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Mala Dona

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. Kapitel 1.
  9. Kapitel 2.
  10. Kapitel 3.
  11. Kapitel 4.
  12. Kapitel 5.
  13. Kapitel 6.
  14. Kapitel 7.
  15. Kapitel 8.
  16. Kapitel 9.
  17. Kapitel 10.
  18. Kapitel 11.
  19. Kapitel 12.
  20. Kapitel 13.
  21. Danksagung

Über den Autor

Marc Pastor, geboren 1965 in Barcelona, ist hauptberuflich Pathologe bei der Mordkommission und unterrichtet an der renommierten Universität der katalanischen Metropole. »Mala Dona« ist sein erster Spannungsroman. Die Handlung ist frei erfunden, jedoch ist die Figur der Enriqueta Martí authentisch. Sie basiert auf dem wahren Fall der Vampirin vom Carrer Ponent, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Barcelona in Angst und Schrecken versetzte. MALA DONA wurde ausgezeichnet mit dem Krimipreis Crims de Tinta und in mehrere Sprachen übersetzt. Zurzeit schreibt Marc Pastor an seinem nächsten Roman.

MÖGE ICH DURCH DEN TOD ZU HÖHEREM GEBOREN WERDEN!

– JOAN MARAGALL

Cant Espiritual

DIE GRENZEN, DIE LEBEN UND TOD SCHEIDEN, SIND UNBESTIMMT UND DUNKEL.

– EDGAR ALLAN POE

Lebendig begraben

SANGUINEM UNIVERSAE CARNIS NON COMEDETIS QUIA ANIMA CARNIS IN SANGUINE EST ET QUICUMQUE COMEDERIT ILLUM INTERIBIT.

3. Mose, 17,14

»WAS WIR AUFS SPIEL GESETZT HABEN? UNSERE HAUT.«

– CLINT EASTWOOD

Für ein paar Dollar mehr

1.

Jetzt bin ich eine Stimme in deinem Kopf. Das Raunen eines geliebten Menschen an deinem Bett, das Gemurmel eines halblaut lesenden Klassenkameraden, eine Erinnerung, geweckt durch einen Geruch. Ich bin Mann und Frau, Wind und Papier; ich bin Reisender, Jäger und Kindermädchen (der Gipfel der Ironie); ich bringe dir das Mittagessen und bereite dir Lust, bin brutaler Schläger und treuer Zuhörer; ich bin der Drink, der dir in der Kehle brennt, der Regen, der dich bis auf die Knochen durchweicht, der Widerschein der Nacht in einem Fenster und das Weinen des hungrigen Säuglings.

Ich bin alles und überall. Mein Gebaren (wenn »Gebaren« überhaupt das richtige Wort ist) ist eher das eines Mannes als das einer Frau, und so belegen die Menschen mich denn auch meist mit männlichen Namen: Freund Hein, Gevatter Tod, Sensenmann. In anderen Sprachen bin ich weiblich, und in den Märchen aus Tausend und Einer Nacht trage ich den poetischen Beinamen »die Unerbittliche«, der mir besonders gut gefällt und nicht einer gewissen Logik entbehrt: Ihr Frauen seid der Beginn von allem; ihr schenkt Leben und seid damit das genaue Gegenteil dessen, was ich verkörpere. Wir sind die beiden Enden des Fadens. Ich hasse euch nicht dafür (Gefühle sind mir fremd; ich kenne nur Neugier); aber ich bin eben auch nicht wie ihr. Ich bin männlicher, ein Zerstörer, denn Männer können nur zerstören und vernichten, herrschen und töten, auf allen Gebieten. Aber ohne Männer gäbe es keine Kinder, werdet ihr jetzt vielleicht einwenden. Dummes Zeug: Der Mann gebärt nicht; er besitzt die Frau und hinterlässt seinen Samen in ihr, seine verderbliche Spur. Man könnte beinahe sagen, er tötet die Frau und sie opfert sich, damit es neues Leben geben kann. Und dann gebären die Frauen die Kinder und ziehen sie auf und sorgen dafür, dass alles weitergeht. Deshalb will ich euch die Geschichte von Enriqueta Martí erzählen, die zwar eine Frau ist, aber anders als alle anderen.

Vergesst Schädel und Skelette, dunkle Umhänge und Sensen. Vergesst die mittelalterliche Vorstellung von Hautfetzen und leeren Augenhöhlen, von dichtem Nebel und schmerzlichem Stöhnen, von Kettengerassel, bösartigem Gelächter und Geistererscheinungen. Ich bin nicht der, der den Karren voller Leichen schiebt, nicht Oberster Richter oder maskierter Henker, auch wenn ich dies alles sein kann. Doch ihr selbst seid es, mit euren Fantasien, Ängsten und Alpträumen.

Ich bin nicht das Ende des Weges: Ich bin der Weg selbst.

Aber genug des sinnlosen Geredes über mich. Beginnen wir lieber mit der Geschichte, die ich euch erzählen will.

Wer behauptet, der erste Spatenstich sei der schwerste, hat keine Ahnung.

Bocanegra lauscht angespannt, die Ohren gespitzt wie ein Vorstehhund. Es riecht nach feuchter Erde, nach dem Schweiß von El Tuerto und dem Salz, das die Meeresbrise herüberträgt. Seine Hände umklammern den Spatengriff, seine hervorquellenden Augen sind kreisrund wie der Mond, der die Kieswege in fleckiges Licht taucht. Der Schrei einer schlaflosen Möwe hat Bocanegra aufgeschreckt. Was war das? Nichts, nur ein Vogel.

Neben Bocanegra gräbt der hochaufgeschossene El Tuerto, hager, zahnlos und – wie sein Name sagt – einäugig, seit ihn bei den Straßenkämpfen während der Setmana Trágica eine Kugel traf. Seit dem Sommer waren er und Bocanegra nicht mehr zusammen hier oben am Montjuïc, um Leichen auszugraben. Sie sind mit El Tuertos Karren gekommen, mit dem er tagsüber durch die Straßen der Stadt zieht, um Fleisch von den Schlachthöfen zu verkaufen. Zuerst haben sie die Spaten über den Zaun geworfen und sind dann hinterher gesprungen. Die Ölfunzel haben sie erst angezündet, als sie tief in den schützenden Wald aus Grabmalen vorgedrungen sind, denn das Licht ist weithin über den ganzen Berg zu sehen. El Tuerto will nicht, dass der Nachtwächter oder die Polente ihn erwischt, sonst ist er am Ende das andere Auge auch noch los.

»Was macht der Doktor eigentlich mit den Leichen?«, fragt Bocanegra.

»Was geht’s uns an?«

»Aber er könnte die Leichen doch aus dem Krankenhaus mitgehen lassen. Warum bezahlt er uns so gut, damit wir sie vom Friedhof klauen?«

»Was verstehst du schon von Medizin? Soll doch jeder machen, was er will. Der Doktor treibt seine Doktorspielchen, und wir beliefern ihn.«

Die Grube wird allmählich tiefer. Die Leichenfledderer kommen gut voran; es fehlt nicht mehr viel bis zum Sarg.

