes Eisen gegen die Flanken gedrückt. Und Rudolph Ricardis war froh, nicht mehr vor dem Fenster zu stehen, denn genau diesen Weg schlugen die Tiere ein.

Plötzlich hatten sie die Stelle erreicht. Sie warfen ihre Köpfe vor, das Glas splitterte, und dann streckten die beiden Schimmel ihre Schädel durch das entstandene Loch, um nach draußen in die Tiefe zu starren. Wer jetzt hochschaute, konnte sie sehen und auch erkennen, wie unruhig sie sich bewegten.

»Sie sind noch immer sehr temperamentvoll«, erklärte Gertrude, während sie sich von der Stelle löste und mit gemessenen Schritten auf ihren Gatten zuging.

»Was willst du?«, fragte er flüsternd. »Bleib mir vom Leib, du Satansweib!«

Sie lachte. »Hast du vom Satan gesprochen, lieber Gatte? Da wirst du gar nicht mal so unrecht haben. Der Satan ist tatsächlich mein Freund. Ich habe einen Blick in die Hölle werfen können. Ich habe ihn gesehen, und er war einfach wunderbar. In seinem Zeichen lebe ich. Und ich werde in seinem Zeichen weiterleben, das kann ich dir versprechen. Aber ich werde dir noch mehr sagen, lieber Gatte. Du wirst an meiner Seite bleiben. Ist das nicht herrlich? Ich erinnere mich noch sehr gut an deine Worte, die du mir auf dem Sterbebett zugeflüstert hast. Du wolltest mich ewig lieben. Du hättest so gern an meiner Seite bleiben wollen. Nun, lieber Rudolph, dein Wunsch hat sich früher erfüllt, als du gedacht hast. Du bist wieder mein, ich bin dein …«

Eine lebende Tote hatte die Worte gesprochen. Ein Mensch, der begraben und zurückgekehrt war.

Erst im Nachhinein wurde Rudolph diese Tatsache bewusst. Er schüttelte den Kopf, schluchzte und bekam mit, wie sich Gertrude gegen ihn drängte, sodass er sie zum ersten Mal spürte.

Das Grauen überkam ihn wie eine Flutwelle. Der kräftige Mann war nicht mehr in der Lage, sich zu wehren. Ein steifer, kalter Körper presste sich gegen den seinen, und er bog den Rücken durch. Das nutzte ihm nichts, denn er wurde mit dem Rücken gegen die Wand gedrückt.

Die Arme erschienen in seinem Blickfeld, danach die Hände. Wie gichtkrumme Stöcke sahen die Finger aus, deren Spitzen plötzlich über seine Wangen glitten, einen Schauer der Furcht auf seinem Rücken hinterließen, weiterwanderten und auch gegen sein Kinn stießen. Sie umfassten es, als wäre es ein besonders kostbares Teil. Hinter ihnen sah der Mann das Gesicht der lebenden Toten. Eine bleiche, blanke Fratze mit den strähnigen, völlig verschmutzten und verklebten Haaren, die nach Erde und Friedhof rochen.

»Ja!«, flüsterte die Frau. »So werde ich dich haben, immer haben. Und jetzt mein geliebter Gatte, wirst du das tun, was jeder Mann mit seiner Frau, die ihm angetraut ist, darf. Küss mich!«

Sie hatte verlangt, dass er sie küsste. Er sollte seine Lippen gegen den Mund einer Toten drücken, den Geschmack nach Moder, Erde und Friedhof spüren. Das war zu viel.

Und als er sah, wie sich ihr Kopf dem seinen näherte, wie sie ihren Vorsatz in die Tat umsetzen wollte, da riss bei Rudolph der Geduldsfaden. Bisher war er nicht in der Lage gewesen, sich zu wehren. Plötzlich aber drehte er durch.

Zuerst riss er sein rechtes Bein hoch. Das Knie rammte den Leib der Frau und stieß sie vor. Rücklings krachte die lebende Leiche auf das Bett und federte nach. Für Rudolph war dieser letzte Vorgang wie ein Startzeichen für andere Aktionen gewesen.

Er wollte weg.

Und er schaffte auch die ersten Schritte. Als sich Gertrude vom Bett aufrichtete, erwischte es ihn doch.

Es schien so, als hätte sie sich ihre beiden Pferde als Leibwächter geholt, denn sie griffen plötzlich ein und keilten aus. Sie schleuderten ihre Hinterbeine zurück. Die Hufe flogen hoch, waren auf ein bestimmtes Ziel fixiert und trafen auch.

