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Mallmann und der schwarze Tod

JASON DARK

Die Welt des
JOHN SINCLAIR

MALLMANN UND DER
SCHWARZE TOD

VIER SPANNENDE KULTGESCHICHTEN

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Inhalt

  1. Die Drohung
    (Band 100, 1980)
  2. Ein Friedhof am Ende der Welt
    (Band 101, 1980)
  3. Das letzte Duell
    (Band 102, 1980)
  4. Verlies der Angst
    (Band 109, 1980)

DIE DROHUNG

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Es war die Hölle!

Eine Hölle aus Eis, Schnee, Sturm und mörderischen Temperaturen. Der Wind brachte eine Kälte mit, in der ein Mensch kaum überleben konnte.

Wo der Blick auch hinging, man sah nur eine weiße Wüste und Gletscherberge.

Und doch waren in dieser Südpolhölle zwei Menschen unterwegs. Forscher, die einen besonderen Auftrag hatten. Sie wollten ins Landesinnere vordringen, um dort geologische Untersuchungen in die Wege zu leiten.

Der Sturm hatte sie überrascht, obwohl am Südpol jetzt Sommer war. Innerhalb einer Nacht fiel das Thermometer um zwanzig Grad, die Kälte wurde zu einer mörderischen Klammer, die alles mit sich zog und nie mehr jemanden freigab.

Die beiden Männer kämpften. Sie waren gut ausgerüstet und lebten seit zwei Jahren auf einer Halbinsel, wo sich noch weitere wissenschaftliche Stationen befanden. Von dort aus unternahmen sie mit ihrem Motorschlitten eine Fahrt zum Mount Rex. Hinein ins Landesinnere. Zweihundert Meilen von ihrer Station entfernt.

Ein Wahnsinn.

Vor allen Dingen jetzt, nach diesem verdammten Wetterumschwung, mit dem keiner gerechnet hatte.

Der Sturm schleuderte ihnen die winzigen Eiskristalle ins Gesicht. Allerdings war von ihren Gesichtern kaum etwas zu sehen. Sven Jansson, der Norweger, hatte ebenso eine schützende Maske vor sein Gesicht gezogen wie sein Kollege Arthur Cornwall, der Engländer. Sie trugen dicke Kunststoffjacken aus einem Wärme isolierenden Material, das vor gar nicht langer Zeit erst entwickelt worden war.

Der Schlitten arbeitete einwandfrei. Der Motor lief ruhig. Treibstoff hatten sie noch genügend, auch mit Proviant waren sie eingedeckt. Die empfindlichen Messinstrumente jedoch hatten sie zurücklassen müssen. Durch ein zu hohes Gewicht verbrauchte der Schlitten zu viel Treibstoff, und der Sprit war in dieser Region ebenso lebenswichtig wie die warme Kleidung.

Das Land war nicht eben. Und es wechselte seine äußere Erscheinungsform von Minute zu Minute. Immer wieder türmte der Sturm neue Schneewälle hoch, überdeckte und füllte gefährliche Eisspalten und schuf Todesfallen für die beiden Männer.

Die Wissenschaftler verständigten sich durch Zeichen. Sprechen konnten sie nicht. Auch nicht schreien, denn der Orkan riss ihnen sofort jedes Wort von den Lippen.

Sven Jansson und Arthur Cornwall führten einen stetigen Kampf gegen die Unbilden der Natur.

Plötzlich saßen sie fest.

Beide hatten die Schneewehe zu spät gesehen. Der Schlitten verkantete. Er sauste mit seinem vorderen Teil, der ähnlich einem Bob gebaut war, voll in den Schnee.

»Shit!« Arthur Cornwall schrie das Wort so laut, dass es sogar gegen das Heulen des Orkans zu hören war.

Der Motor röhrte weiter auf, wollte den Schlitten voranschieben, doch der Widerstand der Schneewehe war zu stark.

Sven Jansson stieß seinen Partner an und nickte. Der Engländer verstand das Zeichen.

Sie mussten runter von ihrem Gefährt.

Bisher hatten sie geduckt auf ihrem Schlitten gesessen, um dem Sturm so wenig Widerstand zu bieten wie möglich. Jetzt mussten sie herunter, und der Orkan packte sie mit voller Wucht.

Arthur Cornwall taumelte zur Seite, konnte sich jedoch halten. Seinem Kollegen erging es nicht so gut. Er wurde von der Wucht in den Schnee geschleudert, und sofort wollte ihn ein Schleier aus Eiskristallen zudecken.

Fluchend befreite sich Sven Jansson. Geduckt näherte er sich dem Heck des Schlittens, wo die beiden Männer ihr Werkzeug festgezurrt hatten. Dort befanden sich Schaufeln, Hacken und Spaten. Es würde schwere Arbeit sein, ein Kampf gegen die Zeit, denn die Schneemassen waren dabei, den Motorschlitten vollständig zuzudecken.

Die Männer schufteten verbissen. Zu verständigen brauchten sie sich nicht, jeder wusste genau, was er in dieser Notlage zu tun hatte. Nicht zum ersten Mal steckten sie in dieser Situation. Da konnte sich einer auf den anderen verlassen.

Es gab kaum Schnee, fast nur noch Eis. Die beiden Wissenschaftler schwangen ihre Arme und hackten gegen die harte Wand aus gefrorenem Wasser an.

Die Werkzeuge bestanden aus bestem Stahl. Die Spitzen knallten gegen das Eis, schufen Löcher und Spalten. Kopfgroße Brocken fielen ab. Während Arthur Cornwall, der Kräftigere der beiden, das Eis zerhämmerte, schaufelte der Norweger die Eisbrocken zur Seite.

Eine halbe Stunde verging.

Die beiden Männer arbeiteten so verbissen, dass sie selbst unter ihrer dicken Kleidung schwitzten.

Und sie hatten Erfolg.

Sie schaufelten den Motorschlitten frei.

Sven Jansson hob die Hand, und der Engländer senkte seine Spitzhacke. Die Wissenschaftler wirkten in ihrer Kleidung wie Ungeheuer. Von ihren Gesichtern waren Mund und Nase nur schwer zu erkennen, da beides teilweise mit Eiskristallen bedeckt war.

Cornwall ging bis an den Bug des Schlittens, packte ihn dicht oberhalb der Kufen, stemmte seine Füße ein und begann zu schieben.

Das Gefährt rührte sich nicht.

Sven Jansson half mit.

Zu zweit schafften sie es. Sie drückten den Schlitten zurück. Auf einmal ging alles leichter, die Kufen rutschten, und das Gefährt war frei.

Endlich!

Sie grinsten sich zu, obwohl der eine den anderen gar nicht sehen konnte. Aus lauter Freude schlugen sie sich auf die Schultern.

»Wir können!«, brüllte Sven Jansson. Unter der schützenden Gesichtsmaske klang seine Stimme dumpf.

Beide Männer stiegen auf den Schlitten. Der Engländer ließ den Motor an. Die Maschine war eine Spezialkonstruktion, aus besonders kälteunempfindlichem Material hergestellt, und sie lief auch bei extremen Bedingungen.

Der Motor knatterte ein paar Sekunden und lief dann ruhig. Das Werkzeug hatte der Norweger zuvor verstaut. Sein Kollege legte den Rückwärtsgang ein.

Langsam schob sich der Schlitten nach hinten.

Nach wie vor heulte und tobte der Sturm. Unzählige Eiskristalle schleuderte er über die beiden Wissenschaftler. Riesige Schneewolken wurden hochgewirbelt und als tanzende Figuren über die weiten Plateaus der Antarktis geschleudert.

Die Kufen fassten. Der Motor hatte seine höchste Drehzahl erreicht. Er schob den Alu-Schlitten weiter in die Eishölle hinein. Die Männer umfuhren den Eiswall, in dem sie zuvor festgesteckt hatten. Sie befanden sich am Rand einer riesigen Ebene, über die der Orkan mit Höllenstärke brüllen konnte und nirgendwo Widerstand fand. Was nicht niet- und nagelfest war, riss er kurzerhand mit. Er schleuderte Eisbrocken vor sich her, als wären es nur Murmeln.

Sven Jansson und Arthur Cornwall hatten Angst, diese gewaltige Fläche zu überqueren, doch es blieb ihnen keine andere Möglichkeit. Um die Basis zu erreichen, mussten sie diesen Weg nehmen.

Jetzt waren sie dem Sturm hilflos ausgeliefert.

Auf der vorherigen Fahrt waren sie immer noch durch Hügel und Täler gedeckt worden – nun aber mussten sie kämpfen.

Um jeden Fußbreit Boden!

Der Orkan beutelte das Fahrzeug durch, schien mit tausend unsichtbaren Händen danach zu greifen, um es vom Boden hochzureißen. Immer wieder lenkte Cornwall gegen, er fluchte und schimpfte sich den Ärger von der Seele.

Dabei wussten die beiden Männer nicht, dass sie sich einem Gebiet näherten, das auf keiner Karte der Welt eingezeichnet war und doch eine schicksalhafte Bedeutung haben sollte – nicht nur für die beiden Wissenschaftler.

Noch ahnten sie nichts davon, denn sie befanden sich inmitten eines mörderischen Wirbels, im Zentrum eines Infernos aus Schnee, Sturm und Kälte.

Waagerecht jagten die Eiskristalle den Männern entgegen. Längst waren die Schneebrillen verklebt. Sehen konnten sie kaum noch etwas, und das Thermometer sank immer tiefer.

Sie kämpften sich weiter.

Legten Meile für Meile zurück, aber es war doch nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Entfernung zur Basis war noch immer unüberbrückbar groß. Und bald brach die Nacht herein.

Der Motor hielt durch.

Aber die Kälte wurde zu einem schleichenden Gift, das sich durch jede Ritze und Spalte fraß und dabei den Atem raubte. Die Männer hatten es schwer. Zwangsläufig ließ ihre Konzentration nach. Sie fuhren einfach nur weiter.

