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Magnolienschlaf

Eva Baronsky

Magnolienschlaf

Roman

 

 

 

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Inhaltsübersicht

»Die Deutsche Wochenschau« vom...

Seit dem letzten Einschlag...

Schon kurz vor der...

Nur allmählich spürt Wilhelmine,...

Jelisaweta sieht an dem...

Wie von fern dringt...

Unendlich erleichtert kehrt Jelisaweta...

Wilhelmine lehnt sich zufrieden...

Frau Hennemann schläft. Ihre...

Die Heizung klopft, ansonsten...

Als Frau Hübners energische...

Es dämmert. Von unten...

»Bring Wasser, ich muss...

»Trinkt sie ausreichend? Ich...

Das Haus schweigt. Nicht...

Am Donnerstagabend ruft Frau...

»Bah!« Angewidert schiebt Wilhelmine...

In dem graugestrichenen Küchenschrank...

Wilhelmines Blick irrt durchs...

Jelisaweta sieht auf die...

Die Decke wird ihr...

Unendlich langsam frisst der...

Wieder dröhnen Fernsehgeräusche durch...

Herr Hübner geht so...

Immer wieder ist an...

Jelisaweta stampft ihre Schritte...

Als Wilhelmine aufwacht, ist...

Das irre Wimmern der...

Wilhelmines Hand fährt mit...

Immer wieder ist ihr,...

Kraftlos drückt Wilhelmine den...

Nasilije. Jelisaweta schlägt...

Behutsam reibt das Papiertaschentuch...

»Vergessen Sie nicht Tante...

Das Mädchen ist leise,...

Energisch zerrt Jelisaweta die...

Wilhelmine tastet nach der...

Stille macht sich breit...

Etwas schlägt hart gegen...

Nur ihr gelegentlich aufröchelnder...

Ein Lastwagen fährt am...

Ohne den Reißverschluss zu...

Jelisaweta steht eine Weile...

 

Für die Frauen meiner Familie,

die toten und die lebenden.

 

»Die Deutsche Wochenschau« vom 5. 3. 1945

 

»In diesen, von deutschen Truppen wiedereroberten Orten ist jedes Haus von den Grausamkeiten bolschewistischer Soldateska gezeichnet. […] Die Bestialitäten sind zu ungeheuerlich, als dass alles gezeigt werden könnte, was die Kamera festhielt. […] Qualvolles Entsetzen steht noch in den Gesichtern dieser deutschen Frauen. Sie berichten von den Tagen namenlosen Grauens, in denen sie wehrlos den vertierten Horden ausgeliefert waren.

Eine ermordete Greisin …

Frauen, nach der Schändung durch Genickschuss getötet …

In unersättlicher Gier durchsuchte und beraubte die sowjetische Soldateska die Wohnungen …

 

Diesen Steppenhorden wirft sich das deutsche Volk entgegen!«

Seit dem letzten Einschlag hat es sechzehn Mal getropft. Sechzehn Tropfen, seit der Boden zu zittern aufgehört hat. Sechzehn Tropfen, seit die kleine Petroleumfunzel wieder stumm und reglos brennt. Sechzehn Tropfen, eine winzige Ewigkeit.

Kein Mensch weiß, woher sie kommen, schließlich läuft seit Tagen kein Wasser mehr aus den Leitungen. Sie quellen aus der Gewölbedecke in der Nische, wo die Kohlen gelegen haben, fallen mit einem knirschenden Geräusch auf den Sandboden und versickern dort. Die Intervalle sind lang, sehr lang. Eine Minute? Zwei? Man hört ihren Fall nur, wenn absolute Stille herrscht, wenn die Angst sogar die Atemgeräusche verschluckt.

Wilhelmine zählt die Tropfen, so wie sie als Kind bei Gewitter die Sekunden zwischen Blitz und Donnerschlag gezählt hat, ganz langsam und gleichmäßig. Jede Sekunde ein Kilometer, hat Oma Agnes ihr erklärt; je länger es dauert, desto weiter ist das Unwetter entfernt.