Rudolph Ricardis spürte die harten Treffer in seinem Rücken. Er bekam keine Luft mehr, und einen Augenblick später erwischte ihn der Huf des zweiten Tieres.

Diesmal am Kopf.

Aus leeren Augen schaute Gertrude zu, wie ihr Mann zu Boden sank. Sein Schädel war nicht hart genug gewesen. Er hatte den Schlägen nicht widerstehen können, war aufgerissen und deformiert worden, und mit dieser Wunde konnte kein Mensch leben.

Auch ein Rudolph Ricardis nicht.

Er lag auf dem Bauch, sein Gesicht befand sich mit der Bettkante fast auf einer Höhe, und er konnte unter das Bett schauen, wo ihn ebenfalls ein bleiches Gesicht mit gebrochenen Augen anstarrte.

Das seiner Geliebten.

Gertrude aber erhob sich. Sie blickte auf den Rücken ihres Mannes und begann leise zu lachen.

»Erwischt habe ich dich«, flüsterte sie. »Erwischt, mein Lieber. Du konntest mir nicht entkommen, du hast es nicht ehrlich gemeint. Ich aber lebe, du bist tot, und ich werde weiterleben, das verspreche ich dir, Rudolph.«

Sie schüttelte sich, als hätte jemand Wasser über sie gegossen, dann ging sie zu ihren beiden Pferden, die sich mittlerweile wieder beruhigt hatten, und sie schob ihren Kopf in die Lücke zwischen ihnen, um in die Nacht zu starren.

Stundenlang stand sie in dieser Haltung. Sie wurde auch gesehen. Menschen flohen während des Tages in panischer Angst, und sie sprachen von der Unheimlichen vom Schandturm.

Später, man wusste nie, wann genau, mauerte man das obere Turmzimmer zu. Niemand sollte es mehr betreten, und niemand betrat es auch. Dennoch hielt sich das Leben auch über Jahrhunderte hinweg. Aber es war ein schreckliches, ein unheilvolles, das nur darauf wartete, in einer anderen Zeit zuschlagen zu können …

Einige Jahrhunderte später. August 1985. Die Bundesrepublik Deutschland hatte ihre Spionagefälle, der Sommer war ziemlich mies gewesen, Unwetter hatten viel Schaden angerichtet, in den Kinos lief der neue Bond. Die Sonne holte in den letzten Tagen dieses Monats noch einmal das nach, was sie zuvor versäumt hatte.

Sie verwöhnte die Menschen in der Stadt am Rhein, verlieh dem Dom, dem prächtigen Wahrzeichen, einen goldenen Glanz und sorgte dafür, dass sich noch mehr Menschen auf der Domplatte aufhielten.

Hochbetrieb herrschte an den Anlegestellen der Rheindampfer. Vollbesetzt fuhren die schneeweißen Schiffe stromauf und abwärts. Bunte Fahnen flatterten im Wind. Die Menschen waren fröhlich, sangen und tranken Wein.

Köln, die Metropole des Rheinlands, lebte, quirlte, schäumte über, und es hätte jetzt nur der weltberühmte Karnevalsumzug da sein müssen, um die Schau noch perfekter zu machen.

An anderer Stelle aber hatte man andere Sorgen. In einem hohen, kastenartigen und gesicherten Gebäude wurde tage- und nächtelang über das diskutiert, was die Bundesrepublik Deutschland fast bis in die Grundfesten erschüttert hatte.

Die Flucht eines hohen Beamten nach Ostberlin, das Verschwinden einiger Sekretärinnen und zahlreiche weitere Verhaftungen.

Vom BKA in Wiesbaden zum Verfassungsschutz nach Köln war Kommissar Will Mallmann gekommen. Drei Tage hielt er sich bereits in der Domstadt auf, zwei weitere sollten es noch werden, und Will war zudem noch bereit, ein Wochenende dranzuhängen, um sich die herrlichen romanischen Kirchen anzuschauen, die in der Welt einmalig sind.

Vor dem Vergnügen kam die Arbeit.

Mit einigen Kollegen hockte er zusammen und diskutierte die Fälle. Man redete über Maßnahmen, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Da sollten die staatlichen Organe zusammenarbeiten, und Mallmann, ein Mann für Sonderaufgaben, musste natürlich mitmischen.

Es wurden lange Diskussionen, die sich bis in die Abende hineinzogen. Die Männer bekamen jeweils einen kleinen Imbiss, der sich zumeist aus belegten Brötchen zusammensetzte, wurden immer wieder aufs Neue zum Schweigen vergattert und dann entlassen.