»Aber er wird nie in den Knast kommen. Er ist ein Quacksalber, und wir zwei sind die Angeschmierten.«

»Halt die Klappe, Bocanegra, und beschrei’s nicht. Kann dir doch egal sein, ob sie ihn drankriegen. Du musst eben aufpassen, dass die Bullen dich nicht erwischen und einbuchten. Na los, rück den Wein raus, ich schwitze wie ein Schwein.«

Bocanegra holt den Weinschlauch aus dem Sack und reicht ihn weiter. Dann trinkt er selbst einen Schluck. Erfahrung ist alles, und sein Kumpel hat schon mehr Prügel eingesteckt als er. Im Grunde ist Bocanegra noch ein Kind, ein frisch geschlüpftes Küken, ohne Vater und Mutter, ohne Gott und Geld. Er haust mehr schlecht als recht in einem Taubenschlag auf einer Dachterrasse im Carrer de la Lluna und isst nur, wenn er etwas hat oder etwas stiehlt, was normalerweise ein und dasselbe ist. Seine einzige Gesellschaft ist ein blinder Alter, der im gleichen Haus wohnt wie er. Dieser Alte erteilt Kindern Gitarrenunterricht und mischt für die Erwachsenen Salben und Tinkturen, die angeblich sämtliche Leiden kurieren, obwohl er seit Jahren blind ist und auch keine Gitarre mehr spielt. León Domènech heißt er und beklagt sich nie, wenn mal wieder eine Taube im Schlag fehlt. Warum nennen sie dich eigentlich Bocanegra, Kleiner?, fragt er, weil er die Zähne des Jungen nicht sehen kann, die schwarz sind von getrocknetem Blut, und auch die schmutzigen Taubenfedern nicht sieht, die im Haar des Jungen kleben.

Eine Zeitlang schuften Bocanegra und El Tuerto wie die Galeerensträflinge, schweigend, nur aufs Graben konzentriert. Dann verrät ihnen ein dumpfer Schlag, dass sie auf Holz gestoßen sind. Sie fegen die Erde beiseite und suchen die Nägel. Bocanegra reißt zwei mit bloßen Händen heraus und holt sich blutige Finger dabei. El Tuerto zwängt das Spatenblatt in den Spalt zwischen Deckel und Sarg. Es knirscht, es splittert, und der Deckel steht halb offen. Aufgeregt hebt Bocanegra ihn an und stößt unwillkürlich einen Schreckensschrei aus.

»Scheiße«, knurrt El Tuerto.

»Sollten wir wirklich die hier holen?«

»Ja.« El Tuerto zieht ein Blatt aus der Tasche und entfaltet es. »Sieh selbst.«

»Ich kann nicht lesen.«

»Das ist ein Plan.«

Breitbeinig über der kopflosen Leiche stehend, stellt Bocanegra fest: »Na, am Fieber ist die jedenfalls nicht gestorben.«

El Tuerto klettert aus der Grube, stützt das Kinn auf den Spatengriff und schließt die Augen. Er denkt nach.

»Die wird der Doktor nicht haben wollen.«

Bocanegra packt den Toten unter den Achseln und richtet ihn auf.

»Mann, der scheint ein schwerer Junge gewesen zu sein.«

Dem Einäugigen ist nicht nach Scherzen zumute.

»Und frisch ist er auch nicht. Sieh nur, die vielen Maden!« Er hebt die Lampe näher an Bocanegra heran, der sieht, wie ihm die Maden über die Hände kriechen und auf die Hose fallen. Ein paar krabbeln in seine Schuhe. Der Junge blickt in die Halsöffnung des Toten und findet dort mehr Leben, als er erwartet hat. Dann sucht er den Sarg nach dem Kopf ab.

»Ist das Männlein oder Weiblein?«

»Du willst sie doch nicht etwa behalten?«

»Wenn man sie schön sauber macht …«

»Es ist ein Mann.«

»Nee, dann nicht, ich bin doch nicht andersrum.«

Stille. Eine Möwe hüpft auf sie zu und beäugt sie aufmerksam, wie um zu sagen: Wenn ihr ihn nicht wollt – ich verschmähe ihn nicht.

»Vielleicht wäre er was für die Senyora?«

Bei diesen Worten bleibt Bocanegra, der noch immer in der Grube kniet, fast das Herz stehen. Erschrocken fährt er herum und starrt den Einäugigen an, der mit Laterne und Spaten über ihm steht.

»Die Senyora?«

»Gib mir seine Wertsachen, und dann raus mit ihm.«

Mit der kopflosen Leiche im Sack gehen sie zum Zaun. Das Grab bleibt offen, und die Möwe pickt fleißig Überreste auf.

»Ich mag die Senyora nicht«, wagt Bocanegra schließlich zu sagen.

»Red keinen Blödsinn, Junge.«

»Ich mag sie nicht. Du weißt doch, was man sich von ihr erzählt.«

El Tuerto dreht sich um und sieht ihn an. Armer Kerl. Als sie den Karren erreichen, gibt er dem Jungen das Messingkreuz, das sie dem Toten aus der Tasche gezogen haben.

»Wenn du zum Abendessen Knoblauch gegessen hast, hast du nichts zu befürchten«, sagt er und lacht.

»Von allen französischen Huren, die in Sant Boi das Licht der Welt erblickt haben, bist du die beste, Giselle.«

Moisès Corvo setzt sich an der Bettkante auf. Der Geruch nach Sex, der von den zerwühlten, mit den wochenalten Flecken früherer Kunden übersäten Laken aufsteigt, erfüllt das Zimmer. Giselle liegt nackt auf dem Bett, die Beine angewinkelt, die Haare auf dem Kopfkissen ausgebreitet, Kratzspuren am Rücken und blaue Flecken an der Innenseite der Schenkel. Aufmerksam betrachtet sie Moisès, ohne jede Zärtlichkeit, aber auch ohne die Angst, die sie sonst überkommt, nachdem sie mit irgendeinem Kerl im Bett war, damit der ihr das Essen bezahlt. Moisès behandelt sie gut, so gut es ein fast zwei Meter großer, baumstarker Hüne mit Donnerstimme und langen Armen wie ein Zirkusaffe eben vermag. Giselle streichelt seinen Rücken, während er sich anzieht. Die Hose hat er schon an, die Hosenträger baumeln an beiden Seiten herunter, das Hemd knüllt er nachlässig zwischen den sehnigen Händen. Er wendet den Oberkörper zu ihr hin, und sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln, das seine leuchtend blauen Augen nicht erreicht. Sein Gesicht unter dem wirren schwarzen Haarschopf, die fein gezeichneten Augenbrauen, die Adlernase und die vorspringende Unterlippe könnten einem Gemälde El Grecos entstammen. Du ähnelst dem König, sagt seine Frau, wenn sie ihn mal zu Gesicht bekommt, und er fragt sich immer, ob sie damit sein Aussehen meint oder seine Vorliebe für junge Frauen, je nackter und verdorbener, desto besser.