Eben noch hat es ohne Unterlass gekracht, sind Dachziegel oben auf dem Gehsteig zerschellt, hat der Boden gebebt, als risse jemand die Welt aus den Angeln.

Siebzehn.

Auf der anderen Seite des Kellers regt sich etwas, in der Ecke, in der sich die Frauen aus dem Haus gegenüber eingerichtet haben. Eine von ihnen rappelt sich jetzt hoch, Wilhelmine hört ihre Schritte, ein Ächzen, der Deckel des Scheißeimers klappert. Das Ding ist randvoll, der Gestank unerträglich.

Noch immer wagt keine zu sprechen, nur ein kurzes Flüstern kommt von irgendwo. Nach und nach spürt Wilhelmine ihre rechte Hand, die kleinen Stiche, von den Fingernägeln in den Handballen gepresst. Ihre Linke hält die Hand des Mädchens. Es schläft. Einen tiefen, gnadenvollen Kinderschlaf, als wäre es wirklich noch ein Kind, nur ab und an gibt es ein leises Grunzen von sich. Wilhelmine lockert den Griff, streicht sanft mit dem Daumen über die warme Haut, dann fährt ihre Hand durch das dichte braune Haar. Es ist strähnig geworden, aber dennoch weich und voll. Wilhelmine denkt an den dünnen, zarten Kleinkinderflaum von einst, der sich nicht hatte verlieren wollen, nie hätte sie damals gedacht, dass das Mädchen einmal so schöne Haare bekäme. Sie spürt den sich hebenden und senkenden Brustkorb. Der Begriff friedlich fällt ihr wie ein Fremdwort ein.

»Ich geh nachsehen.« Hedwig Erlenbach ist aufgestanden. Sie hat eine Stimme wie aufgekrempelte Hemdsärmel und Mut für zwei Kerle. Wenn in diesem herrenlosen Keller noch eine etwas anpackt, dann sie.

Kraftloser Protest.

Bleib bloß unten, denkt Wilhelmine. Sie will es nicht wissen, nichts davon hören, nur wenn sie nichts hört und nichts weiß, kann sie sich flüchten, gelingt es ihr für Augenblicke, die Gedanken an das Undenkbare abzuwehren. Gedanken, die wie Aasgeier über ihr kreisen.

Es dauert lange, bis Hedwig wiederkommt, im mageren Schein der Lampe wirkt ihr Gesicht wie Wachs. Hedwig vermeldet kaum Schäden am Haus, auch die Nachbarhäuser seien ganz geblieben, aber ein paar Blocks die Straße runter stehe kein Stein mehr auf dem anderen.

Wilhelmine spürt, dass Hedwig nicht alles sagt, während sie wortlos den Scheißeimer in die Nische zurückstellt. Sie hat ihn ausgeleert, und dafür ist Wilhelmine ihr dankbar.

»Sie sind in Moabit.« Hedwigs Stimme wackelt.

Moabit. Der Name fährt Wilhelmine wie ein Messerstich in den Körper. Unvermittelt jagt ihr Herzschlag los, pocht den Hals entlang, schnürt ihn enger, der Atem reicht kaum in ihre Brust hinab. Moabit. Jetzt gibt es kein Entkommen mehr, jetzt stürzen Wilhelmines Gedanken nach Moabit, den Weg entlang bis zu dem kleinen Kino, das sie manchmal besucht hat, zu Fuß ist sie gegangen, jetzt zählt sie die Schritte. Ist doch gleich um die Ecke, hat sie immer gesagt. Keine Viertelstunde dauert der Weg dorthin. Wilhelmine hört kaum das gedämpfte Gemurmel um sie herum, spürt allenfalls, dass sich etwas am Tonfall geändert hat. Und plötzlich ist er wieder ganz stark: der Impuls, das Mädchen zu packen und wegzurennen, einfach weg, als ginge das, als gäbe es noch irgendeinen anderen, einen sicheren Ort. Doch sie hockt nur steif, weiß, dass das Zittern, das ihren ganzen Körper einnimmt, die einzige Bewegung bleibt, zu der sie fähig ist.