So war es auch am dritten Abend. Will Mallmann schlenderte als einer der Letzten zu seinem Wagen. Er fuhr noch immer seinen Opel Manta. Zwar hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich einen neuen Wagen zuzulegen, aber der alte fuhr noch, er war auch schnell, und für eine Person reichte er immer aus.

An eine erneute Heirat hatte Will nicht gedacht. Karin, seine Frau, war von schwarzmagischen Kräften getötet worden. Der gute Will wollte unter anderem deshalb nicht noch einmal in den Stand der Ehe treten, weil eine Frau an seiner Seite immer gefährlich lebte.

So blieb er in seiner kleinen Junggesellenbude in Wiesbaden wohnen und ging ansonsten voll in seinem Beruf auf.

Ein Kollege aus Bayern erwischte Will noch am Wagen stehend. »He, Kollege, warte mal.«

Mallmann drehte sich um. Durch den Schwung wäre ihm sein Jackett beinahe von der Schulter gerutscht, weil er es sich nur übergehängt hatte. Zum Glück konnte er es festhalten.

Der Kollege kam heran. Er war ein kerniger Typ und hätte mit seinen roten Pausbacken Reklame für ein Vitaminmittel machen können. Er trug als echter Bayer einen Trachtenanzug.

»Ja, was ist?«

Der Kollege legte eine Hand aufs Autodach des Mantas. »Die Luft in dem Bau war verdammt staubig. Ich habe noch Durst.«

Will lächelte und schaute auf seine Uhr. »Ich im Prinzip auch. Aber in zwei Stunden ist es schon Mitternacht. Wahrscheinlich werde ich im Hotel noch einen Drink nehmen.«

»Dann musst du ja auf die andere Rheinseite.«

»Ist nicht tragisch.«

Der Bayer lächelte verschwörerisch. »Ich habe mir aber sagen lassen, dass auf dieser Seite des Rheins mehr los ist. Altstadt und so. Das sind tolle Pinten. Und bei diesem Wetter ist noch bis weit nach Mitternacht der Bär los.«

»Um wie viel Uhr fangen wir morgen früh an?«

Der Mann aus Bayern winkte ab. »Denk doch nicht an so was.«

»Muss ich aber, denn man will morgen von mir ein Referat hören. Das ist es ja.«

Der Kollege nahm die Hand weg. »Wenn das so ist, habe ich wohl keine Chance.«

Will lachte. »Heute nicht.«

»Ich mache jedenfalls noch einen drauf. Ich habe da ein Lokal kennen gelernt, in dem sie das Bier nicht nur in Reagenzgläsern ausschenken.«

Mallmann verstand nicht. »Wie meinst du das?«

»Für ein gestandenes Mannsbild aus Bayern sind die Kölsch-Gläser doch viel zu klein.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

Der Kollege hob die Hand, grüßte kurz und ging davon.

Mallmann stieg in seinen Wagen. Er schnallte sich an und gähnte noch einmal kräftig, bevor er den Motor startete. Der Kommissar aus Wiesbaden war rechtschaffen müde. Zum Glück brauchte er nicht weit zu fahren. Sein Hotel lag auf der anderen Rheinseite, ein viereckiger Kasten aus rotem Beton, mit Blick auf die Stadtautobahn. Buchforst hieß der »Nobel«-Vorort.

Mallmann kannte sich in Köln recht gut aus. Von der Rheinuferstraße bog er auf die Zoobrücke ab und war in knapp zehn Minuten auf dem Hotelparkplatz.

Um diese spätabendliche Stunde hatte sich auch der Verkehr in Köln beruhigt. Am Rheinufer waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Will ordnete sich ein und sah schon von weitem die Lichterkette der Zoobrücke.

Ein gewaltiges Bauwerk aus Stahl und Beton spannte sich da über den dunkel und träge dahinfließenden Rhein. Wer über die Brücke fuhr, hatte auch in der Dunkelheit einen fantastischen Ausblick auf den angestrahlten Dom und die bunte Kölner Altstadt, in der fast immer Betrieb herrschte.

Will nahm sich vor, spätestens am Wochenende einen Blick in die Altstadt zu werfen, die beiden restlichen Tage, an denen er Dienst hatte, würden auch noch vergehen.

Mallmann rollte auf die Brücke. Er fädelte sich in den fließenden Verkehr ein und sah plötzlich, wie die Heckleuchten der beiden vor ihm auf verschiedenen Spuren fahrenden Wagen aufglühten. Im nächsten Moment hörte er das Kreischen gequälter Reifen.