»Kommst du morgen wieder?«, fragt Giselle.

»Wer weiß. Vielleicht bin ich morgen tot.«

»Sag so was nicht.«

»Dann frag nicht so dumm.«

»Ich hab Angst, Moisès. Mir wäre wohler, wenn du öfter bei mir wärst.«

»Angst? Wovor? Etwa wieder vor diesem Kretin, der …«

Moisès erinnert sich nicht mehr an den Namen, nur noch an das Krachen berstender Rippen unter dem Torbogen des Arc del Teatre.

»Nein. Ich hab Angst vor der Bestie.«

»Der Bestie?« Unwillkürlich legt er die Hand an den Hosenschlitz.

»Die ganze Straße redet von nichts anderem. Kinder verschwinden. Ich hab Angst um meinen Tonet.«

»Kein einziges Kind ist verschwunden, Giselle. Das sind Schauergeschichten, die die Portiersfrauen verbreiten, diese alten Hexen, weil sie das Geschrei und Gerenne der Kinder satt haben.«

»Die Kleine von Dorita.«

»Wer?« Inzwischen ist Moisès vollständig angezogen. Im Stehen, eine Zigarette zwischen den Lippen, fegt er sich den Staub von den Gamaschen.

»Dorita. Ihre vierjährige Tochter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden.«

»Ich wusste gar nicht, dass sie ein Kind hat.«

»Weil sie’s keinem zeigt. Glaubst du vielleicht, wir Nutten stellen uns mit unseren Kindern zum Betteln an die Straßenecke?«

Auch Giselle ist aufgestanden. Nervös streift sie sich einen alten, abgetragenen Morgenrock über.

»Reg dich nicht auf.« Moisès ist auf dem Weg zur Tür. Seine Frau macht ihm oft genug Szenen, dazu braucht er weiß Gott keine Nutte.

»Geh nicht, Moisès!«

»Und was soll ich tun? Die ganze Nacht hierbleiben und auf die Bestie warten?«

»Ja, bitte. Hab ein Auge auf meinen Tonet.«

»Wiedersehen.« Moisès wirft sich die Jacke über die Schulter und geht hinaus.

Giselle wohnt über der La Mina, einer Kneipe im Carrer Caçadors. Betont würdevoll steigt Moisès die Treppe hinunter, von der jeder weiß, wohin sie führt, und stellt sich an die Theke. Die Luft ist dermaßen verräuchert, dass man glauben könnte, in einem Bahnhof zu sein. Lolo, klein und kahl, Augen wie ein kranker Fisch, eilt in seinem fettfleckigen Hemd herbei, um Moisès zu bedienen.

»Einen Anis.«

»Bist bei Giselle wohl nicht auf deine Kosten gekommen?«

»Doch, aber ich muss den Geschmack runterspülen.«

»Wonach schmeckt sie denn?«

»Nach dir, weil du sie zu oft rannimmst.«

»Unsere Beziehung ist rein geschäftlich.« Lolo lacht und wendet sich einem anderen Gast zu, der nach ihm ruft.

Moisès leert das Glas in einem Schluck. Acht Uhr abends: zu früh, um zur Arbeit zu gehen, zu spät, um sich zu Hause blicken zu lassen. Carrer Balmes ist weit weg. Wenn er noch ein bisschen wartet, taucht garantiert der eine oder andere Bekannte auf. Vom Sehen kennt er alle hier, doch er meidet direkten Blickkontakt, weil ihm nicht der Sinn danach steht, in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Fünf Minuten später kommt Giselle die Treppe herunter und geht zu Lolo. Sie wirkt niedergeschlagen. Die Schamlosigkeit, die sie oben in der Wohnung an den Tag legt, ist wie weggewischt. Der Wirt und sie tauschen Blicke und Kleingeld; dann küsst Lolo sie flüchtig auf beide Wangen, und Giselle verlässt eilends die Bar. In der Tür begegnet sie Martínez, der sie von Kopf bis Fuß mustert, bevor er sich ein schönes warmes Bier bestellt und ein Schwätzchen mit Ortega beginnt, der schon zu besoffen ist, um sich darüber aufzuregen, dass seine Frau es zu Hause mit Juli treibt, dem mit den drei Eiern. Vorher hat er im Hafen noch drei englische Schiffe ausgeraubt, gemeinsam mit Miquel, der gerade am Tisch in der Ecke ein Wurstbrot isst (trocken das Brot, staubtrocken die Wurst). Alles in allem ein ganz normaler Tag.

»Lolo«, ruft Moisès über das Stimmengewirr hinweg, und der Wirt kommt zu ihm.

»Noch einen?«, fragt Lolo und schickt sich an, ins Glas zu spucken, um es auszuwischen, bevor er nachschenkt.

»Nein. Ich wollte dich was fragen.«

Lolo beugt sich aufmerksam zu ihm hin.

»Hast du irgendwas über eine Bestie gehört, die Kinder verschleppt?«

Lolo schnalzt mit der Zunge. »Giselle hat dir davon erzählt, stimmt’s?«

»Hast du was gehört oder nicht?«

Lolo zögert, sieht sich argwöhnisch nach allen Seiten um und stellt fest, dass alle zuhören können. Ach, was soll’s.

»Die Mädels sind völlig aus dem Häuschen«, raunt er. »Sie sagen, es sind schon acht Kinder verschwunden. Aber sie sind nicht zur Polizei gegangen, weil sie … du weißt schon.«

»Weil sie Nutten sind, und von denen wollen auch die Bullen nur das eine.«

»Du sagst es.«

»Kennst du eine, deren Kind verschwunden ist?«

»Ja, Dorita.«

»Noch eine?«

»Àngels.«

»Die versaute Àngels?«

»Kennt du vielleicht eine andere? Vor zwei Wochen ist ihre kleine Josefina verschwunden, erst zwei Jahre alt. Seither ist Àngels nicht mehr vor die Tür gegangen.«

»Und wie ist es passiert?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat sie die Kleine im Suff jemandem gegeben, oder sie ist ihr auf dem Markt verloren gegangen. Was weiß ich.«

Ein Mann mit einem prächtigen Schnauzbart lehnt sich mit beiden Armen neben Moisès auf die Theke.

»Für mich das Gleiche, was dieser Mistkerl hat, Lolo«, sagt der Neuankömmling.

»Meinst du den Schnaps oder seine miese Laune?«, fragt Lolo.

»Ist das in dieser Spelunke nicht ein und dasselbe?«

Im Weggehen überlegt Lolo, ob an dieser Bemerkung nicht etwas Wahres ist.

»Wusst ich’s doch, dass du früher oder später aufkreuzt, Juan«, begrüßt Moisès den Neuankömmling, ohne ihn anzuschauen.

»Es gibt Arbeit, Sherlock.«

»Nenn mich nicht Sherlock, Juan, oder du kriegst was aufs Maul.«

»He, he …« Juan Malsano hebt beschwichtigend die Hand, während er mit der anderen die Jacke zurückschiebt, bis der sechsschüssige Revolver zum Vorschein kommt. »Halt dich lieber zurück. Wir sind sechs gegen einen.«

Unbemerkt pirsche ich mich an El Tuerto heran, um mir seine Seele zu holen. Er ahnt nicht, dass ich ihn mir gleich schnappen werde. Ich beobachte ihn, wie er im Carrer Mendizábal versteckt auf das Ende der Vorstellung wartet. Die Senyora liebt die Oper, und sie liebt das Geld und Menschen, die vorgeben, jemand anders zu sein, und prächtige Kostüme, große Leidenschaften, Tragödien und Schicksalsschläge. Eine falsche Welt, eine Scheinwelt, deren Sitten und Gebräuche nichts mit der Wirklichkeit gemein haben. Masken.

El Tuerto wenigstens schämt sich seiner selbst nicht. Er hat es nicht nötig, so zu tun, als wäre er, was er nicht ist. Denn er ist keineswegs schlechter als der Abschaum, der jetzt, am Ende der Aufführung, angeblich mit seinen Juwelen klappert. Die schwülstige Musik, die noch drei Straßen weiter zu hören war, ist bereits verstummt. Nun dauert es nicht mehr lange, bis alle verlogenen Komplimente ausgetauscht und die Geliebten sich mit den geachteten Geschäftsleuten für ein paar Stunden später in ihren kleinen Apartments im Eixample verabredet haben. Dann werden alle ins Freie strömen. So lange hat El Tuerto sich in die dunklen Seitenstraßen zurückgezogen. Auf der Rambla ist zu viel Bettelvolk unterwegs; die Stadtwache wird sehr damit beschäftigt sein, die armen Teufel mit Schlagstöcken auseinanderzutreiben, um Platz für die Kutsche von Senyor Sostres zu schaffen, dem neuen Bürgermeister von Barcelona. In dieser stinkenden Gasse hinter dem Liceu wird niemand auf den Einäugigen achten.

Niemand außer mir. Aber mich kann er weder sehen noch spüren, denn jetzt bin ich ein Schatten, der auf seine Seele lauert. Es ist ihm unbegreiflich, was all die reichen Säcke von Barcelona an diesem Deutschen finden, diesem Wagner oder wie er heißt. Wie oft haben sie jetzt schon den Sänger diese närrischen Arien schmettern hören? Noch dazu auf Deutsch, was sowieso kein Mensch versteht. Das Stöhnen einer Nutte in einem warmen Bett, das ist wahre Musik, denkt El Tuerto und lacht zahnlos.

Heute wird er niemanden beklauen, obwohl es ein Kinderspiel wäre. Heute ist er hier, um sie zu sehen – und darum bin auch ich hier, um El Tuerto zu holen. Er hat etwas, was sie interessieren könnte, denn Oper und Geld sind nicht ihre einzigen Leidenschaften.

Als El Tuerto das Klappern von Pferdehufen hört, weiß er, dass sie jetzt herauskommen. Fast meint er, die Weiber vor sich zu sehen, wie sie mit ihren Klunkern und Pelzmänteln am Arm ihrer Ehemänner hängen. Nur zu gern würde er es einigen von ihnen mal so richtig besorgen, um ihnen zu zeigen, was eine gelungene Vorstellung ist. Im Dunkel der unbeleuchteten Gasse verbirgt er sich vor unliebsamen Blicken, bis er sie vorübergehen sieht. Sie ist anders als die anderen. Sie geht allein, hocherhobenen Hauptes, mit kurzen, raschen Schritten, die Lippen aufeinandergepresst, die Miene starr und unbewegt wie das Gesicht eine Wachsfigur, die Hände unter der Brust gefaltet. Das zum Dutt hochgesteckte Haar lässt den Hals frei, der lang und gerade aus dem prächtigen, knöchellangen bordeauxfarbenen Abendkleid emporsteigt wie eine Rauchsäule.

El Tuerto leckt sich die Lippen. Er ist scharf auf sie. Sich ihr zu nähern ist so, als würde man sich aus dem höchsten Fenster eines Hauses lehnen: Man hat das überwältigende, schwindelerregende Gefühl, jeden Moment hinunterzustürzen.

Der Einäugige tritt in den Carrer Unió hinaus und folgt ihr, solange noch andere Leute in der Nähe sind. Es ist dunkel, aber noch nicht dunkel genug für die Hexenstunde. Bald werden die kleinen Gauner ihr nächtliches Treiben beginnen. Die großen Gauner haben soeben die Oper verlassen.

Als die Frau in den Carrer Oleguer einbiegt, müht sich El Tuerto, zu ihr aufzuschließen, und ruft:

»Senyora!«

Sie dreht sich um und bleibt abwartend stehen. Rasch geht El Tuerto auf sie zu. Er weiß nicht, dass es die letzten Schritte in seinem Leben sind.

Als zwei Stunden später Moisès Corvo und Juan Malsano erscheinen, hat sich auf der Straße eine Menschentraube gebildet.

»Sherlock Holmes ist ein Besserwisser, ein Bürohengst, der glaubt, jeden Fall lösen zu können wie eine mathematische Gleichung, bloß weil er ein Studierter ist.«

»Aber er löst seine Fälle, oder etwa nicht?« Juan spielt das Spiel mit. Er weiß, wie er seinen Kollegen provozieren kann.

»Ja, nur macht er einen grundlegenden Fehler: Für ihn ist alles Logik, Logik und nochmals Logik. Sogar Dinge, die mit dem Verstand nicht zu erklären sind.«

»Und das ist verkehrt.«

»Natürlich! So funktioniert die Welt nun mal nicht: Sie ist voller Fehler, Missverständnisse und Dinge, die man unmöglich vorhersehen kann. Holmes unterschätzt die Macht des Unberechenbaren.«

»Aber er löst seine Fälle«, beharrt Juan.

»Kein Fall lässt sich durch eine Kette von Schlussfolgerungen lösen, weil es immer jemanden gibt, der diese Kette zerreißt. Die Verbrecher halten sich nicht an Regeln.«

»Holmes schon.« Unter Malsanos Schnurrbart erscheint ein spöttisches Lächeln.

»Holmes nicht, und Dupin noch weniger.«

»Wer?«

Moisès Corvo schiebt grob einen Mann zur Seite, der sich auf die Zehenspitzen gestellt hat, um einen besseren Blick auf die Leiche zu erhaschen. Er ist einer der wenigen Männer unter den Gaffern; die meisten sind Frauen. Sie ziehen angeekelte Gesichter, rühren sich aber nicht vom Fleck, um auch ja nichts zu verpassen. Der Mann will wütend auffahren, doch der Anblick von Moisès’ bulliger Gestalt belehrt ihn, dass er der Leiche schnell Gesellschaft leisten könnte, und so hält er lieber den Mund und hofft, nicht zum Gespött der Weiber zu werden.

»Dupin. Der Detektiv von Edgar Allan Poe. Er ist noch schlimmer als Holmes. Holmes sehen wir durch die Augen Watsons, der stets einen süffisanten Tonfall hat, obwohl Holmes, der Maulheld, ihn behandelt wie den letzten Dreck … Aus dem Weg, Senyora! Was haben Sie um diese Uhrzeit überhaupt noch hier zu suchen?«, blafft Moisès eine Frau an; dann fährt er fort: »Dupin hingegen ist eine Art Falllösungsmaschine. Der war nie auf den Straßen unterwegs. Ich würde ihn zu gerne mal außerhalb der Buchseiten sehen, im wirklichen Leben, nicht bei der Jagd nach albernen mordenden Affen.«

»Aber irgendeinen Ermittler muss es doch geben, der dir gefällt.«

»Lestrade, den mag ich. Diesen Polizisten von Scotland Yard, der seine Pflicht tut, obwohl Holmes ihn immer wieder demütigt.«

»Moisès, du liest zu viel.«

»Und du redest zu viel, Juan … oh, verdammt.«

Sie haben die zwei Schutzleute erreicht, die den Tatort abriegeln. Hinter ihnen erspähen sie den Toten – zumindest seine Umrisse – unter einer blutbefleckten Plane. Die Gafferinnen jammern und schreien wild durcheinander, als würde es ihnen tatsächlich leid tun um den armen Teufel, der da liegt. Ein Taschendieb nutzt die Gelegenheit, den wenigen männlichen Schaulustigen die Taschen zu leeren, solange diese damit beschäftigt sind, die Frauen tröstend an sich zu drücken, um ihre Brüste zu spüren. Moisès versetzt ihm einen Klaps auf die Hand, und der Taschendieb huscht wieselflink davon. Einer der Schutzmänner, der den Inspektor in der Menge ausgemacht hat, ruft den Schaulustigen zu, sie sollen ihn durchlassen, doch sie beachten ihn kaum. Der Schutzmann setzt eine düstere Miene auf und herrscht die Gaffer an, und unter Drohungen gelingt es ihm, einen schmalen Durchgang zu schaffen.

»Asens, verdammt, was ist hier los?«, fragt Moisès.

»Das fragst du mich? Was glaubst du denn? Anscheinend hat El Tuerto hier den Operngästen aufgelauert, ohne zu ahnen, dass er heute die Hauptrolle spielen würde.«

»Und was ist dann passiert?« Moisès tritt an die Leiche heran, und Juan hebt die Plane, die einen Augenblick am Körper des Toten kleben bleibt.

»Das wissen wir nicht«, sagt der Schutzmann. »Niemand hat etwas gesehen, bis er so übel zugerichtet hier gefunden wurde.«

»Ich schließe daraus, dass ihr niemanden verhaftet habt.«

»Dir entgeht aber auch nichts.«

Moisès sieht ihn scharf an, und Schutzmann Asens erkennt, dass für heute das Maß an Vertraulichkeiten erschöpft ist.

Die Leiche liegt verkrümmt in einer Blutlache, die Hände zu Klauen gebogen, das eine Auge zum Himmel gerichtet, die leere Augenhöhle zur Hölle. Er sieht aus wie eine weiße Kakerlake. Moisès geht neben ihm in die Hocke, ebenso wie Juan, doch mit den Gedanken ist er woanders. Er lauscht auf die Bemerkungen der Umstehenden, unter denen mit seiner Ankunft die Aufregung noch gewachsen zu sein scheint. Ihr fürchtet mich, und doch bin ich euer liebstes Schauspiel. Wo immer ich auftauche, könnt ihr den Blick nicht von mir wenden.

»Die kommen immer erst, wenn das Unheil schon geschehen ist«, hört Moisès eine hagere Frau sagen.

»Ist es nicht ein bisschen früh für die Totenstarre?«, fragt Juan Malsano.

Moisès berührt El Tuertos Finger, die so kalt, steif und leblos sind, als wären sie aus Metall. Das wachsbleiche Gesicht ist zu einer grotesken Grimasse verzerrt, der Mund weit aufgerissen. Er ist verblutet, denkt Moisès, doch er kann keine Wunde entdecken. Am Hals sind Blutflecken, die im Dunkeln wie Teer aussehen.

»Das macht die Todesangst«, sagt Moisès. »Der Tod muss so schnell gekommen sein, dass er vor Angst förmlich erstarrt ist.« Er schiebt die Ärmel des Toten hoch und betrachtet die Unterarme. »Er weist keine Verletzungen auf, die erkennen ließen, dass er sich zur Wehr gesetzt hat, doch aus der Lage der Leiche schließe ich, dass der Angreifer von vorne kam.«

»Ein Überraschungsangriff«, sagt Schutzmann Asens. »Aber wie ist er verblutet?«

Die Bestie, hört Moisès. Das Wort macht unter den Umstehenden die Runde.

»Asens, jag das Gesindel fort, verdammt! Die haben hier nichts zu suchen!«

Der Schutzmann tut sein Bestes, um der Anordnung Folge zu leisten, doch die Gaffer beachten ihn gar nicht. Sie weichen einen Meter zurück, nur um gleich darauf wieder vorzurücken, kaum dass der Schutzmann fasziniert zu der Leiche blickt. Moisès zieht sein Taschentuch hervor und wischt dem Toten das Blut von der Kehle, bis er fündig wird. Ein Stück Fleisch ist herausgerissen; an der Wunde hängt noch ein Hautfetzen. Moisès steckt den rechten Zeigefinger in die Öffnung. Wieder einmal kommt Malsano der Gedanke, dass Moisès manchmal nicht ganz richtig im Kopf ist.

»Genau die Halsschlagader. Wie der Angriff auch vonstatten gegangen sein mag, er war direkt und brutal.«

Das Gemurmel unter den Zuschauern schwillt an. Der Tote ist schneeweiß! Man hat ihm das ganze Blut ausgesaugt!

»Aber das ist weder eine Stich- noch eine Schusswunde, Moisès«, macht Malsano seinen Befürchtungen Luft. Er ahnt, was für eine Art Wunde es ist, will es aber nicht glauben.

»Ein halbkreisförmiger, gezackter Schnitt, wie von einer kleinen Säge. Aber eine Säge hätte die Haut stärker zerfetzt, und es gäbe Kampfspuren. Der Körper weist keine weiteren sichtbaren Verletzungen auf. Aber warten wir erst einmal die Autopsie ab.«

Moisès dreht die Leiche um wie einen Sack. Für ihn ist sie in der Tat nichts anderes, bloß Arbeit. Er zieht dem Toten die Jacke aus und schlitzt ihm mit einem Messer das Hemd am Rücken auf. Die Umstehenden schreien auf, sodass Asens wütend wird und nach dem Schlagstock greift. Aber auch er ist neugierig. Moisès untersucht die Arme des Toten genau. Er bittet um eine Lampe, und ein anderer Schutzmann reicht ihm eine. Am rechten Unterarm sind vier kleine, mondförmige blaue Flecken zu erkennen, am linken Arm drei.

»Man hat ihn von vorne gepackt. Der Angreifer hat ihn von vorne gepackt … und zugebissen.«

Eine Frau fällt in Ohnmacht. Als Moisès die Aufregung vernimmt, dreht er sich um.

»Ein Biss.« Juan Malsano nimmt den Blick nicht von El Tuerto. »Man hat ihm die Kehle durchgebissen.«

Mit Heft und Bleistift bewaffnet, kommt ein Reporter auf sie zu.

»Inspektor Corvo!«

»Jetzt nicht, Quim.«

»Ach, kommen Sie schon, Mann, der ist doch noch warm!«

Malsano richtet sich auf und geht auf den Reporter zu.

»Soll ich dir vielleicht auch einheizen?«

Der Mann schüttelt den Kopf.

»Dann halt die Klappe.«

Um diese Zeit hat es sich schon von der Ronda de Sant Pau bis zum Parc de la Ciutadella herumgesprochen, dass die Bestie hungrig ist.

Als Untersuchungsrichter Don Fernando de Prat eintrifft, kreischen in der Menge zwei Babys los, die sich von ihren Müttern vernachlässigt fühlen. Als wäre dieses Geräusch eine Fabriksirene, machen die Gaffer sich auf den Weg: Manche wollen sich vergewissern, dass ihre Kinder zu Hause schlafend unter der Bettdecke liegen, und mag sie noch so verlaust sein; andere verschwinden lieber, ehe der Untersuchungsrichter sie daran erinnern kann, dass sie noch einen Gerichtstermin wahrzunehmen, ein Bußgeld zu zahlen oder eine Strafe abzusitzen haben. Einige ahnen schon, dass es jetzt gleich ans Fragen gehen wird, dass die Polizisten alles verhören werden, was Mund und Augen hat; und in diesem Viertel ist es besser, stumm und blind zu sein, als einäugig wie dieser arme Tote, der hier liegt und bereits zu stinken anfängt, sofern er nicht schon vorher gestunken hat.

Als Bocanegra sieht, wie Don Fernando de Prat in seiner Hispano-Suiza-Limousine, die einen Höllenlärm veranstaltet, über den Carrer de Sant Pau herangeknattert kommt und mit finsterer Miene aussteigt, den Schlafrock über den Pyjama geworfen und eine Pfeife zwischen den Lippen, macht er eine Kehrtwendung und läuft den Carrer de l’Om hinunter bis zu den alten Werfthallen, den Drassanes, wo El Tuertos Karren mit dem Toten steht, den sie auf dem Montjuïc ausgegraben haben. Er schiebt den Karren bis zum Hafen, wo die Masten der Schiffe sanft in der Dünung schaukeln. Nachdem er sich vergewissert hat, dass niemand zusieht, entledigt er sich der Leiche, indem er sie ins Meer kippt. Laut platschend schlägt sie auf dem Wasser auf. Bocanegra läuft schnell davon; El Tuertos Karren lässt er stehen. Du brauchst ihn sowieso nicht mehr, sagt er sich und eilt nach Hause, zum Taubenschlag im Carrer de la Lluna, wobei er argwöhnisch ins Dunkel späht, in dem Vampire lauern.

Don Fernando de Prat wirft derweil einen kurzen, desinteressierten Seitenblick auf den Toten und plaudert der Form halber ein Weilchen mit Moisès und Malsano. Er tut, als wollte er wissen, was geschehen ist. In Wahrheit will er schleunigst zurück ins Bett und weiterschlafen.

»Wenn wir wenigstens Fotoapparate hätten!«, klagt Moisès, als de Prat von ihm und Malsano verlangt, bis zum nächsten Tag einen Bericht über die Ereignisse zu schreiben.

»Dann fertigen Sie eben eine Zeichnung an, wie wir es ein Leben lang getan haben.«

»Manchmal geht das Leben aber auch zu Ende, Herr Richter, und eine neuere, bessere Existenz beginnt. Sie können ja unseren Freund hier fragen. Aber ich fürchte, er wird Ihnen die kalte Schulter zeigen.«

Der Untersuchungsrichter überhört Moisès’ sarkastische Bemerkung, denn soeben ist der Arzt eingetroffen.

»Bescheinigen Sie mir seinen Tod, ich will wieder ins Bett.«

Doktor Ortíz mit seinem aufgezwirbelten Schnurrbart ist ein wortkarger Mann. Mit dem Arztkoffer in der Hand kniet er sich neben die Leiche und hält ihr einen kleinen Spiegel vor den Mund.

»Vielleicht sollten Sie Ihr Glück eher bei der Halswunde versuchen«, sagt Moisès, erhält aber keine Antwort.

Der Arzt fühlt den Puls, sieht sich das eine Auge des Toten an und stemmt sich hoch.

»Bringen Sie ihn mir in die Klinik.«

Ohne ein weiteres Wort gibt er dem Richter die Hand und geht davon. Don Fernando de Prat, Moisès und Malsano kennen den Doktor gut – genauso gut, wie sie einander kennen. Schon viele Nächte haben sie sich bei Toten ein Stelldichein gegeben. Und so beschließt der Richter denn auch, dass es für heute genug ist: Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Die beiden Inspektoren warten, bis die Leiche abtransportiert wird. Dann sind sie allein. Nur ein lahmer Hund leistet ihnen Gesellschaft, winselt und leckt das Blut von den Pflastersteinen.

Im Carrer Ponent Nummer neunundzwanzig, unweit der Stelle, an der El Tuerto gefunden wurde, ist Salvador Vaquer gerade zu Bett gegangen. Eigentlich wollte er im Arbeitszimmer auf Enriquetas Rückkehr warten. Dabei sind ihm jedoch die Augen zugefallen, und so ist er aufgestanden und ins Zimmer der kleinen Angelina gegangen. Sie schlief schon. Er hat die Zimmertür abgeschlossen und die Tür zur Abstellkammer geöffnet, wo Doritas Tochter auf dem Strohsack saß und weinte.

»Was hast du denn, mein Kleines?« Salvador ist zu ihr gegangen und hat ihr über das kurze, lieblos geschnittene Haar gestreichelt.

»Ich hab Angst«, schluchzte das Kind.

»Warum denn? Du musst doch keine Angst haben.« Salvadors Finger glitten den Hals des Mädchens hinunter und über ihre Brust. Sie ist kaum vier Jahre alt.

»Ich will zu meiner Mama …«

»Ich bin ja hier, Schätzchen.«

Nun schnuppert Salvador an seinen Fingern, an denen noch der Geruch des Kindes hängt. Vom Bett aus hört er, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wird und Enriqueta die Wohnung betritt. Er verspürt einen Anflug schlechten Gewissens, und trotz der Kälte bricht ihm der Schweiß aus. Wie ein Jagdhund spitzt er die Ohren und hört, wie Enriqueta zuerst durchs Wohnzimmer geht, dann durch die Küche und zuletzt in die Speisekammer. Dort hält sie an. Stille.

Enriqueta öffnet die Schlafzimmertür, und Salvador stellt sich schlafend. Sie zieht sich im Dunkeln aus, kriecht zu ihm ins Bett und umarmt ihn von hinten. Salvador beißt sich auf die Lippe, als ihre kalten Finger über seinen Brustkorb gleiten. Sie seufzt tief; dann zischt sie durch die Zähne wie eine Schlange, beißt ihn ins Ohrläppchen, fährt ihm mit der Zunge über den Nacken und wühlt in seinem Schamhaar, bis sie gefunden hat, was sie sucht. Salvador dreht sich um und küsst sie: Ihr Mund schmeckt warm und salzig.

Wie Blut.

2.

Die Kacheln sind stumpf vor Fett, der Abfluss ist verstopft. Der Schein des Kohlebeckens wirft gespenstisch flackernde Schatten an die Wand – die einzigen, wenn auch trügerischen Zeichen von Leben im Leichenschauhaus des Hospital Clínic. Auf einem der Tische liegt El Tuertos zugenähter Körper, bleich und starr, Rücken, Arme und Beine voller Leichenflecken. Und doch – zumindest dem Geruch nach zu schließen – weniger tot als die kopflose Leiche, die auf dem Nebentisch liegt. Sie war früh am Morgen im Hafenbecken treibend gefunden worden, vor der Kolumbussäule, bedeckt von einem Schwarm Möwen. Wahrscheinlich wäre sie unbemerkt geblieben, wären nicht die Vögel gewesen, die sich laut kreischend um das faulige Fleisch balgten. Doktor Ortíz ist überzeugt, dass der Entdecker Amerikas mit seiner ausgestreckten Hand auf den Toten gewiesen hat, wie um zu sagen: Schafft ihn mir gefälligst aus den Augen! Gerade eben ist der Doktor damit beschäftigt, mit dem Fuß aufzustampfen, mal nach rechts und mal nach links, um die Kakerlaken zu verscheuchen, die ein Festmahl wittern.

»Hat der Ball etwa ohne uns angefangen?«, ruft Moisès, der soeben die Wendeltreppe in den Autopsiesaal herunterkommt. Er wirft einen Blick auf die kopflose Leiche: »Ich hoffe, ich muss nicht die Hässlichste zum Tanz führen!«

Doktor Ortíz runzelt die Brauen; dann schüttelt er Moisès und dem hinter ihm kommenden Malsano die Hand.

»Einen schönen guten Abend.«

Alle wissen, dass es eine Floskel ist. Doktor Ortíz glaubt nicht, dass dies ein schöner Abend ist. Er glaubt nicht, dass irgendetwas schön sein könnte. Er hat die beiden zu sich bestellt, weil er ihnen an der Leiche mit der durchbissenen Kehle etwas zeigen wollte.

»Zur Sache, Doktor«, drängt Juan Malsano. »Wir haben heute kaum geschlafen, und ich würde vor Schichtende gerne noch ein Nickerchen machen.«

»Ich glaube, hier sind noch ein paar Betten frei, wenn du willst, und die Kameraden hier werden sich garantiert nicht beschweren«, sagt Moisès.

»Sind Sie mit Ihren Späßen jetzt durch, meine Herren, oder soll ich Eintritt kassieren?«

»Und dieser Kandidat? Was hat der hier zu suchen?«

»Der war vor nicht allzu langer Zeit schon mal bei mir.« Der Arzt klopft der Leiche mangels eines Kopfes auf die Brust, und ein Schwall Maden spritzt Malsano vor die Füße.

»Verdammter Mist!«

Moisès beugt sich über die Leiche, Mund und Nase mit einem Taschentuch bedeckt, in das seine Initialen gestickt sind. Von allen Gegenständen, die er bei sich trägt, ist es der einzige, der an seine Frau erinnert.

»Hier haben wir den besten Beweis dafür, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und zwar jede Menge Leben!«

Der unerträgliche Gestank wird durch die drückende Hitze aus dem Kohlebecken noch verstärkt. Doktor Ortíz weiß genau, was er tun muss, damit seine Besucher ihn nicht allzu lange behelligen.

»Wie gesagt, der hier war schon mal mein Kunde. Ein armer Kerl, der sich vor den Zug geworfen hat – das Ergebnis sehen Sie ja. Nun ja, ein bisschen besser sah er letztes Mal schon noch aus.«

»Und was hatte unsere Marie Antoinette im Hafen zu suchen? Hat sich die dumme Mode, im Meer zu baden, jetzt auch schon bei den Toten durchgesetzt?«

»Ich will so tun, als hätte ich Ihre scharfsinnigen Bemerkungen nicht gehört, Senyor Corvo. Im Übrigen verweise ich Sie an Ihren Kollegen, Inspektor Sánchez, der den Fall leitet.«

Buenaventura Sánchez. Der Polizist ohne Furcht und Tadel. Würde Juli Vallmitjana Krimis schreiben statt Kitschromane, wäre Buenaventura Sánchez sein Held. Groß und stattlich, mit kurzem Stoppelhaar, hellen Augen und einem verlogenen Lächeln, einer dieser Typen, die einem ständig auf die Schulter klopfen und einfach alles über das Verbrechen und seine Bekämpfung wissen. Bei so viel Vollkommenheit ist er natürlich der Lieblingsbulle seines Herrn und Meisters: José Millán Astray, Polizeichef der Präfektur Barcelona, lobt ihn ständig über den grünen Klee, und Buenaventura schmiegt sich an sein Bein und bringt Herrchen vor dem Zubettgehen die Pantoffeln. Vor allen anderen gibt er den Klugscheißer, einen, der weiß – oder zumindest glaubt –, dass er es noch weit bringen wird. Malsano kann ihn nicht ausstehen, und Moisès hat ihm sogar schon mal die Fresse poliert.

»Inspektor Sánchez war hier? Ich glaube, sein Parfüm liegt noch in der Luft …«

»Er war heute Nachmittag bei Doktor Saforcada, der die Autopsie an der Leiche vorgenommen hat, derentwegen ich Sie habe rufen lassen.«

»Und was hat Doktor Saforcada gefunden?«, fragt Malsano.