Immer nach Norden …

Die breite Spalte vor ihnen übersahen sie. Der Schnee hatte sie nicht zuwehen können, und in der Tiefe der Spalte war ein rötliches Glosen.

War das der Eingang zur Hölle?

Die Männer fuhren auf die Spalte zu. Sie sahen sie nicht, auch als sie nur noch wenige Yards davon entfernt waren.

Plötzlich begann ihr Schlitten zu kippen. Der vordere Teil sackte weg, es gab einen Ruck, dann fiel der Schlitten mitsamt den beiden Wissenschaftlern in den Spalt …

Sven Jansson stieß einen Schrei aus. Er hatte zuerst bemerkt, was geschehen war. Er warf sich auf dem Schlitten nach vorn, wollte sich festhalten, doch seine Fäuste trafen nur die glatte Eiswand, gegen die im nächsten Moment der schwere Schlitten prallte, zurückfederte und dann gegen die andere Seite stieß.

Dabei fiel er wie ein Stein in die Tiefe.

Arthur Cornwall, der Engländer, klammerte sich ebenfalls am vorderen Handlauf des Schlittens fest. Unter seinem Gesichtsschutz klangen die Angstschreie dumpf.

Sekunden dehnten sich in die Länge.

Der Schlitten kippte, überschlug sich, stieß irgendwo gegen, wurde zurückgedriftet, jagte noch tiefer in die Spalte hinein und näherte sich damit dem düsteren Glosen in der unauslotbaren Tiefe immer mehr.

Beim nächsten Stoß wurde Sven Jansson aus dem Gefährt geschleudert. Er hatte sich nicht mehr halten können, sein Körper fiel, der Schrei verebbte.

Auch Arthur Cornwall verlor den Halt.

Eine unheimlich starke Kraft schleuderte ihn nach vorn, über den Bug des Schlittens hinweg, und er knallte mit dem Kopf gegen die Wand.

Die dicke Mütze dämpfte den Schlag etwas. Trotzdem war er noch so stark, dass der Engländer sein Bewusstsein verlor. Ein ganzes Weltall zerplatzte vor seinen Augen. Er fiel und fiel, bis hinein in das glosende, düstere Rot, das sich am Boden dieser Schlucht ausbreitete.

War ihr Absturz zu Beginn rasend schnell gewesen, so verlangsamte er sich jetzt, je mehr sie sich dem Grund der Schlucht näherten. Es schien, als würden unsichtbare Hände ihren Fall stoppen und sie dem Boden entgegentragen.

In der Tat schwebten die beiden Wissenschaftler. Und sie landeten sacht wie Federn auf einer mit dickem Moos und Farnen bedeckten Erde, die überhaupt nicht in die Antarktis passte, sondern eher in einen tiefen Dschungel.

Es war heiß und feucht. Die Luft konnte man kaum atmen, es war wie in einem tropischen Regenwald.

Wie Puppen lagen die Wissenschaftler auf der Erde, eingemummt in ihre dicke Kleidung, auf der die letzten Schneereste bereits weggetaut waren.

Ihr Schlitten hatte den Fall nicht überstanden. Er war mit voller Wucht auf den Boden geprallt, zerbrochen und in seine Einzelteile zerlegt. Einige davon waren in ein Sumpfloch gefallen und dort versunken.

Den Männern war nichts passiert. Sie lagen am Boden, als ob sie schliefen.

Die Zeit verging.

Um die Wissenschaftler herum war es jedoch nicht still. Aus Sumpflöchern stiegen fahle Dämpfe, die sich zu seltsamen Figuren formten. Blasen trieben der Oberfläche zu und zerplatzten dort mit dünnem Knall.

Gewaltige Insekten summten und segelten im Zickzackkurs durch die schwülfeuchte Luft. In der Ferne war ein urwelthaftes Donnern zu vernehmen, das Ähnlichkeit hatte mit dem Grollen eines schweren Gewitters.

Riesige Bäume wuchsen in den graudüsteren Himmel ohne Sonne und Wolken. Dafür flogen gewaltige Vögel durch die Lüfte. Regelrechte Ungeheuer mit langen Hälsen und spitzen Schnäbeln. Alles war anders, war düsterer, grausamer …

Arthur Cornwall regte sich als Erster. Er hatte die bessere Konstitution.

Zuerst zuckten seine Arme, dann zog er die Beine an, atmete tief durch und setzte sich mit einem Ruck auf.

Sprachlos blickte er in die Runde.

Seine Augen weiteten sich ungläubig, der Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er blinzelte, schaute noch einmal und stöhnte auf.

»Das gibt es doch nicht. Ich – ich träume.«

Es war kein Traum.

Er riss sich den Gesichtsschutz ab, der nur noch ein schweißnasser Lappen war, drehte sich zur Seite und rüttelte seinen Kameraden so lange, bis dieser aufwachte.

»Verdammt, was ist los? Das Eis – wir …« Plötzlich schwieg auch Sven Jansson. Dafür schleuderte er die Kapuze vom Kopf, entfernte ebenfalls den Gesichtsschutz und wischte sich über die Augen. »Art, mein Gott, wo sind wir hier?«

»Ich weiß es nicht.«

Sven ruckte herum. »Aber die Landschaft. Sie ist …« Er schluckte. »Sie ist so wie vor Zigmillionen von Jahren.«

»Ja, das stimmt.«

Nach diesem Satz schwiegen die Männer. Aber beiden rann ein Schauer über den Rücken.

Unwillkürlich legten sie ihre Köpfe in den Nacken und blickten nach oben.

Es war keine Spalte oder Schlucht zu sehen. Nur der düstere Himmel. Und in der Ferne, aber dennoch dicht über dem Boden, das geheimnisvolle Glosen.

Sven schlug sich gegen die Stirn. Er hatte fast hellblondes Haar und dichte Augenbrauen. Sein Gesicht war von zahlreichen Sommersprossen bedeckt, und die Ohren standen weit ab. Er sah aus wie ein zu groß geratener Lausebengel.

»Ich glaube, ich spinne. Mensch, Art, das gibt’s nicht. Wir sind doch Wissenschaftler. Wir waren am Südpol. Dort ist nur Eis, Eis und Eis. Aber kein Dschungel. Sieh die Farne an, die riesigen Bäume. Verdammt, die sind ausgestorben. Die gab es vor Millionen von Jahren.«

Er warf sich im Sitzen herum und krallte seine Hände in die Jacke seines Freundes.

»Art, das ist die Urzeit. Wir sind in der Urzeit gelandet!«

Arthur Cornwall nickte nur. Sprechen konnte er nicht. Dem bulligen Engländer mit dem herabhängenden Oberlippenbart und den braunen Augen war im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme im Hals stecken geblieben.

»Art, Mensch. Sag was!«

Cornwall hob nur die Schultern.

»O verdammt, o verdammt!« Sven hämmerte mit der Faust auf den moosbedeckten Boden. »Jetzt sind wir verloren.«

»Noch leben wir«, meinte Arthur trocken.

»Du hast Humor.«

»Das Einzige, was mir noch bleibt.«

Sven stand auf. Er zog seine Jacke aus. »Die ist mir zu warm.« Darunter trug er noch eine dicke Jacke, die er jedoch anließ, ebenso wie die Hose und die dicken Stiefel. Er ging ein paar Schritte zur Seite, sah den zerstörten Schlitten und blieb kopfschüttelnd davor stehen. »Den können wir nicht mehr gebrauchen.«

»Nein«, sagte Arthur, schlüpfte ebenfalls aus seiner dicken Kleidung und sah sich um. »Wir sind hierher gekommen und werden auch irgendwie wieder wegkommen.«

»Du hast gut reden.«

Art schüttelte den Kopf. »Willst du denn hier sitzen bleiben und Däumchen drehen?«

»Nein.«

»Wenn du keinen besseren Vorschlag hast, dann komm.«

»Ohne Waffen?«

Art Cornwall bückte sich und suchte in den Trümmern des Schlittens herum. Proviant hatten sie noch, einiges Werkzeug und auch ihre Waffen.

Zwei Pistolen der Marke Luger.

Art nahm beide Schießeisen in die Hände. »Die sind geladen«, sagte er, »damit können wir uns einige Tierchen vom Hals halten.«

»Die Saurier werden sich freuen«, erwiderte Sven Jansson.

»Glaubst du, dass es welche gibt?«

»Sicher.«

Arthur Cornwall grinste bitter. »Als Junge habe ich kein naturkundliches Museum ausgelassen. Vor allen Dingen haben mich immer die Saurier fasziniert. Ich habe staunend vor den riesigen Skeletten gestanden und mir gewünscht, die Tiere lebend zu sehen.«

»Das Vergnügen wirst du bald haben«, erwiderte Sven Jansson. »Fragt sich nur, ob es ein Vergnügen sein wird.«

»Stimmt auch wieder.«

Die Männer verteilten das Gepäck. Es standen zwei Rucksäcke zur Verfügung, die sie sich auf die Rücken schnallten. In Strömen lief ihnen der Schweiß vom Körper, bereits jetzt, wo sie noch keinen Schritt gelaufen waren.

Die Luger-Pistolen steckten sie in die Gürtel. Dann begann der Abmarsch.

Sie entschieden sich dafür, auf das rötliche Licht zuzugehen. Dort konnte es unter Umständen etwas anderes geben als nur den Menschen mordenden Dschungel.

Vielleicht fanden sie da etwas Schutz oder Unterschlupf.

Mit dieser Hoffnung im Herzen beschleunigten sie ihre Schritte. Es war eine Quälerei für die Männer. Sie schritten zwischen mannshohen Farnen einher, von dem jeder so groß war wie eine Tanne. Fingerlange Insekten schwirrten auf sie zu, und nicht immer gelang es ihnen, sie zu erschlagen oder abzuwehren.