Auch der Kommissar bremste. Er drückte das Pedal stotternd nach unten, weil er nicht auffahren wollte und sein Hintermann ebenfalls gewarnt werden musste.

Will bekam den Manta zum Stehen.

Er fragte sich nur, weshalb die anderen so heftig gebremst hatten. Zum Glück war der Kommissar noch auf der rechten Fahrbahn, sodass er aussteigen konnte. Zwischen dem Geländer und der Fahrbahn befand sich noch ein schmaler Notweg.

Will stieg aus.

Er schaute zurück, als er den Wagenschlag zuhämmerte. Ein Stau hatte sich hinter ihm gebildet, es war aber zu keinen Auffahrunfällen gekommen. Die Wagen vor Will standen schräg, und das hatte seinen Grund.

Zuerst hörte Will den Schrei. Er hallte durch die Finsternis und weit über den Fluss hinweg.

Noch wusste der Kommissar nicht, was geschehen war, bis er den Mann sah, der sich von seinem quer stehenden Wagen gelöst hatte und geduckt über die Fahrbahn lief.

Er wurde von einem weißen Pferd und einer Reiterin verfolgt.

Der Mann rannte, doch die anderen waren schneller. Und Will, der das Unheil kommen sah, konnte auch nicht mehr eingreifen.

Die Frau erwischte den Flüchtenden. Sie beugte sich dabei nach rechts, streckte ihre Hand aus, packte den Mann am Hals und riss ihn in die Höhe.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Kommissar den Vorgang zwar als ungewöhnlich empfunden, gleichzeitig aber auch als relativ normal eingestuft. Was danach folgte, ließ ihn den Atem anhalten.

Das Pferd hob ab und jagte schräg in die Luft. Das Haar der Reiterin flatterte im Wind, und ihr Lachen hallte über die Autobahn. Ihr weißes Kleid flatterte, und sie hielt noch immer den Bedauernswerten fest. So ritt sie mit ihrer Beute über das Geländer der Brücke.

Mallmann ahnte das Schreckliche und sollte sich nicht getäuscht haben. Als Ross, Reiterin und Opfer über dem Wasser schwebten, wirbelte der Schimmel um seine eigene Achse.

Plötzlich ließ die Unheimliche los.

Eine Puppe schien durch die Luft zu fliegen. Arme und Beine bewegten sich hektisch. Der dünne Schrei flatterte Will entgegen, der am Gitter stand und sich daran festhielt.

Wie ein großes Maul kam ihm der träge dahinfließende Rhein vor. Ein Maul, das weit offen war und in das der Mann hineinfiel.

Zuletzt sah der Kommissar das Aufspritzen des Wassers, dann war alles vorbei.

Und die Reiterin auf ihrem Schimmel jagte wie ein Komet dem dunklen Himmel entgegen …

Geträumt hatte der Kommissar nicht, das war ihm längst klar geworden. Es fiel ihm nur schwer, das Ungeheure zu begreifen, denn vor seinen Augen war ein Mord geschehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand, der aus dieser Höhe in den Rhein geworfen wurde, noch lebte. Auf jeden Fall musste man ihn suchen.

Will wirbelte herum. Er hatte den Schock abgeschüttelt wie seine Müdigkeit. Der Manta war mit einem Telefon ausgerüstet. Als Mallmann in das Fahrzeug eintauchte, vernahm er den sirenenhaften Schrei der Frau, die quer über die Fahrbahn zum Geländer der Brücke lief und dabei schrie: »Heinz, Heinz …!«

Der Kommissar hoffte nur, dass sie keine Dummheiten machte und sich in das Wasser stürzte. Zum Glück liefen zwei Männer zu ihr und hielten die Schreiende fest.

Mallmann hatte inzwischen Verbindung bekommen. Sein schmales Gesicht mit der vorspringenden Römernase war noch härter geworden, die Lippen um eine Idee schmaler, als er die Verbindung zu den entsprechenden Stellen bekommen hatte.

Er kannte den Kollegen nicht, aber Will stellte sich vor und alarmierte mit seinem Anruf nicht nur die normale Schutz-, sondern auch die Wasserpolizei.

»Wo sind Sie zu finden, Kommissar?«, lautete die Rückfrage.