»Ihre Bestie. Sie ist ein Mensch. So etwas wie ein Mensch zumindest, wenn auch einer, der gern Leichen verspeist.«

»Also können wir den Werwolf und Graf Dracula von der Liste streichen.«

»Kommen Sie mal hier herüber, Inspektor Corvo.« Der Arzt steht neben El Tuerto und hebt die Arme des Toten an. »Vier Fingerabdrücke auf einem Arm und drei auf dem anderen. Was sagt Ihnen das?«

»Dass er von vorne gepackt wurde, bevor er starb. Von jemand Kräftigem …«

»Erzählen Sie mir nicht, was wir sowieso schon alle wissen. Denken Sie nach. Warum sind es vier Abdrücke auf der einen Seite und nur drei auf der anderen?«

»Weil dem Mörder Finger fehlen?«

»Hm. Spalthand. Das ist eine Möglichkeit. Noch dazu würde es den Kreis der Verdächtigen stark einschränken.«

»Unser Archiv mit Fingerabdrücken ist noch recht mager bestückt«, sagt Malsano und streicht sich über den Schnurrbart. Er atmet diese Luft nun schon seit so vielen Jahren, dass er den Verwesungsgestank nur noch wahrnimmt, wenn er sich morgens auszieht, um ins Bett zu gehen.

»Ja«, fügt Moisès hinzu, »Professor Oloríz hat gerade erst mit der Erstellung des Archivs begonnen. Aber um auf unser Thema zurückzukommen: Aus dem Rifkrieg ist manch einer mit einer Hand weniger, einer unter dem Knie abgenähten Hose oder in einer Holzkiste zurückgekommen.«

»Ich sagte, das sei eine Möglichkeit. Und welche ist die andere?« Schweigen. »Dass der Täter etwas in der Hand hielt.«

Der Doktor schiebt El Tuertos Körper herum wie eine Stange trockenes Weißbrot und hält die Lampe näher, sodass ein vierter Bluterguss sichtbar wird, der kleiner und länger ist als die anderen.

»Hatte der Mörder ein Messer?«

»Ein Messer hätte einen Schnitt verursacht. Das hier muss eine Stichwaffe gewesen sein, eine Art Stichel.«

»Aber er weist keine Stichwunde auf.«

»Nicht auf den ersten Blick, aber wir haben ihn ja auch nicht hierhergebracht, damit er uns die Zarzuela singt, nicht wahr?«

»Wenn Sie Ihren Anteil am Eintrittsgeld kassieren wollen, brauchen Sie es bloß zu sagen«, murmelt Moisès.

Der Arzt biegt El Tuertos kahlgeschorenen und achtlos wieder zusammengenähten Kopf zurück, bis die Halswunde bloßliegt.

Euer halbes Leben lauft ihr hinter mir her, die andere Hälfte rennt ihr vor mir davon. Ihr brecht die Leichen auf und wühlt in ihrem Fleisch, auf der Suche nach Erklärungen in Körpern, die mein Zeichen tragen. Wer?, fragt ihr. Wie? Warum? Die Antwort liefern euch Männer wie Ortíz, die die Toten wie eine mathematische Gleichung behandeln, die es zu lösen gilt.

Nun sagt Ortíz: »Das ist der Abdruck eines menschlichen Gebisses, erkennbar am Durchmesser, den Einrissen und den Zahnabdrücken. Aber der erste Angriff erfolgte nicht mit den Zähnen. Nur eine wahre Bestie wäre fähig, über einen Menschen herzufallen und ihm ein Stück aus der Kehle zu beißen, auch wenn der noch so schwach wäre.«

Moisès späht in die Halswunde, kann aber nichts erkennen.

»Hier.« Der Arzt zeigt mit dem Finger auf den Hals der Leiche. »Dieser Schnitt ganz hinten ist keine Folge des Bisses, sondern eine Stich- und Quetschwunde, verursacht von einer spitzen Waffe.«

»Einem Stichel.«

»Oder einer Haarnadel.«

»Welcher Mörder würde eine Haarnadel verwenden?«

»Welcher Mörder trinkt das Blut seines Opfers?«

Moisès schließt die Augen. Erinnerungen an den Rifkrieg steigen in ihm auf, so wirklich wie die drückende Hitze des Raumes, in dem er sich befindet. Soldaten, die Menschenfleisch aßen, um zu überleben. Waren sie damals Bestien? Er selbst hatte feindlichen Soldaten Finger und Ohren abgeschnitten, makabre Andenken an seine Zeit in Afrika. Macht ihn das zur Bestie?

»Wer könnte so etwas tun?«, fragt Malsano.

»Sie sind die Polizisten, meine Herren. Ich bin nur Arzt. Dort liegen seine Kleider, noch völlig unberührt.«

Stück für Stück nimmt Moisès die Kleidungsstücke vom Tisch, zuerst das zerknitterte Jackett, dann das Hemd, steif wie Pergament, wo das Blut bereits getrocknet ist, und glitschig da, wo es noch feucht ist. Nichts Brauchbares – bis Malsano ein zerknülltes Stück Papier aus einer Hosentasche zieht. Darauf ist mit Bleistift ein Plan gezeichnet, und die Rückseite erweist sich – ein echter Glücksfall – als die Visitenkarte eines Arztes.

»Dr. Isaac von Baumgarten«, liest Malsano. »Kennen Sie ihn?«

»Nein.«

»Aber er ist Arzt wie Sie«, gibt Malsano verärgert zurück.

Doktor Ortíz verkneift sich eine Antwort. Die beiden werden bald verschwunden sein; dann ist er endlich wieder allein mit der einzigen Gesellschaft, die ihm genehm ist, seinen Toten, die wohlerzogen genug sind, ihm nicht die ganze Nacht lang die Ohren vollzuquatschen und dann auch noch freundliche Antworten zu erwarten.

Barcelona ist eine alte Dame mit wunder Seele, die nicht wahrhaben will, dass sie schon von unzähligen Liebhabern verlassen wurde. Immer wenn sie wächst, betrachtet sie sich im Spiegel, sieht, dass sie sich verändert hat, und erneuert ihr Blut bis fast zum Siedepunkt. Schließlich platzt sie auf wie ein Schmetterlingskokon. Am Anfang jeder neuen Wachstumsphase steht das Misstrauen: Plötzlich ist sich niemand mehr sicher, ob sein nächster Nachbar, mit dem er seit Jahren Tür an Tür lebt, nicht sein Feind ist. Die Einwohner der Stadt gehen auf Abstand zueinander; die Unterschiede zwischen ihnen werden deutlicher, und jeder zieht sich in sein eigenes Umfeld zurück, bereit zum Angriff oder zur Verteidigung. Und damit wird die Gewalt, die zweite Phase der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling, unausweichlich.

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