Sven hielt sich ein paar Schritte hinter seinem Freund. Beiden machte die Hitze ungeheuer zu schaffen. Sie umgingen blubbernde Sumpflöcher, über die Dunstschwaden wallten und wie träge Finger nach ihnen zu greifen schienen.

Riesentiere sahen sie nicht. Keine Saurier, keine Schlangen oder andere Urzeittiere.

Das Gelände war nicht eben, sondern hügelig. Wenn sie mal wieder einen der Hügel erklettert hatten, sahen sie in der Ferne dünne Rauchfahnen in der Luft stehen.

»Das sind Vulkane«, meinte Art und wischte sich zum hundertsten Male den Schweiß von der Stirn.

»Dann weißt du auch sicherlich, in welch einer Zeit wir gelandet sind?«, fragte der Norweger.

»Ich denke, du bist Geologe.«

»Ich will es aber von dir wissen.«

»Okay, Freund aus Norwegen. Diese Tiere und diese Landschaft gab es in der Jura-Zeit. Also rund hundert Millionen Jahre vor Christi Geburt.«

»Mahlzeit.«

Art grinste. »Hast du Hunger?«

»Nein, nur so.«

»Komm weiter«, sagte der Engländer.

Die Männer gingen stets geradeaus, direkt auf das rote Licht zu. Sie wussten nicht, wie viele Stunden vergangen waren, doch das Licht war stärker geworden.

Es gab Flüsse und kleinere Seen. Letztere lagen ruhig da, doch die Männer waren sicher, dass es unter der von Algen bedeckten Oberfläche gärte.

Die letzte Strecke war am schlimmsten. Sie quälten sich den Berg hoch. Härteres Gestein befand sich unter ihren Füßen.

Vulkangestein, erkaltete Lava.

Plötzlich wurde das Glühen stärker.

Die Wissenschaftler befanden sich nur noch ein paar Yards von der Hügelkuppe entfernt. Abrupt blieben sie stehen. Das Bild, das sich ihren Augen bot, schockte sie bis ins Mark.

Auf der Kuppe stand eine Gestalt.

Ein Skelett mit einer Sense in der Hand und einem weiten, pechschwarzen Umhang um die knochigen Schultern.

Es war der Schwarze Tod!

»Und deshalb werden in Zukunft die James-Bond-Typen unter unseren Beamten immer weniger Chancen haben. Die Männer, auf die sich die schlagkräftigste Organisation der Welt stützen muss und stützen wird, dürfen keine schießwütigen Gesellen sein, sondern Männer mit scharfem Verstand, logischem Denkvermögen und somit Spezialisten, die mit einem Computer umgehen können, als wäre er ihre eigene Frau oder Freundin.«

Über den letzten Witz lachte nur der Redner, nicht aber die Zuhörer.

Und ich noch weniger.

Der Knabe da vorn am Podium gefiel mir gerade. Ein vertrockneter Computerknilch. Grauer Anzug, weißes Hemd, Fliege aus blauer Seide mit roten Punkten. Ein Theoretiker und Technokrat, der uns, den Leuten der Praxis, etwas erzählen sollte.

Schon jetzt – es war erst eine halbe Stunde vergangen – herrschte Langeweile.

Die Ersten gähnten ganz offen.

Auch ich hielt mich nicht mehr zurück. Mein Chef, Superintendent Sir James Powell, war nicht dabei. So konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen.

Der Kollege neben mir dachte wohl ähnlich wie ich. Nur gähnte er nicht, sondern lehnte sich zurück und zog ein kleines Geduldsspiel aus der Tasche. Man musste mehrere Kugeln in verschiedene Löcher bringen. Dieser Beschäftigung widmete sich der Mann mit Hingabe.

Immer wieder bewegte er das Spiel, ließ die Kugel nach links, rechts, oben oder unten wandern und hatte Spaß, wenn eine in eines der Löcher fiel.

»Wollen Sie auch mal?«, fragte er mich und hielt mir das Spiel hin. »Ich meine, wir können ja um Zeit spielen. Wer verliert, gibt nach diesem dämlichen Vortrag einen aus.«

»Und so möchte ich Ihnen erklären, wie Sie demnächst Verbrechen verhüten können, bevor sie überhaupt stattgefunden haben«, drang die Stimme des Vortragenden an unsere Ohren. Der Knabe hatte sich wirklich gesteigert und war so richtig in Form gekommen.

»Jetzt wird er zum Tier«, flüsterte der Kollege.

»Kennen Sie ihn?«, fragte ich.

Er nickte. »Das ist mein Chef. Uns hält er des Öfteren solche Vorträge.«

»Das sagen Sie so einfach?«, fragte ich.

»Sicher. Dank meines kleinen Spielchens hier halte ich das sogar aus. Sobald der was sagt, die Ohren immer auf Durchzug schalten. Ist die beste Methode. Nicht nur in unserer Abteilung.«

Ich gab ihm recht. »Manchmal ist es wirklich besser.«

»Und wenn jemand Erfolg hat, von den Mitarbeitern, meine ich, dann sind sie es natürlich nicht gewesen. Immer nur die Chefs. Ob sie nun Chiefinspektoren, Superintendenten oder Commissioner sind.«

»Und Objektleiter«, ergänzte ich.

»Gibt’s das auch?«

»Ich denke, Sie sind beim Yard.«

Der Kollege grinste. »Sicherlich, das ist auch richtig. Aber nicht im Hauptgebäude. Wir arbeiten an der Uni an neuen Programmen.«

»Aha. Dann können Sie nicht wissen, dass mein Chef eine Art Objektleiter für die Geisterbekämpfung ist.«

»So ist das.« Plötzlich leuchteten seine Augen auf. »Dann sind Sie ja John Sinclair.«

»Stimmt genau.«

»Ruhe da vorn!«, kreischte das Männchen und unterbrach seinen ach so wichtigen Vortrag.

Die anderen Zuhörer blickten uns an und grinsten.

Mir ging die Quatscherei wirklich auf den Wecker. Ich saß sowieso ziemlich hinten. Der Ausgang war nahe, sodass ich rasch verschwinden konnte.

Als der kühle Luftzug meinen Nacken traf, drehte ich mich um. Ein Saaldiener hatte die Tür geöffnet. In der Hand trug er ein Schild, auf dem stand: »Telefon für Mr Sinclair.«

Ich atmete auf. Da hatte der liebe Gott noch mal Erbarmen mit mir gehabt.

Ich winkte dem Knaben zu, er nickte und verschwand, während ich meinen Stuhl zurückschob und aufstand.

»Sie Glückspilz«, sagte mein Nachbar.

»Jeder bekommt das, was ihm zusteht«, erwiderte ich lächelnd und verschwand schnell.

Der Saaldiener hatte auf mich gewartet. »Wenn Sie mir bitte folgen würden, Sir?«

»Wohin?«

»Ich habe das Gespräch in eine Zelle gelegt.«

»Danke.«

Die Zelle befand sich der Garderobe gegenüber. Im Innern roch es muffig. Der Aschenbecher neben dem Telefon quoll von Zigarettenkippen über.

Auf der Ablage lag der Hörer. Ich nahm ihn in die Hand und sagte meinen Namen.

Wie immer hatte ich hinterlegen müssen, wo ich zu erreichen war. Das aber nur in dringenden Fällen. Nun, dieser Anruf schien dringend zu sein.

»Ich muss mit Ihnen reden, Mr Sinclair«, hörte ich eine aufgeregt klingende Männerstimme.

»Okay, aber wer sind Sie?«

»Mein Name ist Rod Huxley.«

»Damit kann ich nichts anfangen.«

Er lachte. »Das glaube ich. Jetzt sagen Sie, wo wir uns treffen können.«

»Damit ich in die Falle renne?«

»Es ist keine Falle.«

»Geben Sie mir ein Stichwort.«

Er zögerte. Sein schweres Atmen drang an mein linkes Ohr. Dann meinte er: »Das Buch der grausamen Träume!«

Plötzlich stand ich unter Spannung. Vor meinem geistigen Auge tauchte eine verlassene Sumpfgegend auf, in der ich Ziita, die Hexe mit den sieben Köpfen und Armen, besiegt hatte. Sie wollte das Buch unbedingt haben, doch der Schwarze Tod war schneller gewesen. Er hatte es ihr und mir entrissen. Nach diesem Fall hatte ich immer wieder geforscht, doch nie wieder etwas von dem Buch gehört. Dabei war ich hinter der Schrift her wie der Teufel hinter der armen Seele. Denn in diesem Buch stand geschrieben, wie ich meinen Erzfeind, den Schwarzen Tod, vernichten konnte.

»Haben Sie das Buch?«, fragte ich.

»Nein, aber ich weiß, wo Sie es finden können. Sie müssen sich jedoch beeilen. Wahrscheinlich sind mir die anderen schon auf der Spur. Ich habe keine ruhige Minute mehr. Für mich ist es ein wahres Glück, dass ich England überhaupt lebend erreicht habe.«

Der Anrufer schien nicht zu lügen. Im Laufe der Jahre bekommt man ein Gefühl dafür, ob es jemand ehrlich meint oder nicht. Dieser Mann jedenfalls schien keineswegs mit falschen Karten zu spielen.

»Okay, ich werde kommen. Wo kann ich Sie treffen?«

»St. James Park. Children’s Ground.«

»Am Kinderspielplatz?«

»Ja.«

»Okay, warten Sie dort. Sie kennen mich?«, fragte ich ihn.

»Keine Bange. Ich werde Sie schon nicht verfehlen. Doch beeilen Sie sich.«

Das wollte ich auch, denn seine Worte hatten mich alarmiert. Das Buch der grausamen Träume! In grauer Vorzeit war es geschrieben worden. Von wem, das wusste niemand. Aber darin sollten die Geheimnisse der Hölle offenbart worden sein, und es wurde auch einiges über die Vernichtung der Dämonen geschrieben. Der Schwarze Tod musste erledigt werden, deshalb nahm ich jede Chance wahr, die mich auf seine Spur führte.