»Ich bleibe am Tatort auf der Zoobrücke.«

»Gut, wir kommen.«

Will stieg wieder aus. Seine Stirn war schweißnass. Im Gegensatz zur Kehle, in der sich ein trockenes Gefühl ausgebreitet hatte. In der letzten Minute war der Stau auf der Brücke noch länger geworden. Er reichte bereits bis zur Ausfahrt zurück.

Einige Fahrer waren ausgestiegen. Jemand beschwerte sich über die beiden querstehenden Wagen, an denen man nicht vorbeikonnte.

Das interessierte Will nicht. Er ging dorthin, wo die Frau stand, und hörte bereits aus dem Hintergrund das Jaulen der Polizeisirenen. Ein junger Mann im hellen Anzug kam ihm kreidebleich entgegen.

»Das gibt es doch nicht«, keuchte er in seinem kölschen Dialekt. »Das ist einfach unmöglich. Ich werde irre.«

Will ließ ihn laufen. Er wollte mit der Frau und ihren Begleitern sprechen, die sie noch immer festhielten. Auf der Gegenfahrbahn lief der Verkehr auch langsamer, weil es einfach zu viele Gaffer gab, die sehen wollten, was geschehen war.

Die Frau hing mit beiden Armen über dem Geländer. Sie starrte dabei in die Tiefe, flüsterte nur den Namen »Heinz« und war ansonsten nicht ansprechbar. Mallmann wollte sich an die beiden Männer halten.

Um Missverständnissen vorzubeugen, zog der Kommissar seinen Ausweis. Das Dokument wurde zwar angeschaut, aber Will wusste nicht, ob die Leute auch begriffen hatten, wer er war.

Sie gaben jedenfalls keinen Kommentar ab, und Will musste zweimal fragen, bevor er Antworten bekam.

»Es ging alles so schnell«, sagte der Ältere, nahm seine Brille ab, schüttelte den Kopf und setzte sie wieder auf. »Furchtbar. Plötzlich war die Frau vor uns.«

Der andere Zeuge hatte die Worte gehört und nickte dazu.

»Wo kam sie her?«, fragte Will.

»Das weiß ich doch nicht. Sie war einfach da.« Der Mann wies in die Höhe. »Aus der Luft. Wir bremsten …«

»Ja, das sah ich, weil ich hinter Ihnen war. Und dann?«

Der Sprecher deutete auf die Frau. »Ihr Mann oder Begleiter stieg aus, war schneller als wir, und dann erwischte es ihn.« Der Zeuge schüttelte den Kopf. »Ich kann es noch immer nicht fassen.« Er deutete auf den anderen Mann. »Wir beide hätten auch an seiner Stelle sein können, wären wir schneller gewesen.«

Da gab ihnen der Kommissar recht. Weitere Fragen konnte er kaum stellen, zudem waren die Streifenwagen inzwischen eingetroffen. Aus drei Fahrzeugen stiegen die Beamten aus. Sie sperrten zunächst einmal ab. Ein älterer Mann schaute sich suchend um und sah den winkenden Kommissar.

Die beiden trafen sich auf der Fahrbahn. Mallmann stellte sich vor und hörte auch den Namen des anderen.

»Ich bin Hauptwachtmeister Büttgen. Dann haben Sie uns alarmiert?«

»Aber wichtiger sind jetzt Ihre Kollegen von der Wasserschutzpolizei.«

»Wieso? Ist jemand …?«

Mallmann ließ den Mann nicht aussprechen und erklärte ihm sofort, was geschehen war. Büttgen hörte aufmerksam zu, drehte sich dann zum Geländer hin und deutete darüber hinweg. »Aus welcher Höhe ist er gefallen?«

Mallmann konnte die Höhe nur schätzen.

Der Hauptwachtmeister schüttelte den Kopf. »Dann sind die Chancen, dass er überlebt hat, minimal. Aus einer so großen Höhe hat die Wasseroberfläche beim Aufprall die Wirkung von Beton. Da gibt es kaum eine Chance.«

»Das habe ich mir gedacht. Trotzdem müssen Ihre Kollegen nach dem Mann suchen.«

»Klar, sie sind schon dabei. Nur würde mich interessieren, wie es passiert ist.«

Will wollte es ihm später erklären. Er bat zunächst darum, dass zwei Beamte abgestellt wurden, die sich um die Frau kümmerten. Das wurde auch in die Wege geleitet.

Man brachte die weinende und völlig verzweifelte Frau in einen der drei Wagen.

Dann berichtete Mallmann. Er wurde dabei von den Zeugen umringt, die seine Worte durch Nicken oder Bemerkungen immer wieder unterstrichen. Der Hauptwachtmeister wollte ihnen nicht glauben, aber Mallmann ging auf die Zwischenfragen nicht ein.