»… und dann finden se dir doch. Na denn kannste aber erst recht wat erleben, wat gloobste, wat die denn mit dir machen?« Die alte Dürbeck flüstert jetzt nicht mehr.

Eine der Frauen heult auf.

Auf einer Matratze neben Wilhelmine kauert Lotte aus Pommern, die bei den Naumanns untergekrochen ist. Ihre Blicke treffen sich, verharren für einen Moment. Die Pommersche sagt selten etwas, dafür schreit sie nachts auf und wälzt sich, hat die Nägel abgekaut bis auf die Kuppen. Lotte nickt kaum merklich. Das kommt alles noch viel schlimmer, sagt ihr Blick, viel schlimmer, als ihr denkt.

»Die Zähne musste zusammenbeißen, Oogen zu und durch, bis se fertich sind. Denn lassen se dir vielleicht am Leben.«

»Wat fürn Leben soll das denn sein?«, entgegnet Frau Leineweber aus dem Dachgeschoss. »Als ob die dit bei einem Mal bewenden lassen – dit werden die neuen Herren hier, da ham wir alle nüscht mehr zu lachen. Ick hab ja schon von meiner Cousine erzählt, die sich auf de Schienen jeworfen hat … Also wat se mit der jemacht haben …«

»Jetzt hören Sie doch endlich auf! Denken Sie doch an das Mädchen!«

»Jenau an die denk ick ja. Die is doch man als Erste dran.«

Alle Gesichter wenden sich Wilhelmine zu, schauen auf sie und das schlafende Kind.

»Mensch, ehrlich, hat ja bald noch de Milchzähne, dit arme Ding …«

Wilhelmine beißt sich auf die Lippen, starrt zitternd auf ihr Kleines, ihr Baby. Sieht sie vor sich, beim Baden, den bloßen, zarten Körper, die sich gerade erst hebenden Brüste, die feine, glatte Haut, so unberührt, so kostbar. Sieht derbe Stiefel, Spucke, Blut. Mit der flachen Hand erstickt sie den Schrei, der ihr entfährt. Wenn doch nur die Erde wieder bebte, die Welt endgültig über ihnen zusammenbräche und sie alle unter sich begrübe. Wenn es doch nur ein Ende gäbe, ein jähes, schnelles Ende.

Mit schwindender Kraft versucht Wilhelmine, die Schreckensbilder von sich zu stoßen, Blut, Leiber, Männerpranken, doch es gibt keine Flucht mehr, nirgendwohin. Nicht einmal in Gedanken.

Dumpfes Poltern drischt in das Schweigen. Etwas kracht schwer gegen die eiserne Kellertür. Tritte, harte Schläge. Wilhelmines Herz steht für Sekunden still. Dann hetzt es davon, stolpert, wummert, als wüte eine Faust in ihrem Brustkorb. Sie ringt nach Luft. Wieder krachen feste Tritte gegen das Metall. Die Konturen der Frauen verschwimmen vor ihren Augen. Schreien will sie, doch ihre Kehle ist gelähmt wie in einem Alptraum. Gleich wird es vorbei sein, das ist alles, was sie denken kann, gleich passiert es, gleich sind wir tot, endlich. Sie fühlt das Kind neben sich, das sich brummend umdreht und dann verschlafen aufrichtet, zieht es in ihre Arme und weiß, dass sie ausharren wird, ausharren muss. Was immer sie tun kann für ihr Kind, sie wird es tun.

Erneut die Schläge an der Tür. »Aufmachen! Los, Beeilung!«

Sie hebt den Kopf. Ein vielstimmiges Aufatmen geht durch den Keller.

»Dit sind unsere, Jott sei Dank!«

Hedwigs Blick wandert durch den Keller, dann nickt sie knapp, steigt nach oben und entriegelt die Tür. Ein Wehrmachtsoffizier poltert die Treppe herunter, inspiziert den Keller, brüllt etwas, offenbar sucht er nach den eigenen Männern, die sich in die umliegenden Keller geflüchtet haben, und rauscht davon, ohne ein Wort an die Frauen zu richten.

»Was ist denn los, Mama?«

Wilhelmine zittert noch immer. Ihr Puls hämmert durch ihren Körper, beruhigt sich nur zögernd, als wüsste er, dass dies nichts denn ein Aufschub ist, dass es kein Entkommen gibt, sondern nur die Frage nach dem Wann.

»Nichts, mein Hase, alles ist gut.« Mit fahrigem Griff wühlt Wilhelmine in dem dichten Schokoladenhaar.

In der Ferne Donnergrollen. Flieger. Noch zittert der Boden nur leicht, aber Wilhelmine schöpft Hoffnung, vielleicht treffen sie dieses Mal. Lieber Gott, ja, vielleicht geht ja alles doch noch ganz schnell.

Schon kurz vor der Grenze bei Krasnoje beginnt die Frau neben Jelisaweta unter dem Sitz zu wühlen, deponiert dann mehrere, in Zeitungspapier gewickelte Päckchen auf dem Klapptisch am Vordersitz. Der Geruch nach billiger Fleischpastete und Tee schlägt um sich.

Jelisaweta wendet sich ab und sieht aus dem Fenster. Dunkles Blau geht allmählich in Schwarz über, dann und wann beleuchten ein paar Scheinwerfer eine vorüberhuschende Baracke.

Die Frau auf dem Gangplatz pufft Jelisaweta gegen den Arm, hält ihr einladend das aufgeklappte Zeitungspapier mit schmalztriefenden Piroschki unter die Nase. Sie hat ein Gesicht wie ein Eierkuchen; einer von denen, die mit Eischnee und Backpulver zusätzlich aufgetrieben sind. Eine Rosine klebt an ihrem Kinn.

»Danke.« Jelisaweta schüttelt kaum merklich den Kopf und dreht sich gleich wieder der Dunkelheit zu.

»Wohin gehts?« Der Eierkuchen lässt nicht locker.

»Frankfurt.« Ein Hund steht im Schein einer Straßenlaterne, als warte er auf den Bus. »Main.«

»Arbeit oder Liebe?«

Jelisaweta mustert sie knapp. »Ist das nicht dasselbe?« In Deutschland, fügt sie in Gedanken hinzu.

Der Eierkuchen stutzt, lacht kollernd auf. »Was redest du da, Hühnchen, kleines? Weißt wohl schon allerhand. Wie alt bist du? Zwanzig?«

Jelisaweta zieht nur die Brauen nach oben. Was soll sie erwidern? Dass sie gerade dreiundzwanzig geworden ist?

Die andere wischt sich die Finger am Rand des Zeitungspapiers ab, fischt eine Essiggurke aus einer ovalen Plastikdose und beißt grinsend hinein. »Aber wenn du in Zukunft morgens den Boden scheuerst, liege ich noch im Bett und trinke Tee. Also, Hühnchen, was ist besser?«

Jelisaweta hebt die Schultern. »Kostenlosen Käse gibts nur in der Mausefalle.« Sie dreht ihr Wolltuch zu einer Wurst und stopft es sich in den Nacken. Die Welt draußen ist schwarz geworden, gelegentlich fressen sich entgegenkommende Scheinwerfer durch die Dunkelheit. Jelisaweta lehnt sich gegen die kalte Scheibe, spürt das Dröhnen des Busses an ihrer Schläfe. Noch fünfunddreißig Stunden. Oder mehr, je nachdem. Wer kann das wissen?

Nur allmählich spürt Wilhelmine, dass sie aufsteigt aus der warmen Schwere des Schlafs, will weiter hinabtauchen in das Dunkel, empfindet dieses schwache Sehnen und ahnt kaum, wonach. Je älter sie wird, desto mehr hat sie das Gefühl, ein Fisch zu sein, fühlt sich nur noch in jenen Tiefen wohl, in denen Träume und Erinnerungen schwebend treiben. Was über der Wasseroberfläche passiert, geschieht ihr zu rasch, zu laut, wird ihr zunehmend fremd.

So gemächlich es geht, lässt Wilhelmine sich nach oben gleiten, bemerkt erst Harndrang, dann die Kälte im Zimmer. Ohne die Augen zu öffnen, weiß sie, dass noch kein Dämmerlicht das Muster der Vorhänge erkennen lässt.

Sie ist allein. Mittlerweile kann sie spüren, ob sich jemand im Haus befindet. Sie ist gern allein, eigentlich. Früher waren ihr diese Morgenstunden kostbar, jene stille Zeit gegen fünf, sechs Uhr, wenn der Tag noch ganz ihr gehörte und sie mit einer Tasse Tee und einem Buch wieder zurück in ihr Bett gekrochen ist, bis die Sonne ins Zimmer brach, meist viel zu bald. Nun, da sie nicht einmal mehr aufstehen kann, um zur Toilette zu gehen, wird dieser Reichtum zur Qual. Wann ist es endlich genug?

Wenn Karin nur käme. Sie muss sie bitten, nach der Heizung zu sehen. Es dauert viel zu lange, bis es morgens im Zimmer warm wird. Das war doch früher nicht so. Wenn sie es nur nicht vergisst, Karin ist immer so rasch wieder fort. Sie habe keine Zeit, sagt sie. Natürlich hat Karin Zeit, reichlich Zeit.

Wilhelmine zieht die Decke höher. Liebe heißt geben, ohne etwas dafür zu erwarten. Wilhelmine erwartet nichts. Sie käme liebend gerne allein zurecht. Das Alleinsein schreckt sie nicht, beileibe nicht.

Sie dreht sich behutsam auf den Rücken, fühlt eine dicke Wulst zwischen ihren Beinen. Ach Gott, ja, die verdammte Windel. Beißend steigt Scham in ihr auf, sie mag sich nicht daran gewöhnen, an diese widerlichen Dinger, obwohl sie kaum zu spüren sind. Sie braucht sie doch gar nicht; es einfach laufen zu lassen, das bringt sie ohnehin nicht fertig.

Wilhelmine atmet lange aus, tastet mit der Hand nach dem wattigen Paket, in das Karin sie gepackt hat und das sich anfühlt wie die dicken Umschläge, in denen Monika ihr manchmal Bücher hat zukommen lassen. Ihre Finger finden eine dünne Kante, einen biegsamen Streifen, gedankenverloren nestelt Wilhelmine daran herum, bis er sich löst. Ach herrje, das muss der Verschluss gewesen sein, rasch versucht sie, den Klebestreifen wieder festzudrücken, es gelingt ihr nicht, stattdessen liegt die rechte Hüfte jetzt bloß.

Unten wird die Haustüre geöffnet. Das ist Karin. So wirft nur sie den Schlüsselbund auf ihre Handtasche. Wilhelmine hat noch immer gute Ohren. Wenn du mal stirbst, Minchen, hat Albert oft gescherzt, dann muss man dir die Lauscher separat totschlagen. Ach, der Albert. Gute Augen wären ihr lieber, die kann man notfalls zuklappen.

Wilhelmine blinzelt, sieht zum Fenster, es ist noch dunkel, Karin kommt normalerweise nie so früh. Ein wenig unmutig über diese ungewohnte Zeit ist sie schon, aber gleichzeitig froh, nun wird sie sich endlich erleichtern können. Wilhelmine wartet auf das Knarren der Treppe, doch sie hört Karin nur in der Küche rumoren, die Wasserleitung rauscht. Schließlich tastet sie über die Matratze und zieht das dünne Kabel aus der Bettritze, bis sie die kleine, pilzförmige Klingel zu fassen bekommt. Die Leitung hat sie legen lassen, als Albert damals krank wurde.

Jetzt drückt Wilhelmine den Knopf, dreimal hintereinander: ›Guten – Morgen – Karin‹, grüßt sie feste in die Leitung hinein.

Kurz darauf klopfen Schritte auf der Treppe, das Türblatt schabt über den Veloursboden, und das Licht der Deckenleuchte nimmt ihr für einen Moment die Sicht.

»Einmal reicht vollkommen, Tante Minchen, ich bin ja nicht schwerhörig!«

Wilhelmine schweigt, wartet, bis Karin die Vorhänge aufgezogen hat, irgendetwas wollte sie doch von ihr, aber sie kommt nicht darauf, was es war.

»Wieso bist du denn schon wach, Tante Minchen? Es ist erst halb sieben.«

Ich bin immer wach um diese Zeit, denkt Wilhelmine, aber vielleicht sollte sie Karin das nicht sagen, die hört sonst wieder einen Vorwurf heraus. »Es ist gut, dass du da bist«, erwidert sie stattdessen und fügt leise hinzu: »Ich kann das Wasser bald nicht mehr halten.«

»Das brauchst du doch auch nicht.« Karin tritt zu ihr ans Bett, sie kaut die Worte, als spräche sie zu einer Taubstummen. »Ich hab dir doch was angezogen.«

»Ach ja …« Wilhelmine nickt zaghaft und fühlt mit der Hand ihre Hüfte entlang. »Ich möchte aber doch auf den Stuhl. Sei so gut, und mach die Vorhänge wieder zu, ja.«

»Tante Minchen, es ist kein Mensch auf der Straße um diese Zeit und durch das Gestrüpp kann sowieso niemand durchsehen.«

Karin zieht die Vorhänge zu und rückt den Toilettenstuhl ans Bett.

»Meine Güte, was hast du denn gemacht? Die ganze Windel aufgerissen, ach Mensch, Minchen, was soll denn das?« Unbeherrscht ratscht Karin noch den zweiten Klebestreifen auf und zerrt die Windel unter Wilhelmine hervor.

»Warum bist du denn schon so früh auf den Beinen?«, fragt Wilhelmine leise. »Kommst doch sonst erst um acht.« Sie klammert sich an Karins Arm und führt behutsam die Beine über die Bettkante.

»Heute kommt das Mädchen, Tante Minchen, das hab ich dir doch erklärt. Der Dieter ist gerade nach Frankfurt gefahren und holt sie vom Busbahnhof ab.«

»Ach ja …« Wilhelmine sackt auf den Stuhl und wartet, bis Karin ins Bad gegangen ist. Erst dann erleichtert sie sich.

Das Mädchen. Mit einem Mal ist ihr kalt und eng in der Brust. Sie erinnert sich an die Jugoslawin, die Karin ihr unlängst zum Putzen ins Haus geschickt hat und die ihr die Windeln wechseln wollte, dabei hätte sie Wilhelmine bloß auf den Stuhl helfen müssen. Aber die Frau hat nichts verstanden.

Sie überlegt, was das für ein Mädchen ist, das da kommen soll, wagt aber nicht zu fragen, sie wird es schon erfahren.

Dass sie Karin lästig fällt, hört Wilhelmine am Ton. Karin gibt sich wenig Mühe, es zu verstecken, vielleicht will sie es überhaupt nicht. Oft ist es nur ein winziger Zug um Karins Mund oder eine Nuance im Tonfall, die Wilhelmine ins Herz schneidet. Sie wollte nie in ihrem Leben jemandem lästig fallen. Aber wie das wirklich ist, weiß sie erst, seit sie nichts mehr daran ändern kann. Einsam macht es, so einsam, als säße sie allein auf einer Insel, noch in Sichtweite der Küste, wo die anderen stehen und versuchen, sich vor dieser Pflicht zu drücken. Dieter lässt sich auch nicht blicken. Das tut weh. Aber Wilhelmine wird schweigen, sich still wieder ins Bett helfen lassen und warten, warten, warten. Was kann sie anderes tun?

»Soll ich dir schon was zum Essen machen?«

»Ach nein, lieber später, ich hab ja doch noch keinen Appetit.«

Karin brummt etwas von Wäsche und Keller und verschwindet.

Wilhelmine lauscht auf Karins Schritte, hört, wie sie die Tür zur Kellertreppe entriegelt. Auf Alberts Kopfkissen liegt noch die Illustrierte von gestern, in der Wilhelmine zu blättern beginnt. Sie hätte Karin um eine schöne Tasse Tee bitten sollen, dann hätte es fast wie früher sein können. Wilhelmine sieht sich um. Das Wasserglas auf dem Nachttisch ist leer. Nicht dass sie Durst hätte, aber normalerweise schenkt Karin ihr immer Wasser ein.

Wilhelmine zögert. Sie kann die Wasserflasche neben dem Nachttisch stehen sehen. Vorsichtig robbt sie an die Bettkante und streckt den Arm aus. Es fehlt nur ein halber Meter. Vielleicht kann sie ja doch aufstehen, irgendwann muss sie es ja mal versuchen, das wird wohl zu schaffen sein. Vorsichtig, Stück für Stück, dreht sie sich auf den Bauch, lässt das rechte Bein aus dem Bett gleiten, bis ihre Zehen das Frotteetuch berühren, das immer über dem Teppich liegt. Sie greift nach der Nachttischkante, erst mit der rechten, unsicher, dann mit der linken Hand, aber die Kraft in den Armen reicht nicht, um sie zu stützen. Das Bein sackt weg, für einen Moment kniet sie auf dem Teppich, versucht vergeblich, sich am Nachttisch festzuklammern, und rutscht mit dem linken Bein von der Bettkante herab. Unsanft schlägt sie mit der Hüfte auf, hält sekundenlang den Atem an, wartet auf den scharfen Schmerz, doch diesmal scheint nichts passiert zu sein. Erleichtert atmet Wilhelmine auf, liegt mit klopfendem Herzen am Boden und schaut unter den Bettrahmen, wo sich ein paar zerknüllte Papiertaschentücher versteckt halten. Wenn nur Karin jetzt nicht kommt und sie so findet. Sie angelt nach der Wasserflasche und stellt sie in Griffweite neben das Bett. Nun muss sie bloß wieder hineinkommen, irgendwie. Wilhelmine zieht sich auf die Knie und greift zum Bett hinauf. Es ist hoch, das haben Albert und sie damals extra so ausgesucht und dabei an das Alter gedacht.

Sie legt ihre Brust auf die Matratze und versucht, sich mit den Beinen hochzustemmen. Was ist nur aus ihr geworden, nachdem sie jahrzehntelang in den Rosenbeeten gekniet hat und aufgesprungen ist ohne jede Mühe?

Unten schlägt die Kellertreppe zu. Himmel, Wilhelmine muss wieder ins Bett zurück, bevor Karin nach oben kommt! Mit aller Entschlossenheit stützt sie sich zwischen Nachttisch und Bett ab, zieht sich ein Stück weit hoch, ein Ellbogen ist bereits auf der Matratze, na also, es geht doch, auch wenn die Beine weich und haltlos sind. Wie Frankfurter Würstchen, denkt Wilhelmine. Sie zieht sich weiter nach oben, schon sind Karins Schritte auf der Treppe zu hören. Wilhelmine packt fester zu, eiserner Wille fährt in ihre Arme und Beine, sie zerrt sich am Laken höher, gleich ist es geschafft, gleich, bevor Karin kommt. Dann gibt das Laken nach, die Tür geht auf, Wilhelmine verliert den Halt und landet erneut auf dem Bettvorleger. Dieses Mal schickt der Schmerz ihr Tränen in die Augen.

»Herrgott, Tante Minchen, was machst du denn da? Willst du dir jetzt auch noch die Beine brechen?«

Wilhelmine schweigt, gelähmt von Karins Blick.

»Tut dir was weh?« Kopfschüttelnd zieht Karin das Laken wieder zurecht und stopft es unter die Matratze. Dann greift sie Wilhelmine unter die Achseln und hievt sie aufs Bett zurück. »Was hast du denn da unten zu suchen gehabt?«

»Ich hab nur nach der Wasserflasche sehen wollen …«

»Also, Minchen, du bist doch nicht mehr ganz bei Trost. Wozu haben wir denn die Klingel? Oder willst du schon wieder ins Krankenhaus?«

Wilhelmine schüttelt schwach den Kopf, deutet ein Lächeln an. Und sehnt sich zurück in die Tiefe.

Jelisaweta sieht an dem kleinen, spitzgiebeligen Haus empor. Es hat die gleiche fleckige Farbe wie die Schneeplacken, die unter ihren Sohlen knirschen. Hohe Tannen und ein paar Büsche grenzen das Grundstück wie eine Mauer zum Nachbarn ab.

»Bis letzten Sommer hat sie den ganzen Garten allein besorgt.« Herr Hübner spricht leise und weist über die braunen Beete. Dornige Strünke ragen aus winzigen Erdhäufchen heraus wie aus Maulwurfshügeln. »Da drüben ist sie dann von der Leiter gestürzt.« Er bleibt stehen, zeigt mit dem Kopf zur Traufseite des Hauses.

»Von Leiter?«

»Ja.« Herr Hübner sieht auf den Boden, als müsse er nach Jelisawetas Tasche suchen, die er in der Hand trägt. »Sie wollte die Dachrinne saubermachen. Das muss man sich mal vorstellen! Mit einundneunzig!« Er stapft auf die Haustür zu. »Wir hätten es ihr verbieten sollen. Aber sie will ja immer alles selbst machen.« Herr Hübner setzt die Tasche ab und drückt dreimal auf den Klingelknopf aus angelaufenem Messing, der in die Hauswand eingelassen ist.

Jelisaweta betrachtet das gravierte Schild, A. H. steht dort. Ein klopfender Takt dringt nach außen, jemand läuft eine Treppe hinunter. Eine Dame öffnet die Tür, Jelisaweta schätzt ihr Alter auf das ihrer eigenen Mutter, sechzig, vielleicht. Sie trägt kinnlanges, blond gefärbtes Haar, silberblond, ohne jeden Gelbstich. Lufthansa, nicht Aeroflot, denkt Jelisaweta und reicht ihr die Hand; da ist kein Lächeln, das es zu erwidern gilt. Erst dann bemerkt Jelisaweta, dass sie noch immer draußen steht. Es bringt Unglück, sich die Hand über die Schwelle zu reichen. Jelisaweta kann nicht sagen, worüber sie sich mehr ärgert – darüber, diese Regel missachtet zu haben, oder dass so ein dämlicher Aberglaube ihr überhaupt etwas anhaben kann.

»Na endlich, ich dachte schon, Sie kämen gar nicht mehr. Bring die Tasche nach oben, Dieter.« Die Blonde lässt Jelisaweta in eine kleine Diele eintreten. Es riecht nach Äpfeln und Lederschuhen. »Ich muss in einer halben Stunde beim Friseur sein, kommen Sie, ich zeige Ihnen rasch alles, Frau … – wie spricht man Ihren Namen aus? Können Sie mich überhaupt verstehen?«

Jelisaweta zieht ihre Stiefel aus. »Ja, natürlich kann ich verstehen. Mein Name ist Jelisaweta Fjodorowna Serebrjakowa.«

»Ach, jaja, das ist aber sehr kompliziert …«

»Lisa, sagen Sie Lisa.«

Der Blick der Frau wandert an Jelisaweta herab, Überraschung liegt darin, als habe sie jemand völlig anderen erwartet. »Sie sprechen aber gut Deutsch. Für eine Russin, meine ich …«

Jelisaweta hebt bloß die Schultern. Es ist nicht schwer, Deutsch zu sprechen, nur schmerzhaft. Von ihrer ersten Deutschstunde an ist ihr diese karge, harte Sprache wie etwas vorgekommen, das man des Klangs beraubt, verstümmelt hat. Verächtlich denkt sie an die wenigen Male, da sie Deutsche hat Russisch sprechen hören. Grauenhaft.

»Nun, ist ja auch egal. Also, dort drüben ist die Küche, Lisa, ich komme morgen vorbei und zeige Ihnen, wo Sie einkaufen können. Essen für die Tante steht im Schrank, sie mag gerne Pichelsteiner Eintopf.« Mit raschen Schritten hält die Lufthansablonde, von der Jelisaweta annehmen muss, dass sie Frau Hübner ist, auf ...

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