Es war noch nicht lange her, da hatte er Karin Mallmann ermordet. Direkt nach der Hochzeit, als sie und ihr Mann Will die Kirche verließen.

Noch jetzt sah ich oft den schmerzgepeinigten Will Mallmann vor mir, wie er seine tote Frau in den Armen hielt. Ein Bild, das ich nie vergessen würde.

Ich hatte danach hin und wieder mit Kommissar Mallmann telefoniert und dabei das Gefühl gehabt, irgendwie zu stören. Will war ein anderer Mensch geworden. Er vergrub sich in seine Arbeit und wollte nur vergessen.

Doch er hasste die Mächte der Finsternis wie ich. Und besonders den Schwarzen Tod.

Wer konnte es ihm verdenken?

Ich nahm meinen Mantel von der Garderobe, hängte ihn mir über und verließ den Vortragssaal. Er gehörte noch zum Komplex von New Scotland Yard.

Zum St. James Park war es nicht weit. Trotzdem nahm ich den Bentley, obwohl ich lieber zu Fuß gegangen wäre. Man konnte nie wissen, vielleicht war ich später auf den Wagen angewiesen.

Ich fuhr über die Dean Farrar Street, dann weiter über die Dartmouth Street und erreichte die Südostecke des Parks, der wie eine dunkle Wand vor mir lag. Es leuchteten wenige Laternen. Sie schufen einsame Lichtinseln und standen meistens entlang des breiten Spazierweges.

Der Bentley rollte auf dem Birdcage Walk in Richtung Westen. Es ist die Straße, die parallel zur Südgrenze des Parks verläuft und direkt zum Buckingham Palace führt. Dort gehen der St. James Park und der Green Park ineinander über. Weiter westlich beginnt dann der riesige Hyde Park.

Der Kinderspielplatz lag an der Südseite. Verkehr herrschte um diese Abendstunde kaum, denn bei Dunkelheit hatte niemand Lust, einen der Parks zu betreten. Ich ließ den Wagen ausrollen und lenkte ihn dabei auf einen schmalen Weg, der wie die Spitze eines Speers in den Park hineinragte.

Ich stieg aus. Meine Beretta trug ich bei mir, ebenfalls das geweihte Kreuz. Sollte das dennoch eine Falle sein, würde ich mich schon zu wehren wissen.

Der Spielplatz war auf einer großen Wiese errichtet worden. Wo tagsüber und bei Sonnenschein die Kleinen fröhlich herumtollten und lärmten, lag jetzt alles in tiefer Ruhe.

Ich sah die Klettergeräte, die Schaukeln, die Balancierstangen und die kleinen Karussells, die man noch durch Muskelkraft in Bewegung setzte. Nur von meinem Anrufer sah ich nichts.

Der Nachtwind strich über mein Gesicht und fuhr durch die kahlen Zweige der Bäume. Die Lichtglocke über der Londoner City sah ich als hellen Widerschein am dunklen Himmel.

Ich schritt hin und her.

Manchmal ging ich über Sand, dann befand sich wieder das braungrüne Wintergras unter meinen Füßen.

Da sah ich die Gestalt.

Sie löste sich aus der Deckung eines Baumstamms und bewegte sich langsam auf mich zu …

Der Mann blieb stehen. Uns trennten etwa drei Yards.

»Mr Sinclair?«, fragte er.

»Ja.« Ich ging näher.

»Stopp! Können Sie sich ausweisen?«

Ich grinste, obwohl er es sicherlich in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

»Misstrauisch, wie?«

»Das muss ich sein.«

»Okay.« Ich zog mit vorsichtigen Bewegungen meinen Ausweis und warf ihn dem Mann zu.

Geschickt fing er die Hülle auf, leuchtete das Dokument mit einer winzigen Taschenlampe an und las.

»In Ordnung?«, fragte ich.

Als Antwort ging er auf mich zu und legte mir den Ausweis in die Hand.

Ich steckte das Dokument wieder weg. Dabei schaute ich mir diesen Huxley an. Er war etwa so groß wie ich. Nur hatte er dunkles Haar, das ihm bis über die Hälfte der Ohren wuchs.

Den Mantelkragen hatte er hochgeschlagen, vom Gesicht sah ich nicht viel. Besonders fiel der Bart am Kinn auf.

»Was wollten Sie mir sagen?« Ich kam sofort zur Sache.

»Wir können uns auch setzen. Da vorn ist eine Bank.«

Wir nahmen Platz. Ich lehnte eine angebotene Zigarette ab. Huxley rauchte sie in der hohlen Hand.

Ich wartete auf seine Erklärung, und die erfolgte auch sehr schnell. »Sie sind der Schweigepflicht unterworfen, Mr Sinclair. Deshalb muss das, was ich Ihnen mitteile, unter uns bleiben.«

»Selbstverständlich«, beruhigte ich ihn.

»Dass ich Rod Huxley heiße, wissen Sie. Ich war Geheimagent und arbeitete für den Secret Service.«

»Ein heißer Job.«

Er lachte. »Da haben Sie recht. Aber jetzt bin ich in Pension. Ich hätte nie gedacht, dass plötzlich einmal Geister oder Dämonen meinen Weg kreuzen würden. Bisher habe ich das alles als Spinnerei abgetan, aber ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich war vor Kurzem privat im Harz. Genau 1141 Meter hoch, auf dem Brocken. Dieser Berg hat seine Geschichte. Man sagt ihm nach, dass sich dort die Hexen versammeln. In der Walpurgisnacht reiten sie auf glühenden Besen durch die Luft und treffen sich auf dem Gipfel des Berges mit dem Teufel, um ihm zu Willen zu sein. Aber die Geschichten werden sie ja selbst kennen. Ich fand ein Versteck nahe der Grenze. Eine Höhle, die schon zum Gebiet des Brocken gehört. Ich kundschaftete die Höhle aus, ging immer tiefer hinein und gelangte an einen Platz, an dem sich tatsächlich die Hexen versammelt hatten. Sie sahen mich nicht, sondern tanzten um ein gewaltiges Feuer ihren höllischen Reigen. Dabei sangen und schrien sie. Einige Worte konnte ich verstehen. Es ging um ein Buch und um den Schwarzen Tod. Ich wollte schon fliehen, als ich den Titel des Buchs erfuhr. Und ich hörte einen Namen. Ihren, Mr Sinclair.«

Der Agent legte eine kurze Pause ein, die mir Zeit zum Nachdenken gab.

Es war im Reich der Dämonen eine bekannte Tatsache, dass ich an dem Buch der grausamen Träume stark interessiert war. Deshalb musste der Schwarze Tod es vor mir schützen. Aber nicht nur vor mir allein, sondern auch vor seinen eigenen Artgenossen, die gern an der Spitze eine Wachablösung sahen. Sie wollten den Dämon nicht mehr als ihren Führer anerkennen, da er in letzter Zeit zu viele Niederlagen eingesteckt hatte.

Deshalb wollten auch sie das Buch in ihren Besitz bringen, denn dort konnten sie nachlesen, wie der Schwarze Tod zu vernichten war. Und aus diesem Grunde brauchte er für das Buch der grausamen Träume ein gutes Versteck.

Fast wäre es sogar der Hexe Ziita gelungen, die Schrift an sich zu nehmen. Doch der Schwarze Tod war letzten Endes schneller gewesen und hatte es sowohl mir als auch ihr entrissen. Er konnte es nicht mehr bei sich tragen, deshalb brauchte er ein sicheres Versteck. Vor allen Dingen eins, auf das jemand achtete. Dämonen und Geister, die ihm treu ergeben waren. Das schienen die Hexen vom Brocken zu sein. Nun, ich kannte die Sage, war aber bisher noch nie direkt damit konfrontiert worden. Nach Huxleys Aussagen sah die Sachlage schon ganz anders aus.

»Haben Sie sonst noch etwas in Erfahrung bringen können?«, erkundigte ich mich.

»Nein, es wurde nur das Buch erwähnt und Ihr Name. Ich zog mich dann zurück, war aber etwas unvorsichtig, sodass die Hexen mich entdeckten. Ich musste fliehen. Himmel, es war eine mörderische Sache. Dass sie mich nicht gefunden haben, wundert mich heute noch. Ich konnte mich die Nacht über im tiefen Wald verstecken, als es Tag wurde, huschte ich über die Grenze. In der nächstgrößeren Stadt setzte ich mich ans Telefon und rief meine Dienststelle an. Ihr Name klingt englisch. Ich erfuhr sehr schnell, wer Sie sind und welch einen Job Sie ausüben. Mich hielt nichts mehr. So schnell wie möglich fuhr ich nach London.«

»Und Sie sind den Hexen tatsächlich entkommen?«

Er drehte den Kopf, blickte mich an und nickte.

»Kaum zu glauben, denn wenn sie erst einmal jemanden entdeckt haben, dann jagen sie ihn so lange, bis sie ihn haben.«

»Bei mir hat es nicht geklappt.«

»Aber Sie werden jetzt noch verfolgt?«

Er trat die zweite Zigarettenkippe aus. »Gesehen habe ich keine, doch ich habe das Gefühl.«

Ich nickte. »Das kenne ich.« Tief atmete ich ein. »War das alles, was Sie mir sagen wollten?«

»Ja.«

»Und fahren Sie irgendwann wieder rüber?«

Er hob die Schultern. »Ich weiß nicht so recht. Eigentlich bin ich kein ängstlicher Mensch, aber wieder in den Harz zu gehen erscheint mir doch ein wenig riskant.«

»Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Geschichte erzählt haben«, sagte ich.

»Das war doch selbstverständlich.« Huxley erhob sich, und auch ich stand auf.

Huxley blickte zu Boden. »Ja, Mr Sinclair«, sagte er, »da ist noch was.« Er griff in die Tasche. »Ich habe etwas in der Höhle gefunden, was Sie vielleicht interessieren könnte. Ich …« Er stockte plötzlich, und auch ich sagte kein Wort mehr, sondern wirbelte herum und griff zur Waffe.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel war das Rauschen über uns gekommen. Plötzlich wischten grün schillernde Schleier durch die Luft, ich hörte ein Kreischen und Brausen, und im nächsten Moment rasten die Schleier auf uns zu.

»Deckung!«, brüllte ich Huxley zu, packte ihn am Arm und riss ihn zu Boden.

Ich wollte mit ihm unter die Bank, schaffte es nicht mehr, denn in diesem Moment war die erste Gestalt fast heran.

Es war eine der schaurigen Hexen, und sie ritt tatsächlich auf einem feurigen Besen …

»O nein«, stöhnte der Norweger, »das darf doch nicht wahr sein. Nicht hier!«

Auch Arthur Cornwall war geschockt. Mit allem hätten die beiden gerechnet, mit grausamen Sauriern, menschengroßen Vögeln, aber nicht mit einem riesigen schwarzen Skelett, in dessen Schädel nur die Augenhöhlen weiß leuchteten.

Das rötliche Licht umgab die Horror-Gestalt wie eine Aura des Bösen, und als das Skelett jetzt seine Sense schwang, zog sie einen blutigroten Streifen nach.

Die beiden Wissenschaftler fühlten sich wie Winzlinge. Unendlich klein und ebenso hilflos. Sie wussten nichts von dem Schwarzen Tod, kannten keinerlei Zusammenhänge, sondern waren direkt und unvorbereitet mit dem Grauen konfrontiert worden.

Unbeweglich stand der Schwarze Tod auf der Stelle. Wie ein mächtiger Diktator, der über sein Reich schaut und es mit Stolz betrachtet.

Die Männer zitterten vor Angst. Sie tasteten nicht einmal nach ihren Waffen, denn ihnen war klar, dass sie damit nichts ausrichten konnten.

Nicht gegen diesen Gegner!

Art Cornwall fand als Erster die Sprache wieder. »Verstehst du das?«, hauchte er.

Sven schüttelte den Kopf. »Nein. Wo sind wir hier nur gelandet?«

Darauf wusste Cornwall auch keine Antwort. Doch beide spürten sie das Grauen, das von dieser schrecklichen Gestalt ausging. Es war eine Aura des Schreckens, die sie traf, fast wie eine körperliche Berührung, und sie schüttelten sich vor Angst.

»Das Ende«, hauchte Sven Jansson, »das ist das Ende, Art. Uns kann niemand mehr helfen.«

Damit hatte er gar nicht mal so unrecht. Allein das Blatt der Sense war so groß wie ein ausgewachsener Mann. Wenn das Skelett einmal damit zuschlug, waren beide verloren.

Doch der Schwarze Tod tat nichts. Nur einmal schüttelte er sich, und ein urwelthaftes Grollen drang aus seinem Maul. Dann wölkte plötzlich Qualm auf, der geradewegs aus dem vulkanischen Boden stieg, das Skelett umhüllte und im nächsten Augenblick durch einen Windzug wieder davon getrieben wurde.

Das Skelett aber war verschwunden!

Leer lag die Hügelkuppe vor den beiden Wissenschaftlern.

»Haben wir geträumt?«, fragte Sven Jansson nach einer Weile des Schweigens.

»Nein. Wir haben dieses Skelett gesehen. Es hat existiert! Auch diese verdammte Umgebung hier ist kein Traum. Das kannst du mir glauben.«

Der Norweger nickte. »Aber wie kommt diese Gestalt hierher?«

»Frag mich was Leichteres.«

»Lass uns weitergehen.«

Art Cornwall war mit dem Vorschlag seines Freundes einverstanden. Er fragte nur: »Wohin willst du? Kennst du hier eine nette Kneipe mit knackigen Girls?«

»Ach, hör auf.«

Die Männer hatten angenommen, sich sofort wieder an den Abstieg machen zu können, das jedoch erwies sich als Fehleinschätzung. Sie befanden sich auf einem regelrechten Plateau, das so weit reichte, wie das Auge blicken konnte.

Die Vegetation war nicht anders als im Tal. Üppige Pflanzen, oft groß wie ein ausgewachsener Mann, mit farbenprächtigen Blüten und beindicken Stängeln. Sie wuchsen zwischen den gewaltigen Bäumen, deren Kronen regelrechte grüne Dächer bildeten, die kaum einen Tropfen Regen hindurchließen.

Es war eine Umgebung, wie man sie in Büchern gezeichnet fand, die sich mit der Erdgeschichte beschäftigten und die einem Menschen Angst einflößen konnte.

Menschen hatte es zu dieser Zeit noch nicht gegeben. Nur die riesigen Tiere, die aber – und das wusste man aus Funden – reine Pflanzenfresser waren.

Trotzdem hatten die Menschen Furcht. Sie arbeiteten sich weiter voran. Manchmal war der Boden knochenhart, dann wurde er wieder weich und sumpfig, sodass die Stiefel der Männer fast im Morast versanken.

Eine sehr seltsame Gegend.

Manchmal ging es überhaupt nicht mehr weiter. Dann versperrten lianenartige Gewächse ihren Weg, die sie mit ihren eigenen Händen zur Seite schaufelten. Oft klebten die Dinger aneinander. Wenn sie das Zeug abrissen, zog es sich wie Gummilösung in die Länge.

Schlingpflanzen griffen nach ihren Füßen und bildeten regelrechte Stolperfallen.

Sven Jansson atmete schwer. Er keuchte und schwankte wie ein Betrunkener durch den Dschungel.

Und noch immer hatten sie kein Tier zu Gesicht bekommen.

Stets wurden sie von Insekten umkreist, doch sie bissen nicht mehr zu. Sie schienen den Befehl zu haben, die Männer nur zu beobachten.

Schließlich sank Sven auf die Knie. Er fiel ganz langsam, so als würde ihn jemand am Band halten und ihn dem Boden immer mehr entgegendrücken.

»Art!«, keuchte er.

Cornwall drehte sich um.

»Verdammt, Art, ich – ich kann nicht mehr.« Sven lag auf dem Bauch, winkelte die Arme an und versuchte sich aufzustützen, was ihm jedoch nicht gelang.

Er fiel wieder zurück.

Art Cornwall ging neben ihm in die Knie, umfasste beide Schultern und zog ihn hoch.

»Mensch, Sven!«, fuhr er seinen Kameraden an. »Reiß dich zusammen. Komm hoch!«

»Ich – ich …« Jansson schluckte. Sein Gesicht zeigte Spuren tiefster Erschöpfung. Er war einfach nicht mehr in der Lage, weiterzugehen. Die hinter ihm liegenden Ereignisse hatten zu viel Kraft gekostet.

Art Cornwall konnte den Freund unmöglich liegen lassen. Es war ja nicht nur die Hitze, die sie fertigmachte, sondern auch der Wassermangel. Hatte es am Südpol zu viel Wasser gegeben, so fehlte es ihnen jetzt. Die Zungen lagen wie alte Lappen im Rachen, das Luftholen war eine Qual, aber sie durften jetzt nicht aufgeben. Denn dann waren sie verloren. Inmitten einer fremden Natur würden sie der ganzen Erbarmungslosigkeit dieser Welt ausgesetzt sein. Überleben hieß hier kämpfen.

»Komm, ich nehme einen Teil deines Gepäcks«, sagte der Engländer und machte sich daran, den Rucksack loszuschnallen.

»Nein, nicht. Lass mich nur einen Moment hier liegen, dann geht es schon wieder. Nur eine kurze Pause.«

»Okay.« Arthur Cornwall ließ sich neben dem Norweger auf den Boden fallen.

Beide schwiegen. Reden kostete Kraft und Luft. Und sie brauchten beides nötiger denn je.

Ihre Uhren hatten den Absturz ebenfalls überstanden. Doch als Art Cornwall auf das Zifferblatt blickte, sah er, dass sich die Zeiger nicht mehr bewegten. Die Zeit stand still.

Ein schlechtes Omen?

Cornwall glaubte fest daran.

Ohne Uhr verlor man jegliches Zeitgefühl. Als moderner Mensch war er daran gewöhnt, immer wieder einen Blick auf seinen Chronometer zu werfen. Er konnte sich zwar anhand der Sonne und am Stand der Sterne orientieren, doch beides gab es in dieser Welt nicht.

Keine Sonne, keine Sterne. Nur dieser schreckliche graue Himmel, der wie ein gefräßiges Ungeheuer auf sie wirkte, das irgendwann einmal alles verschlingen würde.

Arthur Cornwall stieß seinen Freund an. »Kannst du wieder weiter?«

»Werde es versuchen.«

Art half dem Norweger auf die Beine. Er musste ihn auch die nächsten Yards noch stützen, dann konnte Sven Jansson allein gehen.

Sie schritten weiter. Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Immer tiefer drangen sie ein, die Luft blieb gleich feucht und warm. Sie raubte ihnen das letzte Quäntchen Luft aus den Lungen.

Dann aber änderte sich die Landschaft. Zwar blieb der Wald, doch die Abstände zwischen den Bäumen wurden lichter.

Auch noch etwas anderes sahen sie.

Schwarze dunkle Steine, mehr hoch als breit. Einige so gewaltig wie ein Haus.

Erstaunt blieben die beiden Männer stehen. Diese Steine erinnerten sie an das geheimnisvolle Stonehenge, ein Gebiet, das sie einmal als Geologen besucht hatten.

Wie Zwerge fühlten sie sich zwischen diesen gewaltigen Brocken. Sie schlichen hindurch und gelangten an den Rand eines Platzes.

Abrupt blieben sie stehen.

»Mein Gott«, flüsterte Sven Jansson, »das ist ja ein richtiger Friedhof …«

Die Hexe griff an!

Sie schälte sich aus der Schwärze des Parks. Ein grünes Ungeheuer mit einem verzerrten Gesicht, das mich an das einer Mumie erinnerte. Die Zähne waren gefletscht, aus ihrem Rachen drang ein böses Kichern, vermischt mit einem kreischenden Fauchen.

Und die Hexe ritt auf einem feurigen Stiel, der wie ein brennender Speer in der Luft lag. Den rechten Arm hatte sie erhoben, ihre knochige Faust umklammerte einen Stab, den sie mit ungeheurer Wucht auf uns zu schleuderte.

Huxley kam nicht sofort vom Boden weg.

Das war sein Untergang, denn der Stab sollte nicht mich treffen, sondern ihn.

Er traf ihn mitten in die Brust.

Plötzlich glühte der Stab auf, verbreitete ein blendendes Licht, als hätte jemand eine Magnesiumfackel entzündet.

Ich hörte Huxley schreien, konnte mich jedoch nicht um ihn kümmern, da ich von der rechten Seite her ebenfalls angegriffen wurde. Diesmal von einer zweiten Hexe.

Auch sie war mit diesem Stab bewaffnet, hatte den Arm erhoben und wollte ihn schleudern.

Ich fiel auf die Knie, riss meine Beretta hervor und feuerte.

Wie ein Cowboy auf einem Pferd, so elegant hockte die Hexe auf ihrem Höllenbesen.

Als ich abdrückte, ruckte sie hoch und wischte über meinen Kopf hinweg. Sie stach förmlich in den dunklen Himmel hinein, und ich hatte das Nachsehen.

Kam sie zurück?

Ja, beide fegten heran.

Diesmal war ich besser gewappnet. Erstens hatte ich die Beretta schussbereit und zweitens besaß ich noch das Kreuz, dessen Kette ich blitzschnell über meinen Kopf streifte.

Die Beretta in der rechten, das Kreuz in der linken Hand, so erwartete ich die beiden heranfliegenden Hexen.

Eine ließ sich etwas zurückfallen, während ihre Artgenossin vorprellte.

Wie ein Fanal leuchtete der besenähnliche Stab, auf dem sie saß. Wieder hielt sie ihre fürchterliche Waffe hoch erhoben, um mich zu töten.

Ich glaubte nicht mehr, dass Huxley noch lebte. Sein Todesschrei war echt gewesen.

Ich feuerte.

Hintereinander jagte ich die Kugeln aus dem Lauf. Die geweihten Geschosse schüttelten die Hexe durch und schleuderten sie von ihrem Besen.

Sie stieß einen grauenhaften Schrei aus, überschlug sich mitten in der Luft und verging noch im Flug. Eine stinkende, giftgrüne Wolke trieb davon.

Die zweite Hexe vergaß ihre Attacke, als sie sah, was mit ihrer Artgenossin geschah. Sie drehte mit ihrem feurigen Besen ab und verschwand über den Wipfeln der Bäume.

Ich blieb zurück.

Und Rod Huxley, der mir vor seinem Ableben noch wichtige Informationen hatte zukommen lassen.

Rod Huxley konnte niemand mehr helfen. Ich kniete neben ihm. Seine Augen waren verdreht. Das Weiß in ihnen fiel besonders in seinem schwarzen Gesicht auf.

Ja, er war verbrannt.

Der Hexenstab, diese teuflische Waffe, hatte einen Menschen getötet. Ich schluckte hart. Jetzt hätte ich gern eine Decke gehabt, um den Toten zu verbergen, zu schrecklich war sein Anblick.

Aber er hatte mir kurz vor dem Angriff der Hexen noch etwas sagen oder zeigen wollen. Er griff dabei in die rechte Jackentasche, wenn ich mich erinnerte.

Zum Glück war seine Kleidung nicht verbrannt. Meine Hand fuhr in die Tasche, und ich fühlte Papier.

Es war ein Briefumschlag, den ich da zum Vorschein brachte. Mit den Fingern fühlte ich nach und stellte fest, dass sich etwas in dem Umschlag befand.

Ich öffnete ihn, und ein Foto fiel mir in die Hände.

Es war zu dunkel, um genau erkennen zu können, wen das Bild zeigte. Mein Feuerzeug gab mir ausreichend Licht.

Ich hielt die Flamme seitlich neben das Bild. Der Wind trieb sie hin und her, warf Licht und Schatten auf das Foto, doch ich erkannte auch so, wen die Fotografie zeigte.

Eine Frau.

Mir stockte fast der Herzschlag, denn ich kannte sie.

Das Bild zeigte ein Porträt der toten Karin Mallmann!

Das war ein Schock, ein echter Hammer!

Woher hatte dieser Mann das Bild? Ich rief mir seine letzten Worte ins Gedächtnis zurück. Er hatte in der Höhle etwas gefunden. War es dieses Bild?

Höchstwahrscheinlich!

Ein schrilles Pfeifen erreichte meine Ohren. Klar, die Schüsse waren von den patrouillierenden Bobbys gehört worden. Jetzt kreisten sie den Ort ein, um nachzusehen.

Lichter geisterten durch den Park. Sie hüpften auf und ab, ein Beweis, dass die Polizisten Taschenlampen in den Händen hielten. Die ersten Strahlen trafen mich, blendeten.

Ich hielt bereits meinen Ausweis hoch, sodass die Jungs sofort Bescheid wussten.

»Sir!« Der Erste nahm Haltung an.

Ich gab einen knappen Bericht, deutete auf den Toten und bat den Mann, die Mordkommission zu verständigen.

Er trabte los.

Ich zündete mir eine Zigarette an und rauchte langsam, während mich mehrere Bobbys umstanden.

In meinem Kopf irrten zahlreiche Ideen und Gedanken herum. Nicht nur das Buch der grausamen Träume war erwähnt worden, sondern es tauchte sogar ein Bild der toten Karin Mallmann auf. Hatte der Tote vielleicht Will Mallmann gekannt? Hatte er je Kontakt mit ihm gehabt? Eine Frage, die ich noch in dieser Nacht lösen wollte.

Ich musste den Kommissar in Deutschland anrufen.

Alle Spuren wiesen in dieses Land.

Wer zog da wieder seine Fäden?

Der Schwarze Tod? Oder Asmodina? Auch mit ihr würde ich sicher in nächster Zeit noch einigen Ärger kriegen.

Der Bobby kehrte zurück und meldete, dass die Mordkommission bald eintreffen würde.

»Danke sehr.«

Lange wollte ich mich hier nicht mehr aufhalten. Diese Nacht würde wieder kurz werden, da war ich sicher.

Die Wagen der Mordkommission fuhren quer über den Rasen und erreichten den Spielplatz. Nachtdienst hatte Chiefinspektor Tanner, ein alter Bekannter von mir. Wie immer trug er seinen alten Mantel und einen noch älteren Filz auf dem Kopf. Mit dem Daumen schob er die Krempe zurück, blieb neben mir stehen, drehte sich dann langsam um und stöhnte erst einmal.

»Nein, nein, nein!«

Ich antwortete dreimal mit Ja.

»Warum muss immer mir so etwas passieren? Ein Anruf, eine Leiche – okay. Ich komme hin, und wen sehe ich da? Sinclair, Oberinspektor Sinclair. Albtraum meiner schlaflosen Nächte. Ich brauche mir den Toten nur anzusehen und weiß, dass ich erst gar nicht zu beginnen brauche.«

»Ist doch herrlich.«

»Ja, aber die Statistik. Wieder ein Mordfall, den ich nicht aufklären konnte. Wenn ich mit Ihnen zusammentreffe, Sinclair, gibt es nur Minuspunkte in der Akte.«

»Wenn ich Zeit habe, bedaure ich Sie. Ich möchte nur, dass Ihre Leute die Leiche untersuchen.«

»Werden Sie jetzt verschwinden?«, fragte Tanner nach einer Weile.

»Genau, mein lieber Tanner.«

»Dann wünsche ich Ihnen Hals- und Beinbruch.«

»Danke!«

Ich rief den Geheimdienst an und sagte, wo ich zu treffen war.

Jetzt steckte ich wieder in einem heißen Fall.

Wie heiß dieser Fall allerdings werden würde, das ahnte selbst ich nicht …

Natürlich wird beim Yard auch in der Nacht gearbeitet. Dieser Bau gleicht einem Bienenstock, in dem ein emsiges Kommen und Gehen herrscht.

In meinem Büro war es dunkel.

Ich schaltete das Licht ein und betrat den leeren Raum. Etwas komisch war es schon, so ohne Glenda Perkins, der guten Seele des Büros.

Leichter Kaffeegeruch lag noch in der Luft und auch ein Hauch von Glendas Parfüm.

Ich pflanzte mich hinter meinen Schreibtisch und zog mir das Telefon auf den Schoß. Ich musste unbedingt Kommissar Mallmann in Deutschland anrufen.

Der Ruf ging zwar durch, dann war es aber in der Leitung tot. Ich versuchte es ein zweites und drittes Mal, wiederum hatte ich keinen Erfolg.

Da schien sich wohl die Leitungsmaus festgebissen zu haben. Auch egal. Ich musste sowieso rüber auf den Kontinent, und dabei konnte ich den guten Will treffen.

Der Mann vom Geheimdienst war noch nicht erschienen, und so hatte ich Zeit, mir das Bild der toten Karin Mallmann genauer anzusehen.

Ich studierte jede Einzelheit und gelangte zu der Überzeugung, dass die Aufnahme von einer lebenden Karin Mallmann gemacht worden war, nicht von der Leiche.

Woher hatte dieser Huxley das Bild? Wenn er es wirklich in dem Stollen oder Gang gefunden hatte, dann stellte sich die Frage, wie es dorthin gelangt war.

Vielleicht konnte mir Will Mallmann helfen.

Deshalb wählte ich noch einmal, kam aber wieder nicht durch.

Ich vergaß die Telefoniererei, denn man meldete mir einen gewissen Mr Miller vom Geheimdienst.

Er stürmte in mein Büro, als hätte er die Energie gepachtet. Strahlend sein Lächeln, beide Arme vorgestreckt, kalt die Augen.

»Nehmen Sie Platz, Mr Miller«, sagte ich.

»Wie ist er ums Leben gekommen? Und von wem wurde er umgebracht?«

»Von einer Hexe«, antwortete ich auf die zweite Frage.

»Was erzählen Sie mir?«

»Von einer Hexe, Mister. Sie haben sich nicht verhört.«

»Das kann doch nicht sein!«

»Ist aber so.«

Er zündete sich eine Zigarette an. Während er den Rauch schräg an mir vorbei blies, meinte er: »Ich habe schon einiges von Ihnen gehört und mich auch über Ihre Abteilung informiert. Ich weiß, dass Sie sich mit Fällen beschäftigen, die, sagen wir mal, nicht gerade normal sind. Aber wenn Sie mir jetzt noch sagen, dass die Hexe auf einem Besenstiel geritten ist, flippe ich aus.«

»So ähnlich war es.«

Er zeigte seine Zähne. »Und wo ist die Hexe jetzt?«

»Ich habe sie vernichtet.«

»Das wird ja immer schöner. Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

Ich holte tief Luft. »Da Sie sich über mich erkundigt haben, werden Sie wissen, dass ich mich mit Dingen beschäftige, die den Bereich des Normalen sprengen. Das heißt, meine Gegner sind Dämonen, Geister, Vampire, Werwölfe. Es gibt diese Wesen, die Sie vielleicht nur aus dem Film kennen. Und ich habe auch gegen Hexen gekämpft. Vor einer Stunde noch im St. James Park.«

Miller blieb vor Staunen der Mund offen stehen. So etwas hatte er noch nie gehört.

»Sie sind doch okay?«, fragte er nach einer Weile.

»Wollen Sie darauf eine Antwort?«

»Na ja, hm …«

Ich schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.

»Sie wollen in den Osten?«, fragte er, nachdem ich mehr über Huxley erzählt hatte.

»Ja. Huxley berichtete von einem Bauern, Fluchtplänen – ich möchte das alles überprüfen.«

Miller schluckte. »Wissen Sie eigentlich, auf was Sie sich da einlassen?«

»Nein, aber ich werde es schon früh genug merken.«

»Hoffentlich nicht erst in einem Sarg«, erwiderte er düster.

»Ein Friedhof am Ende der Welt!«, hauchte Sven Jansson und schüttelte sich. »Welch eine Bedeutung mag er haben?«

»Keine Ahnung«, erwiderte der Engländer und ging langsam vor. Unter seinen Füßen befand sich kein vulkanisches Gestein mehr, sondern Gras. Saftiges hohes Gras, vermischt mit Unkraut und borstigen Pflanzen. Zahlreiche Grabsteine ragten wie schiefe Buckel aus dem Erdreich hervor. Es gab sogar eine alte, kniehohe Mauer, die den Platz an einer Seite begrenzte.

Zwischen den Grabsteinen lagen Nebelfetzen wie abgerissene Schleier, und über dem gesamten Komplex breitete sich der graue Himmel aus, der trotzdem ein irgendwie fahles Licht abstrahlte, das den Totenacker beleuchtete.

Die Männer spürten die Atmosphäre des Bösen fast körperlich, und beide hatten den Eindruck, als würden sie von zahlreichen unsichtbaren Augen belauert.

Noch ließ sich niemand sehen.

Sie schritten weiter. Zurück blieben die hohen Steine, und die Männer hatten Mühe, ihre Angst zu unterdrücken. Ihnen entgegen segelte lautlos ein gewaltiger Vogel. Er war erst kaum zu erkennen, dann stieß er aus dem düsteren Himmel herab, und jetzt identifizierten die Wissenschaftler ihn.

Es war ein Rabe.

Aber fünfmal so groß wie ein normaler Vogel dieser Art. Sein Flügelrauschen war das einzige Geräusch, und die Männer duckten sich, als er über ihre Köpfe strich, dann kehrtmachte und einen kahlen, blattlosen Baum anflog, um sich auf einem der knorrigen Äste niederzulassen.

Dort blieb er hocken und beobachtete.

Erst jetzt fielen Sven und Art die glutroten Augen auf. Der Rabe stieß ein schauriges Krächzen aus. Das Geräusch trieb den Männern einen Schauer über den Rücken. Sie froren trotz der herrschenden Schwüle.

»Wir müssen von hier verschwinden!«, raunte Sven. Dabei ließ er keinen Blick von dem geheimnisvollen Raben.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Art Cornwall.

»Aber auf einem Friedhof …«

»Solange wir nicht in den Gräbern liegen«, erwiderte der Engländer mit Galgenhumor, »ist mir das völlig egal.« Er deutete zu dem großen Raben hinüber. »Außerdem beobachtet er uns ständig.«

»Glaubst du, dass er der Wächter ist?«

»Bestimmt.«

»Wir könnten es mal versuchen«, schlug der Norweger vor.

Art Cornwall verzog das Gesicht. »Sei lieber vorsichtig, Sven. Dem Biest traue ich nicht.«

Jansson zog seine Luger. »Dann brenne ich ihm eben eins auf den Pelz«, knurrte er böse.

Der Rabe schien sein Vorhaben zu ahnen. Er breitete die Flügel aus und begann zu krächzen.

»Ist das Biest groß.« Art schluckte.

Sven ging vor.

»Bleib hier!«, zischte Cornwall. »Außerdem müssen wir Munition sparen. Wer weiß, was noch alles auf uns zukommt.«

»Ach, hör auf.« Sven ließ sich nicht beirren. Schritt für Schritt näherte er sich dem Raben.

Der Vogel senkte den Kopf. Die roten Augen starrten den Wissenschaftler jetzt direkt an. Langsam falteten sich die Schwingen des Totenvogels wieder zusammen.

Der Norweger blieb stehen. Er hob den rechten Arm und zielte genau. Sein Finger legte sich um den Abzug.

Der Rabe plusterte sein Gefieder auf. Er sah jetzt aus wie ein großer schwarzer Ball.

»Nicht schießen!«, rief Art Cornwall.

Und Sven senkte tatsächlich die Waffe. Er drehte den Kopf. »Du hast recht, Art, ich werde es anders versuchen.«

Immer mit einem Auge in die Höhe peilend, setzte er sich in Bewegung. Er ging langsam, als müsste er gegen einen Sturm ankämpfen. Doch es war kein Wind, sondern die Angst, die seine Schritte zögern ließ.

Der Rabe folgte ihm mit seinen Blicken, während Art Cornwall stur dastand und die Hände fest aneinandergepresst hielt. Den Rucksack hatte er von seinem Rücken gleiten lassen. Er lag neben ihm am Boden.

Noch zwei Schritte, dann befand sich Sven Jansson unterhalb des Astes, auf dem der Rabe hockte.

Jetzt noch einer.

Er passierte ihn.

Sven atmete auf.

Er wollte loslachen, doch schon das Grinsen erstickte im Ansatz. Plötzlich stieß sich der Rabe ab. Er jagte zuerst auf Cornwall zu, machte jedoch dicht vor ihm eine Kehrtwendung und suchte nun sein eigentliches Ziel aus.

Sven Jansson!

Art erwachte aus seiner Starre. »Sven!«, brüllte er.

Es hätte der Warnung nicht bedurft, denn das Flügelschlagen sagte Jansson genug.

Auf der Stelle fuhr er herum und riss den rechten Arm hoch, konnte jedoch keinen Schuss mehr abgeben, denn der Rabe war bereits zu nah.

Und er stieß zu.

Sein Kopf hackte vor. Sven sah den etwas gekrümmten Schnabel dicht vor seinen Augen, konnte sogar die Zunge erkennen und warf sich zur Seite.

Der Hieb traf nicht seinen Kopf, sondern die Schulter.

Obwohl der Norweger noch seine dicke Jacke trug, was sein Glück war, hackte der Schnabel in seine Schulter und riss eine Wunde.

Sven schrie. Er wollte zur Seite ausweichen, rutschte und fiel hin.

Jetzt war der Rabe nicht mehr zu bremsen. Wuchtig stieß er auf Sven Jansson herab, und seine mit Krallen bewehrten Füße hakten sich in dem Haarschopf des Norwegers fest.

Sven Jansson riss die Arme hoch. Er wollte sich vor dem Biest schützen und sein Gesicht abdecken, denn er hatte große Angst, dass ihm der Vogel die Augen aushacken würde.

Wie Donnergrollen klang das heftige Flattern der Flügel in seinen Ohren.

Art musste eingreifen. Seine Hand hatte in den letzten Sekunden auf dem Griff der Waffe gelegen, jetzt riss er die Luger mit einer fast wütenden Bewegung hervor.

Schießen konnte der Engländer.

Und treffen auch.

Das bewies er Sekunden später, als das Blei aus dem Lauf fuhr und in den Körper des Raben hieb.

Der Vogel kreischte wütend auf. Für einen Augenblick stieg er in die Luft. Obwohl ihn die Kugel getroffen hatte, war er nicht tot.

Er schien auch kaum verletzt zu sein, sondern fiel wieder auf den am Boden liegenden und um sich schlagenden Sven nieder und hackte abermals seine Krallen in dessen Haare.

Arthur Cornwall war entsetzt. Er hatte sich fest auf einen Erfolg verlassen, doch nun geschah dies.

Scharf saugte er die Luft ein. Was in den nächsten Sekunden geschah, erschien ihm wie ein Traum.

Der Rabe entwickelte ungeheure Kräfte. Wieder breitete er seine Flügel aus, hielt den schreienden Sven weiterhin an den Haaren fest und schleifte ihn zurück auf den Friedhof. Zwischen zwei Grabsteinen ließ er ihn liegen.

Der schwarze Vogel mit den roten Augen aber stieg in die Höhe und nahm wieder auf seinem Baumast Platz. Mit bösem Blick beobachtete er die beiden Männer.

Sven lag auf dem Boden und jammerte. Beide Hände hatte er gegen seinen Kopf gepresst. Als Art Cornwall auf den Freund zuging, sah er das Blut zwischen den Fingern des Verletzten hervorquellen. Die Krallen hatten kleine Wunden gerissen.

»Kannst du aufstehen, Sven?«, fragte der Engländer.

Jansson schaute seinen Leidensgenossen an. Sein Blick flackerte. Etwas Blut rann ihm über die Stirn und zeichnete dort ein makabres Muster.

»Art – wir sind verloren. Es gibt keine Hilfe mehr. Dieser Vogel, das ist eine Bestie.«

»Okay, Sven, ich weiß, aber du hättest nicht gehen sollen. Ich hatte dich gewarnt.«

»Sollen wir ewig hier bleiben?«, schrie der Norweger.

»Ich weiß es nicht.«

Plötzlich lachte der Rabe grollend auf. Es war ein Gelächter, das ein Mensch hätte ausstoßen können.

Der Vogel schlug wild mit beiden Flügeln und bewegte sich auf dem Ast hin und her. Weit hatte er den Schnabel aufgerissen, die spitze Zunge hing ihm aus dem Rachen hervor, und sein Lachen hallte als schaurige Höllenmelodie über den alten Friedhof.

Art schüttelte den Kopf. Wut übermannte ihn. Wut über ihr Schicksal, und ein regelrechter Hass auf den Vogel kam hinzu. Außerdem hatte der Freund seine Luger verloren. Sie lag hinter dem Ast, auf dem der Rabe saß.

Doch die Pistole mussten sie wiederhaben.

In der Nähe sah Art einen faustgroßen Stein liegen. Während der Vogel noch immer lachte, packte Cornwall den Stein und schleuderte ihn mit aller Kraft auf das Tier zu.

Er traf genau.

Der Rabe wurde buchstäblich vom Baum gefegt und fing sich erst dicht über dem Boden.

Cornwall aber rannte los. Mit einem wahren Panthersatz warf er sich auf die Pistole zu, packte sie, und bevor der Rabe ihn angreifen konnte, hatte er die Waffe an sich genommen und war zu seinem Freund zurückgelaufen.

Schwer atmend blieb er neben ihm sitzen. »So«, keuchte er, »die haben wir zurück!«

Der Rabe setzte sich wieder auf seinen Stammplatz. Jetzt lachte er nicht mehr. Nur seine Augen schienen noch mehr zu glühen und hasserfüllter zu starren als zuvor.

Art Cornwall lächelte Sven an. »Jetzt untersuchen wir erst einmal deinen Kopf«, sagte er. »Bleib liegen, ich hole die Rucksäcke. In einem befindet sich die Notapotheke.«

»Ja, danke.«

Cornwall holte den Rucksack, öffnete ihn. Dann klappte er die Seiten auseinander, wühlte mit beiden Händen nach und fand, was er suchte.

Ein schwarzes Kissen mit einem roten Kreuz darauf. Das Kissen enthielt schmerzstillende Tabletten, Verbandsmull, eine Schere, Pflaster und einiges mehr.

Beide Männer nahmen eine Vitamintablette, bevor Art die Wunden seines Freundes untersuchte.

Sie waren nicht so schlimm. Er desinfizierte sie mit Jod und kannte auch keine Gnade, als Sven aufschrie.

Es war schon grotesk. Die beiden Männer hockten in einer Urweltlandschaft zwischen zwei Grabsteinen. Das glaubte ihnen niemand. Wahrscheinlich jedoch würden sie niemals über ihre Erlebnisse berichten können.

Fachmännisch verband Art seinem Freund den Kopf. Der weiße Verband leuchtete in dem Dämmerlicht wie ein Wegweiser.

»Danke!«, keuchte der Norweger. »Ohne dich wäre ich verloren.«

»Hör auf, Mensch. Beim nächsten Mal bist du an der Reihe. Dann kannst du dich revanchieren.«

Sven setzte sich auf. »Weg werden wir hier wohl kaum kommen«, meinte er. »Dieser verdammte Rabe lässt uns keine Sekunde aus den Augen.«

»Wir müssten ihn überlisten«, schlug Arthur Cornwall vor und sah sich suchend um.

»Aber wie?«

Cornwall hob die Schultern. »Wozu haben wir unser Gehirn? Wir sind Menschen, der Rabe ist nur ein Tier.«

»Das aber menschlich denkt«, vollendete Sven die Bemerkung seines Freundes.

»Vielleicht war es mal ein Mensch«, meinte Art sehr ernst.

Sven blickte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Macht dir das heiße Klima zu schaffen – oder was ist? Das ist ein Tier, aber kein Mensch.«

»Wir haben hier schon die unmöglichsten Dinge erlebt. Wir sind in die Jurazeit zurückgeworfen worden, in der die gewaltigen Saurier leben, finden hier einen Friedhof vor, der direkt in unsere normale Welt passen könnte, und warum, zum Teufel, soll ein Rabe kein Mensch sein, frage ich dich?«

»Weil so etwas nicht geht.«

»Ich glaube langsam an nichts mehr.« Art Cornwall stand auf. Er drehte sich um und erschrak bis ins Mark.

Vor ihm stand wiederum das Skelett.

Nur Sven hatte noch nichts bemerkt. Er redete eifrig weiter, bis er Arts erstickten Schrei hörte.

Da schwieg auch er.

Der Schwarze Tod aber lachte. »Nie!«, dröhnte es aus seinem Maul. »Nie werdet ihr vom Friedhof am Ende der Welt verschwinden können. Ich bin hier der Herrscher. Ich bin die Drohung. Ich bin der Tyrann. Nichts geschieht ohne meinen Willen. Und wenn ich die Pforten der Hölle öffnen will, so kann ich das. Habt ihr verstanden?«

Die Männer nickten eingeschüchtert.

Der Schwarze Tod beugte seinen mächtigen Schädel vor. Diesmal schimmerten die Augenhöhlen glutrot wie die des Raben auf dem Baumast. »Nicht ohne Grund habe ich euch in diese Welt geholt«, sagte er, »denn ihr sollt für mich arbeiten.«

Art fasste sich ein Herz. »Und was sollen wir tun?«, fragte er flüsternd.

»Ein Grab ausheben!«

»Für uns?«

»Nein!«, grollte der Schwarze Tod. »Nicht für euch, sondern für meinen Feind. Für John Sinclair. Seinen Leichnam will ich hier auf dem Friedhof verscharren …«

Will Mallmann war in den letzten Wochen um Jahre gealtert. Der Tod seiner Frau hatte ihn ungeheuer hart getroffen. Nach diesem schrecklichen Mord hatte er seinen Urlaub genommen und sich in der Wohnung vergraben.

Kein Telefon, kein Radio – nichts …

Will saß nur da und grübelte. Selbst von seinen alten Freunden wollte er nichts mehr wissen. Ihn interessierte kein John Sinclair, kein Bill Conolly und auch der Chinese Suko nicht. Manchmal hatte er sich gefragt, ob das Leben für ihn überhaupt noch einen Sinn hatte – jetzt, nachdem Karin tot war.

Die Bilder waren ihm geblieben. Erinnerungen eines Urlaubs im Bayerischen Wald. Porträtfotos von Karin, dann Aufnahmen, die sie mit ihren Schulkindern zeigte. Mal verträumt, mal lachend, dann wieder ernst oder heiter.

Fotos aus einer Zeit, die unbeschwert war.

Bis zu Karins Tod.

Eiskalt hatte der mächtige Dämon zugeschlagen und die Frau von seiner Seite gerissen.

Will verzweifelte fast. Obwohl er lange Junggeselle geblieben war, hatte er sich so stark in Karin verliebt, dass nach ihrem Tod in ihm etwas zerbrochen war.

Will Mallmann war nicht mehr der Alte. Auch seine Stereoanlage interessierte ihn nicht mehr. Drei Wochen blieb er in seiner Wohnung, aß wenig und trank kaum, während die Falten in seinem Gesicht immer tiefer wurden.

Doch die Zeit des Urlaubs verging. Will musste wieder an seinen Arbeitsplatz.

Die Kollegen wussten Bescheid. Einige von ihnen waren sogar dabei gewesen, als der schreckliche Mord passierte. Will wurde zu seinem Chef gerufen und hatte mit ihm ein langes Gespräch. Der Kriminalrat baute ihn innerlich wieder auf. Er war wie ein Psychiater.

Will Mallmann fand wieder etwas Spaß an seiner Arbeit. Mehr noch, er wurde regelrecht besessen. Er war der Erste am Morgen und der Letzte, der abends ging. Manchmal schuftete er bis weit in die Nacht hinein.

Mit Dämonen und anderen Geschöpfen der Finsternis hatte er nichts zu tun. Er bearbeitete seine normalen Fälle und erzielte glänzende Erfolge.

Das BKA stellte dank Wills Initiative manch gesuchten Gesetzesbrecher.

Doch Will Mallmann vergaß seine Karin nicht.

Nach wie vor stand ihr Bild auf seinem Schreibtisch. Allerdings mit einem Trauerflor verziert.

Das gleiche Foto befand sich auch in seiner Wohnung. Es stand auf seinem Nachttisch, direkt neben seinem Bett. Will Mallmann schaute es immer sehr lange an, bevor er einschlief.

Ruhig hatte er noch keine Nacht verbracht. Immer wieder quälten ihn Albträume, oft schreckte er schweißgebadet hoch und hatte das Gefühl, Karin würde im Zimmer stehen.

Doch er war allein.

Kommissar Mallmann blickte auf seine Uhr.

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