»Es war tatsächlich so, das können Sie mir abnehmen.«

»Ein fliegendes Pferd?«

»Nicht nur das, Herr Büttgen. Auf seinem Rücken hockte sogar eine Reiterin.«

Eigentlich hatte der Polizist lachen wollen, aber das blieb ihm im Halse stecken. Stattdessen hob er die Schultern und meinte: »Wenn Sie das mal beweisen können.«

»Ich stehe ja nicht allein da. Es gibt weitere Zeugen. Das dürfen Sie nicht vergessen.«

»Natürlich, aber wer glaubt schon so etwas Unwahrscheinliches. War vielleicht eine Halluzination?«

»Bestimmt nicht.«

Der Hauptwachtmeister wusste auch nicht mehr weiter und schlug vor, die Frau zu befragen, falls sie überhaupt in der Lage war, irgendwelche Antworten zu geben.

Das war sie nicht.

Die schon etwas ältere Person hockte auf dem Rücksitz, hatte sich gedreht und starrte mit leeren Blicken durch die von innen beschlagene Scheibe. Manchmal murmelte sie den Namen »Heinz«, ansonsten sagte sie nichts. Der Beamte, der auf sie achtgab, hob nur die Schultern und erklärte seinem Vorgesetzten, dass sie überhaupt nicht ansprechbar wäre.

»Wollen Sie es nicht noch einmal versuchen?«, wandte sich der Hauptwachtmeister an den Kommissar.

»Nein, jetzt nicht. Vielleicht später. Sorgen Sie für einen Arzt. Die Frau muss eine Spritze bekommen.«

»Geht klar.«

Will ging einige Schritte zurück. Büttgen folgte ihm. »Sagen Sie mal, Kommissar, war es Zufall, dass Sie diesen Vorgang beobachtet haben, oder steckte etwas anderes dahinter?«

»Nein, ein Zufall.«

»Und Sie haben natürlich keine Erklärung dafür?«

»Noch nicht.«

Büttgen überlegte. »Darf ich dies so verstehen, dass Sie sich um den Fall kümmern wollen?«

»Darauf läuft es hinaus.«

»Ich muss trotzdem die Kollegen von der Kripo informieren.«

»Ist mir klar. Ich spreche auch selbst mit ihnen. Ich kenne Oberkommissar Herkner persönlich und werde einiges klarstellen.«

»Gut.«

Will Mallmann merkte, dass hier nicht mehr viel zu holen war. Auch der Hauptwachtmeister war der Ansicht und bat darum, sich verabschieden zu dürfen.

»Selbstverständlich dürfen Sie gehen.«

»Danke.« Der Mann verschwand.

Zwei Beamte waren dabei, die Fahrbahn zu räumen. Sie schoben die beiden querstehenden Wagen, die sich nicht berührt hatten, an den rechten Fahrbahnrand.

Die Brücke war frei, und der Stau begann sich aufzulösen.

Mallmann warf noch einen Blick über den Rhein. Er sah den angestrahlten Dom, die Silhouette der Altstadt, das Funkeln bunter Lichter, aber auch die beiden Suchboote auf dem dunklen Wasser, deren breite Scheinwerferstrahlen wie lange Arme über die wogende Oberfläche huschten und manchmal gegen die Ufermauern prallten.

Das sah alles so normal und friedlich aus. Es war kaum vorstellbar, dass noch vor wenigen Minuten das Grauen aus dem Unsichtbaren erschienen war und brutal zugeschlagen hatte.

Gab es dafür eine Erklärung?

Sicher, dachte der Kommissar, nur keine natürliche, sondern eine magische, und die würde er herausfinden. Aber nicht er allein, da gab es jemand, der besser für dieses Geschäft geeignet war.

Mit diesen Gedanken setzte sich Mallmann wieder in seinen Manta und startete. Er hatte nicht mehr weit bis zu seinem Ziel zu fahren. Über die fahrzeugleere Abfahrt huschte er, musste einen Bogen fahren, um auf die Gegenseite der Autobahn zu gelangen. Dort fand er sich bald auf dem beleuchteten Parkplatz des Hotels wieder.

Mallmann schaute ein letztes Mal in den Himmel.

Dunkel, weit, bedeckt mit Sternen und einem fast vollen Mond, lag er über ihm.

»Wir werden dich zu fassen kriegen, Reiterin«, versprach er.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mallmanns letzte Fälle" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen